Buchempfehlungen

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Buchempfehlung – Jessica Keener “Schwimmen in der Nacht”

Das Leben der Familie Kunitz sieht aus wie der amerikanische Vorstadttraum. Der Vater ist Literaturprofessor an einem College, die Mutter, eine ätherische Erscheinung, geht in der Pflege des Rosengartens auf, den Haushalt macht ein schwarzes Hausmädchen. Dann sind da die vier Kinder: Peter, der älteste, die fünfzehnjährige Sarah, Robert und Elliot, der jüngste. Das behütete Leben einer wohlhabenden Mittelschichtsfamilie in einem Vorort von Boston: Gehorsam, Bildung und Musik werden großgeschrieben, man pflegt gute Kontakte zu den Nachbarn, geht in den Country Club, feiert Partys.

Aber auch das scheint ganz normal zu sein: beide Eltern trinken zu viel, der Vater neigt zum Jähzorn, und die Mutter ist hinter einem Nebel aus Tabletten verschwunden, die sie wegen unspezifischer Rückenschmerzen einnimmt. Für ein stabiles Grundgefühl im Alltag der Kinder sorgen die wechselnden schwarzen Hausmädchen mehr als die mit sich selbst beschäftigten Eltern. Peter kämpft mit dem Vater um mehr Eigenständigkeit und flüchtet sich in sein Gitarrenspiel. Der jüngere Robert legt sich mit jedem an. Er kapselt sich ab und liest nach einem ausgeklügelten System Fantasyromane. Elliot, der Jüngste, scheint mit einer unerschütterlichen Freundlichkeit gesegnet zu sein, die er aus den Gesprächen mit seiner Sammlung von Plastiktieren bezieht. Sarah, die als Erwachsene in der Rückschau die Geschichte erzählt, ist eine genaue Beobachterin. Ihr ist das dünne Eis, auf dem die Familie sich bewegt, am deutlichsten bewusst. Sie spürt die unterschwelligen Aggressionen des Vaters, die Enttäuschung der Mutter über ihren unerfüllten Traum, eine erfolgreiche Musikerin zu werden, und die verzweifelten Rückzüge der Brüder. Am meisten leidet sie unter der jeden wirklichen Kontakt überdeckenden Sprachlosigkeit.

Als die Mutter bei einem unerklärlichen Autounfall stirbt, bricht die Familie sofort auseinander. Weiterhin gefangenen in der Unfähigkeit, über das Geschehene zu reden, sucht jeder seinen Weg, mit dem Verlust fertig zu werden. Doch in dem Zusammenbruch der falschen Welt liegt auch die Chance, sich selbst und seinen Platz im Leben zu finden. Sarahs Weg führt zur ersten Verliebtheit und der Entdeckung ihrer Sexualität. Ihre Liebe zur Folkmusik, zu den Songs von Joni Mitchell, gibt ihr den Mut, eine eigene Gesangskarriere anzusteuern.

Achtzehn Jahre lang hat die für ihre Short Stories ausgezeichnete Jessica Keener an ihrem ersten Roman gearbeitet, und das Resultat ist wirklich lesenswert. Der Autorin ist eine glaubwürdige Geschichte mit gut gezeichneten Charakteren und starken Bildern gelungen, die trotz der Tragik nicht ins Sentimentale abrutscht. „Schwimmen in der Nacht“ fügt dem bekannten Topos der „amerikanischen Vorstadthölle“ eine weitere, spannend zu lesende Facette hinzu.

Ruth Roebke, Frankfurt

Buchempfehlung – Jean-Michel Guenassia “Eine Liebe in Prag”

Der jüdische Arztsohn Josef Kaplan – die Namensähnlichkeit mit Kafkas Josef K. ist keineswegs zufällig –, Jahrgang 1910, zieht während seines Medizinstudiums durch das Prager Nachtleben, tanzt begnadet Walzer und Tango, knickt gedankenlos rechts und links die Frauenherzen, schließt sich der sozialistischen Studentenbewegung an und setzt sich zum Ärger seiner Professoren für kostenlose Behandlung der Armen und die Legalisierung der Abtreibung ein. Schließlich macht er sich so unbeliebt, dass der Vater ihn nach Paris schickt, wo er sich zu gleichen Teilen der Forschung, der Revolution, dem Tango und den Frauen widmet. Er bekommt eine Stelle am Institut Pasteur von Algier, versteckt sich vor der nach Hitlers Sieg über Frankreich einsetzenden Judenverfolgung drei Jahre in einer gottverlassene Versuchsstation, wo er an der Entwicklung eines Mittels zur Bekämpfung der Anopheles-Mücke forscht und die elenden arabischen Einheimischen medizinisch betreut, heiratet nach Kriegsende die schöne Schauspielerin Christine und kehrt schließlich mit ihr zurück in die Tschechoslowakei, unternimmt einen kurzen Ausflug in die Politik und landet schließlich als Leiter eines Lungensanatoriums in der Provinz, wohin man ihm eines Tages einen politisch offensichtlich hochwichtigen Patienten schickt, bei dem es sich um keinen anderen als Che Guevara handelt. Damit beginnt eine neue, tragische Liebesgeschichte: Josefs Tochter Helena verliebt sich in Che und einem Happyend steht nichts im Weg – außer den politischen Interessen. Am Ende, nach der friedlichen Revolution und dem Zerfall der Sowjetunion, blickt der hundertjährige Josef in Vergangenheit und Zukunft – und hört Tango auf dem Walkman.

Guenassias schwindelerregender Tour de Force mag die Dichte seines Erstlingswerks, dem „Club der unverbesserlichen Optimisten“ fehlen, dafür ist der gewählte Zeitraum zu groß, sind die Schauplätze zu verschieden. In „Eine Liebe in Prag“ reiht er höchst lebendige Episoden aneinander, bewegt sich sozusagen in Sprüngen durch die Räume und die Zeit, in einem immer aufs neue fesselnden Auf und Ab, und nimmt den Leser so mit auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle, so kafkaesk wie sentimental, so tragisch wie komisch, so ergreifend wie befremdlich. Reisen Sie mit – Sie werden es nicht bereuen.

Irmgard Hölscher, Frankfurt am Main

 

Buchempfehlung – Katja Petrowskaja “Vielleicht Esther”

Suhrkamp Verlag, 2014
€ 19.95

Für das titelgebende Kapitel „Vielleicht Esther“ hat Katja Petrowskaja 2013 den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten. Damals lobten die Juroren einhellig die Leichtigkeit und sprachliche Schönheit, mit der die Autorin beschrieb, wie ihre jüdische Urgroßmutter im Zuge der großen Säuberung in Kiew erschossen wurde – ohne dass das Geschehen dadurch verharmlost wurde. Soviel vorweg: es ist eine der großen Qualitäten von Petrowskajas Buch, dass sie Ungeheuerliches, Verstörendes, Berührendes, Absurdes mit Leichtigkeit, Klugheit, Komik und Zartheit erzählen kann.

Die Autorin versucht, ihre weitverzweigte jüdische Familie zu rekonstruieren, deren Wurzeln in der Ukraine, in Russland und in Polen liegen. Viele sind bereits tot – verschollen, vertrieben, ermordet. Es gibt Geschichten über sie, aber auch Schweigen, und wie in jeder Familie werden Leerstellen übergangen oder durch Mythen aufgefüllt. Die wenigen Überlebenden des Krieges starben, als sie noch ein Kind war, zu jung, um Fragen zu stellen.

Einen Familienstammbaum wollte sie zeichnen, einen Scherbenhaufen hat sie gefunden, ein Puzzle, dessen Teile sich nicht ineinanderfügen wollten. Denn anders als im Westen Europas hörten die Schrecken nicht mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf. Gab es weiterhin Antisemitismus, war es besser, keine politisch bedenklichen Familienmitglieder zu haben, war ein Erinnern an die Kriegsopfer nur möglich, wenn diese auf der „richtigen“ Seite gestanden hatten.

So erzählt sie Geschichten, die sich zu Kapiteln fügen und letztlich doch ein Ganzes werden. Von ihren Reisen, ihren Recherchen, ihren Erfahrungen und eigenen Erinnerungen. Das fügt sich weder chronologisch aneinander noch inhaltlich stringent zusammen. Ihr Erzählen ist wie das, was sie vorfindet – ein Puzzle, dessen Stücke mal hier, mal dort passen. Einzelne Bilder lassen sich zusammenfügen, andere nicht . Da finden sich Lehrer, die Waisenhäuser für taubstumme Kinder gründen, ein Großonkel, der 1932 ein Attentat auf den deutschen Botschafter in Moskau verübt, ein Großvater, der 41 Jahre nach dem Krieg wieder zu Hause auftaucht, Tanten, Onkel, Urgroßmütter und Anna und Ljolja, die in Babij Jar liegen. Aber in ihrem Netz verfangen sich auch die Geschichten gänzlich fremder Menschen, deren Schicksale sich vielleicht mit denen ihrer Familienmitglieder berührt haben könnten.

Und es gibt „Vielleicht Esther“ die so heißt, weil der Vater sich an den Namen seiner Großmutter nicht mehr erinnern kann, die er immer nur zärtlich Babutschka nannte. Die zu alt war, um auf die Flucht mitgenommen zu werden, als der Aufruf an alle Juden erging, sich zu der totbringenden Schlucht zu begeben, und die, als sie zwei Soldaten nach dem Weg fragte, sofort erschossen wurde.

Es ist die großartige Qualität dieses Buches, dass es nicht von der Last seines eigenen Inhalts erdrückt wird. Petrowskaja hat eine wunderbar klare Sprache, und dass sie noch in weiteren Sprachen zu Hause ist, gibt ihrem Ausdruck eine Bewusstheit und Vielfalt, die man bei jungen deutschen Autoren sonst oft vermisst.

Ruth Roebke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Barbara Klemm – Fotografien 1968 – 2013

Der neue Bildband von Barbara Klemm, signiert.

Barbara Klemm ist Mitglied und Gesellschafterin unserer Buchhandlung. Vier Jahrzehnte war Barbara Klemm als Fotografin für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ unterwegs, deren legendäre samstägliche Tiefdruckbeilage sie mit ihren Bildern prägte. Als Chronistin deutscher Zeitgeschichte ist sie ebenso berühmt wie als Reporterin, die alle Kontinente bereiste. Dabei kann sie Geschichten mit einem einzigen Bild erzählen — in einer Intensität und Dichte wie kaum jemand sonst.

380 Seiten mit 250 Abbildungen in Duoton und Texten von Michael Koetzle und Durs Grünbein
Leinen mit Schutzumschlag
Euro 58,00
Nimbus Verlag
ISBN 978-3-907142-93-6
Der Band erscheint begleitend zur großen Retrospektive im Martin-Gropius-Bau, Berlin, und bietet einen faszinierenden Querschnitt durch Barbara Klemms einzigartiges Werk.

 

 

Eine Empfehlung für Bibliophile

Gerade ist im Verlag Thomas Reche in der Reihe Ligaturen ein sehr schönes und sorgfältig gemachtes Buch erschienen: Abiku von Wole Soyinka
 
Ein Abiku ist ein Wechselbalg, das der Geisterwelt entstammt und als Mensch geboren wird. 
Die Gedichte des nigerianischen Nobelpreisträgers erscheinen in dieser Ausgabe erstmals auf Deutsch (übertragen von Julia Rotte und Hans Dieter Schäfer). Wole Soyinka schrieb diese Gedichte in den 60er und 70er Jahren auf Yoruba, jener Kultursprache, mit der er aufgewachsen ist und in der er seine poetischen und dramatischen Werke verfasst. Er übersetzte seine Gedichte selbst ins Englische.  
 
Die Gedichte werden von Aufnahmen von Barbara Klemm und Robert Lebeck, den beiden legendären Reportagephotographen begleitet.


 © Barbara Klemm


© Barbara Klemm

 
Barbara Klemm reiste 1974 zusammen mit ihrem Mann Leo Hilbert nach Nigeria um einen befreundeten Arzt zu besuchen, der im Grenzgebiet zu Kamerun arbeitete. Sie fotografierte auf Nebenwegen dieses Grenzgebiet.
 
Robert Lebeck reist 1960 für die Illustrierte Kristall quer durch Afrika, um den Beginn der postkolonialen Epoche festzuhalten. 
 
Das in rotem Leinen gebundene Buch, mit den Gedichten in Englisch und Deutsch, ist von allen drei Künstlern signiert und kostet 39 €.
 
Es gibt verschiedene Vorzugsausgaben mit Originalabzug auf Barytpapier:
http://www.verlag-thomas-reche.de

Ralph Roger Glöckler – Mr. Ives und die Vettern vierten Grades

Cover Mr. Ives

Buchempfehlung

Ein kurzer, beinahe unbekannter Text des französischen Philosophen Jacques Derrida trägt den Titel: “Ce qui reste à force de musique”, wörtlich übersetzt: “Was kraft der Musik bleibt”. Kaum ein Titel scheint geeigneter, versucht man, über Ralph Roger Glöcklers anspruchsvollen Roman Mr. Ives und die Vettern vierten Grades zu schreiben. Der Romantitel nennt einen amerikanischen Komponisten, der für seinen musikalischen Nonkonformismus bekannt ist, und spielt auf eine Zeile in einem Gedicht Walt Whitmans an, auf jenen “Gesang”, in dem es heißt, Anpassung sei für die Vettern vierten Grades, der Dichter trage seinen Hut aber so, wie es ihm gefalle, drinnen wie draußen.

In vier Teilen hat Glöckler die Gedanken von vier historischen Figuren, die Gedanken der Komponisten Ives und Cowell und seiner beiden Ehefrauen, so imaginiert, als würde ihre stumme Äußerung nie geschriebenen Briefen oder nie vermittelten Botschaften gleichen. Können solche Gedankenströme übertragen werden, den anderen berühren, der sie nicht als Nachrichten erhält, ja der im Falle von Charles Ives sogar tot ist, weil es sich um seinen Vater handelt? Diese Frage stellt sich in dem Maße, in dem es Glöckler nicht einfach um den äußeren Anlaß seines Romans geht, darum, wie sich die Figuren zu Henry Cowells Vorliebe für Jünglinge verhalten, die zu einer harten Gefängnisstrafe führt, und wie Cowell selber auf die Denunziation reagiert, die ihn öffentlich zum Außenseiter stempelt.

Worum es Glöckler geht, ist die sprachliche Gestaltung von Musik und die musikalische Gestaltung von Sprache. Er richtet sich auch ausdrücklich an den Werken von Ives und Cowell aus. Es geht Glöckler darum, darzustellen, wie diese Komponisten nicht anders können als beispielsweise in Umweltsgeräuschen eine Kraft auszumachen, die die der Musik ist, eine Kraft, die sich ihren Weg erst bahnt, statt einen vorgezeichneten Lauf zu nehmen. Diese Kraft teilt sich ebenfalls den Gedanken der Ehefrauen mit, vielleicht, weil sie der frei gelassenen Sprache selber innewohnt. Sie läßt die Komponisten in Räume treten, sie läßt sie Zeiten erfahren, die nicht mehr die wiedererkennbaren, gewohnheitsmäßigen der Außenwelt sind, obwohl sie sich nicht als bloße Innenräume oder als bloß inwendige Zeitwahrnehmungen abkapseln.

Könnte es nicht sein, daß es zwischen solchen Räumen und Zeiten eine Kommunikation gibt, die nicht die Form eines geschriebenen Briefs oder einer vermittelten Botschaft annimmt? Daß es “kraft der Musik” so sein könnte, so verstockt die eine oder andere der vier Figuren auch anmuten mag, legt dieser unangepaßte Roman ebenso nahe wie die Möglichkeit einer radikalen Vereinsamung, als sei sie der Preis, den man zahlen muß, um an die letztlich anonyme Kraft der Musik zu rühren.

Alexander García Düttmann, London

Ralph Roger Glöckler
Mr. Ives und die Vettern vierten Grades
Elfenbein Verlag, 2012, 19.- €

Über den Autor:

Ralph Roger Glöckler, geboren 1950 in Frankfurt a. Main, studierte Romanistik, Germanistik und Völkerkunde in Tübingen. Er lebt als Übersetzer und Schriftsteller in Frankfurt und Lissabon, wo im Herbst 2000 sein Theaterstück “Perpetuum Mobile. Cantata” uraufgeführt wurde. Zu seinen bisherigen Veröffentlichungen gehören Erzählungen und Romane. 1984 erschien “Reise ins Licht” , 2007 “Madre. Eine Erzählung” und 2008 “Vulkanische Reise. Eine Azoren-Saga”.



Martin Dornes – Die Modernisierung der Seele

Cover Dornes

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Das Frankfurter Institut für Sozialforschung ist seit den Tagen Horkheimers und Adornos kaum dafür bekannt, dass es der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit in seinen Publikationen ein Übermaß an gesellschaftlichem Optimismus zumutet. Umso erstaunlicher, dass Martin Dornes, langjähriges Kollegiumsmitglied des Instituts, in seiner jüngsten Veröffentlichung im Hinblick auf die Situation von Kindern, Jugendlichen und Eltern in der zeitgenössischen Gesellschaft zu einer Einschätzung gelangt, die auf eine umfassende Entdramatisierung der gängigen Krisenszenarien hinausläuft.

Wenn der geneigte Leser das Feuilleton seiner Tageszeitung aufschlägt, wird er, weitgehend unabhängig von der linksliberalen oder konservativen Ausrichtung seines Lieblingsorgans, tagtäglich mit eher düsteren Meldungen zur psychosozialen Lage unseres Nachwuchses konfrontiert. Kinder seien reizüberflutet und unkonzentriert, sie hantierten nur noch mit Handys und Computern, globalisierungsgestresste Eltern begünstigten ein Klima der Wohlstandsvernachlässigung oder hinderten ihre Kinder durch subtile Formen der fürsorglichen Belagerung an ihrer Autonomisierung, der antiautoritäre Erziehungsstil fördere den allgemeinen Orientierungs- und Disziplinverlust und die von der Kultusbürokratie angezettelten G8-Reformen beraubten die Schüler ihrer Kindheit und verwandelten sie in miniaturisierte Leistungsträger . Dass 80 Prozent der Berichterstattung über Eltern und Kinder derart negativ ist, führt Dornes auf das Strukturprinzip der Medien zurück: Bad news are good news and good news are no news. Auf gut 500 Seiten widerlegen die von Dornes akribisch zusammengetragenen empirischen Daten dieses auf „atmosphärischen Labilitätseindrücken“ beruhende Lamento Punkt für Punkt und beweisen, dass die öffentlich gestreuten und gefühlten Wahrnehmungen mit den realen Fakten nicht übereinstimmen: „Noch nie,“ so die Essenz seiner Forschungsergebnisse, die ihm zweifellos aus allen Lagern den Vorwurf der Affirmation eintragen werden, „waren Kinder und Jugendliche in Deutschland so zufrieden, gesund, gebildet und wohlhabend wie heute.“ Gleichwohl räumt der Autor ein, dass sich in dem weit verbreiteten Gefühl, Kinder und Erwachsene würden immer kränker und alles würde immer unsicherer, eine begründete Ahnung über den inneren Zusammenhang von Freiheit und Risiko ausdrücke. „In der warmen Waschküche eingelebter Tradition lässt sich beengt, aber sicher leben. Betreten wir das freie Feld, so weht gelegentlich ein rauerer Wind, an den wir uns erst gewöhnen müssen, bevor wir ihn zu schätzen wissen; und mancher wird ein Leben lang die Waschküche bevorzugen.“

Dass Dornes Plädoyer für das Leben im Frost der Freiheit trotz seines einschüchternden Volumens auch für den Nichtwissenschaftler lesbar ist, mag ein Witz aus dem Vorwort illustrieren, mit dem der Autor seine fünfjährige Arbeit an seinem Studienobjekt charakterisiert. Eines Tages sagt der Ethnologe beim Frühstück zu seiner Frau: „Es gibt so viele Mythen, Gerüchte und schreckliche Geschichten über die Indianer. Ich will das alles mal genauer untersuchen.“ Nach vielen Jahren kehrt er zurück und seine Frau begrüßt ihn an der Haustür und sagt: „Schön, dass du wieder da bist. Und was hast du bei den Indianern eigentlich gelernt.“ Und der Ethnologe antwortet: „ich habe gelernt, dass alles halb so wild ist.“

Günter Franzen, Frankfurt am Main

Martin Dornes. Die Modernisierung der Seele. Kind-Familie-Gesellschaft
S. Fischer Verlag, 2012, 12.99 €

Wolfgang Pohrt

Kapitalismus forever

Über Krise, Krieg, Revolution, Evolution, Christentum und Islam

Im Science-Fiction-Klassiker Alien kämpft eine Raumschiffbesatzung gegen ein außerirdisches Monster. Zur Crew gehört unter anderem der Android Ash, der eine exklusive Meinung über das Monster hat: „Ich bewundere die konzeptionelle Reinheit. Geschaffen, um zu überleben. Kein Gewissen beeinflusst es“. Einen Bruder im Geiste scheint Ash nun in Wolfgang Pohrt gefunden zu haben, der in seinem neusten Buch Kapitalismus Forever einer ähnlich bizarren Schwärmerei das Wort redet: „Wunderbar, dieses Kapital, einfach wunderbar. Sein einziger Daseinszweck besteht darin, sich zu vermehren – wie das Leben selbst“. Was macht, fragt man sich verwundert, der ausgewiesene Marxist Pohrt da bloß?
Während anderswo der kommende Aufstand beschworen wird, erklärt er leichthändig, warum der Kapitalismus trotz Krise so gut funktioniert und wieso sich die Kritik an ihm seit eh und je die Zähne ausbeißt. Die Formel für die Art und Weise, wie das Erzählen in Kapitalismus Forever vonstatten geht, wird gleich zu Beginn mitgeliefert: „Der Blick zurück ist ein Blick in den Spiegel“. Über die Abrechnung mit seiner eigenen Vergangenheit, die mit den 68ern eng verknüpft ist, gelangt Pohrt zu einer schonungslosen Analyse der gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse.
Analog zum Android Ash, einem künstlichen Menschen, handelt es sich bei dem Ich, das in Kapitalismus Forever spricht, um eine Kunstfigur. Sie lässt ein bestimmtes Bild vom Autor entstehen. Pohrt erscheint zum einen unheimlich zynisch und altersweise, der gegen jeden und alles polemisiert: vor allem aber gegen den Marxismus. Das zu lesen macht Laune. Der Ton ist passagenweise so ätzend wie das grüne, schleimige Blut, das durch die Adern des Aliens rinnt. Zum anderen tritt Pohrt aber auch zutiefst verunsichert auf, mit sich selbst ringend, ob der Kapitalismus nicht doch endlich sei.
All das spielt sich auf knapp 100 Seiten ab. Die komplexe Themenreihe, wie sie der Untertitel annonciert, wird förmlich in Lichtgeschwindigkeit abgehandelt. Auf der Strecke bleiben dabei manchmal unweigerlich die Argumente und Pointen. Die Lektüre wird deshalb zu einer speziellen Kopfsache: Kopfnicken und Kopfschütteln wechseln sich dabei ab.  Sich stets bestätigt zu fühlen wäre allerdings auch langweilig.
Hoffnung auf ein Leben jenseits des Kapitalismus macht Pohrt jedenfalls nicht. Er würde es in der Hinsicht wohl eher mit Ash halten: „Sie scheinen immer noch nicht zu begreifen, womit Sie es zu tun haben: Mit einem perfekten Organismus“.

Malte Kleinjung

Wolfgang Pohrt
Kapitalismus Forever .  
Über Krise, Krieg, Revolution, Evolution, Christentum und Islam.
Edition Tiamat, 2012, 13,- Euro

 

 

 

Unsere Lieblingsbücher und ein Satz dazu …

… mehr zu den Büchern erfahren Sie durch einen *Klick* auf das Cover, Sie landen dann auf unserer Website www.kommbuch.com.
 
 Belletristik / Sachbuch:
 
Olivier Adam:
Gegenwinde

Roman
Aus dem Französischen von Andrea Spingle
 
Klett-Cotta Verlag
 
"Ein Jahr nach dem spurlosen Verschwinden seiner Frau Sarah erträgt es Paul nicht länger, in Paris zu leben. Mit seinem neunjährigen Sohn und seiner fünfjährigen Tochter zieht er in seine Heimatstadt an die bretonische Küste, in der vagen Hoffnung, dort die Scherben des Familienlebens wieder zusammenfügen, seine Kindern dem unerträglichen Schmerz zu entreißen und von neuem im Leben Fuß fassen zu können. (…) Der Versuch eines Neuanfangs zwischen Hoffnung und Verzweiflung, gespiegelt und metaphorisch tief durchdrungen von eindrücklichen Naturbeobachtungen." CG
 
 
Zsuzsa Bánk:
Die hellen Tage
Roman
 
S. Fischer Verlag
 
 "… Es wäre noch viel zu sagen über die Meisterschaft, mit der Bánk ihre Geschichte aufgebaut hat, die vielen literarischen Kunstgriffe, die Sprache … Aber besser ist es, eins der wohl ungewöhnlichsten und schönsten Bücher dieses Jahres einfach selbst zu lesen" IH
 
 
 
  
 
Michael Kumpfmüller:
Die Herrlichkeit des Lebens
Roman
 
Kiepenheuer & Witsch
 
"… Dieses letzte Jahr im Leben Kafkas – der im Buch immer nur „der Doktor“ genannt wird – erzählt Michael Kumpfmüller in „Die Herrlichkeit des Lebens“, und er schreibt einen Roman, keine Biographie. Der Autor kennt sich in den Texten, Briefen und Tagebüchern Kafkas aus, geht aber weit darüber hinaus. Indem er abwechselnd die Perspektiven von Kafka und Dora Diamant wechselt, entsteht ein dichtes und zartes Bild des Dichters, das über den bekannten Zauderer, gedemütigten Sohn und verquälten Schriftsteller hinausreicht." RR
 
 
 
Wolfgang Büscher:
Hartland
Zu Fuß durch Amerika
 
Verlag Rowohlt Berlin
 
"… Büscher schafft es, all dem bereits Geschriebenen, Bekannten über Amerika etwas Neues hinzuzufügen. Das Laufen erzeugt einen Rhythmus, dem Büschers Sprache folgt. Sie ist klar, lakonisch, manchmal durchaus pathetisch, oft komisch.
Dieses Buch liest sich einfach großartig – und außerdem lernt man das eigene Sofa dabei doch sehr schätzen!" RR
 
 
 
 
Lorenza Foschini: Prousts Mantel
Die Geschichte einer Leidenschaft
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
 
Verlag Nagel & Kimche
 
"Jacques Guérin war Eigentümer der berühmten Parfumfabrik „Parfums d’Orsay“ vor den Toren von Paris. Seine Mutter hatte das Unternehmen aufgebaut; 1936 übernahm der Sohn die Leitung, die er bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts innehatte. Aber er hatte nicht nur eine „Nase“ für erfolgreiche Düfte. Schon in jungen Jahren durchstöberte er erfolgreich Antiquariate, sammelte Handschriften und Autographen von damals noch unbekannten Künstlern. Proust zählte zu seinen Lieblingsautoren, und ihm sollte in späteren Jahren seine ganze Sammelleidenschaft gehören. (…) Prousts Mantel ist ein kurzweilig und amüsant erzähltes Stück Sammler-, Kultur- und Literaturgeschichte, das nicht nur Proustverehrern Spaß machen wird." RR
 
 
  
Kinderbuch / Jugendbuch:
 

Alexis Deacon: Sieben Hamster.
Wie wir das Meer überquerten, den Berg bestiegen, die Wüste überlebten – und ein neues Zuhause fanden.
Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn.
Ab 3 Jahre
Gerstenberg Verlag

"Sieben Hamsterkinder wachsen in einer kleinen dunklen Höhle auf. Doch eines Tages werden sie zu groß und müssen sich ein neues Zuhause suchen. Als sie aus ihrem Loch krabbeln liegt die ganze Welt vor ihnen – nun ja, genauer gesagt ein kleiner Hinterhof-Schrottplatz (…) Ein witziges und außergewöhnlich illustriertes Bilderbuch, das zeigt, dass man mit Mut und Zusammenhalt alles schaffen kann." SB

 

Endre Lund Eriksen: To do!
Aus dem Norwegischen von Maike Dörries
Ab 13 Jahre
Sauerländer Verlag

"Julie ist vierzehn Jahre alt und hat eine Woche lang „sturmfreie Bude“. Jetzt will sie endlich eine aus zehn Punkten bestehende persönliche To-do-Liste abarbeiten, um sich von „Miss Nice Girl“ in die „Queen oft the World“ zu verwandeln. Auf der Liste stehen Dinge wie „jemanden Küssen, zur Not auch ein Mädchen“, „mich betrinken“ … Soweit also ganz normale Wünsche einer Vierzehnjährigen, allerdings ist bei Julie alles etwas anders, denn sie ist blind. Da bekommen die Punkte „auf einem Brückengeländer balancieren“ und „Auto fahren“ eine ganz andere Bedeutung." BR

 


Michael Frowin / Joelle Tourlonias: Mikropolis
Ab 5 Jahre
Jacoby & Stuart

"Auf einem kleinen Flecken Grün in der Großstadt lebt eine Insekten-Wohngemeinschaft. Da gibt es zum Beispiel Marienkäfer Kurt, der eigentlich Kung heißt uns sich als „deutschen Marienkäfer mit chinesischem Migrationshintergrund“ bezeichnet; Stubenfliege Kostas, der sich für eine Eintagsfliege hält und jeden Abend damit rechnet, dass es mit ihm vorbei ist (…) Dieses großartig illustrierte Bilderbuch für Kinder ab 5 Jahren basiert auf einer Kinderoper von Christian Jost, welche die „Komische Oper Berlin“ noch bis Februar 2012 aufführt." SB

 


Rose Lagercrantz / Eva Eriksson:
Mein glückliches Leben
Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch
Für alle, die schon gerne selber lesen
Moritz Verlag

 "Mein glückliches Leben ist die zauberhafte Geschichte eines kleinen Mädchens, das sich nie unterkriegen lässt. Ein Buch zum Vorlesen, Erstlesen oder einfach zum Anschauen, denn Eva Eriksson gelingt es mit ihren wundervollen Bildern eine ganz eigene Kinderwelt entstehen zu lassen." SB

 

 

Anke M. Leitzgen / Lisa Rienermann:
Erforsche deine Welt
Forschen lernen für Kinder

Ab 6 Jahren
Beltz & Gelberg

"Ein Forschungs- und Experimentierbuch mal von ganz anderer Art. Es geht um das Forschen an sich: neugierig auf seine Welt schauen, sie wahrnehmen und hinterfragen. Denn alles kann erforscht werden. Zwei Beispiele: ‘Was macht eine Mütze warm?’ oder: ‘Wie schafft man Erinnerungen?’" CG

 

 

Tosca Menten: Dummie die Mumie außer Rand und Band
Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann.
Ab 9 Jahre

Thienemann Verlag

"Darwishi Ur-Atum Msamaki Minkabh Ishaq Edoni, Sohn des Pharaos Achnetoet, ist eigentlich eine 4000 Jahre alte Mumie. Auf einem Transport in ein niederländisches Museum wird er durch einen Blitzschlag “wiederbelebt”. Er flieht in dunkler Nacht durch diese ihm unbekannte Welt und trifft zufällig auf Goos und seinen Vater, die in einem kleinen Dorf wohnen.

Zunächst völlig verstört, versuchen seine Gastgeber ihn in die Eigenheiten des 21. Jahrhunderts einzuführen. Beiden ist jedoch klar, dass niemand Dummies (= Abkürzung seines Namens, s.o.) wahre Identität erfahren darf. Sonst würde er zu einer Art „Sensations-Forschungsobjekt“ missbraucht. Also wird er als Cousin aus Ägypten mit schweren Brandwunden ausgegeben. Dummie ist sehr wissbegierig, schäumt über vor Ideen und will natürlich auch wie Goos zur Schule gehen…" CG

 

Mirjam Pressler: Ein Buch für Hanna
Roman
Ab 14 Jahren

Beltz & Gelberg

"Leipzig im Sommer 1939. Die vierzehnjährige Hannelore Salomon aus Leipzig bereitet sich mit acht weiteren jüdischen Mädchen auf die Auswanderung nach Palästina vor. Doch der direkte Weg der Ausreise ist bereits versperrt, und die Gruppe landet in Dänemark. Ihr Halt ist die Gruppe und besonders die ältere Mira. (…) Als die Deutschen in Dänemark einmarschieren, wird sie aufgegriffen und ins KZ Theresienstadt transportiert. Auch die anderen Mädchen ihrer Gruppe wurden nach Theresienstadt gebracht und Hanna trifft sie dort wieder. Über ein Jahr leben sie im Lager, und wie ein Wunder überleben alle – außer Mira. Auf Umwegen schafft es Hanna, 1948 nach Israel zu gelangen. Damit endet das Buch.

Miriam Pressler hat Hanna Salomon in einem Kibbuz in Israel kennen gelernt und sie über dreißig Jahre lang regelmäßig getroffen. Sie hat viel aus deren Leben erfahren und war beeindruckt von ihrer Güte und Wärme. Nach Hannas Tod beginnt sie, deren Leben in den Jahren von 1939 bis 1948 aufzuschreiben. Das Buch ist jedoch keine Biografie geworden, sondern ein Roman, der wahre Begebenheiten und Fiktion verknüpft. Es ist ein Buch über die Erfahrungen von Leid, Einsamkeit und Tod, aber auch von Solidarität und Hilfe unter schwierigsten Bedingungen." RR

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Ihre
Autorenbuchhändlerinnen


 

 

 


 

 

 



 

Was wird denn hier so gelesen? Eine Buchempfehlung

 

 

Per Petterson: Ist schon in Ordnung. Roman.
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger

224 Seiten, Gebunden.
ISBN-13: 978-3-446-23640-0
€ 19,90 (D)

Carl Hanser Verlag, 2011

Als ein wohlmeinender Lehrer den Neuen in der Klasse des Osloer Gymnasiums bittet, den anderen Schülern und ihm doch etwas über sein Leben auf dem Land zu erzählen, rastet der 13jährige Audun aus. Er hat an diesem Morgen auf dem Weg zu der neuen Schule schon einen Regenguss überstanden, der ihn völlig durchnässt hat, und dem Direktor bei der Vorstellung klar gemacht, dass er seine Sonnenbrille auf keinen Fall in der Schule abnehmen wird, aber jetzt reicht es ihm. Er packt seine Tasche, steht auf und erklärt, er habe immer gute Noten gehabt und könne dem Lehrer gerne seine Zeugnisse zeigen, aber sein Privatleben ginge niemanden etwas an. Der Lehrer entschuldigt sich, die Klassenkameraden sind beeindruckt, und er gewinnt einen Freund.
Selten hat ein Autor seinen Protagonisten und Ich-Erzähler beeindruckender eingeführt als Petterson in „Ist schon in Ordnung“. Der 13jährige, der da gerade mit Mutter und Geschwistern aus der Provinz in ein Osloer Arbeiterviertel gezogen ist und so cool und selbstbewusst seinen ersten Schultag beginnt, fesselt von der ersten Seite an. Umso mehr, als wir uns seine Geschichte im Grunde aus den wie absichtslos zwischen genauen Beobachtungen des Alltags eingestreuten Hinweisen selbst zusammensetzen müssen. Über Gefühle spricht Audun nicht, höchstens in knappen Worten über Ereignisse – und was für welche: der Tod des Bruders, die Szenen mit dem unberechenbaren, gewalttätigen Vater, der Einzug des neuen Partners der Mutter und noch so einiges, was ausreichen würde, um einen Jugendlichen aus der Bahn zu werfen. Aber Audun geht wie ein moderner Huckleberry Finn unbeirrt seinen Weg – allein, wenn es sein muss, aber auch bereit und in der Lage, Hilfe anzunehmen, wo sie ihm angeboten wird. Er weiß genau, was er will, und tut, was nötig ist, ob er das Haushaltsgeld mit Zeitungsaustragen aufbessert, seinem Freund hilft, die Rowdys zu verprügeln, die dessen Vater zusammengeschlagen haben, oder ob er alles stehen und liegen lässt, um seine verheiratete Schwester vor ihrem, wie er glaubt, prügelnden Ehemann zu retten. Und wenn er uns an seinem 18. Geburtstag schließlich verlässt, dann braucht man keine Angst um ihn zu haben. Audun „ist schon in Ordnung“.
„Ist schon in Ordnung“ ist das erste Buch von Per Petterson, der hierzulande mit einigen späteren Büchern „Pferde stehlen“, bekannt geworden ist. Es ist auch das erste Buch, das ich von Petterson gelesen habe, aber bestimmt nicht das letzte. Mir ist selten ein Buch begegnet, das auf eine so knappe, unaufdringliche Art eine so dichte Geschichte erzählt. Erst im Gespräch darüber wird klar, wie viele einzelne Geschichten in diesen knapp 200 Seiten verpackt sind, wie viel Leben in einem doch relativ schmalen Buch steckt. Eine echte Entdeckung.
 
Irmgard Hölscher, Frankfurt am Main
 
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Bücher für die Schultüte:

… Die Schule fängt wieder an Für alle, die in die erste Klasse kommen, haben wir hier unsere Lieblingsbücher zum Thema Schulanfang zusammengestellt. Manche finden wir auch für größere Grundschulkinder prima. Zum Beispiel die Geschichten über die finnische Ella, ihre Freunde und den herrlich lustigen Lehrer (davon gibt es auch gleich mehrere Bände – sämtlich empfehlenswert!) oder die Geschichten über das Traumpaar Oma und Frieder.
Wir wünschen: viel Spaß beim Stöbern! Mehr Infos zu den Büchern finden Sie durch einen Klick auf das Cover.
 
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Timo Parvela: Ella in der Schule
Aus dem Finnischen von Anu und Nina Stohner
dtv Reihe Hanser, 144 Seiten
Ab 6 Jahre

 

 

 

 

Gudrun Mebs: Schule! schreit der Frieder und die Oma, die kommt mit
Illustriert von Catharina Westphal
Sauerländer, Gebunden
72 Seiten
Ab 6 Jahre

 

 

 

Patricia Schröder: Erst ich ein Stück, dann du! 3 Schulgeschichten
Themenband 3
Mit Illustrationen von Antje Hagemann, Kris Van Alphen
Originalausgabe
Gebunden, Pappband, 96 Seiten,
Ab 6 Jahren

 

 

Matthias Duderstadt: Die Katze tritt die Treppe krumm
Mein großes Buchstabenspielbuch
ab 6 Jahren
 

 

 

 

Ulrike Ruwisch: Eine Schultüte voller Wunder
mit Illustrationen von Patrick Wirbeleit
Taschenbuch, 112 Seiten
ab 7 Jahren

 

 

 

 

Ingo Siegner: Der kleine Drache Kokosnuss kommt in die Schule
Mit farbigen Illustrationen des Autors
Gebundenes Buch, Pappband, 72 Seiten
Ab 6 Jahren
 

 

 

 

Erhard Dietl: Die Olchis fliegen in die Schule
64 Seiten · broschiert
ab 8 Jahren

 

 

 

 

Eveline Hasler: Schultüten-Geschichten
Mit vierfarbigen Illustrationen von Karoline Kehr
dtv junior
Hardcover, 72 Seiten
Ab 6

 

 

 

 

 

Was wird denn hier so gelesen? Eine Buchempfehlung!

Margriet de Moor
Der Maler und das Mädchen. Roman
Übersetzt aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen
304 Seiten, Fester Einband
€ 19,90 (D)

Zwei Lebensgeschichten verknüpft Margriet de Moor in ihrem neuen Roman: Die des sechzigjährigen Malers (Rembrandt) und die der achtzehnjährigen Mörderin Elsje Christiaens.

An einem Maimorgen verlässt der Maler sein Haus, läuft durch die Straßen, kauft Farben ein. Eingebettet in den Tagesablauf erzählt Margriet de Moor seine Geschichte. Den Gipfel seiner Berühmtheit hat er weit überschritten, sein großes Haus und das Mobiliar sind versteigert worden, und seine geliebte zweite Frau ist an der Pest gestorben. Er lebt mit seinem Sohn in einer bescheidenen Unterkunft, aber er ist nicht unzufrieden. Mit jedem neuen Bild wagt er sich weiter vor zu einem neuen Verständnis des Lichts. Im Moment arbeitet er an dem Portrait zweier Liebenden. Dass sein künstlerischer Weg bei seinen Käufern zunehmend auf weniger Verständnis stößt, berührt ihn wenig, er findet Ruhe und Kraft in seiner Arbeit.

Parallel dazu erzählt Moor das kurze Leben des Mädchens Elsje. Aufgewachsen in Dänemark, folgt sie der älteren Stiefschwester, die zum Arbeiten nach Holland gegangen ist, nach Amsterdam, ohne zu wissen, wie sie sie dort finden kann. Im Gegensatz zum langen und erfüllten Leben des Malers erfahren wir nur von vierzehn Tagen aus Elsjes Leben: es sind die Tage ihrer abenteuerlichen Reise und der Ankunft in Amsterdam. Dort sucht sie ihre Schwester, wohnt in einer zweifelhaften Unterkunft, und als ihr Geld aufgebraucht ist, kommt es zum Streit mit ihrer Vermieterin. Elsje nimmt eine herumliegende Axt und erschlägt die Frau. Sie wird verhaftet. Im Prozess kann sie weder ein Motiv für die Tat angeben, noch zeigt sie Reue. Das Urteil lautet auf Tod durch Erdrosseln und öffentliches Ausstellen des Leichnams.
Beide Erzählungen laufen nebeneinander her, aber berühren sich doch. Wo der Maler über Licht, Farben und ihre Wirkung nachdenkt, strahlen die Winterlandschaft, die Menschen und das Meer in den Schilderungen von Elsjes Reise, als sähe man Bilder aus dem siebzehnten Jahrhundert. Diese Passagen sind die schönsten und heitersten im Roman, vielleicht gerade deshalb, weil der Leser um das traurige Ende weiß.  
Margriet de Moor ist keine allwissende Erzählerin und taucht auch nicht mir Haut und Haar ins Zeitkolorit des 17. Jahrhunderts ein. In der Beschreibung der Bilder und ihrer Wirkung ist sie als heutige Betrachterin präsent. Und so wenig sie uns schlüssige Gründe dafür liefert, warum Elsje so zielstrebig in ihr Verderben reist, liefert sie Motive dafür, warum der Maler sich am Abend zu der Insel fahren lässt, wo Elsjes Leichnam an einem Pfahl gebunden hängt, um dort zwei kleine Zeichnungen von ihr anzufertigen, die unter dem Titel „Mädchen, an einem Galgen hängend“ heute im Museum zu betrachten sind.
„Das Mädchen und der Maler“ ist ein ruhiges, sanftes und melancholisches Buch. Neben den Hauptsträngen der Erzählung erfährt der Leser viel über das alltägliche Leben in der Rembrandtzeit. Über Kunst und über Liebe, Seuchen und Tod, Träume, Mut und Scheitern. Margriet de Moor gelingt es ganz wunderbar, den Leser in  den Bann ihrer Geschichte zu ziehen.
 
Ruth Roebke
 
 
Zusätzliche Informationen zu Margriet de Moor finden Sie über die Website des Hanser Verlags.

 

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