Buchempfehlung

Cécile Wajsbrot

Zerstörung

Wallstein Verlag 20,00 €
978-3-8353-3610-0

Roman. Aus dem Französischen von Anne Weber

In ihrem neuen Roman entwirft die französische Autorin Cecile Wajsbrot eine Dystopie in einer nahen Zukunft. Eine einsame Erzählerinnen-Stimme spricht Nacht für Nacht Texte über eine neue Gegenwart ein, in der jede Vergangenheit und jedes Erinnern verboten ist. Ein Setting, das stark an Samuel Becketts Roman Molloy erinnert. Es ist von einer Machtübernahme die Rede, von einem Moment, der sowohl Befreiungsschlag als auch Katastrophe gewesen sein könnte. Die Informationen, die wir über die neue Gesellschaftsordnung und ihre Machthaber erhalten, sind denkbar rar. Erzählungen sind aus der Mode gekommen; sind sie älter als 10 Jahre, steht ihr Besitz sogar unter Strafe. Alle Bücher wurden aus sämtlichen Häusern entfernt. Widerstand gab es wenig, zu verständlich für jeden scheinbar das von der Erzählerin beschriebene Gefühl, sich mit der Entledigung des Vergangenen nun endlich dem Wesentlichen und Zukünftigen zuwenden zu können. Der Eindruck, den wir von der Erzählerin bekommen, changiert vor dem Hintergrund ihrer vagen Angaben. Ist dieses neue Regime, von dem die Rede ist, progressiv oder reaktionär? Oder doch eine im stillen Zimmer selbst ausgeformte Verschwörungstheorie? Der Widerstand, in dem sie sich mit ihren Aufzeichnungen engagiert, bleibt ebenso ungreifbar.

Das mag als inhaltliche Zusammenfassung eines Romans kaum genügen. Doch das Entscheidende dieses Buches liegt nicht in seiner Handlung, seinem Personal oder seinem sozialen Kontext. Es ist die minutiöse Ausarbeitung eines Gefühls, dass die Leserin mit der Erzählerin teilt: eine Art Hilflosigkeit im Angesicht des Unwissens. Die eigene Haltung und Einschätzung zum Gelesenen verändert sich mit jeder Seite. Darin liegt einer der größten Stärken des Textes. Immer wieder glaubt man entschlüsselt zu haben, um wen es sich bei den Machthabern oder den Widerständlern handeln könnte; bis diese Vermutungen sich wieder zerschlagen.

Die einzigen Inseln innerhalb dieses Erzählstroms sind kurze Rekapitulationen von Biographien oder Werken von Autor*innen, deren Geschichten ebenfalls Zensur und Zerstörung unterworfen waren. Zum Beispiel die Anstrengungen Nadeschda Mandelstams, die die Gedichte ihres Mannes im Exil aus dem Gedächtnis niedergeschrieben hat. Sie bilden kurze Erholungsmomente, für die man unwahrscheinlich dankbar ist.

Wajsbrots faszinierender Text ist eine Studie über Konturlosigkeit, Unwissen und Hoffnung. Aber vor allem ist es die Ausarbeitung der Vorstellung einer radikalen Gegenwart, in welcher es kein Erzählen mehr geben kann. Die genaue Übersetzung durch Anne Weber lässt die Einfühlung spüren, mit der Cécile Wajsbrot ihre Protagonisten betrachtet, das Vertrauen, das diese in ihr unsichtbares Gegenüber setzt, als ebenso notwendig wie fragwürdig erscheinen. Ein großartiges Buch über Ratlosigkeit, Hoffnung, Skepsis und Erinnerung. Kurz: ein Buch, dass uns die Gefahren und Möglichkeiten des (unzuverlässigen) Erzählens vorführt.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Buchempfehlung

Jodi Magness

MASADA

wbg Theiss 36 €
978-3-8062-4077-1

73 oder 74 nach Christus. Auf einem Tafelberg am Toten Meer haben sich rund 970 aufständische Juden in eine Befestigungsanlage zurückgezogen, die vor einigen Jahren noch luxuriöser Rückzugsort für Herodes den Großen gewesen ist. Die Situation ist ohne Ausweg, den Belagerten ist klar, dass sie dem Sturm der römischen Truppen nicht werden standhalten können. Tag für Tag, so ist es von der Festung aus zu beobachten, kommt die 8000 Mann starke, eiskalt nach Plan operierende Maschinerie näher, gut geölt durch eiserne Disziplin und turmhohe technische Überlegenheit. Stunde um Stunde häufen Legionäre Erde und Schutt zu einer breiten Belagerungsrampe auf, die bis an die Mauern der Feste führt. Mit unerschöpflichen Kräften, wuchten die römischen Soldaten einen eisernen Belagerungsturm und einen Rammbock an die Mauern. Unter dem nie abreißenden Pfeilhagel ist es den Aufständischen kaum möglich, etwas gegen die gnadenlosen Belagerer auszurichten. Das Schicksal der Eingeschlossenen ist endgültig besiegelt, als die erste Mauer fällt und die zweite, die notdürftig aus Stein, Holz und Schutt aufgerichtet wurde, in Flammen aufgeht. Eleasar ben Ja´ir, Befehlshaber der Festung, richtet sich im Angesichts des Untergangs mit einer ergreifenden Rede an seine Leute, in der er darlegt, dass es besser sei, durch die eigene Hand einen edlen Tod zu sterben, als durch die Römer geschändet, verkauft und vernichtet zu werden. Als die Legionäre über die Trümmer der Mauer ins Innere der Feste steigen, haben sich die belagerten Juden dem Zugriff der Legion, des Imperiums entzogen, indem sie kollektiv Selbstmord begangen haben.

Starker Stoff, der alles bietet, was eine echte Tragödie bieten muss, und eine der dramatischsten Episoden aus dem Jüdischen Krieg. Folgt man Flavius Josephus, dem jüdisch-römischer Historiker und Chronisten, der den Fall Masadas in seinem Buch Der Jüdische Krieg minutiös schildert, hat sich die Belagerung genau so zugetragen. Interessant ist allerdings, dass er der einzige antike Autor ist, der diese Geschichte so ausführlich und mit diesem außergewöhnlichen Ende erzählt. Es ist mittlerweile weithin bekannt, dass an die antike Geschichtsschreibung nicht die Maßstäbe wissenschaftlich-objektiver Berichterstattung angelegt werden dürfen, die heute glücklicherweise in der Zunft gelten: Immer gab es Herrscher, denen man zu gefallen hatte, eigene Überzeugungen, die keineswegs zurückgehalten werden mussten.

Aufgrund dieses Umstands unterstellt man diesen antiken Quellen heute sicherheitshalber eine gewisse Tendenz in Sachen Berichterstattung und versucht, Belege für oder gegen diese Berichte zu finden.

Die amerikanische Archäologin und Religionswissenschaftlerin Jodi Magness hat sich in ihrem Buch Masada – Der Kampf der Juden gegen Rom daran gemacht, das Geschehen auf der Bergfeste zu untersuchen. Aber nicht nur das: Mit großer archäologischer und religionswissenschaftlicher Expertise nimmt sie den Leser mit auf eine Reise durch die antike Landschaft in der direkten Umgebung Masadas, zieht, leicht verständlich und wohl geordnet, immer weitere Kreise. Die Feste „Masada“ bildet gewissermaßen den Start- und Endpunkt einer wissenschaftlichen Exkursion in die antike Geschichte der Region, die neben den zentralen Figuren und Orten sehr genau die religiösen und sozialen Spannungen beschreibt, die diesen Teil der alten Welt in besonderem Maße erschüttert haben.

Geschichte ist relevant und wirkt, wenn man sie vor dem Vergessen schützt, immer weiter fort. Das Buch von Jodi Magness ist, bei aller ganz offensichtlichen fachlichen Begeisterung für den Untersuchungsgegenstand, ein großes Plädoyer für den richtigen Umgang mit den spärlichen historischen Fakten. Nie lässt sie sich zu einer ungerechtfertigten Eindeutigkeit hinreißen, „vielleicht“ und „könnte“ sind häufige Wörter, Theorien und Gegentheorien stehen gleichberechtigt nebeneinander.

Und so lässt dieses großartig präzise und kompakte Buch, das ein Lehrstück an objektiver Wissenschaft genannt werden könnte, den Leser etwas kritischer auf die großartig-dramatische Erzählung von Flavius Josephus blicken.

Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Buchempfehlung

Anne Weber

Annette, ein Heldinnenepos

Die 1923 in der Bretagne geborene Annette Bemanoir stammt aus einfachen Verhältnissen. Sie wächst in einem liebevollen Elternhaus auf. “Glück ist der Grundton ihres Alltags” heißt es, und diesem Glück verdankt Annette ihren Gerechtigkeitssinn, den Glauben an Freiheit und Gleichheit und ein unerschrockenes Herz.

Mit neunzehn Jahren – sie ist gerade zum Medizinstudium nach Paris gegangen – tritt sie der kommunistischen Résistance bei. Als sie zwei jüdischen Jugendlichen das Leben rettet und damit gegen die Regeln der “clandestines” verstößt, geht sie nach Lyon, wo sie im Widerstand der Gaullisten Kurierdienste leistet. Abgeschnitten von allen persönlicheren Kontakten, von ihrer Familie und dem Mitstreiter Roland, den sie liebt, erlebt sie das Kriegsende in Marseille. Dass Roland von ein paar Bauern erschlagen worden ist, erfährt sie erst später.

Nun ist Frieden. Annette heiratet den Arzt und Kommunisten Jo. Sie schließt das Medizinstudium ab, bekommt Kinder. Aber der Frieden hält für sie nicht: In den fünfziger Jahren beginnt der Algerienkrieg, und selbstverständlich ist Annette auf Seiten der algerischen Unabhängigkeitskämpfer. Sie engagiert sich beim FLN, wird verraten und zu zehn Jahren Haft verurteilt. Sie kann nach Tunesien fliehen, allerdings um den Preis, ihre Familie zurück zu lassen. Dort arbeitet sie als Ärztin. Nachdem Algerien die Unabhängigkeit erlangt hat, geht sie dort hin, um für die neue Regierung im Gesundheitsministerium zu arbeiten. Aber das, was sie bereits nach dem Ende des Weltkriegs erlebt hat, erlebt sie auch hier: Den rivalisierenden Widerstandsgruppen geht es mehr um die Erlangung der Macht als um das Wohl der Menschen. Sie muss erneut fliehen – diesmal vor dem putschenden Militär. Da es in Frankreich immer noch keine Amnestie für “Terroristen” gibt, landet sie schließlich in der Schweiz. So viel zur Handlung, die hier nur absolut verkürzt wiedergegeben wird.

Anne Weber hat die über neunzigjährige Annette Beaumanoir 2018 kennengelernt und ihre Geschichte – gestützt auf Gespräche mit ihr und ihren in Deutschland unter dem Titel Wir wollten das Leben ändern erschienen Erinnerungen – aufgeschrieben. Man meint, beim Lesen Annettes Stimme zu hören, aber auch die der Autorin, die das Erzählte, oft ironisch, kommentiert: Wie verhält es sich mit dem Idealismus, den Prinzipien und dem Streben nach einer besseren Gesellschaft? Wie viel Menschlichkeit opfert man den Ideen, über wie viel ist man bereit hinwegzusehen um des hehren Ziels willen? Was bleibt für diesen Kampf auf der Strecke?

Annette, ein Heldinnenepos hat Anne Weber das Buch genannt, und „Epos“ ist hier wörtlich zu nehmen – äußerlich erkennbar an den ungewöhnlichen Zeilenumbrüchen. Spricht man den Text laut oder intoniert ihn stumm beim Lesen, erkennt man seinen inneren Rhythmus und die poetische Struktur. Trotz dieses Kunstgriffs liest das Buch sich packend, lebendig und wirkt an keiner Stelle gekünstelt. Das ist eine doppelte Freude – man liest eine temporeiche, atemberaubende Lebensgeschichte in der Form antiker Heldenerzählungen – ein stilistisches Wagnis, das Anne Weber wunderbar gelungen ist!

Ruth Roebke, Bochum

Ohne Euch ist der Laden viel zu leise!

Liebe Freundinnen und Freunde der Autorenbuchhandlung,

zwei Wochen vorsichtiges Tasten sind vorbei und wir freuen uns, dass wir unseren Umgang im Laden langsam wieder etwas lockern können:

Kommt und schaut, was es alles an Neuerscheinungen gibt, stöbert ein bisschen oder lasst Euch was empfehlen. Wir haben viel gelesen und viel entdeckt.

Wenn niemand vor dem Laden wartet, könnt Ihr Euch auch gerne Zeit lassen, aber denkt an die Masken und den Abstand von 1,5 Metern.

Unsere Lieferdienst während des Shutdowns hat gut funktioniert. Wir danken für die Unterstützung und beliefern auch weiter diejenigen, die unsere schöne Buchhandlung nicht besuchen können.

Nachfragen und Bestellungen wie immer persönlich, telefonisch (72 29 72), per Mail info@autorenbuchhandlung-marx.de oder via www.kommbuch.com

Wir freuen uns auf Sie und Euch und sind sehr glücklich, viele unserer Kund*innen die letzten 14 Tage im Laden schon wieder gesehen zu haben: Ohne Euch ist der Laden viel zu leise!

Ihre Autorenbuchhändler*innen

Buchempfehlung

Elisabeth Strout

Die langen Abende

Luchterhand Verlag
20 €

Elizabeth Strout hat die Geschichte von Olive Kitteridge, die sie 2008 in Mit Blick aufs Meer erfunden hat weitererzählt.

Vor gut zehn Jahren hat die amerikanische Autorin Elizabeth Strout einen Roman geschrieben, der im Original Olive Kitteridge heißt (der deutsche Titel war: Mit Blick aufs Meer). Für das Buch bekam sie den Pulitzer Preis. Olive, eine ebenso bärbeißige wie sensible Person – strenge Lehrerin, grobe Ehefrau eines enervierend gutmütigen Mannes und herrische Mutter – war meist Haupt-, in manchen Kapiteln auch nur Randfigur in dem Episodenroman über sie und das kleine Städtchen Crosby an der Küste von Maine.

In dem neuen Roman Olive, again, auf Deutsch leider Die langen Abende begegnen wir der Heldin wieder. Olive ist in der Zwischenzeit Witwe, genauso schlecht gelaunt wie ehedem. Sie beginnt eine Beziehung mit einem dickbäuchigen Witwer, einst schlanker Professor in Harvard, der genau so einsam ist wie sie.

Olive und Jack ziehen mutig zusammen und heiraten. Wenn sie sich zanken, sehnen sie sich mit fast kindlichem Trotz nach ihren früheren Partnern. Meist allerdings sind sie zufrieden, ja sogar glücklich, zusammen zu sein. Aber Strout erzählt hier keine Schmonzette über Liebe unter Senioren. Vielmehr erzählt sie über die Möglichkeit des Liebens, wenn wir älter werden. Und die Möglichkeit uns zu ändern – auch wenn wir alt sind. Olive lernt, eigene Fehler zu sehen, lernt, weniger garstig zu denken und zu sein – jedenfalls versucht sie es.

Zugleich porträtiert Strout erneut die Kleinstadt Crosby in Maine. Sie erzählt viele Geschichten von sehr unterschiedlichen Menschen. Manchmal taucht Olive nur am Rande auf. Strout erzählt von Kayley, der Achtklässlerin, die putzen geht, um Geld dazu zu verdienen, und anfängt zu verstehen, was Begehren ist. Sie erzählt von Cindy, die an Krebs erkrankt ist und deren Mann und Söhne so tun, als hätte sie eine Grippe. Mit ihr redet Olive auch über das Sterben und den Tod, ohne sie zu belügen.

Ausgerechnet die ruppige Olive, der viele Leute im Städtchen aus dem Weg gehen, ist da, wenn Menschen vom Unglück bedroht werden.

Wenn ich den Roman und seine zentrale Figur Olive Kitteridge beschreibe, gerät es schnell zu einer pathetischen Rede, und das ist ziemlich erstaunlich, weil diese Olive eigentlich das Gegenteil von pathetisch ist: Sie ist ungemein biestig, ohne jede Verbindlichkeit, sie hat wenig Freundlichkeit, sie sagt, was sie denkt, ohne Rücksicht auf Benehmen und Verhaltensnormen. Diese Ehrlichkeit ist oft brüskierend, unfreundlich und gemein. Aber Olive handelt nicht so, weil sie jemanden verletzen will oder jemand anderen wegen seiner Andersheit verurteilt. Vielmehr greift sie ein, weil ihr das Handeln und das Benehmen ihrer Mitbürger*innen auf den Wecker fällt, weil sie die verschwiegenen Probleme wahrnimmt. Sie formuliert „Wahrheiten“ über Andere, spricht mit und über Andere, so offen, wie es sich nicht gehört. Olive ist unangepasst in ihrer kleinen Welt, in dem engen und verlogenen Kosmos einer Kleinstadt, weil sie so ist, nicht weil sie damit etwas anderes zeigen will. Olive Kitteridge ist eine unsympathische Heldin, die liebenswert ist. Und das ist die großartige Leistung von Elizabeth Strout.

Dieser Roman macht froh und ist tröstend, während er gleichzeitig ohne Beschönigung die Schrecken des Miteinanders erzählt.

Barbara Determann, Autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Eine Tür aus Glas – weit offen

Liebe Kund*innen,

wir bedanken uns für Ihre Unterstützung und große Solidarität der vergangenen Wochen!

Ab Montag halten wir es mit Christoph Meckel: Ein Tür aus Glas, weit offen  – für Sie!

Unter Berücksichtigung der empfohlenen Hygienemaßnahmen freuen wir uns, unseren Laden wieder öffnen zu dürfen.

Das bedeutet im Einzelnen:

  • Zu unseren üblichen Ladenöffnungszeiten (Mo-Fr 9-19.00h, Sa 9-15.00h) können Bücher bei uns gekauft, bestellt und abgeholt werden.
  • Sie können aber natürlich auch weiterhin per E-Mail und Telefon oder über kommbuch.com bestellen.
  • Um ausreichend Abstand zu gewährleisten, bitten wir darum, die Buchhandlung einzeln zu betreten.
  • Wenn Sie einen Mundschutz haben, tragen Sie ihn gerne, wenn Sie in den Laden kommen.
  • Wir bevorzugen zurzeit eine elektronische Zahlung, bar geht aber auch.

Ausführliches Stöbern im Laden geht leider noch nicht. Hier müssen wir uns alle noch etwas in Geduld üben. Damit wir Sie und Sie uns aber endlich wiedersehen, haben wir uns ein hübsches Buchhändler*innen-Terrarium zugelegt!

Buchempfehlung

Anke Kuhl

Manno!

Klett Kinder Buch
16 €
ab 7 Jahren

Manno – und A Mänafa Mitleid. Die Kindheit ist die Zeit, in der man sehr vieles zum ersten Mal macht. Die Zeit, in der man beginnt, Dinge zu verstehen, dann auch zu durchschauen. Das geht einher mit Erfahrungen. Solche Erfahrungen stellen sich oft mit bestimmten Ereignissen ein – und die sind nicht immer angenehm. Das merkt man selbst Jahre später, wenn man meist lächelnd davon erzählt. In Manno geht es um diese Ereignisse, ihre immense Größe aus Sicht der Betroffenen und das Lachen aus unserer heutigen Sicht. Das ist keine Schadenfreude (obwohl Anke Kuhl zusammen mit ihrem Mann Martin auch darüber ein schönes Buch geschrieben hat), sondern ein ganz grundlegendes Mitfühlen.

In Manno erinnert sich Anke Kuhl an ihre Kindheit in den 70ern. Badezimmer sind grün gefliest, die Hosen des Vaters haben Schlag, und die Frisur der Mutter ist erschaffen aus Lockenwicklern und Trockenhaube. Im Mittelpunkt der Episoden stehen Anke und ihre Schwester Eva. Sie lieben ihre Eltern und sie lieben Openom, das sind Opa und Oma, „sie gehören so sehr zusammen, dass wir ihnen einen gemeinsamen Namen gegeben haben“. Es ist eine Kindheit voller Dramen. Mal ist es ein aggressives Karnickel, dass dem Hasenvater die Nase abbeißt, dann ein falsch aufgenähtes Freischwimmerabzeichen, der Streit der Eltern genau so wie die Explosion der Sonne und diese Schwester, die ihr Eis immer viel schneller isst und dann das eigene bedroht. In einer kleinen Geschichte, ganz am Ende, hören die Mädchen mit dem Vater im Auto einen Schlager, in dem der „Schöne Schmerz“ besungen wird – so kann man es auch sagen. So viel Drama, so viel Liebe ist in dieser Kindheit. Keinen Zweifel lässt die Autorin daran, dass es die schönste, die geborgenste Kindheit ist, die man sich nur vorstellen kann.

Anke Kuhl ist für ihre Kinderbücher bekannt. Zum zweiten Mal (nach „Lehmriese lebt“) erzählt die Frankfurter Künstlerin nun ihre Geschichte in der Form eines Comics. Das ist eine sehr glückliche Entscheidung. Es erlaubt ihr die perfekte Variation des Tempos, Gedanken über das Ende des Universums werden im Bett gedacht, da geht es um Statik, Schutz, Dunkelheit. Aber das Gefecht um die Lieblingsunterhose, das zwischen den beiden Schwestern mit zwei Klobürsten ausgetragen wird, braucht Raum und Dynamik. Die Texte besitzen das gleiche, genaue Timing, manchmal geht es auch ohne Worte, zum Beispiel beim alltäglichen Drama um eine rutschende Strumpfhose. Die aquarellierten Zeichnungen schließlich sind unübertroffen. Der „Mänafa Mitleid“ kommt direkt aus einem ABBA Song. „Gimme Gimme Gimme“ in der lautmalerischen Sprache der Kinder nachzulesen, ist schon sehr lustig – die Choreografie, die die Schwestern hier mit zwei Freundinnen dazu erfinden, treibt einem die Tränen des Glücks in die Augen.

Manno ist ein Buch für alle, und man braucht es so sehr wie eine gute Kindheit.

Jakob Hoffmann, Frankfurt

Buchempfehlung

Kübra Gümüsay

Sprache und Sein

Hanser Verlag
18 €

Die Sprache, in der wir aufwachsen, formt unser Denken, bestimmt, was wir benennen können, gibt vor, welche Gefühle wir ausdrücken und welche Lebensbereiche kulturell relevant sind, denn nur dann werden in einer Sprache dafür überhaupt Ausdrucksmöglichkeiten geschaffen. Wir sehen nicht, wir fühlen und wissen nicht, was alles außerhalb unseres Denkrahmens denkbar wäre.

Mit Sprache und Sein stellt uns Kübra Gümüşay den Blick der Mehrsprachigen zur Verfügung. Sie ist eine Autorin, die nicht nur zwischen Lyrik und Prosa wechselt, sondern sich nach ihrer Muttersprache, dem Türkischen, auch das Deutsche und Englische so zu eigen gemacht hat, dass sie darin all das zum Ausdruck bringen kann, was ihr wichtig ist. Die Erfahrung, dass sich manche Begriffe nicht übersetzen lassen, weil weder Wörterbücher noch Online-Übersetzer Bedeutungen und semantische Feinheiten abbilden können, haben vermutlich die meisten von uns schon mal gemacht. Und dass ein Wort nur selten ein Wort ohne unscharfe Randbereiche ist, in dem sich durch Kontext oder Betonung Untertöne mit transportieren lassen, wissen wir nicht erst, seitdem wir auch gesellschaftlich wieder über die Verrohung und Entgrenzung von Sprache diskutieren müssen.

Kübra Gümüşay denkt über Sprache und Sprechen nach, wendet sich aber auch dem Sagbaren zu, also Themen, die aus einer tabuisierten Grauzone des Unausgesprochenen langsam ans Licht kommen „Das Internet hat neue Perspektiven aus der Stille zur Sprache gebracht.“ Digitale Diskursräume ermöglichen es Betroffenen, überhaupt Worte zu finden, zum Beispiel für sexualisierte Gewalt im Rahmen der #MeToo-Bewegung. Dass Harvey Weinstein in der vergangenen Woche zu 23 Jahren Haft verurteilt wurde, ist auch als Sieg der Sprache zu sehen, des Ausgesprochenen über das Schweigen. Zeitgleich müssen wir uns mit einer Enthemmung und Entgrenzung der Sprache auseinandersetzen, also dem Gegenteil des reflektierten Schweigens. Das Totschlagargument rechtsgerichteter und fremdenfeindlicher Gesprächspartner ist häufig, „man könne hier ja nicht mal seine Meinung offen äußern“, wenn es um eine vermeintliche Bedrohung durch unterschiedliche Kulturen oder Religionen geht. Michel Friedman sagte hierzu in einem Radio-Interview kurz nach dem Anschlag in Hanau, dass die gesellschaftliche Vereinbarung, nicht alles und sofort auszusprechen, was uns durch den Kopf geht, einen wichtigen Namen trägt, nämlich: Zivilisation. Es gilt heute also mehr denn je, umsichtig abzuwägen, in welchen Bereichen zu viel und in welchen zu wenig gesagt wird.

In Sprache und Sein schult die Autorin darüber hinaus unsere Wahrnehmung der Ent-Individualisierung von Mitmenschen anderer Herkunft. Sie trägt Beispiele aus eigener Erfahrung und denen anderer kulturell oder politisch aktiver Musliminnen dafür zusammen, wie stark sie als „Kopftuchträgerin“ oder als junge Frau mit Migrationshintergrund wahrgenommen werden und wie selten als Person. Journalist*innen befragen sie als muslimische Frau, anhand derer zu verstehen versucht wird, wie alle anderen funktionieren. „Und jedes Exemplar der Spezies Muslim*innen ist wie das andere. Ob jung, alt, queer, weiß, schwarz, of Color, mit oder ohne Behinderung, geflüchtet, Arbeiter*innen, Akademiker*innen – sie alle werden ihrer Stimme und Sichtbarkeit beraubt.“

Unsere kultur- und sprachbedingte Klassifizierung der Welt in Schubladen und Stereotype gilt es wahrzunehmen, aufzubrechen und bestenfalls abzulegen. Kübra Gümüşay veröffentlicht hierzu nicht nur regelmäßig Kolumnen (https://kubragumusay.com/kolumnen/), sondern hat mit wachem und kenntnisreichen Blick ein wichtiges und unbedingt lesenswertes Buch geschrieben!

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Buchempfehlung

Ali Smith

Herbst

Luchterhand Verlag
22 €

Was ist nicht schon alles über Ali Smiths Roman Herbst gesagt worden: Er sei ein Brexit-Roman, ein Roman über die Pop-Künstlerin Pauline Boty, über die Profumo-Affäre und Christine Keeler. Aber Ali Smiths Herbst ist vor allem eines: Ein unglaublich gut geschriebener Roman, der uns vor Augen führt, warum wir die Literatur so sehr lieben. Nicht, weil sie uns Fakten liefert, nicht, weil sie uns nochmals abbildet, was wir in der sogenannten Wirklichkeit bereits erlebt und vielleicht auch schon wieder vergessen haben, sondern weil sie die unangefochtene Künstlerin der Fiktion ist, weil sie fabulieren kann, weil sie eine phantastische Künstlerin ist. Gerade noch tot am Ufer angeschwemmt, rennt Daniel Gluck wie ein junger Gott ins Gebüsch und versteckt sich zwischen den Blättern, ist selbst entzückt und beglückt, auf einmal wieder ein Knabe zu sein (diese „hübschen, jungen Füße“), ein andermal steckt er in einer schottischen Kiefer fest und ist auch darüber beglückt, es hätte ja auch eine Zwergkonifere sein können. Aber wer ist jetzt Daniel Gluck?

Wer will, der kann die Geschichte also auch so lesen: Elisabeth Demand, eine Kunsthistorikerin mit Lehrauftrag um die 30, besucht ihren ehemaligen Nachbarn und Freund, den knapp 100-jährigen Daniel Gluck, im Krankenhaus. Wann immer sie ihn besucht, schläft er. Daniel wird für Elisabeth nicht mehr aufwachen. Er schwebt zwischen Leben und Tod. Und von diesem Punkt an bekommen wir die ungewöhnliche Freundschaft der beiden erzählt. Elizabeth Demand ist 9 Jahre alt, als ihre Mutter den 80-jährigen Nachbarn Daniel Gluck fragt, ob er auf ihre kleine Tochter aufpassen kann. Aber Elisabeth geht bald auch gerne zu ihm, wenn die Mutter zu Hause ist. Denn anders als ihre alleinerziehende Mutter hat er Zeit, ihr die Welt zu zeigen, und das heißt bei Mr. Gluck: die Welt zu sehen, zu hinterfragen, was man sieht, es nochmals zu wenden und anders zu sehen, nochmals neu zu erzählen. Als die beiden einmal Spazieren gehen, erfinden sie ein neues Spiel, Bagatelle, in dem es ums Geschichtenerfinden geht: „Wer sind die handelnden Personen? … Ein Mann mit einer Waffe, sagte Elisabeth. Okay, sagte Daniel. Ich entscheide mich für jemanden, der in Gestalt eines Baumes auftritt. Eines was?, sagte Elisabeth. Auf keinen Fall. Sie müssen so was sagen wie noch ein Mann mit noch einer Waffe. Warum muss ich?, sagte Daniel.“

Mitten in der Konjunktur der Memoireliteratur, des autofiktionalen Schreibens, das mit dieser Volte natürlich die Authentizität zwar steigert, aber ohne sich ihrerseits tatsächlich aus dem Reich der Fiktionen zu verabschieden, ist es ein beinahe unbändiger Genuss sich der Literatur von Ali Smith hinzugeben.
Mit unglaublicher Leichtigkeit beschreibt die Schottin Smith unser reales Leben zwischen Pflegeheim und absurden Behördengängen, drohender Arbeitslosigkeit und Verzweiflung, aufkeimendem Nationalismus und Hassparolen. Aber die Literatur erscheint als realer Ausweg oder besser gesagt: Umweg in einen Denkraum hinein, in ein Reich des Denkbaren, aus dem der Weg schnurstracks zurück in die Realität führt. Dabei erzählt Smith mit so viel klugem Humor, dass man das Buch gleich ein zweites Mal lesen möchte. Aber es folgen ja bald noch Winter, Frühling und Sommer, auf Englisch längst schon erschienen.

Ines Lauffer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Liebe Kund*innen,

Wir nehmen Ihre Bestellungen online oder per Telefon entgegen und liefern zweimal täglich zu Ihnen nach Hause.

Liebe Kundinnen, liebe Kunden,

wir freuen uns sehr über Ihre zahlreichen Bestellungen, Ihren Zuspruch und Ihre Ermutigungen – wir sind überwältigt!

Ihre Bestellungen nehmen wir auch weiterhin online oder per Telefon entgegen und liefern zweimal täglich zu Ihnen nach Hause. Um jedoch den veränderten Abläufen gerecht werden zu können, müssen wir unsere telefonische Erreichbarkeit vorerst auf die Zeit von 10.00 bis 18.00 Uhr (samstags 10.00 bis 14.00 Uhr) beschränken.

Rund um die Uhr können Sie selbstverständlich über unsere Internetseite www.kommbuch.com oder per Mail (info@autorenbuchhandlung-marx.de) bestellen.

Das persönliche Gespräch lässt sich natürlich nicht ersetzen! Wir versorgen Sie aber in den kommenden Tag ausnahmsweise mit zusätzlichen Empfehlungen per Mail, neuen Büchern in unseren Fenstern und auf facebook mit kleinen Einblicken in unsere Arbeit hinter den Kulissen.

Wir beliefern Sie weiterhin zu Hause mit dem Fahrrad wenn Sie in erreichbarer Nähe wohnen. Da uns durch die direkte Belieferung zusätzliche Kosten entstehen, bitten wir Sie um Verständnis für die Erhebung einer kleinen Gebühr von € 1,50. Wohnen sie in entfernteren Stadtteilen, schicken wir Ihnen die Bücher gerne per Post mit den üblichen Versandkosten.

Entsprechend der hygienischen Empfehlungen, erfolgt die Bezahlung natürlich bargeldlos: Sie bekommen eine Rechnung und bezahlen dann per Überweisung.

Bleiben Sie bitte gesund!

Ihre Autorenbuchhändler*innen