Gefangen in Prag nach 1968

Helmer Verlag, 16.- €

Sibylle Plogstedt im Gespräch mit Ilse Lenz

Montag, 13. August 2018, 20 Uhr

1968 – das Jahr der Studentenrevolte – begann mit dem »Prager Frühling« in der Tschechoslowakei. Doch die Reformversuche der Partei- und Staatsführung endeten am 21. August mit dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes.
Sibylle Plogstedt, als Studentin in der Opposition gegen den Einmarsch aktiv, wird 1969 von der Staatssicherheit der Tschechoslowakei verhaftet. Sie ist zu dem Zeitpunkt 24 Jahre alt und verbringt eineinhalb Jahre Haft in Ruzyně. Erst Jahrzehnte später kann sie ihre politische Gefangenschaft in diesem Buch aufarbeiten.

Sibylle Plogstedt schlägt anhand der eigenen Biografie ein zentrales Kapitel osteuropäischer und bundesdeutscher Vergangenheit auf – vom Prager Frühling und dessen Niederschlagung über die Aktionen der westdeutschen Linken bis hin zum erwachenden Feminismus.

Sibylle Plogstedt
wurde in Berlin geboren, absolvierte dort ein Studium der Sozialwissenschaften und war von 1965 bis 1969 Mitglied im SDS. 1969 geriet sie in Prag in politische Haft. An der Freien Universität in Berlin wurde sie von 1974 bis 1976 mit Berufsverbot belegt. Sibylle Plogstedt hat 1976 die feministische Zeitschrift »Courage« mit gegründet und bis 1984 herausgegeben. Von 1986 bis 1989 war sie Redakteurin beim Vorwärts, danach freie Journalistin für verschiedenen Fernseh-, Hörfunk- und Internetredaktionen. Sie lebt als freie Autorin im Wendland.

Ilse Lenz
ist Professorin em. für Soziologie (Geschlechter- und Sozialstrukturforschung) an der Ruhr-Universität-Bochum. Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind u.a. Globalisierung, Geschlecht und Arbeit, Frauenbewegungen im internationalen Vergleich; komplexe soziale Ungleichheiten (Klasse, Ethnizität, Geschlecht).

 

 

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der HEINRICH BÖLL STIFTUNG HESSEN e.V.

Bilderbuchferien 2018

Hurra, es sind wieder Sommerferien!!!

Wir laden alle Kindergarten- und Grundschulkinder ein!

Die Veranstaltung dauert jeweils etwa eine halbe Stunde.

Kommt vorbei, wir freuen und auf euch!

AfD in Parlamenten – Themen, Strategien, Akteure

Wochenschau Verlag, 14.90 €

Lisa-Marie Klose und Benno Hafeneger im Gespräch mit Heike Ließmann

Montag, 25. Juni 2018, 20 Uhr

Europaweit beschäftigen rechtspopulistische Parteien die Menschen, die Medien und nach dem Einzug jener Parteien in die Parlamente auch den politischen Alltag.
Benno Hafeneger, Hannah Jestädt, Lisa-Marie Klose und Philine Lewek haben sich in einer umfangreichen Studie mit den ersten parlamentarischen Aktivitäten der AfD in kommunalen Parlamenten in Hessen und Niedersachsen sowie im Landtag von Rheinland-Pfalz beschäftigt. Sie beleuchten u.a. die Wahrnehmung der etablierten Parteien von und den diffizilen Umgang mit der AfD. Die Untersuchung versteht sich als ein aufklärender Beitrag über die AfD mit Blick auf ihre parlamenta­rischen Aktivitäten und zugleich als Anregung für eine differenzierte Auseinandersetzung mit der AfD im Parlamentsbetrieb.

Neben dieser bereits veröffentlichten Studie werden die Autoren im Gespräch mit Heike Ließmann auch die Ergebnisse einer weiteren Studie zu “AfD – Jugend, Jugendarbeit, Jugendpolitik” thematisieren.

Lisa-Marie Klose, M.A. Politikwissenschaft, Philipps-Universität Marburg; ab SS 2018 wissenschaftlicher Mitarbeiterin in der vergleichenden Politikwissenschaft an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt.

Benno Hafeneger, Dr. phil., Prof.(em) am Institut für Erziehungswissenshaften der Philipps-Universität Marburg.

Heike Ließmann, Redakteurin in der Redaktion Bildung und Wissenschaft bei hr Info.

Buchempfehlung – Manfred Theisen, Einer von 11

In einer Halbzeitpause könnte man ihn lesen, diesen inneren Monolog am Spielfeldrand. Gedanken eines (fiktiven?) Fußballers der deutschen Nationalmannschaft kurz vor der Einwechslung. Eines Spielers mit deutschem Pass und deutscher Kindheit, aber eben auch mit nigerianischen Wurzeln. Diese Wurzeln kann er zwar nicht fühlen, dafür kann sie aber jeder sehen. Die Farbe seiner Haut, die Beschaffenheit seiner Haare setzen viele immer noch gleich mit seinem Sein, meistens freundlich, anerkennend – immerhin schießt er ja für Deutschland Tore –, aber doch kurz verblüfft, wenn er fehlerfrei deutsch spricht. Wie wütend das seine Mutter immer gemacht hat, als er noch klein war, daran erinnert er sich. Und daran, wie sein Vater ihm sein Heimatland zeigen wollte, wie fremd ihm selbst aber die afrikanische Luft und seine nigerianischen Verwandten waren. Und er erinnert sich daran, wie sehr er sich wünschte, wie alle anderen zu sein, zu Hause, in Deutschland. Einfach nur einer von ihnen will er sein und heute einer von 11.

Und wir, wir wollen so gerne glauben, längst ohne Vorurteile auszukommen. Und unsere Kinder wachsen mit der kleinen Emma auf, deren Vater aus Puerto Rico kommt, und dem kleinen Otto mit den asiatischen Gesichtszügen. Und doch gibt es manchmal diesen winzigen Moment des Überraschtseins, den wir uns nur ungern eingestehen, dann nämlich, wenn einer dieser Fußballer am Spielfeldrand, vom Journalisten befragt, ganz akzentfrei erklärt, welche Strategie er mit dem Trainer besprochen hat und wie es seiner rechten, kürzlich verletzten Wade geht.

„Noch heute gibt es Menschen, die sich für etwas besseres halten, weil sie noch nie irgendwo fremd gewesen sind, höchstens als Touristen und Besucher“, denkt dieser Fußballer auch am Spielfeldrand, „aber ich bin kein Besucher!“.

Wie alt man ist und ob man sich für Fußball interessiert, ist bei diesem 64 Seiten umfassenden Büchlein gar nicht wichtig. Es geht um Zugehörigkeit, um alltägliche unbewusste Aus- und Abgrenzung, um gesellschaftlich hoch aktuelle Fragen. Vier Wochen WM sind ein guter Anlass, um sich bei einer bunt gemischten deutschen Mannschaft mal wieder klar zu machen, was wir eigentlich damit verbinden, wenn wir von „deutsch“ sprechen.

Manfred Theisen hat sicher nicht ohne Grund den Spieler eines Mannschaftssports gewählt, um uns mit unseren eigenen gedanklichen Schubladen zu konfrontieren. Eine Mannschaft ist erst dadurch stark, dass sie ganz unterschiedliche Menschen entsprechend ihrer Fähigkeiten und individuellen Stärken einzusetzen weiß. Wären alle gleich, hätte diese Mannschaft keine Chance. „Deutschland ist ein zerbrechliches Gebilde, zersplittert, vereint, zerfallen, größenwahnsinnig, besetzt, geteilt, wieder vereint und unaufhaltsam suchend“, lesen wir in Einer von 11. Genau das ist dieses Land und deswegen so ein guter Ort, weil hier so viele unterschiedliche Menschen hoffentlich auch zukünftig friedlich miteinander leben können.

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Fortschritt. Zur Erneuerung einer Idee

Campus Verlag 24,95 €

Peter Wagner im Gespräch mit Axel Honneth

Montag, 4. Juni 2018, 20 Uhr

Prismen – Institut für Sozialforschung bei Marx & Co

Peter Wagners Essay Fortschritt greift ein in eine Situation des Zukunftspessimismus und der gesellschaftlichen Orientierungslosigkeit. Er erinnert an die Erwartung der beginnenden Moderne, mit der Freisetzung der Vernunft aus Bevormundung und Willkür seien die Bedingungen geschaffen für kontinuierliche Fortschritte in allen Bereichen des menschlichen Lebens. Diese Idee eines allgemeinen historischen Fortschritts der Menschheit ist uns gründlich abhandengekommen. Während die einen der Meinung sind, mit der Herausbildung der liberalen Demokratie habe sich das Versprechen des menschheitlichen Fortschritts im Grunde erfüllt, blicken andere auf drohende ökologische Katastrophen sowie das Fortbestehen von Krieg und Gewalt, Armut und Ungleichheit, Ausbeutung und Unterdrückung. Wenn es überhaupt noch so etwas wie Fortschritt geben könne, dann liege er in der Vermeidung von Rückschritten. Peter Wagner plädiert nicht für eine Rückkehr zur geschichtsphilosophisch aufgeladenen Fortschrittsidee des 18. und 19. Jahrhunderts. Nicht nur realhistorische Erfahrungen haben sie unwiderruflich diskreditiert, sondern auch die ihr inhärente raumzeitliche Hierarchie zwischen denen, die als fortschrittlich gelten, und jenen, die als überholt oder rückständig und modernisierungsbedürftig dastehen. Vielmehr greift Wagner die postkolonialen, rassismuskritischen und feministischen Einwände gegen das Fortschrittsnarrativ auf und fragt, ob und wie sich aus der Analyse vergangener und gegenwärtiger sozialer Kämpfe Elemente eines ermutigenden Begriffs von Fortschritt rekonstruieren lassen, der unser Handeln erneut motivieren und aus der Sackgasse vermeintlicher Alternativlosigkeit herausführen könnte.

 

Peter Wagner ist ICREA Forschungsprofessor am Institut für Soziologie an der Universität von Barcelona; am Institut für Sozialforschung ist er Mitglied des Internationalen Wissenschaftlichen Beirats. Zu seinen Buchveröffentlichungen zählen: Soziologie der Moderne. Freiheit und Disziplin (Frankfurt a. M. und New York: Campus 1995); Moderne als Erfahrung und Interpretation. Eine neue Soziologie zur Moderne (Konstanz: UVK 2009); (zusammen mit Bo Stråth) European Modernity. A Global Approach (London: Bloomsbury Academic 2017).

Axel Honneth ist Direktor des Instituts für Sozialforschung und Jack C. Weinstein Professor of the Humanities an der Columbia University, New York. Er ist Autor von Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte (Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1992); Das Recht der Freiheit. Grundriß einer demokratischen Sittlichkeit (Berlin: Suhrkamp 2011); Die Idee des Sozialismus. Versuch einer Aktualisierung (Berlin: Suhrkamp 2015).

 

Peter Wagners Buch Fortschritt. Zur Erneuerung einer Idee ist 2018 in der Schriftenreihe des IfS »Frankfurter Beiträge zur Soziologie und Sozialphilosophie« beim Campus Verlag erschienen.

Kissina, Julia Revolution Noir Autoren der russischen “neuen Welle”

Suhrkamp Verlag 24€

Der Titel des Nachworts der Herausgeberin und Illustratorin dieser Anthologie, Julia Kissina, klingt vermessen: „Goodbye Dostojewski“. Nein, diese Anthologie macht den Meister sicher nicht obsolet. Gemeint ist aber etwas anderes: Die Anthologie Revolution Noir. Autoren der russischen „Neuen Welle“ fügt den bestehenden Bildern über Russland neue hinzu, indem hier Erzählungen erstmals in deutscher Sprache erscheinen oder überhaupt zum ersten Mal publiziert werden.

Wenn man einige der Erzählungen, die als manieriert und geschwätzig kaum in Erinnerung bleiben, auch beiseitelassen kann, heißt das nur mehr Aufmerksamkeit für die wenigen großartigen Beispiele, die Erstere wieder aufwiegen. Besonders schön ist „Die Reise des Lukas“ (1992) von Wassili Kondratjew, in der ein Mann an einem verlassenen Bahnhof aus dem Zug steigt und sich in der Wildnis verliert. Fantastisch grotesk und dabei fast naturalistisch in der Schilderung beengter Wohnverhältnisse in einer Kommunalwohnung ist die Erzählung „Der Sprung in den Sarg“ von Juri Mamlejew über eine alte Dame, die zwar todkrank ist, aber nicht sterben kann. Ihre Verwandten beklagen, die Pflege bringe sie noch ins Grab, und überreden die Kranke deshalb dazu, ihrerseits freiwillig ins Grab zu steigen.

In Erinnerung bleibt die Geschichte vom „Menschenfresser-Flugzeug“ von Pavel Pepperstein, der den Zweikampf zwischen einem Giftmischer und dem Menschenfresser-Flugzeug irgendwo in der Luft zwischen London und Reykjavík erzählt. Sorokin kommt, wie kann es auch anders sein, in seiner Erzählung „Asche“ wieder laut und gewaltig mit spritzenden Eiterbeulen und menschenfressenden Gourmands daher, und mit einem klaren Sieg über den Nationalismus im heutigen Russland. In „Zweckmäßigkeit“ von Alexej Parschtschikow wird die Arbeit eines Absamers geschildert und dabei in zarte Transzendenz gehüllt, die so gar nicht zu dem scheinbar derben Beruf passen will. Blut, Eiter, Stiersperma –alles ist so explizit und extrem geschildert, wie es sich für eine Avantgarde gehört. Aber die wohl extremste Erzählung des Bandes ist die, in der Kafka als sorgenfreies Familienoberhaupt Mitte fünfzig portraitiert wird. Zufrieden mit seinem geleisteten schriftstellerischen Tagwerk genießt er die deftigen Speisen seiner Gattin und schaukelt seine kleine Enkelin auf den Knien.

Beinahe ebenso spannend wie die Erzählungen sind die Kurzinformationen über die Autoren und Autorinnen am Ende des Bandes. Ihre Biografien spiegeln die ereignisreichen Jahre nach dem Ende des sowjetischen 20. Jahrhunderts wider und die Versuche, mit Emigration und subversiver künstlerischer Tätigkeit die Zensur und Verfolgung zu umgehen.

In ihrem Nachwort erklärt Kissina auch den Titel der Anthologie. Drei Avantgarden habe es in Russland gegeben, und alle hätten auf ihre Weise auf revolutionäre gesellschaftliche Umschwünge reagiert: die erste Avantgarde, auch klassische Avantgarde, genannt, suchte in den 1920er Jahren ihre Stellung zwischen revolutionärem Kampf und individuellem künstlerischem Ausdruck. Die zweite Avantgarde, dann sei mit der Tauwetter-Periode ab 1956 verbunden. In der vorliegenden Anthologie finden sich nun Vertreter der sogenannten dritten Avantgarde zusammen, die allesamt die Jahre der Perestroika künstlerisch mit verfolgten und – soweit es ihnen möglich war – künstlerisch mitgestalteten. „Noir“ ist eine besondere Ausformung des künstlerischen Ausdrucks in den 1980er Jahren – eine fröhlich-groteske, morbide Antwort auf den schon seit langem schal gewordenen sozialistischen Optimismus. Brandneu ist diese „neue Welle“ also nicht mehr. Umso besser, dass ihre Vertreter endlich in deutscher Sprache vorliegen.

Alena Heinritz, Graz

 

Gefängnis und Armut. Zur gesellschaftlichen Wirklichkeit der Strafpraxis in Deutschland

Campus Verlag, 14 €

Friederike Boll, Franziska Dübgen und Frank Wilde im Gespräch mit Felix Trautmann

Montag, 23. April 2018, 20 Uhr

Prismen – Institut für Sozialforschung bei Marx & Co

Das Gefängnis gilt als negatives Spiegelbild der Gesellschaft. Wer dort einsitzt, hat eine Tat begangen, die gesellschaftlich inakzeptabel ist und entsprechend sanktioniert wird. Bei genauerer Betrachtung der Gefängnispopulation zeigt sich jedoch auch, dass die gesellschaftliche Strafpraxis bestimmte Bevölkerungsschichten in besonderer Weise kriminalisiert und dem Gefängnis aussetzt. Einen entscheidenden Faktor stellt dabei die soziale Lage dar. Armut treibt die Menschen zwar nicht notwendig in die Kriminalität, doch kann durchaus behauptet werden, dass das Gefängnis bestehende soziale Ungleichheiten reproduziert und verstärkt. Um die verhängnisvollen Wechselbeziehungen von Armut und Gefängnis zu begreifen, müssen die strafrechtspolitischen, sozialen und ökonomischen Dynamiken in einem größeren Zusammenhang und über die Mauern des Gefängnisses hinaus betrachtet werden. In der Zusammenschau von Sozialstruktur und Strafpraxis, wie sie von Otto Kirchheimer und Georg Rusche bereits in den 1920er Jahren vorgeschlagen wurde, erweisen sich die Forderungen nach schärferen Strafen zur besseren Verbrechensbekämpfung als genauso verfehlt wie die aktuelle Diskussion über das »hohe Niveau« der sozialen Sicherungssysteme in Deutschland. Die Frage, wie Gesellschaften mit Kriminalität umgehen sollten, kann ohne den Verweis auf die armutsverschärfende Wirkung der gegenwärtigen Strafpraxis nicht mehr angemessen diskutiert werden.

Hintergrund des Gesprächs bildet der Themenschwerpunkt »Armut und Gefängnis« (hg. von Il-Tschung Lim, Daniel Loick, Nadine Marquardt und Felix Trautmann) in WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung 2/2017.

Friederike Boll hat Rechtswissenschaften in Frankfurt und Wien studiert und arbeitet derzeit in Frankfurt als Anwältin im Arbeitsrecht, Antidiskriminierungsrecht und LGBTIQ-Personenstandsrecht. Sie ist darüber hinaus aktives Mitglied in der Vereinigung demokratischer Juristinnen und Juristen (VDJ), dem bundesweiten Netzwerk kritischer Juristen (kritjur) und in verschiedenen queeren Kontexten.

Franziska Dübgen lehrt am Institut für Kulturwissenschaft der Universität Koblenz-Landau und ist dort Ko-Leiterin des Forschungsprojekts »Diversität, Macht und Gerechtigkeit«. Promoviert hat sie mit einer Arbeit über zeitgenössische Gerechtigkeitstheorien der Kritischen Theorie im Spiegel postkolonialer Ansätze. Von 2015 bis 2017 war sie Leiterin der Nachwuchsforschungsgruppe »Jenseits einer Politik des Strafens« an der Universität Kassel. Für den Junius-Verlag verfasste sie eine Einführung zu Theorien der Strafe.

Felix Trautmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialforschung. Aktuell arbeitet er in einem Forschungsprojekt mit dem Titel »Paradoxien der Gleichheit. Die Demokratie und ihre Kulturindustrie«. Darüber hinaus ist er Mitglied von KNAS[ ], der Initiative für den Rückbau von Gefängnissen.

Frank Wilde arbeitet als Sozialpädagoge in verschiedenen Arbeitsbereichen der freien Straffälligen- und Wohnungslosenhilfe in Berlin. Aktuell ist er Projektleiter beim Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg in einem Beratungsangebot für ältere Strafgefangene. 2016 ist seine Dissertation Armut und Strafe. Zur strafverschärfenden Wirkung von Armut im deutschen Strafrecht (Springer VS-Verlag) erschienen.

Vorstellung der neuen Zeitschrift Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart

Hannah Peaceman und Micha Brumlik (Hrsg.)

Dienstag 6. März 2018, 20 Uhr

Jalta – Selbstermächtigung. Desintegration. Allianzen

Moderation: Karen Körber

Im Oktober 2017 ist die zweite Ausgabe der Zeitschrift Jalta – Positionen zur Jüdischen Gegenwart mit dem Themenschwerpunkt „Desintegration“ erschienen. Die jüdischen und nicht-jüdischen Autor*innen erkunden die Potentiale einer Gesellschaft der Vielen, die sich über die Vorstellung einer auf Einheit basierenden Gemeinschaft hinwegsetzt.

Zwei der Herausgeber*innen, Micha Brumlik und Hannah Peaceman, stellen Jalta im Kontext der politischen Verhältnisse nach der Bundestagswahl sowie dem Erstarken rechter und faschistoider Bewegungen vor. Sie verorten die Beiträge zur jüdischen Gegenwart und diskutieren vergangene und gegenwärtige Interventionsmöglichkeiten jüdisch-postmigrantischer Allianzen.

Hannah Peaceman studierte Philosophie, Politikwissenschaften und Gender Studies in Marburg, London, Frankfurt und Jena. Sie promoviert am Max-Weber-Kolleg in Erfurt. Von 2010 bis 2016 war sie Stipendiatin des Ernst-Ludwig-Ehrlich Studienwerks (ELES).

Micha Brumlik ist emeritierter Professor am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt am Main. Von 2000 bis 2005 war er Leiter des Fritz Bauer Instituts. Seit 2013 ist er Senior Professor am Zentrum Jüdische Studien Berlin/Brandenburg in Berlin.

Karen Körber, promovierte Soziologin, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Akademie der Weltreligionen der Universität Hamburg. 2012-14 war sie die erste Fellow am jüdischen Museum Berlin. Forschung und Publikationen zu jüdischer Diaspora, Migration und Transnationalisierung.

 

Buchempfehlung – Gert Loschütz “Ein schönes Paar”

Schöffling Verlag 22€

Die Haushaltshilfe des Vaters ruft an, er ist gestorben. Gerade mal vier Wochen später kommt der Anruf aus dem Altersheim, in dem die Mutter die letzten Jahre verbrachte. Überraschend ist auch sie gestorben.

Beim Sichten der Hinterlassenschaften findet der Sohn Fotos, tauchen Erinnerungen auf. Scheinbar distanziert, fast kriminologisch genau schaut er zurück und betrachtet die Spuren des Lebens dieses einstmals so schönen Paares.

Seine Betroffenheit wird deutlich in der Beharrlichkeit, mit der er der Geschichte seiner Eltern nachgeht. Ihre Liebesgeschichte hatte trotz des Krieges verheißungsvoll begonnen. Aber dann hatten sich die Eltern bald, nachdem sie in den Westen gekommen waren, getrennt. Er, der Junge, war bei Georg, dem Vater, geblieben. Die Mutter, Herta, war von einem Tag auf den anderen verschwunden. Wann hatte das Unglück angefangen? 1956 nach dem Aufstand in Ungarn hatten die Eltern beschlossen, in den Westen zu gehen, solange es noch ging, und alles Erreichte, Freunde und Familie zu verlassen, um noch einmal von vorne zu beginnen. Während Georg vorausfuhr, setzte Herta das Ersparte in eine Kamera um. Denn die könne man bestimmt im Westen gut wieder verkaufen, so zumindest der Plan.

Der Neubeginn war schwierig. Und der Verkauf der Ostkamera im Westen stellte sich als unmöglich heraus. Um Herta zu demonstrieren, dass sie keinen Fehler gemacht hatte, der Kauf der Kamera doch richtig gewesen war, „lieh“ Georg sich, heimlich, wie er sich wohl dachte, das Geld von seiner Firma. Nun war die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten.

Der Vater wurde zwar in der Öffentlichkeit rehabilitiert. Aber Georg und Herta waren, um sich gegenseitig zu schützen, beide aus Liebe schuldig geworden. Gleichzeitig aber hatten sie sich damit auch der gegenseitigen Verachtung ausgesetzt. So konnten sie nicht mehr zusammenleben, konnten sich nur noch trennen. Und wie lebt es sich ohne den geliebten Menschen? Die Geschichte des schönen Paares ist eine Geschichte über den Verlust der Vorstellung eines möglichen Gelingens.

Gert Loschütz beschreibt hier akribisch die sichtbare Oberfläche eines funktionierenden Alltags, auf der sich die Strudel im Untergrund doch abzeichnen. Der Roman bezieht seine Spannung aus der Tiefenwahrnehmung und ihrer Spiegelung an der Oberfläche sowie ihrer Darstellung in einer genauen und schnörkellosen Sprache. Meisterhaft!

Mation Victor, Frankfurt am Main

Nachrichten aus dem gelobten Land – Die Briefe der Anuta Sakheim

weissbooks, 14.- €

Buchvorstellung und Lesung

Montag, 5. Februar 2018, 20 Uhr

Lesung der Briefe: Alice von Lindenau

Einführung: Prof. DW Dreysse, Architekt und Mitglied der Initiative 9. November

Im April 1933 flieht die junge Frankfurter Witwe Anuta Sakheim mit ihrem kleinen Sohn Ruben nach Palästina. Im fremden Land, dessen Sprache sie nicht spricht, kauft sie von ihrem letzten Geld ein Auto – und verdient als erste Taxifahrerin in Tel Aviv ihren Lebensunterhalt. Zeit für Ruben bleibt ihr kaum. Um schließlich dem inzwischen Fünfzehnjährigen eine Zukunft zu ermöglichen, schickt sie ihn schweren Herzens 1938 zu ihrer Schwägerin nach New York. Es wird ein Abschied für immer. Einsam und mittellos nimmt sich Anuta Sakheim im Juli 1939 das Leben.

Ihr Sohn, heute 94 Jahre alt, schreibt: „Wenn wir in Deutschland geblieben wären, wäre ich 1943 zwanzig Jahre alt gewesen. Das war gerade das richtige Alter, um in ein KZ wie Auschwitz geschickt zu werden. Dieses Schicksal hat mir meine liebe und weitsichtige Mutter erspart.“

Anutas Briefe berichten von ihren Sorgen, ihrem Alltag im fremden Land und von der Sehnsucht nach ihrem Sohn sowie von der immer gefährlicher werdenden Lage in Palästina. Herausgegeben wurden die Briefe von Katharina Pennoyer und der Initiative 9. November.

Die Initiative 9. November e. V. gründete sich 1988, um die jüdische Vorgeschichte des Hochbunkers an der Friedberger Anlage zu erschließen. An dieser Stelle hatte die Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft gestanden, die 1938 von den Nazis zerstört und danach mit dem Hochbunker überbaut worden war.

Alice von Lindenau, Schauspielerin, geboren 1983,  Engagements zuletzt beim Schauspiel Frankfurt und den Burgfestspielen Bad Vilbel, Publikumspreis der Schauspielbühnen Stuttgart für die beliebteste Schauspielerin 2012/13 als “Effi Briest”.

Buchempfehlung – Arno Geiger “Unter der Drachenwand”

Hanser Verlag 26€

Ein junger Soldat kehrt schwer verwundet von der Ostfront zurück, wird in einem saarländischen Lazarett aufgepäppelt und dann zur Rekonvaleszenz in die Heimat geschickt. Im Wiener Elternhaus hält er es nicht lange aus: Die Dinge scheinen in keinerlei Beziehung mehr zu ihm zu stehen, der Krieg hat sämtliche Verbindungen gekappt, und die tumben Durchhalteparolen des Vaters, der sich wie so viele Daheimgebliebene verzweifelt an die Idee des Endsiegs klammert, sind nach fünf ernüchternden Frontjahren purer Hohn. Also beschließt Veit Kolbe, Protagonist des neuen Romans von Arno Geiger, die Flucht aufs Land, nach Mondsee – einem kleinen, malerischen Ort im Salzkammergut –, um in ländlicher Abgeschiedenheit zu genesen und dem Krieg vielleicht endgültig zu entkommen.

Es heißt, dass Krieg immer mehr ist, als das, was an der Front zwischen Granattrichtern und rattenverseuchten Unterständen stattfindet. Und dass gerade das Grauen etwas ist, das sich nicht auf das Schlachtfeld begrenzen lässt. Krieg ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, unter dem alle gleichermaßen leiden – und doch jeder für sich.

Vor der Folie des idyllischen Örtchens Mondsee entfaltet Arno Geiger ein mehrstimmiges und vielschichtiges Panorama des Lebens der von der Front Verschonten: Da ist, neben dem seelisch zerrütteten Soldaten Veit Kolbe, eine junge Frau, die auf ihren im Feld stehenden Ehemann wartet und von ihrer Mutter mit Nachrichten aus dem ausgebombten Darmstadt versorgt wird. Da ist die Lehrerin aus Wien, die mit einer Horde Jungmädel an den Mondsee verschickt wurde und der eines der Mädchen verloren geht. Da ist der gärtnernde Brasilianer, der Orchideen und Tomaten züchtet und der sich als unverbesserlicher Freidenker in größte Schwierigkeiten bringt. Und schließlich ist da die jüdische Kleinfamilie, die vor dem immer weiter um sich greifenden Rassenwahn von Wien nach Budapest flieht und schließlich auseinandergerissen wird.

All diese unterschiedlichen Schicksale – die teilweise, wie im Falle Veit Kolbes oder des jüdischen Familienvaters, in Brief- bzw. Tagebuchform eine eigene Stimme bekommen, teilweise aber nur in den Berichten der Schreibenden abgebildet werden –, sind fein und mit großer Sensibilität ausgearbeitet. Jede Geschichte wird spannungsvoll erzählt: Die Hoffnungen, die Ängste und die Verzweiflung der Figuren werden durch die Wahl der Erzählform zur äußersten Plastizität gebracht: Das drängende Telegrammstil-Stakkato der Briefe aus dem zerstörten Darmstadt wird von den geschliffenen Sätzen aus den Briefen des jüdischen Vaters kontrastiert, die feinen Beobachtungen und präzisen Beschreibungen in Veit Kolbes Tagebucheinträgen von den immer verzweifelter werdenden Liebesbriefen des Wiener Pennälers. Jede erzählende Figur hat ihren eigenen Duktus, ihre ganz eigene Geschichte, und jede Figur ist mit ihrem Leid – und ihrem Schreiben darüber – gewissermaßen allein. Und doch sind alle Geschichten miteinander verwoben, die Figuren tauchen in den Erzählungen der anderen auf, der einen Perspektive wird die andere beigestellt.

Eine große Leistung dieses Romans besteht aber darin, einen erschütternden Querschnitt durch die Kriegsgesellschaft der Jahre 44 bis 45 zu präsentieren: Keines der in diesem Buch ausgestalteten Schicksale ist einzigartig. Ein jedes könnte exemplarisch für eine ganze Bevölkerungsschicht stehen, ein jedes ist – mit allem grauenhaften Leid, mit aller überschwänglichen Hoffnung, mit allem Mut – Ausdruck einer Kriegsrealität, die zur damaligen Zeit auf verstörende Art und Weise „Normalität“ gewesen ist.

Arno Geiger schreibt hier ein Buch über den Krieg, über den anderen Krieg, der fernab der Front wie ein leises Gift in die Gesellschaft und in die zwischenmenschlichen Beziehungen einsickert, der Verbindungen zerreißt und kommunikative Brücken zerstört, der aber auch Hoffnungen auf ein baldiges Ende, auf den guten Ausgang schürt.

Unter der Drachenwand ist ein wohlkonzipierter, großartig geschriebener Roman, der spannungsreich und – trotz beinahe lyrischer Passagen – voller Tempo einen einfühlsamen und kaleidoskopischen Blick auf die Gesellschaft der letzten Kriegsjahre wirft.

Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Memoirs schreiben – Maggie Nelsons „Die Argonauten“

Hanser Berlin Verlag, 20 €

Der Übersetzer Jan Wilm im Gespräch mit Hanna Engelmeier

Montag, 22. Januar 2018, 20 Uhr

Maggie Nelsons Die Argonauten wurde in den USA zu einem der meist diskutierten Bücher des Jahres 2015. Als Genre-Mix aus Memoir, Essay und Gender-Theorie erzählt die Autorin darin von ihrer Liebe zu Harry Dodge, der als Frau geboren wurde und nun eine Geschlechtsumwandlung durchläuft – zur selben Zeit als Maggie schwanger wird.

In Die Argonauten begibt sich Nelson auf die Suche nach einer Sprache der queeren Liebe und nach einer Ausdrucksform für Mutterschaft und Sex in Zeiten, die einerseits liberal und progressiv, anderseits von Konservatismus und Eingrenzung gezeichnet sind. Im Beschreiben ihrer eigenen Erfahrung und ihres eigenen Denkens findet Nelson eine ganz eigene Form, die besonders in den US-Medien die Rede von einem „neuen Zeitalter des Memoir“ befeuerte.

Doch haben wir es wirklich mit einer neuen Gattung zu tun? Welche Möglichkeiten fürs Denken über das Memoir bietet Die Argonauten? Und welche Möglichkeiten fürs Schreiben stiftet die Memoir-Gattung, welche Veränderung in Schreib- und Lese-Szenen sind daran auszumachen?

Hanna Engelmeier, Dr. phil., ist Kulturwissenschaftlerin und Autorin. Sie arbeitet im Kolleg „Schreibszene Frankfurt. Poetik, Publizistik und Performanz von Gegenwartsliteratur“ an der Goethe-Universität Frankfurt. Literarische Texte und Rezensionen von ihr sind unter anderem in die tageszeitung, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, manuskripte, DIE ZEIT und vor allem im Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken erschienen.

Jan Wilm, Dr. phil., ist Literaturwissenschaftler an der Goethe-Universität Frankfurt, Literaturkritiker und Übersetzer. Zuletzt erschienen The Slow Philosophy of J. M. Coetzee (Bloomsbury, 2016) sowie Beyond the Ancient Quarrel: J. M. Coetzee and Philosophy (mit Patrick Hayes; Oxford University Press, 2017). Seine Literaturkritiken erscheinen unter anderem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Neuen Zürcher Zeitung und dem Times Literary Supplement. Sein Blog ist zu finden unter www.wilmvorlesungen.de