„der Krieg bringt seine eigenen Wörter hervor. Sie klingen scharf und kalt […]. Du legst fremde Wörter an, rollst sie auf der Zunge hin und her, spürst den metallischen Nachgeschmack. […] Plötzlich finden sich unter deinen Bekannten Einberufene, Vewundete und Gefangene. Du gewöhnst dich daran, dass die Sprache um Wörter dieses schwarzen Vokabulars erweitert wird, um Dutzende neuer Wörter, von denen jedes einzelne nichts anderes als Tod bedeutet.“
„Die innenpolitische Ordnung eines Staates und sein außenpolitisches Verhalten sind untrennbar miteinander verbunden. Das wissen wir seit Immanuel Kants Traktat Zum ewigen Frieden. Darauf gründet eine Interpretation der internationalen Beziehungen. Sie lautet: Je autoritärer die Innenpolitik, desto millitarisierter die Außenpolitk.“
Den Menschen und AutorInnen der Ukraine ist dieser Post gewidmet, Romane und Sachbücher sollen Orientierung geben, darunter neue und alte Besprechungen.
Herkunft und Familie – ewig währende Themen, die in immer
neuen Konstellationen und Variationen den Hintergrund, wenn nicht das
Zentrum der meisten literarischen Werke der schönen Literatur bilden. So
auch in Serge, dem neuen Roman der erfolgreichen französischen
Theater- und Romanautorin Yasmina Reza. Hier ist es die in Paris
lebende jüdische Familie Popper. Im Mittelpunkt stehen die drei
Geschwister Serge, Jean und Nana, alle bereits in der zweiten
Lebenshälfte: Serge, der Älteste, großmäulig, ein ewiger Schlawiner,
der, zumeist glücklos, Zeit und Geld in windige Geschäfte investiert;
Jean, ein Leben lang nichts weiter als das mittlere Kind, ist bis zur
Unkenntlichkeit der eigenen Meinung auf Ausgleich bedacht. Und Nana, die
jüngste, einst das hübsche Prinzesschen, hat dann leider keinen
Zahnarzt geheiratet, sondern den aus dem Arbeitermilieu stammenden Ramos
Ochoa, dem die Brüder unterstellen, sich Arbeitslosenhilfe zu
ergaunern. Bis auf kurze sentimentale Anwandlungen sind die drei
einander in hingebungsvollem, von Serge immer wieder entfachtem
Dauergezänk verbunden.
Der Text beginnt mit dem Tod der alten Mutter, die zum
Entsetzen aller darauf bestanden hat, sich einäschern zu lassen. Als die
Familie nach einem trübseligen Begräbnis zusammen im Café sitzt,
verkündet Joséphine, Serges Tochter, dass sie nach Auschwitz fahren
will, den Ort, nach dem niemand in der Familie die Mutter, deren
Angehörige dort ermordet wurden, jemals gefragt hat.
Im darauf folgenden April machen sich Serge, Jean, Nana
und Joséphine auf den Weg nach Polen. Bei einem für April unnatürlich
heißen Wetter schleppen sie sich durch diesen von Touristenmassen
überschwemmten Schreckensort, an dem auf Schritt und Tritt mit dem
Appell, nie zu vergessen, das Erinnern beschworen wird. Das Erinnern
misslingt, weil keiner der drei sich auf diesen Ort einlassen kann oder
will. Serge lässt räsonierend niemanden im Zweifel, dass er eigentlich
woanders sein will. Nana sucht verwirrt hektisch in einer Datenbank nach
Spuren ihrer ungarischen Vorfahren und Jean bringt auf den Punkt, warum
ihm das Erinnern nicht möglich ist: “Vergesst nicht! Aber
warum? Um es nicht wieder zu tun? Aber du wirst es wieder tun. Ein
Wissen, das nicht zutiefst mit einem selbst verbunden ist, bleibt
folgenlos.”
Dieser Roman ist eine Farce, die Yasmina Reza in einer
fragilen Balance zwischen Komik und Bösartigkeit hält. Sie verwendet
nicht viel Zeit darauf, Verhaltensweisen psychologisch oder historisch
herzuleiten. Alles erschließt sich bei ihr durch präzise Schilderungen
und bissige Dialoge – sie ist nicht umsonst eine erfolgreiche
Dramatikerin. Manches Lachen bleibt im Halse stecken. Da sich bei den
Personen Wut und Trauer zumeist in Selbstmitleid äußern, hält sich auch
die Empathie mit ihnen in Grenzen. All das zu lesen, wäre schwer
auszuhalten, wäre da nicht zugleich der unterirdische Strom von
Hilflosigkeit, Verletztheit, Einsamkeit und – man glaubt es bei dem
ständigen Redefluss kaum – Sprachlosigkeit. Denn die überbordende, immer
um sich selbst kreisende Kakophonie der Geschwister hat nur eine
Funktion: Gefühle zu verdrängen und das Versteckte, nicht Sagbare, das
die Familie mit sich herumschleppt, zu überdecken. Erst ganz am Schluss
kehrt angesichts eines realen Unglücks doch so etwas wie Frieden
zwischen den Geschwistern ein – ganz ohne Kitsch und Sentimentalität.
Aus dem Englischen von Bernd Stratthaus. Ab 3 Jahren
Im Frühjahr und im Herbst treffen in den Buchhandlungen
fast täglich neue Bücher ein, auch Kinderbücher. Nicht immer bleibt man
verzückt stehen, wenn man ein neues Bilderbuch entdeckt. Bei Elefant wo bist Du? kann man allerdings nicht anders: man MUSS
sich diese Geschichte um ein ganz besonderes Versteckspiel schmunzelnd
von Anfang bis zum Ende ansehen – und dann gleich noch einmal von vorn!
Ein kleiner Junge im gelben Hemd und sein Freund, ein
wirklich großer Elefant, wollen sich miteinander die Zeit vertreiben.
„Möchtest Du Verstecken spielen?“ fragt der Elefant den kleinen Jungen.
“Aber ich warne dich”, fügt der Elefant hinzu, “ich bin WIRKLICH gut darin!“ Begeistert hält sich der Junge die Augen zu und beginnt, bis 10 zu zählen. Und es ist ganz unglaublich, WIE
gut sich der Elefant versteckt! Ob als Lampenschirm, nur knapp
verborgen unter der Bettdecke, während der Junge ihn unter dem Bett
vermutet und natürlich nicht findet, oder als Halter des Fernsehers, auf
dem der Vater sich gerade ein Fußballspiel ansieht: Für seinen kleinen
Freund scheint der riesige Elefant unsichtbar geworden zu sein.
Ratlos und fröhlich aufgeregt sucht und sucht der kleine
Junge immer weiter, und bis zum Schluss ist nicht wirklich klar, ob hier
einer dem anderen vielleicht einen Gefallen tut oder ob man manchmal
wirklich den Elefanten vor lauter Bäumen nicht sieht?!
In warmen Farben und mit grobem, aber aussagekräftigem
Strich wird hier eine herrliche Variante vom beliebten Versteckspiel
erzählt. Und als am Ende die Schildkröte zu den Freunden stößt und
augenzwinkernd ein neues Spiel vorschlägt, ist vermutlich schon allen
Beteiligten klar, was jetzt kommt: Fangen spielen natürlich. Und die
Schildkröte macht sich bereit und warnt ihre Mitspieler schon mal vor:
„Ich bin ZIEMLICH gut!“ Für Kleine ab 3 Jahren und ihre VorleserInnen eine wirklich hinreißende Bilderbuchentdeckung!
Wie kommt es eigentlich, dass Arbeitslose in unserer
Gesellschaft keinen Platz zu haben scheinen? Anna Mayr geht dieser
überaus aktuellen Frage nach, indem sie einerseits kulturgeschichtlich
bis zu den Ursprüngen der Verachtung für Arbeitslose vordringt und
andererseits in ihrer eigenen Geschichte als Kind von
Hartz-IV-Empfänger:innen das seltsame und scheinbar undurchdringliche
Gemisch aus moralischer Ablehnung und sozialer Isolierung erforscht, mit
denen Arbeitslosen bis heute in Deutschland begegnet wird. Mehr noch:
Ihnen wird die Möglichkeit abgesprochen, eine Identität auszubilden und
ihrem Leben Orientierung zu geben. Das Ergebnis von Mayrs Recherche ist
das überzeugende Plädoyer für ein Umdenken.
Mayrs zentrale These findet sich bereits im Untertitel:
Arbeitslose werden in unserer Gesellschaft als faule, ungebildete und
schlampige Parasiten verachtet. Sie haben keine Funktion in der
Gesellschaft, und ihnen wird damit jedes Recht auf Teilhabe
abgesprochen. Arbeitslosen wird nachgesagt, sie könnten nicht mit Geld
umgehen – statt ihr weniges Geld sinnvoll und nachhaltig einzusetzen,
kauften sie davon Alkohol, Drogen und ungesundes Essen – würden zu viel
fernsehen und seien insgesamt an nichts als ihrem eigenen Wohlbefinden
interessiert. Letztendlich, so das zentrale Stereotyp, das Mayr
beschreibt, seien sie selbst schuld an ihrem Schicksal. Sie könnten ja
schließlich etwas Vernünftiges lernen und ihr Geld selbst verdienen. Das
mag in Einzelfällen stimmen, strukturell jedoch ist die Sache, wie
Mayr, auf Marx zurückgreifend, überzeugend nachweist, anders: Es sind
nicht die Arbeitslosen an ihrer Arbeitslosigkeit schuld, es ist die
kapitalistische Gesellschaft, die systematische Arbeitslosigkeit
erzeugt, damit ihr bei Bedarf stets genug billige Arbeitskräfte zur
Verfügung stehen, die jeden Job um jeden Preis machen. Erst durch die
Existenz von Arbeitslosen kann es so billige Arbeitskräfte und folglich
so billige Produkte und Dienstleistungen geben. Und dazu kommt eine
nicht weniger wichtige Funktion: Erst Arbeitslose bestätigen den Sinn
der Arbeit und dienen so als wichtige Abgrenzungskategorie, sind also
auch aus dieser Perspektive eine zentrale Ressource für die
kapitalistische Gesellschaft. Dabei wird ihnen durch perfide Mechanismen
der Konkurrenzerzeugung die Möglichkeit genommen, sich zu
solidarisieren.
Immer wieder lässt Anna Mayr den autobiografischen
Hintergrund ihres Interesses an Arbeitslosigkeit einfließen: Sie wuchs
auf als Tochter zweier Langzeitarbeitslosen und erlebte als Kind die
Scham und das Gefühl, kein Recht auf Teilhabe zu haben, am eigenen Leib.
Sie betont immer wieder, es sei eine Verkettung glücklicher Zufälle
gewesen, die ihr ein Studium und den Eintritt ins Berufsleben ermöglicht
hätten (heute ist Mayr Redakteurin im Politik-Ressort der ZEIT);
das System allein hätte dazu geführt, sie ebenfalls in die Spirale aus
Arbeitslosigkeit und Armut fallen zu lassen. Gegen Armut, so Mayrs
Forderung aufgrund dieser Erfahrung, hilft letztlich nur Geld.
Der größte Verdienst von Mayr ist die Dekonstruktion der
Vorstellung, nur Berufsarbeit könne dem Leben eines Menschen Sinn geben –
und sei sie auch noch so sinnlos. Historisch zeichnet Mayr die
Entwicklung dieser Sakralisierung der Arbeit nach; sie macht Stationen
bei Walter Benjamin, Benjamin Franklin, Martin Luther, den Schweizer
Reformatoren Zwingli und Calvin und findet dann zurück in die
Spätmoderne. Denn diese Vorstellung prägt bis heute unsere Gesellschaft
und hat verheerende Folgen nicht nur für die, die aus der
Leistungsgesellschaft „herausfallen“, sondern für das gesamte
Sozialsystem. Mayrs Essay ist damit ein notwendiger und wichtiger
Kommentar zu aktuellen Überlegungen für ein anderes Arbeitsverständnis.
Wer Hiromi Itos Dornauszieher liest, taucht in Welten
ein, die von prosaischer Natur und gleichzeitig von höchster Poesie
sind. Der Dornauszieher ist ein schillerndes, zwischen den Kulturen
schwebendes Wunderwerk.
Im Zentrum steht die Ich-Erzählerin Ito, Dichterin wie
ihre Autorin, Mutter dreier Kinder wie ihre Autorin, schließlich Ehefrau
und Tochter, die zwischen Japan (hier leben ihre Eltern) und Amerika
(hier leben Ehemann und Töchter) pendelt. Ito leidet an dieser
Dauerverfügbarkeit (der jüngst auch Franziska Schutzbach mit Die Erschöpfung der Frauen. Wider die weibliche Verfügbarkeit
ein hochgelobtes Sachbuch gewidmet hat), aber Ito zu lesen macht
eindeutig bessere Laune. Sie beschreibt dieses Leben zwischen
pubertierenden Kindern, kränkelndem Ehemann und dementen Eltern mit
unendlich viel Humor und mit unerschöpflicher Liebe zum Leben. Sie
vereint dabei so viele Genres und verweist dabei auf so viel Literatur,
dass man das Buch mühelos mehrmals lesen, aber eben auch einfach nur
genießen kann.
Das ist vor allem deshalb möglich, weil Hiromi Ito eine
Suchende bleibt, keine ihrer Kulturen gänzlich zu begreifen scheint,
keine wie ein zerschlissenes Kleidungsstück ablegt, sondern pflegt. Etwa
wenn sie zum Jizo, dem Dornauszieher, einem buddhistischen Schutzgott
in Tokio, pilgert oder das magische Denken Japans liebevoll in ihr Leben
integriert und in Beschreibungen münden lässt, die so surreal wie
komisch und überhaupt voll bösem Witz sind.
So werden dem ermüdenden Alltag literarische, poetische,
spirituelle Welten an die Seite gestellt und schon in den
Kapitelüberschriften hart aneinandergeschnitten: „Wie, nach Überqueren
des Ozeans, Pfirsiche geschleudert und Hügel überwunden werden“; „Ohr,
höre! Die Einsamkeit des Plätscherns in der Urinflasche.“
Der Zauber, der von diesem Roman ausgeht, ist schwer zu
beschreiben, denn er ist zugleich traumhaftes Märchen und bitterböser
Bericht über unser Leben im 21. Jahrhundert. Hiromi Itos Buch, so
schreibt Saito Minako, eine der prominentesten Literaturkritikerinnen
Japans, „ob Gedicht, Essay, Roman oder Zwiegespräch, hat eine Wirkung,
als läsen wir den Brief einer Freundin aus der Ferne“, und die
Schriftstellerkollegin Kawakami Hiromi ergänzt: „All das Persönliche,
das in diesem Buch ausgebreitet wird, ist ergreifend bis zum
Niederknien, doch all dies widerfährt ja nicht nur der Autorin – man
spürt eine grandiose Heftigkeit, wie sie über Frauen und Männer weltweit
hereinbricht.“ Hiromi Ito zu lesen hilft, erweitert den Horizont und
macht eindeutig gute Laune.
Die Sonne steht über dem welken, ausgebluteten Land,
durch das sie sich wie zwei Schlafwandlerinnen bewegen, und nirgendwo
ist etwas groß genug, kühlenden Schatten zu werfen. Lucy ist zwölf, sie
ist die klügere von beiden, sie entscheidet, was zu tun ist. Ihre
Schwester Sam ist nur ein Jahr jünger und sieht es nicht ein, sich
bevormunden zu lassen. Aber es sind nicht allein Hunger und Durst, die
sie vorantreiben, sondern ein Pflichtgefühl, das sie nach einem
passenden Ort für das Grab ihres Vaters suchen lässt. Ihr gesamter
Besitz besteht in den Wünschen und Hoffnungen der zigtausend
chinesischen Einwanderer, die wie ihre Eltern zu Beginn des 19.
Jahrhunderts nach Kalifornien gekommen waren, um ihr Glück zu suchen –
und womöglich eine neue Heimat zu finden. Darüberhinaus verfügen sie
lediglich über das, was ihr Vater ihnen überlassen hat oder was sie im
Ort stehlen konnten: Proviant, eine alte Pistole, zwei Silberdollars und
das Pferd, das die Kiste mit den Gebeinen trägt. Sie ziehen nach
Norden. Dann nach Osten. Die Landschaft ändert sich indes nicht, die
Berge sind geschmolzene Hügel aus Narrengold, in der Ferne tauchen die
Umrisse eines verlassenen Bergwerkes auf, und als sie es erreichen,
glauben sie, am flirrenden Horizont bereits das nächste zu erblicken.
Doch ob nun Einbildung oder nicht: Bald genug müssen sie sich
eingestehen, dass diese weite, verbrannte Leere, in der sie sich
bewegen, ebenso rau ist wie die Menschen, auf die sie stoßen,
Goldgräber, Indianer und umherziehende Vaqueros, die alle die gleiche
Verzweiflung antreibt. Und es dauert nicht lange, da stellt sich Lucy
die entscheidende Frage. „Was macht ein Zuhause zu einem Zuhause?“
Die chinesisch-amerikanische Schriftstellerin C Pam Zhang
wurde für ihren 2020 im Original erschienen Debütroman von Lesern wie
Kritikern aufs Höchste gelobt und schaffte es sogleich auf die Longlist
für den Booker Prize. In ihrem Roman verwebt sie chinesische Mystik mit
der harten Realität einer unerbittlichen Landschaft, die kaum bereit
ist, einen Fehler zu verzeihen. Obgleich ihre Wortakrobatik an manchen
Stellen etwas übertrieben anmutet, beruht Ihre Sprache grundsätzlich auf
einem tiefen Verständnis epischer Prosa, doch wäre es vermessen, sie in
Ermanglung eines besseren Beispiels mit Faulkner zu vergleichen, denn
der Name C Pam Zhang steht bereits jetzt für einen eigenen,
unverkennbaren Stil.
Lee ist aus der Stadt Richtung Osten geflohen, mit dem
Kind, mit seinem Kind. Er will bei dem eigenen Vater Unterschlupf
finden, sich verstecken und das Kind vor dem Jugendamt retten. Doch auch
sein Vater ist fort, die Tür des Forsthauses im Sydower Forst mit einem
Vorhängeschloss gesichert. Was nun?
Unerbittlich präzise ist die Sprache dieses Romans, in
dem Björn Kern von Entwurzelung, von einer verzweifelten Suche nach
Geborgenheit in so etwas wie Familie erzählt.
Da ist noch der Bauwagen auf dem Hof hinter dem Haus,
eine letzte Zuflucht vor der Kälte und dem harschen, schafthohen Schnee.
In der Nacht hört das Kind Motorgeräusche, Lee fürchtet, dass ihm die
Beamten aus der Stadt gefolgt sind, doch das Auto entfernt sich wieder.
Von einem Teil seines letzten Geldes hat Lee in der Tankstelle eine
Kiste Milch für das Kind gekauft und hofft, in den Gefriertruhen des
väterlichen Kellers Wild zu finden. Der Kellerschlüssel ist noch am
gleichen Platz im Hasenkolben, die Truhen sind leer.
Mit dem alten Gewehr des Vaters, einer Sauer, mit einer
neuen Kiste Milch und einer Rettungsdecke machen sich die beiden auf den
Weg in den Osten, wo Lee den Vater vermutet: in der alten
Schnitterkaserne im Luch. Zu gefährlich ist Wachter, der Nachbar im
Bungalow mit den Doggen, er hat die beiden gesehen und ist schlecht auf
die Familie, besonders schlecht auf den Großvater zu sprechen. Lee muss
sich und das fünfjährige Kind retten, den Widrigkeiten des Lebens und
der von den Menschen zerstörten Natur zum Trotz. Ihr Weg ist
beschwerlich, aber sie sind zu zweit. Manchmal redet das Kind nicht, vor
allem dann nicht, wenn es etwas nicht leiden kann, was der Vater macht.
Fünf Tage sind sie unterwegs. Lee ernährt sich von rohem Fisch,
geschossenem Wild, Toastbrot, das Kind bekommt Milch. Es fragt oft nach
Mama, wo sie ist, ob sie auf dem Weg zu ihr sind. So lange, bis es sich
nicht mehr an sie erinnert. Auch das sagt das Kind dem Vater.
Als sie bei dem Großvater ankommen, ist Lee verletzt.
Sein Vater, kein stattlicher Mann mehr, ein magerer Greis in einem
schmutzigen Latzkittel, verarztet Lee notdürftig und versucht seinen
Enkel in ein Gespräch zu verwickeln. Der Junge verweigert das Sprechen.
Am nächsten Tag ist der Großvater mit dem Kind verschwunden. Lee macht
sich verzweifelt auf die Suche. Er wird seinen Sohn finden.
Die Dialoge zwischen Vater und Sohn sind von einer
solchen Ehrlichkeit, dass die Kälte des Winters, die in diesem Roman
ausnahmslos alle zum Frieren bringt, erträglicher wird. Jeder von beiden
ist auf seine Weise schlau, der Vater in Dingen des Überlebens in der
Wildnis, der Sohn im Erkennen des Unausweichlichen, das ihnen begegnet.
Was Björn Kern hier mit dem Weg durch die Kälte, in der
kargen, fast nackt zu nennenden Sprache abbildet, ist die Sehnsucht der
Söhne nach Liebe, und es ist diese Sehnsucht, die Lee und den
Fünfjährigen am Leben erhält. Großartig und gleichzeitig auch gnadenlos.
Das neue Buch des Pulitzer Preisträgers ist im Kern ein
kurzweiliger Gangsterroman, angesiedelt im Harlem der 60er Jahre.
Erzählt wird die Geschichte eines Mannes, der versucht, so ehrlich wie
möglich den gesellschaftlichen Aufstieg zu schaffen.
Für seine Nachbarn und Kunden auf der 125th ist Ray
Carney ein aufrichtiger Möbelhändler, der sich durch Fleiß aus der
unteren Schicht der Gesellschaft hochgearbeitet hat, ein fürsorglicher
Ehemann und Vater. Nur für seine versnobbten Schwiegereltern aus der
schwarzen Oberschicht bleibt er der Emporkömmling mit fragwürdigem
Familienhintergrund. Tatsächlich bekommt Rays Rechtschaffenheit kleine
Risse, als die Geschäfte nicht so gut laufen, gerade jetzt, wo das
zweite Kind unterwegs ist und die Familie dringend aus der beengten
Wohnung umziehen müsste. Um sein Einkommen aufzubessern, vertickt Ray
gelegentlich Hehlerware für seinen Cousin Freddy. Für Ray ist das kein
moralisches Problem, er fragt nicht, wo die Ware herkommt, gibt sie
weiter an diskrete Händler und kassiert seinen Anteil. Als Freddy
allerdings mit einer Gruppe von harten Ganoven bei ihm aufkreuzt und ihm
von einem geplanten Raubüberfall auf das Theresa Hotel, dem Waldorf von
Harlem, berichtet, bei dem Ray das Diebesgut verhökern soll, muss er
sich entscheiden: Anständig bleiben, Nein sagen und auf den Anteil
verzichten oder das Risiko eingehen und kassieren. Aus Verpflichtung
gegenüber seinem Cousin und auch aus Angst vor den Ganoven erklärt sich
Ray bereit, die heiße Ware zu übernehmen. Doch dazu kommt es nicht, denn
bei dem Überfall geht einiges schief, am Ende gibt es zwei Leichen. Um
seine und Freddys Haut zu retten, muss Ray fortan neue Kunden bedienen:
korrupte Cops, rachsüchtige Gangster und zwielichtige Geschäftsmänner
mit guten politischen Verbindungen. Je mehr Schmiergeld fließt, je mehr
Informationen in Hinterzimmern gehandelt werden, umso besser begreift
Ray, wer die Stadt eigentlich regiert. Ray wird Teil dieser Parallelwelt
und nutzt das Wissen für seinen privaten und geschäftlichen Aufstieg.
So beginnt in Ray der innere Zwist zwischen Ray dem rechtschaffenen
Geschäftsmann (the striver) und Ray dem Gangster (das, was schon sein
Vater war: the crook), ein zunehmend gefährliches Doppelleben, das er
mit allen Mitteln vor seiner Familie zu verbergen sucht. Welchen Preis
wird Ray zahlen müssen, um diesem Dilemma wieder zu entkommen? Wer wird
am Ende siegen?
Harlem Shuffle erzählt die Geschichte eines
Mannes, der die Fesseln seiner Herkunft abzustreifen versucht, eine
Familiengeschichte im Mantel eines spannenden Gangsterromans vor dem
Hintergrund der politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen der 60er
Jahre. Die Aufstände gegen Segregation, alltäglichen Rassismus,
Korruption und Gentrifizierung sind die zentralen Themen, heute wieder
ganz aktuell. Die Charaktere sind authentisch. Whitehead zeichnet keine
Stereotype und bedient sich keiner Sozialromantik – eine Liebeserklärung
an Harlem und seine Bewohner.
Andrea Schulz, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt