Buchempfehlungen

92 Beiträge

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Verbrecher Verlag
18€

Mit der Urteilsverkündung am 11. Juli 2018 im Saal A 101 des Münchener Strafjustizzentrums scheint die Untersuchung zu den Taten des sogenannten NSU abgeschlossen zu sein – und das kann nach Ansicht des AutorInnen-Kollektivs von NSU-Watch keinesfalls hingenommen werden. Zu viele Fragen bleiben offen, zu viele Ungereimtheiten ungeklärt, weshalb das wiederholt geäußerte völlige Aufklärungsversprechen der Bundesregierung mitnichten eingehalten wurde.

Auch wenn rechtskräftige Urteile ausgesprochen und Haftstrafen verhängt worden sind – einen Schlussstrich unter den NSU-Komplex zu ziehen, wäre nicht nur fatal und ein weiterer Schlag ins Gesicht der Angehörigen der Opfer, er wäre zudem das absolut falsche Signal und würde das Vertrauen von Bürgerinnen und Bürgern in unsere Rechtsstaatlichkeit weiter untergraben. Nicht allein die Opfer und die Hinterbliebenen haben Anspruch auf völlige und lückenlose Aufklärung, die auch die Mitverantwortlichkeit des Staates beinhaltet, sondern wir alle. Denn mit dem Freitod von Mundlos und Bönhardt sowie der Gefängnishaft von Beate Zschäpe ist keinesfalls gesichert, dass wir uns beruhigt zurücklehnen und weitermachen können wie bisher. Das Gegenteil ist vielmehr der Fall: Die Menge der Anfeindungen und Angriffe mit rassistischem Hintergrund beherrschen zusehends die Medien und zeugen von einer Problematik, die tiefer sitzt, als wir uns eingestehen wollen. Es kann nicht angehen, dass sich Menschen, die unsere Mitbürger sind, aus dem deutschen Wir ausgeschlossen fühlen. Das vorliegende Buch fordert daher dazu auf, nicht müde zu werden und die richtigen Fragen zu stellen. Die These, dass zehn Morde, drei Sprengstoffanschläge mit zahlreichen Opfern und ein Dutzend Raubüberfälle allein auf das Konto eines augenscheinlich geistig wenig aufgeweckten Trios gehen, klingt nicht überzeugend. Zwingend notwendig ist vielmehr eine umfassende Aufarbeitung auch – und besonders – in der Gesellschaft, in der wir leben. Dieses Buch, verfasst von den AutorInnen des NSU-Kollektivs, das den Prozess verfolgt und minutiös dokumentiert hat, verhilft dem Leser in klarer Sprache dazu, sich einen ausreichenden Einblick in die Sachlage zu verschaffen. Ein wichtiges, ein nötiges Buch, das dem Verbrecher Verlag hoch anzurechnen ist.

Axel Vits, Der andere Buchladen, Köln

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Patti Smith

Im Jahr des Affen

Kiepenheuer & Witsch
20 €

2016 wurde Patti Smith 70 Jahre alt. In ihrem neuen Roman verbindet sie die Ereignisse dieses Jahres zu einer Art literarischem Spaziergang, der sich ziellos an der US-amerikanischen Westküste ausdehnt. Die Bilder, die Smith dabei entwirft, besitzen eine gewisse entschleunigte Strahlkraft. Zeit spielt dabei eine zentrale Rolle; nicht nur im Hinblick auf ihren eigenen anstehenden runden Geburtstag, sondern auch im Rückblick auf die Zeit, die sie mit anderen Menschen geteilt hat. Die Erkrankung zweier ihrer engsten Freunde sind der Protagonistin Anstoß für Überlegungen zu Nähe und Distanz durch die Zeiten hindurch und über Räume hinweg. In einem winzigen und heruntergekommenen Strandcafé trifft die Protagonistin auf einen rätselhaften Mann namens Ernest. Immer wieder wird er auf ihren Reisen plötzlich auftauchen und wieder verschwinden. Mit ihm führt sie lange Gespräche über Bolaño, Pasolini und den Ayers Rock. Obwohl es sich spürbar um ein autobiographisches Werk handelt, haftet dem Roman nicht Voyeuristisches an, was auch an dem hohen Anteil phantastischer Elemente liegen könnte, die oft mit den kunstvollen Fotografien verknüpft sind, die den Text durchziehen. Sie zeigen nur selten Personen aus Smith’ Leben, häufig hingegen besondere Gegenstände, Wegmarken und Erinnerungen . Auf biographische Anekdoten verzichtet die Autorin fast ganz.

Patti Smith‘ Stil ist extravagant und wortgewaltig. Und Brigitte Jakobeits Übersetzung wird dem auf bemerkenswerte Weise gerecht. Die Bilder, die die Autorin entwirft und die sich um Träume, Reisen und Zeitlichkeit drehen, sind — auch wenn sie mitunter ins esoterische zu kippen drohen — faszinierend und oft überraschend. Im Jahr des Affen ist eine spielerische, nonkonformistische Meditation über Wege und Wegmarken: „Eine Welt, die für sich gesehen nichts bedeutet, aber auf jede unaussprechliche Frage im irrsinnigen Stück des frühen Winters eine Antwort zu enthalten schien.“

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Antje Herden

Parole TeeTee

Tulipan Verlag
13 €
ab 9 Jahren

„Alle fanden Teetee merkwürdig“, die Kinder und sogar die Erwachsenen. Dass sie trotzdem irgendwie der gute Geist des Viertels ist und immer gerade das aus ihrer vielleicht sogar magischen Tasche hervorholen kann, was ihr Gegenüber gerade braucht – egal ob es ein Reim-Lexikon oder eine Orangenpresse ist – fällt allen eigentlich erst auf, als Teetee plötzlich verschwunden ist.

Sara und Saha, die eigentlich beste Freundinnen, gerade allerdings fürchterlich zerstritten waren, Bene mit den strengen Eltern und Cosmo, der ganz schön schnell ganz schön wütend werden kann, sowie sein kleiner Freund Stulle, die schüchterne Lene und Juni, der erst seit kurzem mit seinen Eltern in Deutschland lebt, schließen einen Pakt, um die freundlich-schräge Dame wiederzufinden: Parole Teetee!
Im kleinen Lebensmittelladen von Herrn Mansur wird eine geheime Kommandozentrale errichtet, nachdem klar ist, dass die Polizei sich nicht um Teetees Verschwinden kümmern wird. Als dann auch noch die vervielfältigten Such-Plakate wie von Geisterhand über Nacht verschwinden, ist den Kindern klar, dass sie ihre Suche ab sofort heimlich und unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen fortsetzen müssen. Gar nicht so einfach, wenn die Entdeckungen so aufregend sind! Wer hat Teetee zuletzt gesehen? Der Obdachlose mit den abstehenden weißen Haaren, der meistens unter einer der Bänke im Park schläft und eigentlich Herr Obermayer heißt? Oder ist vielleicht sogar Benes Vater in das Verschwinden der alten Dame verwickelt oder der immer unfreundliche Zahnarzt Doktor Bernius? Dass Vieles oft anders ist, als es auf den ersten Blick scheint, klärt sich nach und nach auf.

Die bereits mehrfach für ihre Kinder- und Jugendbücher ausgezeichnete Autorin Antje Herden hat mit Parole Teetee erneut eine ebenso spannende wie einfühlsame Geschichte für Kinder ab 9 geschrieben. Viel arbeitende, sehr strenge Eltern, Freundschaftskrisen oder ein erstes heimliches Verliebtsein kennen wahrscheinlich viele Kinder. Und dass ein Kind aus einem anderen Land plötzlich neu in die Klasse kommt, weil es mit seiner Familie in seiner Heimat nicht mehr leben konnte, werden auch schon einige erlebt haben. Warmherzig und authentisch schildert Herden den manchmal schönen und manchmal betrüblichen Alltag unterschiedlicher Kinder, nimmt sie in ihren Eigenheiten und Sorgen augenzwinkernd ernst.

Und spätestens am Ende des Buches möchte man nichts lieber, als zu dieser Kinderbande dazu zu gehören und gemeinsam einen weiteren Fall zu lösen!

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Eric Vuillard

Der Krieg der Armen

Matthes & Seitz Verlag
16 €

Gewöhnlich erkennt man historische Romane an ihren vielen eng gedruckten Seiten und ihren Beschreibungen. Vuillards Der Krieg der Armen über die Bauernaufstände im 16. Jahrhundert ist ein historischer Romanessay anderer Natur: Der Autor konzentriert sich auf Wendepunkte der Geschichte und konfrontiert Leserin und Leser ganz ohne epische Breite mit Stimmungen, Geräuschen, Gerüchen, Klängen, Texturen und Landschaften.

Der Krieg der Armen stellt das Handeln einflussreicher Figuren der Reformation in den Vordergrund: Thomas Müntzer und seine Vorläufer John Wyclif und Jan Hus. Anders als Martin Luther vertritt Thomas Müntzer, geboren 1489 in Stolberg im Harz, die Position, auch mit Gewalt gegen die Unterdrückung der Armen durch Kirche und Fürsten kämpfen zu müssen. Müntzers Entrüstung über die Ungerechtigkeit der Römischen Kirche beginnt im Alter von elf Jahren, als sein Vater gehängt wurde. Er wird Prediger in Zwickau, Prag, Allstedt und Mühlhausen, wo er vor den Armen leidenschaftlich – und vor allem nicht in Latein, sondern auf Deutsch – predigt und sie auf die Ungerechtigkeit ihrer Situation stößt. Er wiegelt die Bauern auf und fördert die gewaltsamen Aufstände in Hessen, Oberfranken, Thüringen und Sachsen. Nach der Niederlage der Bauern in der Schlacht bei Frankenhausen wird Müntzer enthauptet.

Der Roman erzählt die Geschichte der frühneuzeitlichen Bauernaufstände als Willensgeschichte eines entschlossenen Mannes, den seine Überzeugung das Leben kostet, der aber Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit in die Welt bringt. Sozialkitsch, möchte man meinen, wäre das Buch nicht von ungeheurer literarischer Qualität. Das Genre, das Vuillard hier bedient, ist wirklich ganz erstaunlich – man könnte es historisches Haiku nennen, wenn die Sprache des Romans nicht so saftig, direkt und radikal wäre. Die Kürze tritt an Stelle der ausführlichen Beschreibungsdichte des historischen Romans. Stattdessen scheint jedes Wort einen ganzen Roman zu entfalten. Beim Lesen scheint es, als könnte keine noch so ausführliche Beschreibung an die Lebendigkeit heranreichen, die Vuillards Lakonie erreicht. Dabei ist hier nichts objektiv: Die Erzählinstanz wird selbst zur handelnden Figur, die wütet, rast, euphorisch jubelt, schimpft und spottet. Es ist genau dieser Erzähler, der die im historischen Präsens erzählte Geschichte lebendig macht, ohne dass die erzählten Figuren tatsächlich plastisch werden. Es gibt dabei auch nicht die geringste Ambivalenz, nicht den Hauch eines Zweifels an der Parteinahme der Erzählstimme für die Aufständischen und gegen die Fürsten. Es istein merkwürdiger Kontrast zwischen Lebendigkeit und Holzschnitt, der den Reiz des Buchs ausmacht.

In dieser ungeheuren, komprimierten Dichte bleibt es nicht aus, dass das Wort auf sich selbst verweist und somit das Poetische ins Zentrum rückt. Nicht für die Geschichte also, sondern für die Literatur lässt sich wünschen, dass Vuillard weiter so radikal in die Geschichte blickt; und vielleicht wäre das der Beginn einer neuen, zeitgemäßen Interpretation von „engagierter Literatur“.

Alena Heinritz, Münster

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James Noël

Was für ein Wunder

litradukt Literatureditionen
12 €
978-3-940435-32-3

Am 12. Januar dieses Jahres war es genau zehn Jahre her, dass Haiti von einem Erdbeben der Stärke 7,5 erschüttert wurde, das über 300 000 Menschenleben forderte. In der ohnehin schwachen Infrastruktur des Landes brauchten Rettungskräfte oft Tage, um zu den Opfern vordringen und erste Hilfe leisten zu können. Bis heute gibt es in Port-au-Prince riesige Bereiche, die in Trümmern liegen. Trotz Hilfszusagen in Milliardenhöhe haben sich die traumatisierte Bevölkerung und die ohnehin fragile Wirtschaft des Inselstaats nie von dieser Naturkatastrophe erholt.

James Noël, der zu den wichtigsten Autoren Haitis zählt, hat sich nach mehreren Lyrikbänden in seinem ersten Roman Was für ein Wunder mit den Geschehnissen von 2010 auseinandergesetzt. In einem verstörend intensiven Rückblick bringt er unterschiedliche Gesichter des Schreckens zusammen. Stimmen von Überlebenden, die das Erdbeben beim Spaziergang, auf der Toilette, oder bei irgendeiner anderen alltäglichen Verrichtung überraschte, kommen zu Wort. Und immer wieder durchdringt heftige Kritik an Hilfsorganisationen Noëls Zeilen, Kritik auch an UNO-Soldaten, die „mit geschwollener Brust, Blauhelm-Reisepass, Blauhelm-Koffer, ihrem Riesenkopf und den klotzigen Schuhen“ ins Land kamen und zusätzlich zu den Hilfsgütern die Cholera einschleppten, die Monate nach dem Beben weitere Tausende von Opfern forderte.

Neben die beklemmenden Bilder des Erdbebens stellt der Autor die stark sexuell geprägte Beziehung des Protagonisten zu Amore, einer Italienerin, die zum Zeitpunkt der Katastrophe gerade bei einem Trinkwasser-Projekt in Haiti arbeitet. Amore ist die Fremde, die als Freiwillige für unterschiedliche Organisationen arbeitet, nicht aus diesem Land stammt und ihm vielleicht gerade deshalb helfen kann, sich mit den Überresten seines Landes vertraut zu machen. Sie steht für das Überleben. Noël verlässt mit ihr die Trümmer seiner Heimat, fliegt mit ihr nach Rom und kehrt erst Jahre später zurück.

Manche Kapitel des kurzen Büchleins ähneln kunstvollen Wortspielen, andere eher Fieberträumen. „Die Erde hat linkerseits gebebt. Die Erde hat rechterseits gebebt. […] Ich fand keine Worte, als es bebte. Ich nahm den Tod als Musiker auf. Ich summte vor mich hin. Um mich herum hörte ich das Universum in sich zusammenstürzen, meine Stadt war vom Schlag direkt ins Herz getroffen […] Überall Staub, schutzloser, kurzatmiger Staub.“

Kulturell geprägte Voodo-Vorstellungen und Begriffe aus dem französischen Kreol werden von der Übersetzerin Rike Bolte an einigen Stellen mit Fußnoten versehen und so gekonnt übersetzt, dass sie sich elegant in den Sprachfluss einfügen. Im Vorwort der Übersetzerin erfahren wir aber auch, was wir manchmal bei übersetzter Literatur vergessen, nämlich, dass bestimmte Bereiche kultureller Vorstellungswelten zuweilen unübersetzbar bleiben.

Noëls poetische Verarbeitung des haitianischen Traumas fordert seine LeserInnen auf unterschiedlichen Ebenen heraus. Der Roman Was für ein Wunder, der mit seinem so positiv anmutenden Titel in die Irre führen kann, wurde nicht umsonst vor wenigen Tagen mit einem der Internationalen Literaturpreise ausgezeichnet, die seit 2009 vom Haus der Kulturen der Welt und der Stiftung Elementarteilchen in Berlin verliehen werden. Neben Noël und seiner Übersetzerin wurden in diesem Jahr fünf weitere Autor*innen und ihre jeweiligen Übersetzer*innen ausgezeichnet.

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Cécile Wajsbrot

Zerstörung

Wallstein Verlag 20,00 €
978-3-8353-3610-0

Roman. Aus dem Französischen von Anne Weber

In ihrem neuen Roman entwirft die französische Autorin Cecile Wajsbrot eine Dystopie in einer nahen Zukunft. Eine einsame Erzählerinnen-Stimme spricht Nacht für Nacht Texte über eine neue Gegenwart ein, in der jede Vergangenheit und jedes Erinnern verboten ist. Ein Setting, das stark an Samuel Becketts Roman Molloy erinnert. Es ist von einer Machtübernahme die Rede, von einem Moment, der sowohl Befreiungsschlag als auch Katastrophe gewesen sein könnte. Die Informationen, die wir über die neue Gesellschaftsordnung und ihre Machthaber erhalten, sind denkbar rar. Erzählungen sind aus der Mode gekommen; sind sie älter als 10 Jahre, steht ihr Besitz sogar unter Strafe. Alle Bücher wurden aus sämtlichen Häusern entfernt. Widerstand gab es wenig, zu verständlich für jeden scheinbar das von der Erzählerin beschriebene Gefühl, sich mit der Entledigung des Vergangenen nun endlich dem Wesentlichen und Zukünftigen zuwenden zu können. Der Eindruck, den wir von der Erzählerin bekommen, changiert vor dem Hintergrund ihrer vagen Angaben. Ist dieses neue Regime, von dem die Rede ist, progressiv oder reaktionär? Oder doch eine im stillen Zimmer selbst ausgeformte Verschwörungstheorie? Der Widerstand, in dem sie sich mit ihren Aufzeichnungen engagiert, bleibt ebenso ungreifbar.

Das mag als inhaltliche Zusammenfassung eines Romans kaum genügen. Doch das Entscheidende dieses Buches liegt nicht in seiner Handlung, seinem Personal oder seinem sozialen Kontext. Es ist die minutiöse Ausarbeitung eines Gefühls, dass die Leserin mit der Erzählerin teilt: eine Art Hilflosigkeit im Angesicht des Unwissens. Die eigene Haltung und Einschätzung zum Gelesenen verändert sich mit jeder Seite. Darin liegt einer der größten Stärken des Textes. Immer wieder glaubt man entschlüsselt zu haben, um wen es sich bei den Machthabern oder den Widerständlern handeln könnte; bis diese Vermutungen sich wieder zerschlagen.

Die einzigen Inseln innerhalb dieses Erzählstroms sind kurze Rekapitulationen von Biographien oder Werken von Autor*innen, deren Geschichten ebenfalls Zensur und Zerstörung unterworfen waren. Zum Beispiel die Anstrengungen Nadeschda Mandelstams, die die Gedichte ihres Mannes im Exil aus dem Gedächtnis niedergeschrieben hat. Sie bilden kurze Erholungsmomente, für die man unwahrscheinlich dankbar ist.

Wajsbrots faszinierender Text ist eine Studie über Konturlosigkeit, Unwissen und Hoffnung. Aber vor allem ist es die Ausarbeitung der Vorstellung einer radikalen Gegenwart, in welcher es kein Erzählen mehr geben kann. Die genaue Übersetzung durch Anne Weber lässt die Einfühlung spüren, mit der Cécile Wajsbrot ihre Protagonisten betrachtet, das Vertrauen, das diese in ihr unsichtbares Gegenüber setzt, als ebenso notwendig wie fragwürdig erscheinen. Ein großartiges Buch über Ratlosigkeit, Hoffnung, Skepsis und Erinnerung. Kurz: ein Buch, dass uns die Gefahren und Möglichkeiten des (unzuverlässigen) Erzählens vorführt.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Jodi Magness

MASADA

wbg Theiss 36 €
978-3-8062-4077-1

73 oder 74 nach Christus. Auf einem Tafelberg am Toten Meer haben sich rund 970 aufständische Juden in eine Befestigungsanlage zurückgezogen, die vor einigen Jahren noch luxuriöser Rückzugsort für Herodes den Großen gewesen ist. Die Situation ist ohne Ausweg, den Belagerten ist klar, dass sie dem Sturm der römischen Truppen nicht werden standhalten können. Tag für Tag, so ist es von der Festung aus zu beobachten, kommt die 8000 Mann starke, eiskalt nach Plan operierende Maschinerie näher, gut geölt durch eiserne Disziplin und turmhohe technische Überlegenheit. Stunde um Stunde häufen Legionäre Erde und Schutt zu einer breiten Belagerungsrampe auf, die bis an die Mauern der Feste führt. Mit unerschöpflichen Kräften, wuchten die römischen Soldaten einen eisernen Belagerungsturm und einen Rammbock an die Mauern. Unter dem nie abreißenden Pfeilhagel ist es den Aufständischen kaum möglich, etwas gegen die gnadenlosen Belagerer auszurichten. Das Schicksal der Eingeschlossenen ist endgültig besiegelt, als die erste Mauer fällt und die zweite, die notdürftig aus Stein, Holz und Schutt aufgerichtet wurde, in Flammen aufgeht. Eleasar ben Ja´ir, Befehlshaber der Festung, richtet sich im Angesichts des Untergangs mit einer ergreifenden Rede an seine Leute, in der er darlegt, dass es besser sei, durch die eigene Hand einen edlen Tod zu sterben, als durch die Römer geschändet, verkauft und vernichtet zu werden. Als die Legionäre über die Trümmer der Mauer ins Innere der Feste steigen, haben sich die belagerten Juden dem Zugriff der Legion, des Imperiums entzogen, indem sie kollektiv Selbstmord begangen haben.

Starker Stoff, der alles bietet, was eine echte Tragödie bieten muss, und eine der dramatischsten Episoden aus dem Jüdischen Krieg. Folgt man Flavius Josephus, dem jüdisch-römischer Historiker und Chronisten, der den Fall Masadas in seinem Buch Der Jüdische Krieg minutiös schildert, hat sich die Belagerung genau so zugetragen. Interessant ist allerdings, dass er der einzige antike Autor ist, der diese Geschichte so ausführlich und mit diesem außergewöhnlichen Ende erzählt. Es ist mittlerweile weithin bekannt, dass an die antike Geschichtsschreibung nicht die Maßstäbe wissenschaftlich-objektiver Berichterstattung angelegt werden dürfen, die heute glücklicherweise in der Zunft gelten: Immer gab es Herrscher, denen man zu gefallen hatte, eigene Überzeugungen, die keineswegs zurückgehalten werden mussten.

Aufgrund dieses Umstands unterstellt man diesen antiken Quellen heute sicherheitshalber eine gewisse Tendenz in Sachen Berichterstattung und versucht, Belege für oder gegen diese Berichte zu finden.

Die amerikanische Archäologin und Religionswissenschaftlerin Jodi Magness hat sich in ihrem Buch Masada – Der Kampf der Juden gegen Rom daran gemacht, das Geschehen auf der Bergfeste zu untersuchen. Aber nicht nur das: Mit großer archäologischer und religionswissenschaftlicher Expertise nimmt sie den Leser mit auf eine Reise durch die antike Landschaft in der direkten Umgebung Masadas, zieht, leicht verständlich und wohl geordnet, immer weitere Kreise. Die Feste „Masada“ bildet gewissermaßen den Start- und Endpunkt einer wissenschaftlichen Exkursion in die antike Geschichte der Region, die neben den zentralen Figuren und Orten sehr genau die religiösen und sozialen Spannungen beschreibt, die diesen Teil der alten Welt in besonderem Maße erschüttert haben.

Geschichte ist relevant und wirkt, wenn man sie vor dem Vergessen schützt, immer weiter fort. Das Buch von Jodi Magness ist, bei aller ganz offensichtlichen fachlichen Begeisterung für den Untersuchungsgegenstand, ein großes Plädoyer für den richtigen Umgang mit den spärlichen historischen Fakten. Nie lässt sie sich zu einer ungerechtfertigten Eindeutigkeit hinreißen, „vielleicht“ und „könnte“ sind häufige Wörter, Theorien und Gegentheorien stehen gleichberechtigt nebeneinander.

Und so lässt dieses großartig präzise und kompakte Buch, das ein Lehrstück an objektiver Wissenschaft genannt werden könnte, den Leser etwas kritischer auf die großartig-dramatische Erzählung von Flavius Josephus blicken.

Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Anne Weber

Annette, ein Heldinnenepos

Die 1923 in der Bretagne geborene Annette Bemanoir stammt aus einfachen Verhältnissen. Sie wächst in einem liebevollen Elternhaus auf. “Glück ist der Grundton ihres Alltags” heißt es, und diesem Glück verdankt Annette ihren Gerechtigkeitssinn, den Glauben an Freiheit und Gleichheit und ein unerschrockenes Herz.

Mit neunzehn Jahren – sie ist gerade zum Medizinstudium nach Paris gegangen – tritt sie der kommunistischen Résistance bei. Als sie zwei jüdischen Jugendlichen das Leben rettet und damit gegen die Regeln der “clandestines” verstößt, geht sie nach Lyon, wo sie im Widerstand der Gaullisten Kurierdienste leistet. Abgeschnitten von allen persönlicheren Kontakten, von ihrer Familie und dem Mitstreiter Roland, den sie liebt, erlebt sie das Kriegsende in Marseille. Dass Roland von ein paar Bauern erschlagen worden ist, erfährt sie erst später.

Nun ist Frieden. Annette heiratet den Arzt und Kommunisten Jo. Sie schließt das Medizinstudium ab, bekommt Kinder. Aber der Frieden hält für sie nicht: In den fünfziger Jahren beginnt der Algerienkrieg, und selbstverständlich ist Annette auf Seiten der algerischen Unabhängigkeitskämpfer. Sie engagiert sich beim FLN, wird verraten und zu zehn Jahren Haft verurteilt. Sie kann nach Tunesien fliehen, allerdings um den Preis, ihre Familie zurück zu lassen. Dort arbeitet sie als Ärztin. Nachdem Algerien die Unabhängigkeit erlangt hat, geht sie dort hin, um für die neue Regierung im Gesundheitsministerium zu arbeiten. Aber das, was sie bereits nach dem Ende des Weltkriegs erlebt hat, erlebt sie auch hier: Den rivalisierenden Widerstandsgruppen geht es mehr um die Erlangung der Macht als um das Wohl der Menschen. Sie muss erneut fliehen – diesmal vor dem putschenden Militär. Da es in Frankreich immer noch keine Amnestie für “Terroristen” gibt, landet sie schließlich in der Schweiz. So viel zur Handlung, die hier nur absolut verkürzt wiedergegeben wird.

Anne Weber hat die über neunzigjährige Annette Beaumanoir 2018 kennengelernt und ihre Geschichte – gestützt auf Gespräche mit ihr und ihren in Deutschland unter dem Titel Wir wollten das Leben ändern erschienen Erinnerungen – aufgeschrieben. Man meint, beim Lesen Annettes Stimme zu hören, aber auch die der Autorin, die das Erzählte, oft ironisch, kommentiert: Wie verhält es sich mit dem Idealismus, den Prinzipien und dem Streben nach einer besseren Gesellschaft? Wie viel Menschlichkeit opfert man den Ideen, über wie viel ist man bereit hinwegzusehen um des hehren Ziels willen? Was bleibt für diesen Kampf auf der Strecke?

Annette, ein Heldinnenepos hat Anne Weber das Buch genannt, und „Epos“ ist hier wörtlich zu nehmen – äußerlich erkennbar an den ungewöhnlichen Zeilenumbrüchen. Spricht man den Text laut oder intoniert ihn stumm beim Lesen, erkennt man seinen inneren Rhythmus und die poetische Struktur. Trotz dieses Kunstgriffs liest das Buch sich packend, lebendig und wirkt an keiner Stelle gekünstelt. Das ist eine doppelte Freude – man liest eine temporeiche, atemberaubende Lebensgeschichte in der Form antiker Heldenerzählungen – ein stilistisches Wagnis, das Anne Weber wunderbar gelungen ist!

Ruth Roebke, Bochum