Buchempfehlung – Almudena Grandes “Inés und die Freude”

Als im Herbst 1944 das kommunistische Untergrundradio die bevorstehende Invasion des Arantals in den Pyrenäen durch den antifranquistischen Widerstand meldet, tut sich für Inés, Tochter aus einer alten spanischen Familie und Schwester eines Offiziers in Francos Armee, eine neue Welt auf. Denn Inés ist trotz ihrer angesehenen Familie, die ganz und gar auf Seiten der Falange steht, selbst eine „Rote“. Nach dem Verrat durch ihren Liebhaber saß sie im Gefängnis, wurde anschließend von ihrem Bruder für Jahre ins Kloster eingesperrt und schließlich mit dessen ungeliebter Frau in die finsterste Provinz verbannt. Aber jetzt kann sie sich den Kämpfern der Invasion anschließen – und reitet auf ihrem Pferd Lauro, in der Tasche das Geld ihres Bruders und eine geladenen Pistole und in der Hutschachtel fünf Kilo selbstgebackener Rosquillas, die beliebten süßen Kringel, mitten hinein ins Hauptquartier der Invasion und in die Arme des Mannes, der ihr Schicksal wird. Und damit beginnt die Geschichte einer historischen, wenn auch weitgehend unbekannten Episode aus den Nachwehen des spanischen Bürgerkriegs, verknüpft mit der Geschichte von Liebe in den Zeiten des Kampfes und des Untergrunds. Inés und ihr Geliebter Galan sind fiktive Personen, aber ihr Schicksal im Roman wird durch historische Figuren geprägt, die in einem komplizierten Spiel aus Machtkämpfen, Parteistrategien und den Interessen Moskaus und London die Fäden ziehen, sich aber immer auch in den Fäden der eigenen Gefühle verstricken.

„Inés und die Freude“ ist der erste Teil der auf sechs Bände angelegten „Episoden eines endlosen Krieges“; der zweite Teil ist der in Deutschland zuerst erschienene und viel gelobte Roman „Der Feind meines Vaters“. Man kann die Entscheidung des Verlags, die Reihenfolge zu ändern, nachvollziehen, denn „Der Feind meines Vaters“ ist nach allen literarischen Kriterien zweifellos das bessere Buch. Almudena Grandes hat in „Inés und die Freude“ ein großes Panorama entworfen, vom Bürgerkrieg, seiner Vor- und Nachgeschichte, vom Exil bis zur Rückkehr nach Spanien nach Francos Tod, einschließlich der Strategien der kommunistischen spanischen Führung in Moskau und Lateinamerika, der Auseinandersetzungen in der Partei und deren Folgen für das Leben der in Spanien zurückgebliebenen Untergrundkämpfer. Das macht die Lektüre streckenweise anstrengend, führt zu Verwirrung bei der Leserin, die die Einzelheiten der spanischen Geschichte nicht parat (und ein Register mit Erläuterungen zu den historischen Ereignissen und Personen schmerzlich vermisst) hat, und zu zahlreichen, auch ärgerlichen Redundanzen. Davon sollte sich aber niemand abhalten lassen, das Buch zu lesen, denn erstens regt es dazu an, bestimmte Ereignisse und Personen selbst im Internet zu recherchieren und auf diese Weise einen so spannenden wie lehrreichen Abend zu verbringen, und zweitens kann man sich, vor allem ab dem zweiten Teil, in eine wunderbare Liebesgeschichte fallen lassen, die nicht nur an Romantik nichts zu wünschen übrig lässt, sondern auch noch durchzogen ist vom äußerst appetitanregendem Duft besten spanischen Essens. Meine Empfehlung also: Lesen und auf den dritten Teil gespannt sein!

Irmgard Hölscher, Frankfurt am Main