Buchempfehlungen

121 Beiträge

Buchempfehlung

Kiepenheuer&Witsch
22 €

Zusammen aufgewachsen in einem abseitigen Viertel einer deutschen Stadt, sehen sich die drei Kameradinnen Saya, Kasih und Hani im zweiten Roman von Shida Bazyar nach Jahren des Getrenntseins wieder. Saya ist zu Besuch, extra aus der Ferne herbeigeflogen – eine gemeinsame vierte Freundin hatte zu ihrer Hochzeit geladen. Mit bringt Saya ihren Zorn über Ausgrenzung, Alltagsrassismen, Diskriminierung und Vorurteile, denen die drei in einer weißen Mehrheitsgesellschaft ausgesetzt sind. Neben ihrer gemeinsamen Herkunft eint die drei vor allem auch dies: Keinen rechten Platz in dieser Gesellschaft zu finden, immer wieder darauf zurückgeworfen zu sein, als anders wahrgenommen zu werden, bedroht zu werden und Angst zu haben.

Solcherlei schwingt bei den Situationen, die die drei in den wenigen Tagen des Wiedersehens, die Shida Bazyar hier schildert, stets mit. Ob beim ausgelassenen Plaudern auf dem Dach eines Mehrfamilienhauses, ob bei einer Party oder auch beim notgedrungenen Besuch des Arbeitsamtes, zu dem Saya Kasih begleitet: Nie können sich die drei sicher fühlen, aufgehoben, angekommen. Am wenigsten dann, wenn die Bedrohung plötzlich ganz nahe kommt. Auf ihrem Flug zu den Freundinnen sitzt ein Nazi neben ihr. Später wird das Haus dieses Nazis abbrennen wird. Eine Tat, für die Saya ins Gefängnis kommt …

Unter den vielen Titeln, die momentan unter dem sogenannten Label der „post-migrantischen Literatur“ laufen, sticht Shida Bazyars sicherlich heraus. Mit virtuosem Furor schreibt sie an gegen die vermeintlichen Aporien identitätspolitischer Anliegen in einer Gesellschaft, die seit Rostock, Mölln, Halle oder Hanau zwar stets wiederholt, dass sich solcherlei nicht wiederholen darf, ihr Versprechen aber nie einzulösen vermag. Die Prosa, die sie dabei als Form ihres Beitrages zu diesem Diskurs wählt, erscheint als Glücksfall.

Sie hat damit ein Medium gewählt, dass es dem als Teil der weißen Mehrheitsgesellschaft angenommenen Leser ermöglicht, gleichsam ausschnittsweise mitzufühlen mit den drei Protagonistinnen des Romans. Die Lektüre wird ausdrücklich empfohlen.

Max Eisenbarth, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Buchempfehlung

Ulrike Edschmid

Suhrkamp Verlag
20 €

Levys Testament

Der Roman beginnt im Jahr 1972 in Berlin. Die namenlose Ich-Erzählerin, Studentin der Berliner Filmakademie, reist von Berlin nach London, weil sie der Überwachung durch die bundesrepublikanische Polizei entkommen will. Nach dem Verschwinden ihres Freundes Philip S., der aus ihrem Leben „verschwunden und mit falschen Papieren untergetaucht ist“, will die Erzählerin nur raus aus der eingemauerten Stadt. In London lernt sie „den Engländer“ kennen und lieben, von ihm ist im weiteren Verlauf des Romans fast ausschließlich die Rede.

In knappen Sätzen wird die politisch aufgeheizte Situation der 70ger Jahre geschildert. Der Roman spielt in besetzten Häusern, in deren Wohngemeinschaften politisch debattiert wird; Flugblätter werden verfasst gegen Ausbeutung, gegen den Kapitalismus und den Imperialismus. Er berichtet von den Bombenanschlägen der IRA und der Angry Brigade, einer anarchistischen Gruppe, die Bomben auf Eigentum geworfen hat, aber keine Menschen töten wollte. Hier beschreibt Ulrike Edschmid eine grundlegende Differenz zu den deutschen politischen Kämpfen gegen „das System“. Gemeinsam mit anderen verfolgen die Ich-Erzählerin und der Engländer den Prozess gegen acht Anarchisten im Gerichtssaal des Old Bailey. Die Angeklagten erhalten drakonische Strafen. Das Paar erkundet London mit dem Bus, er zeigt ihr die Orte, an denen er aufgewachsen ist.

Sie leben gemeinsam in Berlin, danach in Frankfurt. Edschmid erzählt ihre Liebesgeschichte als Teil der politischen Bewegungsgeschichte der 70er Jahre: die Frankfurter Häuserkämpfe, die „politische Fabrikarbeit“ (der Engländer arbeitet zwei Jahre bei Degussa), die Nelkenrevolution in Portugal, Flugblattaktionen gegen Francos Diktatur in Spanien. Das Paar trennt sich, aber sie bleiben in Freundschaft tief verbunden.

Dann beginnt ein ganz anderer Teil dieses Romans. Die Ich-Erzählerin ist nicht mehr agierender Teil der Erzählung. Sie erzählt das weitere Leben „des Engländers“: Er macht eine erstaunliche Karriere als Regisseur, wird später Professor für Theaterwissenschaft. Sehr spät wird er von einem Teil seiner Familie entdeckt, die er nicht kannte. Er wusste, dass er Jude ist, aber das spielte bisher nur eine Rolle zur Erklärung seiner Heimatlosigkeit und Nicht-Zugehörigkeit. So wie seine Mutter ihm prophezeite: „Du wirst nie dazugehören. Du bist Jude und wirst es immer bleiben.“ Das lebenslange Schweigen seines Vaters über die Geschichte seiner Herkunftsfamilie erweist sich im Nachhinein als ein völlig anderes und viel gewichtigeres Motiv für sein Nirgends-Dazugehören, Nicht-Sesshaft werden Können.
Nun sucht der Engländer nach seiner Familiengeschichte und findet eine Tragödie. Sie beginnt im frühen 20. Jahrhundert und handelt von einem Patriarchen und von einem großen Betrug, dessen Opfer der eine Sohn wird – der Großvater „des Engländers“. Der Urgroßvater hat einen Versicherungsbetrug begangen, sein Sohn Jacob musste die Schuld seines Vaters auf sich nehmen. Jacob wird in einem Gerichtsverfahren, das – wie das Verfahren gegen die Anarchisten – im Old Bailey stattfindet, zu einer Gefängnisstrafe mit Zwangsarbeit verurteilt. Er stirbt an den Folgen. Er selbst und seine Nachkommen, der Ginger Joe genannte Sohn Joseph und dessen Sohn, „der Engländer“, werden aus der Familie ausgestoßen und aus der Familiengeschichte getilgt. Die Familie des „Engländers“ überlebt in großer Armut, während der andere Teil der Familie reich und erfolgreich weiter leben kann. Der Vater „des Engländers“ hat sein Leben lang über seine Herkunft aus dem reichen Bürgertum und über das Schicksal des Großvaters geschwiegen. Es gab nie eine Entschuldigung und auch keine späte Wiedergutmachung.

Beim Lesen entsteht für die deutsche Leserin eine Erwartung, ein Grundgefühl des Grauens. Sie rechnet mit einem Schicksal von Verfolgung in der Schoa, sobald dieses Drama der jüdischen Familie auftaucht. Das ist im Blick auf die Erzählung eine falsche Erwartung, aus der die Lektüre allerdings ihre Spannung bezieht. Sehr lesenswert.

Barbara Determann, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Buchempfehlung

Michael Maar

Schlange im Wolfspelz

Rowohlt Verlag
34 €

Wer hat sich beim Lesen eines Buches, einer Erzählung oder eines Gedichts nicht schon gefragt, warum ein Text berührt, amüsiert, in Bann schlägt oder langweilt? Natürlich gibt es neben den persönlichen Vorlieben auch etwas darüber hinaus, und das hat mit den Mitteln zu tun, mi denen ein Autor eine bestimmte Wirkung erzielt und wie souverän er sie handhabt – also mit dem Stil.

Aber was ist Stil in der Literatur und vor allem, was ist guter Stil? Auf über 500 Seiten (den Anhang nicht mitgezählt) erkundet der Germanist und Literaturkritiker Michael Maar dieses Thema auf unterschiedlichen Ebenen: Wortwahl, Syntax, Einsatz von Satzzeichen, Metaphern und was noch alles daran beteiligt ist, einen Text in Literatur zu verwandeln. Die Beispiele, die der Autor dazu heranzieht, stammen aus der Prosa wie der Lyrik, reichen von Goethes Wahlverwandtschaften über Keuns Das kunstseidene Mädchen bis Herrndorfs Tschick.

In den ersten drei Abschnitten des Buches geht Maar anhand von Beispielen verschiedenen Stilelementen nach. Im dritten, dem längsten Abschnitt, stellt er einzelne Autoren und deren Stilmerkmale vor. Abschnitt fünf befasst sich mit Lyrik, Abschnitt sechs mit erotischer Literatur.

Bei aller formalen Kritik, der Maar die jeweiligen Werke unterzieht, betont er aber immer wieder, dass es den EINEN guten Stil nicht gibt und die Grenzen zwischen Kunst und Kitsch, zwischen souverän gebauten Sätzen und verschachtelten Bandwurmgebilden, zwischen originellen Bildern und quietschenden Metaphern oft sehr dünn ist. Maar ist in seinen Beurteilungen nicht zimperlich und stößt schon mal von mir persönlich geschätzte AutorInnen vom Sockel. Aber er verhehlt auch seine eigenen Stilvorlieben – Distanz, Ironie und Humor – nicht und räumt ein, dass der persönliche Geschmack bei der Bewertung von Texten durchaus sein Recht hat.

Meine persönliche Meinung zu Die Schlange im Wolfspelz ist: Wer es wie der Autor schafft, so viel überbordendes Material, so viel Wissen so souverän und unterhaltsam an den Leser zu bringen, schreibt mit Sicherheit einen guten Stil und ist nicht grundlos auf der Liste der für den Sachbuchpreis 2021 nominierten Autoren. Vergnüglicher als mit diesem Buch lässt sich jedenfalls das eigene Wissen, warum – jenseits persönlicher Vorlieben – ein Buch gefällt oder missfällt, nicht erweitern.

Ruth Roebke, Frankfurt

Buchempfehlung

Juliane Ranck und Laura Setzer

Urban Farming

Löwenzahn Verlag
24,90 €

Die meisten LeserInnen der Kommbuch-Empfehlungen erwarten wohl vor allem Orientierung im Dickicht literarischer Neuerscheinungen und Hinweise auf das politisch und gesellschaftlich relevante Sachbuch. Dass die heutige Entdeckung sich auf den ersten Blick als ungewöhnlicher „Gartenratgeber“ tarnt, weckt hoffentlich Neugier. Hinter dem Titel Urban Farming der zwei Frankfurter Autorinnen Juliane Ranck und Laura Setzer steckt nämlich viel mehr: Es geht um nicht weniger als unser aller Zukunft, um das Miteinander von Mensch und Natur, um Alternativen zum Ressourcen vernichtenden Raubbau unserer überkommenen kapitalistischen Lebensform, um Ökosysteme, um Klimawandel und vor allem um sehr konkrete Vorschläge, was wir direkt vor unserer Haustür anders machen können, um ihn aufzuhalten.

Vom „Urban Gardening“ haben viele von uns schon mal gehört: kleine Parzellen in großen Städten, auf denen ein paar ambitionierte, alternative Freizeitgärtner dem städtischen Grau trotzen. Was aber ist Urban Farming? Was kann man sich unter Ernährungssouveränität vorstellen? Und was genau verbirgt sich hinter der seit den 1970er Jahren existierenden Idee der Permakultur (permanent (agri)culture)?

Ranck und Setzer haben in ihrem Buch historische und internationale Beispiele zusammengetragen, in denen Menschen alternative Formen des Gemüseanbaus gesucht, gefunden und weiterentwickelt haben, um viele Menschen unabhängig von langen Lieferwegen satt zu kriegen. Diese Beispiele reichen von den Pariser Marktgärtnern im 19. Jahrhundert über Rob Hopkins und seine Transition-Town-Bewegung bis zum Incredible Edible-Phänomen von Mary Clear in der kleinen britischen Textilstadt Todmorden.

Mit den theoretischen Grundlagen geben sich die Autorinnen jedoch nicht zufrieden, sondern initiierten und beschreiben nun eine ganz eigene Bewegung mit gemeinschaftlichem, ertragreichen Gemüseanbau in einer Großstadt wie Frankfurt. Kooperation statt Konkurrenz ist ein zentraler Permakultur-Satz. Und wenn man das Buch der sogenannten „GemüseheldInnen“ in den Händen hält, die Bilder der vormals zugemüllten Brachflächen, die zu blühenden Gemüsebeeten werden, betrachtet, keimen fast automatisch eigene Bilder auf und eine Vision, wie unsere Zukunft auch aussehen könnte.

Juliane Ranck, Laura Setzer und mit ihnen viele weitere GemüseheldInnen und vernetzte Organisationen, die sich in ihrem Buch auch vorstellen, haben eine gemeinsame Vision! In einer Zeit, in der es in den Medien immer wieder um die nur scheinbar unlösbare Frage geht, wie der menschengemachte Klimawandel aufzuhalten sein könnte, machen sich hier Menschen „einfach“ an die Arbeit. Statt abzuwarten, was die Politik beschließt, liefern sie einer Stadt und ihrer Region konkrete Vorschläge, die dann mit Fördermitteln zur Nachhaltigkeit nur noch umgesetzt werden müssen.

Vielleicht sind sie ein bisschen größenwahnsinnig, vielleicht aber auch nur realistisch. Denn wenn wir etwas ändern wollen, dann jetzt! In ihrem Vorwort fassen sie ihren Plan so zusammen: „Wir wollen Frankfurt essbar machen und damit dem Klimawandel entgegenwirken, gemeinsam etwas bewegen, uns gesund ernähren, naturnah leben und gärtnern – und das alles mitten im Großstadtdschungel“

Wenn nun die Sommerferien vor der Tür stehen und die sinkenden Infektionszahlen endlich wieder den Blick auf andere Themen freigeben, ist es vielleicht der ideale Zeitpunkt, ein kleines Stückchen Erde und Gleichgesinnte zu finden: Menschen mit Lust auf Veränderung, Spaß am Organisieren, Buddeln oder Gemüsepflänzchen vorziehen, die handwerklich, sprachlich oder politisch versiert sind, mit Kindern oder ohne. Denn in dieser Form der gelebten Permakultur ist jede Neigung und jedes Talent gefragt. Egal ob in Frankfurt, Berlin oder Köln, die Veränderungen hin zu nachhaltigem, lokalem Gemüseanbau können vielleicht von den Städten eher ausgehen als vom ländlichen Raum, wo konventionelle Landwirtschaft nur langsam umgebaut werden kann.

Urban Farming ist Sachbuch, Nachschlagewerk und Inspirationsquelle und wird ab seinem Erscheinungstermin, dem 24. Juni, hoffentlich bei vielen LeserInnen das Gleiche auslösen wie in mir: unbändige Lust, Teil einer aktiven, visionären gesellschaftlichen Bewegung zu werden, dabei zu sein, wenn gemeinschaftlich Zukunft gestaltet wird!

So werden vielleicht private, permakulturelle Initiativen noch in diesem Sommer möglich, nicht nur in Frankfurt!

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Buchempfehlung

Lisa Krusche

Unsere anarchistischen Herzen

S. Fischer
23 €

Charles, eine der beiden Protagonistinnen des Romans, ist im andauernden Krisenbewältigungsmodus. Zuletzt lieferte sie sich mit ihrem Vater, der nackt ein Pappmaché-Imitat vom Kopf seines Verlegers schwenkt, eine wilde Verfolgungsjagd durch die Straßen der Hauptstadt. Doch als die Eltern beschließen, in eine Kommune nach Hildesheim zu ziehen, kapituliert sie. In Berlin hatte sie zumindest ihren besten Freund Georg, der ihr half, den Wahnsinn ihrer Eltern, einem Künstlerpaar, im Rahmen und sich selbst auf Distanz zu halten. In Hildesheim hingegen fühlt sich Charles ihrer Selbstständigkeit beraubt oder, schlimmer noch: es gibt nichts, was sie damit anfangen könnte. Schon in diesem Erzählstrang entfaltet sich das Hauptthema des Romans: das Lebensgefühl einer neuen Generation, die ihre politischen Ambitionen durch die grandios gescheiterten Ideale der Eltern gedeckelt oder verworfen hat und deren Widerstand Eskapismus und Resilienz bedeutet.

Den Konterpart zu der lauten Charles ist Gwen, kurz für Gwendolin, Tochter reicher Eltern. Sie entflieht dem bis in die Karikatur getriebenen Snobismus und der Oberflächlichkeit ihres Elternhauses, um sich mit Jungs aus der Vorstadt zu prügeln. Anders als Charles fehlt es Gwen an einem Haltepunkt außerhalb ihrer selbst, weswegen sie nur um sich selbst kreisen kann. Die Ablehnung des Materialismus ihrer Eltern gipfelt in Tinderdates, die sie gezielt nach Unausstehlichkeit aussucht und bestiehlt, um dann das Geld eher wahllos weiter zu verschenken. Ob dabei nicht der zerstörerische Akt der sexuellen Selbstausbeutung eigentlich im Mittelpunkt steht, bleibt offen. Erst in der Begegnung mit Charles findet Gwen einen Zugang zu sich selbst und ihrer Selbstwirksamkeit.

Der Roman ist somit zum einen eine neue Spielart vom Topos der lebensverändernden Liebe, die hier vollkommen asexuell erscheint, zwischen zwei Freundinnen, die sich in ihrer Gegensätzlichkeit zueinander retten. Zum anderen aber auch ein Generationenportrait, das zeigt, dass es im Spätkapitalismus vor allem ums Überleben geht, wenn auch weniger physischen als im psychischen Sinne. Was in der Handlung schon anklingt, wird von Krusche auf bemerkenswerte Weise ästhetisch und poetisch zu Ende gedacht. Ihre Bilder sind voller Sirup, Melonenkaugummis und freilaufenden Haustierponys. Während Gwen zu weiten Teilen die Repräsentation herkömmlicher jugendlichen Eskapismus ist – Alkoholismus und harter, liebloser Sex – entwirft der Roman eine andere Form von Coping-Strategie, die ihre Anleihen aus dem magischen Realismus zieht. Im Grund hat die vielbesungene Ironie der Popromane hier ausgedient. Wie schon bei Joshua Groß wird die emotionale Distanz und physische Distanzlosigkeit abgelöst durch eine kindlich und utopisch konnotierte Zärtlichkeit: Anarchistische Herzen eben.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Buchempfehlung

Merle Kröger

Die Experten

Suhrkamp Verlag
20 €

Im Dezember 1961 reist die sechzehnjährige Rita Hellberg von Stade nach Kairo, wo ihre Eltern bereits mit “Pünktchen”, der jüngeren Schwester, leben. Der ältere Bruder Kai bleibt in Deutschland. Ritas Vater, ein Flugzeugingenieur, ist einem verlockenden Angebot von Ägyptens Präsident Nasser gefolgt, der entschlossen ist, in seinem Land eine eigene Rüstungsindustrie aufzubauen und dafür Raketenforscher und Flugzeugingenieure aus Deutschland anwirbt. Friedrich Hellberg ist mit seinem neuen Arbeitsumfeld sehr zufrieden. Man bewohnt ein großes Haus in einem Villenviertel, bleibt in Clubs und exklusiven Hotels unter sich, genießt als “Experte” einen Sonderstatus und könnte ein bequemes Leben haben.

Ritas Mutter kann sich jedoch mit den neuen Verhältnissen nicht abfinden. War sie schon in Deutschland zwanghaft putzwütig, befürchtet sie nun Schmutz und Keime in jedem Essen und auf jeder Oberfläche. Rita, die in Deutschland gerade von der Schule geflogen ist und die ihr zugedachte Rolle als Helferin der Mutter nicht annehmen will, bekommt einen Job als Sekretärin in der “Fabrik 333”. Sie beginnt, ihr neues Leben voller Luxus und Exotik als selbständige junge Frau in einem fremden Land zu genießen. Aber nach und nach erkennt sie, dass sie in einem brisanten Umfeld lebt. Nicht wenige der “Experten” haben im NS-Deutschland wichtige Rollen in der Rüstungsindustrie bekleidet. Während Ägypten stolz seine Raketen zur Schau stellt (auch schon mal mit Attrappen) und klar ist, dass das Rüstungsprojekt – trotz anderer Verlautbarungen – eine akute Bedrohung für Israel darstellt, verschanzt sich die deutsche Außenpolitik hinter der Position, “das Feld nicht den Russen” überlassen zu wollen und deshalb nicht einzugreifen. Geheimdienste versuchen Einfluss auf das Geschehen zu nehmen, Bomben werden geworfen, und in Ritas unmittelbarer Umgebung werden Menschen verletzt und sterben. Rita merkt, dass sie die Augen vor der Realität nicht verschließen kann – zumal ihr Bruder Kai, mit dem sie in regem Kontakt steht, sich in Deutschland kritisch mit den politischen Verhältnissen, in denen die Familie lebt, auseinandersetzt.

Fünf Jahre lang hat Merle Kröger an diesem Buch, das sie einen “dokumentarischen Roman” nennt, gearbeitet. Sie hat den Familiennachlass ihrer Freundin Stefanie Schulte Strathaus, deren Großvater einer der “Experten” war, gesichtet und sich mit einigen “Expertenkindern” getroffen. Sie hat in Kairo recherchiert, im BND-Archiv geforscht, Biografien und Autobiografien einschlägiger Personen gelesen. Lebendig und fesselnd zeichnet sie ein atmosphärisch dichtes Bild der frühen 1960er Jahre in Deutschland und Ägypten. Bruchlos wird Realität und Fiktion verschränkt, gleitet Romanhandlung über in BND-Akten, Gerichtsprotokolle, Zeitungsartikel; nahtlos wechseln die Orte und Personen, ohne dass man den Faden verliert oder sich unterbrochen fühlt. Mit Die Experten hat Merle Kröger die fesselnde Geschichte des politischen Erwachens einer jungen Frau in ein reales, genau recherchiertes Umfeld eingebettet und einen Thriller mit wahrem historischen Hintergrund geschrieben, den man atemlos verschlingt.

Ruth Roebke, Bochum

Buchempfehlung

Wauter Mannaert

Yasmina und die Kartoffelkrise

Reprodukt Verlag
20€ ab 10 Jahren

Yasmina gehört zu den Büchern, die Kinder und Erwachsene mit Gewinn und Lust lesen und anschauen und darin sehr Verschiedenes erkennen können. Der Comic liefert dabei eine kritische Analyse unserer Konsumgesellschaft. Moral ist hier durchaus ein Thema, verliert sich aber nicht in belehrenden Exkursen, sondern bleibt nah an der sympathischen Heldin. Und das ist die Schülerin Yasmina – ein Energiebündel mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Ganz in der Tradition der frankobelgischen Comic-Helden sehen wir sie in den immer gleichen Kleidern – ein bewährtes Mittel zur Identifikation mit der Protagonistin. Unter der großen Kochmütze kommen zwei energische Zöpfe hervor, Schürze und Kochkittel verweisen keineswegs auf ein traditionelles Rollenklischee, sondern unterstreichen die Entschlossenheit, mit der Yasmina die Welt zu verbessern gedenkt – mit gutem, gesundem Essen.

Dass die Zukunft auch von der Tatkraft der jungen Generation abhängt, wird in der Figur des Vaters anschaulich. Er arbeitet in einer Pommesbude, jeden Abend zieht Frittenduft durch das Mietshaus (visuell wunderbar eingefangen). Das mit ungesundem Essen verdiente Geld reicht kaum zum Leben. Also hilft Yasmina nicht nur mit selbst organisiertem Gemüse aus, sondern macht damit dem Vater auch noch köstliche vegetarische Pausensnacks, die seine übergewichtigen Kollegen wiederum nur mit Kopfschütteln begutachten.

Konditionierter Geschmack, so könnte man die These des Buches formulieren, macht uns Menschen zu Pawlowschen Hunden. Der belgische Zeichner Wauter Mannaert aber hat kein illustriertes Manifest erschaffen, sondern einen Ökothriller, der sich mit großer Lust auch der Mittel des Genres bedient. Der Bösewicht (Tom de Perre) ist wirklich böse, und sein Plan, die Menschheit durch Geschmack zu manipulieren, wäre einem Gegenspieler James Bonds würdig.

Entsprechend abwechslungsreich sind auch die Szenarien, die Mannaert entwirft: der alternative Gemüsegarten, die furchteinflößende Fabrik, in der die Kartoffeln genmanipuliert werden, Yasminas Wohnhaus mit dem geheimnisvollen Dachgarten. Immer wieder gibt es seitenlange Passagen, die mit wenig oder gar keinem Text auskommen; ein Augenschmaus, möchte man hier unbedingt sagen. Das gilt besonders für die ganzseitigen Bilder, an denen man sich kaum satt sehen kann. Der klassische Ligne-Claire Stil eines Hergé ist vor allem im gut unterscheidbaren Personal durchaus erkennbar. Aber Mannaert öffnet die Bilder, und das nicht nur durch den Verzicht auf Bildrahmen. Die Darstellung der Verwandlung von Menschen und Tieren durch manipulierte Nahrung inszeniert er virtuos in Slapstick Manier.

Das große, temporeiche Abenteuer von Yasmina ist für Kinder ab 10 empfehlenswert, die Rezepte im Anhang sind zwar anspruchsvoll, aber man sollte sie unbedingt probieren.

Jakob Hoffmann, Frankfurt

Buchempfehlung

Bruno Jasieński

Die Nase

bahoe books
16 €

Nach der regelrechten Flut an Nasen-Literatur im 19. Jahrhundert scheint die Nase „nicht nur als Sinnesorgan, sondern auch als Körperteil einer Verarmung ihrer Bedeutung zu unterliegen“ – dabei wurden an der Nase über Jahrhunderte hinweg Identitätsprobleme verhandelt und Identitäten festgemacht! 2021 scheint jetzt aber zum naso-literarischen Ausnahmejahr zu werden. Nicht nur fragt der Schweizer Autor Thomas Meyer Was soll an meiner Nase bitte jüdisch sein?, sondern auch der österreichische BahoeVerlag hat mit Bruno Jasieńskis Die Nase einen Titel publiziert, der die Nasenliteratur erweitert, auch wenn dieser Text nicht zum ersten Mal das Licht der Welt erblickt, denn Jasieński schrieb die Novelle schon 1936. Nun also ist der Text von Elisabeth Namdar neu übersetzt und erstmals als Einzelpublikation veröffentlicht worden: Ein wahrer Glücksfall, hat doch Jasieński seine Zeit mit so viel Weitblick und Scharfsinn beobachtet und die Schriften der 1920er und frühen 30er Jahre rezipiert, dass daraus eine bitterböse Satire auf den Rassenwahn der Nationalsozialisten entstanden ist, in der er den Wahnwitz der Zuschreibung von Identität über scheinbare Rassenmerkmale aufzeigt.

Im Zentrum der kurzen Novelle Die Nase steht Otto Kallenbruck, seines Zeichens Professor für Eugenik, vergleichende Rassenkunde und Rassenpsychologie. Kurz vor der Veröffentlichung seines neuesten Buches – , Kallenbruck geht nochmals die Fahnen durch – tritt er zur Vermessung der eigenen Nase vor den Spiegel und erschaudert: Wo bisher eine arische Nase, „tadellos gerade“, wenn auch „ein wenig fleischig und an der Spitze leicht verdickt“ zu sehen war, prangt nun ein erschreckender „Höcker“. Wie kann das sein? Verwirrt und erschüttert begleitet ihn sein Freund Theodor in den neu eröffneten genealogischen Garten in Berlin. Hier kann er zu seinem eigenen Erstaunen den Familienstammbaum als wirklichen Baum umkreisen. Die Vorfahren hängen als Miniaturpuppen illuminiert wie in einem Weihnachtsbaum an den Ästen. Kallenbruck entdeckt Onkel Gregor, den „unverbesserlichen Junggesellen, mager, mit einem riesigen Kopf“, die „steife Tante Gertrude“, und, ja, auch eine ganze „Girlande kleiner Juden“. Muss er nun, der eigenen Logik gehorchend und die „germanische Rasse“ rettend, Selbstmord begehen?

Skurril, böse und erhellend ist diese Novelle, in der Jasieński die Debatten der 1930er Jahre verarbeitet und seinen Professor auf „Studienreise“ durch die Konzentrationslager schickt. Eine wahre Entdeckung, ein futuristisches Fundstück der Übersetzerin Elisabeth Namdar mit einem literarhistorischen, aktuellen Nachwort von Vladimir Vertlib sowie einem passenden Cover, das von Umberto Boccionis Gemälde Stati della mente verziert wird. Klug, erschreckend und absolut lesenswert.

Ines Lauffer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Buchempfehlung

Yishai Sarid

Die Siegerin

Kein & Aber, 22 €

Eine Psychologin macht Soldatinnen und Soldaten fit für das Töten. Sie sollen kompromisslos dazu bereit sein, aber zugleich menschlich bleiben. Das Dilemma führt mitten in die israelische Gegenwart.

Der neue Roman von Yishai Sarid leuchtet eine Seite des Lebens in Israel aus, die für diejenigen, die den deutschen Alltag als Normalität erfahren, vollkommen fremd ist. Er handelt von der ständigen Gegenwart des Krieges im privaten Leben der Menschen. Das ist kein Roman über den Nahost-Konflikt, vielmehr zeigt er eine weitere Seite der israelischen Gegenwart, nachdem Sarid in seinem Roman „Monster“ (Kain & Aber 2019) davon erzählte, wie die Schoa das subjektive Erleben des Politischen prägt. Bereits dort geht es nicht zuletzt um die ununterbrochene Notwendigkeit, sich auf kriegerische Auseinandersetzungen einzustellen. Aus der Ferne betrachtet, scheint es um die Funktionalisierung der Schoa für die mentale Vorbereitung auf den Kampf zu gehen. Aber es ist keine Funktionalisierung, sondern einer der Gründe, warum sich das Kollektiv der jüdischen Israelis, wie es in „Monster“ heißt, „keine Sekunde der Schwäche erlauben darf“.

Wer ist die „Siegerin“? Ich denke nicht, dass es die Protagonistin ist, die Psychologin, die für das Militär arbeitet. Die Siegerin ist vielmehr Noga, so etwas wie die ideale Patientin der Protagonistin. Sie strahlt – nachdem sie zunächst einem psychischen Stresstest unterzogen wurde, der sie auf den Kampf vorbereitet hat. Von ihr fühlt sich die Protagonistin zutiefst angezogen. Die Geschichte ihres Sohnes ist ein weiterer wesentlicher Strang der Erzählung, den es zu entdecken gilt. Denn die Notwendigkeit, sich als Kämpfer zu bewähren, zerbricht die Menschen, es ist überhaupt nicht selbstverständlich, dass die Siegerin die Hauptperson ist.

Ich-Erzählerin ist die Psychologin, ihr Name wird nicht genannt. Die Soldaten sollen nicht einfach – wie es der Klappentext des Buches formuliert – fit sein, um den Feind zu besiegen und selbst am Leben zu bleiben. Sie sollen das Töten emotional als einen Teil ihrer Persönlichkeit akzeptieren. Die Ich-Erzählerin bewegt sich bewusst auf dem schmalen Grad zwischen der Begeisterung für das Morden und der Reflektion der Gefahr, die eine Gewöhnung an das Töten als Beruf mit sich bringt. Eine der zentralen Figuren des Romans, der Bildhauer Mendi, steckt tief in den Traumata fest, die er aus seiner Zeit als Nahkämpfer mitgenommen hat. Die Psychologin hat ihn therapiert und mit ihm Freundschaft geschlossen. Mit ihm spricht sie über das Leben nach dem Kampf.
Ihre eigentliche Arbeit ist aber das Training der künftigen Kämpferinnen und Kämpfer. Ihre Lehrgänge für Bataillonsführer sind ein Angebot zur Selbstreflektion über das, was die eigene Erfahrung mit dem Krieg und speziell dem Töten für die Professionalisierung bedeutet. Der Antagonist dieses psychologischen Trainingskonzepts ist ihr Vater, ein Psychoanalytiker der alten Schule. Leise und geduldig versucht er in seinem Raum, den die Protagonistin als Kind wie ein Heiligtum achtete, die Patienten zu begleiten. Er tut das auch heute noch, bis zu seinem Tod, den sie als großen Verlust erfährt. Diese beiden Konzepte der Arbeit an der Seele der Menschen sind wie ein Spiegel der Differenz zwischen dem, was ich als Bild von jüdischen Intellektuellen im Europa vor der Schoa auf der einen und von zum physischen Kampf bereiten Israelis der Gegenwart auf der anderen Seite imaginiere. Vielleicht ziemlich plakativ, aber so ergeben sich neue Aspekte, um die von den ununterbrochenen Bedrohungen und Kriegen geprägte israelische Gesellschaft zu verstehen.

Gottfried Kößler, Frankfurt