Vierundzwanzig Industrielle waren es, die am 20. Februar
1933 von Hitler zur Kasse gebeten wurden, um die letzte Phase des
Wahlkampfs der Nationalsozialisten zu finanzieren. Keiner muckte auf,
alle entrichteten ihren Obolus, war ihnen doch die Befreiung vom Übel
des Kommunismus versprochen worden, die Abschaffung der Gewerkschaften
und das uneingeschränkte Führertum im eigenen Unternehmen. Die besten
Prämissen für gesicherten Gewinn, und das über Jahrzehnte.
Mit Österreich verfuhr Hitler anders als mit dem Klerus
der Großindustrie, er setzte Bundekanzler Schuschnigg massiv unter
Druck. Aber letztendlich reagierte dieser ähnlich: Er beugte sich dem
Bluff. Der Triumph des rätselhaften Respekts vor der Lüge, das ist es,
was Vuillard hier seziert, der Triumph der Machenschaften über die
Tatsachen. Mit diesem literarischen Meisterwerk gewann der Autor in
Frankreich die höchste literarische Auszeichnung, den Prix Goncourt.
Neben der ihm entgegengebrachten Wertschätzung ist ihm auch
Überheblichkeit vorgeworfen worden. Nun, Satire arbeitet mit gespitztem
Bleistift. Und natürlich ist es leichter, aus der Distanz von
Jahrzehnten darüber zu urteilen, wie dilettantisch Hitlers erste
Schritte in der Politik de facto waren, wie leicht die Industrie und die
anderen Großmächte seinen politischen Parolen auf den Leim gingen. Aber
spätestens jetzt müssten im Publikum die Alarmglocken läuten. Warum?
„Man stürzt nicht zweimal in denselben Abgrund. Aber man stürzt immer
auf dieselbe Weise, in einer Mischung aus Lächerlichkeit und Entsetzen.“
Wenn Geschichte so erzählt wird, wie Vuillard zu erzählen
vermag, begreift man das ganze Ausmaß ihrer Ungeheuerlichkeit. Und das
gilt für gestern wie auch für heute. „Die größten Katastrophen kommen
oft auf leisen Sohlen.“ Das sollte uns zu denken geben.
„Als ich klein war, beobachtete ich, wie meine Mutter vor
jeder Begegnung mit ihrer Familie Haltung annahm, sich vorbereitete –
ich sah den strengen Blick, mit dem sie sich im Spiegel musterte, und
den Lippenstift, den sie wie eine Rüstung auftrug.“
Nadja Spiegelman macht sich auf den Weg in die
Vergangenheit. Will verstehen, wer oder was die Beziehung ihrer Mutter
zu deren Mutter belastet hat. Will wissen, was damals geschehen ist, und
ist damit auch auf der Suche nach Antworten für ihre eigene Kindheit.
Dafür verlässt sie ihr geliebtes New York, begibt sich
auf die Reise zu ihrer französischen Großmutter nach Paris. Von der noch
rüstigen älteren Dame wird sie mit offenen Armen aufgenommen. Nadja
trifft auf eine ungewöhnlich willensstarke Frau. Josée, ihre
„Grand-mére“, wie sie allerdings nicht genannt werden will, lebt seit
ihrer Scheidung alleine auf einem Hausboot und genießt dort ein von
Männern befreites, selbstbestimmtes Leben. Behutsam baut sich eine
intensive Beziehung der beiden auf. Mit klugen, einfühlsamen Fragen
dringt Nadja mehr und mehr in längst vergessene Erinnerungsschichten
ihrer Großmutter vor. Schaut und hört genau hin. Das bleibt
selbstverständlich nicht ohne Wirkung auf ihr eigenes Empfinden und
Selbstbildnis. Hilft es, das Verhalten ihrer eigenen Mutter besser zu
verstehen?
Eine gemeinsame Reise der drei Frauen wird geplant und
realisiert. Viele schöne und weniger schöne Erinnerungen kommen dabei an
die Oberfläche. Nicht alle stimmen auch überein, es gibt eben nicht nur
die eine Wahrheit. Dennoch, es ist ein Weg, das Verhalten, die
Persönlichkeit der anderen zu verstehen. Schmerz, Verletzungen,
Übergriffe haben sich tief in die Seelen eingegraben. Auch wenn einiges
weiterhin im Dunkeln bleibt oder bleiben soll, verändern die Gespräche
das Leben und Miteinander dieser drei Frauen. Erzählend, zuhörend,
verstehend finden sie mehr als nur eine versöhnliche Annäherung
zueinander.
„Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts
verstanden, aber es kann nur in der Schau nach vorwärts gelebt werden.“
Sören Kierkegaard
Drei Frauen, drei Generationen, drei Leben. Nadja
Spiegelman hat daraus ein fantastisch authentisches Buch gemacht. Soviel
Lebensweisheit würde man bei einer Autorin, die gerade mal 30 Jahre alt
ist, niemals vermuten. Eine unglaublich talentierte Erzählerin hat hier
ihren Debütroman vorgelegt. Eines der besten Bücher zum Thema
Großmutter-Mutter-Tochter-Beziehung.
Vintage, Retro, „shabby chic“, aus den Nähten platzende Flohmärkte und prächtig florierende Second Hand Läden.
Geschichten fügen den profanen Dingen des Alltags etwas
hinzu, verleihen ihnen einen ganz besonderen Wert. Das war schon immer
so und ist auch heute überall zu besichtigen: Der Schuhschrank aus den
50ern, das Grammophon aus den 20ern, die Schelllackplatte. Das alles
wird von einer wildromantischen Aura umweht, das alles sind neckische
Zitate einer Vergangenheit, die jetzt die eigene Individualität krönen
sollen. Geschichte, zur Story verknappt, als Verkaufsargument: Alt ist
sexy, „Vintage“ füllt die Kassen.
Sânziana Stipiuc, 35, von Beruf Buchhalterin, bekommt
eines Tages von ihrem Chef einen ganz besonderen Auftrag: Sie ist die
einzige, die englisch spricht und darum als einzige qualifiziert, die
amerikanischen Juden zu empfangen, die aus geschäftlichen Gründen in die
Stadt kommen. Sânziana fügt sich der Anweisung ihres Vorgesetzten und
lernt so Mutter und Sohn Bernstein kennen, die ein Vermögen mit dem
Handel von Secondhand-Klamotten gemacht haben. Nach ein paar Tagen ist
klar: Sânziana war die längste Zeit Buchhalterin, wird fürderhin in
Amerika an der Seite von Ben Bernstein und unter dem
schwiegermütterlichen Regiment Dora Bernsteins leben und vor allem nicht
länger Sânziana Stipiuc, sondern Suzy Bernstein heißen.
In Amerika angekommen, entwickelt sich Suzy schnell zu
einer taffen Geschäftsfrau, die das Geschäft mit den Klamotten mit
„Story“ aus dem Effeff beherrscht. Sie vergisst auch ihre eigene arme
rumänische Familie nicht, bedenkt sie mit lukrativen Posten in der
frisch eröffneten Dependance in Rumänien – sie kümmert sich nach
Kräften, singt zähneknirschend das Hohelied des Kapitalismus.
Trotz des Erfolges steht für Suzy allerdings nichts zum
Besten: Das Land jenseits des Ozeans, die neue jüdische Identität und
die neue Tätigkeit stellen die Perspektive auf die Dinge auf den Kopf:
Suzy taucht in die Geschichte der Familie Bernstein ein, beginnt, sich
gewissermaßen rückwärts durch die Zeit zu bewegen, um schließlich beim
29. Juni 1941 anzulangen, jenem Schreckenstag, an dem der lange
angestaute und staatlich forcierte Antisemitismus in Rumänien zum
Massaker von Iasi führte. Jenes Datum, das das finstere
Gravitationszentrum des Buches bildet, der Ort, an dem sich
Vergangenheit und Zukunft treffen.
Cātālin Mihuleac lässt den Leser Suzy Bernstein über die
Schulter schauen. In schnoddrig-schöner Sprache, die mit
rasiermesserscharfen Bildern daherkommt und sich meisterhaft darauf
versteht, Lacher zu provozieren, die schon im nächsten Augenblick jäh in
der Kehle stecken bleiben, erkundet er, Suzy als zornige Erzählerin
vorgeschaltet, die Geschichte des rumänischen Antisemitismus, die auch
die Geschichte der rumänischen Juden ist.
Dabei lässt er Suzy einerseits von ihrer Recherche-Reise
durch die Zeit erzählen. Andererseits lässt er sie die fiktive
Familiengeschichte der wohlhabenden jüdischen Familie Oxenberg aus Iasi
dokumentieren, die unter den antisemitischen Repressionen und
Übergriffen des pro-faschistischen Regimes leidet und schließlich an
eben jenem verhängnisvollen Tag im Juni 1941 zerrissen wird.
Alles hat eine Geschichte. Geschichte ist aber etwas
anderes als eine „Story“. Geschichte ist nicht immer dazu angetan, einen
Gegenstand wertsteigernd zu veredeln. Vielmehr enthüllt sie mitunter
dunkle Flecken, die wiederum eine nette Story verderben können.
„Die Historiografie zerschlägt in der nationalen Vitrine
wertvolle Kristallgefäße. Der Patriotismus, entworfen, um ewig zu
strahlen, wird zu Blech.“
Mihuleacs Buch Oxenberg & Bernstein, das
bereits 2014 in Rumänien erschienen ist, ist eine zornige Zeitkritik,
eine enthüllende Halbfiktion, die mit Bedacht und Akkuratesse die
historischen Fakten des rumänischen, des europäischen Antisemitismus zu
einer grandiosen, aber beißend-ungemütlichen Erzählung arrangiert, die
tief unter die Haut geht.
Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt
Der Titel des Nachworts der Herausgeberin und Illustratorin dieser Anthologie, Julia Kissina, klingt vermessen: „Goodbye Dostojewski“. Nein, diese Anthologie macht den Meister sicher nicht obsolet. Gemeint ist aber etwas anderes: Die Anthologie Revolution Noir. Autoren der russischen „Neuen Welle“ fügt den bestehenden Bildern über Russland neue hinzu, indem hier Erzählungen erstmals in deutscher Sprache erscheinen oder überhaupt zum ersten Mal publiziert werden.
Wenn man einige der Erzählungen, die als manieriert und geschwätzig kaum in Erinnerung bleiben, auch beiseitelassen kann, heißt das nur mehr Aufmerksamkeit für die wenigen großartigen Beispiele, die Erstere wieder aufwiegen. Besonders schön ist „Die Reise des Lukas“ (1992) von Wassili Kondratjew, in der ein Mann an einem verlassenen Bahnhof aus dem Zug steigt und sich in der Wildnis verliert. Fantastisch grotesk und dabei fast naturalistisch in der Schilderung beengter Wohnverhältnisse in einer Kommunalwohnung ist die Erzählung „Der Sprung in den Sarg“ von Juri Mamlejew über eine alte Dame, die zwar todkrank ist, aber nicht sterben kann. Ihre Verwandten beklagen, die Pflege bringe sie noch ins Grab, und überreden die Kranke deshalb dazu, ihrerseits freiwillig ins Grab zu steigen.
In Erinnerung bleibt die Geschichte vom „Menschenfresser-Flugzeug“ von Pavel Pepperstein, der den Zweikampf zwischen einem Giftmischer und dem Menschenfresser-Flugzeug irgendwo in der Luft zwischen London und Reykjavík erzählt. Sorokin kommt, wie kann es auch anders sein, in seiner Erzählung „Asche“ wieder laut und gewaltig mit spritzenden Eiterbeulen und menschenfressenden Gourmands daher, und mit einem klaren Sieg über den Nationalismus im heutigen Russland. In „Zweckmäßigkeit“ von Alexej Parschtschikow wird die Arbeit eines Absamers geschildert und dabei in zarte Transzendenz gehüllt, die so gar nicht zu dem scheinbar derben Beruf passen will. Blut, Eiter, Stiersperma –alles ist so explizit und extrem geschildert, wie es sich für eine Avantgarde gehört. Aber die wohl extremste Erzählung des Bandes ist die, in der Kafka als sorgenfreies Familienoberhaupt Mitte fünfzig portraitiert wird. Zufrieden mit seinem geleisteten schriftstellerischen Tagwerk genießt er die deftigen Speisen seiner Gattin und schaukelt seine kleine Enkelin auf den Knien.
Beinahe ebenso spannend wie die Erzählungen sind die Kurzinformationen über die Autoren und Autorinnen am Ende des Bandes. Ihre Biografien spiegeln die ereignisreichen Jahre nach dem Ende des sowjetischen 20. Jahrhunderts wider und die Versuche, mit Emigration und subversiver künstlerischer Tätigkeit die Zensur und Verfolgung zu umgehen.
In ihrem Nachwort erklärt Kissina auch den Titel der Anthologie. Drei Avantgarden habe es in Russland gegeben, und alle hätten auf ihre Weise auf revolutionäre gesellschaftliche Umschwünge reagiert: die erste Avantgarde, auch klassische Avantgarde, genannt, suchte in den 1920er Jahren ihre Stellung zwischen revolutionärem Kampf und individuellem künstlerischem Ausdruck. Die zweite Avantgarde, dann sei mit der Tauwetter-Periode ab 1956 verbunden. In der vorliegenden Anthologie finden sich nun Vertreter der sogenannten dritten Avantgarde zusammen, die allesamt die Jahre der Perestroika künstlerisch mit verfolgten und – soweit es ihnen möglich war – künstlerisch mitgestalteten. „Noir“ ist eine besondere Ausformung des künstlerischen Ausdrucks in den 1980er Jahren – eine fröhlich-groteske, morbide Antwort auf den schon seit langem schal gewordenen sozialistischen Optimismus. Brandneu ist diese „neue Welle“ also nicht mehr. Umso besser, dass ihre Vertreter endlich in deutscher Sprache vorliegen.
Moritz und Raffael haben eine gemeinsame Geschichte voll
dunkler Geheimnisse. Ihre Freundschaft beginnt 1986 in Hallein am
Dürnberg, sie endet 2017 mit Raffaels Besuch bei Moritz; 16 Jahre haben
sie sich da nicht gesehen. Johanna, die im letzten Schuljahr zu den
beiden stieß und von dem Moment an nicht mehr von der Seite der Freunde
wich, wird das Dreieck nach 16 Jahren mit allen Wunden und Gefahren der
Vergangenheit wiederbeleben. In ihrem Romandebüt zeichnet Mareike
Fallwickl in wirkungsvollen Kontrasten Menschen, die über Jahre
Gefangene ihrer selbst und überkommener gesellschaftlicher Muster sind,
bis der Knoten endlich doch zerschlagen wird.
Er steht eines Abends vor Moritz‘ Tür, in der Hand einen
Koffer: Raffael, alter Freund aus Kindertagen, Frauenschwarm immer
schon, auch bei Moritz hochschwangerer Freundin Kristin zaubert er aus
dem Nichts ein Lächeln auf ihr Gesicht.
Doch Kristin durchschaut Raffael schon nach wenigen Tagen
und bittet, fordert, fleht Moritz an, sich und sie und ihr gemeinsames
Kind zu retten: Vor der Vergangenheit, die mit Raffaels Besuch wieder
hochkocht, und vor der Wendung, die Moritz‘ Leben in der Hand von
Raffael nehmen könnte.
Moritz, der Zaghafte, Weiche, künstlerisch Begabte, der
die Aura der Menschen sehen kann – er verliert sich selbst immer noch in
Raffaels Gegenwart. Dessen Abgebrühtheit war schon in Kindergartentagen
maßlos, Raffael quälte jeden und jede, körperlich, seelisch, übertrat
seine Grenzen, meist zum Schaden der anderen. Für Johanna, die ihre
Eltern mit 17 durch einen Autounfall verloren hatte, war und ist der
unnahbare Raffael die Herausforderung ihres Lebens.
Erzählt wird die Geschichte der drei Jugendlichen von
Moritz, seiner Mutter Marie und von Johanna, und auch diese
Konstellation der Erzählenden birgt mehr als nur ein Geheimnis. Am Ende
wird sich für alle etwas ändern, werden sich die Farben neu mischen und
jeder wird die Chance bekommen, etwas längst Vergessenes
wiederzuentdecken.
Kairo 2011:
Endlich dämmerte da am verfinsterten Firmament die große Freiheit
herauf. Endlich erhoben sich die Jungen, Progressiven, Utopisten, die
Betrogenen und die Geschundenen, um für ihre Rechte zu kämpfen.
Das Internet half, das marode System Mubaraks zu stürzen.
Facebook, Twitter, YouTube: Supranationale Verteiler, Katalysatoren der
großen Revolution, die die Stimmen von Millionen Menschen zu einem
wütenden Chor zusammenfassten, der das autoritäre System in den Orkus
twitterte.
Für wenige Momente in der Geschichte des Landes schien
sich all das zu einem drehbuchreifen Narrativ zu fügen. Ein Happy-End
deutete sich an. Und ein weiter Raum öffnete sich, in dem alles möglich
schien: „Ja, Kairo ist Jazz. Kein Lounge-Jazz, der die Geschichte weißen
will, sondern die Hitze von New Orleans und die Schlachthofabfälle von
Chicago. Der Jazz, der Schönheit in der Zerstörung der Vergangenheit
hervorbringt, der Jazz einer unbekannten Zukunft, der Jazz, der Freiheit
von der schlimmen, alten Zeit verspricht.“
Omar Robert Hamilton erzählt die Geschichte dreier junger
Menschen, die sich, als die Proteste auf dem Tahrir-Platz anheben, zu
einem Medienkollektiv zusammenfinden, um für ihre Idee von Ägypten zu
kämpfen.
Wütend, idealistisch und voller Elan werfen sich das
junge Paar Khalil und Mariam und ihr Freund Hafez in den Kampf. Sie
filmen, fotografieren, besprechen sich mit anderen Aktivisten,
organisieren Protestgruppen und hauen eingekerkerte Revolutionäre aus
den Gefängnissen des Regimes heraus. Sie sind intelligent und wissen die
internationale Öffentlichkeit des Internets für sich zu nutzen. Sie
schonen sich nicht, und die Energie scheint grenzenlos zu sein. Doch
wieder und wieder wird das Durchhaltevermögen, werden die Ideale der
jungen Leute durch die politischen Machtverschiebungen erschüttert: Auf
Mubarak folgt Mursi, auf Mursi Feldmarschall as-Sisi, und allen ist
gemein, dass sie gemeinsame Sache mit Polizei und Militär machen und
dass sie keinerlei Skrupel haben, Gegenstimmen mit äußerster Brutalität
zum Schweigen zu bringen.
Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass die politischen
und gesellschaftlichen Realitäten von Kräften bestimmt werden, die im
Verborgenen zu operieren scheinen, unberührt von den Protesten des
Volkes. Die Sinnfrage beginnt, die anfängliche Euphorie und die kleinen
Triumphe über Mubarak und den Polizeiapparat anzukränkeln, das Vertrauen
in die Kraft der Medien erodiert, und schließlich droht auch das
Kollektiv – und nicht zuletzt die Beziehung zwischen Khalil und Mariam –
an der um sich greifenden Resignation zu zerbrechen. „Ich erinnere mich
an eine Zeit, in der ich, von jeder Kleinigkeit, jeder
Zukunftsmöglichkeit in Ekstase versetzt, durch die Straßen lief. Alles,
was ich jetzt noch sehe, sind seelenlose Neonröhren und sterbende Tiere
und zersplitterte Fenster in bröckelnden Gebäuden und unausweichliche
Erinnerungen, die diese schweflige Stadt unserer Toten ausmachen,
unserer Mega-Nekropole des Scheiterns.“
Stadt der Rebellion ist ein Buch, das die
faktischen Ereignisse der ägyptischen Revolution mit einer fiktiven
Geschichte verzahnt und auf diesem Weg einen Einblick in die Dynamik der
Protestbewegung gewährt. In prägnanten Bildern werden die Gräuel der
Straßenschlachten, die unermessliche Trauer der Eltern, deren Söhne und
Töchter bei den Zusammenstößen ihr Leben ließen, die Verwirrungen über
die politischen Umwälzungen und die Gedankenwelt jugendlicher
Revolutionäre geschildert. Dabei bedient sich Hamilton mal des
elegischen Monologs, mal der Schilderung hitziger Diskussionen und immer
wieder der Kürzestform von Tweets, SMS und
Nachrichten, um eine dichte, bedrückende, aber mitreißende Atmosphäre zu
schaffen, die glanzvoll die Stimmung zwischen großer Hoffnung, bitterer
Resignation und abgeklärter Nüchternheit wiedergibt.
Dieser Roman ist nicht zuletzt die große Erzählung einer
im jugendlichen Feuer geborenen Utopie, die durch die harten und
unerbittlichen Realitäten politischen Machtmissbrauchs und staatlicher
Willkür zu einer unverwüstlichen Idee, einer eisernen Hoffnung wird, für
die es sich zu kämpfen lohnt.
Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt
In den
kleinen, abgelegenen irischen Ort Cloonoila, der schon mal bessere Tage
gesehen hat, kommt ein Fremder. Eine beeindruckende Erscheinung,
hochgewachsen, grauhaarig, höflich, gebildet, zurückhaltend. Er wolle
sich in dem Ort als Heiler und Sexualtherapeut niederlassen, sagt er.
Der Fremde nennt sich Dr. Vladimir Dragan, stammt aus Montenegro und
ist, wie der Leser bald erfährt, ein gesuchter Kriegsverbrecher, in dem
man unschwer Radovan Karadžić erkennen kann.
Die ahnungslosen Bewohner, besonders die Frauen, sind
beeindruckt. Nach und nach geraten alle in seinen Bann. Besonders
Fidelma, die in ihrer kinderlos gebliebenen Ehe mit einem älteren Mann
unglücklich ist, erliegt Dr. Vlads Charisma, beginnt ein Verhältnis mit
ihm und wird schwanger – was in einer so kleinen Gemeinde, trotz aller
Vorsicht, nicht unbemerkt bleibt. Eines Tages sind die Reifen von Dr.
Vlads Auto zerstochen, die Scheiben eingeschlagen, und auf dem Pflaster
findet sich eine obszöne Schmiererei. Bald darauf kommt die Polizei und
verhaftet Vlad, und an Fidelmas Tür klingeln drei finstere Gestalten.
Danach wird nichts in ihrem Leben so sein wie vorher …
Im zweiten Teil des Buches lebt Fidelma in London. Ihr
Kind hat sie verloren, ihr Mann hat sie verstoßen. Sie hat keine feste
Bleibe und schlägt sich mit einem schlecht bezahlten, unsicheren Putzjob
durch. Die Menschen in ihrer Umgebung sind zumeist Migranten und
Illegale, Menschen, die in ihren Herkunftsländern oder auf der Flucht
Entsetzliches erlebt haben und die oft nicht wissen, wie es in ihrem
Leben weiter gehen soll. Hier, ganz unten angekommen, unter diesen
Menschen, findet Fidelma wieder zu sich.
Im Dritten Teil fährt sie nach Den Haag, wo Dr. Vlad am
internationalen Gerichtshof der Prozess gemacht wird. Bei einem
Besuchstermin im Gefängnis versucht sie zu erzählen, was sie erlebt hat.
Aber ihr Gegenüber hört nicht zu. In einer grandiosen Szene zeigt die
Autorin einen Menschen, der völlig uneinsichtig in die eigene Schuld ist
und sich in seiner Selbstbezogenheit als Opfer begreift.
Edna O’Brien, die große alte Dame der irischen Literatur, hat mit Die kleinen roten Stühle
ein beeindruckendes und verstörendes Buch geschrieben. Was im ersten
Teil wie das Klischee einer pittoresken irischen Idylle voller skurriler
Typen beginnt, geht binnen kurzem weit über das Private hinaus und
weitet sich zu einem gesellschaftlichen und politischen Panorama. Das
Buch erzählt mit großer sprachlicher Kraft von Liebe und Sehnsucht, von
Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit, von gesellschaftlichen Zuständen,
in denen der Einzelne nichts zählt, und von Zufallsgemeinschaften, in
denen es Wärme und Solidarität gibt. Das ist ganz große Literatur und
unbedingt empfehlenswert.
Für eine afroamerikanische Familie, die in Armut an der
Golfküste von Mississippi lebt, ist es schwer, sich die Welt zum Freund
zu machen. Aber die Großeltern des 13-jährigen Jojo und seiner kleinen
Schwester Kayla tun alles, um ihre Enkel für das Leben in einer immer
noch in Schwarz und Weiß gespaltenen Gesellschaft zu stärken. Ein
bildmächtiger Familienroman, der zugleich ein eindringliches Porträt des
amerikanischen Süden zeichnet: große Literatur!
An seinem 13. Geburtstag steht Jojo in aller Frühe mit
dem Großvater auf. Sie treten gemeinsam in den kalten, windigen Morgen,
lassen das selbst gebaute Haus hinter sich, gehen hin zu den Ställen auf
der Lichtung, zu den Tieren. Der Junge weiß, was sein Großvater vorhat.
Ein Bock wird zu Ehren des Enkels an diesem Tag sein Leben lassen, und
Jojo will dem Großvater zeigen, dass er des Geschenks würdig ist. Er
hilft ihm, die Ziege zu schlachten, von innen nach außen zu kehren, die
Haut abzuziehen. Irgendwann ist der Gestank dann doch zu mächtig, und
Jojo flieht aus dem Schuppen.
Am gleichen Tag ruft Jojos weißer Vater an, nicht um
seinem Sohn zum Geburtstag zu gratulieren, sondern um Leonie, seine
Frau, und die Kinder zu seiner Freilassung aus dem staatlichen Zuchthaus
einzubestellen. Die Fahrt wird eine Tour de force, das zunächst
unterschwellige Unbehagen zur konkreten Bedrohung. Und trotzdem siegt am
Ende die Hoffnung.
Es sind drei, die diese Geschichte erzählen: die Mutter,
der Sohn und ein Junge, der schon lange tot ist und keinen Frieden
findet. In ihrer Sprache, in ihren Gedanken wird Vergangenheit und
Gegenwart, wird die harte Wirklichkeit, die trockene rote Erde, wird Tod
und Verachtung, wird aber auch die übergroße Liebe, die Poesie der
Natur und ihre archaische Botschaft so lebendig, dass man sich dem
Gesang nicht entziehen kann. In diesem Roman fließen Bilder und Sprache –
einer Infusion gleich – auf direktem Weg in Körper, Geist, Herz.
Überwältigend!
Die Haushaltshilfe des Vaters ruft an, er ist gestorben. Gerade mal vier Wochen später kommt der Anruf aus dem Altersheim, in dem die Mutter die letzten Jahre verbrachte. Überraschend ist auch sie gestorben.
Beim Sichten der Hinterlassenschaften findet der Sohn Fotos, tauchen Erinnerungen auf. Scheinbar distanziert, fast kriminologisch genau schaut er zurück und betrachtet die Spuren des Lebens dieses einstmals so schönen Paares.
Seine Betroffenheit wird deutlich in der Beharrlichkeit, mit der er der Geschichte seiner Eltern nachgeht. Ihre Liebesgeschichte hatte trotz des Krieges verheißungsvoll begonnen. Aber dann hatten sich die Eltern bald, nachdem sie in den Westen gekommen waren, getrennt. Er, der Junge, war bei Georg, dem Vater, geblieben. Die Mutter, Herta, war von einem Tag auf den anderen verschwunden. Wann hatte das Unglück angefangen? 1956 nach dem Aufstand in Ungarn hatten die Eltern beschlossen, in den Westen zu gehen, solange es noch ging, und alles Erreichte, Freunde und Familie zu verlassen, um noch einmal von vorne zu beginnen. Während Georg vorausfuhr, setzte Herta das Ersparte in eine Kamera um. Denn die könne man bestimmt im Westen gut wieder verkaufen, so zumindest der Plan.
Der Neubeginn war schwierig. Und der Verkauf der Ostkamera im Westen stellte sich als unmöglich heraus. Um Herta zu demonstrieren, dass sie keinen Fehler gemacht hatte, der Kauf der Kamera doch richtig gewesen war, „lieh“ Georg sich, heimlich, wie er sich wohl dachte, das Geld von seiner Firma. Nun war die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten.
Der Vater wurde zwar in der Öffentlichkeit rehabilitiert. Aber Georg und Herta waren, um sich gegenseitig zu schützen, beide aus Liebe schuldig geworden. Gleichzeitig aber hatten sie sich damit auch der gegenseitigen Verachtung ausgesetzt. So konnten sie nicht mehr zusammenleben, konnten sich nur noch trennen. Und wie lebt es sich ohne den geliebten Menschen? Die Geschichte des schönen Paares ist eine Geschichte über den Verlust der Vorstellung eines möglichen Gelingens.
Gert Loschütz beschreibt hier akribisch die sichtbare Oberfläche eines funktionierenden Alltags, auf der sich die Strudel im Untergrund doch abzeichnen. Der Roman bezieht seine Spannung aus der Tiefenwahrnehmung und ihrer Spiegelung an der Oberfläche sowie ihrer Darstellung in einer genauen und schnörkellosen Sprache. Meisterhaft!
Der vieldiskutierte Roman von Manja Präkels thematisiert ein von der breiten Öffentlichkeit vielfach verleugnetes oder bestenfalls unbeachtetes Phänomen: die Erstarkung rechtsradikaler, neonazistischer Gruppen in Deutschland nach der Wende. Angelehnt an ihre eigenen Erfahrungen aus ihrer Jugend in der ostdeutschen Provinz in den frühen 90er Jahren, verdeutlicht dieser Roman, wieso Phänomene wie PeGiDa und AfD für Präkels keineswegs überraschend sind. Bei aller politischen Brisanz gelingt der Journalistin jedoch darüber hinaus ein literarisch gelungenes Debüt.
Was
geschieht, wenn man nach langer Abwesenheit an den Ort seiner Kindheit
und Jugend zurückkehrt? Und wenn dieser Ort nicht Unbeschwertheit oder
Geborgenheit vermittelt, sondern Angst? Wenn man nach Jahren des Exils
zurückkommt und Hitler einem mit einem Mal wieder als der alte
Schulfreund erscheint, der er einmal war?
Früher sind Oliver und Mimi oft zusammen angeln gegangen.
Obwohl sie wenig miteinander gesprochen haben, bestand doch eine
Freundschaft zwischen ihnen. Dann kam die Wende, und aus Oliver wurde
Hitler, Anführer einer von zahlreichen Neonazigruppen, die zu dieser
Zeit die Kontrolle über das soziale Leben übernahmen, wie Mimi ihre
Erinnerungen beschreibt. In ihrer Rückschau auf die Ereignisse, wird der
Protagonistin klar, dass diese frühe Freundschaft zu Hitler/Oliver ihr
das Leben gerettet haben könnte. Denn mit dem Erstarken der Neonazis
wurden sie und ihre Freunde, die „Zecken“, zu Gejagten. Denn der
Einfluss der Rechten auf die Gesellschaft scheint übermächtig und
allgegenwärtig und wird doch, auch damals schon, totgeschwiegen. Nazis
stürmen Diskotheken und Kneipen, die “Zecken” werden verfolgt und
verprügelt. Ein Freund überlebt einen dieser Überfälle nicht. Die Täter
werden freigesprochen, die Angst wächst, die Übergriffe werden häufiger.
Von ihrer Familie wird Mimi Verfolgungswahn vorgeworfen, alles
Einbildung, Übertreibung. Es folgt die Flucht nach Berlin, doch der
Neuanfang, den die Großstadt verspricht, bleibt aus.
Manja Präkels, die sich mit neonazistischen Gruppierungen
und Strömungen auch in ihrer journalistischen Tätigkeit beschäftigt und
hier auch ein Stück weit ihre eigene Biografie verarbeitet, schreibt
mit einer ungeheuren Sachkenntnis. Dabei gelingt es ihr wie wenigen
ihrer journalistischen KollegInnen, sich auf die literarische Form des
Romans einzulassen. Durch ihren direkten Erzählstil überträgt sich die
beklemmende Stimmung auf die Leserin und sorgt dafür, dass das Buch
einen lange beschäftigt.
In Deutschland, in den neuen Bundesländern wie in den
alten, wurde und wird rechte Gewalt systematisch geleugnet oder
kleingeredet. Mit ihrem Roman wie mit ihrer journalistischen Arbeit
leistet Manja Präkels einen wichtigen Beitrag zur Debatte.
Ein junger Soldat kehrt schwer verwundet von der Ostfront zurück, wird in einem saarländischen Lazarett aufgepäppelt und dann zur Rekonvaleszenz in die Heimat geschickt. Im Wiener Elternhaus hält er es nicht lange aus: Die Dinge scheinen in keinerlei Beziehung mehr zu ihm zu stehen, der Krieg hat sämtliche Verbindungen gekappt, und die tumben Durchhalteparolen des Vaters, der sich wie so viele Daheimgebliebene verzweifelt an die Idee des Endsiegs klammert, sind nach fünf ernüchternden Frontjahren purer Hohn. Also beschließt Veit Kolbe, Protagonist des neuen Romans von Arno Geiger, die Flucht aufs Land, nach Mondsee – einem kleinen, malerischen Ort im Salzkammergut –, um in ländlicher Abgeschiedenheit zu genesen und dem Krieg vielleicht endgültig zu entkommen.
Es heißt, dass Krieg immer mehr ist, als das, was an der Front zwischen Granattrichtern und rattenverseuchten Unterständen stattfindet. Und dass gerade das Grauen etwas ist, das sich nicht auf das Schlachtfeld begrenzen lässt. Krieg ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, unter dem alle gleichermaßen leiden – und doch jeder für sich.
Vor der Folie des idyllischen Örtchens Mondsee entfaltet Arno Geiger ein mehrstimmiges und vielschichtiges Panorama des Lebens der von der Front Verschonten: Da ist, neben dem seelisch zerrütteten Soldaten Veit Kolbe, eine junge Frau, die auf ihren im Feld stehenden Ehemann wartet und von ihrer Mutter mit Nachrichten aus dem ausgebombten Darmstadt versorgt wird. Da ist die Lehrerin aus Wien, die mit einer Horde Jungmädel an den Mondsee verschickt wurde und der eines der Mädchen verloren geht. Da ist der gärtnernde Brasilianer, der Orchideen und Tomaten züchtet und der sich als unverbesserlicher Freidenker in größte Schwierigkeiten bringt. Und schließlich ist da die jüdische Kleinfamilie, die vor dem immer weiter um sich greifenden Rassenwahn von Wien nach Budapest flieht und schließlich auseinandergerissen wird.
All diese unterschiedlichen Schicksale – die teilweise, wie im Falle Veit Kolbes oder des jüdischen Familienvaters, in Brief- bzw. Tagebuchform eine eigene Stimme bekommen, teilweise aber nur in den Berichten der Schreibenden abgebildet werden –, sind fein und mit großer Sensibilität ausgearbeitet. Jede Geschichte wird spannungsvoll erzählt: Die Hoffnungen, die Ängste und die Verzweiflung der Figuren werden durch die Wahl der Erzählform zur äußersten Plastizität gebracht: Das drängende Telegrammstil-Stakkato der Briefe aus dem zerstörten Darmstadt wird von den geschliffenen Sätzen aus den Briefen des jüdischen Vaters kontrastiert, die feinen Beobachtungen und präzisen Beschreibungen in Veit Kolbes Tagebucheinträgen von den immer verzweifelter werdenden Liebesbriefen des Wiener Pennälers. Jede erzählende Figur hat ihren eigenen Duktus, ihre ganz eigene Geschichte, und jede Figur ist mit ihrem Leid – und ihrem Schreiben darüber – gewissermaßen allein. Und doch sind alle Geschichten miteinander verwoben, die Figuren tauchen in den Erzählungen der anderen auf, der einen Perspektive wird die andere beigestellt.
Eine große Leistung dieses Romans besteht aber darin, einen erschütternden Querschnitt durch die Kriegsgesellschaft der Jahre 44 bis 45 zu präsentieren: Keines der in diesem Buch ausgestalteten Schicksale ist einzigartig. Ein jedes könnte exemplarisch für eine ganze Bevölkerungsschicht stehen, ein jedes ist – mit allem grauenhaften Leid, mit aller überschwänglichen Hoffnung, mit allem Mut – Ausdruck einer Kriegsrealität, die zur damaligen Zeit auf verstörende Art und Weise „Normalität“ gewesen ist.
Arno Geiger schreibt hier ein Buch über den Krieg, über den anderen Krieg, der fernab der Front wie ein leises Gift in die Gesellschaft und in die zwischenmenschlichen Beziehungen einsickert, der Verbindungen zerreißt und kommunikative Brücken zerstört, der aber auch Hoffnungen auf ein baldiges Ende, auf den guten Ausgang schürt.
Unter der Drachenwand ist ein wohlkonzipierter, großartig geschriebener Roman, der spannungsreich und – trotz beinahe lyrischer Passagen – voller Tempo einen einfühlsamen und kaleidoskopischen Blick auf die Gesellschaft der letzten Kriegsjahre wirft.
Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt
Neben dem in diesem Herbst überall besprochenen Roman von Colson Whitehead, der über den grausamen Umgang mit afrikanischen Sklaven in Amerika und über die Underground Railroad schreibt, ist ein weiterer aktueller Titel mit ähnlicher Thematik ausgesprochen lesenswert.
Die 1989 in Ghana geborene und in den USA aufgewachsene Yaa Gyasi verwebt in ihrem Roman Heimkehren auf packende Weise unterschiedliche Lebensgeschichten aus verschiedenen Epochen miteinander. Im Verlauf des Buches klingt am Rande immer wieder an, dass es sich um die verzweigte Familiengeschichte zweier Halbschwestern handelt, die im 18. Jahrhundert an der Goldküste Westafrikas geboren wurden, einander nie kennenlernten und deren Leben höchst unterschiedlich verlief.
Effias Eltern verkauften ihre Tochter zur Zwangsheirat an einen britischen Sklavenhändler. Esi hingegen wurde von Sklavenjägern geraubt, wie ein Tier gehandelt, verkauft, verschifft und landete als Eigentum eines gnadenlosen Gutsbesitzers auf den Baumwollfeldern im Süden der USA. Das unsägliche Leid der entwurzelten Menschen, die zu Arbeits- und Brutmaschinen degradiert, ausgebeutet und oft genug zum Vergnügen zu Tode gequält wurden, schockiert und berührt zutiefst.
„Amerika ist nicht das einzige Land, in dem es Sklaverei gibt. (…) Diese Art von Sklaverei gibt es bei uns aber nicht.“ sagt ein Ghanaer zu seinem Sohn an einer späteren Stelle des Romans. Diese Beobachtung fasst zusammen, dass das Schicksal, das die afrikanischen Sklaven in den USA erleiden mussten, oft von besonderer Grausamkeit war.
Gyasi geleitet uns sprachlich packend durch die Jahrzehnte, mäandert zwischen dem amerikanischen und afrikanischen Kontinent. Sie lässt uns eintauchen in das Leben der Kinder und Kindeskinder von Effia und Esi. Es fällt überhaupt nicht schwer, sich dem wunderbaren Erzählstrom hinzugeben, der trotz zeitlich eher schlaglichtartiger Einblicke in verschiedenste Lebensgeschichten eine große Nähe zu den Personen zulässt. Immer dann, wenn ein neues Kapitel, überschrieben mit einem neuen Namen, beginnt, kann man einen orientierenden Blick auf den Stammbaum im Anhang werfen. So weiß man jederzeit, auf welcher Zeitebene und in welchem Zweig der Familie man sich befindet. Gyasis Figuren sind zutiefst menschlich in ihrer Verletzbarkeit, Verzweiflung und Leidenschaft und kommen ohne Pathos aus.
Neben einer Berichtigung und Ergänzung kontinentaler Geschichtsschreibung bietet Heimkehren tiefe Einblicke in afrikanische Gesellschaftsstrukturen, ethnische Konflikte in der Zeit des florierenden Sklavenhandels an der Goldküste und in die besonderen familiären Zwänge traditioneller und teilweise polygamer Kulturen. Es geht aber auch um die viel universellere Feststellung, wie sehr unsere Herkunft, unsere Familiengeschichte und natürlich unsere Hautfarbe uns prägen. Bei aller Stärke, Durchsetzungskraft, Erkenntnis und Weisheit, der wir an vielen Stellen des Romans begegnen, gibt es doch keine Möglichkeit, sich der Geschichte zu entziehen. Wie eingeschrieben in die Gene tauchen Familienthemen bei Enkeln und Urenkeln nur scheinbar aus dem Nichts wieder auf.
Wenn es nicht so abgegriffen klänge, müsste man von großer Erzählkunst sprechen, an der uns die junge Ghanaerin Yaa Gyasi hier teilhaben lässt. Heimkehren steht Whiteheads prämierter Underground Railroad in nichts nach. Es ist ein großes Buch über Amerikas Geschichte, deren lange Schatten bis heute nachwirken und von erschütternder Aktualität sind.