Norwegen – das glückliche Land und seine Literatur

Montag, 23. September 2019, 20 Uhr

Veranstaltung mit Frederike Felcht, Radka Stahr und Ruthard Stäblein

Das diesjährige Gastland der Buchmesse Norwegen hat trotz seiner nur fünf Millionen Einwohner schon drei Literaturnobelpreisträger hervorgebracht. Nun scheint ein neues goldenes Zeitalter norwegischer Literatur angebrochen zu sein, und so gibt es auch wieder einen ernsthaften Anwärter auf diese höchste Auszeichnung, den Autor Jan Fosse. Daneben feiern Maja Lunde oder Karl Ove Knausgård internationale Erfolge. Die Literatur unserer nördlichen Nachbarn lohnt es folglich, dass wir uns mit ihrer Geschichte und ihren Neuerscheinungen beschäftigen.

Ausgehend von der Blütezeit um 1900, von Knut Hamsun, Henrik Ibsen und Alexander Kielland, diskutieren die beiden Skandinavistinnen Frederike Felcht und Radka Stahr gemeinsam mit dem Moderator Ruthard Stäblein die wichtigsten Neuerscheinungen und beleuchten typische Aspekte dieser Literatur – wie etwa das autofiktionale Schreiben. Diskutiert werden u.a. die neuesten Romane von Tomas Espedal, Stig Sæterbakken und Mona Høvring  sowie die Graphic Novel von Marta Breen und Jenny Jordahl.

Prof. Dr. Frederike Felcht ist Juniorprofessorin am Institut für Skandinavistik in Frankfurt am Main. Ihr aktueller Forschungsschwerpunkt liegt in der Literatur von 1850 bis 1950.

Mgr. Radka Stahr, Ph.D. studierte Skandinavistik und Germanistik an der Karlsuniversität in Prag, 2018 beendete sie ihre Doktorarbeit über den Einfluss der bildenden Kunst auf das Werk von Karen Blixen und arbeitet aktuell als Juniorprofessorin in der Skandinavistik an der Universität Frankfurt. 

Ruthard Stäblein studierte in Deutschland und Frankreich Germanistik, Romanistik, Komparatistik und Philosophie und beendete sein Studium mit einer Arbeit über Benjamin und Baudelaire an der Sorbonne. Bekannt geworden ist er als Redakteur für den Hessischen Rundfunk und die ARD. Das Gastland Norwegen und seine Autoren hat er schon vor der Buchmesse besucht

Buchempfehlung

François Augiéras

Eine Reise auf den Berg Athos

Aus dem Französischen von Dirk Höfer

Matthes & Seitz Berlin
978-3-95757-719-1
Preis 28,00 EUR

„Was ist das für ein Dorf, wo ich nur Kinder, blutjunge Frauen und Mädchen zu Gesicht bekomme?“ Am Strand von Ierissos, ganz im Osten Griechenlands, spaziert, im Schatten der Eukalyptusbäume, ein junger Toter. Unsicher befragt er seine Begleiterin, wo er sei und wie sich die anderen Toten in seiner Situation verhielten. Wenige, ist die Antwort, wagten die Weiterreise auf den heiligen Berg. Die meisten machten nur kurz Station, um dann wieder ins Reich der Lebenden zurückzukehren.

Der tiefblaue Himmel wölbt sich über dem Dorf, dem weiß leuchtenden Strand aus feinem Sand. Mädchen lachen in den verwunschenen, üppigen Gärten. Gedämpftes Geplauder dringt aus den verschatteten Weinlauben, Kinder spielen ausgelassen. Wie leicht, sich hier zur Rückkehr ins Leben zu entscheiden. Süße Verheißung.

Der junge Tote allerdings will das Jenseits erkunden, das von einem marmornen Berg überragt wird, in dessen dunklen nach Zedernholz duftenden Urwäldern Schlangen und wilde Stiere hausen. In dem in verschwiegenster Gottesfurcht zweitausend Mönche in zwanzig Klöstern und einigen Einsiedeleien leben. Ein Jenseits, das die Identität wie die Zeit infrage stellt, auflöst und dessen Erkundung vielleicht zu höheren Wahrheiten führt.
Leicht wehmütig nimmt der Tote Abschied von seiner Begleiterin, versorgt sich mit dem Nötigsten und setzt mit dem nächsten Boot über, um eine rastlose Wanderschaft auf dem Athos zu beginnen – eine fiebrige Reise zwischen Ich-Auflösung und staunender Naturbetrachtung, zwischen Askese und sexueller Ausschweifung, spiritueller Einsicht und gleißendem Wahnsinn.

Der Heilige Berg Athos ist die einzige Mönchsrepublik der Welt. Eintausendachthundert orthodoxe Mönche leben weltabgewandt auf der schmalen Halbinsel, die im Osten an Chalkidiki anschließt. Frauen ist der Zutritt verboten, weibliche Tiere sind ebenfalls untersagt. Es heißt: Die Abwesenheit alles Weiblichen wird durch die Anwesenheit der Gottesmutter kompensiert und gereiche so dem Weiblichen zur höchsten Ehre.
Der Athos ist autonomes Gebiet und wird von den Äbten der Klöster verwaltet. Dass dieses Gebiet als besonders geheimnisvoll, als Sehnsuchtsort spiritueller Erfüllungen gilt, dass sich Jahr um Jahr Pilger entschließen, dieses unwahrscheinliche Stück Erde zu erkunden, ist naheliegend.

Und so machte sich auch der französische Schriftsteller François Augiéras in den 50er-Jahren auf den Weg, den Athos für sich zu entdecken. Wie lange er die Mönchsrepublik durchstreifte, ist nicht bekannt. Sicher ist nur, dass er seine Erlebnisse in seinem rätselhaften Buch Eine Reise auf den Berg Athos einfließen ließ, in dem er beschreibt, wie ein junger Toter in das Jenseits des Athos kommt, rastlos von Kloster zu Kloster wandert, dabei mehrere Identitäten durchlebt, weil er seiner eigenen durch seinen Tod verlustig gegangen ist und schließlich nach spiritueller Veredelung in radikaler Entsagung sucht. „War ich tot? Träumte ich? Meine Abenteuer auf dem Heiligen Berg waren nur die Folge meiner Neigungen und meiner früheren Leben.“

Im gleichen Maße wie sich die Identität des toten Protagonisten im Laufe seiner Wanderschaft auflöst, wie er zu der Überzeugung gelangt, dass seine Seele eine Vielzahl von Identitäten beheimatet, die er beinahe beliebig wechseln kann, erodiert der Text Genregrenzen und sperrt sich einer genauen Zuordnung: kristallklare Naturbeschreibungen von ausnahmsloser Schönheit und Präzision wechseln mit der Schilderung beinahe mythologischer Szenen ab, spirituelle Gedankengänge, die pantheistische, christliche und buddhistische Ideen in ein religiöses Mash-up verwandeln, münden in sexuelle Eskapaden mit deprivierten Athos-Mönchen. All das wird von der Ungewissheit verrätselt, ob der Protagonist tatsächlich durch das Jenseits wandert oder aber ob er nur von einem Jenseits der regulären Welt spricht, dem Athos als spirituelle Sphäre also, in der die ultimative Selbsterfahrung möglich ist, weil dieses Gebiet dem normalen Lauf der Welt nicht folgt.

„Hinter den Pforten des Todes reichte ein Nomadenlager zu meiner Erquickung aus, denn ich war ein uralter Geist. Meine Einsamkeit, keineswegs dazu angetan, mich zu quälen, gab mir mein wahres, aus Urzeiten stammendes Wesen zurück.“

Ganz gleich welchem Genre man dieses Werk zuordnen möchte, ganz gleich, welche Intention der frühverstorbene Augiéras, der gegen Ende seines Lebens in einer Höhle bei Domme im Périgueux hauste, mit der Niederschrift dieses Textes auch hatte: Die Reise auf den Berg Athos ist ein außergewöhnliches, skurriles Buch, das dank seiner vorzüglichen und feinen Sprache einen Kosmos aus glänzenden, manchmal irre schillernden Bildern entstehen lässt, der irgendwo zwischen psychotischem Wahn und höchster poetischer Kunst angesiedelt ist.

Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Buchempfehlung

S. Fischer, 24 €
320 Seiten
978-3-10-397279-5

Anne Carson, Rot

Zwei Romane in Versen

Aus dem Amerikanischen von Anja Utler

Das Aufgreifen antiker Stoffe und Figuren ist in der Literatur der Gegenwart und jüngerer Vergangenheit kein unbekanntes Phänomen. Nichtsdestotrotz kann der Zugang, den Anne Carson wählt, nicht nur als neu, sondern auch als einzigartig beschrieben werden. Rot erzählt die Geschichte von Geryon und Herkules. Eine Liebesgeschichte, ein Coming-of-Age Roman, ein Reisebericht und Mythos, aber vor allem ein ungezügeltes Spiel der Sprachbegeisterung von einer Autorin, die in Kanada und den USA bereits zu den wichtigsten Autor*innen der Gegenwart gezählt wird.

Der Mythos, nach welchem Herkules Geryon tötet und dessen Rinderherde entführt und so die zehnte seiner Aufgaben erfüllte, findet sich nur im Vorwort in Carsons eigener Übersetzung des Stesichoros Fragments wieder. Wenn man, um einen ernsthaften Umgang mit dem, was uns von der Antike überliefert ist, auf das Wort (Original-)Treue zurückführen möchte, so gilt diese bei Carson nicht den äußeren Umständen des Mythos. Spielend überführt sie das Schicksal Geryons in das New York City der Gegenwart, wird aus dem Mörder, der unerreichbare Geliebte. Die Freiheiten, die Carson sich in Bezug auf die Neuerzählung nimmt, liegen indes weniger in einer Abwendung begründet als in der konsequenten Weigerung, die Antike und ihre Dichtungen als etwas Versteinertes und Lebloses wahrzunehmen. Dieser Umgang ist auch in Carsons altphilologischen und wissenschaftlichen Arbeiten und Übersetzungen immer wieder lobend hervorgehoben worden. Verbindlich erscheinen für Carson vielmehr die Stimmung und die Poetik des Mythos. Geht Carson über einige Aspekte des Mythos achtlos hinweg, so ist doch ihr Umgang mit ihren Figuren von extremer Einfühlsamkeit geprägt, die an Distanzlosigkeit grenzt.

So wenig zurückhaltend wie Carsons Umgang mit ihren antiken Figuren ist, so kompromisslos und ausladend ist auch ihre Sprache. Der bemerkenswerten Übersetzung der Lyrikerin Anja Utler gelingt es, auch im Deutschen die Leichtigkeit des an Metaphern reichen Stils zu erhalten. Die neue Ausgabe bei S. Fischer führt außerdem erstmals die zwei Romane über Geryon, die von der Autorin mit einem Abstand von 15 Jahren verfasst worden sind, in einem Buch zusammen. Die direkte Gegenüberstellung der beiden Romane ist sehr reizvoll. Sie führen Carsons ununterbrochene Begeisterung für die sich verwandelnde Form und das experimentierende Erzählen vor und machen deutlich, dass auch in Rot der Mythos etwas genuin Lebendiges und Unstetes bleibt. Besonders reizvoll ist die in unterschiedlicher Ausprägung sich durch beide Romane ziehende Versform. Dabei verzichtet Carson auf jede Form des Metrums oder des Reims. Lediglich die abbrechenden Zeilen unterscheiden den Text von Prosa. Der Effekt ist ein doppelter: der Text bleibt flüssig und leicht zu lesen, während seine Setzung die Tragweite des einzelnen Satzes betont.

Das Ineinandergreifen von Prosa und Poesie ist zentral für Carsons gesamtes Werk und das Verhältnis der beiden zueinander bleibt so dunkel und unverständlich, wie Carsons eigenes Zitat, das von ihren Verlegern aus gutem Grund auf Rücken und Einband des Buches gedruckt wurde: „was unterscheidet die Poesie von der Prosa Sie kennen die alten Analogien die Prosa ist ein Haus die Poesie ein Mann in Flammen der ziemlich schnell hindurchrennt“.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Endlich Bilderbuchferien!

In den Sommerferien lesen wir Bilderbücher vor.

Dienstags um 16 Uhr und Donnerstags um 10 Uhr.

Für Kindergarten- und Grundschulkinder

Di. 9. Juli 2019, 16 Uhr


Stephanie Schneider
Die Bademeisterbande
Tulipan Verlag
ab 7 Jahre

Do. 11. Juli 2019, 10 Uhr


Wade Bradford / Kevin Hawkes
Wer schnarcht im 13. Stock
Orell Füssli Verlag
Ab 3 Jahre

Di. 16. Juli 2019, 16 Uhr


Katja Gehrmann
Stadtbär
Moritz Verlag
ab 6 Jahre

Do. 18. Juli 2019, 10 Uhr


Lucy Rowland
Wo ist meine Kuscheldecke
Oetinger Verlag
ab 4 Jahre

Di. 23. Juli 2019, 16 Uhr

Jory John
Roberta & Henry
Carlsen Verlag
ab 4 Jahre

Do. 25. Juli 2019, 10 Uhr

Nini Alaska
Hollie & Fux
Tulipan Verlag
ab 4 Jahre

Di. 30. Juli 2019, 16 Uhr

Kerstin Hau
Das Dunkle und das Helle
NordSüd Verlag
ab 4 Jahre

Do. 1. August 2019, 10 Uhr

Jörg Isermeyer
Dieses Tier bleibt jetzt hier
Beltz Verlag
ab 3 Jahre

Wir freuen uns auf Euch.

Schöne Ferien wünschen die Buchhändler*innen aus der autorenbuchhandlung marx&co!

Helfen zwischen Solidarität und Wohltätigkeit

Thomas Gebauer und Christine Unrau im Gespräch mit Greta Wagner

Montag, 8. Juli 2019, 20 Uhr

Prismen – Institut für Sozialforschung bei marx & co

Helfen wird aus einer gesellschaftskritischen Perspektive häufig als unpolitisch oder partikular kritisiert. Es stabilisiere den Status quo, reproduziere symbolische Ungleichheiten und trage nicht zu grundlegenden sozialen Transformationen bei. Wenn Akteur_innen in sozialen Bewegungen »Solidarity, not Charity!« skandieren, meinen sie damit, dass die Unterstützung für marginalisierte Gruppen keine Frage der Barmherzigkeit, sondern des gemeinsamen Kampfes ist. Während wohltätiges Helfen nur die Akte des Gebens und Empfangens umfasst, setzt solidarisches Helfen Reziprozität und Vergemeinschaftung voraus. Wie aber kann Gegenseitigkeit zwischen Helfer_innen und Hilfsempfänger_innen mit ungleicher Ressourcenausstattung gelingen? Diese Fragen treiben Aktive in der kritischen Entwicklungszusammenarbeit, Engagierte in der Unterstützung für Geflüchtete ebenso um wie Sozialwissenschaftler_innen.

Hintergrund des Gesprächs bildet der Themenschwerpunkt »Helfen zwischen Solidarität und Wohltätigkeit« (hg. von Greta Wagner) in WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung 1/2019.

Thomas Gebauer ist Menschenrechtsaktivist und Autor. Er studierte Psychologie und Soziologie in Frankfurt, war von 1996 bis 2018 Geschäftsführer der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation medico international und ist seit 2018 Sprecher von deren Stiftung. Thomas Gebauer war einer der beiden Initiatoren der 1997 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten »Internationalen Kampagne zum Verbot von Landminen«. Kürzlich ist von ihm (zusammen mit Ilija Trojanow) das Buch erschienen: Hilfe? Hilfe! Wege aus der globalen Krise. Frankfurt am Main: Fischer 2018.

Christine Unrau ist Forschungsbereichsleiterin am Käte Hamburger Kolleg/Centre for Global Cooperation Research an der Universität Duisburg-Essen. Sie studierte Regionalwissenschaften Lateinamerika an der Universität zu Köln, wo sie 2017 mit ihrer Dissertation Erfahrung und Engagement. Motive, Formen und Ziele der Globalisierungskritik (Bielefeld 2018: transcript) promoviert wurde. Sie forscht zu Humanitarismus und Mitleid sowie zu politischen Bewegungen im Kontext der Globalisierung.

Greta Wagner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Exzellenzcluster »Die Herausbildung normativer Ordnungen« an der Goethe-Universität Frankfurt a. M. und Member am Institute for Advanced Study in Princeton. Sie studierte Soziologie an der Freien Universität Berlin und an der Goethe-Universität Frankfurt a. M., wo sie 2014 promoviert wurde. In ihrem laufenden Forschungsprojekt befasst sie sich mit Fragen der Normativität von Solidarität und Wohltätigkeit. Greta Wagner ist Autorin von: Selbstoptimierung. Praxis und Kritik von Neuroenhancement. Frankfurt a. M. und New York: Campus 2017.

Theater als politische Klimaanlage – Karlheinz Braun im Gespräch mit Marion Victor und Wolfgang Schopf

Montag, 24. Juni 2019, 20 Uhr

Karlheinz Braun. Herzstücke. Leben mit Autoren
Schöffling & Co, 32 €

Niemand hat das deutschsprachige Theater der vergangenen sechzig Jahre so intensiv begleitet wie Karlheinz Braun. Von der Frankfurter “neuen bühne” mit ihren Uraufführungen von Günter Grass bis Nelly Sachs ging er 1959 in den Suhrkamp Verlag, wo er den Theaterverlag aufbaute. Karlheinz Braun gehörte zu dem legendären Lektorat, das 1968 den Suhrkamp Verlag nach dem “Aufstand der Lektoren” verließ und den Verlag der Autoren gründete, der in den nächsten Jahrzehnten zur wichtigsten Adresse deutscher Theater- & Filmautoren werden sollte. “Herzstücke” ist der Blick zurück des leidenschaftlichen Theatermenschen Karlheinz Braun. Er erzählt die Geschichten von über hundert Autoren wie Botho Strauß, Dea Loher, Heiner Müller, Rainer Werner Fassbinder, Thea Dorn, Wim Wenders & F. K. Waechter.

Fundus.  Das Buch vom Verlag der Autoren 1969-2019.   Herausgegeben von Marion Victor und Wolfgang Schopf.
Verlag der Autoren, 39 €

Ein anderes Jubiläumsbuch zum 50. Geburtstag des Verlags der Autoren ist gerade erschienen: Die Herausgeber Marion Victor (1989 bis 2010 Geschäftsführerin des Verlags der Autoren) und Wolfgang Schopf (Literaturarchiv der Goethe-Universität) sind tief in den Verlags-Fundus gestiegen und dokumentieren mit Zitaten, Ausschnitten, Faksimiles und Fotos Jahr für Jahr bis heute die wichtigsten Geschehnisse. Aus 2372 Schnipseln setzen sie das Gesamtbild dieses Verlages zusammen, der wie kaum ein anderer die politischen und ästhetischen Debatten eines halben Jahrhunderts widerspiegelt.

Veranstaltung

Schäfchen im Trockenen – Autorin Anke Stelling im Gespräch

Mittwoch, 5.Juni 2019, 20 Uhr

Verbrecher Verlag, 22 €

Freunde halten zusammen. Auf sie kann man sich verlassen. Bis Resi den Bogen überspannt. Freunde sagen einander immer die Wahrheit. Aber wie viel Wahrheit verträgt eine Freundschaft? Und beim Geld hört ja die Freundschaft bekanntlich ohnehin auf.

Als die Schriftstellerin Resi ein Buch über ihren Freundeskreis, gemäßigt links und gut situiert, veröffentlicht, wirft einer dieser Freunde sie und ihre fünfköpfige Familie kurzerhand aus ihrer Wohnung.  Daraufhin findet sich Resi zwischen materialistischen Sachzwängen und der Macht und Ohnmacht des Erzählens wieder.

Anke Stelling wurde für Schäfchen im Trockenen mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Zum Thema Schreibprozess sagt sie selbst: „Wenn ich versuche, von mir abzusehen, bleibt auch für andere nichts übrig“. Mit Blick auf ihren aktuellen Roman, möchten wir mit der Autorin über das Verhältnis von Subjektivität, Ökonomie und Schreiben sprechen.

Anke Stelling, 1971 in Ulm geboren, absolvierte ein Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Sie stand mit ihrem im Verbrecher Verlag erschienenen Roman Bodentiefe Fenster (2015) auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2015. 2017 erschien ihr Roman Fürsorge im Verbrecher Verlag. Ihr neuster Roman Schäfchen im Trockenen (2018) wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2019 ausgezeichnet. Im Juni 2019 erhält sie den Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg.

Buchempfehlung

Zeichnen für ein Europa

Bilder von 45 Illustratorinnen und Illustratoren. Aus dem Englischen von Fabienne Pfeiffer

Beltz & Gelberg, 12,95 €
978-3-407-81247-6

Dieses Buch gehört zu jenen Büchern, bei denen wir Buchhändler*innen mal wieder nicht so genau wissen, wohin wir es eigentlich stellen sollen. Gehört es in unsere Kinder- und Jugendbuch-Ecke, weil es bunt ist und uns naturgemäß viele der Figuren bekannt vorkommen – immerhin illustrieren die Mitwirkenden sonst vorwiegend Kinderbücher? Oder sind die in ihm enthaltenen Zeichnungen von 45 Illustrator*innen nicht viel zu hintersinnig, ironisch, anspielungsreich, um für Kinder geeignet zu sein? Gehört es gar ins Politik-Regal, weil Europa und seine Zukunft vermeintlich auf dem politischen Parkett zwischen Parteien und Wahlprogrammen ausgehandelt wird?

Die ursprüngliche Idee zu diesen 2017 entstandenen, bebilderten Reflexionen über Europa stammt von Markus Weber, dem Leiter des Frankfurter Moritz Verlags. Er bat die Illustrator*innen der in seinem Haus erscheinenden Kinderbücher, ihre Gedanken zu Europa aufs Papier zu bringen. Die damals entstandenen Bilder aus fünf europäischen Ländern wurden auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert, dann im Berliner Bundesministerium für Arbeit und Soziales ausgestellt und später versteigert. Doch die Idee ging auf Wanderschaft, und viele weitere Illustrator*innen, insbesondere auch aus Großbritannien, nahmen Papier und Stift zur Hand, um ihrem Glauben an Europa oder ihrer Kritik am Brexit bildreich Ausdruck zu verleihen.

Ob in Form einer mit 12 gelben Sternen jonglierenden Kuh von Kristina Andres („Genau wie beim Jonglieren muss Europa viel üben, damit es klappt“) oder als zirkusreif balancierende, Fahnen schwenkende Tiere auf einem schwarzen Stier von Thé Tjong-Khing („Die Europäische Union als schwieriger Balanceakt“), fast überall ist unübersehbar, dass Europa mehr ist als eine heterogene Gruppe von Ländern. Auffällig oft stellen die Illustrator*innen die Länder Europas als spielende Kinder dar. Und vielleicht ist das die hoffnungsvollste Deutung der aktuellen Europäischen Union: Kinder, die spielerisch und kreativ lernen, miteinander auszukommen, Kompromisse zugunsten der Gruppe einzugehen und ihre Unterschiede als Stärken zu erkennen. Der deutsche Illustrator Andreas Német stellt den Leser*innen gar eine Europakarte zur Verfügung, die nur aus Länderkürzeln besteht und auf den ersten Blick an „Malen nach Zahlen“ erinnert. Német fordert auf, die persönlichen Verbindungen zu und zwischen den einzelnen Ländern selbst einzuzeichnen. Hier wird vielleicht besonders klar, dass jeder von uns mitbestimmt, was Europa heute und in Zukunft für uns ist oder werden kann.

In witziger, aussagekräftiger und oft subtil nachdenklicher Form regt dieses Büchlein – vielleicht gerade jetzt, kurz vor der Europa-Wahl am 26. Mai – zum Nachdenken und Sprechen über Europa an. 45 europäische Ideen sind hier, ganz wie Europa selbst, in Vielfalt vereint!

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Buchempfehlung

Fragen an Europa von Gesine Grotrian

Was lieben wir? Was fürchten wir? Illustriert von Susan Schädlich. Ab 12 Jahre

Beltz & Gelberg, 16,95 €
978-3-407-81245-2

Europa! Alle sprechen immer darüber, doch was ist das eigentlich? Was versuchen wir da eigentlich immer vor Populismus und Nationalismus zu schützen? Natürlich ist Europa der Kontinent, auf dem wir leben, keine Frage, doch ist Europa nicht noch viel mehr? Steht dieser Kontinent, dieser Zusammenschluss der Länder, nicht auch für Frieden, Gleichheit und Menschenrechte? Und was wissen wir eigentlich über die EU? Klar, irgendwie bestimmt die EU unseren Alltag, doch die meisten Menschen wissen nicht wie. All diese Fragen und noch einige mehr werden in dem Buch Fragen an Europa geklärt. Man wird mit einigen Grundinformationen, die auch schon sehr interessant sind, in das Buch eingeführt. Weißt du zum Beispiel, wie viele Menschen in Europa leben und wie viele Sprachen in Europa gesprochen werden? Und ist dir eigentlich klar, dass es nicht nur eine, sondern viele verschiedene Definitionen von Europa gibt?

Das Buch kommt mit 60 Fragen an und über Europa daher. Einige sind eher allgemein gehalten, zum Besipiel was eigentlich Populismus oder Pluralismus sind, andere sind sehr spezifisch auf Europa bezogen, wie zum Beispiel, welche besonderen Zugstrecken durch Europa verlaufen. Alles wird mit Hilfe sehr einfacher und doch aufschlussreicher Schaubilder illustriert, die sehr nett gestaltet sind, wie bei Frage 32: „Wer hatte die Idee für die EU? Meilensteine in Bildern“. Die Absicht des Buches ist es, junge Menschen zum Nachdenken über Europa anzuregen, und laut den Autoren hat man das Buch nur dann wirklich verstanden, wenn man mit mehr Fragen aus dem Leseerlebnis herausgeht als man vorher hatte. Ihr Wunsch ist es natürlich, dass Menschen durch dieses Buch Europa lieben lernen, wie sie es tun, da es offensichtlich viele Menschen gibt, die vergessen haben, was wir an Europa eigentlich haben.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, da es ein für mich sehr interessantes Thema vorstellt. Außerdem gehen die Autorinnen auf einen der wichtigsten Punkte ein, die für ein funktionierendes Europa eigentlich nötig und die Gegenbewegung zum Rechtsruck in Europa wäre: Pluralismus! Er ist wahrscheinlich eine der wenigen Chancen, die wir noch gegen den Gedanken des Nationalstaates haben. Also lasst uns diese ergreifen, um dem fortschreitendem Populismus die Stirn zu bieten. Anfangen sollten wir damit, uns gut über Europa und die EU zu informieren und Möglichkeiten zur positiven Veränderung zu entwerfen. Genau dafür ist dieses Buch perfekt.

Vicco Siebicke, 15 Jahre

Frankfurter Stadtansichten, Frankfurter Wohnlandschaften – Mit Niklas Maak durch Mosebachs Roman Westend

Donnerstag, 16. Mai 2019, 20 Uhr

Im Rahmen von Frankfurt liest ein Buch

Seit den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist Frankfurt Mittelpunkt wichtiger Architekturentscheidungen, nicht nur für die Wohnungsbaupolitik. Die neue Frankfurter Altstadt ist nur ein Kapitel unter vielen. Martin Mosebachs Roman Westend lässt uns eintauchen in die unmittelbare Nachkriegszeit, als noch in Trümmern lag, was heute wieder aufgebaut wird.

Mit den Wohnformen stehen immer auch Identitätsentwürfe und Gesellschaftsformen zur  Debatte, die Mosebach in seinem Roman genauestens beschreibt und die wir mit dem Architektur­kritiker Niklas Maak diskutieren möchten.

Seit einigen Jahren fordert Niklas Maak, neue Häuser zu planen, die nicht mehr nur auf die  Kleinfamilie zugeschnitten sind, sondern den neuen ökonomischen wie ökologischen Anforderungen und Lebensformen gerecht werden.

Während Mosebachs Roman historische Ereignisse wie etwa die Hausbesetzung im Westend ausklammert, rückt er dennoch in den Fokus, was heute wieder heftig debattiert wird: Wie wollen wir wohnen und zusammenleben?

Niklas Maak ist Redakteur der FAZ und leitet zusammen mit Julia Voss das Kunstressort. Sein Studium der Kunstgeschichte, Philosophie und Architektur beendete er mit einer Dissertation zu Le Corbusier und Paul Valéry. Neben seiner Lehrtätigkeit in Harvard, Berlin und Frankfurt publiziert er regelmäßig zur Architektur und ist für seine Essays mit dem Henri-Nannen-Preis ausge­zeichnet worden.

Veranstaltung

Pro-europäischer Aktivismus Chancen und Grenzen

Diskussionsabend mit Sandra Seubert und Claus Leggewie

Montag 6. Mai 2019, 20.00 Uhr

In Bezug auf Europa wird nicht mehr nur von anti-europäischen Kräften mobilisiert. Im Gegenteil: pro-europäische Bewegungen erinnern inzwischen über nationale Grenzen hinweg an das Versprechen, das mit der Einführung eines Europäischen Bürgerschafts-Status im Maastrichter Vertrag von 1992 verbunden war: das Europäische Projekt ist nicht allein Sache der Staaten, sondern der BürgerInnen Europas selbst. Im Vorfeld der Europawahl wollen wir an diesem Diskussionsabend Chancen und Grenzen eines pro-europäischen Aktivismus und Forderungen nach einer demokratischen „Neugründung“ erörtern.

Sandra Seubert, Prof. Dr., ist Professorin für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Politische Theorie an der Goethe-Universität sowie Goethe-Fellow am Forschungskolleg Humanwissenschaften, wo sie zu Perspektiven Europäischer Bürgerschaft arbeitet.

Claus Leggewie, Prof. Dr., ist Politikwissenschaftler, war u.a. von 2007 bis 2017 Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen, ist Inhaber der Ludwig-Börne-Professur an der Uni Gießen und Mitherausgeber der »Blätter für deutsche und internationale Politik«.