Tanja hat
eine neue Jacke, und die ist wirklich supercool. Dachte sie. Bis sie auf
dem Schulhof von einem anderen Kind ausgelacht wird. Eine Situation,
wie sie wohl jede*r schon erlebt hat. Doch Tanja gibt nicht klein bei,
sondern beschließt, etwas „noch viel krasseres zu machen“. Mit dieser
Ankündigung ist ihr natürlich die gesamte Aufmerksamkeit des Schulhofes
sicher. Als der nächste Tag kommt und Tanja ohne die Unterstützung ihrer
besten Freundin Kristina in die Klasse muss, verlässt sie ein bisschen
der Mut, und sie behält ihr Geheimnis – eine neue Kurzhaarfrisur –
lieber noch etwas für sich. In der großen Pause schließlich und mit
Kristina an ihrer Seite schafft es Tanja doch noch, ihre Angst zu
überwinden, und nimmt ihren Helm ab. „Mir doch egal was die denken. Sind
doch meine Haare.“ Und so viel Mut wird schließlich auch von ihren
Mitschüler*innen anerkannt, denn Tanjas neue Frisur ist nicht nur
supercool, sondern auch total mutig.
Eschs reduzierte Filzstiftzeichnungen passen ebenso gut
zu der Grundschulatmosphäre wie ihr unaufgeregter Erzählstil. Am
wichtigsten sind in ihren Zeichnungen die Mimik und die Körpersprache
der Figuren, die sehr einfühlsam ihre Gefühlswelt wiederspiegeln. Dabei
ist es ein großes Glück, dass Esch nicht beschönigt oder moralisiert,
sondern sehr genau zeigt, dass jede*r erst einmal Angst hat, bevor er
oder sie mutig sein kann. supercool bringt Kindern die
Erfahrungen näher, für sich selbst einzustehen und sich nicht
kleinkriegen zu lassen. Denn auch wenn es wohl nie stimmt, dass es einem
egal ist, was die anderen denken, so ist doch am wichtigsten, welches
Bild wir selbst von uns haben.
Der gleichgültige Ozean, wie mit dem Rasiermesser
glattgezogen, die steinkalte Ewigkeit des Universums darüber. Ein Wohin
gibt es hier nicht. Und was war gleich noch die Bedeutung der Zeit?
„Gekrümmter Raum? Gekrümmte Zeit? Gekrümmter Mensch?“ In ewigem
Gleichtakt versinkt die Sonne und steigt wenig später wieder auf.
Tagein, tagaus. Und in der Zwischenzeit verfault der Mensch.
Es ist 1943, Weltenbrand. Ein amerikanischer Flieger und
ein deutscher U-Bootfahrer hocken zusammen auf einem Schlauchboot
irgendwo im Mittelatlantik. Einer fiel vom Himmel, einer wurde aus dem
Meer gezogen. Mit an Bord des Rettungsbootes: Eine Flasche Whiskey,
Zigaretten und Kaugummis. Für ein paar Tage reicht diese Ration, dann
würde Rettung kommen müssen. Der Amerikaner hat zudem bei seinem Absturz
einen Arm verloren, ist nun septisch und deliriert seinem Ende
entgegen. Dabei erzählt er dem Deutschen aus seinem Leben, von seiner
Liebe, wird zornig, höhnisch und verstummt schließlich endgültig.
„Der Andere“, wie der Deutsche nur genannt wird, treibt
nun alleine auf dem Schlauchboot seinem Schicksal entgegen und ist dabei
seinen weit ausgreifenden Gedanken völlig ausgeliefert.
Mors omnia aequat, heißt es. Der Tod macht alles gleich.
Das ist richtig, denkt man sich, wenn man Jens Rehns Debütroman liest,
der 1954 erstmals erschien und gerade von Schöffling neu aufgelegt
wurde. Auch schon die Aussicht auf den baldigen Tod schleift alle
Unterschiede ab. Freund und Feind, Krieg und Frieden – was sind das
schon für Kategorien, wenn man auf die letzten Dinge zutreibt? Was ist
Besitz und Geld? Was für einen Sinn hat noch abstrakte Philosophie?
„Klein-Ließchen-Müller-Gedanken“, sagte er wieder laut.
„Die Auslassungen der Philosophen aller Zeiten sind nichts anderes!“ Er
sprach immer lauter. „Die umschreiben es nur anders und denken
konsequenter darüber nach und schriftstellern mit vielen Fremdworten
das, was sie auch nicht wissen. Homo singularis vis-à-vis der Größe X.
Na also. Es ist immer dasselbe. Immer. Unendlich wiederholt. Im Grunde
ist alles dasselbe.“
Nichts in Sicht ist ein Roman, der dem Leser in
die Knochen fährt: Was Rehn hier auf wenigen Seiten mit Hilfe eines
minimalistischen Settings beschreibt, ist nichts weniger als das
langsame Sterben eines Menschen. Es ist eine lange, meisterhaft
arrangierte Folge von hochtrabenden Gedanken, Abschweifungen in die
Vergangenheit, Verhöhnungen und Verzagtheiten, die mit der stummen
Gleichgültigkeit des Ozeans kontrastiert.
Und damit schafft Rehn ein gestochen scharfes Bild für
das große Dilemma der Menschheit: Schlussendlich, nach allen Erklärungs-
und Konstruktionsversuchen, ist der Mensch doch nur ausgeliefert. Der
Ozean, die Natur, das All schweigen. Immer bleibt es bei der harten
Feststellung, die sich, wie ein Motiv durch den gesamten Roman zieht:
Nichts in Sicht.
Kühl, entschlackt und bar jeden stilistischen Ornats ist
die Sprache, in der die endlos kreisenden Gedankengänge des „Anderen“
beschrieben werden, und genial ist die Konstruktion dieses Romans, dem
es gelingt, die Grundfragen des Seins zu stellen – und als bloße Ideen
wieder zu verwerfen. Grandios!
Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt
Die Geschichte beginnt – wie der Titel sagt – mit einem Sprung. In die Universität von Teheran, in der sich Studenten im Widerstand gegen das zunehmend repressive Chomeini-Regime verschanzt haben, sind Milizen eingedrungen und veranstalten ein unglaubliches Blutbad. Maryam Madjidis Mutter, im sechsten Monat schwanger, versucht, vor ihnen zu fliehen, und am Ende bleibt ihr nur der Sprung aus einem Fenster im zweiten Stock. Dieser Sturz ist für die Erzählerin das Sinnbild ihres Lebens. Die Eltern bleiben ihren kommunistischen Überzeugungen treu. Um geheime Schriften zu befördern, werden die Windeln des Säuglings benutzt, der dafür auch schon mal an andere ausgeliehen wird. Später muss das Kind, von Verwandten und besonders der geliebten Großmutter verwöhnt, seine vielen Spielsachen an die armen Kinder des Viertels verschenken, um zu lernen, sich nicht an Eigentum zu binden. Als die Verhältnisse für die Eltern immer bedrohlicher werden, flieht die Mutter mit ihr aus dem Iran nach Frankreich, wo der Vater bereits lebt.
Was für die Eltern die Hoffnung auf Sicherheit bedeutet, ist für das das Mädchen die völlige Entwurzelung. In der ärmlichen Behausung – 15 Quadratmeter im 6. Stock eines Pariser Mietshauses –, in der neuen Sprache, ohne Freunde, ohne die geliebte Großmutter fühlt sie sich allein und verloren. Sie verweigert sich dem für ihren Geschmack ekligen und faden französischen Essen und der neuen Sprache, bis ihr unbändiger Lebenswille siegt und die äußeren Schwierigkeiten schwinden. Zum Sinnbild für die von der Gesellschaft geforderte Anpassung an die neue Umgebung wird der „Kampf“ zwischen der alten und der neuen Sprache, den die neue gewinnt. Damit drehen sich die Verhältnisse. Das Kind, nun eifrig darum bemüht, so zu sein wie alle anderen, schämt sich der Eltern, denen der Aufstieg in die französische Gesellschaft weder materiell noch ideell gelingt. Sie wird eine gute Schülerin, gewinnt Freunde, beginnt ein Studium. Aber die innere Fremdheit bleibt und begleitet sie für lange Jahre, auch in ihren Beziehungen zu Männern, denen sie virtuos die Rolle der geheimnisvollen Orientalin vorspielt und die sie mit Zitaten der persischen Lyrik verführt. Das Exil ist in ihr und bleibt, sie spürt, wie sie sich selbst fremd wird. Und wie zuvor schon in für sie existentiell wichtigen Situationen imaginiert sie ihre Großmutter, die ihr rät, ihre Masken fallen zu lassen und sich der Wahrheit zu stellen.
So einfach die Geschichte erscheint, so kunstvoll sind die Stilmittel: Was das Buch, für das Maryam Madjidi 2017 den “Prix Goncourt” für den besten Debütroman erhalten hat, zu einer ganz außergewöhnlichen Lektüre macht, ist seine Form und die Sprache. Der Text ist eine Mischung aus Realismus, Poesie und Fantasie, geschrieben in einer lebendigen, nuancenreichen, kunstvoll komponierten Sprache, die dem Thema Flucht, Migration, Exil völlig neue Facetten abgewinnt. Die Autorin bedient sich unterschiedlichster Stilmittel, um Stimmungen und Personen nicht nur zu beschreiben, sondern ihnen einen eigenen Ausdruck zu verleihen. Das Buch ist eine Studie zur Identitätsfindung, die an die Stelle von Land, Ort und Sprache die Poesie setzt, die zur inneren Heimat wird. Das Beste an diesem Roman ist jedoch, dass er sich nicht im Artifiziellen verliert. Du springst, ich falle liest sich packend, humorvoll und zart zugleich und ist zur Lektüre wärmstens zu empfehlen.
Erinnerungen. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Nicole Henneberg
Schöffling & Co, 26 € 978-3-89561-492-7
Erinnerungen hat Gabriele Tergit ihr Buch Etwas Seltenes überhaupt genannt und nicht Autobiographie.
Und in der Tat ist ihr Buch keine chronologische Erzählung ihres
Lebens. Es sind Schilderungen dessen, was ihr Leben am meisten prägte –
und das ist mehr als genug. Aber letztlich führt alles, was sie erzählt,
immer wieder zu den entscheidenden Fragen: „Warum, wieso, weshalb
Hitler?“.
1894 wurde sie unter dem Namen Elise Hirschmann in eine
jüdische Fabrikantenfamilie geboren. Nach einer Ausbildung an der
Sozialen Frauenschule von Alice Salomon holte sie das Abitur nach und
studierte Geschichte, Soziologie und Philosophie. Vor und während des
Studiums publizierte sie Artikel in unterschiedlichen Zeitschriften.
Während der Weimarer Republik war Tergit Deutschlands erste
Gerichtsreporterin. Mit wachem Blick nahm sie nicht nur die
kriminalistische Seite der Fälle, wahr, die sie beobachtete, ihr
Augenmerk galt besonders deren sozialem und politischen Hintergrund. Vor
allem dem zuerst schleichenden, dann immer deutlicher zu Tage tretenden
Einfluss der erstarkenden nationalsozialistischen Bewegung und der –
auch schon vor deren Wahlsieg – immer größer werden Willfährigkeit der
Justiz, die das Recht in deren Sinne beugte. Mit Käsebier erobert den Kurfürstendamm hatte sie 1931 großen Erfolg als Romanautorin.
Als Jüdin, die in dem unter den Nazis als linksliberal
verschrieenen “Berliner Tageblatt” schrieb, hatte sie ein sicheres
Gefühl für das, was sich in Deutschland zusammenbraute. Als kurz nach
der Machtergreifung der Nationalsozialisten ein SA-Trupp versuchte, ihre
Wohnung zu stürmen, floh sie am nächsten Tag über die tschechische
Grenze. Sie ging mit Mann und Kind ins Exil, zuerst nach Israel, dann
nach England, wo sie 1982 starb. 1948 reiste sie erstmals wieder nach
Deutschland, weitere Reisen folgten. Die Erfahrungen von politischem
Terror, Rassismus und Verfolgung prägen ihre Erinnerungen, sie sind die
Folie, vor der sie ihr Leben beschreibt. Das gilt nicht nur vor und
während der NS-Zeit, mit wachem Blick sieht sie auch nach Ende des
Krieges, dass es in Deutschland keine „Stunde Null“ gab und
Antisemitismus und rechtes Gedankengut mit dem verlorenen Krieg nicht
verschwunden waren.
Wie vielen Exilanten war es auch ihr nicht möglich, an
ihren früheren Erfolg anzuknüpfen. Erst ab 1977, als sie im Rahmen der
Berliner Festwochen „wiederentdeckt“ wurde, erschienen einzelne ihrer
Werke erneut. Ihre Erinnerungen kamen ein Jahr nach ihrem Tod heraus und
wurden, wie dem informativen Nachwort der Herausgeberin Nicole
Henneberg zu entnehmen ist, vom Verlag vielfach gekürzt und inhaltlich
entstellt.
Etwas Seltenes überhaupt ist ein prall gefülltes
Buch. Eine große Anzahl Portraits von Freunden und Kollegen,
Reiseberichte, Erinnerungen an ihren Mann und den früh verstorbenen
Sohn, Anekdoten, Schilderungen der erlebten Gerichtsverhandlungen und
Berichte aus dem Nachkriegsdeutschland sind atmosphärisch ungeheuer
dicht und temporeich. Ihr flott dahineilender, lebendiger Schreibstil,
manchmal vom Hölzchen aufs Stöckchen kommend, manchmal mit eigenwilligen
Formulierungen und typisch berlinerischer Lakonie, ist – trotz oder
gerade – wegen seiner Leichtigkeit ernsthaft und tiefgründig. Ein
ungemein fesselndes, hellsichtiges, lebendig geschriebenes Buch, das auf
bestürzende Weise zeigt, wie eine zunehmende sprachliche Verrohung in
Gesellschaft und Politik den Weg für ebensolche Taten ebnet. Das ist
zeitgeschichtlich erhellend und stellenweise erschreckend aktuell. Jetzt
sind Gabriele Tergits Erinnerungen ein zweites Mal zu entdecken – es
lohnt sich!
Das Gerücht und der Ruhm werden in der römischen
Mythologie von ein und derselben Göttin verwaltet. Ein geflügeltes Wesen
mit tausenden Augen, Mündern und Ohren, rast sie über das Land,
verbreitet sowohl Wahrheit als auch Lüge unter den Menschen und ist
dabei blind für die Konsequenz. In Vergils Aeneis fällt dieser
gewaltigen Klatschtante göttlichen Ursprungs unter anderem die
karthargische Königin Dido zum Opfer: Der düpierte Nebenbuhler erfährt
von dem Techtelmechtel zwischen ihr und Aeneas, klagt sein Leid dem
Jupiter, der Aeneas eigentlich mit einer ganz anderen Mission als einer
Heirat betraut hatte, und nach einer Intervention des Göttervaters nimmt
das Schicksal der liebeskranken Dido seinen tragischen Lauf.
Dass die Fama, wie diese tratschende Göttin heißt, auch
für den Ruhm zuständig ist, nimmt eigentlich nicht weiter Wunder: Das
gezielt gestreute Gerücht, die perfide ausgetüftelte Schmutzkampagne
haben schon so manchen Machtkampf entschieden, und auch im politischen
Betrieb unserer Zeit scheint das fleißige Verwischen der Grenze zwischen
Fakt und Fiktion wieder Konjunktur zu haben.
Fernando Rovira, politisch ambitionierter Bauunternehmer
und Gründer der aufstrebenden Partei „Pragma“, ist ein Charismatiker:
adrett, sportlich, immer ausgeschlafen und eloquent. Mit sicherer Hand
lenkt er die Geschicke seiner Partei, führt sie von Sieg zu Sieg und
schreitet ihr als politische Lichtgestalt, als Selfmademan, voran. Das
Ziel: Die Provinz Buenos Aires teilen, das Leben für alle verbessern und
anschließend, klar, die Präsidentschaft von Argentinien.
Unnötig zu sagen: Mit schillernden Inszenierungen verhält
es sich wie mit Magneten: Sie üben eine immense Anziehungskraft aus.
Und schon bald geraten auch die beiden Studenten Román Sabaté und sein
Freund Sebastián in den Bann von Roviras Partei und bewerben sich
schließlich um eine Position im Team des großen Mannes.
Doch da geschieht Unerwartetes: Nicht der
hochintelligente Sebastián, der sich mit Leib und Seele dem Programm
Roviras verschrieben hat und vor Tatendrang zu platzen droht, wird
genommen, vielmehr bekommt sein ungleich weniger tatkräftige Freund
Román den Zuschlag für den Posten und steigt auch gleich zum
Privatsekretär und Personaltrainer Roviras auf. Und noch während sich
Román selbst über seinen rasanten Aufstieg in der Partei wundert, wird
er immer weiter in ein Netz aus Lügen, Mythen und grausigen Geheimnissen
verstrickt, das Rovira abseits der Öffentlichkeit knüpft. Der
Hoffnungsschimmer am sich stetig verdüsternden Horizont: Die junge
Journalistin Valentina Sureda, genannt China, die an einem Buch über den
Einfluss des Fluches der Tolosana auf die Politik Fernando Roviras
arbeitet. Jener sagenhafte Fluch besagt, dass kein Gouverneur der
Provinz Buenos Aires je Präsident Argentiniens werden kann. Dabei kommt
sie unliebsamen Wahrheiten auf die Spur und befindet sich bald selbst in
höchster Gefahr.
Welche faktische Kraft können ausgewiesene Mythen
entwickeln? Welche politische Durchschlagskraft hat die gut arrangierte
Story? Und: Ist nicht das wahr, was der Mensch beschließt, als wahr
anzunehmen?
Claudia Piñeiros Politthriller Der Privatsekretär
liest sich wie eine spannende Abhandlung dieser brandaktuellen Fragen.
Einerseits verfolgt der Leser die immer wahnwitziger werdenden
Entwicklungen um Román Sabaté, andererseits schaut er Valentina Sureda
über die Schulter, wie sie Fragment um Fragment für ihr Buch
zusammenträgt und dabei in die Geschichte des Landes und der Provinz
Argentiniens eintaucht. Die Sprache ist, dem Plot und dem Genre
angemessen, klar und präzise, und das Spiel der Autorin mit historisch
verbürgten Fakten und freier Erfindung reflektiert das Thema des Buches
auch auf formaler Ebene.
Wer sich im gerade so glorios anhebenden Sommer spannende
Unterhaltung mit politisch relevanter Thematik genehmigen möchte,
angereichert mit einem halbfiktionalen Exkurs in die jüngere
argentinische Geschichte, ist mit diesem Buch hervorragend bedient.
Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt
Ayelet
Gundar-Goshen versteht es, eine pure, herrliche Sommerlektüre zu
schreiben, die zugleich klug und erhellend in aktuelle Debatten
eingreift.
Ort und Zeit des Geschehens: Tel Aviv, die letzten Wochen
der Sommerferien. Die Hitze steht in den Straßen, die junge
sommersprossige Nuphar eilt zu ihrem Ferienjob in die Eisdiele. Sie ist
mit ihren 17 Jahren noch so uneins mit sich und ihrem Körper, wie man es
nur sein kann, wenn man den Schönheitsidealen permanent ausgesetzt ist,
ihnen aber nicht entspricht. Da ist ihre vom Glück geküsste jüngere
Schwester Maya, der alles mühelos zufliegt, da sind Mutter und Vater und
der Junge Lavie, den sie zu lieben beginnt – und schließlich die alte
Raymonde, die im Seniorenheim lebt. Zwischen diesen beiden Polen, der
alten Raymonde und der jungen Nuphar, spannt Gundar-Goshen ihre
Geschichte auf.
Die junge und die alte Frau verstricken sich unabhängig
voneinander und eher zufällig in eine Lügengeschichte, die sie befreit
und ihnen eine Stimme verleiht. Endlich werden sie gehört, endlich wird
ihnen Aufmerksamkeit geschenkt. Dass das just in dem Moment geschieht,
als sie nicht von sich erzählen, sondern sich die Geschichten anderer
einverleiben, zeigt das moralische Dilemma der Figuren, das überaus
erhellend beschrieben und amüsant erzählt wird.
Im Fall der jungen Nuphar ist es die erfundene
Vergewaltigung – der abgehalfterte Medienstar Avishai Milner fährt der
jungen unscheinbaren Eisverkäuferin Nuphar dermaßen überheblich über den
Mund, dass sie weinend und schreiend in den Hinterhof flieht. Die
zufällig vorbeikommenden Polizisten hören das Mädchen, folgen den
Schreien und stellen ihm Fragen, auf die Nuphar kaum mit einem Nicken
antworten muss – und sofort wird sie als das Opfer angesehen, wird im
Polizeipräsidium befragt, in Talkshows eingeladen, wird für ihren Mut
gelobt und endlich wahrgenommen.
Im Fall der alten Raymonde handelt es sich um eine Lüge,
die schwerer wiegt, denn Raymondes Lüge hat das Zeug, die Leiden eines
ganzen Volkes zu verhöhnen. Als ihre Mitbewohnerin, eine
Schoah-Überlebende, stirbt, schlüpft sie im wahrsten Sinne des Wortes in
deren Kleider und erzählt statt ihrer von den Schrecken in den
Konzentrationslagern.
Es ist ein wirkliches Glanzstück, das Gundar-Goshen
gelingt, denn in keiner Sekunde werden die Leiden der wirklichen Opfer
in Frage gestellt oder entwürdigt – im Fall der alten Raymonde erscheint
es sogar als Ehre und Auszeichnung, das Leben der Freundin
weiterzuführen, und als eine historische Notwendigkeit, als lebender
Zeuge den Besuchern der Gedenkstätten erzählen zu können. Im Fall der
jungen Nuphar ist der me-too-Ruf der Umweg, den sie gehen muss, um sich
selbst anzunehmen. Endlich blüht sie auf und passt in die Kleider der
strahlenden jüngeren Schwester. Auf diese Weise erzählt Gundar-Goshen,
wie sprachliche Strukturen und Erzählmuster zur Befreiung für die
Individuen und vom Individuum werden können. Aber: Lügen darf man nicht!
Robert Seethaler hat die große Fähigkeit, fesselnde und
berührende Romane über gänzlich unspektakuläre Menschen zu schreiben.
Seine Protagonisten sind keine strahlenden Helden, keine Gefallenen, sie
erleben keine schicksalsträchtigen Dramen, keine Liebespassionen, haben
aber mit dem, was ihnen das Leben zumutet, genug zu tun. Sie leben ihr
Leben, und der staunende Leser ist zutiefst beglückt, ihnen dabei folgen
zu dürfen. Sein neuer Roman hat nicht einmal mehr eine Hauptperson.
Hier kommen Menschen zu Wort, die zumeist wenig miteinander verbindet –
außer dem Ort, an dem sie oder zumindest ihre Körper sich befinden: dem
ältesten Teil des Paulstädter Friedhofs, „das Feld“ genannt.
Hierhin kommt jeden Tag ein Mann, läuft zwischen den
Gräbern umher, setzt sich auf eine Bank und hört ihre Stimmen.
Neunundzwanzig Tote, dreißig Stimmen. Denn der Erzähler lebt, und die
Toten erzählen aus ihrem Leben: eine kurze Begebenheit, einen Moment des
Glücks, Leid, Schicksalsschläge. Eine ganze Erzählung oder einen Absatz
lang, einmal auch nur ein Wort. Manche kannten sich näher, manche nur
vom Sehen, einige waren Paare, andere stehen gänzlich für sich. Einer
erlebt, dass man auch als Toter noch verlassen werden kann. Eine Frau
erzählt von der siebenundsechzig Tage währenden Freundschaft zu der
uralten Henriette, der sie nur sechsundzwanzig Tage später in den Tod
folgt. Ein Pfarrer spricht darüber, wie eine Berufung zum Fluch wird,
ein Vater gibt seinem Sohn aus dem Grab heraus (gute?) Ratschläge. Ein
Briefträger erinnert sich an seine Tour, ein Bürgermeister schwadroniert
von seinen (Un-) Taten. Nach und nach verdichten ihre Erzählungen sich
zu einem vielfältigen Chor, in dem jede Stimme ihre eigene Melodie
singt, alle zusammen sich dennoch zu einem Ganzen vereinigen – einem
Chor der Toten, die das Leben erzählen. Das schrammt auch schon mal hart
am Kitsch vorbei, aber Seethalers unnachahmlich lakonischer Tonfall
verhindert zuverlässig ein Abrutschen.
Dieses Buch liest man nicht an einem Stück durch und ist
dann fertig. Manchmal reicht ein kurzer Absatz, der noch lange
nachklingt, eine überraschende Wendung lässt innehalten und das Buch
erst einmal hinlegen. Aber anders als bei Erzählungen, bei denen es oft
unbefriedigend ist, wenn man die gerade gelesene mit der nächsten gleich
wieder wegwischt, entsteht hier eine Verbindung zwischen den Personen.
Man begegnet den gleichen Namen öfter, immer in anderen Zusammenhängen,
und es entsteht eine Vertrautheit, die sich im Laufe der Lektüre
verstärkt. Obwohl jede Erzählstimme aus dem Totenreich kommt, ist Das Feld
kein trauriges oder niederdrückendes Buch – es ist das pralle Leben. Es
ist so, wie der Erzähler im Buch sagt: „dass der Mensch vielleicht dann
erst endgültig über sein Leben urteilen konnte, wenn er sein Sterben
hinter sich gebracht hatte.“
In einer Halbzeitpause könnte man ihn lesen, diesen inneren Monolog am Spielfeldrand. Gedanken eines (fiktiven?) Fußballers der deutschen Nationalmannschaft kurz vor der Einwechslung. Eines Spielers mit deutschem Pass und deutscher Kindheit, aber eben auch mit nigerianischen Wurzeln. Diese Wurzeln kann er zwar nicht fühlen, dafür kann sie aber jeder sehen. Die Farbe seiner Haut, die Beschaffenheit seiner Haare setzen viele immer noch gleich mit seinem Sein, meistens freundlich, anerkennend – immerhin schießt er ja für Deutschland Tore –, aber doch kurz verblüfft, wenn er fehlerfrei deutsch spricht. Wie wütend das seine Mutter immer gemacht hat, als er noch klein war, daran erinnert er sich. Und daran, wie sein Vater ihm sein Heimatland zeigen wollte, wie fremd ihm selbst aber die afrikanische Luft und seine nigerianischen Verwandten waren. Und er erinnert sich daran, wie sehr er sich wünschte, wie alle anderen zu sein, zu Hause, in Deutschland. Einfach nur einer von ihnen will er sein und heute einer von 11.
Und wir, wir wollen so gerne glauben, längst ohne Vorurteile auszukommen. Und unsere Kinder wachsen mit der kleinen Emma auf, deren Vater aus Puerto Rico kommt, und dem kleinen Otto mit den asiatischen Gesichtszügen. Und doch gibt es manchmal diesen winzigen Moment des Überraschtseins, den wir uns nur ungern eingestehen, dann nämlich, wenn einer dieser Fußballer am Spielfeldrand, vom Journalisten befragt, ganz akzentfrei erklärt, welche Strategie er mit dem Trainer besprochen hat und wie es seiner rechten, kürzlich verletzten Wade geht.
„Noch heute gibt es Menschen, die sich für etwas besseres halten, weil sie noch nie irgendwo fremd gewesen sind, höchstens als Touristen und Besucher“, denkt dieser Fußballer auch am Spielfeldrand, „aber ich bin kein Besucher!“.
Wie alt man ist und ob man sich für Fußball interessiert, ist bei diesem 64 Seiten umfassenden Büchlein gar nicht wichtig. Es geht um Zugehörigkeit, um alltägliche unbewusste Aus- und Abgrenzung, um gesellschaftlich hoch aktuelle Fragen. Vier Wochen WM sind ein guter Anlass, um sich bei einer bunt gemischten deutschen Mannschaft mal wieder klar zu machen, was wir eigentlich damit verbinden, wenn wir von „deutsch“ sprechen.
Manfred Theisen hat sicher nicht ohne Grund den Spieler eines Mannschaftssports gewählt, um uns mit unseren eigenen gedanklichen Schubladen zu konfrontieren. Eine Mannschaft ist erst dadurch stark, dass sie ganz unterschiedliche Menschen entsprechend ihrer Fähigkeiten und individuellen Stärken einzusetzen weiß. Wären alle gleich, hätte diese Mannschaft keine Chance. „Deutschland ist ein zerbrechliches Gebilde, zersplittert, vereint, zerfallen, größenwahnsinnig, besetzt, geteilt, wieder vereint und unaufhaltsam suchend“, lesen wir in Einer von 11. Genau das ist dieses Land und deswegen so ein guter Ort, weil hier so viele unterschiedliche Menschen hoffentlich auch zukünftig friedlich miteinander leben können.
ETA, IRA und RAF
– der Terror, der von europäischen Terrorzellen ausging, ist im
kollektiven Gedächtnis zurückgetreten hinter die Nachrichten über den
internationalen Terror seit dem 11. September 2001. Und doch ist das
alles gerade erst gewesen. Erst dieses Jahr hat die ETA offiziell ihre Auflösung bekanntgegeben. Zwar war es mittlerweile um die ETA
so still geworden, dass niemand mehr eine wirkliche Bedrohung in ihr
sah, aber die Meldung erinnert wie Fernando Aramburus Roman Patria
an andere Zeiten, in denen die Zahlen der jährlichen Anschläge und
Todesopfer in Westeuropa im Schnitt tatsächlich weitaus höher lagen als
in den letzten zwanzig Jahren.
Aramburus preisgekrönter Roman Patria ist in
Spanien ein Bestseller, geschrieben von einem Autor, der zwar Spanier
bzw. Baske ist, mittlerweile aber in Deutschland lebt und damit
zusätzlich zur zeitlichen auch noch die räumliche Distanz nutzt, um auf
die Hochzeit der ETA-Bewegung zu blicken. Patria beschreibt nicht vornehmlich die Ideen oder die Ziele der ETA,
sondern besonders eindrücklich den schleichenden Mechanismus, mit dem
eine terroristische Gruppierung den Alltag unterwandert, Ausgrenzungen
betreibt, Familienleben und Freundschaften zerstört, und wie aus kleinen
Jungs, die eben noch Kleine-Jungs-Streiche machten, Terroristen werden –
beinahe übergangslos geht das, beinahe gedankenlos.
Schauplatz des Geschehens ist ein kleines Dorf im
Baskenland, in dem der Fabrikbesitzer Txato an einem verregnetem
Nachmittag nach seinem Mittagsschläfchen auf dem Weg zur Arbeit auf
offener Straße erschossen wird. Txato wird schon lange bedroht und
öffentlich diffamiert, hat schon lange Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, er
tut sein Bestes, um in seinem Alltag nicht vorhersehbar zu sein,
wechselt Wege und Autos, die Tochter wird weit weg zum Studieren
geschickt, und mit Geld versucht er die ETA zu beruhigen und beruhigt doch vor allem sich selbst.
Gut war dieses Leben schon lang nicht mehr, die Familie
hat im Dorf keine Freunde mehr, und gerade die engsten, die liebsten
haben sich abgewandt: Joxian und Txato stiegen jeden Sonntag gemeinsam
aufs Rennrad, die Ehefrauen Miren und Bittori kannten sich seit
Kindertagen. Aber just der Sohn von Miren und Joxian geht zur ETA
– hat er Txato getötet? Nach dem Mord an ihrem Mann verlässt Bittori
das Dorf, sie wird von ihren Kinder nach San Sebastián gebracht, aber
das Haus behält sie über all die Jahre der Abwesenheit.
Aramburus Roman beginnt in jenem Moment, als sich Bittori
dem Dorf und ihrem Haus langsam wieder nähert und, ebenfalls mit
zeitlichen Abstand, zu verstehen versucht, was eigentlich passiert ist.
Patria ist zu gleichen Teilen ein Roman über den Terror der ETA
und ein Familien- und Freundschaftsroman, ein Ehe- und Liebesroman –
ein wahnsinnig gut geschriebenes, vielstimmiges Buch, das man wie eine
gute Serie einfach nicht abschalten kann. Unbedingt lesen.
Vierundzwanzig Industrielle waren es, die am 20. Februar
1933 von Hitler zur Kasse gebeten wurden, um die letzte Phase des
Wahlkampfs der Nationalsozialisten zu finanzieren. Keiner muckte auf,
alle entrichteten ihren Obolus, war ihnen doch die Befreiung vom Übel
des Kommunismus versprochen worden, die Abschaffung der Gewerkschaften
und das uneingeschränkte Führertum im eigenen Unternehmen. Die besten
Prämissen für gesicherten Gewinn, und das über Jahrzehnte.
Mit Österreich verfuhr Hitler anders als mit dem Klerus
der Großindustrie, er setzte Bundekanzler Schuschnigg massiv unter
Druck. Aber letztendlich reagierte dieser ähnlich: Er beugte sich dem
Bluff. Der Triumph des rätselhaften Respekts vor der Lüge, das ist es,
was Vuillard hier seziert, der Triumph der Machenschaften über die
Tatsachen. Mit diesem literarischen Meisterwerk gewann der Autor in
Frankreich die höchste literarische Auszeichnung, den Prix Goncourt.
Neben der ihm entgegengebrachten Wertschätzung ist ihm auch
Überheblichkeit vorgeworfen worden. Nun, Satire arbeitet mit gespitztem
Bleistift. Und natürlich ist es leichter, aus der Distanz von
Jahrzehnten darüber zu urteilen, wie dilettantisch Hitlers erste
Schritte in der Politik de facto waren, wie leicht die Industrie und die
anderen Großmächte seinen politischen Parolen auf den Leim gingen. Aber
spätestens jetzt müssten im Publikum die Alarmglocken läuten. Warum?
„Man stürzt nicht zweimal in denselben Abgrund. Aber man stürzt immer
auf dieselbe Weise, in einer Mischung aus Lächerlichkeit und Entsetzen.“
Wenn Geschichte so erzählt wird, wie Vuillard zu erzählen
vermag, begreift man das ganze Ausmaß ihrer Ungeheuerlichkeit. Und das
gilt für gestern wie auch für heute. „Die größten Katastrophen kommen
oft auf leisen Sohlen.“ Das sollte uns zu denken geben.
„Als ich klein war, beobachtete ich, wie meine Mutter vor
jeder Begegnung mit ihrer Familie Haltung annahm, sich vorbereitete –
ich sah den strengen Blick, mit dem sie sich im Spiegel musterte, und
den Lippenstift, den sie wie eine Rüstung auftrug.“
Nadja Spiegelman macht sich auf den Weg in die
Vergangenheit. Will verstehen, wer oder was die Beziehung ihrer Mutter
zu deren Mutter belastet hat. Will wissen, was damals geschehen ist, und
ist damit auch auf der Suche nach Antworten für ihre eigene Kindheit.
Dafür verlässt sie ihr geliebtes New York, begibt sich
auf die Reise zu ihrer französischen Großmutter nach Paris. Von der noch
rüstigen älteren Dame wird sie mit offenen Armen aufgenommen. Nadja
trifft auf eine ungewöhnlich willensstarke Frau. Josée, ihre
„Grand-mére“, wie sie allerdings nicht genannt werden will, lebt seit
ihrer Scheidung alleine auf einem Hausboot und genießt dort ein von
Männern befreites, selbstbestimmtes Leben. Behutsam baut sich eine
intensive Beziehung der beiden auf. Mit klugen, einfühlsamen Fragen
dringt Nadja mehr und mehr in längst vergessene Erinnerungsschichten
ihrer Großmutter vor. Schaut und hört genau hin. Das bleibt
selbstverständlich nicht ohne Wirkung auf ihr eigenes Empfinden und
Selbstbildnis. Hilft es, das Verhalten ihrer eigenen Mutter besser zu
verstehen?
Eine gemeinsame Reise der drei Frauen wird geplant und
realisiert. Viele schöne und weniger schöne Erinnerungen kommen dabei an
die Oberfläche. Nicht alle stimmen auch überein, es gibt eben nicht nur
die eine Wahrheit. Dennoch, es ist ein Weg, das Verhalten, die
Persönlichkeit der anderen zu verstehen. Schmerz, Verletzungen,
Übergriffe haben sich tief in die Seelen eingegraben. Auch wenn einiges
weiterhin im Dunkeln bleibt oder bleiben soll, verändern die Gespräche
das Leben und Miteinander dieser drei Frauen. Erzählend, zuhörend,
verstehend finden sie mehr als nur eine versöhnliche Annäherung
zueinander.
„Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts
verstanden, aber es kann nur in der Schau nach vorwärts gelebt werden.“
Sören Kierkegaard
Drei Frauen, drei Generationen, drei Leben. Nadja
Spiegelman hat daraus ein fantastisch authentisches Buch gemacht. Soviel
Lebensweisheit würde man bei einer Autorin, die gerade mal 30 Jahre alt
ist, niemals vermuten. Eine unglaublich talentierte Erzählerin hat hier
ihren Debütroman vorgelegt. Eines der besten Bücher zum Thema
Großmutter-Mutter-Tochter-Beziehung.
Vintage, Retro, „shabby chic“, aus den Nähten platzende Flohmärkte und prächtig florierende Second Hand Läden.
Geschichten fügen den profanen Dingen des Alltags etwas
hinzu, verleihen ihnen einen ganz besonderen Wert. Das war schon immer
so und ist auch heute überall zu besichtigen: Der Schuhschrank aus den
50ern, das Grammophon aus den 20ern, die Schelllackplatte. Das alles
wird von einer wildromantischen Aura umweht, das alles sind neckische
Zitate einer Vergangenheit, die jetzt die eigene Individualität krönen
sollen. Geschichte, zur Story verknappt, als Verkaufsargument: Alt ist
sexy, „Vintage“ füllt die Kassen.
Sânziana Stipiuc, 35, von Beruf Buchhalterin, bekommt
eines Tages von ihrem Chef einen ganz besonderen Auftrag: Sie ist die
einzige, die englisch spricht und darum als einzige qualifiziert, die
amerikanischen Juden zu empfangen, die aus geschäftlichen Gründen in die
Stadt kommen. Sânziana fügt sich der Anweisung ihres Vorgesetzten und
lernt so Mutter und Sohn Bernstein kennen, die ein Vermögen mit dem
Handel von Secondhand-Klamotten gemacht haben. Nach ein paar Tagen ist
klar: Sânziana war die längste Zeit Buchhalterin, wird fürderhin in
Amerika an der Seite von Ben Bernstein und unter dem
schwiegermütterlichen Regiment Dora Bernsteins leben und vor allem nicht
länger Sânziana Stipiuc, sondern Suzy Bernstein heißen.
In Amerika angekommen, entwickelt sich Suzy schnell zu
einer taffen Geschäftsfrau, die das Geschäft mit den Klamotten mit
„Story“ aus dem Effeff beherrscht. Sie vergisst auch ihre eigene arme
rumänische Familie nicht, bedenkt sie mit lukrativen Posten in der
frisch eröffneten Dependance in Rumänien – sie kümmert sich nach
Kräften, singt zähneknirschend das Hohelied des Kapitalismus.
Trotz des Erfolges steht für Suzy allerdings nichts zum
Besten: Das Land jenseits des Ozeans, die neue jüdische Identität und
die neue Tätigkeit stellen die Perspektive auf die Dinge auf den Kopf:
Suzy taucht in die Geschichte der Familie Bernstein ein, beginnt, sich
gewissermaßen rückwärts durch die Zeit zu bewegen, um schließlich beim
29. Juni 1941 anzulangen, jenem Schreckenstag, an dem der lange
angestaute und staatlich forcierte Antisemitismus in Rumänien zum
Massaker von Iasi führte. Jenes Datum, das das finstere
Gravitationszentrum des Buches bildet, der Ort, an dem sich
Vergangenheit und Zukunft treffen.
Cātālin Mihuleac lässt den Leser Suzy Bernstein über die
Schulter schauen. In schnoddrig-schöner Sprache, die mit
rasiermesserscharfen Bildern daherkommt und sich meisterhaft darauf
versteht, Lacher zu provozieren, die schon im nächsten Augenblick jäh in
der Kehle stecken bleiben, erkundet er, Suzy als zornige Erzählerin
vorgeschaltet, die Geschichte des rumänischen Antisemitismus, die auch
die Geschichte der rumänischen Juden ist.
Dabei lässt er Suzy einerseits von ihrer Recherche-Reise
durch die Zeit erzählen. Andererseits lässt er sie die fiktive
Familiengeschichte der wohlhabenden jüdischen Familie Oxenberg aus Iasi
dokumentieren, die unter den antisemitischen Repressionen und
Übergriffen des pro-faschistischen Regimes leidet und schließlich an
eben jenem verhängnisvollen Tag im Juni 1941 zerrissen wird.
Alles hat eine Geschichte. Geschichte ist aber etwas
anderes als eine „Story“. Geschichte ist nicht immer dazu angetan, einen
Gegenstand wertsteigernd zu veredeln. Vielmehr enthüllt sie mitunter
dunkle Flecken, die wiederum eine nette Story verderben können.
„Die Historiografie zerschlägt in der nationalen Vitrine
wertvolle Kristallgefäße. Der Patriotismus, entworfen, um ewig zu
strahlen, wird zu Blech.“
Mihuleacs Buch Oxenberg & Bernstein, das
bereits 2014 in Rumänien erschienen ist, ist eine zornige Zeitkritik,
eine enthüllende Halbfiktion, die mit Bedacht und Akkuratesse die
historischen Fakten des rumänischen, des europäischen Antisemitismus zu
einer grandiosen, aber beißend-ungemütlichen Erzählung arrangiert, die
tief unter die Haut geht.
Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt