WIR HABEN OFFEN


*diese und weitere Wortschatzkarten finden Sie bei uns im Laden.

Wir hätten eine Alternative zum finnischen kalsarikännit

Bei uns könnt ihr weiter inzidenzunabhängig stöbern und einkaufen, natürlich wie gewohnt mit Maske und Abstand und maximal vier Kunden.

Unsere Öffnungszeiten:

werktags von 9-19 Uhr, samstags von 9-15 Uhr.

Ein negativer Test ist nicht nötig.

Buchempfehlung

Yishai Sarid

Die Siegerin

Kein & Aber, 22 €

Eine Psychologin macht Soldatinnen und Soldaten fit für das Töten. Sie sollen kompromisslos dazu bereit sein, aber zugleich menschlich bleiben. Das Dilemma führt mitten in die israelische Gegenwart.

Der neue Roman von Yishai Sarid leuchtet eine Seite des Lebens in Israel aus, die für diejenigen, die den deutschen Alltag als Normalität erfahren, vollkommen fremd ist. Er handelt von der ständigen Gegenwart des Krieges im privaten Leben der Menschen. Das ist kein Roman über den Nahost-Konflikt, vielmehr zeigt er eine weitere Seite der israelischen Gegenwart, nachdem Sarid in seinem Roman „Monster“ (Kain & Aber 2019) davon erzählte, wie die Schoa das subjektive Erleben des Politischen prägt. Bereits dort geht es nicht zuletzt um die ununterbrochene Notwendigkeit, sich auf kriegerische Auseinandersetzungen einzustellen. Aus der Ferne betrachtet, scheint es um die Funktionalisierung der Schoa für die mentale Vorbereitung auf den Kampf zu gehen. Aber es ist keine Funktionalisierung, sondern einer der Gründe, warum sich das Kollektiv der jüdischen Israelis, wie es in „Monster“ heißt, „keine Sekunde der Schwäche erlauben darf“.

Wer ist die „Siegerin“? Ich denke nicht, dass es die Protagonistin ist, die Psychologin, die für das Militär arbeitet. Die Siegerin ist vielmehr Noga, so etwas wie die ideale Patientin der Protagonistin. Sie strahlt – nachdem sie zunächst einem psychischen Stresstest unterzogen wurde, der sie auf den Kampf vorbereitet hat. Von ihr fühlt sich die Protagonistin zutiefst angezogen. Die Geschichte ihres Sohnes ist ein weiterer wesentlicher Strang der Erzählung, den es zu entdecken gilt. Denn die Notwendigkeit, sich als Kämpfer zu bewähren, zerbricht die Menschen, es ist überhaupt nicht selbstverständlich, dass die Siegerin die Hauptperson ist.

Ich-Erzählerin ist die Psychologin, ihr Name wird nicht genannt. Die Soldaten sollen nicht einfach – wie es der Klappentext des Buches formuliert – fit sein, um den Feind zu besiegen und selbst am Leben zu bleiben. Sie sollen das Töten emotional als einen Teil ihrer Persönlichkeit akzeptieren. Die Ich-Erzählerin bewegt sich bewusst auf dem schmalen Grad zwischen der Begeisterung für das Morden und der Reflektion der Gefahr, die eine Gewöhnung an das Töten als Beruf mit sich bringt. Eine der zentralen Figuren des Romans, der Bildhauer Mendi, steckt tief in den Traumata fest, die er aus seiner Zeit als Nahkämpfer mitgenommen hat. Die Psychologin hat ihn therapiert und mit ihm Freundschaft geschlossen. Mit ihm spricht sie über das Leben nach dem Kampf.
Ihre eigentliche Arbeit ist aber das Training der künftigen Kämpferinnen und Kämpfer. Ihre Lehrgänge für Bataillonsführer sind ein Angebot zur Selbstreflektion über das, was die eigene Erfahrung mit dem Krieg und speziell dem Töten für die Professionalisierung bedeutet. Der Antagonist dieses psychologischen Trainingskonzepts ist ihr Vater, ein Psychoanalytiker der alten Schule. Leise und geduldig versucht er in seinem Raum, den die Protagonistin als Kind wie ein Heiligtum achtete, die Patienten zu begleiten. Er tut das auch heute noch, bis zu seinem Tod, den sie als großen Verlust erfährt. Diese beiden Konzepte der Arbeit an der Seele der Menschen sind wie ein Spiegel der Differenz zwischen dem, was ich als Bild von jüdischen Intellektuellen im Europa vor der Schoa auf der einen und von zum physischen Kampf bereiten Israelis der Gegenwart auf der anderen Seite imaginiere. Vielleicht ziemlich plakativ, aber so ergeben sich neue Aspekte, um die von den ununterbrochenen Bedrohungen und Kriegen geprägte israelische Gesellschaft zu verstehen.

Gottfried Kößler, Frankfurt

Buchempfehlung

Maria Stepanova

Der Körper kehrt wieder

Suhrkamp Verlag, 22 €

(Gedichte)

In ihrem 2021 für den International Bookerprize nominierten romanhaften Memoire Nach dem Gedächtnis (2018) beschreibt die Autorin Maria Stepanova den Versuch, über ihre Familie zu schreiben, sinngemäß als Epigonentum ohne Material. Das Leben ihrer Ahnen scheint nichts herzugeben, was sich narrativ, poetisch oder gar ideologisch ausschöpfen ließe. In Der Körper kehrt wieder bringt sie jedoch eine andere Form der Nachgeborenenschaft mit ins Spiel. Der Gedichtzyklus, der in diesem Band im Zentrum steht, trägt den Titel Spolia (im Original 2015 erschienen) und setzt mit den Versen ein: „alles zusammengenommen lautete der befund: sie ist nicht in der Lage, für sich selbst zu sprechen“. Konsequent wird hier aus dem lyrischen Ich das lesende Ich, das konfrontativ die Position der Dichterin angreift, und zwar nicht zuletzt im Namen der Dichtung selbst. Dieser Vorwurf, nichts Eigenes hervorbringen zu können, wird zu einer Art Kehrvers, der, statt endlich das Dichten zu untergraben, ihm eine neue Struktur bereitet.

Die einzelnen Gedichtzyklen setzen sich aus vielen, meist sehr kurzen Gedichten zusammen. Ohne selbstständige Titel divergieren sie im Hinblick auf ihre Form stark. Immer wieder setzt überraschend ein Metrum ein, oder ein Reimschema, das an Kinderlieder erinnert, schimmert durch, um sich dann wieder in prosaisch anmutenden Strophen zu verlieren. Anspielungen und Imitationen zieht die Lyrik sowohl aus dem russischen Kanon als auch (wenn auch weniger) aus der gegenwärtigen Popkultur und der griechischen und lateinischen Antike.

„in der sowjetzeit hat man aus solchen wie ihr übersetzer gemacht“. Stepanovas Lyrik formuliert das Motiv der Substanzlosigkeit auch bei sich selbst. Sogar im Verfolgungswahn des stalinistischen Terrors, dessen Tote genauso wie Opfer und Wiedergänger des Faschismus im Geschichtsbild Stepanovas deutlich anwesend sind, wäre ihre dichterische Stimme auf Grund mangelnder Substanz, mangelnden Gewichts nicht verfolgt, sondern angepasst, nivelliert worden – so der autopoietische Vorwurf. In wessen Namen aber wird er formuliert? Dem der Opfer oder der Täter? Dem der Zeitgenossen oder der Nachgeborenen?

Im Übrigen straft die geniale Übertragung ins Deutsche durch Olga Radetzkaja das Bild des angepassten Übersetzertums Lügen. Wann immer Texte in einer zweisprachigen Ausgabe herausgegeben werden, deren Originalsprache ich nicht beherrsche, wirkt die unlesbare linke Seite des Buches bittersüß auf mich. Beim Lesen dieser Gedichte habe ich jedoch noch öfter als gewöhnlich auf die kyrillischen Buchstaben gestarrt, in der abwegigen Hoffnung, sie würden mir noch mehr über den Ursprung der Kofferwörter verraten, die Radetzkaja im Deutschen formt. Um nur ein Beispiel zu nennen, welches das Verhältnis zur Geschichte in Stepanovas Lyrik zusammenzufassen scheint: „das verdächtnis| ist keine rettung“ und im Russischen: „воспонимание|неспасауе“. Erinnerung und Gedächtnis schwanken hier in nur einem Wort zwischen Verdacht, Verständnis und Fehlleistung.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Buchempfehlung

Henning Wagenbreth

Rückwärtsland

Peter Hammer Verlag
25 €
ab 8 Jahren

Das hat sicher jeder von uns als Kind gemacht: Worte rückwärts ausgesprochen. Und ich bin sicher, jeder Erwachsene kann heute noch, wie aus der Pistole geschossen seinen Namen rückwärts hersagen.

Das ist die erste Assoziation, die sich aufdrängt, wenn man das schöne, bunte Cover von Henning Wagenbreths Rückwärtsland anschaut, denn da gibt es ein „Efac“, einen „Tsruw“- Laden und es wird „Sie“ gegessen. Doch schlägt man das Buch auf, wird gleich im „Trowrov“ klar, dass es hier um viel mehr Rückwärts geht. Vielleicht „hast Du mal in jungen Jahren einen Hasen totgefahren oder die falsche Partei gewählt, die, die später Menschen quält, oder gar die falschen Worte ausgesprochen und damit Freundschaften zerbrochen?“ Im Rückwärtsland bekommt man die Chance, das alles noch einmal anders, besser zu machen.

Zuerst wird uns ein schön illustriertes Vokabular an die Hand gegeben, denn in jedem Land ist es gut, wenn man die Sprache ein bisschen beherrscht. Und klingt z.B. “Nofelet“ oder „Guezgulf“ nicht viel schöner als die Worte, die wir dafür kennen?Auf jeweils zwei Seiten zu einer Überschrift, in wunderschönen Illustrationen und gereimtem Text, taucht man jetzt in die wahren Abenteuer des „Rückwärtslands“ ein.

Natürlich muss man die Brötchen zurück zum Bäcker bringen, bevor man sich den Wecker stellt, um ins Bett zu gehen. Und nach dem Aufstehen trinkt man erst mal Bier, geht tanzen oder ins Kino, um dann müde zur Arbeit zu fahren. Fußballspiele starten verheißungsvoll mit einem Stand von zum Beispiel 4:3, raten Sie mal, wie sie alle ausgehen?Im Krieg werden mit den Kugeln der Soldaten Tote wieder aufgeweckt, und am Ende ist alles repariert, sind Häuser und Menschen wieder heil. Die Soldaten marschieren zurück in die Kasernen, um dort ihrem üblichen Tun nachzugehen: Fahnen schwenken und parieren, wenig nachdenken.Autos holt man sich vom Schrottplatz, um sie nach vielen Jahren, in denen das Auto immer neuer aussieht, zurück zum Händler zu bringen und viel Geld dafür zu bekommen. Doch nachdem man das alles angeschaut und seine Sachen besser gemacht, gerade gerückt hat, sollte man doch wieder den Rückweg antreten, denn vielleicht reicht sonst das Benzin nicht und man muss im Rückwärtsland ausharren?

Henning Wagenbreth, Professor für Illustration an der Universität der Künste Berlin, hat ein wunderschönes Buch gestaltet, das wie ein rückwärtslaufender Film anmutet und viele Ideen zu dem freisetzt, was man alles auch gerne noch mal rückwärts machen würde. Natürlich, ganz aktuell könnte man z.B. die ganze „Anoroc“ (was für ein harmloses Wort) -Krise noch einmal auf Anfang drehen wollen….Laut Verlagsangaben ist das Buch für Kinder ab 8 und für alle und das kann ich nur bestätigen und wärmstens empfehlen.

Bettina Raue, autorenbuchhandlung marx&co, Frankfurt

Endlich!

Endlich wieder mal von drinnen nach draußen…

Liebe Kundschaft,

ab
Montag, den 8. März ist es soweit: wir haben wieder geöffnet und Ihr könnt im Laden endlich all die Bücher entdecken, die es (noch) nicht in die Feuilletons oder in unsere Schaufenster geschafft haben.

So wie schon im Dezember müsst Ihr auf ein hemmungloses und zeitlich unbegrenztes Stöbern vorerst leider noch verzichten. Maximal 4 Personen können gleichzeitig die Regale durchforsten – und das auch nur 5-10 Minuten. Wir lüften natürlich regelmäßig und unsere Luftfilter laufen auf Hochtouren.

Zur Abholung gilt weiterhin: bitte einzeln eintreten!

Denkt an Eure (medizinische) Maske und desinfiziert vor der Tür bitte die Hände! So hoffen wir trotz steigender Zahlen, den Laden auch über die nächsten Wochen für Euch und uns offen lassen zu können.

Es gelten die normalen Ladenöffnungszeiten:
Montag – Freitag  9 – 19 Uhr
Samstag 9 – 15 Uhr

Wir freuen uns auf Euch!
Eure AutorenbuchhändlerInnen

Buchempfehlung

Hanser Verlag
978-3-446-26921-7
22€

Mithu M. Sanyal

Identitti

Identitti – benannt nach dem gleichnamigen Online-Tagebuch der Protagonistin Nivedita – beginnt als unterhaltsame Persiflage auf den Habitus der gegenwärtigen Sozialphilosophie. Ein glamouröser Starkult, der die Lehrstühle umgibt. Professor*innen-Fanclubs,die sich in den sozialen Medien messen. Rasende Aufsteiger*innen, denen der allzu persönliche Kontakt zu ihren Mentor*innen zu Kopf steigt und die sich für schlaue Musterschüler*innen halten, in Wirklichkeit aber sowohl in ihren Kursen als immer öfter auch im eigenen Leben offenbar keinen einzigen klaren Gedanken mehr fassen.

Mithu Sanyal entlarvt gnadenlos den Stumpfsinn soziologischer und geschichtspolitischer Debatten im 140-Zeichen-Schreiformat, in denen es mehr um die schneidige Erniedrigung des Gegenübers geht als um eine wahrheitsfähige Sprachform und reproduziert dabei den modernen Diskurstypus in zahlreichen fiktiven Blogeinträgen und Twitter-Mitteilungen so zielsicher, dass man zwischendurch leicht vergisst, dass es sich „nur“ um einen Roman handelt…

…der jedoch im Kern ein ganz reales Problem rund um den theoretischen Begriff „race“ zur Sprache bringt, nämlich die Frage, wie schwierig Rassismus als Beziehungsform zu verstehen und als Herrschaftsform zu kritisieren ist. Für Nivedita, eine politisch aktive Studentin der Postkolonialen Studien, bricht plötzlich die halbwegs heile Welt der Akademie in sich zusammen, als der lange verschollen geglaubte Bruder ihrer Lieblingsprofessorin – der mysteriösen Saraswati – jedem, der es wissen will, im Internet medienwirksam erklärt, dass Saraswati nicht im Geringsten, wie sie vorgibt, aus Indien stammt, sondern die weiße privilegierte Tochter aus einem weißem privilegierten Haushalt ist!

Die Ikone der antirassistischen Aktion wird über Nacht nicht nur als wohlhabende Weiße bekannt, die sich durch skandalöse Maskerade auf einen gutbezahlten Lehrstuhl geschwindelt hat, sondern auch als die Schwester, die geschwiegen hat, als der adoptierte und möglicherweise sogar geraubte Bruder beim ersten sich bietenden Vorwand ins Sanatorium abgeschoben wurde. Das sitzt – und gibt Sanyal zahlreiche Gelegenheiten, mit viel Sinn für permanente erzählerische Spannung das Thema „race“ anhand des Skandals rund um Saraswatis selbsterklärtem „trans-racial“- Grenzgang aus allen erdenklichen Richtungen zu beleuchten. Und obwohl wirklich alle erdenklichen Positionen zum Thema einmal drankommen, bleibt das Ganze doch stets ein lesbarer Roman, der überhaupt nicht verkopft und ohne viel theoretischen Ballast daher kommt.

Der akademische Super-GAU, der größte anzunehmende Reality – und Privilegien-Check, mündet in den folgenden Wochen schließlich in eine beständige Belagerungssituation – drinnen Sarah Vera Thielmann ala Saraswati plus ihre treue Protegée Nivedita; draußen der sprichwörtliche identitätspolitische Mob, der den Kopf oder zumindest den Rücktritt und das Karriereaus für die Hochstaplerin fordert. Kann Identitti das Ruder noch einmal herumreißen und die Wucht der Internet-Empörung in emanzipatorische Bahnen umlenken?

Mithu Sanyal skizziert mit ihrer von den realen Ereignissen um den Fall Rachel Dolezal inspirierten Geschichte einen wichtigen Teil der widersprüchlichen Positionen zu den ontologischen Kategorien der postkolonialen Theorie.

Florian Geissler, Karl Marx Buchhandlung, Frankfurt

Buchempfehlung

Kiepenheuer & Witsch
978-3-462-05328-9
18€

Nam-Joo Cho

Kim Jiyoung, geboren 1982

Jiyoung ist zum Entsetzen ihres Mannes ganz offensichtlich verrückt geworden. Die 34jährige Mutter einer Tochter scheint plötzlich ihre Identität verloren zu haben; sie spricht mit der Stimme ihrer Freundin, ihrer Großmutter, ihrer Schwester. Sie ist „alle Frauen“ geworden. Ausgehend von dieser Psychose rollt Cho Nam-Joo Jiyoungs Leben auf, von der Kindheit bis ins Jahr 2016. Wir erfahren von einem Frauenleben in Korea, von all seinen kleinen und großen Demütigungen, Beleidigungen, Herabsetzungen. Das fängt in der Schule an und hört im Berufsleben nicht auf. Selbstverständlich teilen sich Jiyoung und ihre Schwester ein Zimmer, während der jüngere Bruder ein eigenes bekommt. In der Schule werden die – unbequemen – Schuluniformen der Mädchen strikt kontrolliert; bei den Jungen dagegen drücken die Lehrer gerne mal ein Auge zu, wenn die ein T-Shirt dem Jackett vorziehen. Und so weiter bis ins Arbeitsleben, in dem die Kollegen auf der Damentoilette eine Kamera verstecken und die Bilder ins Internet stellen.

Nimmt man bei der Lektüre anfänglich noch vor allem die Unterschiede zwischen den geschilderten Erfahrungen aus Südkorea und den eigenen wahr, spürt man von Seite zu Seite ein stetig wachsendes Unbehagen. Sind die Unterschiede wirklich so groß? Die südkoreanische Gesetzeslage ähnelt, wie die Autorin in zahlreichen Fußnoten erklärt, durchaus der hiesigen, und auch die Männer sind, von einigen bemerkenswerten Ausnahmen abgesehen, nicht durchweg gedankenlose Machos, sondern durchaus um das Wohlergehen der Frauen bemühte, ausgesprochen freundliche und höfliche Wesen – bis die Verhältnisse, z.B. Kinderbetreuung, gender pay gap, kulturelle Vorurteile etc., die nun mal so, wie sie sind, also schlecht, gnadenlos zuschlagen. Denn wer soll die Kinder betreuen, wenn nicht die Mütter, und dass die dafür ihren Beruf aufgeben müssen, dafür können die Ehemänner nichts, die eben mehr verdienen und also die Familie ernähren können. Dass zum südkoreanischen Arbeitsethos Überstunden bis in die Nacht und gern auch Wochenende gehören, macht die Sache nicht besser. Und labile Frauen geraten dann schlimmstenfalls mal in eine Psychose …

Das Ende des Romans allerdings, in dem Jiyoungs frauenverstehender Psychiater zu Wort kommt, öffnet noch der wohlwollendsten Leserin weit die Augen für eine Realität, die sich bei allen Unterschieden weltweit ähnelt und mich zumindest ungeheuer wütend zurückgelassen hat. Kim Jiyoung, geboren 1982 erweist sich hier als ein unglaublich böses Buch – und ein sehr nötiges.

Irmgard Hölscher, Frankfurt

Buchempfehlung

Luchterhand Verlag
978-3-630-87251-3
16 €

Louise Glück

Averno

Christian Metz sprach in seinem Buch Poetisch denken (Fischer Verlag, 2018) von unserer Gegenwart als einer Blütezeit der deutschsprachigen Lyrik. Aber auch international ist die Rezeption von Lyrik in den letzten Jahren wieder gestiegen. Insbesondere aus dem englischsprachigen Raum ist etwa mit den Übersetzungen von Anne Carson (Kanada), Alice Oswald (UK) und Ocean Vuong (US) für die deutsch- und zweisprachige Leserschaft viel Spannendes zu entdecken gewesen. Vorläufiger Höhepunkt der internationalen Aufmerksamkeit ist aber wohl die Auszeichnung von Louise Glück mit dem Nobelpreis für Literatur 2020.

Ihr Lyrikband Averno, der bereits 2008 in der Übersetzung von Ulrike Draesner im Luchterhand Verlag erschien und jetzt neu aufgelegt worden ist, besteht aus zwei Gedichtzyklen. In ihnen treten zwei Hauptthemen der Lyrik Glücks besonders deutlich hervor: die physische Erfahrung und das Schauspiel der Jahreszeiten einerseits und die Erinnerung an eine Kindheit andererseits. Dabei entsteht bei Louise Glück eine zerrissene Zeitlichkeit; das Vergangene bleibt als Erinnerung ewig anwesend und präsent, während das zyklische Wiederkehren der Jahre Stillstand hervorbringt. Zur Verdeutlichung: Das Gefühl des Neubeginns, das dem Frühling wie ein Klischee, aber auch wie eine kindliche Vorstellung anhängt, der wir uns nicht entziehen können, wird in dem Gedicht Oktober, das den ersten Gedichtzyklus eröffnet, mit offenherzigem Erstaunen und Verzweiflung als vergangen und vergeblich erkannt. „Ist es wieder Winter, ist es wieder kalt […] war nicht die Nacht vorbei, | flutete nicht das schmelzende | Eis die engen Rinnsteine || wurde mein Körper nicht gerettet, war er nicht in Sicherheit […]?“. Das ganze Gedicht entfaltet sich entlang der einen Frage, ob es nicht Frühling gewesen sei. Man kann nun mit Recht sagen, dass diese Beobachtung nicht neu ist, aber das Neue ist auch nicht Glücks Gegenstand. „War die Nacht nicht vorbei?“ – darin steckt die so naive wie ehrliche Frage: Ist es nicht eine Zumutung, ist es nicht eigentlich unbegreiflich, dass die Zeit vergeht? Dass Tod und Winter immer wiederkehren, dass Heilung temporär ist? Im zweiten Teil des Bandes verlässt ein verzweifelter Farmer sein Feld, als er sieht, dass es nach einem alles vernichtenden Feuer wieder von Neuem zu wachsen beginnt: „Die Natur, stellt sich heraus, ist nicht wie wir; sie hat keinen Speicher für Erinnerung. Das Feld hat nicht plötzlich Angst vor Streichhölzern“. Glücks Dichtungen sind im Gesamten genommen solche reduzierenden Rückführungen. Sie lenken die Aufmerksamkeit auf Widersprüche und Fragen, die wir mit der Zeit zu relativieren gelernt haben. Die Schlichtheit ihres Ausdrucks ist demnach auch nicht in erste Linie als postmoderne Sachlichkeit zu verstehen. Der Mythos ist nicht nur durch die Figur Persephones, die als Verkörperung sowohl der verlorenen Kindheit als auch der wiederkehrenden Jahreszeiten die Galionsfigur von Averno ist, das Leitmotiv der Dichtung, sondern auch in der durch die Ernsthaftigkeit, mit der einfache und grundsätzliche Fragen gestellt und Beobachtungen gemacht werden. Glück wehrt romantisierende und symbolische Aufladungen nicht mit großer Geste ab, sondern vertraut darauf, dass sie sich beim Lesen von selbst als Fehllektüre erweisen. Das Feld ist wirklich nur ein Feld, aber was heißt nur? Glücks Dichtung zeichnet sich bei genauerem Hinsehen durch eine Art Abwesenheit des Metaphorischen und Symbolischen aus. Lassen sich gerade Natur und Kindheit überhaupt (noch) als solche betrachten? Und das auch noch in der Form der Poetik? Mit der Lektüre Glücks lässt sich dieser Versuch unternehmen.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Wir wünschen Ihnen herrlich sonnige Wintertage!