Buchempfehlungen

108 Beiträge

Buchempfehlung

Henning Wagenbreth

Rückwärtsland

Peter Hammer Verlag
25 €
ab 8 Jahren

Das hat sicher jeder von uns als Kind gemacht: Worte rückwärts ausgesprochen. Und ich bin sicher, jeder Erwachsene kann heute noch, wie aus der Pistole geschossen seinen Namen rückwärts hersagen.

Das ist die erste Assoziation, die sich aufdrängt, wenn man das schöne, bunte Cover von Henning Wagenbreths Rückwärtsland anschaut, denn da gibt es ein „Efac“, einen „Tsruw“- Laden und es wird „Sie“ gegessen. Doch schlägt man das Buch auf, wird gleich im „Trowrov“ klar, dass es hier um viel mehr Rückwärts geht. Vielleicht „hast Du mal in jungen Jahren einen Hasen totgefahren oder die falsche Partei gewählt, die, die später Menschen quält, oder gar die falschen Worte ausgesprochen und damit Freundschaften zerbrochen?“ Im Rückwärtsland bekommt man die Chance, das alles noch einmal anders, besser zu machen.

Zuerst wird uns ein schön illustriertes Vokabular an die Hand gegeben, denn in jedem Land ist es gut, wenn man die Sprache ein bisschen beherrscht. Und klingt z.B. “Nofelet“ oder „Guezgulf“ nicht viel schöner als die Worte, die wir dafür kennen?Auf jeweils zwei Seiten zu einer Überschrift, in wunderschönen Illustrationen und gereimtem Text, taucht man jetzt in die wahren Abenteuer des „Rückwärtslands“ ein.

Natürlich muss man die Brötchen zurück zum Bäcker bringen, bevor man sich den Wecker stellt, um ins Bett zu gehen. Und nach dem Aufstehen trinkt man erst mal Bier, geht tanzen oder ins Kino, um dann müde zur Arbeit zu fahren. Fußballspiele starten verheißungsvoll mit einem Stand von zum Beispiel 4:3, raten Sie mal, wie sie alle ausgehen?Im Krieg werden mit den Kugeln der Soldaten Tote wieder aufgeweckt, und am Ende ist alles repariert, sind Häuser und Menschen wieder heil. Die Soldaten marschieren zurück in die Kasernen, um dort ihrem üblichen Tun nachzugehen: Fahnen schwenken und parieren, wenig nachdenken.Autos holt man sich vom Schrottplatz, um sie nach vielen Jahren, in denen das Auto immer neuer aussieht, zurück zum Händler zu bringen und viel Geld dafür zu bekommen. Doch nachdem man das alles angeschaut und seine Sachen besser gemacht, gerade gerückt hat, sollte man doch wieder den Rückweg antreten, denn vielleicht reicht sonst das Benzin nicht und man muss im Rückwärtsland ausharren?

Henning Wagenbreth, Professor für Illustration an der Universität der Künste Berlin, hat ein wunderschönes Buch gestaltet, das wie ein rückwärtslaufender Film anmutet und viele Ideen zu dem freisetzt, was man alles auch gerne noch mal rückwärts machen würde. Natürlich, ganz aktuell könnte man z.B. die ganze „Anoroc“ (was für ein harmloses Wort) -Krise noch einmal auf Anfang drehen wollen….Laut Verlagsangaben ist das Buch für Kinder ab 8 und für alle und das kann ich nur bestätigen und wärmstens empfehlen.

Bettina Raue, autorenbuchhandlung marx&co, Frankfurt

Buchempfehlung

Kiepenheuer & Witsch
978-3-462-05328-9
18€

Nam-Joo Cho

Kim Jiyoung, geboren 1982

Jiyoung ist zum Entsetzen ihres Mannes ganz offensichtlich verrückt geworden. Die 34jährige Mutter einer Tochter scheint plötzlich ihre Identität verloren zu haben; sie spricht mit der Stimme ihrer Freundin, ihrer Großmutter, ihrer Schwester. Sie ist „alle Frauen“ geworden. Ausgehend von dieser Psychose rollt Cho Nam-Joo Jiyoungs Leben auf, von der Kindheit bis ins Jahr 2016. Wir erfahren von einem Frauenleben in Korea, von all seinen kleinen und großen Demütigungen, Beleidigungen, Herabsetzungen. Das fängt in der Schule an und hört im Berufsleben nicht auf. Selbstverständlich teilen sich Jiyoung und ihre Schwester ein Zimmer, während der jüngere Bruder ein eigenes bekommt. In der Schule werden die – unbequemen – Schuluniformen der Mädchen strikt kontrolliert; bei den Jungen dagegen drücken die Lehrer gerne mal ein Auge zu, wenn die ein T-Shirt dem Jackett vorziehen. Und so weiter bis ins Arbeitsleben, in dem die Kollegen auf der Damentoilette eine Kamera verstecken und die Bilder ins Internet stellen.

Nimmt man bei der Lektüre anfänglich noch vor allem die Unterschiede zwischen den geschilderten Erfahrungen aus Südkorea und den eigenen wahr, spürt man von Seite zu Seite ein stetig wachsendes Unbehagen. Sind die Unterschiede wirklich so groß? Die südkoreanische Gesetzeslage ähnelt, wie die Autorin in zahlreichen Fußnoten erklärt, durchaus der hiesigen, und auch die Männer sind, von einigen bemerkenswerten Ausnahmen abgesehen, nicht durchweg gedankenlose Machos, sondern durchaus um das Wohlergehen der Frauen bemühte, ausgesprochen freundliche und höfliche Wesen – bis die Verhältnisse, z.B. Kinderbetreuung, gender pay gap, kulturelle Vorurteile etc., die nun mal so, wie sie sind, also schlecht, gnadenlos zuschlagen. Denn wer soll die Kinder betreuen, wenn nicht die Mütter, und dass die dafür ihren Beruf aufgeben müssen, dafür können die Ehemänner nichts, die eben mehr verdienen und also die Familie ernähren können. Dass zum südkoreanischen Arbeitsethos Überstunden bis in die Nacht und gern auch Wochenende gehören, macht die Sache nicht besser. Und labile Frauen geraten dann schlimmstenfalls mal in eine Psychose …

Das Ende des Romans allerdings, in dem Jiyoungs frauenverstehender Psychiater zu Wort kommt, öffnet noch der wohlwollendsten Leserin weit die Augen für eine Realität, die sich bei allen Unterschieden weltweit ähnelt und mich zumindest ungeheuer wütend zurückgelassen hat. Kim Jiyoung, geboren 1982 erweist sich hier als ein unglaublich böses Buch – und ein sehr nötiges.

Irmgard Hölscher, Frankfurt

Buchempfehlung

Luchterhand Verlag
978-3-630-87251-3
16 €

Louise Glück

Averno

Christian Metz sprach in seinem Buch Poetisch denken (Fischer Verlag, 2018) von unserer Gegenwart als einer Blütezeit der deutschsprachigen Lyrik. Aber auch international ist die Rezeption von Lyrik in den letzten Jahren wieder gestiegen. Insbesondere aus dem englischsprachigen Raum ist etwa mit den Übersetzungen von Anne Carson (Kanada), Alice Oswald (UK) und Ocean Vuong (US) für die deutsch- und zweisprachige Leserschaft viel Spannendes zu entdecken gewesen. Vorläufiger Höhepunkt der internationalen Aufmerksamkeit ist aber wohl die Auszeichnung von Louise Glück mit dem Nobelpreis für Literatur 2020.

Ihr Lyrikband Averno, der bereits 2008 in der Übersetzung von Ulrike Draesner im Luchterhand Verlag erschien und jetzt neu aufgelegt worden ist, besteht aus zwei Gedichtzyklen. In ihnen treten zwei Hauptthemen der Lyrik Glücks besonders deutlich hervor: die physische Erfahrung und das Schauspiel der Jahreszeiten einerseits und die Erinnerung an eine Kindheit andererseits. Dabei entsteht bei Louise Glück eine zerrissene Zeitlichkeit; das Vergangene bleibt als Erinnerung ewig anwesend und präsent, während das zyklische Wiederkehren der Jahre Stillstand hervorbringt. Zur Verdeutlichung: Das Gefühl des Neubeginns, das dem Frühling wie ein Klischee, aber auch wie eine kindliche Vorstellung anhängt, der wir uns nicht entziehen können, wird in dem Gedicht Oktober, das den ersten Gedichtzyklus eröffnet, mit offenherzigem Erstaunen und Verzweiflung als vergangen und vergeblich erkannt. „Ist es wieder Winter, ist es wieder kalt […] war nicht die Nacht vorbei, | flutete nicht das schmelzende | Eis die engen Rinnsteine || wurde mein Körper nicht gerettet, war er nicht in Sicherheit […]?“. Das ganze Gedicht entfaltet sich entlang der einen Frage, ob es nicht Frühling gewesen sei. Man kann nun mit Recht sagen, dass diese Beobachtung nicht neu ist, aber das Neue ist auch nicht Glücks Gegenstand. „War die Nacht nicht vorbei?“ – darin steckt die so naive wie ehrliche Frage: Ist es nicht eine Zumutung, ist es nicht eigentlich unbegreiflich, dass die Zeit vergeht? Dass Tod und Winter immer wiederkehren, dass Heilung temporär ist? Im zweiten Teil des Bandes verlässt ein verzweifelter Farmer sein Feld, als er sieht, dass es nach einem alles vernichtenden Feuer wieder von Neuem zu wachsen beginnt: „Die Natur, stellt sich heraus, ist nicht wie wir; sie hat keinen Speicher für Erinnerung. Das Feld hat nicht plötzlich Angst vor Streichhölzern“. Glücks Dichtungen sind im Gesamten genommen solche reduzierenden Rückführungen. Sie lenken die Aufmerksamkeit auf Widersprüche und Fragen, die wir mit der Zeit zu relativieren gelernt haben. Die Schlichtheit ihres Ausdrucks ist demnach auch nicht in erste Linie als postmoderne Sachlichkeit zu verstehen. Der Mythos ist nicht nur durch die Figur Persephones, die als Verkörperung sowohl der verlorenen Kindheit als auch der wiederkehrenden Jahreszeiten die Galionsfigur von Averno ist, das Leitmotiv der Dichtung, sondern auch in der durch die Ernsthaftigkeit, mit der einfache und grundsätzliche Fragen gestellt und Beobachtungen gemacht werden. Glück wehrt romantisierende und symbolische Aufladungen nicht mit großer Geste ab, sondern vertraut darauf, dass sie sich beim Lesen von selbst als Fehllektüre erweisen. Das Feld ist wirklich nur ein Feld, aber was heißt nur? Glücks Dichtung zeichnet sich bei genauerem Hinsehen durch eine Art Abwesenheit des Metaphorischen und Symbolischen aus. Lassen sich gerade Natur und Kindheit überhaupt (noch) als solche betrachten? Und das auch noch in der Form der Poetik? Mit der Lektüre Glücks lässt sich dieser Versuch unternehmen.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Buchempfehlung

Das Buch ist zugleich Roman, Memoir und Essay, und die vielen großartigen Dialoge lesen sich wie ein Theaterstück. Gekonnt vermischt Akhtar Fakt und Fiktion, um eine überaus spannende Einwanderergeschichte zu erzählen, in deren Mittelpunkt Vater und Sohn stehen, die wohl nicht zufällig die gleichen Namen wie der Autor und sein Vater tragen. Erzählt wird aber nicht nur eine Familiengeschichte, sondern auch die Geschichte des langsamen und stetigen Verfalls einer Nation, der in dem Neoliberalismus der 80er seinen Anfang hat, und an dessen Ende die Präsidentschaft Trumps steht.

Der Roman beginnt im Jahr 2016 mit der Kandidatur Trumps und dem Beinahe-Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn, denn der Sohn erkennt die Gefahren für die Nation, während der Vater ein glühender Bewunderer von Trump ist. Diese Bewunderung hat ihren Anfang in den 90ern, als Sikander Akhtar, Donald Trump als Arzt behandelt. Aus einer anfänglichen gegenseitigen Beargwöhnung wird fast so etwas wie eine Freundschaft. Ob diese Begegnung wirklich stattgefunden hat, sei dahingestellt, deutlich wird aber, wie manipulativ Trump agiert und sich die Zuneigung des Vaters letztlich erkauft. Am Ende des Romans distanziert sich der Vater von dieser Bewunderung, denn Trump ist mittlerweile 2 Jahre im Amt: Populismus und Hetze sind der neue politische Ton, Statements zu weltpolitischen Geschehnissen werden in würdelosen Kurznachrichten gepostet – in Sikanders Augen hat Trump sein Amt missbraucht und beschädigt. Beruflich wie privat gescheitert, aber nicht verzweifelt, geht er zurück nach Pakistan, das er nach Jahren des Leugnens als seine wahre Heimat ansieht.

Der Autor holt dabei weit aus. Von dem Grauen des Indien-Pakistan-Konfliktes, der die Eltern zur Emigration treibt, führt er den Leser über den Afghanistan-Konflikt durch die postkoloniale Kriegsszenerie der letzten Jahrzehnte in das Amerika nach 9/11. Weltpolitik hat immer unmittelbaren Einfluss auf die Familiengeschichte, und die Konflikte ziehen dabei oft tiefe Gräben durch die eigene Familie.

Der Sohn, nach anfänglichen Schwierigkeiten mittlerweile ein anerkannter Autor, sucht lange nach einer inneren Heimat, die er zunächst in der Literatur findet. Die zunehmenden Anfeindungen gegen Muslime nach 9/11, denen er sich, obwohl er sich selbst nie als Moslem gesehen hat, immer häufiger ausgesetzt sieht, lassen ihn nach seiner kulturellen Identität fragen, die er aber nicht selbst bestimmen kann, weil sie ihm von außen gegeben wird. Er schreibt sich frei und bekommt dafür die höchste literarische Anerkennung: den Pulitzerpreis. Obwohl scheinbar angekommen, bleibt er doch immer der Exot, der Fremde. Hier wird das Buch fast zum Coming-of-ageRoman.

Die vielen großen Themen des Buches werden wie in einem Theaterstück durch das Auftreten verschiedener Figuren in großartigen Dialogen mit dem Erzähler behandelt.

So erklärt zum Beispiel ein Hedgefond-Manager, wie er auf einem persönlichen Rachefeldzug viele Städte in die Pleite und Armut getrieben hat, wie er mit Geldern anderer spielt, um sich selbst zu bereichern. Der Erzähler ist zunächst bestürzt, kommt aber selbst durch ein zwielichtiges Insidergeschäft zu Reichtum. Auch das ist einer dieser inneren Widersprüche, denen sich der Erzähler stellen muss.

Der ungebremste Kapitalismus, der so viele Existenzen ruiniert und ganze Städte und Landstriche verödet hat, ein Krankensystem, das einen Großteil der Bevölkerung ausschließt, und die immer größere Kluft zwischen Arm und Reich sind ein Teil der amerikanische Realität. Ein Präsident, der Populismus und Hass schürt, bringt das Land an den Rand der Spaltung, so lautet das Fazit des Romans. Wie recht der Autor damit hat, mussten wir leider erleben. Den Präsident sind wir jetzt los, aber die Wunden müssen aber heilen.

All den Lesern, die die aktuelle politische Lage in den USA begreifen wollen, sei die Lektüre von Homeland Elegien von Ayad Akhtar dringend empfohlen.

Homeland Elegien ist kein Klagelied, sondern ein vielschichtiger Roman, spannend erzählt und sehr klug.

Andrea Schulz, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Jana Volkmann

Auwald

Verbrecher Verlag
20€

Als ihr Portemonnaie inklusive der Fahrkarte zurück nach Wien geklaut wird, verschwendet Judith keinen Gedanken daran die Polizei zu verständigen oder die Diebin zu stellen. Stattdessen beobachtet sie, wie diese statt ihrer die Fähre besteigt. Judith nimmt aus der Distanz fast zärtlich Abschied von ihr. Das Boot wird jedoch nie in Wien ankommen und gilt schon bald als verschollen. Wie vom Erdboden verschluckt, bleibt das Verschwinden vollkommen unerklärlich. Schon bald werden Suchtrupps aktiv. In dem Moment, da Judith realisiert, dass sie – als angeblich Passagierin – ebenfalls als verschollen gelten muss, trifft sie eine Entscheidung. Ohne einen Blick zurück schlägt sie sich in eine unerwartete Wildnis.

Jana Volkmanns kurzer Roman kreist um die Themen der Entfernung, Betrachtung und Einsamkeit. Anders als man aber bei dieser Beschreibung denken könnte, ist es eine ungebrochene Leichtigkeit, die diesen Text auszeichnet. Die gerade beschriebene gegenwärtige Handlung, wechselt sich mit Erinnerungen Judiths an ihr zurück gelassenes Leben ab, in welchen wir die gleiche Beobachtungsweise der Protagonistin erkennen können: Halb staunend, halb ironisch betrachtet Judith Menschen wie Gebäude und Ereignisse gleichermaßen distanziert aber nicht ohne Interesse. Der Text ist weit davon entfernt psychologische oder soziologische Erklärungsansätze dafür zu finden. Judith erscheint weniger als tragischer Einzelgänger, denn als schräge Kultfigur. Über die Entscheidung ihrem Leben den Rücken zu kehren, erfahren wir nichts als die Erleichterung, die dieser Schritt bei Judith auslöst.

Jana Volkmanns Stil ist dabei im aller besten Sinne unterhaltsam. Die Flucht der Protagonistin trägt teils absurd apokalyptische Züge, die Figuren, die ihr begegnen sind schräg und erinnern fast an die Geschichten des Simplicissimus. Diese Szenen wechseln sich mit langen, unaufgeregt und von Pathos freien Naturbetrachtungen ab. Obwohl das Thema der Distanz sich wie ein roter Faden durch den Text zieht, erscheint ebenso, wie als Negativ-Abzug, immer wieder die Möglichkeit oder die Hoffnung auf Zärtlichkeit auf; mit der bittersüßen Erkenntnis, dass die LeserIn Judith nach nur knapp 200 Seiten wieder ziehen lassen muss.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Edvarts Virza

Straumeni

Guggolz Verlag
25 €

Straumēni ist ein altes Gehöft in Zemgalen, einem Landstrich im südlichen Lettland. Mitte des 19. Jahrhunderts ist das bäuerliche Leben dort noch weitgehend so, wie es seit Generationen war. Es folgt dem Jahresrhythmus, der die Arbeiten auf dem Land vorgibt. In diesem Gefüge haben die Menschen ihre vorgegebenen Tätigkeiten und Rollen, und jenseits des zugewiesenen Platzes gibt es wenig Spielraum für den Einzelnen. So sind es weniger die Menschen, die den Mittelpunkt des Buches bilden, sondern vielmehr ihre Funktionen und Arbeiten, die wiederum den Anforderungen der Natur und der Landwirtschaft folgen. Im Zentrum steht das Gehöft – Straumēni.

Die Handlung – falls man davon überhaupt reden kann – spielt in der Zeit kurz vor Beginn der Mechanisierung der Landwirtschaft. Sie beginnt mit dem Winterende, als das Eis schmilzt und der kleine Fluss Lilupe sich in einen reißenden Strom verwandelt, der mitten durch das Gehöft braust. Beschrieben werden die vielfältigen Tätigkeiten der Männer und Frauen im Haus, in den Ställen und auf den Feldern, die mit dem Frühjahr beginnen. Der kurze, heiße Sommer gipfelt in der Heu- und Getreideernte. Der Herbst ist die Zeit der Kartoffelernte und des Haltbarmachens der Vorräte für die Winterzeit, in der sich eine harte kalte Decke aus Eis und Schnee über das Land legt und das Leben draußen fast zum Stillstand bringt. Das ist die Zeit, in der im Innern des Hauses der Flachs gesponnen wird und die Werkzeuge für das kommende Jahr repariert werden. Dieser Kreislauf wird durch die unterschiedlichsten Feste unterbrochen, die die harte Arbeit kurz vergessen lassen und bei denen geschmaust, getrunken und getanzt wird – und das nicht zu knapp!

Dass der Text, der keinerlei Identifikation mit einzelnen Personen bietet, dennoch nie langweilig wird, liegt an Edvarts Virzas wunderbar genauen und sinnlichen Sprache. Man fühlt beim Lesen die sorgsam glatt geschliffenen Holzstiele der Arbeitsgeräte, hört das trockene Stroh unter den Füßen der Schnitter knacken und riecht das frisch gebackene Brot. Man sieht die weiten Himmel und Wolken, die Zugvögel, den ersten Schnee, und man blickt in eine vom schweren Essen und den vielen Körpern aufgeheizte Schänke, in der nach dem Jahrmarktbesuch die obligatorische Schlägerei zwischen den Land- und Stadtbewohnern ausbricht.

Wenn man dem Buch etwas vorwerfen könnte, ist es die Idealisierung einer untergegangenen bäuerlichen Welt. Vielleicht sollte das Nachwort vor der Lektüre des Haupttextes gelesen werden, denn es erklärt vieles, an dem der heutigen Leser sich stören könnte – als erstes die unhinterfragten Rollenbilder von Herren, Knechten und Mägden oder das Frauenbild. Soziale Konflikte spart der Autor völlig aus – aber seine Absicht ist auch eine andere. Edvarts Virza wurde 1883 in einer Zeit geboren, in der das überwiegend bäuerliche lettische Volk auf unterschiedliche russische Gouvernements verteilt lebte, während die Oberschicht deutschstämmig war. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Lettland erstmals unabhängig. Dennoch war es nach Jahrhunderten einer als Unterdrückung empfundenen Geschichte nicht einfach, eine eigene nationale Identität zu finden. Straumēni ist als ein Beitrag dazu zu verstehen, und es ist die hohe stilistische Qualität des Textes, die die Lektüre zu einem literarischen Genuss macht. Sie bescherte dem 1933 erstmals erschienenen Buch einen großen Erfolg, der – unterbrochen durch die Jahre der sowjetischen Okkupation – in Lettland bis heute anhält. Es lohnt sich, Straumēni jetzt auch auf Deutsch zu entdecken!

Ruth Roebke, Bochum