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Catalin Mihuleac – Oxenberg & Bernstein

Zsolnay Verlag, 24 €
978-3-552-05883-5

Vintage, Retro, „shabby chic“, aus den Nähten platzende Flohmärkte und prächtig florierende Second Hand Läden.

Geschichten fügen den profanen Dingen des Alltags etwas hinzu, verleihen ihnen einen ganz besonderen Wert. Das war schon immer so und ist auch heute überall zu besichtigen: Der Schuhschrank aus den 50ern, das Grammophon aus den 20ern, die Schelllackplatte. Das alles wird von einer wildromantischen Aura umweht, das alles sind neckische Zitate einer Vergangenheit, die jetzt die eigene Individualität krönen sollen. Geschichte, zur Story verknappt, als Verkaufsargument: Alt ist sexy, „Vintage“ füllt die Kassen.

Sânziana Stipiuc, 35, von Beruf Buchhalterin, bekommt eines Tages von ihrem Chef einen ganz besonderen Auftrag: Sie ist die einzige, die englisch spricht und darum als einzige qualifiziert, die amerikanischen Juden zu empfangen, die aus geschäftlichen Gründen in die Stadt kommen. Sânziana fügt sich der Anweisung ihres Vorgesetzten und lernt so Mutter und Sohn Bernstein kennen, die ein Vermögen mit dem Handel von Secondhand-Klamotten gemacht haben. Nach ein paar Tagen ist klar: Sânziana war die längste Zeit Buchhalterin, wird fürderhin in Amerika an der Seite von Ben Bernstein und unter dem schwiegermütterlichen Regiment Dora Bernsteins leben und vor allem nicht länger Sânziana Stipiuc, sondern Suzy Bernstein heißen.

In Amerika angekommen, entwickelt sich Suzy schnell zu einer taffen Geschäftsfrau, die das Geschäft mit den Klamotten mit „Story“ aus dem Effeff beherrscht. Sie vergisst auch ihre eigene arme rumänische Familie nicht, bedenkt sie mit lukrativen Posten in der frisch eröffneten Dependance in Rumänien – sie kümmert sich nach Kräften, singt zähneknirschend das Hohelied des Kapitalismus.

Trotz des Erfolges steht für Suzy allerdings nichts zum Besten: Das Land jenseits des Ozeans, die neue jüdische Identität und die neue Tätigkeit stellen die Perspektive auf die Dinge auf den Kopf: Suzy taucht in die Geschichte der Familie Bernstein ein, beginnt, sich gewissermaßen rückwärts durch die Zeit zu bewegen, um schließlich beim 29. Juni 1941 anzulangen, jenem Schreckenstag, an dem der lange angestaute und staatlich forcierte Antisemitismus in Rumänien zum Massaker von Iasi führte. Jenes Datum, das das finstere Gravitationszentrum des Buches bildet, der Ort, an dem sich Vergangenheit und Zukunft treffen.

Cātālin Mihuleac lässt den Leser Suzy Bernstein über die Schulter schauen. In schnoddrig-schöner Sprache, die mit rasiermesserscharfen Bildern daherkommt und sich meisterhaft darauf versteht, Lacher zu provozieren, die schon im nächsten Augenblick jäh in der Kehle stecken bleiben, erkundet er, Suzy als zornige Erzählerin vorgeschaltet, die Geschichte des rumänischen Antisemitismus, die auch die Geschichte der rumänischen Juden ist.

Dabei lässt er Suzy einerseits von ihrer Recherche-Reise durch die Zeit erzählen. Andererseits lässt er sie die fiktive Familiengeschichte der wohlhabenden jüdischen Familie Oxenberg aus Iasi dokumentieren, die unter den antisemitischen Repressionen und Übergriffen des pro-faschistischen Regimes leidet und schließlich an eben jenem verhängnisvollen Tag im Juni 1941 zerrissen wird.

Alles hat eine Geschichte. Geschichte ist aber etwas anderes als eine „Story“. Geschichte ist nicht immer dazu angetan, einen Gegenstand wertsteigernd zu veredeln. Vielmehr enthüllt sie mitunter dunkle Flecken, die wiederum eine nette Story verderben können.

„Die Historiografie zerschlägt in der nationalen Vitrine wertvolle Kristallgefäße. Der Patriotismus, entworfen, um ewig zu strahlen, wird zu Blech.“

Mihuleacs Buch Oxenberg & Bernstein, das bereits 2014 in Rumänien erschienen ist, ist eine zornige Zeitkritik, eine enthüllende Halbfiktion, die mit Bedacht und Akkuratesse die historischen Fakten des rumänischen, des europäischen Antisemitismus zu einer grandiosen, aber beißend-ungemütlichen Erzählung arrangiert, die tief unter die Haut geht.

Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Kissina, Julia Revolution Noir Autoren der russischen “neuen Welle”

Suhrkamp Verlag 24€

Der Titel des Nachworts der Herausgeberin und Illustratorin dieser Anthologie, Julia Kissina, klingt vermessen: „Goodbye Dostojewski“. Nein, diese Anthologie macht den Meister sicher nicht obsolet. Gemeint ist aber etwas anderes: Die Anthologie Revolution Noir. Autoren der russischen „Neuen Welle“ fügt den bestehenden Bildern über Russland neue hinzu, indem hier Erzählungen erstmals in deutscher Sprache erscheinen oder überhaupt zum ersten Mal publiziert werden.

Wenn man einige der Erzählungen, die als manieriert und geschwätzig kaum in Erinnerung bleiben, auch beiseitelassen kann, heißt das nur mehr Aufmerksamkeit für die wenigen großartigen Beispiele, die Erstere wieder aufwiegen. Besonders schön ist „Die Reise des Lukas“ (1992) von Wassili Kondratjew, in der ein Mann an einem verlassenen Bahnhof aus dem Zug steigt und sich in der Wildnis verliert. Fantastisch grotesk und dabei fast naturalistisch in der Schilderung beengter Wohnverhältnisse in einer Kommunalwohnung ist die Erzählung „Der Sprung in den Sarg“ von Juri Mamlejew über eine alte Dame, die zwar todkrank ist, aber nicht sterben kann. Ihre Verwandten beklagen, die Pflege bringe sie noch ins Grab, und überreden die Kranke deshalb dazu, ihrerseits freiwillig ins Grab zu steigen.

In Erinnerung bleibt die Geschichte vom „Menschenfresser-Flugzeug“ von Pavel Pepperstein, der den Zweikampf zwischen einem Giftmischer und dem Menschenfresser-Flugzeug irgendwo in der Luft zwischen London und Reykjavík erzählt. Sorokin kommt, wie kann es auch anders sein, in seiner Erzählung „Asche“ wieder laut und gewaltig mit spritzenden Eiterbeulen und menschenfressenden Gourmands daher, und mit einem klaren Sieg über den Nationalismus im heutigen Russland. In „Zweckmäßigkeit“ von Alexej Parschtschikow wird die Arbeit eines Absamers geschildert und dabei in zarte Transzendenz gehüllt, die so gar nicht zu dem scheinbar derben Beruf passen will. Blut, Eiter, Stiersperma –alles ist so explizit und extrem geschildert, wie es sich für eine Avantgarde gehört. Aber die wohl extremste Erzählung des Bandes ist die, in der Kafka als sorgenfreies Familienoberhaupt Mitte fünfzig portraitiert wird. Zufrieden mit seinem geleisteten schriftstellerischen Tagwerk genießt er die deftigen Speisen seiner Gattin und schaukelt seine kleine Enkelin auf den Knien.

Beinahe ebenso spannend wie die Erzählungen sind die Kurzinformationen über die Autoren und Autorinnen am Ende des Bandes. Ihre Biografien spiegeln die ereignisreichen Jahre nach dem Ende des sowjetischen 20. Jahrhunderts wider und die Versuche, mit Emigration und subversiver künstlerischer Tätigkeit die Zensur und Verfolgung zu umgehen.

In ihrem Nachwort erklärt Kissina auch den Titel der Anthologie. Drei Avantgarden habe es in Russland gegeben, und alle hätten auf ihre Weise auf revolutionäre gesellschaftliche Umschwünge reagiert: die erste Avantgarde, auch klassische Avantgarde, genannt, suchte in den 1920er Jahren ihre Stellung zwischen revolutionärem Kampf und individuellem künstlerischem Ausdruck. Die zweite Avantgarde, dann sei mit der Tauwetter-Periode ab 1956 verbunden. In der vorliegenden Anthologie finden sich nun Vertreter der sogenannten dritten Avantgarde zusammen, die allesamt die Jahre der Perestroika künstlerisch mit verfolgten und – soweit es ihnen möglich war – künstlerisch mitgestalteten. „Noir“ ist eine besondere Ausformung des künstlerischen Ausdrucks in den 1980er Jahren – eine fröhlich-groteske, morbide Antwort auf den schon seit langem schal gewordenen sozialistischen Optimismus. Brandneu ist diese „neue Welle“ also nicht mehr. Umso besser, dass ihre Vertreter endlich in deutscher Sprache vorliegen.

Alena Heinritz, Graz

 

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Mareike Fallwickl – Dunkelgrün fast schwarz

Frankfurt Verlagsanstalt, 24 €
978-3-627-00248-0

Moritz und Raffael haben eine gemeinsame Geschichte voll dunkler Geheimnisse. Ihre Freundschaft beginnt 1986 in Hallein am Dürnberg, sie endet 2017 mit Raffaels Besuch bei Moritz; 16 Jahre haben sie sich da nicht gesehen. Johanna, die im letzten Schuljahr zu den beiden stieß und von dem Moment an nicht mehr von der Seite der Freunde wich, wird das Dreieck nach 16 Jahren mit allen Wunden und Gefahren der Vergangenheit wiederbeleben. In ihrem Romandebüt zeichnet Mareike Fallwickl in wirkungsvollen Kontrasten Menschen, die über Jahre Gefangene ihrer selbst und überkommener gesellschaftlicher Muster sind, bis der Knoten endlich doch zerschlagen wird.

Er steht eines Abends vor Moritz‘ Tür, in der Hand einen Koffer: Raffael, alter Freund aus Kindertagen, Frauenschwarm immer schon, auch bei Moritz hochschwangerer Freundin Kristin zaubert er aus dem Nichts ein Lächeln auf ihr Gesicht.

Doch Kristin durchschaut Raffael schon nach wenigen Tagen und bittet, fordert, fleht Moritz an, sich und sie und ihr gemeinsames Kind zu retten: Vor der Vergangenheit, die mit Raffaels Besuch wieder hochkocht, und vor der Wendung, die Moritz‘ Leben in der Hand von Raffael nehmen könnte.

Moritz, der Zaghafte, Weiche, künstlerisch Begabte, der die Aura der Menschen sehen kann – er verliert sich selbst immer noch in Raffaels Gegenwart. Dessen Abgebrühtheit war schon in Kindergartentagen maßlos, Raffael quälte jeden und jede, körperlich, seelisch, übertrat seine Grenzen, meist zum Schaden der anderen. Für Johanna, die ihre Eltern mit 17 durch einen Autounfall verloren hatte, war und ist der unnahbare Raffael die Herausforderung ihres Lebens.

Erzählt wird die Geschichte der drei Jugendlichen von Moritz, seiner Mutter Marie und von Johanna, und auch diese Konstellation der Erzählenden birgt mehr als nur ein Geheimnis. Am Ende wird sich für alle etwas ändern, werden sich die Farben neu mischen und jeder wird die Chance bekommen, etwas längst Vergessenes wiederzuentdecken.

Susanne Rikl, München

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Omar Robert Hamilton

Stadt der Rebellion

Wagenbach Verlag, 24 €
978-3-8031-3294-9

Kairo 2011: Endlich dämmerte da am verfinsterten Firmament die große Freiheit herauf. Endlich erhoben sich die Jungen, Progressiven, Utopisten, die Betrogenen und die Geschundenen, um für ihre Rechte zu kämpfen.

Das Internet half, das marode System Mubaraks zu stürzen. Facebook, Twitter, YouTube: Supranationale Verteiler, Katalysatoren der großen Revolution, die die Stimmen von Millionen Menschen zu einem wütenden Chor zusammenfassten, der das autoritäre System in den Orkus twitterte.

Für wenige Momente in der Geschichte des Landes schien sich all das zu einem drehbuchreifen Narrativ zu fügen. Ein Happy-End deutete sich an. Und ein weiter Raum öffnete sich, in dem alles möglich schien: „Ja, Kairo ist Jazz. Kein Lounge-Jazz, der die Geschichte weißen will, sondern die Hitze von New Orleans und die Schlachthofabfälle von Chicago. Der Jazz, der Schönheit in der Zerstörung der Vergangenheit hervorbringt, der Jazz einer unbekannten Zukunft, der Jazz, der Freiheit von der schlimmen, alten Zeit verspricht.“

Omar Robert Hamilton erzählt die Geschichte dreier junger Menschen, die sich, als die Proteste auf dem Tahrir-Platz anheben, zu einem Medienkollektiv zusammenfinden, um für ihre Idee von Ägypten zu kämpfen.

Wütend, idealistisch und voller Elan werfen sich das junge Paar Khalil und Mariam und ihr Freund Hafez in den Kampf. Sie filmen, fotografieren, besprechen sich mit anderen Aktivisten, organisieren Protestgruppen und hauen eingekerkerte Revolutionäre aus den Gefängnissen des Regimes heraus. Sie sind intelligent und wissen die internationale Öffentlichkeit des Internets für sich zu nutzen. Sie schonen sich nicht, und die Energie scheint grenzenlos zu sein. Doch wieder und wieder wird das Durchhaltevermögen, werden die Ideale der jungen Leute durch die politischen Machtverschiebungen erschüttert: Auf Mubarak folgt Mursi, auf Mursi Feldmarschall as-Sisi, und allen ist gemein, dass sie gemeinsame Sache mit Polizei und Militär machen und dass sie keinerlei Skrupel haben, Gegenstimmen mit äußerster Brutalität zum Schweigen zu bringen.

Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass die politischen und gesellschaftlichen Realitäten von Kräften bestimmt werden, die im Verborgenen zu operieren scheinen, unberührt von den Protesten des Volkes. Die Sinnfrage beginnt, die anfängliche Euphorie und die kleinen Triumphe über Mubarak und den Polizeiapparat anzukränkeln, das Vertrauen in die Kraft der Medien erodiert, und schließlich droht auch das Kollektiv – und nicht zuletzt die Beziehung zwischen Khalil und Mariam – an der um sich greifenden Resignation zu zerbrechen. „Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich, von jeder Kleinigkeit, jeder Zukunftsmöglichkeit in Ekstase versetzt, durch die Straßen lief. Alles, was ich jetzt noch sehe, sind seelenlose Neonröhren und sterbende Tiere und zersplitterte Fenster in bröckelnden Gebäuden und unausweichliche Erinnerungen, die diese schweflige Stadt unserer Toten ausmachen, unserer Mega-Nekropole des Scheiterns.“

Stadt der Rebellion ist ein Buch, das die faktischen Ereignisse der ägyptischen Revolution mit einer fiktiven Geschichte verzahnt und auf diesem Weg einen Einblick in die Dynamik der Protestbewegung gewährt. In prägnanten Bildern werden die Gräuel der Straßenschlachten, die unermessliche Trauer der Eltern, deren Söhne und Töchter bei den Zusammenstößen ihr Leben ließen, die Verwirrungen über die politischen Umwälzungen und die Gedankenwelt jugendlicher Revolutionäre geschildert. Dabei bedient sich Hamilton mal des elegischen Monologs, mal der Schilderung hitziger Diskussionen und immer wieder der Kürzestform von Tweets, SMS und Nachrichten, um eine dichte, bedrückende, aber mitreißende Atmosphäre zu schaffen, die glanzvoll die Stimmung zwischen großer Hoffnung, bitterer Resignation und abgeklärter Nüchternheit wiedergibt.

Dieser Roman ist nicht zuletzt die große Erzählung einer im jugendlichen Feuer geborenen Utopie, die durch die harten und unerbittlichen Realitäten politischen Machtmissbrauchs und staatlicher Willkür zu einer unverwüstlichen Idee, einer eisernen Hoffnung wird, für die es sich zu kämpfen lohnt.

Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Edna O’Brien – Die kleinen roten Stühle

Steidl Verlag, 24 €
978-3-95829-369-4

In den kleinen, abgelegenen irischen Ort Cloonoila, der schon mal bessere Tage gesehen hat, kommt ein Fremder. Eine beeindruckende Erscheinung, hochgewachsen, grauhaarig, höflich, gebildet, zurückhaltend. Er wolle sich in dem Ort als Heiler und Sexualtherapeut niederlassen, sagt er. Der Fremde nennt sich Dr. Vladimir Dragan, stammt aus Montenegro und ist, wie der Leser bald erfährt, ein gesuchter Kriegsverbrecher, in dem man unschwer Radovan Karadžić erkennen kann.

Die ahnungslosen Bewohner, besonders die Frauen, sind beeindruckt. Nach und nach geraten alle in seinen Bann. Besonders Fidelma, die in ihrer kinderlos gebliebenen Ehe mit einem älteren Mann unglücklich ist, erliegt Dr. Vlads Charisma, beginnt ein Verhältnis mit ihm und wird schwanger – was in einer so kleinen Gemeinde, trotz aller Vorsicht, nicht unbemerkt bleibt. Eines Tages sind die Reifen von Dr. Vlads Auto zerstochen, die Scheiben eingeschlagen, und auf dem Pflaster findet sich eine obszöne Schmiererei. Bald darauf kommt die Polizei und verhaftet Vlad, und an Fidelmas Tür klingeln drei finstere Gestalten. Danach wird nichts in ihrem Leben so sein wie vorher …

Im zweiten Teil des Buches lebt Fidelma in London. Ihr Kind hat sie verloren, ihr Mann hat sie verstoßen. Sie hat keine feste Bleibe und schlägt sich mit einem schlecht bezahlten, unsicheren Putzjob durch. Die Menschen in ihrer Umgebung sind zumeist Migranten und Illegale, Menschen, die in ihren Herkunftsländern oder auf der Flucht Entsetzliches erlebt haben und die oft nicht wissen, wie es in ihrem Leben weiter gehen soll. Hier, ganz unten angekommen, unter diesen Menschen, findet Fidelma wieder zu sich.

Im Dritten Teil fährt sie nach Den Haag, wo Dr. Vlad am internationalen Gerichtshof der Prozess gemacht wird. Bei einem Besuchstermin im Gefängnis versucht sie zu erzählen, was sie erlebt hat. Aber ihr Gegenüber hört nicht zu. In einer grandiosen Szene zeigt die Autorin einen Menschen, der völlig uneinsichtig in die eigene Schuld ist und sich in seiner Selbstbezogenheit als Opfer begreift.

Edna O’Brien, die große alte Dame der irischen Literatur, hat mit Die kleinen roten Stühle ein beeindruckendes und verstörendes Buch geschrieben. Was im ersten Teil wie das Klischee einer pittoresken irischen Idylle voller skurriler Typen beginnt, geht binnen kurzem weit über das Private hinaus und weitet sich zu einem gesellschaftlichen und politischen Panorama. Das Buch erzählt mit großer sprachlicher Kraft von Liebe und Sehnsucht, von Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit, von gesellschaftlichen Zuständen, in denen der Einzelne nichts zählt, und von Zufallsgemeinschaften, in denen es Wärme und Solidarität gibt. Das ist ganz große Literatur und unbedingt empfehlenswert.

Ruth Roebke, Bochum

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Jesmyn Ward

Singt ihr Lebenden

Kunstmann Verlag, 22 €
978-3-95614-224-6

Für eine afroamerikanische Familie, die in Armut an der Golfküste von Mississippi lebt, ist es schwer, sich die Welt zum Freund zu machen. Aber die Großeltern des 13-jährigen Jojo und seiner kleinen Schwester Kayla tun alles, um ihre Enkel für das Leben in einer immer noch in Schwarz und Weiß gespaltenen Gesellschaft zu stärken. Ein bildmächtiger Familienroman, der zugleich ein eindringliches Porträt des amerikanischen Süden zeichnet: große Literatur!

An seinem 13. Geburtstag steht Jojo in aller Frühe mit dem Großvater auf. Sie treten gemeinsam in den kalten, windigen Morgen, lassen das selbst gebaute Haus hinter sich, gehen hin zu den Ställen auf der Lichtung, zu den Tieren. Der Junge weiß, was sein Großvater vorhat. Ein Bock wird zu Ehren des Enkels an diesem Tag sein Leben lassen, und Jojo will dem Großvater zeigen, dass er des Geschenks würdig ist. Er hilft ihm, die Ziege zu schlachten, von innen nach außen zu kehren, die Haut abzuziehen. Irgendwann ist der Gestank dann doch zu mächtig, und Jojo flieht aus dem Schuppen.

Am gleichen Tag ruft Jojos weißer Vater an, nicht um seinem Sohn zum Geburtstag zu gratulieren, sondern um Leonie, seine Frau, und die Kinder zu seiner Freilassung aus dem staatlichen Zuchthaus einzubestellen. Die Fahrt wird eine Tour de force, das zunächst unterschwellige Unbehagen zur konkreten Bedrohung. Und trotzdem siegt am Ende die Hoffnung.

Es sind drei, die diese Geschichte erzählen: die Mutter, der Sohn und ein Junge, der schon lange tot ist und keinen Frieden findet. In ihrer Sprache, in ihren Gedanken wird Vergangenheit und Gegenwart, wird die harte Wirklichkeit, die trockene rote Erde, wird Tod und Verachtung, wird aber auch die übergroße Liebe, die Poesie der Natur und ihre archaische Botschaft so lebendig, dass man sich dem Gesang nicht entziehen kann. In diesem Roman fließen Bilder und Sprache – einer Infusion gleich – auf direktem Weg in Körper, Geist, Herz. Überwältigend!

Susanne Rikl, München

Buchempfehlung – Gert Loschütz “Ein schönes Paar”

Schöffling Verlag 22€

Die Haushaltshilfe des Vaters ruft an, er ist gestorben. Gerade mal vier Wochen später kommt der Anruf aus dem Altersheim, in dem die Mutter die letzten Jahre verbrachte. Überraschend ist auch sie gestorben.

Beim Sichten der Hinterlassenschaften findet der Sohn Fotos, tauchen Erinnerungen auf. Scheinbar distanziert, fast kriminologisch genau schaut er zurück und betrachtet die Spuren des Lebens dieses einstmals so schönen Paares.

Seine Betroffenheit wird deutlich in der Beharrlichkeit, mit der er der Geschichte seiner Eltern nachgeht. Ihre Liebesgeschichte hatte trotz des Krieges verheißungsvoll begonnen. Aber dann hatten sich die Eltern bald, nachdem sie in den Westen gekommen waren, getrennt. Er, der Junge, war bei Georg, dem Vater, geblieben. Die Mutter, Herta, war von einem Tag auf den anderen verschwunden. Wann hatte das Unglück angefangen? 1956 nach dem Aufstand in Ungarn hatten die Eltern beschlossen, in den Westen zu gehen, solange es noch ging, und alles Erreichte, Freunde und Familie zu verlassen, um noch einmal von vorne zu beginnen. Während Georg vorausfuhr, setzte Herta das Ersparte in eine Kamera um. Denn die könne man bestimmt im Westen gut wieder verkaufen, so zumindest der Plan.

Der Neubeginn war schwierig. Und der Verkauf der Ostkamera im Westen stellte sich als unmöglich heraus. Um Herta zu demonstrieren, dass sie keinen Fehler gemacht hatte, der Kauf der Kamera doch richtig gewesen war, „lieh“ Georg sich, heimlich, wie er sich wohl dachte, das Geld von seiner Firma. Nun war die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten.

Der Vater wurde zwar in der Öffentlichkeit rehabilitiert. Aber Georg und Herta waren, um sich gegenseitig zu schützen, beide aus Liebe schuldig geworden. Gleichzeitig aber hatten sie sich damit auch der gegenseitigen Verachtung ausgesetzt. So konnten sie nicht mehr zusammenleben, konnten sich nur noch trennen. Und wie lebt es sich ohne den geliebten Menschen? Die Geschichte des schönen Paares ist eine Geschichte über den Verlust der Vorstellung eines möglichen Gelingens.

Gert Loschütz beschreibt hier akribisch die sichtbare Oberfläche eines funktionierenden Alltags, auf der sich die Strudel im Untergrund doch abzeichnen. Der Roman bezieht seine Spannung aus der Tiefenwahrnehmung und ihrer Spiegelung an der Oberfläche sowie ihrer Darstellung in einer genauen und schnörkellosen Sprache. Meisterhaft!

Mation Victor, Frankfurt am Main

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Manja Präkels

Als ich mir Hitler Schnapskirschen aß

Verbrecher Verlag, 20 €
978-3-95732-272-2

Der vieldiskutierte Roman von Manja Präkels thematisiert ein von der breiten Öffentlichkeit vielfach verleugnetes oder bestenfalls unbeachtetes Phänomen: die Erstarkung rechtsradikaler, neonazistischer Gruppen in Deutschland nach der Wende. Angelehnt an ihre eigenen Erfahrungen aus ihrer Jugend in der ostdeutschen Provinz in den frühen 90er Jahren, verdeutlicht dieser Roman, wieso Phänomene wie PeGiDa und AfD für Präkels keineswegs überraschend sind. Bei aller politischen Brisanz gelingt der Journalistin jedoch darüber hinaus ein literarisch gelungenes Debüt.

Was geschieht, wenn man nach langer Abwesenheit an den Ort seiner Kindheit und Jugend zurückkehrt? Und wenn dieser Ort nicht Unbeschwertheit oder Geborgenheit vermittelt, sondern Angst? Wenn man nach Jahren des Exils zurückkommt und Hitler einem mit einem Mal wieder als der alte Schulfreund erscheint, der er einmal war?

Früher sind Oliver und Mimi oft zusammen angeln gegangen. Obwohl sie wenig miteinander gesprochen haben, bestand doch eine Freundschaft zwischen ihnen. Dann kam die Wende, und aus Oliver wurde Hitler, Anführer einer von zahlreichen Neonazigruppen, die zu dieser Zeit die Kontrolle über das soziale Leben übernahmen, wie Mimi ihre Erinnerungen beschreibt. In ihrer Rückschau auf die Ereignisse, wird der Protagonistin klar, dass diese frühe Freundschaft zu Hitler/Oliver ihr das Leben gerettet haben könnte. Denn mit dem Erstarken der Neonazis wurden sie und ihre Freunde, die „Zecken“, zu Gejagten. Denn der Einfluss der Rechten auf die Gesellschaft scheint übermächtig und allgegenwärtig und wird doch, auch damals schon, totgeschwiegen. Nazis stürmen Diskotheken und Kneipen, die “Zecken” werden verfolgt und verprügelt. Ein Freund überlebt einen dieser Überfälle nicht. Die Täter werden freigesprochen, die Angst wächst, die Übergriffe werden häufiger. Von ihrer Familie wird Mimi Verfolgungswahn vorgeworfen, alles Einbildung, Übertreibung. Es folgt die Flucht nach Berlin, doch der Neuanfang, den die Großstadt verspricht, bleibt aus.

Manja Präkels, die sich mit neonazistischen Gruppierungen und Strömungen auch in ihrer journalistischen Tätigkeit beschäftigt und hier auch ein Stück weit ihre eigene Biografie verarbeitet, schreibt mit einer ungeheuren Sachkenntnis. Dabei gelingt es ihr wie wenigen ihrer journalistischen KollegInnen, sich auf die literarische Form des Romans einzulassen. Durch ihren direkten Erzählstil überträgt sich die beklemmende Stimmung auf die Leserin und sorgt dafür, dass das Buch einen lange beschäftigt.

In Deutschland, in den neuen Bundesländern wie in den alten, wurde und wird rechte Gewalt systematisch geleugnet oder kleingeredet. Mit ihrem Roman wie mit ihrer journalistischen Arbeit leistet Manja Präkels einen wichtigen Beitrag zur Debatte.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co. Frankfurt

Buchempfehlung – Arno Geiger “Unter der Drachenwand”

Hanser Verlag 26€

Ein junger Soldat kehrt schwer verwundet von der Ostfront zurück, wird in einem saarländischen Lazarett aufgepäppelt und dann zur Rekonvaleszenz in die Heimat geschickt. Im Wiener Elternhaus hält er es nicht lange aus: Die Dinge scheinen in keinerlei Beziehung mehr zu ihm zu stehen, der Krieg hat sämtliche Verbindungen gekappt, und die tumben Durchhalteparolen des Vaters, der sich wie so viele Daheimgebliebene verzweifelt an die Idee des Endsiegs klammert, sind nach fünf ernüchternden Frontjahren purer Hohn. Also beschließt Veit Kolbe, Protagonist des neuen Romans von Arno Geiger, die Flucht aufs Land, nach Mondsee – einem kleinen, malerischen Ort im Salzkammergut –, um in ländlicher Abgeschiedenheit zu genesen und dem Krieg vielleicht endgültig zu entkommen.

Es heißt, dass Krieg immer mehr ist, als das, was an der Front zwischen Granattrichtern und rattenverseuchten Unterständen stattfindet. Und dass gerade das Grauen etwas ist, das sich nicht auf das Schlachtfeld begrenzen lässt. Krieg ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, unter dem alle gleichermaßen leiden – und doch jeder für sich.

Vor der Folie des idyllischen Örtchens Mondsee entfaltet Arno Geiger ein mehrstimmiges und vielschichtiges Panorama des Lebens der von der Front Verschonten: Da ist, neben dem seelisch zerrütteten Soldaten Veit Kolbe, eine junge Frau, die auf ihren im Feld stehenden Ehemann wartet und von ihrer Mutter mit Nachrichten aus dem ausgebombten Darmstadt versorgt wird. Da ist die Lehrerin aus Wien, die mit einer Horde Jungmädel an den Mondsee verschickt wurde und der eines der Mädchen verloren geht. Da ist der gärtnernde Brasilianer, der Orchideen und Tomaten züchtet und der sich als unverbesserlicher Freidenker in größte Schwierigkeiten bringt. Und schließlich ist da die jüdische Kleinfamilie, die vor dem immer weiter um sich greifenden Rassenwahn von Wien nach Budapest flieht und schließlich auseinandergerissen wird.

All diese unterschiedlichen Schicksale – die teilweise, wie im Falle Veit Kolbes oder des jüdischen Familienvaters, in Brief- bzw. Tagebuchform eine eigene Stimme bekommen, teilweise aber nur in den Berichten der Schreibenden abgebildet werden –, sind fein und mit großer Sensibilität ausgearbeitet. Jede Geschichte wird spannungsvoll erzählt: Die Hoffnungen, die Ängste und die Verzweiflung der Figuren werden durch die Wahl der Erzählform zur äußersten Plastizität gebracht: Das drängende Telegrammstil-Stakkato der Briefe aus dem zerstörten Darmstadt wird von den geschliffenen Sätzen aus den Briefen des jüdischen Vaters kontrastiert, die feinen Beobachtungen und präzisen Beschreibungen in Veit Kolbes Tagebucheinträgen von den immer verzweifelter werdenden Liebesbriefen des Wiener Pennälers. Jede erzählende Figur hat ihren eigenen Duktus, ihre ganz eigene Geschichte, und jede Figur ist mit ihrem Leid – und ihrem Schreiben darüber – gewissermaßen allein. Und doch sind alle Geschichten miteinander verwoben, die Figuren tauchen in den Erzählungen der anderen auf, der einen Perspektive wird die andere beigestellt.

Eine große Leistung dieses Romans besteht aber darin, einen erschütternden Querschnitt durch die Kriegsgesellschaft der Jahre 44 bis 45 zu präsentieren: Keines der in diesem Buch ausgestalteten Schicksale ist einzigartig. Ein jedes könnte exemplarisch für eine ganze Bevölkerungsschicht stehen, ein jedes ist – mit allem grauenhaften Leid, mit aller überschwänglichen Hoffnung, mit allem Mut – Ausdruck einer Kriegsrealität, die zur damaligen Zeit auf verstörende Art und Weise „Normalität“ gewesen ist.

Arno Geiger schreibt hier ein Buch über den Krieg, über den anderen Krieg, der fernab der Front wie ein leises Gift in die Gesellschaft und in die zwischenmenschlichen Beziehungen einsickert, der Verbindungen zerreißt und kommunikative Brücken zerstört, der aber auch Hoffnungen auf ein baldiges Ende, auf den guten Ausgang schürt.

Unter der Drachenwand ist ein wohlkonzipierter, großartig geschriebener Roman, der spannungsreich und – trotz beinahe lyrischer Passagen – voller Tempo einen einfühlsamen und kaleidoskopischen Blick auf die Gesellschaft der letzten Kriegsjahre wirft.

Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Buchempfehlung – Yaa Gyasi “Heimkehren”

Dumont Verlag 22€

Neben dem in diesem Herbst überall besprochenen Roman von Colson Whitehead, der über den grausamen Umgang mit afrikanischen Sklaven in Amerika und über die Underground Railroad schreibt, ist ein weiterer aktueller Titel mit ähnlicher Thematik ausgesprochen lesenswert.

Die 1989 in Ghana geborene und in den USA aufgewachsene Yaa Gyasi verwebt in ihrem Roman Heimkehren auf packende Weise unterschiedliche Lebensgeschichten aus verschiedenen Epochen miteinander. Im Verlauf des Buches klingt am Rande immer wieder an, dass es sich um die verzweigte Familiengeschichte zweier Halbschwestern handelt, die im 18. Jahrhundert an der Goldküste Westafrikas geboren wurden, einander nie kennenlernten und deren Leben höchst unterschiedlich verlief.

Effias Eltern verkauften ihre Tochter zur Zwangsheirat an einen britischen Sklavenhändler. Esi hingegen wurde von Sklavenjägern geraubt, wie ein Tier gehandelt, verkauft, verschifft und landete als Eigentum eines gnadenlosen Gutsbesitzers auf den Baumwollfeldern im Süden der USA. Das unsägliche Leid der entwurzelten Menschen, die zu Arbeits- und Brutmaschinen degradiert, ausgebeutet und oft genug zum Vergnügen zu Tode gequält wurden, schockiert und berührt zutiefst.

„Amerika ist nicht das einzige Land, in dem es Sklaverei gibt. (…) Diese Art von Sklaverei gibt es bei uns aber nicht.“ sagt ein Ghanaer zu seinem Sohn an einer späteren Stelle des Romans. Diese Beobachtung fasst zusammen, dass das Schicksal, das die afrikanischen Sklaven in den USA erleiden mussten, oft von besonderer Grausamkeit war.

Gyasi geleitet uns sprachlich packend durch die Jahrzehnte, mäandert zwischen dem amerikanischen und afrikanischen Kontinent. Sie lässt uns eintauchen in das Leben der Kinder und Kindeskinder von Effia und Esi. Es fällt überhaupt nicht schwer, sich dem wunderbaren Erzählstrom hinzugeben, der trotz zeitlich eher schlaglichtartiger Einblicke in verschiedenste Lebensgeschichten eine große Nähe zu den Personen zulässt. Immer dann, wenn ein neues Kapitel, überschrieben mit einem neuen Namen, beginnt, kann man einen orientierenden Blick auf den Stammbaum im Anhang werfen. So weiß man jederzeit, auf welcher Zeitebene und in welchem Zweig der Familie man sich befindet. Gyasis Figuren sind zutiefst menschlich in ihrer Verletzbarkeit, Verzweiflung und Leidenschaft und kommen ohne Pathos aus.

Neben einer Berichtigung und Ergänzung kontinentaler Geschichtsschreibung bietet Heimkehren tiefe Einblicke in afrikanische Gesellschaftsstrukturen, ethnische Konflikte in der Zeit des florierenden Sklavenhandels an der Goldküste und in die besonderen familiären Zwänge traditioneller und teilweise polygamer Kulturen. Es geht aber auch um die viel universellere Feststellung, wie sehr unsere Herkunft, unsere Familiengeschichte und natürlich unsere Hautfarbe uns prägen. Bei aller Stärke, Durchsetzungskraft, Erkenntnis und Weisheit, der wir an vielen Stellen des Romans begegnen, gibt es doch keine Möglichkeit, sich der Geschichte zu entziehen. Wie eingeschrieben in die Gene tauchen Familienthemen bei Enkeln und Urenkeln nur scheinbar aus dem Nichts wieder auf.

Wenn es nicht so abgegriffen klänge, müsste man von großer Erzählkunst sprechen, an der uns die junge Ghanaerin Yaa Gyasi hier teilhaben lässt. Heimkehren steht Whiteheads prämierter Underground Railroad in nichts nach. Es ist ein großes Buch über Amerikas Geschichte, deren lange Schatten bis heute nachwirken und von erschütternder Aktualität sind.

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Buchempfehlung – Arlie Russell Hochschild “Fremd in ihrem Land: Eine Reise in das Herz der amerikanischen Rechten”

Campus 29,95€

Warum wählen Menschen in Louisiana, einem Staat, der in den Bereichen „Lebenserwartung, Schulbesuch, Bildungsabschluss und mittlerem Einkommen auf dem 49. Platz unter 50 US-Bundesstaaten liegt“, unter „erheblicher Umweltverschmutzung“ leidet und zudem „44 Prozent seines Etats aus Bundesmitteln“ bezieht, Kandidaten einer Partei, die öffentliche Gelder kürzen, Umweltauflagen und Krankenversicherung streichen und die Steuern für Superreiche und Großunternehmen senken will? Dieses Paradox war der Anlass für die Soziologin Arlie Russell Hochschild, sich fünf Jahre lang mit Tea-Party-Anhängern zu befassen. Sie verließ ihre linksliberale „politische Blase“ in Berkeley und überwand die „Empathie-Mauer“, die Demokraten und radikale Republikaner in den USA trennt und zunehmend höher wird. Welche Gefühle stecken hinter dem mit dem Verstand nicht zu begreifenden Widerspruch, der Menschen gerade die Partei wählen lässt, die ihre Situation ganz offenkundig nicht verbessern, sondern verschlimmern wird? Wieso bejubelt jemand, dessen Haus ganz plötzlich in einem gigantischen Loch verschwindet, das durch die Schlamperei der Methanindustrie entstanden ist, einen Kandidaten, der verhindert, dass sich die Unternehmen an Umweltauflagen halten müssen? Nach fünfjähriger Forschungsarbeit liegen Antworten auf diese Frage jetzt vor, und, um es gleich zu sagen, sie machen wenig Hoffnung.

Hochschild konstruiert für ihre faktenreiche, detaillierte und von großer Empathie mit ihren Gesprächspartnern getragene Studie eine „emotionale Tiefengeschichte“, die dem Ich quasi eine emotionale Landkarte zur Verfügung stellt und sich aus Erfahrungen der eigenen Familiengeschichte sowie historischen Fakten und Ideologemen zusammensetzt. Man mag zwar einerseits Opfer der Verhältnisse sein – Arbeitslosigkeit, umweltbedingte Krankheiten, mangelnde Bildungschancen –, aber andererseits ist man anständig, zäh, nimmt Schicksalsschläge hin und an, müht sich redlich, kümmert sich um die eigene Gemeinde und geht regelmäßig zur Kirche. Das alles bildet die Grundlage des amerikanischen Traums, der, entsprechenden Einsatz vorausgesetzt, jedem die Chance auf Glück und Reichtum bietet. Warum also sollte man denen böse sein, die diesen Traum verwirklicht haben? Böse ist man denjenigen, die auf dem Weg zu seiner Umsetzung an dank staatlicher Unterstützung, Mitleid und Aufmerksamkeit einem vorbeiziehen: Schwarze, Frauen, Schwule, Flüchtlinge, Migranten. Mit all diesen Gruppen soll man Mitleid haben, während niemand Mitleid mit der eigenen Gruppe hat, und das heißt auch, während niemand die eigene Gruppe wahrnimmt und respektiert, ja schlimmer noch, während man die eigene Gruppe diffamiert: als rassistisch, homophob, chauvinistisch und dumm.

Die Mischung aus Reportage, Fakten und Gesprächsprotokollen macht Fremd in ihrem Land zu einer sehr lesbaren und zudem ausgesprochen spannenden Lektüre, nach der man einige Entwicklungen nicht nur in den USA besser versteht. Es bleibt zu hoffen, dass weitere Wissenschaftler mit einem ähnlichen emotionalen Kraftaufwand und Engagement nach Wegen suchen, um die „Empathiemauer“ und die „politischen Blasen“ auf beiden Seiten des politischen Spektrums soweit abzubauen, dass eine Verständigung wieder möglich wird. Dazu allerdings scheint es noch eines sehr großen Kraftakts zu bedürfen …

Irmgard Hölscher, Frankfurt

Buchempfehlung

Der Sommer, in dem ich die Bienen rettete.
Rowohlt Rotfuchs 16,99 €

Stevenson, Robin

Der Sommer, in dem ich die Bienen rettete

Roman. Aus dem Englischen von Bettina Münch.

 

Gleich mal vorweg: Bienen werden in diesem Buch zwar erstmal nicht gerettet, vielleicht aber der Zusammenhalt einer Familie und die Integrität eines Jungen, der versucht herauszufinden, wer er außer dem verlässlichen großen Bruder und braven Sohn eigentlich sein möchte.

Wolf ist 12 und seine Mutter Jade der Inbegriff einer engagierten Öko-Aktivistin, die sich – nachdem Wolf in der Schule ein Referat über dieses Thema gehalten hatte – so umfassend mit dem Bienensterben befasst, dass aus ihrer Sicht der Kollaps des Ökosystems kurz bevorsteht. Um dem Weltuntergang nicht untätig zuzusehen, bricht sie mit ihrem Mann Curtis alle Zelte ab, gibt das Haus der Familie auf, lagert alle Möbel ein und plant, einen Sommer lang durch Kanada zu ziehen, von Kleinstadt zu Kleinstadt, um die Öffentlichkeit über das bedrohliche Verschwinden der Bienen und seine Konsequenzen zu informieren. Dass sie ihre Kinder aus der Schule und ihrem Umfeld reißt, scheint kein zu hoher Preis zu sein – immerhin geht es doch um deren Zukunft. So sieht das zumindest Jade, die in ihrem Aktivismus völlig aus den Augen verliert, wie es ihren Kindern mit diesen Zukunftsaussichten eigentlich geht.

Jade hat eine Vision, Curtis kümmert sich um den schwarz-gelb gestrichenen und auf Speiseölbetrieb umgerüsteten Ford, Violet, Wolfs 15-jährige Stiefschwester, rebelliert und kämpft darum, sich nicht von ihrem Freund Ty trennen zu müssen, und die 5-jährigen Zwillingsschwestern Saffy und Whisper freuen sich zumindest anfangs an ihren niedlichen Bienenkostümen, in denen sie die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich ziehen sollen.

Wolf steckt mitten drin in den Anfängen der Pubertät und in dieser bunten Patchworkfamilie. Er übernimmt die Verantwortung für die Versorgung seiner kleinen Geschwister, sorgt sich um seine ohnehin stille Schwester Whisper, die seit Beginn der Bienenrettungsreise völlig verstummt ist, und schwankt zunehmend zwischen unbedingter Loyalität gegenüber seiner Mutter und den langsam aufwallenden, eigenen Bedürfnissen. Eigentlich ist es für ihn undenkbar, in einem (zu engen) Bienenkostüm wildfremde Leute auf das Bienensterben anzusprechen oder gar um einen Schlafplatz für sich und seine Familie zu bitten. Er windet sich innerlich, man leidet mit ihm und wünscht ihm so sehr, sich endlich gegen die unbedachten Forderungen seiner Mutter aufzulehnen. Allzu nachvollziehbar ist sein verzweifelter Wunsch nach einem gemütlichen Zuhause, anstatt in einem miefenden, altersschwachen Van zur abstrakten Rettung der Welt auf unbestimmte Zeit durch Kanada zu fahren.

Die quirlige, euphorische Mutter erscheint in ihrem Überschwang auch nicht wirklich unsympathisch, ist aber ein gutes Beispiel dafür, dass der Zweck eben nicht immer die Mittel heiligt. Mit ihren düsteren Beschreibungen einer Welt ohne Bienen versucht sie voller Idealismus, die dringenden gesellschaftlichen Veränderungen anzustoßen. Gleichzeitig bürdet sie aber ihren Kindern die Verantwortung für den Fortbestand der Menschheit auf. Eine Last, die weder Wolf noch seine Schwestern tragen können, oder – wie in Violets Fall – auch gar nicht tragen wollen.

Der Sommer, in dem ich die Bienen rettete handelt von Loyalitätskonflikten, Patchworkfamilien-Problemen, Pubertätswallungen und Verantwortung. Mit pointiertem Witz, Spannung und Mitgefühl macht die kanadische Autorin Robin Stevenson darauf aufmerksam, dass Eltern nicht immer besser wissen, was gut für ihre Kinder ist, und ermutigt Kinder dazu, sich auf ihr eigenes Gefühl zu verlassen und auch dazu zu stehen.

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt