Freundschaft, Familie, Nation: Diese drei Bereiche unseres Lebens formen den Begriff des Wir, so die These, die Michael Köhlmeier seinem Essay voranstellt. Doch was genau meint ein Wir im Kontext von Freundschaft oder Familie? Wie instrumentalisieren Nationen das Wir? In mäandernden Annäherungen, klugen Fragen und blitzlichternden Gedanken zeichnet Köhlmeier ein Vexierbild des Wir, das auch eigenen Assoziationen Raum lässt.
Wortbetrug oder auch Begriffswäsche sind mit im Spiel, wenn Nationalisten die Wärme, die das Wir der Heimat ausstrahlt, auf die abstrakte Größe der Nation übertragen. „Das Wir der Heimat bestimmt, wer dazugehört; das Wir der Nation, wer nicht dazugehört. Die Heimat schließt ein, die Nation schließt aus.“
Doch gibt es überhaupt ein Wir aller Menschen? Können wir das Wir
wollen oder ist es naturgegeben? Ein Produkt der Kultur vielleicht?
Köhlmeier bezieht im Fragen wie im Antworten Gedanken von Michel de
Montaigne und Ralph Waldo Emerson mit ein. Keiner der beiden Philosophen
legt in seinen Schriften Begriffe unwiderruflich fest, und das mag
einer der Gründe sein, warum sie und ihre Bücher Köhlmeier zu Freunden
geworden sind. Das Wir in der Freundschaft wird in seinem Essay übrigens zu einem durchaus bedenkenswerten Moment. Denn wann meint dieses Wir zwei Menschen auf Augenhöhe? Ist in Freundschaften nicht immer wieder der eine oder der andere in der Position des Überlegenen?
Was lässt sich noch alles in der Fülle des Wir fassen? Wir bedeutet alles, was nicht fremd ist. Wenn ein Wir zum Zwang wird – in einer Familie kann dies schnell geschehen – wird die Abgrenzung vom Wir gleichermaßen qualvoll wie überlebensnotwendig. Von großer Leichtigkeit und Intensität ist das Wir, das aus einer gemeinsamen Tätigkeit wie etwa dem Musizieren erwächst. Und überaus schmerzhaft kann ein Wir sein, wenn es den gemeinsamen Verlust eines geliebten Menschen miteinschließt.
Michael Köhlmeier ist dies geschehen, er spricht es aus,
gibt sich in diesem Essay immer wieder zu erkennen. Damit relativiert er
seine Gedanken zum Wir, macht sie zu persönlichen
Beobachtungen – die deswegen nichts von ihrer Klugheit und Relevanz
einbüßen – und fordert zum Weiterdenken auf. Unruhe bewahren meint nichts anderes als das.
Jelena Krasnow ist noch keine drei Jahre alt, als man ihren Vater mitten im russischen Winter in der kleinsten Stadt Russlands pfählt. Wir schreiben das Jahr 1905, noch wartet Jelena an der Schwelle des Hauses auf die Heimkehr des Vaters, noch läuft sie mit dem leeren Korb in Händen, um Holz für den Ofen zu holen, als ein Freund auf den Hof gerannt kommt. Atemlos berichtet er von dem Blutbad, das der Mob angerichtet hat: Gepfählt ist nicht nur Viktor Krasnow, ermordet ist auch der Freund, erschossen auch der Arzt, der sie retten wollte – und Jelena Krasnow flieht zum ersten Mal in ihrem Leben. Wenn wir nach 600 Seiten das Buch von Alexander Osang wieder zuschlagen, wird Jelena noch etliche weitere Male geflohen sein und jedes Mal einen Teil ihres Namens verloren haben: Jelena, Elena, Lena – es sind Die Leben der Elena Silber, geborene Krasnow.
Was Alexander Osang hier erzählt, ist weder ein
Einzelschicksal noch eine unerhörte Geschichte. Das gesamte 20.
Jahrhundert ist eine Geschichte der großen Flüchtlingsströme. Aber wie
Osang die Leben der Elena Silber erzählt, das ist tatsächlich großes
Kino. Osang möchte nicht experimentell sein, er möchte nichts
Außergewöhnliches präsentieren, die Realität selbst ist verworren und
tragisch genug, die Frage nach Täter und Opfer nicht immer zu
beantworten.
Als Jelena Mitte zwanzig ist, lernt sie den deutschen
Ingenieur Robert Silber kennen, der vom stalinistischen Russland
angeworben wurde, um die Netzfabrik auf Vordermann zu bringen. Sie
verlieben sich, sie heiraten, sie gründen eine Familie. Vom kleinen
Fluss Oka, an dem ihr Heimatdorf Gorbatow lag, zieht Jelena weiter an
die Wolga, an die Moskwa und an die Newa, hier kommen drei ihrer fünf
Mädchen auf die Welt, bevor Jelena – wir schreiben mittlerweile das Jahr
1936 – wieder fliehen muss, und der Fluss in der neuen Heimat heißt
Spree. Statt im stalinistischen Russland lebt die Familie nun im
faschistischen Deutschland, dem selbst wiederum Tausende entfliehen. Ein
weiteres Mal und noch ein weiteres Mal und dann nochmals wird Jelena
Silber umziehen und fliehen, von Sorau nach Pirna und schließlich nach
Berlin.
Auf der letzten Flucht ist ihr Mann abhanden gekommen,
getürmt oder ermordet oder in Kriegsgefangenschaft geraten, niemand weiß
es. Von ihren fünf Töchtern hat Elena Silber zwei überlebt, die kleine
Anna starb an Tuberkulose, die tapfere Vera brachte sich um. 1947 war
sie es noch gewesen, die die Familie vor dem Tod bewahrte, als Jelena
nicht mehr weiterwusste: Sie war mit ihren vier Töchtern im
Flüchtlingsheim in Pirna untergekommen, das nur ein paar Jahre zuvor
noch Tötungsanstalt für „unwertes Leben“ war. Im Keller lagerte noch das
Gift, das nun die Odyssee ihrer Familie beenden sollte. Aber hatte
Jelena nicht selbst ihr Kindermädchen in Sorau in den sicheren Tod
geschickt, als sie sie nach dem Tod der kleinen Anna entließ? Im Wald
lag das Frauenlager Christianstadt. Und war nicht der eigene Mann ein
Nazi?
Alexander Osang erzählt in großen Abschnitten aus der
Perspektive des Enkels Konstantin Stein aus dem Jahr 2017. Stein ist wie
schon sein Vater Filmemacher und vergeblich auf der Suche nach Stoff
für einen neuen Film. Schon sein Vater stand – noch zu DDR-Zeiten
– hinter der Kamera, drehte Tierfilme, denen regelmäßig systemkritische
Botschaften angedichtet wurden. Mittlerweile ist er im Pflegeheim, das
Gedächtnis dement.
Es sind die großen Themen des 20. Jahrhunderts, die
beinahe nebenbei aufgeworfen werden in diesem Roman, der eben deshalb so
eindrucksvoll ist, weil er trotz allem großen Kino, das er liefert,
eigentlich sehr bescheiden ist: Natürlich, weiß der Erzähler, bleiben
die Leben der Elena Silber letztlich ungreifbar.
Matthes & Seitz Berlin 978-3-95757-719-1 Preis 28,00 EUR
„Was ist
das für ein Dorf, wo ich nur Kinder, blutjunge Frauen und Mädchen zu
Gesicht bekomme?“ Am Strand von Ierissos, ganz im Osten Griechenlands,
spaziert, im Schatten der Eukalyptusbäume, ein junger Toter. Unsicher
befragt er seine Begleiterin, wo er sei und wie sich die anderen Toten
in seiner Situation verhielten. Wenige, ist die Antwort, wagten die
Weiterreise auf den heiligen Berg. Die meisten machten nur kurz Station,
um dann wieder ins Reich der Lebenden zurückzukehren.
Der tiefblaue Himmel wölbt sich über dem Dorf, dem weiß
leuchtenden Strand aus feinem Sand. Mädchen lachen in den verwunschenen,
üppigen Gärten. Gedämpftes Geplauder dringt aus den verschatteten
Weinlauben, Kinder spielen ausgelassen. Wie leicht, sich hier zur
Rückkehr ins Leben zu entscheiden. Süße Verheißung.
Der junge Tote allerdings will das Jenseits erkunden, das
von einem marmornen Berg überragt wird, in dessen dunklen nach
Zedernholz duftenden Urwäldern Schlangen und wilde Stiere hausen. In dem
in verschwiegenster Gottesfurcht zweitausend Mönche in zwanzig Klöstern
und einigen Einsiedeleien leben. Ein Jenseits, das die Identität wie
die Zeit infrage stellt, auflöst und dessen Erkundung vielleicht zu
höheren Wahrheiten führt.
Leicht wehmütig nimmt der Tote Abschied von seiner Begleiterin, versorgt
sich mit dem Nötigsten und setzt mit dem nächsten Boot über, um eine
rastlose Wanderschaft auf dem Athos zu beginnen – eine fiebrige Reise
zwischen Ich-Auflösung und staunender Naturbetrachtung, zwischen Askese
und sexueller Ausschweifung, spiritueller Einsicht und gleißendem
Wahnsinn.
Der Heilige Berg Athos ist die einzige Mönchsrepublik der Welt. Eintausendachthundert orthodoxe Mönche leben weltabgewandt auf der schmalen Halbinsel, die im Osten an Chalkidiki anschließt. Frauen ist der Zutritt verboten, weibliche Tiere sind ebenfalls untersagt. Es heißt: Die Abwesenheit alles Weiblichen wird durch die Anwesenheit der Gottesmutter kompensiert und gereiche so dem Weiblichen zur höchsten Ehre. Der Athos ist autonomes Gebiet und wird von den Äbten der Klöster verwaltet. Dass dieses Gebiet als besonders geheimnisvoll, als Sehnsuchtsort spiritueller Erfüllungen gilt, dass sich Jahr um Jahr Pilger entschließen, dieses unwahrscheinliche Stück Erde zu erkunden, ist naheliegend.
Und so machte sich auch der französische Schriftsteller
François Augiéras in den 50er-Jahren auf den Weg, den Athos für sich zu
entdecken. Wie lange er die Mönchsrepublik durchstreifte, ist nicht
bekannt. Sicher ist nur, dass er seine Erlebnisse in seinem rätselhaften
Buch Eine Reise auf den Berg Athos einfließen ließ, in dem er
beschreibt, wie ein junger Toter in das Jenseits des Athos kommt,
rastlos von Kloster zu Kloster wandert, dabei mehrere Identitäten
durchlebt, weil er seiner eigenen durch seinen Tod verlustig gegangen
ist und schließlich nach spiritueller Veredelung in radikaler Entsagung
sucht. „War ich tot? Träumte ich? Meine Abenteuer auf dem Heiligen Berg
waren nur die Folge meiner Neigungen und meiner früheren Leben.“
Im gleichen Maße wie sich die Identität des toten
Protagonisten im Laufe seiner Wanderschaft auflöst, wie er zu der
Überzeugung gelangt, dass seine Seele eine Vielzahl von Identitäten
beheimatet, die er beinahe beliebig wechseln kann, erodiert der Text
Genregrenzen und sperrt sich einer genauen Zuordnung: kristallklare
Naturbeschreibungen von ausnahmsloser Schönheit und Präzision wechseln
mit der Schilderung beinahe mythologischer Szenen ab, spirituelle
Gedankengänge, die pantheistische, christliche und buddhistische Ideen
in ein religiöses Mash-up verwandeln, münden in sexuelle Eskapaden mit
deprivierten Athos-Mönchen. All das wird von der Ungewissheit
verrätselt, ob der Protagonist tatsächlich durch das Jenseits wandert
oder aber ob er nur von einem Jenseits der regulären Welt spricht, dem
Athos als spirituelle Sphäre also, in der die ultimative Selbsterfahrung
möglich ist, weil dieses Gebiet dem normalen Lauf der Welt nicht folgt.
„Hinter den Pforten des Todes reichte ein Nomadenlager zu
meiner Erquickung aus, denn ich war ein uralter Geist. Meine
Einsamkeit, keineswegs dazu angetan, mich zu quälen, gab mir mein
wahres, aus Urzeiten stammendes Wesen zurück.“
Ganz gleich welchem Genre man dieses Werk zuordnen
möchte, ganz gleich, welche Intention der frühverstorbene Augiéras, der
gegen Ende seines Lebens in einer Höhle bei Domme im Périgueux hauste,
mit der Niederschrift dieses Textes auch hatte: Die Reise auf den Berg Athos
ist ein außergewöhnliches, skurriles Buch, das dank seiner vorzüglichen
und feinen Sprache einen Kosmos aus glänzenden, manchmal irre
schillernden Bildern entstehen lässt, der irgendwo zwischen
psychotischem Wahn und höchster poetischer Kunst angesiedelt ist.
Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt
Das Aufgreifen antiker Stoffe und Figuren ist in der Literatur der Gegenwart und jüngerer Vergangenheit kein unbekanntes Phänomen. Nichtsdestotrotz kann der Zugang, den Anne Carson wählt, nicht nur als neu, sondern auch als einzigartig beschrieben werden. Rot erzählt die Geschichte von Geryon und Herkules. Eine Liebesgeschichte, ein Coming-of-Age Roman, ein Reisebericht und Mythos, aber vor allem ein ungezügeltes Spiel der Sprachbegeisterung von einer Autorin, die in Kanada und den USA bereits zu den wichtigsten Autor*innen der Gegenwart gezählt wird.
Der Mythos, nach welchem Herkules Geryon tötet und dessen Rinderherde entführt und so die zehnte seiner Aufgaben erfüllte, findet sich nur im Vorwort in Carsons eigener Übersetzung des Stesichoros Fragments wieder. Wenn man, um einen ernsthaften Umgang mit dem, was uns von der Antike überliefert ist, auf das Wort (Original-)Treue zurückführen möchte, so gilt diese bei Carson nicht den äußeren Umständen des Mythos. Spielend überführt sie das Schicksal Geryons in das New York City der Gegenwart, wird aus dem Mörder, der unerreichbare Geliebte. Die Freiheiten, die Carson sich in Bezug auf die Neuerzählung nimmt, liegen indes weniger in einer Abwendung begründet als in der konsequenten Weigerung, die Antike und ihre Dichtungen als etwas Versteinertes und Lebloses wahrzunehmen. Dieser Umgang ist auch in Carsons altphilologischen und wissenschaftlichen Arbeiten und Übersetzungen immer wieder lobend hervorgehoben worden. Verbindlich erscheinen für Carson vielmehr die Stimmung und die Poetik des Mythos. Geht Carson über einige Aspekte des Mythos achtlos hinweg, so ist doch ihr Umgang mit ihren Figuren von extremer Einfühlsamkeit geprägt, die an Distanzlosigkeit grenzt.
So wenig zurückhaltend wie Carsons Umgang mit ihren antiken Figuren ist, so kompromisslos und ausladend ist auch ihre Sprache. Der bemerkenswerten Übersetzung der Lyrikerin Anja Utler gelingt es, auch im Deutschen die Leichtigkeit des an Metaphern reichen Stils zu erhalten. Die neue Ausgabe bei S. Fischer führt außerdem erstmals die zwei Romane über Geryon, die von der Autorin mit einem Abstand von 15 Jahren verfasst worden sind, in einem Buch zusammen. Die direkte Gegenüberstellung der beiden Romane ist sehr reizvoll. Sie führen Carsons ununterbrochene Begeisterung für die sich verwandelnde Form und das experimentierende Erzählen vor und machen deutlich, dass auch in Rot der Mythos etwas genuin Lebendiges und Unstetes bleibt. Besonders reizvoll ist die in unterschiedlicher Ausprägung sich durch beide Romane ziehende Versform. Dabei verzichtet Carson auf jede Form des Metrums oder des Reims. Lediglich die abbrechenden Zeilen unterscheiden den Text von Prosa. Der Effekt ist ein doppelter: der Text bleibt flüssig und leicht zu lesen, während seine Setzung die Tragweite des einzelnen Satzes betont.
Das Ineinandergreifen von Prosa und Poesie ist zentral
für Carsons gesamtes Werk und das Verhältnis der beiden zueinander
bleibt so dunkel und unverständlich, wie Carsons eigenes Zitat, das von
ihren Verlegern aus gutem Grund auf Rücken und Einband des Buches
gedruckt wurde: „was unterscheidet die Poesie von der Prosa Sie kennen
die alten Analogien die Prosa ist ein Haus die Poesie ein Mann in
Flammen der ziemlich schnell hindurchrennt“.
Bilder von 45 Illustratorinnen und Illustratoren. Aus dem Englischen von Fabienne Pfeiffer
Beltz & Gelberg, 12,95 € 978-3-407-81247-6
Dieses Buch gehört zu jenen Büchern, bei denen wir Buchhändler*innen
mal wieder nicht so genau wissen, wohin wir es eigentlich stellen
sollen. Gehört es in unsere Kinder- und Jugendbuch-Ecke, weil es bunt
ist und uns naturgemäß viele der Figuren bekannt vorkommen – immerhin
illustrieren die Mitwirkenden sonst vorwiegend Kinderbücher? Oder sind
die in ihm enthaltenen Zeichnungen von 45 Illustrator*innen nicht viel
zu hintersinnig, ironisch, anspielungsreich, um für Kinder geeignet zu
sein? Gehört es gar ins Politik-Regal, weil Europa und seine Zukunft
vermeintlich auf dem politischen Parkett zwischen Parteien und
Wahlprogrammen ausgehandelt wird?
Die ursprüngliche Idee zu diesen 2017 entstandenen,
bebilderten Reflexionen über Europa stammt von Markus Weber, dem Leiter
des Frankfurter Moritz Verlags. Er bat die Illustrator*innen
der in seinem Haus erscheinenden Kinderbücher, ihre Gedanken zu Europa
aufs Papier zu bringen. Die damals entstandenen Bilder aus fünf
europäischen Ländern wurden auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert,
dann im Berliner Bundesministerium für Arbeit und Soziales ausgestellt
und später versteigert. Doch die Idee ging auf Wanderschaft, und viele
weitere Illustrator*innen, insbesondere auch aus Großbritannien, nahmen
Papier und Stift zur Hand, um ihrem Glauben an Europa oder ihrer Kritik
am Brexit bildreich Ausdruck zu verleihen.
Ob in Form einer mit 12 gelben Sternen jonglierenden Kuh
von Kristina Andres („Genau wie beim Jonglieren muss Europa viel üben,
damit es klappt“) oder als zirkusreif balancierende, Fahnen schwenkende
Tiere auf einem schwarzen Stier von Thé Tjong-Khing („Die Europäische
Union als schwieriger Balanceakt“), fast überall ist unübersehbar, dass
Europa mehr ist als eine heterogene Gruppe von Ländern. Auffällig oft
stellen die Illustrator*innen die Länder Europas als spielende Kinder
dar. Und vielleicht ist das die hoffnungsvollste Deutung der aktuellen
Europäischen Union: Kinder, die spielerisch und kreativ lernen,
miteinander auszukommen, Kompromisse zugunsten der Gruppe einzugehen und
ihre Unterschiede als Stärken zu erkennen. Der deutsche Illustrator
Andreas Német stellt den Leser*innen gar eine Europakarte zur Verfügung,
die nur aus Länderkürzeln besteht und auf den ersten Blick an „Malen
nach Zahlen“ erinnert. Német fordert auf, die persönlichen Verbindungen
zu und zwischen den einzelnen Ländern selbst einzuzeichnen. Hier wird
vielleicht besonders klar, dass jeder von uns mitbestimmt, was Europa
heute und in Zukunft für uns ist oder werden kann.
In witziger, aussagekräftiger und oft subtil
nachdenklicher Form regt dieses Büchlein – vielleicht gerade jetzt, kurz
vor der Europa-Wahl am 26. Mai – zum Nachdenken und Sprechen über
Europa an. 45 europäische Ideen sind hier, ganz wie Europa selbst, in
Vielfalt vereint!
Was lieben wir? Was fürchten wir? Illustriert von Susan Schädlich. Ab 12 Jahre
Beltz & Gelberg, 16,95 € 978-3-407-81245-2
Europa! Alle sprechen immer darüber, doch was ist das
eigentlich? Was versuchen wir da eigentlich immer vor Populismus und
Nationalismus zu schützen? Natürlich ist Europa der Kontinent, auf dem
wir leben, keine Frage, doch ist Europa nicht noch viel mehr? Steht
dieser Kontinent, dieser Zusammenschluss der Länder, nicht auch für
Frieden, Gleichheit und Menschenrechte? Und was wissen wir eigentlich
über die EU? Klar, irgendwie bestimmt die EU unseren Alltag, doch die
meisten Menschen wissen nicht wie. All diese Fragen und noch einige mehr
werden in dem Buch Fragen an Europa geklärt. Man wird mit
einigen Grundinformationen, die auch schon sehr interessant sind, in das
Buch eingeführt. Weißt du zum Beispiel, wie viele Menschen in Europa
leben und wie viele Sprachen in Europa gesprochen werden? Und ist dir
eigentlich klar, dass es nicht nur eine, sondern viele verschiedene
Definitionen von Europa gibt?
Das Buch kommt mit 60 Fragen an und über
Europa daher. Einige sind eher allgemein gehalten, zum Besipiel was
eigentlich Populismus oder Pluralismus sind, andere sind sehr spezifisch
auf Europa bezogen, wie zum Beispiel, welche besonderen Zugstrecken
durch Europa verlaufen. Alles wird mit Hilfe sehr einfacher und doch
aufschlussreicher Schaubilder illustriert, die sehr nett gestaltet sind,
wie bei Frage 32: „Wer hatte die Idee für die EU? Meilensteine in
Bildern“. Die Absicht des Buches ist es, junge Menschen zum Nachdenken
über Europa anzuregen, und laut den Autoren hat man das Buch nur dann
wirklich verstanden, wenn man mit mehr Fragen aus dem Leseerlebnis
herausgeht als man vorher hatte. Ihr Wunsch ist es natürlich, dass
Menschen durch dieses Buch Europa lieben lernen, wie sie es tun, da es
offensichtlich viele Menschen gibt, die vergessen haben, was wir an
Europa eigentlich haben.
Mir hat das Buch sehr gut gefallen, da es ein für mich
sehr interessantes Thema vorstellt. Außerdem gehen die Autorinnen auf
einen der wichtigsten Punkte ein, die für ein funktionierendes Europa
eigentlich nötig und die Gegenbewegung zum Rechtsruck in Europa wäre:
Pluralismus! Er ist wahrscheinlich eine der wenigen Chancen, die wir
noch gegen den Gedanken des Nationalstaates haben. Also lasst uns diese
ergreifen, um dem fortschreitendem Populismus die Stirn zu bieten.
Anfangen sollten wir damit, uns gut über Europa und die EU zu
informieren und Möglichkeiten zur positiven Veränderung zu entwerfen.
Genau dafür ist dieses Buch perfekt.
Kronos‘ Kinder
ist die Geschichte der Recherche des Historikers Kirill zu seinen
deutschen Vorfahren, von denen der erste 1830 aus Leipzig ins Russische
Kaiserreich gekommen ist. Leitmotiv ist die Erinnerung Kirills an einen
Vorfall, den er in seiner Kindheit beobachtet hat. In dem russischen
Dorf, in dem seine Großmutter lebt, beobachtet das Kind, wie ein
invalider Veteran des Zweiten Weltkriegs, nachdem er sich am Jahrestag
seiner Verwundung betrunken hat, eine Schar Gänse niederschießt und sie
dabei als deutsche Feinde wahrnimmt. Für Kirill spricht diese Szene für
das besondere Verhältnis zwischen Russen und Deutschen, das er dann auch
in der Geschichte seiner deutschen Vorfahren immer wieder zu erkennen
glaubt.
Erzählt wird die von Lebedews eigener Familiengeschichte
inspirierte Geschichte aus Kirills Perspektive in der dritten Person. Er
fährt zu den historischen Schauplätzen seiner Familiengeschichte, nach
Leipzig, Halle, Münster und Zarizyn/Stalingrad/Wolgograd und denkt sich
hinein in seine Vorfahren, deren Perspektive dann ab und zu durch die
seine hindurchscheint. Es bleibt aber deutlich, dass es stets Kirills
Imaginationen sind, die hier sprechen, sodass die Perspektivenvielfalt
eine scheinbare bleibt.
Es ist Kirills Großmutter Lina, die den Ausschlag für
seine Recherche gibt, als sie ihm sagt, dass sie als Karolina Schwerdt
geboren wurde und ihre Vorfahren Deutsche gewesen seien. Sie nimmt
Kirill früh mit auf den sogenannten „Deutschen Friedhof“ in Moskau und
öffnet ihm dadurch einen in der Sowjetunion unerwarteten Blick auf die
fremde Welt seiner Vorfahren. Im Zuge seiner Recherchen stößt Kirill auf
die Geschichte von Balthasar, einem Homöopathen, der 1830 nach Russland
ging. Kirill folgt der männlichen Linie der Schwerdts, Ärzte und
Ingenieure, bis zu der Geschichte seiner Großmutter. Dabei interessiert
ihn stets, welche Rolle das Deutschtum für seine Vorfahren und ihre
Schicksale gespielt hat. Hätte seine Großtante die Blockade von
Leningrad überlebt, wenn sie keine Deutsche gewesen wäre? Hätte seine
Großmutter auch den zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit überlebt,
wenn sie nicht die Möglichkeit gehabt hätte, durch ihre Heirat mit einem
Russen den deutschen Namen abzulegen?
Kirill, dem der Leser bei der Rekonstruktion seiner
Familiengeschichte folgt, stellt Spekulationen über die Ansichten und
Beweggründe seiner Vorfahren an, ist ständig bemüht, aus den Ereignissen
auf sein eigenes Leben zu schließen, und versucht, transhistorische
Konstanten auszumachen, die er „Algorithmen“, „Lebensmuster“ oder „Reime
des Schicksals“ nennt und die ihn nicht selten zu pauschalen Urteilen
verleiten. Seine Schlussfolgerungen zu den Beweggründen historischer
Figuren scheinen aber nicht nur die Darstellung zu beeinflussen, sondern
auch die Ereignisse in der Vergangenheit selbst. Wie ein Gott greift er
ein, zieht Vergleiche, setzt Verhältnisse und ordnet damit alles neu.
Seine Rolle ist ihm dabei bewusst wenn es heißt, „er war derjenige, der
alles sah“ (245).
Vor dem Hintergrund der großartigen, bereits ins Deutsche übersetzten Romane Lebedews, Der Himmel auf ihren Schultern (2013) und Menschen im August
(2015), ist dieses Buch deshalb zunächst ärgerlich: Es ist ermüdend,
den Spekulationen Kirills über die Beweggründe seiner Vorfahren zu
folgen, die ihn dann wie von Zauberhand auf die richtige Spur lenken.
Die Methode des Erzählers, intuitiv historische Zusammenhänge zu
erkennen, wird hier nicht nur exzessiv und mit scheinbar
selbstverständlichen Erfolgen verfolgt, sie wird auch explizit benannt.
Mit fortschreitender Lektüre aber wird deutlich, dass dieses
Thematisieren und Ausreizen nicht einfach Kitsch ist, sondern vielmehr
neue Bereiche poetischer Opazität öffnet. Denn dieser Roman hat ein ganz
anderes Thema als die vorhergehenden, in denen es um die Vergangenheit
bzw. das Fortleben der Vergangenheit in der Gegenwart ging. Hier geht es
um Kirill, seine Recherche und darüber, wie eine Erzählung entsteht.
Die Rekonstruktion der Vergangenheit und das Verfassen des Buchs darüber
wird für Kirill zu einem einzigen Vorgang: Das Nachdenken über den
möglichen Fortgang der Erzählung fällt in eins mit dem Auffinden neuer
Verbindungsstücke in der Geschichte seiner Vorfahren. Kronos‘ Kinder ist damit ein unfertig wirkender Metaroman mit all der Sperrigkeit und Unabgeschlossenheit, die diesem Genre eignen kann.
Was diesen Metaroman trotz dieser Sperrigkeit zu einem
Genuss macht, sind die so wundervollen Beschreibungen, für die Lebedew
bekannt ist. Dazu gehören zum Beispiel Kirills feinsinnige Beobachtungen
bei der Lektüre des mehrsprachigen Tagebuchs seines Großvaters und die
atmosphärische Beschreibung eines Sommergewitters im Dorf der Großmutter
ganz zu Anfang des Romans. Diese Szenen, in denen der Lesende das
Gefühl absoluter Unmittelbarkeit bekommt, ergänzen die methodischen
Reflexionen des Protagonisten erstaunlich gut.
Als
Albertine Sarrazin mit 29 Jahren starb, hatte sie einen Großteil ihres
Lebens hinter Gittern verbracht. Ihre Romane hatten für ein Aufsehen
gesorgt, das sie in ganz Frankreich und über seine Grenzen hinaus
bekannt machte. Die Neuübersetzung von Der Ausbruch durch Claudia Steinitz ist dazu angetan dieses großartige Buch erneut ins Gespräch zu bringen.
Anick Damien, die Protagonistin des Romans, sitzt (nicht zum ersten Mal) wegen Juwelendiebstahls und Hehlerei hinter Gittern. Der Ausbruch
stellt ihre Aufzeichnungen während eines Teils dieser Haftzeit dar. Sie
erzählen von den Verhältnissen, Freund- und Feindschaften im Gefängnis
und vor Gericht. Die Arbeit an diesem Roman wie an all ihren anderen hat
Albertine Sarrazin selbst im Gefängnis begonnen. Ob man darin den Grund
für seine Tiefe und brutale Ehrlichkeit sehen will, bleibt den
LeserInnen selbst überlassen.
Anick schreibt nicht zum Zeitvertreib, nicht um die
Haftzeit zu verkürzen oder sie für sich nutzbar zu machen. Ihr Schreiben
ist an sich schon ein Ausbruch, ein Widerstand. Doch ist es kein
eskapistischer Akt: Ihre ausufernden Sprachbilder täuschen nicht über
die Trostlosigkeit und die Brutalität des Knastes hinweg, sondern
arbeiten sich an ihr ab, sind vielleicht der Versuch, die
Gefängnismauern aufzulösen. So wie ihre Ausbruchspläne sich
ausschließlich auf die Dicke der Gitterstäbe, die Höhe der Wände und die
Scherben auf der Außenmauer konzentrieren, so konzentriert sich auch
das Schreiben im Gefängnis auf nichts als das Eingeschlossensein, das
Limitierte, auf den Alltag im Knast. Woraus kann ich mir eine Pinzette
formen, und wo verwahre ich sie so, dass sie nicht entdeckt und
konfisziert wird? Wie kann ich mich gegen meine Mitgefangenen in dem
nervenzerreißenden Spiel zwischen Unterwürfigkeit und Selbstbehauptung
durchsetzen?
Anicks Schreiben und ihre immer wieder neuen Pläne, dem
Gefängnis zu entkommen, sind zwei der drei großen Freiräume im Dasein
der Gefangenen. Der dritte ist die Liebe, denn Der Ausbruch ist
auch ein Liebesroman. So unbeschränkt und radikal wie der Wille der
Protagonistin ist ihre Liebe zu ihrem Freund Zizi. Und immer wieder
scheint auch das Bedürfnis nach Nähe und engster Freundschaft zwischen
ihr und ihren Mitgefangenen auf.
Der alles bestimmende Ausbruch meint zugleich das
Entkommen aus den Mauern des Gefängnisses und den Ausbruch des Vulkans,
der zum Bruch mit den Verhältnissen führt, verweist auf die Einbrüche,
die Anick und Zizi in den Knast gebracht haben, und auf die schmerzenden
Knochenbrüche, die Anick jeden Tag an ihre Flucht vom Tatort erinnern.
Hier muss auf die hervorragende übersetezerische Leistung von Claudia
Steinitz hingewiesen werden, denn Sarrazins Sprache ist durchdrungen von
feingesponnen Bildern und Metaphern, die nicht selten und nicht
zufällig von der Mythologie ausgehen, aber auch, durch Sprachcodes und
Decknamen – Anleihe an die omnipräsente Zensur, die Kontrolle, an den
heimlichen Kassiber-Austausch –, sehr verdunkelt. Das Schreiben setzt
der Profanität des Gefängnisalltags eine Üppigkeit entgegen, die dennoch
keinen anderen Gegenstand haben kann als eben diese Profanität, diese
Kargheit, diesen Überfluss des Mangels, diese Grenzenlosigkeit des
Gefängnisses.
Motor der Geschichte ist der italienische Kolonialismus,
genauer, Mussolinis Eroberungsfeldzug in Äthiopien, der 1935 begann und
fünf Jahre währte. Sangue giusto, Richtiges Blut,
heißt der Roman im Italienischen und verweist damit schon im Titel auf
den faschistischen Rassenwahn und das System strikter Rassentrennung,
das das Regime in Äthiopien installierte. Bis zu zehn Prozent der
Bevölkerung fielen diesem Krieg zum Opfer, den Hungerlagern,
Massenhinrichtungen und Senfgaseinsätzen. Von einem „vergessenen
Völkermord“ spricht der Historiker Aram Mattioli – vergessen, weil ins
Abseits der Erinnerungskultur Italiens geschoben, wo nie eine
glaubwürdige Aufarbeitung der Vergangenheit stattgefunden hat. Die an
der Bevölkerung verübten Gewalttaten der deutschen Besatzer ab 1943
überschatteten die Tätervergangenheit des Landes, es konnte sich fortan
als Opfer sehen oder als antifaschistische Partisanen gegen die deutsche
Besatzung. So überdauerte bis heute in weiten Teilen der Bevölkerung
ein unvollständiges und allzu nachsichtiges Bild des Faschismus.
Francesca Melandri destruiert dieses Bild in ihrem Roman radikal.
„Italien war ein ausgenüchterter Alkoholiker, der wie jeder Verfechter
der Abstinenz nichts von seinem Verhalten während des letzten schlimmen
Rausches wissen will“, schreibt die römische Autorin, die als
Drehbuchautorin und Dokumentarfilmerin bekannt wurde und nun ihren
dritten Roman vorlegt, nach Eva schläft, einem Roman über die
Zwangsitalianisierung Südtirols, und Über Meereshöhe, dessen Thema der
italienische Terrorismus ist.
Die Handlung setzt ein im Jahr 2010, noch regiert
Berlusconi. Ilaria Profeti, Mitte vierzig, Lehrerin und kinderlos, eine
der Hauptfiguren des Romans, ist eine mehr oder weniger typische
Vertreterin des linksliberalen Milieus in Italien: Desillusioniert durch
die fortwährende Untergrabung der Demokratie durch die rechte
Regierung, ist sie gleichwohl als Lehrerin noch immer sehr engagiert.
Alle außer ihr sind korrupt, bigott und unmoralisch. Was sie nicht daran
hindert, eine – verheimlichte – sexuelle Beziehung zu Piero einzugehen,
einem Jugendfreund aus vermögender Familie, der in Berlusconis Partei
Karriere gemacht hat und damit politisch genau das Gegenteil ihrer
Überzeugungen vertritt. Ilaria glaubt, ihr Leben im Griff zu haben, ihre
Familie zu kennen. Bis etwas geschieht, das sie in ihrer Grundfesten
erschüttert: Eines Abends , Ilaria kommt vom römischen Alltag abgekämpft
nach Hause, sitzt auf der Treppe ihrer Wohnung im sechsten Stock eines
Miethauses ein abgerissener junger Mann, dem Aussehen nach ein
Äthiopier, eindeutig ein Geflüchteter; wie sich herausstellt, ein
regimekritischer junger Lehrer, der, um sich der Verfolgung durch das
postkoloniale Regime zu entziehen, „raus musste“ und nach jahrelanger
Flucht durch die Wüste und libysche Lager in Italien landete, wo sein
Asylantrag binnen weniger Minuten abgelehnt wurde. Und dieser junge
Mann, der nun illegal in Land lebt, erklärt Ilaria in perfektem
Italienisch: „Ich heiße Shimeta Ietmgeta Attilioprofeti“. Der Beweis:
sein Pass. Ietmgeta sei der Name seines verstorbenen Vaters, Attilio
Profetis Sohn. Attilio Profeti, das ist Ilarias Vater. Ein Vater, den
sie liebt. Der einst der heranwachsenden Ilaria beichtete, er habe noch
eine zweite Familie, eine Frau, Anita, die er nach der Scheidung von
Ilarias Mutter heiratet, und einen Sohn namens Attilio, nach dem Vater
benannt . Die Erzählung nimmt Fahrt auf. Den hochbetagten Vater kann
Ilaria nicht mehr befragen. Er ist dement. Die Suche nach der Wahrheit
hinter der Behauptung des Jungen, sie sei seine Tante, führt Ilaria
zurück in die italienische Provinz zur Zeit des Faschismus, zur Herkunft
ihres Vaters, und weiter über Rom nach Äthiopien. Denn der Vater hatte
mehr zu verbergen als eine zweite Familie: Er, der vorgegeben hatte,
Partisan gewesen zu sein, entpuppt sich als überzeugter Faschist, der
sich freiwillig für den Abessinien-Feldzug meldete, als Assistent eines
Rassenforschers arbeitete, an Feldzügen und Massakern teilnahm und in
Äthiopien einen Sohn zeugte, den er nie anerkannte. Attilio Profeti ist
eine der wichtigsten Figuren der Erzählung, charmant, liebenswert,
skrupellos, vielschichtig gezeichnet, glaubwürdig, so wie andere
Handlungsträger auch. Flankiert werden sie von zahlreichen Nebenfiguren,
die leider öfter zu Schablonen geraten sind. Die Stofffülle ist immens,
doch der Autorin ist es gelungen, die Zeitsprünge, den häufigen Wechsel
der Perspektiven und Schauplätzen in den einzelnen Erzählsträngen
stimmig ineinander zu binden.
Zehn Jahre hat Francesca Melandri an diesem Roman
gearbeitet, in Archiven geforscht und in Äthiopien Orte der Handlung
aufgesucht, dort nach noch lebenden Zeitzeugen gesucht. Einprägsam sind
viele Szenen, etwa der Angriff auf widerständige Äthiopier, die mit
Senfgas aus ihrem Felsenversteck getrieben und getötet werden. Fast
schon satirisch die Beschreibung von Gaddafis berühmten Besuch in Rom,
der die Stadt in einen Ausnahmezustand versetzte. Gleichwohl seien
manche stilistische Entgleisungen erwähnt, etwa wenn es heißt, “die
Hochebene des Wollo und des Shoa” seien “so ausgetrocknet wie die Knie
von Hundertjährigen”. Auch die Übersetzung hätte bisweilen ein
sorgfältigeres Lektorat verdient. Das ist schade, keine Frage. Aber es
ändert nichts daran, dass Francesca Melandri ein weiterer Roman gelungen
ist, dessen Stärke darin liegt, historisch fundiert zu entwickeln,
warum das heutige Italien ist, wie es ist.
Als „Ethnologin ihrer selbst“ geht Annie Ernaux in ihrem
neuen Roman zurück in das Jahr 1958, in dem sie sich als knapp
18-jährige zum ersten Mal von ihrem moralisch beengenden Elternhaus
entfernt, um in einem Feriencamp als Betreuerin zu arbeiten. Die
erhoffte Romanze mit einem älteren Betreuer gerät zu einer fast brutalen
ersten sexuellen Erfahrung, die Ernaux im Rückblick als prägend für ihr
ganzes Leben entschlüsselt.
Behutsam, aber in vertraut distanziertem Ton, überführt
die Autorin einen inneren Zustand der Bilder und Gefühle in einen
Zustand der Wörter. Sie erinnert sich an die Demütigung durch ihre
Altersgenoss*innen, an die tief empfundene Scham und ringt mit der
Frage, die sich vermutlich fast alle Mädchen in dieser Zeit stellten,
nämlich der, wie man sich „richtig“ verhält. Erst einige Jahre später
wird sie in ihrem Philosophiestudium bei Simone de Beauvoir die Antwort
finden, dass sie sich auch als Frau als freies Subjekt bewegen darf.
Die Ehrlichkeit, mit der Annie Ernaux ihren Selbsthass,
ihre beginnende Essstörung und den Versuch der Vertuschung ihrer
kleinbürgerlichen Herkunft beschreibt, hat eine gleichermaßen
beklemmende wie befreiende Wirkung auf den Leser. Oder in diesem Fall
vielleicht nur auf die Leserin? Auch 20 oder 30 Jahre später haben
Frauen noch immer mit denselben Zweifeln angesichts der Frage gerungen,
was wohl ein angemessenes, weibliches Verhalten sei.
Ernaux beschreibt in ihrer Rückschau, wie sie als junge
Frau den Weg der Verwandlung einschlug. Sie wollte ungeschehen machen,
was ihr so viel Schmerz bereitet hatte, versuchte, ihren Körper in den
einer Anderen zu verwandeln, in den Körper einer Frau, die begehrt statt
abgewiesen wird. Anstatt sich von der männlichen Dominanz zu befreien,
hatte sie ihr ganzes Sein darauf ausgerichtet, „ihn“ irgendwann doch für
sich gewinnen zu können.
Auf den einschneidenden Sommer im Feriencamp folgt der
Beginn einer Ausbildung an einer Fachschule für Lehrerinnen. Diese Zeit
in einer autarken Gemeinschaft mit durchorganisiertem Alltag, der für
die junge Frau „weich wie ein Kissen“ war, würde die Autorin später in
ihrer Auseinandersetzung mit politischen Fragen das sowjetische System
verstehen lassen und noch später die Sehnsucht der Russen nach der guten
alten Zeit. Erst später wird sich Annie Ernaux das vollkommene Fehlen
eines pädagogischen Talents eingestehen und einen anderen Weg
einschlagen, der sie aus der zwar strengen, aber doch behüteten
Gemeinschaft herausführen wird.
„…im Prinzip gibt es nur zwei Arten von Literatur, die
nacherzählende und die suchende…“ schreibt Ernaux. In Erinnerungen eines
Mädchens vereint die Autorin beides miteinander. Indem sie nacherzählt
und sich, ähnlich wie in ihrem letzten Roman Die Jahre, an
Erinnerungsstücken, Briefen und Fotos entlang hangelt, versucht sie sich
der jungen Frau – die sie jetzt nicht mehr ist – zu nähern. Die Frage,
wie wir zu der Person wurden, die wir heute sind, fasziniert vermutlich
nicht nur Annie Ernaux. Mit dieser Frage bleibt man auch zurück, wenn
man die letzte der 164 Seiten ihres Buchs gelesen hat, und wird sich im
besten Fall auf die Suche nach der eigenen Vergangenheit begeben.
„Die Arnolfini-Hochzeit“, ein Bild, so bekannt wie
rätselhaft: Ein Mann und eine Frau, offenbar wohlhabend, stehen in der
Mitte eines opulent eingerichteten Raumes und halten sich an den Händen.
Die Frau wirkt schwanger (was aber bei van Eyck keineswegs bedeuten
muss, dass sie auch schwanger ist), der Mann ist blass, sehr ernst und
hält die rechte Hand wie zum Schwur erhoben. Das Paar blickt sich nicht
an; beide Blicke gehen nach unten. „Wenn wir es betrachten, sind wir in
der Situation eines Lesers, der einen rätselhaften Krimi liest, dem das
letzte Kapitel fehlt“ (S. 15), meint der Autor, für den aber auch alles
da ist, um das Rätsel zu lösen, sofern man hinter das blickt, was er als
„mit unübertrefflichem Geschick platzierte Täuschungsmanöver“
bezeichnet. Wie Sherlock Holmes, dessen Verfasser bekanntlich ebenfalls
Art zwar, müssen wir die Lupe in die Hand nehmen und dem Motto des
Buches folgen: „Hinsehen und noch einmal hinsehen und immer wieder
hinsehen, und so gelingt es uns, zu sehen.“
Und so folgen wir fasziniert und mit immer größer
werdenden Augen den Spuren, die uns der Autor mit so viel Charme wie
Akribie zeigt, indem er, wie er sagt, die „Methoden aufmerksamer
klinischer Beobachtung auf ein Werk der Malerei“ anwendet. Er beginnt
mit der Provenienz und den verschiedenen Namen des Bildes sowie der
rätselhaften Signatur, stolpert dann über eine rätselhafte Leerstelle:
der kleine Hund, der zwischen den beiden Figuren sitzt, ist im Spiegel
nicht zu sehen – ein Fehler des Malers? Kaum anzunehmen. Die
rätselhaften Flecken, die mit Hilfe der Lupe auf der Hand des Mannes im
Spiegel erkennbar werden, bieten Anlass zu einem Ausflug in die
Religionsgeschichte. Die Symbolik der Farben und Stoffe wird
entschlüsselt, aus der Anordnung der Figuren, Möbel und Pantoffeln
ergeben sich Buchstaben und Wörter, die weitere Indizien für die Lösung
des „Falls“ ergeben. Wie bei einem Krimi dürfen die Einzelheiten
natürlich nicht verraten werden, aber wie beim Krimi fehlt natürlich
auch die überraschende Wendung am Schluss nicht. Ob Postels
Schlussfolgerungen richtig sind oder nicht, darüber mögen sich die
Kunsthistoriker streiten. Für mich jedenfalls sind sie so logisch,
spannend und einleuchtend wie die Geschichten von Sherlock Holmes.
Der Fall Arnolfini ist ein ganz
außergewöhnliches Buch, so vergnüglich wie lehrreich, so spannend wie
charmant, vor allem aber ein Buch, das seine Wirkung als „Augenöffner“
bei zukünftigen Museumsbesuchen mit Sicherheit nicht verfehlen wird.
Feuilletons für die Frankfurter Zeitung. Reportagen und Erzählungen aus der Sowjetunion (1928 – 1936).
Herausgegeben von Gesine Bey, Foto(s) von Margarete Steffin
Basisdruck Verlag, 23 € 978-3-86163-159-0
Die 2010 wiederentdeckte Autorin Angela Rohr emigrierte nach ihrem Studium der Medizin und Psychoanalyse nach Moskau. Dort wurde sie 1941 verhaftet und kehrte erst 1957 aus der Verbannung zurück in die Stadt. Ihre großartigen Erzählungen über ihre Zeit im Gulag sind unter dem Titel Der Vogel bereits bei Basisdruck erschienen, genauso wie ihr Roman Lager. Mit Zehn Frauen am Amur erhalten wir nun einen Einblick in ihr literarisches Schaffen aus ihrer frühen Zeit in Moskau. Ihre genaue Beobachtungsgabe und ihr empathisches Gespür machen ihre Erzählungen zu einem literarischen MeisterInnenwerk.
Das Interesse an Reportagen aus Sowjet-Russland war in den 20er Jahren groß, und so hatten sie einen festen Platz in den Feuilletons der großen deutschen Zeitungen dieser Zeit. Eine der KorrespondentInnen dieser Zeit war Angela Rohr, die nach ihrem Studium der Medizin und Psychoanalyse 1925 nach Russland emigrierte. Von ihren zahlreichen KollegInnen unterscheidet sie nicht nur die Tatsache, dass sie eine der ersten weiblichen Korrespondenten war, sondern auch, dass sie Moskau und die zahlreichen anderen Städte und Regionen, die sie besuchte, nicht als Reisende und Gast beschrieb und wahrnahm. Vielmehr erhalten wir eine Art Innensicht auf das Wesen und vielleicht auch die Struktur der Orte. Rohrs Reportagen sind nicht zuletzt deshalb so lesenswert, weil sie nicht versuchen, ihre LeserInnen mitzunehmen, für sie Reisende und Berichtende zu sein, sondern weil die Autorin sich selbst als Teil des Ortes begreift, von „unserer Stadt“ spricht.
Das Moskau der späten 20er und frühen 30er Jahre wird uns
nicht anhand der politischen und geschichtlichen Ereignisse dieser Zeit
nahe gebracht, auch das gesellschaftliche Leben und die sozialen
Umstände werden nicht dargestellt. Und doch scheint all das in den
Erzählungen Rohrs auf. So ist das, was die Autorin in ihrer ersten
Erzählung als charakteristisch für Moskau benennt, nicht etwa der
Winter, den sie fast ironisch ins Bild bringt, sondern die Verwendung
und der Verkauf künstlicher Blumen. Gepflogenheiten und teils skurrile
Anstandsregeln sind in ihren Erzählungen häufig Thema. Ein anderes
wiederkehrendes Thema ist die Architektur. In einer der besten
Erzählungen des Buches richtet Rohr den Blick auf einen Milizionär und
sein aussichtsloses Unterfangen, die Straßen Moskaus zu überblicken. Das
Bewusstsein der Arbeitsklasse erkennt Rohr im Umgang in der Straßenbahn
und im Warten im Schuhgeschäft. Rohrs Figuren sind oft von einer
tragisch-komischen, immer aber aufrichtigen Färbung. In ihnen gelingt es
Rohr, im Kleinen das Ganze aufscheinen zu lassen, ohne dass man genau
sagen könnte, was dieses Große sein sollte oder sein könnte.
Die Aufteilung dieses Sammelband nach Reportagen, geordnet nach den Schauplätzen, und Erzählungen ist hilfreich, weil sich die Betrachtungen zu einem Ort wie Schichten übereinanderlegen und so das Bild vertiefen. Es wäre jedoch falsch zu glauben, die Reportagen stünden den Erzählungen an literarischer Tiefe nach. In ihrer genauen Betrachtung des Alltäglichen erinnern sie nicht nur an die berühmte Berliner Kindheit um 1900 von Walter Benjamin, sondern auch an die ebenfalls zuerst im Feuilleton erschienenen Erzählungen Die Gelbe Straße von Veza Canetti.