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Jana Volkmann

Auwald

Verbrecher Verlag
20€

Als ihr Portemonnaie inklusive der Fahrkarte zurück nach Wien geklaut wird, verschwendet Judith keinen Gedanken daran die Polizei zu verständigen oder die Diebin zu stellen. Stattdessen beobachtet sie, wie diese statt ihrer die Fähre besteigt. Judith nimmt aus der Distanz fast zärtlich Abschied von ihr. Das Boot wird jedoch nie in Wien ankommen und gilt schon bald als verschollen. Wie vom Erdboden verschluckt, bleibt das Verschwinden vollkommen unerklärlich. Schon bald werden Suchtrupps aktiv. In dem Moment, da Judith realisiert, dass sie – als angeblich Passagierin – ebenfalls als verschollen gelten muss, trifft sie eine Entscheidung. Ohne einen Blick zurück schlägt sie sich in eine unerwartete Wildnis.

Jana Volkmanns kurzer Roman kreist um die Themen der Entfernung, Betrachtung und Einsamkeit. Anders als man aber bei dieser Beschreibung denken könnte, ist es eine ungebrochene Leichtigkeit, die diesen Text auszeichnet. Die gerade beschriebene gegenwärtige Handlung, wechselt sich mit Erinnerungen Judiths an ihr zurück gelassenes Leben ab, in welchen wir die gleiche Beobachtungsweise der Protagonistin erkennen können: Halb staunend, halb ironisch betrachtet Judith Menschen wie Gebäude und Ereignisse gleichermaßen distanziert aber nicht ohne Interesse. Der Text ist weit davon entfernt psychologische oder soziologische Erklärungsansätze dafür zu finden. Judith erscheint weniger als tragischer Einzelgänger, denn als schräge Kultfigur. Über die Entscheidung ihrem Leben den Rücken zu kehren, erfahren wir nichts als die Erleichterung, die dieser Schritt bei Judith auslöst.

Jana Volkmanns Stil ist dabei im aller besten Sinne unterhaltsam. Die Flucht der Protagonistin trägt teils absurd apokalyptische Züge, die Figuren, die ihr begegnen sind schräg und erinnern fast an die Geschichten des Simplicissimus. Diese Szenen wechseln sich mit langen, unaufgeregt und von Pathos freien Naturbetrachtungen ab. Obwohl das Thema der Distanz sich wie ein roter Faden durch den Text zieht, erscheint ebenso, wie als Negativ-Abzug, immer wieder die Möglichkeit oder die Hoffnung auf Zärtlichkeit auf; mit der bittersüßen Erkenntnis, dass die LeserIn Judith nach nur knapp 200 Seiten wieder ziehen lassen muss.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Edvarts Virza

Straumeni

Guggolz Verlag
25 €

Straumēni ist ein altes Gehöft in Zemgalen, einem Landstrich im südlichen Lettland. Mitte des 19. Jahrhunderts ist das bäuerliche Leben dort noch weitgehend so, wie es seit Generationen war. Es folgt dem Jahresrhythmus, der die Arbeiten auf dem Land vorgibt. In diesem Gefüge haben die Menschen ihre vorgegebenen Tätigkeiten und Rollen, und jenseits des zugewiesenen Platzes gibt es wenig Spielraum für den Einzelnen. So sind es weniger die Menschen, die den Mittelpunkt des Buches bilden, sondern vielmehr ihre Funktionen und Arbeiten, die wiederum den Anforderungen der Natur und der Landwirtschaft folgen. Im Zentrum steht das Gehöft – Straumēni.

Die Handlung – falls man davon überhaupt reden kann – spielt in der Zeit kurz vor Beginn der Mechanisierung der Landwirtschaft. Sie beginnt mit dem Winterende, als das Eis schmilzt und der kleine Fluss Lilupe sich in einen reißenden Strom verwandelt, der mitten durch das Gehöft braust. Beschrieben werden die vielfältigen Tätigkeiten der Männer und Frauen im Haus, in den Ställen und auf den Feldern, die mit dem Frühjahr beginnen. Der kurze, heiße Sommer gipfelt in der Heu- und Getreideernte. Der Herbst ist die Zeit der Kartoffelernte und des Haltbarmachens der Vorräte für die Winterzeit, in der sich eine harte kalte Decke aus Eis und Schnee über das Land legt und das Leben draußen fast zum Stillstand bringt. Das ist die Zeit, in der im Innern des Hauses der Flachs gesponnen wird und die Werkzeuge für das kommende Jahr repariert werden. Dieser Kreislauf wird durch die unterschiedlichsten Feste unterbrochen, die die harte Arbeit kurz vergessen lassen und bei denen geschmaust, getrunken und getanzt wird – und das nicht zu knapp!

Dass der Text, der keinerlei Identifikation mit einzelnen Personen bietet, dennoch nie langweilig wird, liegt an Edvarts Virzas wunderbar genauen und sinnlichen Sprache. Man fühlt beim Lesen die sorgsam glatt geschliffenen Holzstiele der Arbeitsgeräte, hört das trockene Stroh unter den Füßen der Schnitter knacken und riecht das frisch gebackene Brot. Man sieht die weiten Himmel und Wolken, die Zugvögel, den ersten Schnee, und man blickt in eine vom schweren Essen und den vielen Körpern aufgeheizte Schänke, in der nach dem Jahrmarktbesuch die obligatorische Schlägerei zwischen den Land- und Stadtbewohnern ausbricht.

Wenn man dem Buch etwas vorwerfen könnte, ist es die Idealisierung einer untergegangenen bäuerlichen Welt. Vielleicht sollte das Nachwort vor der Lektüre des Haupttextes gelesen werden, denn es erklärt vieles, an dem der heutigen Leser sich stören könnte – als erstes die unhinterfragten Rollenbilder von Herren, Knechten und Mägden oder das Frauenbild. Soziale Konflikte spart der Autor völlig aus – aber seine Absicht ist auch eine andere. Edvarts Virza wurde 1883 in einer Zeit geboren, in der das überwiegend bäuerliche lettische Volk auf unterschiedliche russische Gouvernements verteilt lebte, während die Oberschicht deutschstämmig war. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Lettland erstmals unabhängig. Dennoch war es nach Jahrhunderten einer als Unterdrückung empfundenen Geschichte nicht einfach, eine eigene nationale Identität zu finden. Straumēni ist als ein Beitrag dazu zu verstehen, und es ist die hohe stilistische Qualität des Textes, die die Lektüre zu einem literarischen Genuss macht. Sie bescherte dem 1933 erstmals erschienenen Buch einen großen Erfolg, der – unterbrochen durch die Jahre der sowjetischen Okkupation – in Lettland bis heute anhält. Es lohnt sich, Straumēni jetzt auch auf Deutsch zu entdecken!

Ruth Roebke, Bochum

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Mojca Kumerdej

Chronos erntet

Wallstein Verlag
28 €

Landschaftsbilder stehen neben einer scheinbar der Zeit enthobenen Märchensprache, die dann aber wieder abgelöst wird von ins historische Geschehen eingebetteten Diskussionen über Religion, Konfession und Macht. Polyphon ist dieser wunderschöne Roman, aber alles fügt sich zusammen zu einem Bild der Gegenreformation als einer Zeit allgemeiner Verunsicherung. Mojca Kumerdej erhielt für ihren Roman Chronos erntet den slowenischen Prešeren Fund Award, und im Frühjahr dieses Jahres wurde Erwin Köstler für seine Übersetzung mit dem Fabjan-Hafner-Preis ausgezeichnet.

In den innerösterreichischen Erblanden des Habsburger Reiches im späten 16. Jahrhundert machen Krankheit und Unwetter, Schädlinge, Konfessionsstreitigkeiten und absolutistische Machthaber den Leuten das Leben schwer. Letztlich jedoch, so heißt es in Chronos erntet, ist die Zeit der schlimmste Feind des Menschen. Was Chronos hervorbringt, das zerstört er auch wieder. Alles Gute, Hoffnungsfrohe im Menschen sei nur Teil seines Plans, die Menschheit gedeihen zu lassen, bevor er sie ernten kann. Den Menschen geht es derweil darum, die beste Geschichte zu haben – um den Katholizismus zu verteidigen oder den Protestantismus zu befördern, um den Vater zu überzeugen, die Schwangerschaft rühre aus einer Begegnung mit dem Teufel, um einen Bauern zu ächten oder seine Tochter zu foltern. Adelige, Schreiber, Jesuiten, Säufer, Mägde, Bauern, Zauberer, Hexen und Dämonen, sie alle kommen in parallelen Erzählsträngen zu Wort, die wichtigste Stimme hat jedoch „das Volk“, entscheidet es doch unbarmherzig nach Unterhaltungswert und Plausibilität der Geschichten und geht dabei nicht selten rabiat vor.

Misstrauisch beäugt wird der Bauer Kostanšek, dessen Hof eigentlich auf dem besten Weg war, den Bach hinunter zu gehen. Nach dem Besuch eines jüdischen Medikus wird nicht nur seine Tochter nach langer Krankheit auf wunderliche Weise gesund, sondern es erscheinen auch sieben stumme Riesen, die durch ihre stoische, übermenschliche Arbeit dem Hof zu Prosperität verhelfen. Neugierige Nachbarn meinen gesehen zu haben, wie der Bauer sie des Morgens zum Leben erweckt, indem er ihnen Plättchen in den Mund legt. Golems seien das, die deshalb nicht sprächen, weil sie keine Menschen, sondern künstliche Kreaturen wären. Als der Graf die Tochter des Bauern schließlich als Hexe verbrennen lassen will, erzählt man sich, haben diese sieben Golems zusammen mit Kostanšek und einer wütenden Riesin die Tochter befreit, nachdem die Riesin mit ihrem Busen den Kirchturm zum Einstürzen gebracht hat. Wenige Jahre später ist man sich aber nicht mehr sicher, ob es nicht vielleicht doch ein Sturm war, der den Schaden an der Kirche verursacht hat. So schließt sich hier gut die parallele Erzählung des Gerichtsschreibers an, der es nicht mehr erträgt, die grausamen Hexenprozesse zu protokollieren. Stattdessen beginnt er, seine philosophischen Gedanken und existenziellen Zweifel, „Über die Trüglichkeit der Sinne und Wahrnehmungen“, aufzuschreiben, die ihn selbst so verunsichern, dass er dem Wahnsinn verfällt.

Neben dem Chronos-Motiv durchzieht die Figur der Synkope den Roman, eine Figur, die Spannung erzeugt, das Leichte schwer und das Schwere leicht werden lässt und in ihrer Umkehrungswirkung karnevalistische Funktionen erfüllt. Chronos’ regelmäßiges Fortschreiten kann zwar nicht aufgehalten werden, aber durch die Geschichten und das Nachdenken der Menschen wird der Rhythmus variiert. Ist Mojca Kumerdejs Roman ein historischer Roman? Ja, aber genauso ein philosophischer und fantastischer.

Nervös ist die Gesellschaft Ende des 16. Jahrhundert, in einer Zeit von „moralisch-meteorologisch-medizinischen Katastrophen“. Wer heute die Gunst auf seiner Seite hat, kann sie morgen durch Klimaumschwünge, Krankheiten oder die Launen von Adel und Klerus schon verloren haben. Aus dieser Nervosität entstehen Gewalt, Mythen und Gedanken über den Handlungsspielraum des Menschen als mögliche Wege, den Rhythmus der Zeit zumindest zu variieren, wenn er schon nicht aufgehalten werden kann. Es lohnt sich gerade heute, in unserer nervösen Zeit, Kumerdejs Roman zu lesen.

Alena Heinritz, Innsbruck

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Anne Weber

Annette ein Heldinnenepos

Ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2020

Matthes & Seitz Verlag
22€

Die 1923 in der Bretagne geborene Annette Beaumanoir stammt aus einfachen Verhältnissen. Sie wächst in einem liebevollen Elternhaus auf. “Glück ist der Grundton ihres Alltags” heißt es, und diesem Glück verdankt Annette ihren Gerechtigkeitssinn, den Glauben an Freiheit und Gleichheit und ein unerschrockenes Herz.

Mit neunzehn Jahren – sie ist gerade zum Medizinstudium nach Paris gegangen – tritt sie der kommunistischen Résistance bei. Als sie zwei jüdischen Jugendlichen das Leben rettet und damit gegen die Regeln der “clandestines” verstößt, geht sie nach Lyon, wo sie im Widerstand der Gaullisten Kurierdienste leistet. Abgeschnitten von allen persönlicheren Kontakten, von ihrer Familie und dem Mitstreiter Roland, den sie liebt, erlebt sie das Kriegsende in Marseille. Dass Roland von ein paar Bauern erschlagen worden ist, erfährt sie erst später.

Nun ist Frieden. Annette heiratet den Arzt und Kommunisten Jo. Sie schließt das Medizinstudium ab, bekommt Kinder. Aber der Frieden hält für sie nicht: In den fünfziger Jahren beginnt der Algerienkrieg, und selbstverständlich ist Annette auf Seiten der algerischen Unabhängigkeitskämpfer. Sie engagiert sich beim FLN, wird verraten und zu zehn Jahren Haft verurteilt. Sie kann nach Tunesien fliehen, allerdings um den Preis, ihre Familie zurück zu lassen. Dort arbeitet sie als Ärztin. Nachdem Algerien die Unabhängigkeit erlangt hat, geht sie dort hin, um für die neue Regierung im Gesundheitsministerium zu arbeiten. Aber das, was sie bereits nach dem Ende des Weltkriegs erlebt hat, erlebt sie auch hier: Den rivalisierenden Widerstandsgruppen geht es mehr um die Erlangung der Macht als um das Wohl der Menschen. Sie muss erneut fliehen – diesmal vor dem putschenden Militär. Da es in Frankreich immer noch keine Amnestie für “Terroristen” gibt, landet sie schließlich in der Schweiz. So viel zur Handlung, die hier nur absolut verkürzt wiedergegeben wird.

Anne Weber hat die über neunzigjährige Annette Beaumanoir 2018 kennengelernt und ihre Geschichte – gestützt auf Gespräche mit ihr und ihren in Deutschland unter dem Titel Wir wollten das Leben ändern erschienen Erinnerungen – aufgeschrieben. Man meint, beim Lesen Annettes Stimme zu hören, aber auch die der Autorin, die das Erzählte, oft ironisch, kommentiert: Wie verhält es sich mit dem Idealismus, den Prinzipien und dem Streben nach einer besseren Gesellschaft? Wie viel Menschlichkeit opfert man den Ideen, über wie viel ist man bereit hinwegzusehen um des hehren Ziels willen? Was bleibt für diesen Kampf auf der Strecke?

Annette, ein Heldinnenepos hat Anne Weber das Buch genannt, und „Epos“ ist hier wörtlich zu nehmen – äußerlich erkennbar an den ungewöhnlichen Zeilenumbrüchen. Spricht man den Text laut oder intoniert ihn stumm beim Lesen, erkennt man seinen inneren Rhythmus und die poetische Struktur. Trotz dieses Kunstgriffs liest das Buch sich packend, lebendig und wirkt an keiner Stelle gekünstelt. Das ist eine doppelte Freude – man liest eine temporeiche, atemberaubende Lebensgeschichte in der Form antiker Heldenerzählungen – ein stilistisches Wagnis, das Anne Weber wunderbar gelungen ist!

Ruth Roebke, Bochum

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Dorothee Elmiger

Aus der Zuckerfabrik

Hanser Verlag
23 €

Wer oder was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an Zucker denken? Der süße Geschmack, Naschwerk, Überfluss, aber auch Selbstzügelung und Beherrschung? Vielleicht auch seine Produktionsbedingungen? Dorothee Elmiger führt anhand ihres sogenannten Recherchetagebuchs suchend durch manchmal dichtverwobene, manchmal kaum korrespondierende Anekdoten und Schilderungen. Die Gegenstände der Aufzeichnungen reichen von Schriftstellerinnen und ihrer Hassliebe zum Essen im Allgemeinen und Zucker im Besonderen bis hin zum Zuckerkonsum des Ökonomietheoretikers Adam Smith und des Führers der haitianischen Revolution Toussaint Louverture. Andere Erzählstränge des Romans sind weniger schnell in dem Kontext Zucker und Zuckerfabrik zu verorten. So etwa die Geschichte rund um den Schweizer Lottogewinner Werner Bruni. Die Szene, in der es um die Versteigerung seiner Besitztümer geht, bildet den Angelpunkt des Romans, auf den das erzählende Ich immer wieder zurückkommt. Aber erst mit der Zeit entfalten sich die symbolischen, allegorischen und logischen Verbindungen zwischen den Geschichten. Es lohnt sich jedoch, der Autorin jenen Vertrauensvorschuss zu gewähren, den es zu Beginn braucht, um sich in das Gewirr loser Erzählungsanfänge zu begeben. Nicht zu Unrecht steht am Beginn des Romans das Bild eines Gestrüpps.

Wir sind es gewohnt, uns als LeserInnen durch einen Text führen zu lassen, Zeit- oder Themensprünge in Maßen und deutlich markiert hinzunehmen. Elmiger hingegen lässt sich von der Form des (wissenschaftlichen) Essays inspirieren, der verschiedene Themen miteinander in Beziehung setzt. Dabei bleibt sie aber spürbar und glücklicherweise im Bereich der Litertur. So gehören nicht von ungefähr die Szenen der auf ihre Liebhaber wartenden Erzählerin mit zu den besten des Buches. Im Verlauf des Lesens werden der LerserIn die verschiedenen Figuren – fiktive wie reale – immer vertrauter, man beginnt, sich im Gestrüpp zurechtzufinden, und kann sich so über erstaunlichen Funde und Besonderheiten freuen, die einem sonst entgangen wären.

Dorothee Elmigers Aus der Zuckerfabrik kreist vor allem um das Thema des Begehrens, dessen Spannbreite aber hier vom Essen als sexueller (Ersatz-) Befriedigung bis hin zum vom Selbst entfremdeten Begehren, welches das Ergebnis der ausbeuterischen Produktionsverhältnisse darstelle. Freud und Marx scheinen so als Referenzpunkte immer wieder auf, nehmen aber keinen gliedernden Stellenwert ein, sondern erscheinen in einer Reihe mit Heinrich von Kleist (Die Verlobung von St. Domingo) oder Deborah Levy.

Das erstaunliche bleibt dabei, dass Elmiger nach anfänglichen Orientierungsschwierigkeiten, die zugestanden seien, der Versuchung des Überfrachtens widersteht und den Roman lesbar und unterhaltsam macht. Der sehr eigene Stil erlaubt es der Autorin, sich den verschiedensten Dingen zuzuwenden, und diese Zuwendung wird von einer je spezifischen Faszination motiviert, die sich dem Text anmerken lässt.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Verbrecher Verlag
18€

Mit der Urteilsverkündung am 11. Juli 2018 im Saal A 101 des Münchener Strafjustizzentrums scheint die Untersuchung zu den Taten des sogenannten NSU abgeschlossen zu sein – und das kann nach Ansicht des AutorInnen-Kollektivs von NSU-Watch keinesfalls hingenommen werden. Zu viele Fragen bleiben offen, zu viele Ungereimtheiten ungeklärt, weshalb das wiederholt geäußerte völlige Aufklärungsversprechen der Bundesregierung mitnichten eingehalten wurde.

Auch wenn rechtskräftige Urteile ausgesprochen und Haftstrafen verhängt worden sind – einen Schlussstrich unter den NSU-Komplex zu ziehen, wäre nicht nur fatal und ein weiterer Schlag ins Gesicht der Angehörigen der Opfer, er wäre zudem das absolut falsche Signal und würde das Vertrauen von Bürgerinnen und Bürgern in unsere Rechtsstaatlichkeit weiter untergraben. Nicht allein die Opfer und die Hinterbliebenen haben Anspruch auf völlige und lückenlose Aufklärung, die auch die Mitverantwortlichkeit des Staates beinhaltet, sondern wir alle. Denn mit dem Freitod von Mundlos und Bönhardt sowie der Gefängnishaft von Beate Zschäpe ist keinesfalls gesichert, dass wir uns beruhigt zurücklehnen und weitermachen können wie bisher. Das Gegenteil ist vielmehr der Fall: Die Menge der Anfeindungen und Angriffe mit rassistischem Hintergrund beherrschen zusehends die Medien und zeugen von einer Problematik, die tiefer sitzt, als wir uns eingestehen wollen. Es kann nicht angehen, dass sich Menschen, die unsere Mitbürger sind, aus dem deutschen Wir ausgeschlossen fühlen. Das vorliegende Buch fordert daher dazu auf, nicht müde zu werden und die richtigen Fragen zu stellen. Die These, dass zehn Morde, drei Sprengstoffanschläge mit zahlreichen Opfern und ein Dutzend Raubüberfälle allein auf das Konto eines augenscheinlich geistig wenig aufgeweckten Trios gehen, klingt nicht überzeugend. Zwingend notwendig ist vielmehr eine umfassende Aufarbeitung auch – und besonders – in der Gesellschaft, in der wir leben. Dieses Buch, verfasst von den AutorInnen des NSU-Kollektivs, das den Prozess verfolgt und minutiös dokumentiert hat, verhilft dem Leser in klarer Sprache dazu, sich einen ausreichenden Einblick in die Sachlage zu verschaffen. Ein wichtiges, ein nötiges Buch, das dem Verbrecher Verlag hoch anzurechnen ist.

Axel Vits, Der andere Buchladen, Köln

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Patti Smith

Im Jahr des Affen

Kiepenheuer & Witsch
20 €

2016 wurde Patti Smith 70 Jahre alt. In ihrem neuen Roman verbindet sie die Ereignisse dieses Jahres zu einer Art literarischem Spaziergang, der sich ziellos an der US-amerikanischen Westküste ausdehnt. Die Bilder, die Smith dabei entwirft, besitzen eine gewisse entschleunigte Strahlkraft. Zeit spielt dabei eine zentrale Rolle; nicht nur im Hinblick auf ihren eigenen anstehenden runden Geburtstag, sondern auch im Rückblick auf die Zeit, die sie mit anderen Menschen geteilt hat. Die Erkrankung zweier ihrer engsten Freunde sind der Protagonistin Anstoß für Überlegungen zu Nähe und Distanz durch die Zeiten hindurch und über Räume hinweg. In einem winzigen und heruntergekommenen Strandcafé trifft die Protagonistin auf einen rätselhaften Mann namens Ernest. Immer wieder wird er auf ihren Reisen plötzlich auftauchen und wieder verschwinden. Mit ihm führt sie lange Gespräche über Bolaño, Pasolini und den Ayers Rock. Obwohl es sich spürbar um ein autobiographisches Werk handelt, haftet dem Roman nicht Voyeuristisches an, was auch an dem hohen Anteil phantastischer Elemente liegen könnte, die oft mit den kunstvollen Fotografien verknüpft sind, die den Text durchziehen. Sie zeigen nur selten Personen aus Smith’ Leben, häufig hingegen besondere Gegenstände, Wegmarken und Erinnerungen . Auf biographische Anekdoten verzichtet die Autorin fast ganz.

Patti Smith‘ Stil ist extravagant und wortgewaltig. Und Brigitte Jakobeits Übersetzung wird dem auf bemerkenswerte Weise gerecht. Die Bilder, die die Autorin entwirft und die sich um Träume, Reisen und Zeitlichkeit drehen, sind — auch wenn sie mitunter ins esoterische zu kippen drohen — faszinierend und oft überraschend. Im Jahr des Affen ist eine spielerische, nonkonformistische Meditation über Wege und Wegmarken: „Eine Welt, die für sich gesehen nichts bedeutet, aber auf jede unaussprechliche Frage im irrsinnigen Stück des frühen Winters eine Antwort zu enthalten schien.“

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Antje Herden

Parole TeeTee

Tulipan Verlag
13 €
ab 9 Jahren

„Alle fanden Teetee merkwürdig“, die Kinder und sogar die Erwachsenen. Dass sie trotzdem irgendwie der gute Geist des Viertels ist und immer gerade das aus ihrer vielleicht sogar magischen Tasche hervorholen kann, was ihr Gegenüber gerade braucht – egal ob es ein Reim-Lexikon oder eine Orangenpresse ist – fällt allen eigentlich erst auf, als Teetee plötzlich verschwunden ist.

Sara und Saha, die eigentlich beste Freundinnen, gerade allerdings fürchterlich zerstritten waren, Bene mit den strengen Eltern und Cosmo, der ganz schön schnell ganz schön wütend werden kann, sowie sein kleiner Freund Stulle, die schüchterne Lene und Juni, der erst seit kurzem mit seinen Eltern in Deutschland lebt, schließen einen Pakt, um die freundlich-schräge Dame wiederzufinden: Parole Teetee!
Im kleinen Lebensmittelladen von Herrn Mansur wird eine geheime Kommandozentrale errichtet, nachdem klar ist, dass die Polizei sich nicht um Teetees Verschwinden kümmern wird. Als dann auch noch die vervielfältigten Such-Plakate wie von Geisterhand über Nacht verschwinden, ist den Kindern klar, dass sie ihre Suche ab sofort heimlich und unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen fortsetzen müssen. Gar nicht so einfach, wenn die Entdeckungen so aufregend sind! Wer hat Teetee zuletzt gesehen? Der Obdachlose mit den abstehenden weißen Haaren, der meistens unter einer der Bänke im Park schläft und eigentlich Herr Obermayer heißt? Oder ist vielleicht sogar Benes Vater in das Verschwinden der alten Dame verwickelt oder der immer unfreundliche Zahnarzt Doktor Bernius? Dass Vieles oft anders ist, als es auf den ersten Blick scheint, klärt sich nach und nach auf.

Die bereits mehrfach für ihre Kinder- und Jugendbücher ausgezeichnete Autorin Antje Herden hat mit Parole Teetee erneut eine ebenso spannende wie einfühlsame Geschichte für Kinder ab 9 geschrieben. Viel arbeitende, sehr strenge Eltern, Freundschaftskrisen oder ein erstes heimliches Verliebtsein kennen wahrscheinlich viele Kinder. Und dass ein Kind aus einem anderen Land plötzlich neu in die Klasse kommt, weil es mit seiner Familie in seiner Heimat nicht mehr leben konnte, werden auch schon einige erlebt haben. Warmherzig und authentisch schildert Herden den manchmal schönen und manchmal betrüblichen Alltag unterschiedlicher Kinder, nimmt sie in ihren Eigenheiten und Sorgen augenzwinkernd ernst.

Und spätestens am Ende des Buches möchte man nichts lieber, als zu dieser Kinderbande dazu zu gehören und gemeinsam einen weiteren Fall zu lösen!

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Eric Vuillard

Der Krieg der Armen

Matthes & Seitz Verlag
16 €

Gewöhnlich erkennt man historische Romane an ihren vielen eng gedruckten Seiten und ihren Beschreibungen. Vuillards Der Krieg der Armen über die Bauernaufstände im 16. Jahrhundert ist ein historischer Romanessay anderer Natur: Der Autor konzentriert sich auf Wendepunkte der Geschichte und konfrontiert Leserin und Leser ganz ohne epische Breite mit Stimmungen, Geräuschen, Gerüchen, Klängen, Texturen und Landschaften.

Der Krieg der Armen stellt das Handeln einflussreicher Figuren der Reformation in den Vordergrund: Thomas Müntzer und seine Vorläufer John Wyclif und Jan Hus. Anders als Martin Luther vertritt Thomas Müntzer, geboren 1489 in Stolberg im Harz, die Position, auch mit Gewalt gegen die Unterdrückung der Armen durch Kirche und Fürsten kämpfen zu müssen. Müntzers Entrüstung über die Ungerechtigkeit der Römischen Kirche beginnt im Alter von elf Jahren, als sein Vater gehängt wurde. Er wird Prediger in Zwickau, Prag, Allstedt und Mühlhausen, wo er vor den Armen leidenschaftlich – und vor allem nicht in Latein, sondern auf Deutsch – predigt und sie auf die Ungerechtigkeit ihrer Situation stößt. Er wiegelt die Bauern auf und fördert die gewaltsamen Aufstände in Hessen, Oberfranken, Thüringen und Sachsen. Nach der Niederlage der Bauern in der Schlacht bei Frankenhausen wird Müntzer enthauptet.

Der Roman erzählt die Geschichte der frühneuzeitlichen Bauernaufstände als Willensgeschichte eines entschlossenen Mannes, den seine Überzeugung das Leben kostet, der aber Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit in die Welt bringt. Sozialkitsch, möchte man meinen, wäre das Buch nicht von ungeheurer literarischer Qualität. Das Genre, das Vuillard hier bedient, ist wirklich ganz erstaunlich – man könnte es historisches Haiku nennen, wenn die Sprache des Romans nicht so saftig, direkt und radikal wäre. Die Kürze tritt an Stelle der ausführlichen Beschreibungsdichte des historischen Romans. Stattdessen scheint jedes Wort einen ganzen Roman zu entfalten. Beim Lesen scheint es, als könnte keine noch so ausführliche Beschreibung an die Lebendigkeit heranreichen, die Vuillards Lakonie erreicht. Dabei ist hier nichts objektiv: Die Erzählinstanz wird selbst zur handelnden Figur, die wütet, rast, euphorisch jubelt, schimpft und spottet. Es ist genau dieser Erzähler, der die im historischen Präsens erzählte Geschichte lebendig macht, ohne dass die erzählten Figuren tatsächlich plastisch werden. Es gibt dabei auch nicht die geringste Ambivalenz, nicht den Hauch eines Zweifels an der Parteinahme der Erzählstimme für die Aufständischen und gegen die Fürsten. Es istein merkwürdiger Kontrast zwischen Lebendigkeit und Holzschnitt, der den Reiz des Buchs ausmacht.

In dieser ungeheuren, komprimierten Dichte bleibt es nicht aus, dass das Wort auf sich selbst verweist und somit das Poetische ins Zentrum rückt. Nicht für die Geschichte also, sondern für die Literatur lässt sich wünschen, dass Vuillard weiter so radikal in die Geschichte blickt; und vielleicht wäre das der Beginn einer neuen, zeitgemäßen Interpretation von „engagierter Literatur“.

Alena Heinritz, Münster