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Anne Weber

Annette, ein Heldinnenepos

Die 1923 in der Bretagne geborene Annette Bemanoir stammt aus einfachen Verhältnissen. Sie wächst in einem liebevollen Elternhaus auf. “Glück ist der Grundton ihres Alltags” heißt es, und diesem Glück verdankt Annette ihren Gerechtigkeitssinn, den Glauben an Freiheit und Gleichheit und ein unerschrockenes Herz.

Mit neunzehn Jahren – sie ist gerade zum Medizinstudium nach Paris gegangen – tritt sie der kommunistischen Résistance bei. Als sie zwei jüdischen Jugendlichen das Leben rettet und damit gegen die Regeln der “clandestines” verstößt, geht sie nach Lyon, wo sie im Widerstand der Gaullisten Kurierdienste leistet. Abgeschnitten von allen persönlicheren Kontakten, von ihrer Familie und dem Mitstreiter Roland, den sie liebt, erlebt sie das Kriegsende in Marseille. Dass Roland von ein paar Bauern erschlagen worden ist, erfährt sie erst später.

Nun ist Frieden. Annette heiratet den Arzt und Kommunisten Jo. Sie schließt das Medizinstudium ab, bekommt Kinder. Aber der Frieden hält für sie nicht: In den fünfziger Jahren beginnt der Algerienkrieg, und selbstverständlich ist Annette auf Seiten der algerischen Unabhängigkeitskämpfer. Sie engagiert sich beim FLN, wird verraten und zu zehn Jahren Haft verurteilt. Sie kann nach Tunesien fliehen, allerdings um den Preis, ihre Familie zurück zu lassen. Dort arbeitet sie als Ärztin. Nachdem Algerien die Unabhängigkeit erlangt hat, geht sie dort hin, um für die neue Regierung im Gesundheitsministerium zu arbeiten. Aber das, was sie bereits nach dem Ende des Weltkriegs erlebt hat, erlebt sie auch hier: Den rivalisierenden Widerstandsgruppen geht es mehr um die Erlangung der Macht als um das Wohl der Menschen. Sie muss erneut fliehen – diesmal vor dem putschenden Militär. Da es in Frankreich immer noch keine Amnestie für “Terroristen” gibt, landet sie schließlich in der Schweiz. So viel zur Handlung, die hier nur absolut verkürzt wiedergegeben wird.

Anne Weber hat die über neunzigjährige Annette Beaumanoir 2018 kennengelernt und ihre Geschichte – gestützt auf Gespräche mit ihr und ihren in Deutschland unter dem Titel Wir wollten das Leben ändern erschienen Erinnerungen – aufgeschrieben. Man meint, beim Lesen Annettes Stimme zu hören, aber auch die der Autorin, die das Erzählte, oft ironisch, kommentiert: Wie verhält es sich mit dem Idealismus, den Prinzipien und dem Streben nach einer besseren Gesellschaft? Wie viel Menschlichkeit opfert man den Ideen, über wie viel ist man bereit hinwegzusehen um des hehren Ziels willen? Was bleibt für diesen Kampf auf der Strecke?

Annette, ein Heldinnenepos hat Anne Weber das Buch genannt, und „Epos“ ist hier wörtlich zu nehmen – äußerlich erkennbar an den ungewöhnlichen Zeilenumbrüchen. Spricht man den Text laut oder intoniert ihn stumm beim Lesen, erkennt man seinen inneren Rhythmus und die poetische Struktur. Trotz dieses Kunstgriffs liest das Buch sich packend, lebendig und wirkt an keiner Stelle gekünstelt. Das ist eine doppelte Freude – man liest eine temporeiche, atemberaubende Lebensgeschichte in der Form antiker Heldenerzählungen – ein stilistisches Wagnis, das Anne Weber wunderbar gelungen ist!

Ruth Roebke, Bochum

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Elisabeth Strout

Die langen Abende

Luchterhand Verlag
20 €

Elizabeth Strout hat die Geschichte von Olive Kitteridge, die sie 2008 in Mit Blick aufs Meer erfunden hat weitererzählt.

Vor gut zehn Jahren hat die amerikanische Autorin Elizabeth Strout einen Roman geschrieben, der im Original Olive Kitteridge heißt (der deutsche Titel war: Mit Blick aufs Meer). Für das Buch bekam sie den Pulitzer Preis. Olive, eine ebenso bärbeißige wie sensible Person – strenge Lehrerin, grobe Ehefrau eines enervierend gutmütigen Mannes und herrische Mutter – war meist Haupt-, in manchen Kapiteln auch nur Randfigur in dem Episodenroman über sie und das kleine Städtchen Crosby an der Küste von Maine.

In dem neuen Roman Olive, again, auf Deutsch leider Die langen Abende begegnen wir der Heldin wieder. Olive ist in der Zwischenzeit Witwe, genauso schlecht gelaunt wie ehedem. Sie beginnt eine Beziehung mit einem dickbäuchigen Witwer, einst schlanker Professor in Harvard, der genau so einsam ist wie sie.

Olive und Jack ziehen mutig zusammen und heiraten. Wenn sie sich zanken, sehnen sie sich mit fast kindlichem Trotz nach ihren früheren Partnern. Meist allerdings sind sie zufrieden, ja sogar glücklich, zusammen zu sein. Aber Strout erzählt hier keine Schmonzette über Liebe unter Senioren. Vielmehr erzählt sie über die Möglichkeit des Liebens, wenn wir älter werden. Und die Möglichkeit uns zu ändern – auch wenn wir alt sind. Olive lernt, eigene Fehler zu sehen, lernt, weniger garstig zu denken und zu sein – jedenfalls versucht sie es.

Zugleich porträtiert Strout erneut die Kleinstadt Crosby in Maine. Sie erzählt viele Geschichten von sehr unterschiedlichen Menschen. Manchmal taucht Olive nur am Rande auf. Strout erzählt von Kayley, der Achtklässlerin, die putzen geht, um Geld dazu zu verdienen, und anfängt zu verstehen, was Begehren ist. Sie erzählt von Cindy, die an Krebs erkrankt ist und deren Mann und Söhne so tun, als hätte sie eine Grippe. Mit ihr redet Olive auch über das Sterben und den Tod, ohne sie zu belügen.

Ausgerechnet die ruppige Olive, der viele Leute im Städtchen aus dem Weg gehen, ist da, wenn Menschen vom Unglück bedroht werden.

Wenn ich den Roman und seine zentrale Figur Olive Kitteridge beschreibe, gerät es schnell zu einer pathetischen Rede, und das ist ziemlich erstaunlich, weil diese Olive eigentlich das Gegenteil von pathetisch ist: Sie ist ungemein biestig, ohne jede Verbindlichkeit, sie hat wenig Freundlichkeit, sie sagt, was sie denkt, ohne Rücksicht auf Benehmen und Verhaltensnormen. Diese Ehrlichkeit ist oft brüskierend, unfreundlich und gemein. Aber Olive handelt nicht so, weil sie jemanden verletzen will oder jemand anderen wegen seiner Andersheit verurteilt. Vielmehr greift sie ein, weil ihr das Handeln und das Benehmen ihrer Mitbürger*innen auf den Wecker fällt, weil sie die verschwiegenen Probleme wahrnimmt. Sie formuliert „Wahrheiten“ über Andere, spricht mit und über Andere, so offen, wie es sich nicht gehört. Olive ist unangepasst in ihrer kleinen Welt, in dem engen und verlogenen Kosmos einer Kleinstadt, weil sie so ist, nicht weil sie damit etwas anderes zeigen will. Olive Kitteridge ist eine unsympathische Heldin, die liebenswert ist. Und das ist die großartige Leistung von Elizabeth Strout.

Dieser Roman macht froh und ist tröstend, während er gleichzeitig ohne Beschönigung die Schrecken des Miteinanders erzählt.

Barbara Determann, Autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Anke Kuhl

Manno!

Klett Kinder Buch
16 €
ab 7 Jahren

Manno – und A Mänafa Mitleid. Die Kindheit ist die Zeit, in der man sehr vieles zum ersten Mal macht. Die Zeit, in der man beginnt, Dinge zu verstehen, dann auch zu durchschauen. Das geht einher mit Erfahrungen. Solche Erfahrungen stellen sich oft mit bestimmten Ereignissen ein – und die sind nicht immer angenehm. Das merkt man selbst Jahre später, wenn man meist lächelnd davon erzählt. In Manno geht es um diese Ereignisse, ihre immense Größe aus Sicht der Betroffenen und das Lachen aus unserer heutigen Sicht. Das ist keine Schadenfreude (obwohl Anke Kuhl zusammen mit ihrem Mann Martin auch darüber ein schönes Buch geschrieben hat), sondern ein ganz grundlegendes Mitfühlen.

In Manno erinnert sich Anke Kuhl an ihre Kindheit in den 70ern. Badezimmer sind grün gefliest, die Hosen des Vaters haben Schlag, und die Frisur der Mutter ist erschaffen aus Lockenwicklern und Trockenhaube. Im Mittelpunkt der Episoden stehen Anke und ihre Schwester Eva. Sie lieben ihre Eltern und sie lieben Openom, das sind Opa und Oma, „sie gehören so sehr zusammen, dass wir ihnen einen gemeinsamen Namen gegeben haben“. Es ist eine Kindheit voller Dramen. Mal ist es ein aggressives Karnickel, dass dem Hasenvater die Nase abbeißt, dann ein falsch aufgenähtes Freischwimmerabzeichen, der Streit der Eltern genau so wie die Explosion der Sonne und diese Schwester, die ihr Eis immer viel schneller isst und dann das eigene bedroht. In einer kleinen Geschichte, ganz am Ende, hören die Mädchen mit dem Vater im Auto einen Schlager, in dem der „Schöne Schmerz“ besungen wird – so kann man es auch sagen. So viel Drama, so viel Liebe ist in dieser Kindheit. Keinen Zweifel lässt die Autorin daran, dass es die schönste, die geborgenste Kindheit ist, die man sich nur vorstellen kann.

Anke Kuhl ist für ihre Kinderbücher bekannt. Zum zweiten Mal (nach „Lehmriese lebt“) erzählt die Frankfurter Künstlerin nun ihre Geschichte in der Form eines Comics. Das ist eine sehr glückliche Entscheidung. Es erlaubt ihr die perfekte Variation des Tempos, Gedanken über das Ende des Universums werden im Bett gedacht, da geht es um Statik, Schutz, Dunkelheit. Aber das Gefecht um die Lieblingsunterhose, das zwischen den beiden Schwestern mit zwei Klobürsten ausgetragen wird, braucht Raum und Dynamik. Die Texte besitzen das gleiche, genaue Timing, manchmal geht es auch ohne Worte, zum Beispiel beim alltäglichen Drama um eine rutschende Strumpfhose. Die aquarellierten Zeichnungen schließlich sind unübertroffen. Der „Mänafa Mitleid“ kommt direkt aus einem ABBA Song. „Gimme Gimme Gimme“ in der lautmalerischen Sprache der Kinder nachzulesen, ist schon sehr lustig – die Choreografie, die die Schwestern hier mit zwei Freundinnen dazu erfinden, treibt einem die Tränen des Glücks in die Augen.

Manno ist ein Buch für alle, und man braucht es so sehr wie eine gute Kindheit.

Jakob Hoffmann, Frankfurt

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Kübra Gümüsay

Sprache und Sein

Hanser Verlag
18 €

Die Sprache, in der wir aufwachsen, formt unser Denken, bestimmt, was wir benennen können, gibt vor, welche Gefühle wir ausdrücken und welche Lebensbereiche kulturell relevant sind, denn nur dann werden in einer Sprache dafür überhaupt Ausdrucksmöglichkeiten geschaffen. Wir sehen nicht, wir fühlen und wissen nicht, was alles außerhalb unseres Denkrahmens denkbar wäre.

Mit Sprache und Sein stellt uns Kübra Gümüşay den Blick der Mehrsprachigen zur Verfügung. Sie ist eine Autorin, die nicht nur zwischen Lyrik und Prosa wechselt, sondern sich nach ihrer Muttersprache, dem Türkischen, auch das Deutsche und Englische so zu eigen gemacht hat, dass sie darin all das zum Ausdruck bringen kann, was ihr wichtig ist. Die Erfahrung, dass sich manche Begriffe nicht übersetzen lassen, weil weder Wörterbücher noch Online-Übersetzer Bedeutungen und semantische Feinheiten abbilden können, haben vermutlich die meisten von uns schon mal gemacht. Und dass ein Wort nur selten ein Wort ohne unscharfe Randbereiche ist, in dem sich durch Kontext oder Betonung Untertöne mit transportieren lassen, wissen wir nicht erst, seitdem wir auch gesellschaftlich wieder über die Verrohung und Entgrenzung von Sprache diskutieren müssen.

Kübra Gümüşay denkt über Sprache und Sprechen nach, wendet sich aber auch dem Sagbaren zu, also Themen, die aus einer tabuisierten Grauzone des Unausgesprochenen langsam ans Licht kommen „Das Internet hat neue Perspektiven aus der Stille zur Sprache gebracht.“ Digitale Diskursräume ermöglichen es Betroffenen, überhaupt Worte zu finden, zum Beispiel für sexualisierte Gewalt im Rahmen der #MeToo-Bewegung. Dass Harvey Weinstein in der vergangenen Woche zu 23 Jahren Haft verurteilt wurde, ist auch als Sieg der Sprache zu sehen, des Ausgesprochenen über das Schweigen. Zeitgleich müssen wir uns mit einer Enthemmung und Entgrenzung der Sprache auseinandersetzen, also dem Gegenteil des reflektierten Schweigens. Das Totschlagargument rechtsgerichteter und fremdenfeindlicher Gesprächspartner ist häufig, „man könne hier ja nicht mal seine Meinung offen äußern“, wenn es um eine vermeintliche Bedrohung durch unterschiedliche Kulturen oder Religionen geht. Michel Friedman sagte hierzu in einem Radio-Interview kurz nach dem Anschlag in Hanau, dass die gesellschaftliche Vereinbarung, nicht alles und sofort auszusprechen, was uns durch den Kopf geht, einen wichtigen Namen trägt, nämlich: Zivilisation. Es gilt heute also mehr denn je, umsichtig abzuwägen, in welchen Bereichen zu viel und in welchen zu wenig gesagt wird.

In Sprache und Sein schult die Autorin darüber hinaus unsere Wahrnehmung der Ent-Individualisierung von Mitmenschen anderer Herkunft. Sie trägt Beispiele aus eigener Erfahrung und denen anderer kulturell oder politisch aktiver Musliminnen dafür zusammen, wie stark sie als „Kopftuchträgerin“ oder als junge Frau mit Migrationshintergrund wahrgenommen werden und wie selten als Person. Journalist*innen befragen sie als muslimische Frau, anhand derer zu verstehen versucht wird, wie alle anderen funktionieren. „Und jedes Exemplar der Spezies Muslim*innen ist wie das andere. Ob jung, alt, queer, weiß, schwarz, of Color, mit oder ohne Behinderung, geflüchtet, Arbeiter*innen, Akademiker*innen – sie alle werden ihrer Stimme und Sichtbarkeit beraubt.“

Unsere kultur- und sprachbedingte Klassifizierung der Welt in Schubladen und Stereotype gilt es wahrzunehmen, aufzubrechen und bestenfalls abzulegen. Kübra Gümüşay veröffentlicht hierzu nicht nur regelmäßig Kolumnen (https://kubragumusay.com/kolumnen/), sondern hat mit wachem und kenntnisreichen Blick ein wichtiges und unbedingt lesenswertes Buch geschrieben!

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Ali Smith

Herbst

Luchterhand Verlag
22 €

Was ist nicht schon alles über Ali Smiths Roman Herbst gesagt worden: Er sei ein Brexit-Roman, ein Roman über die Pop-Künstlerin Pauline Boty, über die Profumo-Affäre und Christine Keeler. Aber Ali Smiths Herbst ist vor allem eines: Ein unglaublich gut geschriebener Roman, der uns vor Augen führt, warum wir die Literatur so sehr lieben. Nicht, weil sie uns Fakten liefert, nicht, weil sie uns nochmals abbildet, was wir in der sogenannten Wirklichkeit bereits erlebt und vielleicht auch schon wieder vergessen haben, sondern weil sie die unangefochtene Künstlerin der Fiktion ist, weil sie fabulieren kann, weil sie eine phantastische Künstlerin ist. Gerade noch tot am Ufer angeschwemmt, rennt Daniel Gluck wie ein junger Gott ins Gebüsch und versteckt sich zwischen den Blättern, ist selbst entzückt und beglückt, auf einmal wieder ein Knabe zu sein (diese „hübschen, jungen Füße“), ein andermal steckt er in einer schottischen Kiefer fest und ist auch darüber beglückt, es hätte ja auch eine Zwergkonifere sein können. Aber wer ist jetzt Daniel Gluck?

Wer will, der kann die Geschichte also auch so lesen: Elisabeth Demand, eine Kunsthistorikerin mit Lehrauftrag um die 30, besucht ihren ehemaligen Nachbarn und Freund, den knapp 100-jährigen Daniel Gluck, im Krankenhaus. Wann immer sie ihn besucht, schläft er. Daniel wird für Elisabeth nicht mehr aufwachen. Er schwebt zwischen Leben und Tod. Und von diesem Punkt an bekommen wir die ungewöhnliche Freundschaft der beiden erzählt. Elizabeth Demand ist 9 Jahre alt, als ihre Mutter den 80-jährigen Nachbarn Daniel Gluck fragt, ob er auf ihre kleine Tochter aufpassen kann. Aber Elisabeth geht bald auch gerne zu ihm, wenn die Mutter zu Hause ist. Denn anders als ihre alleinerziehende Mutter hat er Zeit, ihr die Welt zu zeigen, und das heißt bei Mr. Gluck: die Welt zu sehen, zu hinterfragen, was man sieht, es nochmals zu wenden und anders zu sehen, nochmals neu zu erzählen. Als die beiden einmal Spazieren gehen, erfinden sie ein neues Spiel, Bagatelle, in dem es ums Geschichtenerfinden geht: „Wer sind die handelnden Personen? … Ein Mann mit einer Waffe, sagte Elisabeth. Okay, sagte Daniel. Ich entscheide mich für jemanden, der in Gestalt eines Baumes auftritt. Eines was?, sagte Elisabeth. Auf keinen Fall. Sie müssen so was sagen wie noch ein Mann mit noch einer Waffe. Warum muss ich?, sagte Daniel.“

Mitten in der Konjunktur der Memoireliteratur, des autofiktionalen Schreibens, das mit dieser Volte natürlich die Authentizität zwar steigert, aber ohne sich ihrerseits tatsächlich aus dem Reich der Fiktionen zu verabschieden, ist es ein beinahe unbändiger Genuss sich der Literatur von Ali Smith hinzugeben.
Mit unglaublicher Leichtigkeit beschreibt die Schottin Smith unser reales Leben zwischen Pflegeheim und absurden Behördengängen, drohender Arbeitslosigkeit und Verzweiflung, aufkeimendem Nationalismus und Hassparolen. Aber die Literatur erscheint als realer Ausweg oder besser gesagt: Umweg in einen Denkraum hinein, in ein Reich des Denkbaren, aus dem der Weg schnurstracks zurück in die Realität führt. Dabei erzählt Smith mit so viel klugem Humor, dass man das Buch gleich ein zweites Mal lesen möchte. Aber es folgen ja bald noch Winter, Frühling und Sommer, auf Englisch längst schon erschienen.

Ines Lauffer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Dietmar Dath

Neptunation

Roman, Fischer Verlag
16,99 €
978-3-596-70223-7

oder Naturgesetze, Alter!

„That was some deep shit.“

Zuerst: Der Plot ist kompakt, lässt sich gut verarbeiten, passt in jeden Schädel. Der an Space-Odysseen gewöhnte Science-Fiction-Fan ist sofort daheim, die Struktur ist bekannt. Allein die Machart, mehr, das Füllsel, das Dietmar Dath zwischen den Handlungsfäden aufhäuft, ist dazu angetan, Horizonte und Hirne zu sprengen.

Der Reihe nach: Eine geheimnisvolle, stramm kommunistische Powerfrau ist drauf und dran, ein Team für eine Weltraummission zusammenzustellen. Ausgesucht werden freilich nur die geistig Exzellenten, ein bunter Haufen freakiger Naturwissenschaftler, ein brillanter Linguist mit einer mit der Mission besonders verknoteten Familiengeschichte und ein rüstiger Haudrauf von der Bundeswehr – ohne martialisches Schlappmaul mit Erfahrung im Kampf gegen außerirdische Scherenroboter läuft schließlich kein Raumschiff vom Stapel.

Die Mission nun, zu der diese extrem amüsante und vor allem zu geistigen und intellektuellen Höhenflügen neigende Schicksalsgemeinschaft zusammengewürfelt wurde, lässt sich wie folgt beschreiben: Kurz vor dem endgültigen Zerfall des Ostblocks hat man sämtliches Restgeld zusammengekratzt, um eine letzte, bombastische Raummission zu starten. Ziel des kommunistischen Himmelfahrtskommandos war der äußerste bekannte Planet unseres Sonnensystems, Neptun. Zwei Raumschiffe wurden entsandt, die sich im All zu einem vereinigen sollten, was tatsächlich nie passierte. Eines der Schiffe strandete nämlich in einem Asteroidengürtel, wo sich im Verlauf der Jahre eine technisch hochstehende Zivilisation – die Dysoniki – entwickelte, kommunistisch selbstredend, die bis heute mit ausgewählten Genossen auf der Erde Kontakt hält. Das andere Schiff setzte seine Reise zum Neptun fort und ward fürderhin nicht mehr gesehen. Hörensagen, ein bisschen Legende und ein kryptisches Schreiben ist alles, was von der Fähre geblieben ist. Und um ebendieses irgendwo im, am, um den Neptun verlorene Raumschiff geht es: die Truppe soll den Verbleib und das Schicksal der Verschwundenen klären.

Was für ein gigantisches Spektakel! Während Dietmar Dath sein illustres Personal vorstellt, einen extraterrestrischen Mordanschlag in heißer Actionfilmmanier abfährt, die Raummission und die Geschichte überhaupt voran peitscht, passiert etwas, das den Leser immer wieder aus dem so nett gespannten Bogen der Story kegelt: Sein kognitiv hochgerüstetes Personal unterhält sich nämlich – aber wie! Munter wird da über Musik geplaudert – die Science-Fiction-Oper „Aniara“ von 1959 erfährt da besondere Weihen –, die Linguistik wird fach- und sachkundig beackert und selbstverständlich immer wieder die Mathematik, die Physik und natürlich die Philosophie. Ausgebremst wird der eilige Leser damit, aber auch reich belohnt, denn diese feine Szene, die im Stile eines antiken Dialogs daherkommt, in dem zwei gleichberechtigte Sprecher von unterschiedlichen Standpunkten aus über eine Sache sprechen und beiden bewusst ist, dass es keine definitive Antwort geben wird, ist eines der vielen Filetstückchen des Buches, das so herrlich die Debatten unserer Zeit aufgreift und im Weltall – dem Ort mit dem Überblick, wie eine Figur so treffend feststellt – verhandelt.

Kapital kann man aus dieser Lektüre schlagen, und zwar reichlich. Zugegebenermaßen, die Synapsen glühen, die durchschnittliche naturwissenschaftlich-mathematische Bildung wird bis über die Belastungsgrenze hinaus strapaziert, weil immer wieder noch eine Erläuterung über Wahrscheinlichkeiten, über die Kolmogorow-Komplexität usw. durchexerziert wird. Aber das Ganze ist dann doch eine grandiose Hochleistung des Genres: Wissenschaftliche Fakten werden neu arrangiert, kombiniert, zusammengeschnitten und um eine Gourmetprise Fiction erweitert, sodass einerseits eine phantastische, fast schon „verlässliche“ Story dabei herausspringt, andererseits ein Funke der Begeisterung überspringt, mit der Dath da ans Werk geht. Man möchte weiterdenken, was da geschrieben steht, und hat die süße Gewissheit, dass man kaum jemals heiterer auf seine Wissenslücken hingewiesen wurde!

Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Michael Köhlmeier

Wenn ich wir sage

Residenz Verlag, EUR 18,00

Freundschaft, Familie, Nation: Diese drei Bereiche unseres Lebens formen den Begriff des Wir, so die These, die Michael Köhlmeier seinem Essay voranstellt. Doch was genau meint ein Wir im Kontext von Freundschaft oder Familie? Wie instrumentalisieren Nationen das Wir? In mäandernden Annäherungen, klugen Fragen und blitzlichternden Gedanken zeichnet Köhlmeier ein Vexierbild des Wir, das auch eigenen Assoziationen Raum lässt.

Wortbetrug oder auch Begriffswäsche sind mit im Spiel, wenn Nationalisten die Wärme, die das Wir der Heimat ausstrahlt, auf die abstrakte Größe der Nation übertragen. „Das Wir der Heimat bestimmt, wer dazugehört; das Wir der Nation, wer nicht dazugehört. Die Heimat schließt ein, die Nation schließt aus.“

Doch gibt es überhaupt ein Wir aller Menschen? Können wir das Wir wollen oder ist es naturgegeben? Ein Produkt der Kultur vielleicht? Köhlmeier bezieht im Fragen wie im Antworten Gedanken von Michel de Montaigne und Ralph Waldo Emerson mit ein. Keiner der beiden Philosophen legt in seinen Schriften Begriffe unwiderruflich fest, und das mag einer der Gründe sein, warum sie und ihre Bücher Köhlmeier zu Freunden geworden sind. Das Wir in der Freundschaft wird in seinem Essay übrigens zu einem durchaus bedenkenswerten Moment. Denn wann meint dieses Wir zwei Menschen auf Augenhöhe? Ist in Freundschaften nicht immer wieder der eine oder der andere in der Position des Überlegenen?

Was lässt sich noch alles in der Fülle des Wir fassen? Wir bedeutet alles, was nicht fremd ist. Wenn ein Wir zum Zwang wird – in einer Familie kann dies schnell geschehen – wird die Abgrenzung vom Wir gleichermaßen qualvoll wie überlebensnotwendig. Von großer Leichtigkeit und Intensität ist das Wir, das aus einer gemeinsamen Tätigkeit wie etwa dem Musizieren erwächst. Und überaus schmerzhaft kann ein Wir sein, wenn es den gemeinsamen Verlust eines geliebten Menschen miteinschließt.

Michael Köhlmeier ist dies geschehen, er spricht es aus, gibt sich in diesem Essay immer wieder zu erkennen. Damit relativiert er seine Gedanken zum Wir, macht sie zu persönlichen Beobachtungen – die deswegen nichts von ihrer Klugheit und Relevanz einbüßen – und fordert zum Weiterdenken auf. Unruhe bewahren meint nichts anderes als das.

Susanne Rikl, München