Buchempfehlungen

127 Beiträge

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Colson Whitehead

Hanser Verlag
25 €

Harlem Shuffle

Das neue Buch des Pulitzer Preisträgers ist im Kern ein kurzweiliger Gangsterroman, angesiedelt im Harlem der 60er Jahre. Erzählt wird die Geschichte eines Mannes, der versucht, so ehrlich wie möglich den gesellschaftlichen Aufstieg zu schaffen.

Für seine Nachbarn und Kunden auf der 125th ist Ray Carney ein aufrichtiger Möbelhändler, der sich durch Fleiß aus der unteren Schicht der Gesellschaft hochgearbeitet hat, ein fürsorglicher Ehemann und Vater. Nur für seine versnobbten Schwiegereltern aus der schwarzen Oberschicht bleibt er der Emporkömmling mit fragwürdigem Familienhintergrund. Tatsächlich bekommt Rays Rechtschaffenheit kleine Risse, als die Geschäfte nicht so gut laufen, gerade jetzt, wo das zweite Kind unterwegs ist und die Familie dringend aus der beengten Wohnung umziehen müsste. Um sein Einkommen aufzubessern, vertickt Ray gelegentlich Hehlerware für seinen Cousin Freddy. Für Ray ist das kein moralisches Problem, er fragt nicht, wo die Ware herkommt, gibt sie weiter an diskrete Händler und kassiert seinen Anteil. Als Freddy allerdings mit einer Gruppe von harten Ganoven bei ihm aufkreuzt und ihm von einem geplanten Raubüberfall auf das Theresa Hotel, dem Waldorf von Harlem, berichtet, bei dem Ray das Diebesgut verhökern soll, muss er sich entscheiden: Anständig bleiben, Nein sagen und auf den Anteil verzichten oder das Risiko eingehen und kassieren. Aus Verpflichtung gegenüber seinem Cousin und auch aus Angst vor den Ganoven erklärt sich Ray bereit, die heiße Ware zu übernehmen. Doch dazu kommt es nicht, denn bei dem Überfall geht einiges schief, am Ende gibt es zwei Leichen. Um seine und Freddys Haut zu retten, muss Ray fortan neue Kunden bedienen: korrupte Cops, rachsüchtige Gangster und zwielichtige Geschäftsmänner mit guten politischen Verbindungen. Je mehr Schmiergeld fließt, je mehr Informationen in Hinterzimmern gehandelt werden, umso besser begreift Ray, wer die Stadt eigentlich regiert. Ray wird Teil dieser Parallelwelt und nutzt das Wissen für seinen privaten und geschäftlichen Aufstieg. So beginnt in Ray der innere Zwist zwischen Ray dem rechtschaffenen Geschäftsmann (the striver) und Ray dem Gangster (das, was schon sein Vater war: the crook), ein zunehmend gefährliches Doppelleben, das er mit allen Mitteln vor seiner Familie zu verbergen sucht. Welchen Preis wird Ray zahlen müssen, um diesem Dilemma wieder zu entkommen? Wer wird am Ende siegen?

Harlem Shuffle erzählt die Geschichte eines Mannes, der die Fesseln seiner Herkunft abzustreifen versucht, eine Familiengeschichte im Mantel eines spannenden Gangsterromans vor dem Hintergrund der politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen der 60er Jahre. Die Aufstände gegen Segregation, alltäglichen Rassismus, Korruption und Gentrifizierung sind die zentralen Themen, heute wieder ganz aktuell. Die Charaktere sind authentisch. Whitehead zeichnet keine Stereotype und bedient sich keiner Sozialromantik – eine Liebeserklärung an Harlem und seine Bewohner.

Andrea Schulz, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Kate O’Shaughnessy

Das Glück wartet nur bis um vier

dtv junior
12,95 €
ab 10 Jahren

Ein Kinderbuch, das schwierige Themen nicht umschifft und trotzdem oder gerade deshalb ein großes Lesevergnügen ist? Das Debüt der amerikanischen Autorin Kate O’Shaughnessy sollte in keinem Kinderbuchregal fehlen.

May(belle) ist elf, und warum sie mit ihrer Mutter in einem Wohnwagenpark lebt und sich insgeheim schuldig fühlt, weil sie nicht mehr in diesem schönen Haus in der anderen Stadt wohnen, erfährt man erst nach und nach. So auch, warum es das Mädchen fast umhaut, als sie eines Tages die Stimme ihres Vaters im Radio hört, und warum ihre Mutter ihr nie etwas von ihm erzählen wollte.

Sommerferien, und May vertreibt sich die Zeit damit, Geräusche und Töne, die die meisten Menschen überhören, mit einem kleinen Tonband aufzunehmen: ein undichter Wasserhahn, der tropft, oder der Wind, der eine Tür leise schwingen lässt. May sammelt diese besonderen Geräusche. Und nur sie weiß, dass auch Einsamkeit unverwechselbar klingt.

Weil Mays Mutter Arbeit auf einem Kreuzfahrtschiff gefunden hat, soll Mrs Boggs, die Nachbarin, auf May aufpassen. May kennt sie zwar vom Hörensagen aus der Schule, aber das macht es nicht besser, denn Mrs Boggs hat den Ruf, die strengste Lehrerin weit und breit zu sein. Und die ersten Absprachen zwischen May und ihrer ruppigen Ferien-Betreuerin sind auch einigermaßen entmutigend. Umso überraschender entwickelt sich dann allerdings die Geschichte, und zwar zu einem echten Roadtrip durch die Südstaaten der USA! Und das alles, weil May heimlich beschließt, unbedingt an einem Gesangswettbewerb in Nashville teilzunehmen. Eine Elfjährige mit vielerlei Ängsten, eine schrullige Lehrerin, die nach dem Verlust ihres Mannes all ihre bunten Kleider ganz hinten im Schrank versteckt, und der Nachbarjunge Tommy, dessen blaue Flecken gar nicht aus den Prügeleien zwischen Jungs stammen und den May bislang für einen echten Fiesling hielt, bilden eine kuriose Reisegruppe, die einem beim Lesen unumkehrbar ans Herz wächst.

Dieses aus der Ich-Perspektive des tapferen Mädchens May erzählte Kinderbuch überzeugt durch seine glaubwürdigen Charaktere und die sanfte Einladung, sich mit Themen wie Einsamkeit, Verlust und Misshandlung auseinanderzusetzen. Der jungen Autorin gelingt es, die Welt eines Mädchens, das es nicht ganz leicht hat, so zu schildern, dass die immer wieder aufscheinende Tragik durch Situationskomik, sich entwickelnde Freundschaften und mutige Entscheidungen der Protagonisten ausgeglichen wird. Das Glück wartet nur bis um vier ist lebensnah, witzig, poetisch und eine klare Leseempfehlung dieses Sommers für alle zwischen 10 und 99, die gute Bücher lieben!

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Rosmarie Waldrop

Pippins Tochters Taschentuch

Übersetzt von Anne Cotten

Bibliothek Suhrkamp
24 €

„Wahrscheinlich ist dir schon aufgefallen, dass dies hier nur dann nach einer Geschichte zu klingen beginnt, wenn ich etwas wiederhole, das mir Vater erzählt hat…“, so fasst die Protagonistin und Stimme des Romans Pippins Tochters Taschentuch ihren Erzählton selbst zusammen. Der ganze Text ist eine Rede an ihre Schwester, in der sich Erinnerungen und Gegenwart ihres Familienlebens vermischen. Die Protagonistin Lucy Seifert merkt in der Zeit, in der sie ihrer Schwester schreibt, selbst, wie ihre Affäre so unaufgeregt wie unaufhaltsam die Struktur ihrer Ehe unterwandert. Diese Schilderungen werden mit Szenen aus der frühen Zeit der Ehe ihrer Eltern parallelisiert. Während Lucy mittlerweile in den Staaten lebt, beginnt die Geschichte ihrer Eltern in den 20ern in Kitzingen am Main. Ihre Mutter gilt als wunderschön, ein Freigeist, eine Sängerin, während ihr Vater als Lehrer eine finanziell gute Partie ist. Die Ehe hält, nachdem die Affäre der Mutter mit einem jüdischen Musiker ans Licht kommt, vor allem durch den gesellschaftlichen Druck und das plötzliche Desinteresse des Liebhabers. Doch nicht nur der Vertrauensbruch, auch die Annäherung an den Faschismus prägen ab diesem Punkt das Verhältnis der jungen Eltern.

Jahre später ist Lucy davon überzeugt: ihre Schwester Andrea ist nicht das leibliche Kind ihres Vaters, und gerade deswegen muss sie nun die Geschichte des Ehebruchs der Mutter viel mehr als Liebesgeschichte begreifen.

Zwei Dinge sind an diesem Roman so auffallend gut gelungen, dass sie nicht unerwähnt bleiben dürfen. Zum einen das Ineinandergreifen der beiden Zeitebenen, der Wechsel zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart. Dies geschieht nicht, wie sonst üblich, mit harten Schnitten und Szenenwechseln, vielmehr entspinnt sich ein Netz, ein wechselseitiger Einfluss zwischen beidem. Das liegt nicht zuletzt – und das bringt mich zu meinem zweiten Punkt – an der Ambivalenz und der psychologischen Schärfe, die Lucy als Erzählerin erhält. Ihre Stimme ist weit davon entfernt, eine neutrale zu sein. Dessen ist sie sich selbst sehr bewusst und unternimmt auch keinerlei Anstrengungen, das zu verbergen. Der Text gewinnt einen großen Teil seiner Dynamik durch die in der Erzählstruktur implizite, aufgeladene Beziehung der Schwestern.

Waldrops psychologische Präzision und künstlerischer Ausdruck kommen in der Übersetzung durch Ann Cotten wunderbar zur Geltung. Das amerikanisch-deutsche (Spannungs-) Verhältnis, das nicht nur beide Autorinnen verbindet, sondern auch dem Roman innewohnt, schlägt sich auch sprachlich in einer Synergie kurzer, schlaghafter Sätze innerhalb einer im höchsten Maße verschachtelten und umschweifenden Erzählweise nieder.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Lisa Krusche

Das Universum ist verdammt groß und supermystisch

Beltz & Gelberg
13 €
ab 10 Jahren

Gustav mag Agathe, obwohl er sich ja eigentlich einen Hund gewünscht hat. Aber Lily sagt, ein Hund wäre zu viel Arbeit und sie würde das mit ihren zwei Jobs nicht schaffen. Und Lily ist eben Gustavs Mama. „Der Mann“ ist Mamas Freund und hat Gustav Agathe geschenkt. Und weil „der Mann“ und Lily jetzt sogar zusammen in den Urlaub fahren wollen, hat Gustav sich geschworen kein einziges Wort mehr zu sprechen.

Da sitzt er lieber alleine mit Agathe am Kanal (hatte ich schon erwähnt, dass Agathe eine Wasserpflanze ist, die ziemlich gut zuhören kann?) und überlegt, ob der Kapitän des Frachters wohl sein Vater sein könnte und was das für sein Leben bedeuten würde. Sicherheitshalber schreibt er den Binnenschifffahrtskapitän mit auf die lange Liste, die er immer in seiner Hosentasche hat, eine Liste mit Vorschlägen, wer vielleicht sein Vater sein könnte. Seine Mutter schweigt sich jedenfalls darüber aus und sagt, es sei besser, dass er seinen Vater nicht kennt. Aber Gustav findet, das müsste sie eigentlich ihm überlassen.

Als Gustav mit Agathe in ihrem Klarsichtbeutelaquarium am Kanal sitzt, taucht plötzlich ein Mädchen neben ihm auf, aus deren Gesicht ihm das breiteste Grinsen der Welt entgegen leuchtet. Dass sie Charles heißt und mitten im Sommer einen knallbunten, ellenlangen Schal um ihren Hals gewickelt hat, ist nicht das einzig Wunderliche an ihr, und sie redet so viel, dass es für zwei reicht.

Gemeinsam mit Gustavs Opa, der endlich damit herausrückt, dass Gustavs Papa damals als „Junge für alles“ beim Zirkus gearbeitet hat, begeben sich die beiden Kinder auf eine verrückte Suche, um diesen Emilio Galetti zu finden. Eine wunderbare Reise, auf der es manchmal gefährlich und meistens ziemlich chaotisch zugeht, beginnt. Und immer wieder muss sich die kleine skurrile Reisegesellschaft aus zwei Kindern, einer Wasserpflanze und einem Opa fragen, ob es nicht klüger wäre, umzukehren. Aber zum Glück sind Mut und Neugier immer wieder größer als die Vernunft, so dass sie nach langer Fahrt mit einigen Zwischenstationen sogar in Istanbul landen. Ob Gustav am Ende seinen Papa kennenlernt, soll hier nicht verraten werden.

Die Autorin Lisa Krusche, hat mit Das Universum ist verdammt groß und super mystisch ein witziges, warmherziges und ganz besonderes Kinderbuch geschrieben. Dass es manchmal gut ist, mutig und auch ein bisschen verrückt zu sein, wenn man gute Freunde in seiner Nähe hat, ist eine überzeugende Botschaft an alle kleinen und großen LeserInnen ab 10 Jahren.

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

P.S. Erwachsenen LeserInnen, die wissen wollen, wie die Geschichte von Charles und Gustav weitergeht, sei auch der großartige Debüt-Roman der Autorin Unsere anarchistischen Herzen empfohlen, der ebenfalls in diesem Jahr erschienen ist.

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Kiepenheuer&Witsch
22 €

Zusammen aufgewachsen in einem abseitigen Viertel einer deutschen Stadt, sehen sich die drei Kameradinnen Saya, Kasih und Hani im zweiten Roman von Shida Bazyar nach Jahren des Getrenntseins wieder. Saya ist zu Besuch, extra aus der Ferne herbeigeflogen – eine gemeinsame vierte Freundin hatte zu ihrer Hochzeit geladen. Mit bringt Saya ihren Zorn über Ausgrenzung, Alltagsrassismen, Diskriminierung und Vorurteile, denen die drei in einer weißen Mehrheitsgesellschaft ausgesetzt sind. Neben ihrer gemeinsamen Herkunft eint die drei vor allem auch dies: Keinen rechten Platz in dieser Gesellschaft zu finden, immer wieder darauf zurückgeworfen zu sein, als anders wahrgenommen zu werden, bedroht zu werden und Angst zu haben.

Solcherlei schwingt bei den Situationen, die die drei in den wenigen Tagen des Wiedersehens, die Shida Bazyar hier schildert, stets mit. Ob beim ausgelassenen Plaudern auf dem Dach eines Mehrfamilienhauses, ob bei einer Party oder auch beim notgedrungenen Besuch des Arbeitsamtes, zu dem Saya Kasih begleitet: Nie können sich die drei sicher fühlen, aufgehoben, angekommen. Am wenigsten dann, wenn die Bedrohung plötzlich ganz nahe kommt. Auf ihrem Flug zu den Freundinnen sitzt ein Nazi neben ihr. Später wird das Haus dieses Nazis abbrennen wird. Eine Tat, für die Saya ins Gefängnis kommt …

Unter den vielen Titeln, die momentan unter dem sogenannten Label der „post-migrantischen Literatur“ laufen, sticht Shida Bazyars sicherlich heraus. Mit virtuosem Furor schreibt sie an gegen die vermeintlichen Aporien identitätspolitischer Anliegen in einer Gesellschaft, die seit Rostock, Mölln, Halle oder Hanau zwar stets wiederholt, dass sich solcherlei nicht wiederholen darf, ihr Versprechen aber nie einzulösen vermag. Die Prosa, die sie dabei als Form ihres Beitrages zu diesem Diskurs wählt, erscheint als Glücksfall.

Sie hat damit ein Medium gewählt, dass es dem als Teil der weißen Mehrheitsgesellschaft angenommenen Leser ermöglicht, gleichsam ausschnittsweise mitzufühlen mit den drei Protagonistinnen des Romans. Die Lektüre wird ausdrücklich empfohlen.

Max Eisenbarth, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Ulrike Edschmid

Suhrkamp Verlag
20 €

Levys Testament

Der Roman beginnt im Jahr 1972 in Berlin. Die namenlose Ich-Erzählerin, Studentin der Berliner Filmakademie, reist von Berlin nach London, weil sie der Überwachung durch die bundesrepublikanische Polizei entkommen will. Nach dem Verschwinden ihres Freundes Philip S., der aus ihrem Leben „verschwunden und mit falschen Papieren untergetaucht ist“, will die Erzählerin nur raus aus der eingemauerten Stadt. In London lernt sie „den Engländer“ kennen und lieben, von ihm ist im weiteren Verlauf des Romans fast ausschließlich die Rede.

In knappen Sätzen wird die politisch aufgeheizte Situation der 70ger Jahre geschildert. Der Roman spielt in besetzten Häusern, in deren Wohngemeinschaften politisch debattiert wird; Flugblätter werden verfasst gegen Ausbeutung, gegen den Kapitalismus und den Imperialismus. Er berichtet von den Bombenanschlägen der IRA und der Angry Brigade, einer anarchistischen Gruppe, die Bomben auf Eigentum geworfen hat, aber keine Menschen töten wollte. Hier beschreibt Ulrike Edschmid eine grundlegende Differenz zu den deutschen politischen Kämpfen gegen „das System“. Gemeinsam mit anderen verfolgen die Ich-Erzählerin und der Engländer den Prozess gegen acht Anarchisten im Gerichtssaal des Old Bailey. Die Angeklagten erhalten drakonische Strafen. Das Paar erkundet London mit dem Bus, er zeigt ihr die Orte, an denen er aufgewachsen ist.

Sie leben gemeinsam in Berlin, danach in Frankfurt. Edschmid erzählt ihre Liebesgeschichte als Teil der politischen Bewegungsgeschichte der 70er Jahre: die Frankfurter Häuserkämpfe, die „politische Fabrikarbeit“ (der Engländer arbeitet zwei Jahre bei Degussa), die Nelkenrevolution in Portugal, Flugblattaktionen gegen Francos Diktatur in Spanien. Das Paar trennt sich, aber sie bleiben in Freundschaft tief verbunden.

Dann beginnt ein ganz anderer Teil dieses Romans. Die Ich-Erzählerin ist nicht mehr agierender Teil der Erzählung. Sie erzählt das weitere Leben „des Engländers“: Er macht eine erstaunliche Karriere als Regisseur, wird später Professor für Theaterwissenschaft. Sehr spät wird er von einem Teil seiner Familie entdeckt, die er nicht kannte. Er wusste, dass er Jude ist, aber das spielte bisher nur eine Rolle zur Erklärung seiner Heimatlosigkeit und Nicht-Zugehörigkeit. So wie seine Mutter ihm prophezeite: „Du wirst nie dazugehören. Du bist Jude und wirst es immer bleiben.“ Das lebenslange Schweigen seines Vaters über die Geschichte seiner Herkunftsfamilie erweist sich im Nachhinein als ein völlig anderes und viel gewichtigeres Motiv für sein Nirgends-Dazugehören, Nicht-Sesshaft werden Können.
Nun sucht der Engländer nach seiner Familiengeschichte und findet eine Tragödie. Sie beginnt im frühen 20. Jahrhundert und handelt von einem Patriarchen und von einem großen Betrug, dessen Opfer der eine Sohn wird – der Großvater „des Engländers“. Der Urgroßvater hat einen Versicherungsbetrug begangen, sein Sohn Jacob musste die Schuld seines Vaters auf sich nehmen. Jacob wird in einem Gerichtsverfahren, das – wie das Verfahren gegen die Anarchisten – im Old Bailey stattfindet, zu einer Gefängnisstrafe mit Zwangsarbeit verurteilt. Er stirbt an den Folgen. Er selbst und seine Nachkommen, der Ginger Joe genannte Sohn Joseph und dessen Sohn, „der Engländer“, werden aus der Familie ausgestoßen und aus der Familiengeschichte getilgt. Die Familie des „Engländers“ überlebt in großer Armut, während der andere Teil der Familie reich und erfolgreich weiter leben kann. Der Vater „des Engländers“ hat sein Leben lang über seine Herkunft aus dem reichen Bürgertum und über das Schicksal des Großvaters geschwiegen. Es gab nie eine Entschuldigung und auch keine späte Wiedergutmachung.

Beim Lesen entsteht für die deutsche Leserin eine Erwartung, ein Grundgefühl des Grauens. Sie rechnet mit einem Schicksal von Verfolgung in der Schoa, sobald dieses Drama der jüdischen Familie auftaucht. Das ist im Blick auf die Erzählung eine falsche Erwartung, aus der die Lektüre allerdings ihre Spannung bezieht. Sehr lesenswert.

Barbara Determann, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Michael Maar

Schlange im Wolfspelz

Rowohlt Verlag
34 €

Wer hat sich beim Lesen eines Buches, einer Erzählung oder eines Gedichts nicht schon gefragt, warum ein Text berührt, amüsiert, in Bann schlägt oder langweilt? Natürlich gibt es neben den persönlichen Vorlieben auch etwas darüber hinaus, und das hat mit den Mitteln zu tun, mi denen ein Autor eine bestimmte Wirkung erzielt und wie souverän er sie handhabt – also mit dem Stil.

Aber was ist Stil in der Literatur und vor allem, was ist guter Stil? Auf über 500 Seiten (den Anhang nicht mitgezählt) erkundet der Germanist und Literaturkritiker Michael Maar dieses Thema auf unterschiedlichen Ebenen: Wortwahl, Syntax, Einsatz von Satzzeichen, Metaphern und was noch alles daran beteiligt ist, einen Text in Literatur zu verwandeln. Die Beispiele, die der Autor dazu heranzieht, stammen aus der Prosa wie der Lyrik, reichen von Goethes Wahlverwandtschaften über Keuns Das kunstseidene Mädchen bis Herrndorfs Tschick.

In den ersten drei Abschnitten des Buches geht Maar anhand von Beispielen verschiedenen Stilelementen nach. Im dritten, dem längsten Abschnitt, stellt er einzelne Autoren und deren Stilmerkmale vor. Abschnitt fünf befasst sich mit Lyrik, Abschnitt sechs mit erotischer Literatur.

Bei aller formalen Kritik, der Maar die jeweiligen Werke unterzieht, betont er aber immer wieder, dass es den EINEN guten Stil nicht gibt und die Grenzen zwischen Kunst und Kitsch, zwischen souverän gebauten Sätzen und verschachtelten Bandwurmgebilden, zwischen originellen Bildern und quietschenden Metaphern oft sehr dünn ist. Maar ist in seinen Beurteilungen nicht zimperlich und stößt schon mal von mir persönlich geschätzte AutorInnen vom Sockel. Aber er verhehlt auch seine eigenen Stilvorlieben – Distanz, Ironie und Humor – nicht und räumt ein, dass der persönliche Geschmack bei der Bewertung von Texten durchaus sein Recht hat.

Meine persönliche Meinung zu Die Schlange im Wolfspelz ist: Wer es wie der Autor schafft, so viel überbordendes Material, so viel Wissen so souverän und unterhaltsam an den Leser zu bringen, schreibt mit Sicherheit einen guten Stil und ist nicht grundlos auf der Liste der für den Sachbuchpreis 2021 nominierten Autoren. Vergnüglicher als mit diesem Buch lässt sich jedenfalls das eigene Wissen, warum – jenseits persönlicher Vorlieben – ein Buch gefällt oder missfällt, nicht erweitern.

Ruth Roebke, Frankfurt

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Juliane Ranck und Laura Setzer

Urban Farming

Löwenzahn Verlag
24,90 €

Die meisten LeserInnen der Kommbuch-Empfehlungen erwarten wohl vor allem Orientierung im Dickicht literarischer Neuerscheinungen und Hinweise auf das politisch und gesellschaftlich relevante Sachbuch. Dass die heutige Entdeckung sich auf den ersten Blick als ungewöhnlicher „Gartenratgeber“ tarnt, weckt hoffentlich Neugier. Hinter dem Titel Urban Farming der zwei Frankfurter Autorinnen Juliane Ranck und Laura Setzer steckt nämlich viel mehr: Es geht um nicht weniger als unser aller Zukunft, um das Miteinander von Mensch und Natur, um Alternativen zum Ressourcen vernichtenden Raubbau unserer überkommenen kapitalistischen Lebensform, um Ökosysteme, um Klimawandel und vor allem um sehr konkrete Vorschläge, was wir direkt vor unserer Haustür anders machen können, um ihn aufzuhalten.

Vom „Urban Gardening“ haben viele von uns schon mal gehört: kleine Parzellen in großen Städten, auf denen ein paar ambitionierte, alternative Freizeitgärtner dem städtischen Grau trotzen. Was aber ist Urban Farming? Was kann man sich unter Ernährungssouveränität vorstellen? Und was genau verbirgt sich hinter der seit den 1970er Jahren existierenden Idee der Permakultur (permanent (agri)culture)?

Ranck und Setzer haben in ihrem Buch historische und internationale Beispiele zusammengetragen, in denen Menschen alternative Formen des Gemüseanbaus gesucht, gefunden und weiterentwickelt haben, um viele Menschen unabhängig von langen Lieferwegen satt zu kriegen. Diese Beispiele reichen von den Pariser Marktgärtnern im 19. Jahrhundert über Rob Hopkins und seine Transition-Town-Bewegung bis zum Incredible Edible-Phänomen von Mary Clear in der kleinen britischen Textilstadt Todmorden.

Mit den theoretischen Grundlagen geben sich die Autorinnen jedoch nicht zufrieden, sondern initiierten und beschreiben nun eine ganz eigene Bewegung mit gemeinschaftlichem, ertragreichen Gemüseanbau in einer Großstadt wie Frankfurt. Kooperation statt Konkurrenz ist ein zentraler Permakultur-Satz. Und wenn man das Buch der sogenannten „GemüseheldInnen“ in den Händen hält, die Bilder der vormals zugemüllten Brachflächen, die zu blühenden Gemüsebeeten werden, betrachtet, keimen fast automatisch eigene Bilder auf und eine Vision, wie unsere Zukunft auch aussehen könnte.

Juliane Ranck, Laura Setzer und mit ihnen viele weitere GemüseheldInnen und vernetzte Organisationen, die sich in ihrem Buch auch vorstellen, haben eine gemeinsame Vision! In einer Zeit, in der es in den Medien immer wieder um die nur scheinbar unlösbare Frage geht, wie der menschengemachte Klimawandel aufzuhalten sein könnte, machen sich hier Menschen „einfach“ an die Arbeit. Statt abzuwarten, was die Politik beschließt, liefern sie einer Stadt und ihrer Region konkrete Vorschläge, die dann mit Fördermitteln zur Nachhaltigkeit nur noch umgesetzt werden müssen.

Vielleicht sind sie ein bisschen größenwahnsinnig, vielleicht aber auch nur realistisch. Denn wenn wir etwas ändern wollen, dann jetzt! In ihrem Vorwort fassen sie ihren Plan so zusammen: „Wir wollen Frankfurt essbar machen und damit dem Klimawandel entgegenwirken, gemeinsam etwas bewegen, uns gesund ernähren, naturnah leben und gärtnern – und das alles mitten im Großstadtdschungel“

Wenn nun die Sommerferien vor der Tür stehen und die sinkenden Infektionszahlen endlich wieder den Blick auf andere Themen freigeben, ist es vielleicht der ideale Zeitpunkt, ein kleines Stückchen Erde und Gleichgesinnte zu finden: Menschen mit Lust auf Veränderung, Spaß am Organisieren, Buddeln oder Gemüsepflänzchen vorziehen, die handwerklich, sprachlich oder politisch versiert sind, mit Kindern oder ohne. Denn in dieser Form der gelebten Permakultur ist jede Neigung und jedes Talent gefragt. Egal ob in Frankfurt, Berlin oder Köln, die Veränderungen hin zu nachhaltigem, lokalem Gemüseanbau können vielleicht von den Städten eher ausgehen als vom ländlichen Raum, wo konventionelle Landwirtschaft nur langsam umgebaut werden kann.

Urban Farming ist Sachbuch, Nachschlagewerk und Inspirationsquelle und wird ab seinem Erscheinungstermin, dem 24. Juni, hoffentlich bei vielen LeserInnen das Gleiche auslösen wie in mir: unbändige Lust, Teil einer aktiven, visionären gesellschaftlichen Bewegung zu werden, dabei zu sein, wenn gemeinschaftlich Zukunft gestaltet wird!

So werden vielleicht private, permakulturelle Initiativen noch in diesem Sommer möglich, nicht nur in Frankfurt!

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt