
Im Vergleich zu noch gar nicht so lange zurückliegenden Zeiten sind wir ungeheuer mobil geworden. Reisen in andere Länder, ob beruflich oder in den Ferien, absolvieren wir mit der gleichen Nonchalance, mit der wir die Bahn in die nächste Stadt nehmen. Übers Wochenende zum Shoppen nach London fliegen – ziemlich normal. Für den Job die Stadt oder gar das Land wechseln – eine spannende neue Erfahrung. Und doch scheint ein ganz altmodisches Gefühl in uns zu schlummern, das sich völlig unvorbereitet Bahn brechen kann mit der Frage: Wo bin ich eigentlich zu Hause? Und vielleicht noch: was ist das eigentlich, wonach ich mich plötzlich sehne?
War „Zuhause“ einst das, wo man herkam – das Land, die Region, der Ort, die Menschen, die Sprache – richtet sich dieses Gefühl heute eher auf einem imaginären Ort in der Zukunft. War es früher an einen geographischen Platz gebunden, ist es heute eher ein Zustand geworden, der für jeden mit anderen Inhalten gefüllt sein kann. Aber irgendwann scheint die Suche nach dem, wo man sich Zuhause fühlt, für viele wichtig zu werden. So auch für Daniel Schreiber, der nach einer Trennung in eine Krise gerät, in der das Thema der Zugehörigkeit existentiell wichtig wird. So beginnt er sich zu fragen, was das eigentlich ist, ein „Zuhause“. Worin unterscheidet es sich von „Heimat“? Wie haben sich die Begriffe im Laufe der Zeit verändert? Dem spürt in der eigenen Familiengeschichte nach, die, wie bei vielen, von Verlusterfahrungen durch Vertreibung und Flucht geprägt ist, und taucht in die eigene Biografie ein. Er erinnert sich an seine unbehauste Kindheit als schwuler Junge in der DDR, denkt über seine Freundschaften und Beziehungen nach. Liest soziologische, philosophische und psychologische Literatur und umkreist das Thema auf vielfältige, zumeist sehr persönliche Weise. Dabei kommt er zu immer neuen Definitionen. Mir hat am besten gefallen: „Das Zuhause ist kein Paradies, aus dem wir vertrieben wurden. Dieses Paradies hat nie existiert. Sich ein Zuhause zu suchen bedeutet nicht, nach einer besseren Stadt Ausschau zu halten, nach einem schöneren Landstrich, einem anderen Land. Sich ein Zuhause zu suchen bedeutet, einen Ort in der Welt zu finden, an dem wir ankommen – und dieser Ort wird zuallererst ein innerer Ort sein, ein Ort, den wir uns erarbeiten müssen.“
Daniel Schreiber ist mit Zuhause ein kluges, erhellendes und unterhaltsames Buch gelungen, in dem wahrscheinlich jeder Leser den einen oder anderen Aspekt finden wird, in dem er sich wiederfindet.
Ruth Roebke, autorenbuchhandlug marx & co, Frankfurt




Im Februar 1949 verbringt die russische Dichterin Nina Sergejewna einige Wochen in einem Sanatorium für Künstler in der Nähe von Moskau auf dem Lande. Sie hofft darauf, dort „untertauchen“ zu können. In Stille und Abgeschiedenheit, fern von dem, was ihren Alltag in Moskau quälend macht: das Zusammenleben mit den willkürlich zusammengewürfelten Menschen in der „Kommunalka“, die Sorgen um die Tochter, die Erinnerungen an den spurlos verschwundenen Mann. Für vier Wochen wird sie versorgt werden, sich um nichts kümmern müssen. Und der größte Luxus ist für sie ein Zimmer für sich allein.
Als im Herbst 1944 das kommunistische Untergrundradio die bevorstehende Invasion des Arantals in den Pyrenäen durch den antifranquistischen Widerstand meldet, tut sich für Inés, Tochter aus einer alten spanischen Familie und Schwester eines Offiziers in Francos Armee, eine neue Welt auf. Denn Inés ist trotz ihrer angesehenen Familie, die ganz und gar auf Seiten der Falange steht, selbst eine „Rote“. Nach dem Verrat durch ihren Liebhaber saß sie im Gefängnis, wurde anschließend von ihrem Bruder für Jahre ins Kloster eingesperrt und schließlich mit dessen ungeliebter Frau in die finsterste Provinz verbannt. Aber jetzt kann sie sich den Kämpfern der Invasion anschließen – und reitet auf ihrem Pferd Lauro, in der Tasche das Geld ihres Bruders und eine geladenen Pistole und in der Hutschachtel fünf Kilo selbstgebackener Rosquillas, die beliebten süßen Kringel, mitten hinein ins Hauptquartier der Invasion und in die Arme des Mannes, der ihr Schicksal wird. Und damit beginnt die Geschichte einer historischen, wenn auch weitgehend unbekannten Episode aus den Nachwehen des spanischen Bürgerkriegs, verknüpft mit der Geschichte von Liebe in den Zeiten des Kampfes und des Untergrunds. Inés und ihr Geliebter Galan sind fiktive Personen, aber ihr Schicksal im Roman wird durch historische Figuren geprägt, die in einem komplizierten Spiel aus Machtkämpfen, Parteistrategien und den Interessen Moskaus und London die Fäden ziehen, sich aber immer auch in den Fäden der eigenen Gefühle verstricken.
Am Rande Kalkuttas, an einem während der Monsunzeiten überschwemmten Tieflandgebiet, wachsen in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Brüder Subhash und Udayan auf. Obwohl durch ein Jahr Altersunterschied getrennt, sind sie unzertrennlich wie Zwillinge. Aber sie sind auch sehr verschieden: Subhash, der ältere, ist ruhig, zurückgezogen und scheut Konflikte, während der extrovertierte Udayan sich ins Leben stürzt und keinem Abenteuer aus dem Weg geht. Ihrer Familie ist nicht reich, aber sie schafft es, den Brüdern eine gute Schulausbildung zu geben, und da beide gute Schüler sind, können sie die High-School besuchen.
Simon Brenner, Kriminaler a.D. und mittlerweile Privatdetektiv in Ruhe, hat ein Problem. Die Frauen. Besser gesagt, die Russinnen. „Früher hat man gesagt, die Russinnen. Die sind groß und muskulös wie Hammerwerfer, die arbeiten beim Straßenbau, und unter den Achseln haben sie so viele Haare, dass sich noch ein Toupet für ihren Mann ausgehen würde und ein zweites für den ersten Parteisekretär. Da hat man gesagt, Russinnen sind Mannweiber, und wenn sie ihren Diskus werfen, musst du in Deckung gehen, weil Kraft wie ein Traktor aus Minsk (. . .) Dann hat es auf einmal geheißen, die Russinnen, das sind die dünnsten Fotomodelle, die teuersten Nutten, da musst du als Mann schon ein Hochhaus haben, damit sich so eine überhaupt von dir scheiden lässt, am besten mit einem Privatzoo, weil Beine wie eine Giraffe, Taille wie eine Wespe, Augen wie die Biene Maja.“
