Buchempfehlungen

68 Beiträge

Buchempfehlung

Gabriele Tergit – Etwas Seltenes überhaupt

Erinnerungen. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Nicole Henneberg

Schöffling & Co, 26 €
978-3-89561-492-7

Erinnerungen hat Gabriele Tergit ihr Buch Etwas Seltenes überhaupt genannt und nicht Autobiographie. Und in der Tat ist ihr Buch keine chronologische Erzählung ihres Lebens. Es sind Schilderungen dessen, was ihr Leben am meisten prägte – und das ist mehr als genug. Aber letztlich führt alles, was sie erzählt, immer wieder zu den entscheidenden Fragen: „Warum, wieso, weshalb Hitler?“.

1894 wurde sie unter dem Namen Elise Hirschmann in eine jüdische Fabrikantenfamilie geboren. Nach einer Ausbildung an der Sozialen Frauenschule von Alice Salomon holte sie das Abitur nach und studierte Geschichte, Soziologie und Philosophie. Vor und während des Studiums publizierte sie Artikel in unterschiedlichen Zeitschriften. Während der Weimarer Republik war Tergit Deutschlands erste Gerichtsreporterin. Mit wachem Blick nahm sie nicht nur die kriminalistische Seite der Fälle, wahr, die sie beobachtete, ihr Augenmerk galt besonders deren sozialem und politischen Hintergrund. Vor allem dem zuerst schleichenden, dann immer deutlicher zu Tage tretenden Einfluss der erstarkenden nationalsozialistischen Bewegung und der – auch schon vor deren Wahlsieg – immer größer werden Willfährigkeit der Justiz, die das Recht in deren Sinne beugte. Mit Käsebier erobert den Kurfürstendamm hatte sie 1931 großen Erfolg als Romanautorin.

Als Jüdin, die in dem unter den Nazis als linksliberal verschrieenen “Berliner Tageblatt” schrieb, hatte sie ein sicheres Gefühl für das, was sich in Deutschland zusammenbraute. Als kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ein SA-Trupp versuchte, ihre Wohnung zu stürmen, floh sie am nächsten Tag über die tschechische Grenze. Sie ging mit Mann und Kind ins Exil, zuerst nach Israel, dann nach England, wo sie 1982 starb. 1948 reiste sie erstmals wieder nach Deutschland, weitere Reisen folgten. Die Erfahrungen von politischem Terror, Rassismus und Verfolgung prägen ihre Erinnerungen, sie sind die Folie, vor der sie ihr Leben beschreibt. Das gilt nicht nur vor und während der NS-Zeit, mit wachem Blick sieht sie auch nach Ende des Krieges, dass es in Deutschland keine „Stunde Null“ gab und Antisemitismus und rechtes Gedankengut mit dem verlorenen Krieg nicht verschwunden waren.

Wie vielen Exilanten war es auch ihr nicht möglich, an ihren früheren Erfolg anzuknüpfen. Erst ab 1977, als sie im Rahmen der Berliner Festwochen „wiederentdeckt“ wurde, erschienen einzelne ihrer Werke erneut. Ihre Erinnerungen kamen ein Jahr nach ihrem Tod heraus und wurden, wie dem informativen Nachwort der Herausgeberin Nicole Henneberg zu entnehmen ist, vom Verlag vielfach gekürzt und inhaltlich entstellt.

Etwas Seltenes überhaupt ist ein prall gefülltes Buch. Eine große Anzahl Portraits von Freunden und Kollegen, Reiseberichte, Erinnerungen an ihren Mann und den früh verstorbenen Sohn, Anekdoten, Schilderungen der erlebten Gerichtsverhandlungen und Berichte aus dem Nachkriegsdeutschland sind atmosphärisch ungeheuer dicht und temporeich. Ihr flott dahineilender, lebendiger Schreibstil, manchmal vom Hölzchen aufs Stöckchen kommend, manchmal mit eigenwilligen Formulierungen und typisch berlinerischer Lakonie, ist – trotz oder gerade – wegen seiner Leichtigkeit ernsthaft und tiefgründig. Ein ungemein fesselndes, hellsichtiges, lebendig geschriebenes Buch, das auf bestürzende Weise zeigt, wie eine zunehmende sprachliche Verrohung in Gesellschaft und Politik den Weg für ebensolche Taten ebnet. Das ist zeitgeschichtlich erhellend und stellenweise erschreckend aktuell. Jetzt sind Gabriele Tergits Erinnerungen ein zweites Mal zu entdecken – es lohnt sich!

Ruth Roebke, Bochum

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Claudia Piñeiro – Der Privatsekretär

Aus dem Spanischen von Peter Kultzen

Unionsverlag 22 €
978-3-293-00534-1

Das Gerücht und der Ruhm werden in der römischen Mythologie von ein und derselben Göttin verwaltet. Ein geflügeltes Wesen mit tausenden Augen, Mündern und Ohren, rast sie über das Land, verbreitet sowohl Wahrheit als auch Lüge unter den Menschen und ist dabei blind für die Konsequenz. In Vergils Aeneis fällt dieser gewaltigen Klatschtante göttlichen Ursprungs unter anderem die karthargische Königin Dido zum Opfer: Der düpierte Nebenbuhler erfährt von dem Techtelmechtel zwischen ihr und Aeneas, klagt sein Leid dem Jupiter, der Aeneas eigentlich mit einer ganz anderen Mission als einer Heirat betraut hatte, und nach einer Intervention des Göttervaters nimmt das Schicksal der liebeskranken Dido seinen tragischen Lauf.

Dass die Fama, wie diese tratschende Göttin heißt, auch für den Ruhm zuständig ist, nimmt eigentlich nicht weiter Wunder: Das gezielt gestreute Gerücht, die perfide ausgetüftelte Schmutzkampagne haben schon so manchen Machtkampf entschieden, und auch im politischen Betrieb unserer Zeit scheint das fleißige Verwischen der Grenze zwischen Fakt und Fiktion wieder Konjunktur zu haben.

Fernando Rovira, politisch ambitionierter Bauunternehmer und Gründer der aufstrebenden Partei „Pragma“, ist ein Charismatiker: adrett, sportlich, immer ausgeschlafen und eloquent. Mit sicherer Hand lenkt er die Geschicke seiner Partei, führt sie von Sieg zu Sieg und schreitet ihr als politische Lichtgestalt, als Selfmademan, voran. Das Ziel: Die Provinz Buenos Aires teilen, das Leben für alle verbessern und anschließend, klar, die Präsidentschaft von Argentinien.

Unnötig zu sagen: Mit schillernden Inszenierungen verhält es sich wie mit Magneten: Sie üben eine immense Anziehungskraft aus. Und schon bald geraten auch die beiden Studenten Román Sabaté und sein Freund Sebastián in den Bann von Roviras Partei und bewerben sich schließlich um eine Position im Team des großen Mannes.

Doch da geschieht Unerwartetes: Nicht der hochintelligente Sebastián, der sich mit Leib und Seele dem Programm Roviras verschrieben hat und vor Tatendrang zu platzen droht, wird genommen, vielmehr bekommt sein ungleich weniger tatkräftige Freund Román den Zuschlag für den Posten und steigt auch gleich zum Privatsekretär und Personaltrainer Roviras auf. Und noch während sich Román selbst über seinen rasanten Aufstieg in der Partei wundert, wird er immer weiter in ein Netz aus Lügen, Mythen und grausigen Geheimnissen verstrickt, das Rovira abseits der Öffentlichkeit knüpft. Der Hoffnungsschimmer am sich stetig verdüsternden Horizont: Die junge Journalistin Valentina Sureda, genannt China, die an einem Buch über den Einfluss des Fluches der Tolosana auf die Politik Fernando Roviras arbeitet. Jener sagenhafte Fluch besagt, dass kein Gouverneur der Provinz Buenos Aires je Präsident Argentiniens werden kann. Dabei kommt sie unliebsamen Wahrheiten auf die Spur und befindet sich bald selbst in höchster Gefahr.

Welche faktische Kraft können ausgewiesene Mythen entwickeln? Welche politische Durchschlagskraft hat die gut arrangierte Story? Und: Ist nicht das wahr, was der Mensch beschließt, als wahr anzunehmen?

Claudia Piñeiros Politthriller Der Privatsekretär liest sich wie eine spannende Abhandlung dieser brandaktuellen Fragen. Einerseits verfolgt der Leser die immer wahnwitziger werdenden Entwicklungen um Román Sabaté, andererseits schaut er Valentina Sureda über die Schulter, wie sie Fragment um Fragment für ihr Buch zusammenträgt und dabei in die Geschichte des Landes und der Provinz Argentiniens eintaucht. Die Sprache ist, dem Plot und dem Genre angemessen, klar und präzise, und das Spiel der Autorin mit historisch verbürgten Fakten und freier Erfindung reflektiert das Thema des Buches auch auf formaler Ebene.

Wer sich im gerade so glorios anhebenden Sommer spannende Unterhaltung mit politisch relevanter Thematik genehmigen möchte, angereichert mit einem halbfiktionalen Exkurs in die jüngere argentinische Geschichte, ist mit diesem Buch hervorragend bedient.

Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Ayelet Gundar-Gosehn – Lügnerin

Kein&Aber 24 €
978-3-0369-5766-1

Ayelet Gundar-Goshen versteht es, eine pure, herrliche Sommerlektüre zu schreiben, die zugleich klug und erhellend in aktuelle Debatten eingreift.

Ort und Zeit des Geschehens: Tel Aviv, die letzten Wochen der Sommerferien. Die Hitze steht in den Straßen, die junge sommersprossige Nuphar eilt zu ihrem Ferienjob in die Eisdiele. Sie ist mit ihren 17 Jahren noch so uneins mit sich und ihrem Körper, wie man es nur sein kann, wenn man den Schönheitsidealen permanent ausgesetzt ist, ihnen aber nicht entspricht. Da ist ihre vom Glück geküsste jüngere Schwester Maya, der alles mühelos zufliegt, da sind Mutter und Vater und der Junge Lavie, den sie zu lieben beginnt – und schließlich die alte Raymonde, die im Seniorenheim lebt. Zwischen diesen beiden Polen, der alten Raymonde und der jungen Nuphar, spannt Gundar-Goshen ihre Geschichte auf.

Die junge und die alte Frau verstricken sich unabhängig voneinander und eher zufällig in eine Lügengeschichte, die sie befreit und ihnen eine Stimme verleiht. Endlich werden sie gehört, endlich wird ihnen Aufmerksamkeit geschenkt. Dass das just in dem Moment geschieht, als sie nicht von sich erzählen, sondern sich die Geschichten anderer einverleiben, zeigt das moralische Dilemma der Figuren, das überaus erhellend beschrieben und amüsant erzählt wird.

Im Fall der jungen Nuphar ist es die erfundene Vergewaltigung – der abgehalfterte Medienstar Avishai Milner fährt der jungen unscheinbaren Eisverkäuferin Nuphar dermaßen überheblich über den Mund, dass sie weinend und schreiend in den Hinterhof flieht. Die zufällig vorbeikommenden Polizisten hören das Mädchen, folgen den Schreien und stellen ihm Fragen, auf die Nuphar kaum mit einem Nicken antworten muss – und sofort wird sie als das Opfer angesehen, wird im Polizeipräsidium befragt, in Talkshows eingeladen, wird für ihren Mut gelobt und endlich wahrgenommen.

Im Fall der alten Raymonde handelt es sich um eine Lüge, die schwerer wiegt, denn Raymondes Lüge hat das Zeug, die Leiden eines ganzen Volkes zu verhöhnen. Als ihre Mitbewohnerin, eine Schoah-Überlebende, stirbt, schlüpft sie im wahrsten Sinne des Wortes in deren Kleider und erzählt statt ihrer von den Schrecken in den Konzentrationslagern.

Es ist ein wirkliches Glanzstück, das Gundar-Goshen gelingt, denn in keiner Sekunde werden die Leiden der wirklichen Opfer in Frage gestellt oder entwürdigt – im Fall der alten Raymonde erscheint es sogar als Ehre und Auszeichnung, das Leben der Freundin weiterzuführen, und als eine historische Notwendigkeit, als lebender Zeuge den Besuchern der Gedenkstätten erzählen zu können. Im Fall der jungen Nuphar ist der me-too-Ruf der Umweg, den sie gehen muss, um sich selbst anzunehmen. Endlich blüht sie auf und passt in die Kleider der strahlenden jüngeren Schwester. Auf diese Weise erzählt Gundar-Goshen, wie sprachliche Strukturen und Erzählmuster zur Befreiung für die Individuen und vom Individuum werden können. Aber: Lügen darf man nicht!

Ines Lauffer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Robert Seethaler -Das Feld

Hanser Berlin, 22 €
978-3-446-26038-2

Robert Seethaler hat die große Fähigkeit, fesselnde und berührende Romane über gänzlich unspektakuläre Menschen zu schreiben. Seine Protagonisten sind keine strahlenden Helden, keine Gefallenen, sie erleben keine schicksalsträchtigen Dramen, keine Liebespassionen, haben aber mit dem, was ihnen das Leben zumutet, genug zu tun. Sie leben ihr Leben, und der staunende Leser ist zutiefst beglückt, ihnen dabei folgen zu dürfen. Sein neuer Roman hat nicht einmal mehr eine Hauptperson. Hier kommen Menschen zu Wort, die zumeist wenig miteinander verbindet – außer dem Ort, an dem sie oder zumindest ihre Körper sich befinden: dem ältesten Teil des Paulstädter Friedhofs, „das Feld“ genannt.

Hierhin kommt jeden Tag ein Mann, läuft zwischen den Gräbern umher, setzt sich auf eine Bank und hört ihre Stimmen. Neunundzwanzig Tote, dreißig Stimmen. Denn der Erzähler lebt, und die Toten erzählen aus ihrem Leben: eine kurze Begebenheit, einen Moment des Glücks, Leid, Schicksalsschläge. Eine ganze Erzählung oder einen Absatz lang, einmal auch nur ein Wort. Manche kannten sich näher, manche nur vom Sehen, einige waren Paare, andere stehen gänzlich für sich. Einer erlebt, dass man auch als Toter noch verlassen werden kann. Eine Frau erzählt von der siebenundsechzig Tage währenden Freundschaft zu der uralten Henriette, der sie nur sechsundzwanzig Tage später in den Tod folgt. Ein Pfarrer spricht darüber, wie eine Berufung zum Fluch wird, ein Vater gibt seinem Sohn aus dem Grab heraus (gute?) Ratschläge. Ein Briefträger erinnert sich an seine Tour, ein Bürgermeister schwadroniert von seinen (Un-) Taten. Nach und nach verdichten ihre Erzählungen sich zu einem vielfältigen Chor, in dem jede Stimme ihre eigene Melodie singt, alle zusammen sich dennoch zu einem Ganzen vereinigen – einem Chor der Toten, die das Leben erzählen. Das schrammt auch schon mal hart am Kitsch vorbei, aber Seethalers unnachahmlich lakonischer Tonfall verhindert zuverlässig ein Abrutschen.

Dieses Buch liest man nicht an einem Stück durch und ist dann fertig. Manchmal reicht ein kurzer Absatz, der noch lange nachklingt, eine überraschende Wendung lässt innehalten und das Buch erst einmal hinlegen. Aber anders als bei Erzählungen, bei denen es oft unbefriedigend ist, wenn man die gerade gelesene mit der nächsten gleich wieder wegwischt, entsteht hier eine Verbindung zwischen den Personen. Man begegnet den gleichen Namen öfter, immer in anderen Zusammenhängen, und es entsteht eine Vertrautheit, die sich im Laufe der Lektüre verstärkt. Obwohl jede Erzählstimme aus dem Totenreich kommt, ist Das Feld kein trauriges oder niederdrückendes Buch – es ist das pralle Leben. Es ist so, wie der Erzähler im Buch sagt: „dass der Mensch vielleicht dann erst endgültig über sein Leben urteilen konnte, wenn er sein Sterben hinter sich gebracht hatte.“

Ruth Roebke, Bochum

Buchempfehlung – Manfred Theisen, Einer von 11

In einer Halbzeitpause könnte man ihn lesen, diesen inneren Monolog am Spielfeldrand. Gedanken eines (fiktiven?) Fußballers der deutschen Nationalmannschaft kurz vor der Einwechslung. Eines Spielers mit deutschem Pass und deutscher Kindheit, aber eben auch mit nigerianischen Wurzeln. Diese Wurzeln kann er zwar nicht fühlen, dafür kann sie aber jeder sehen. Die Farbe seiner Haut, die Beschaffenheit seiner Haare setzen viele immer noch gleich mit seinem Sein, meistens freundlich, anerkennend – immerhin schießt er ja für Deutschland Tore –, aber doch kurz verblüfft, wenn er fehlerfrei deutsch spricht. Wie wütend das seine Mutter immer gemacht hat, als er noch klein war, daran erinnert er sich. Und daran, wie sein Vater ihm sein Heimatland zeigen wollte, wie fremd ihm selbst aber die afrikanische Luft und seine nigerianischen Verwandten waren. Und er erinnert sich daran, wie sehr er sich wünschte, wie alle anderen zu sein, zu Hause, in Deutschland. Einfach nur einer von ihnen will er sein und heute einer von 11.

Und wir, wir wollen so gerne glauben, längst ohne Vorurteile auszukommen. Und unsere Kinder wachsen mit der kleinen Emma auf, deren Vater aus Puerto Rico kommt, und dem kleinen Otto mit den asiatischen Gesichtszügen. Und doch gibt es manchmal diesen winzigen Moment des Überraschtseins, den wir uns nur ungern eingestehen, dann nämlich, wenn einer dieser Fußballer am Spielfeldrand, vom Journalisten befragt, ganz akzentfrei erklärt, welche Strategie er mit dem Trainer besprochen hat und wie es seiner rechten, kürzlich verletzten Wade geht.

„Noch heute gibt es Menschen, die sich für etwas besseres halten, weil sie noch nie irgendwo fremd gewesen sind, höchstens als Touristen und Besucher“, denkt dieser Fußballer auch am Spielfeldrand, „aber ich bin kein Besucher!“.

Wie alt man ist und ob man sich für Fußball interessiert, ist bei diesem 64 Seiten umfassenden Büchlein gar nicht wichtig. Es geht um Zugehörigkeit, um alltägliche unbewusste Aus- und Abgrenzung, um gesellschaftlich hoch aktuelle Fragen. Vier Wochen WM sind ein guter Anlass, um sich bei einer bunt gemischten deutschen Mannschaft mal wieder klar zu machen, was wir eigentlich damit verbinden, wenn wir von „deutsch“ sprechen.

Manfred Theisen hat sicher nicht ohne Grund den Spieler eines Mannschaftssports gewählt, um uns mit unseren eigenen gedanklichen Schubladen zu konfrontieren. Eine Mannschaft ist erst dadurch stark, dass sie ganz unterschiedliche Menschen entsprechend ihrer Fähigkeiten und individuellen Stärken einzusetzen weiß. Wären alle gleich, hätte diese Mannschaft keine Chance. „Deutschland ist ein zerbrechliches Gebilde, zersplittert, vereint, zerfallen, größenwahnsinnig, besetzt, geteilt, wieder vereint und unaufhaltsam suchend“, lesen wir in Einer von 11. Genau das ist dieses Land und deswegen so ein guter Ort, weil hier so viele unterschiedliche Menschen hoffentlich auch zukünftig friedlich miteinander leben können.

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Buchempfehlung

Fernando Aramburu – Patria

Rowohlt Verlag, 25 €
978-3-498-00102-5

ETA, IRA und RAF – der Terror, der von europäischen Terrorzellen ausging, ist im kollektiven Gedächtnis zurückgetreten hinter die Nachrichten über den internationalen Terror seit dem 11. September 2001. Und doch ist das alles gerade erst gewesen. Erst dieses Jahr hat die ETA offiziell ihre Auflösung bekanntgegeben. Zwar war es mittlerweile um die ETA so still geworden, dass niemand mehr eine wirkliche Bedrohung in ihr sah, aber die Meldung erinnert wie Fernando Aramburus Roman Patria an andere Zeiten, in denen die Zahlen der jährlichen Anschläge und Todesopfer in Westeuropa im Schnitt tatsächlich weitaus höher lagen als in den letzten zwanzig Jahren.

Aramburus preisgekrönter Roman Patria ist in Spanien ein Bestseller, geschrieben von einem Autor, der zwar Spanier bzw. Baske ist, mittlerweile aber in Deutschland lebt und damit zusätzlich zur zeitlichen auch noch die räumliche Distanz nutzt, um auf die Hochzeit der ETA-Bewegung zu blicken. Patria beschreibt nicht vornehmlich die Ideen oder die Ziele der ETA, sondern besonders eindrücklich den schleichenden Mechanismus, mit dem eine terroristische Gruppierung den Alltag unterwandert, Ausgrenzungen betreibt, Familienleben und Freundschaften zerstört, und wie aus kleinen Jungs, die eben noch Kleine-Jungs-Streiche machten, Terroristen werden – beinahe übergangslos geht das, beinahe gedankenlos.

Schauplatz des Geschehens ist ein kleines Dorf im Baskenland, in dem der Fabrikbesitzer Txato an einem verregnetem Nachmittag nach seinem Mittagsschläfchen auf dem Weg zur Arbeit auf offener Straße erschossen wird. Txato wird schon lange bedroht und öffentlich diffamiert, hat schon lange Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, er tut sein Bestes, um in seinem Alltag nicht vorhersehbar zu sein, wechselt Wege und Autos, die Tochter wird weit weg zum Studieren geschickt, und mit Geld versucht er die ETA zu beruhigen und beruhigt doch vor allem sich selbst.

Gut war dieses Leben schon lang nicht mehr, die Familie hat im Dorf keine Freunde mehr, und gerade die engsten, die liebsten haben sich abgewandt: Joxian und Txato stiegen jeden Sonntag gemeinsam aufs Rennrad, die Ehefrauen Miren und Bittori kannten sich seit Kindertagen. Aber just der Sohn von Miren und Joxian geht zur ETA – hat er Txato getötet? Nach dem Mord an ihrem Mann verlässt Bittori das Dorf, sie wird von ihren Kinder nach San Sebastián gebracht, aber das Haus behält sie über all die Jahre der Abwesenheit.

Aramburus Roman beginnt in jenem Moment, als sich Bittori dem Dorf und ihrem Haus langsam wieder nähert und, ebenfalls mit zeitlichen Abstand, zu verstehen versucht, was eigentlich passiert ist.

Patria ist zu gleichen Teilen ein Roman über den Terror der ETA und ein Familien- und Freundschaftsroman, ein Ehe- und Liebesroman – ein wahnsinnig gut geschriebenes, vielstimmiges Buch, das man wie eine gute Serie einfach nicht abschalten kann. Unbedingt lesen.

Ines Lauffer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Éric Vuillard – Die Tagesordnung

Matthes&Seitz Verlag, 18 €
978-3-95757-576-0

Vierundzwanzig Industrielle waren es, die am 20. Februar 1933 von Hitler zur Kasse gebeten wurden, um die letzte Phase des Wahlkampfs der Nationalsozialisten zu finanzieren. Keiner muckte auf, alle entrichteten ihren Obolus, war ihnen doch die Befreiung vom Übel des Kommunismus versprochen worden, die Abschaffung der Gewerkschaften und das uneingeschränkte Führertum im eigenen Unternehmen. Die besten Prämissen für gesicherten Gewinn, und das über Jahrzehnte.

Mit Österreich verfuhr Hitler anders als mit dem Klerus der Großindustrie, er setzte Bundekanzler Schuschnigg massiv unter Druck. Aber letztendlich reagierte dieser ähnlich: Er beugte sich dem Bluff. Der Triumph des rätselhaften Respekts vor der Lüge, das ist es, was Vuillard hier seziert, der Triumph der Machenschaften über die Tatsachen. Mit diesem literarischen Meisterwerk gewann der Autor in Frankreich die höchste literarische Auszeichnung, den Prix Goncourt. Neben der ihm entgegengebrachten Wertschätzung ist ihm auch Überheblichkeit vorgeworfen worden. Nun, Satire arbeitet mit gespitztem Bleistift. Und natürlich ist es leichter, aus der Distanz von Jahrzehnten darüber zu urteilen, wie dilettantisch Hitlers erste Schritte in der Politik de facto waren, wie leicht die Industrie und die anderen Großmächte seinen politischen Parolen auf den Leim gingen. Aber spätestens jetzt müssten im Publikum die Alarmglocken läuten. Warum? „Man stürzt nicht zweimal in denselben Abgrund. Aber man stürzt immer auf dieselbe Weise, in einer Mischung aus Lächerlichkeit und Entsetzen.“

Wenn Geschichte so erzählt wird, wie Vuillard zu erzählen vermag, begreift man das ganze Ausmaß ihrer Ungeheuerlichkeit. Und das gilt für gestern wie auch für heute. „Die größten Katastrophen kommen oft auf leisen Sohlen.“ Das sollte uns zu denken geben.

Susanne Rikl, München

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Nadja Spiegelman – Was nie geschehen ist

aus dem Amerikanischen von Sabine Kray

Aufbau Verlag 22 €
978-3-351-03705-5

„Als ich klein war, beobachtete ich, wie meine Mutter vor jeder Begegnung mit ihrer Familie Haltung annahm, sich vorbereitete – ich sah den strengen Blick, mit dem sie sich im Spiegel musterte, und den Lippenstift, den sie wie eine Rüstung auftrug.“

Nadja Spiegelman macht sich auf den Weg in die Vergangenheit. Will verstehen, wer oder was die Beziehung ihrer Mutter zu deren Mutter belastet hat. Will wissen, was damals geschehen ist, und ist damit auch auf der Suche nach Antworten für ihre eigene Kindheit.

Dafür verlässt sie ihr geliebtes New York, begibt sich auf die Reise zu ihrer französischen Großmutter nach Paris. Von der noch rüstigen älteren Dame wird sie mit offenen Armen aufgenommen. Nadja trifft auf eine ungewöhnlich willensstarke Frau. Josée, ihre „Grand-mére“, wie sie allerdings nicht genannt werden will, lebt seit ihrer Scheidung alleine auf einem Hausboot und genießt dort ein von Männern befreites, selbstbestimmtes Leben. Behutsam baut sich eine intensive Beziehung der beiden auf. Mit klugen, einfühlsamen Fragen dringt Nadja mehr und mehr in längst vergessene Erinnerungsschichten ihrer Großmutter vor. Schaut und hört genau hin. Das bleibt selbstverständlich nicht ohne Wirkung auf ihr eigenes Empfinden und Selbstbildnis. Hilft es, das Verhalten ihrer eigenen Mutter besser zu verstehen?

Eine gemeinsame Reise der drei Frauen wird geplant und realisiert. Viele schöne und weniger schöne Erinnerungen kommen dabei an die Oberfläche. Nicht alle stimmen auch überein, es gibt eben nicht nur die eine Wahrheit. Dennoch, es ist ein Weg, das Verhalten, die Persönlichkeit der anderen zu verstehen. Schmerz, Verletzungen, Übergriffe haben sich tief in die Seelen eingegraben. Auch wenn einiges weiterhin im Dunkeln bleibt oder bleiben soll, verändern die Gespräche das Leben und Miteinander dieser drei Frauen. Erzählend, zuhörend, verstehend finden sie mehr als nur eine versöhnliche Annäherung zueinander.

„Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden, aber es kann nur in der Schau nach vorwärts gelebt werden.“ Sören Kierkegaard

Drei Frauen, drei Generationen, drei Leben. Nadja Spiegelman hat daraus ein fantastisch authentisches Buch gemacht. Soviel Lebensweisheit würde man bei einer Autorin, die gerade mal 30 Jahre alt ist, niemals vermuten. Eine unglaublich talentierte Erzählerin hat hier ihren Debütroman vorgelegt. Eines der besten Bücher zum Thema Großmutter-Mutter-Tochter-Beziehung.

Brigitte Hort, Eitorf

Buchempfehlung

Catalin Mihuleac – Oxenberg & Bernstein

Zsolnay Verlag, 24 €
978-3-552-05883-5

Vintage, Retro, „shabby chic“, aus den Nähten platzende Flohmärkte und prächtig florierende Second Hand Läden.

Geschichten fügen den profanen Dingen des Alltags etwas hinzu, verleihen ihnen einen ganz besonderen Wert. Das war schon immer so und ist auch heute überall zu besichtigen: Der Schuhschrank aus den 50ern, das Grammophon aus den 20ern, die Schelllackplatte. Das alles wird von einer wildromantischen Aura umweht, das alles sind neckische Zitate einer Vergangenheit, die jetzt die eigene Individualität krönen sollen. Geschichte, zur Story verknappt, als Verkaufsargument: Alt ist sexy, „Vintage“ füllt die Kassen.

Sânziana Stipiuc, 35, von Beruf Buchhalterin, bekommt eines Tages von ihrem Chef einen ganz besonderen Auftrag: Sie ist die einzige, die englisch spricht und darum als einzige qualifiziert, die amerikanischen Juden zu empfangen, die aus geschäftlichen Gründen in die Stadt kommen. Sânziana fügt sich der Anweisung ihres Vorgesetzten und lernt so Mutter und Sohn Bernstein kennen, die ein Vermögen mit dem Handel von Secondhand-Klamotten gemacht haben. Nach ein paar Tagen ist klar: Sânziana war die längste Zeit Buchhalterin, wird fürderhin in Amerika an der Seite von Ben Bernstein und unter dem schwiegermütterlichen Regiment Dora Bernsteins leben und vor allem nicht länger Sânziana Stipiuc, sondern Suzy Bernstein heißen.

In Amerika angekommen, entwickelt sich Suzy schnell zu einer taffen Geschäftsfrau, die das Geschäft mit den Klamotten mit „Story“ aus dem Effeff beherrscht. Sie vergisst auch ihre eigene arme rumänische Familie nicht, bedenkt sie mit lukrativen Posten in der frisch eröffneten Dependance in Rumänien – sie kümmert sich nach Kräften, singt zähneknirschend das Hohelied des Kapitalismus.

Trotz des Erfolges steht für Suzy allerdings nichts zum Besten: Das Land jenseits des Ozeans, die neue jüdische Identität und die neue Tätigkeit stellen die Perspektive auf die Dinge auf den Kopf: Suzy taucht in die Geschichte der Familie Bernstein ein, beginnt, sich gewissermaßen rückwärts durch die Zeit zu bewegen, um schließlich beim 29. Juni 1941 anzulangen, jenem Schreckenstag, an dem der lange angestaute und staatlich forcierte Antisemitismus in Rumänien zum Massaker von Iasi führte. Jenes Datum, das das finstere Gravitationszentrum des Buches bildet, der Ort, an dem sich Vergangenheit und Zukunft treffen.

Cātālin Mihuleac lässt den Leser Suzy Bernstein über die Schulter schauen. In schnoddrig-schöner Sprache, die mit rasiermesserscharfen Bildern daherkommt und sich meisterhaft darauf versteht, Lacher zu provozieren, die schon im nächsten Augenblick jäh in der Kehle stecken bleiben, erkundet er, Suzy als zornige Erzählerin vorgeschaltet, die Geschichte des rumänischen Antisemitismus, die auch die Geschichte der rumänischen Juden ist.

Dabei lässt er Suzy einerseits von ihrer Recherche-Reise durch die Zeit erzählen. Andererseits lässt er sie die fiktive Familiengeschichte der wohlhabenden jüdischen Familie Oxenberg aus Iasi dokumentieren, die unter den antisemitischen Repressionen und Übergriffen des pro-faschistischen Regimes leidet und schließlich an eben jenem verhängnisvollen Tag im Juni 1941 zerrissen wird.

Alles hat eine Geschichte. Geschichte ist aber etwas anderes als eine „Story“. Geschichte ist nicht immer dazu angetan, einen Gegenstand wertsteigernd zu veredeln. Vielmehr enthüllt sie mitunter dunkle Flecken, die wiederum eine nette Story verderben können.

„Die Historiografie zerschlägt in der nationalen Vitrine wertvolle Kristallgefäße. Der Patriotismus, entworfen, um ewig zu strahlen, wird zu Blech.“

Mihuleacs Buch Oxenberg & Bernstein, das bereits 2014 in Rumänien erschienen ist, ist eine zornige Zeitkritik, eine enthüllende Halbfiktion, die mit Bedacht und Akkuratesse die historischen Fakten des rumänischen, des europäischen Antisemitismus zu einer grandiosen, aber beißend-ungemütlichen Erzählung arrangiert, die tief unter die Haut geht.

Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Kissina, Julia Revolution Noir Autoren der russischen “neuen Welle”

Suhrkamp Verlag 24€

Der Titel des Nachworts der Herausgeberin und Illustratorin dieser Anthologie, Julia Kissina, klingt vermessen: „Goodbye Dostojewski“. Nein, diese Anthologie macht den Meister sicher nicht obsolet. Gemeint ist aber etwas anderes: Die Anthologie Revolution Noir. Autoren der russischen „Neuen Welle“ fügt den bestehenden Bildern über Russland neue hinzu, indem hier Erzählungen erstmals in deutscher Sprache erscheinen oder überhaupt zum ersten Mal publiziert werden.

Wenn man einige der Erzählungen, die als manieriert und geschwätzig kaum in Erinnerung bleiben, auch beiseitelassen kann, heißt das nur mehr Aufmerksamkeit für die wenigen großartigen Beispiele, die Erstere wieder aufwiegen. Besonders schön ist „Die Reise des Lukas“ (1992) von Wassili Kondratjew, in der ein Mann an einem verlassenen Bahnhof aus dem Zug steigt und sich in der Wildnis verliert. Fantastisch grotesk und dabei fast naturalistisch in der Schilderung beengter Wohnverhältnisse in einer Kommunalwohnung ist die Erzählung „Der Sprung in den Sarg“ von Juri Mamlejew über eine alte Dame, die zwar todkrank ist, aber nicht sterben kann. Ihre Verwandten beklagen, die Pflege bringe sie noch ins Grab, und überreden die Kranke deshalb dazu, ihrerseits freiwillig ins Grab zu steigen.

In Erinnerung bleibt die Geschichte vom „Menschenfresser-Flugzeug“ von Pavel Pepperstein, der den Zweikampf zwischen einem Giftmischer und dem Menschenfresser-Flugzeug irgendwo in der Luft zwischen London und Reykjavík erzählt. Sorokin kommt, wie kann es auch anders sein, in seiner Erzählung „Asche“ wieder laut und gewaltig mit spritzenden Eiterbeulen und menschenfressenden Gourmands daher, und mit einem klaren Sieg über den Nationalismus im heutigen Russland. In „Zweckmäßigkeit“ von Alexej Parschtschikow wird die Arbeit eines Absamers geschildert und dabei in zarte Transzendenz gehüllt, die so gar nicht zu dem scheinbar derben Beruf passen will. Blut, Eiter, Stiersperma –alles ist so explizit und extrem geschildert, wie es sich für eine Avantgarde gehört. Aber die wohl extremste Erzählung des Bandes ist die, in der Kafka als sorgenfreies Familienoberhaupt Mitte fünfzig portraitiert wird. Zufrieden mit seinem geleisteten schriftstellerischen Tagwerk genießt er die deftigen Speisen seiner Gattin und schaukelt seine kleine Enkelin auf den Knien.

Beinahe ebenso spannend wie die Erzählungen sind die Kurzinformationen über die Autoren und Autorinnen am Ende des Bandes. Ihre Biografien spiegeln die ereignisreichen Jahre nach dem Ende des sowjetischen 20. Jahrhunderts wider und die Versuche, mit Emigration und subversiver künstlerischer Tätigkeit die Zensur und Verfolgung zu umgehen.

In ihrem Nachwort erklärt Kissina auch den Titel der Anthologie. Drei Avantgarden habe es in Russland gegeben, und alle hätten auf ihre Weise auf revolutionäre gesellschaftliche Umschwünge reagiert: die erste Avantgarde, auch klassische Avantgarde, genannt, suchte in den 1920er Jahren ihre Stellung zwischen revolutionärem Kampf und individuellem künstlerischem Ausdruck. Die zweite Avantgarde, dann sei mit der Tauwetter-Periode ab 1956 verbunden. In der vorliegenden Anthologie finden sich nun Vertreter der sogenannten dritten Avantgarde zusammen, die allesamt die Jahre der Perestroika künstlerisch mit verfolgten und – soweit es ihnen möglich war – künstlerisch mitgestalteten. „Noir“ ist eine besondere Ausformung des künstlerischen Ausdrucks in den 1980er Jahren – eine fröhlich-groteske, morbide Antwort auf den schon seit langem schal gewordenen sozialistischen Optimismus. Brandneu ist diese „neue Welle“ also nicht mehr. Umso besser, dass ihre Vertreter endlich in deutscher Sprache vorliegen.

Alena Heinritz, Graz

 

Buchempfehlung

Mareike Fallwickl – Dunkelgrün fast schwarz

Frankfurt Verlagsanstalt, 24 €
978-3-627-00248-0

Moritz und Raffael haben eine gemeinsame Geschichte voll dunkler Geheimnisse. Ihre Freundschaft beginnt 1986 in Hallein am Dürnberg, sie endet 2017 mit Raffaels Besuch bei Moritz; 16 Jahre haben sie sich da nicht gesehen. Johanna, die im letzten Schuljahr zu den beiden stieß und von dem Moment an nicht mehr von der Seite der Freunde wich, wird das Dreieck nach 16 Jahren mit allen Wunden und Gefahren der Vergangenheit wiederbeleben. In ihrem Romandebüt zeichnet Mareike Fallwickl in wirkungsvollen Kontrasten Menschen, die über Jahre Gefangene ihrer selbst und überkommener gesellschaftlicher Muster sind, bis der Knoten endlich doch zerschlagen wird.

Er steht eines Abends vor Moritz‘ Tür, in der Hand einen Koffer: Raffael, alter Freund aus Kindertagen, Frauenschwarm immer schon, auch bei Moritz hochschwangerer Freundin Kristin zaubert er aus dem Nichts ein Lächeln auf ihr Gesicht.

Doch Kristin durchschaut Raffael schon nach wenigen Tagen und bittet, fordert, fleht Moritz an, sich und sie und ihr gemeinsames Kind zu retten: Vor der Vergangenheit, die mit Raffaels Besuch wieder hochkocht, und vor der Wendung, die Moritz‘ Leben in der Hand von Raffael nehmen könnte.

Moritz, der Zaghafte, Weiche, künstlerisch Begabte, der die Aura der Menschen sehen kann – er verliert sich selbst immer noch in Raffaels Gegenwart. Dessen Abgebrühtheit war schon in Kindergartentagen maßlos, Raffael quälte jeden und jede, körperlich, seelisch, übertrat seine Grenzen, meist zum Schaden der anderen. Für Johanna, die ihre Eltern mit 17 durch einen Autounfall verloren hatte, war und ist der unnahbare Raffael die Herausforderung ihres Lebens.

Erzählt wird die Geschichte der drei Jugendlichen von Moritz, seiner Mutter Marie und von Johanna, und auch diese Konstellation der Erzählenden birgt mehr als nur ein Geheimnis. Am Ende wird sich für alle etwas ändern, werden sich die Farben neu mischen und jeder wird die Chance bekommen, etwas längst Vergessenes wiederzuentdecken.

Susanne Rikl, München

Buchempfehlung

Omar Robert Hamilton

Stadt der Rebellion

Wagenbach Verlag, 24 €
978-3-8031-3294-9

Kairo 2011: Endlich dämmerte da am verfinsterten Firmament die große Freiheit herauf. Endlich erhoben sich die Jungen, Progressiven, Utopisten, die Betrogenen und die Geschundenen, um für ihre Rechte zu kämpfen.

Das Internet half, das marode System Mubaraks zu stürzen. Facebook, Twitter, YouTube: Supranationale Verteiler, Katalysatoren der großen Revolution, die die Stimmen von Millionen Menschen zu einem wütenden Chor zusammenfassten, der das autoritäre System in den Orkus twitterte.

Für wenige Momente in der Geschichte des Landes schien sich all das zu einem drehbuchreifen Narrativ zu fügen. Ein Happy-End deutete sich an. Und ein weiter Raum öffnete sich, in dem alles möglich schien: „Ja, Kairo ist Jazz. Kein Lounge-Jazz, der die Geschichte weißen will, sondern die Hitze von New Orleans und die Schlachthofabfälle von Chicago. Der Jazz, der Schönheit in der Zerstörung der Vergangenheit hervorbringt, der Jazz einer unbekannten Zukunft, der Jazz, der Freiheit von der schlimmen, alten Zeit verspricht.“

Omar Robert Hamilton erzählt die Geschichte dreier junger Menschen, die sich, als die Proteste auf dem Tahrir-Platz anheben, zu einem Medienkollektiv zusammenfinden, um für ihre Idee von Ägypten zu kämpfen.

Wütend, idealistisch und voller Elan werfen sich das junge Paar Khalil und Mariam und ihr Freund Hafez in den Kampf. Sie filmen, fotografieren, besprechen sich mit anderen Aktivisten, organisieren Protestgruppen und hauen eingekerkerte Revolutionäre aus den Gefängnissen des Regimes heraus. Sie sind intelligent und wissen die internationale Öffentlichkeit des Internets für sich zu nutzen. Sie schonen sich nicht, und die Energie scheint grenzenlos zu sein. Doch wieder und wieder wird das Durchhaltevermögen, werden die Ideale der jungen Leute durch die politischen Machtverschiebungen erschüttert: Auf Mubarak folgt Mursi, auf Mursi Feldmarschall as-Sisi, und allen ist gemein, dass sie gemeinsame Sache mit Polizei und Militär machen und dass sie keinerlei Skrupel haben, Gegenstimmen mit äußerster Brutalität zum Schweigen zu bringen.

Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass die politischen und gesellschaftlichen Realitäten von Kräften bestimmt werden, die im Verborgenen zu operieren scheinen, unberührt von den Protesten des Volkes. Die Sinnfrage beginnt, die anfängliche Euphorie und die kleinen Triumphe über Mubarak und den Polizeiapparat anzukränkeln, das Vertrauen in die Kraft der Medien erodiert, und schließlich droht auch das Kollektiv – und nicht zuletzt die Beziehung zwischen Khalil und Mariam – an der um sich greifenden Resignation zu zerbrechen. „Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich, von jeder Kleinigkeit, jeder Zukunftsmöglichkeit in Ekstase versetzt, durch die Straßen lief. Alles, was ich jetzt noch sehe, sind seelenlose Neonröhren und sterbende Tiere und zersplitterte Fenster in bröckelnden Gebäuden und unausweichliche Erinnerungen, die diese schweflige Stadt unserer Toten ausmachen, unserer Mega-Nekropole des Scheiterns.“

Stadt der Rebellion ist ein Buch, das die faktischen Ereignisse der ägyptischen Revolution mit einer fiktiven Geschichte verzahnt und auf diesem Weg einen Einblick in die Dynamik der Protestbewegung gewährt. In prägnanten Bildern werden die Gräuel der Straßenschlachten, die unermessliche Trauer der Eltern, deren Söhne und Töchter bei den Zusammenstößen ihr Leben ließen, die Verwirrungen über die politischen Umwälzungen und die Gedankenwelt jugendlicher Revolutionäre geschildert. Dabei bedient sich Hamilton mal des elegischen Monologs, mal der Schilderung hitziger Diskussionen und immer wieder der Kürzestform von Tweets, SMS und Nachrichten, um eine dichte, bedrückende, aber mitreißende Atmosphäre zu schaffen, die glanzvoll die Stimmung zwischen großer Hoffnung, bitterer Resignation und abgeklärter Nüchternheit wiedergibt.

Dieser Roman ist nicht zuletzt die große Erzählung einer im jugendlichen Feuer geborenen Utopie, die durch die harten und unerbittlichen Realitäten politischen Machtmissbrauchs und staatlicher Willkür zu einer unverwüstlichen Idee, einer eisernen Hoffnung wird, für die es sich zu kämpfen lohnt.

Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt