Buchempfehlung – Jhumpa Lahiri “Das Tiefland”

Am Rande Kalkuttas, an einem während der Monsunzeiten überschwemmten Tieflandgebiet, wachsen in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Brüder Subhash und Udayan auf. Obwohl durch ein Jahr Altersunterschied getrennt, sind sie unzertrennlich wie Zwillinge. Aber sie sind auch sehr verschieden: Subhash, der ältere, ist ruhig, zurückgezogen und scheut Konflikte, während der extrovertierte Udayan sich ins Leben stürzt und keinem Abenteuer aus dem Weg geht. Ihrer Familie ist nicht reich, aber sie schafft es, den Brüdern eine gute Schulausbildung zu geben, und da beide gute Schüler sind, können sie die High-School besuchen.

Die enge Verbundenheit der Brüder endet, als Subhash für seine Dissertation in eine kleine Universitätsstadt an der amerikanischen Ostküste geht, während sich Udayan in Kalkutta einer maoistischen Gruppierung anschließt, die gesellschaftliche Ungerechtigkeiten in Bengalen auf militante Weise beseitigen will. Kurz nachdem Udayan seinem Bruder von seiner Hochzeit geschrieben hat, kommt die Nachricht, dass er von der Polizei getötet wurde. Subhash fliegt nach Kalkutta und heiratet Gauri, die junge, schwangere Witwe seines Bruders, die von den Eltern abgelehnt wird. Er holt sie nach Amerika und zieht das Kind seines Bruders als sein eigenes auf. Aber sie werden keine Familie. In Gauri scheinen alle Gefühle abgetötet, auch zu ihrer Tochter Bela findet sie keine Verbindung. Und eines Tages, als Sughash und Bela von einem Besuch in Kalkutta zurückkehren, ist Gauri gegangen.

Jhumpa Lahiri erzählt ihre Geschichte mit langem Atem, in Vor- und Rückblenden, aus den unterschiedlichen Perspektiven der handelnden Personen. So entsteht nach und nach das Bild einer zerbrechenden Familie: die traditionellen Eltern können nicht nachvollziehen, dass der Sohn seine Frau selbst gewählt hat, und dem Älteren nicht verzeihen, dass er die Witwe heiratet. Udayan gefährdet durch sein radikales politisches Engagement alle und verliert sein Leben. Subhash, der Gauri aus einer Mischung aus Mitleid und Verpflichtung dem toten Bruder gegenüber geheiratet hat, hofft, dass sich zwischen ihnen doch noch Liebe und Verbundenheit entwickeln können. Er leidet darunter, dass er es nicht fertig bringt, seiner Tochter zu gestehen, dass er nicht ihr leiblicher Vater ist. Gauri, verwirrt und erstarrt, möchte nur eines: ihren Universitätsabschluss machen und in Ruhe gelassen werden. Und Bela, die Tochter, wird ein innerlich wie äußerlich heimatloses Wesen.

„Das Tiefland“ ist die Geschichte von Menschen, die nirgendwo mehr verwurzelt zu sein scheinen – aber es ist keine typische „Migrantengeschichte“, in der die gesellschaftlichen Verhältnisse es unmöglich machen, irgendwo anzukommen. Die Zerrissenheit der Personen ist nicht nur den äußeren Bedingungen geschuldet, sie liegt in ihnen. Es ist ein Buch über Schuld und was sie im Menschen anrichtet, wenn sie sich in einnistet und sie in die Einsamkeit treibt, weil sie nicht darüber sprechen können. Sie zu überwinden – dazu gehören Ehrlichkeit, Vertrauen, Verzeihen und viel Mut.

Lahiri erzählt in einer ruhigen, fast schlichten Sprache, was den Text anfangs etwas gleichförmig erscheinen lässt. Aber je länger man liest, desto mehr wird man gefesselt. Lahiri psychologisiert nicht oder benutzt die gesellschaftlichen Zustände, um das Handeln ihrer Figuren zu erklären. Das Gesellschaftliche spiegelt sich in den Beziehungen der Menschen, aber was in den einzelnen vorgeht, davon gibt die Autorin nicht viel preis. Daher bleibt es dem Leser überlassen, welche Haltung er dazu einnehmen will. Das macht das Buch ungeheuer vielschichtig und geht weit über das inzwischen verbreitete Genre des interkulturellen Romans hinaus.

Ruth Roebke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt