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Angela Rohr – Zehn Frauen am Amur

Feuilletons für die Frankfurter Zeitung. Reportagen und Erzählungen aus der Sowjetunion (1928 – 1936).

Herausgegeben von Gesine Bey, Foto(s) von Margarete Steffin

Basisdruck Verlag, 23 €
978-3-86163-159-0

Die 2010 wiederentdeckte Autorin Angela Rohr emigrierte nach ihrem Studium der Medizin und Psychoanalyse nach Moskau. Dort wurde sie 1941 verhaftet und kehrte erst 1957 aus der Verbannung zurück in die Stadt. Ihre großartigen Erzählungen über ihre Zeit im Gulag sind unter dem Titel Der Vogel bereits bei Basisdruck erschienen, genauso wie ihr Roman Lager. Mit Zehn Frauen am Amur erhalten wir nun einen Einblick in ihr literarisches Schaffen aus ihrer frühen Zeit in Moskau. Ihre genaue Beobachtungsgabe und ihr empathisches Gespür machen ihre Erzählungen zu einem literarischen MeisterInnenwerk.

Das Interesse an Reportagen aus Sowjet-Russland war in den 20er Jahren groß, und so hatten sie einen festen Platz in den Feuilletons der großen deutschen Zeitungen dieser Zeit. Eine der KorrespondentInnen dieser Zeit war Angela Rohr, die nach ihrem Studium der Medizin und Psychoanalyse 1925 nach Russland emigrierte. Von ihren zahlreichen KollegInnen unterscheidet sie nicht nur die Tatsache, dass sie eine der ersten weiblichen Korrespondenten war, sondern auch, dass sie Moskau und die zahlreichen anderen Städte und Regionen, die sie besuchte, nicht als Reisende und Gast beschrieb und wahrnahm. Vielmehr erhalten wir eine Art Innensicht auf das Wesen und vielleicht auch die Struktur der Orte. Rohrs Reportagen sind nicht zuletzt deshalb so lesenswert, weil sie nicht versuchen, ihre LeserInnen mitzunehmen, für sie Reisende und Berichtende zu sein, sondern weil die Autorin sich selbst als Teil des Ortes begreift, von „unserer Stadt“ spricht.

Das Moskau der späten 20er und frühen 30er Jahre wird uns nicht anhand der politischen und geschichtlichen Ereignisse dieser Zeit nahe gebracht, auch das gesellschaftliche Leben und die sozialen Umstände werden nicht dargestellt. Und doch scheint all das in den Erzählungen Rohrs auf. So ist das, was die Autorin in ihrer ersten Erzählung als charakteristisch für Moskau benennt, nicht etwa der Winter, den sie fast ironisch ins Bild bringt, sondern die Verwendung und der Verkauf künstlicher Blumen. Gepflogenheiten und teils skurrile Anstandsregeln sind in ihren Erzählungen häufig Thema. Ein anderes wiederkehrendes Thema ist die Architektur. In einer der besten Erzählungen des Buches richtet Rohr den Blick auf einen Milizionär und sein aussichtsloses Unterfangen, die Straßen Moskaus zu überblicken. Das Bewusstsein der Arbeitsklasse erkennt Rohr im Umgang in der Straßenbahn und im Warten im Schuhgeschäft. Rohrs Figuren sind oft von einer tragisch-komischen, immer aber aufrichtigen Färbung. In ihnen gelingt es Rohr, im Kleinen das Ganze aufscheinen zu lassen, ohne dass man genau sagen könnte, was dieses Große sein sollte oder sein könnte.

Die Aufteilung dieses Sammelband nach Reportagen, geordnet nach den Schauplätzen, und Erzählungen ist hilfreich, weil sich die Betrachtungen zu einem Ort wie Schichten übereinanderlegen und so das Bild vertiefen. Es wäre jedoch falsch zu glauben, die Reportagen stünden den Erzählungen an literarischer Tiefe nach. In ihrer genauen Betrachtung des Alltäglichen erinnern sie nicht nur an die berühmte Berliner Kindheit um 1900 von Walter Benjamin, sondern auch an die ebenfalls zuerst im Feuilleton erschienenen Erzählungen Die Gelbe Straße von Veza Canetti.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Tanja Esch – Supercool

Eine Grundschulgeschichte ab 6 Jahre

Jaja Verlag, 13 €
978-3-943417-82-1

Tanja hat eine neue Jacke, und die ist wirklich supercool. Dachte sie. Bis sie auf dem Schulhof von einem anderen Kind ausgelacht wird. Eine Situation, wie sie wohl jede*r schon erlebt hat. Doch Tanja gibt nicht klein bei, sondern beschließt, etwas „noch viel krasseres zu machen“. Mit dieser Ankündigung ist ihr natürlich die gesamte Aufmerksamkeit des Schulhofes sicher. Als der nächste Tag kommt und Tanja ohne die Unterstützung ihrer besten Freundin Kristina in die Klasse muss, verlässt sie ein bisschen der Mut, und sie behält ihr Geheimnis – eine neue Kurzhaarfrisur – lieber noch etwas für sich. In der großen Pause schließlich und mit Kristina an ihrer Seite schafft es Tanja doch noch, ihre Angst zu überwinden, und nimmt ihren Helm ab. „Mir doch egal was die denken. Sind doch meine Haare.“ Und so viel Mut wird schließlich auch von ihren Mitschüler*innen anerkannt, denn Tanjas neue Frisur ist nicht nur supercool, sondern auch total mutig.

Eschs reduzierte Filzstiftzeichnungen passen ebenso gut zu der Grundschulatmosphäre wie ihr unaufgeregter Erzählstil. Am wichtigsten sind in ihren Zeichnungen die Mimik und die Körpersprache der Figuren, die sehr einfühlsam ihre Gefühlswelt wiederspiegeln. Dabei ist es ein großes Glück, dass Esch nicht beschönigt oder moralisiert, sondern sehr genau zeigt, dass jede*r erst einmal Angst hat, bevor er oder sie mutig sein kann. supercool bringt Kindern die Erfahrungen näher, für sich selbst einzustehen und sich nicht kleinkriegen zu lassen. Denn auch wenn es wohl nie stimmt, dass es einem egal ist, was die anderen denken, so ist doch am wichtigsten, welches Bild wir selbst von uns haben.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Jens Rehn – Nichts in Sicht

Schöffling & Co, 20 €
978-3-89561-149-0

Der gleichgültige Ozean, wie mit dem Rasiermesser glattgezogen, die steinkalte Ewigkeit des Universums darüber. Ein Wohin gibt es hier nicht. Und was war gleich noch die Bedeutung der Zeit? „Gekrümmter Raum? Gekrümmte Zeit? Gekrümmter Mensch?“ In ewigem Gleichtakt versinkt die Sonne und steigt wenig später wieder auf. Tagein, tagaus. Und in der Zwischenzeit verfault der Mensch.

Es ist 1943, Weltenbrand. Ein amerikanischer Flieger und ein deutscher U-Bootfahrer hocken zusammen auf einem Schlauchboot irgendwo im Mittelatlantik. Einer fiel vom Himmel, einer wurde aus dem Meer gezogen. Mit an Bord des Rettungsbootes: Eine Flasche Whiskey, Zigaretten und Kaugummis. Für ein paar Tage reicht diese Ration, dann würde Rettung kommen müssen. Der Amerikaner hat zudem bei seinem Absturz einen Arm verloren, ist nun septisch und deliriert seinem Ende entgegen. Dabei erzählt er dem Deutschen aus seinem Leben, von seiner Liebe, wird zornig, höhnisch und verstummt schließlich endgültig.

„Der Andere“, wie der Deutsche nur genannt wird, treibt nun alleine auf dem Schlauchboot seinem Schicksal entgegen und ist dabei seinen weit ausgreifenden Gedanken völlig ausgeliefert.

Mors omnia aequat, heißt es. Der Tod macht alles gleich. Das ist richtig, denkt man sich, wenn man Jens Rehns Debütroman liest, der 1954 erstmals erschien und gerade von Schöffling neu aufgelegt wurde. Auch schon die Aussicht auf den baldigen Tod schleift alle Unterschiede ab. Freund und Feind, Krieg und Frieden – was sind das schon für Kategorien, wenn man auf die letzten Dinge zutreibt? Was ist Besitz und Geld? Was für einen Sinn hat noch abstrakte Philosophie?

„Klein-Ließchen-Müller-Gedanken“, sagte er wieder laut. „Die Auslassungen der Philosophen aller Zeiten sind nichts anderes!“ Er sprach immer lauter. „Die umschreiben es nur anders und denken konsequenter darüber nach und schriftstellern mit vielen Fremdworten das, was sie auch nicht wissen. Homo singularis vis-à-vis der Größe X. Na also. Es ist immer dasselbe. Immer. Unendlich wiederholt. Im Grunde ist alles dasselbe.“

Nichts in Sicht ist ein Roman, der dem Leser in die Knochen fährt: Was Rehn hier auf wenigen Seiten mit Hilfe eines minimalistischen Settings beschreibt, ist nichts weniger als das langsame Sterben eines Menschen. Es ist eine lange, meisterhaft arrangierte Folge von hochtrabenden Gedanken, Abschweifungen in die Vergangenheit, Verhöhnungen und Verzagtheiten, die mit der stummen Gleichgültigkeit des Ozeans kontrastiert.

Und damit schafft Rehn ein gestochen scharfes Bild für das große Dilemma der Menschheit: Schlussendlich, nach allen Erklärungs- und Konstruktionsversuchen, ist der Mensch doch nur ausgeliefert. Der Ozean, die Natur, das All schweigen. Immer bleibt es bei der harten Feststellung, die sich, wie ein Motiv durch den gesamten Roman zieht: Nichts in Sicht.

Kühl, entschlackt und bar jeden stilistischen Ornats ist die Sprache, in der die endlos kreisenden Gedankengänge des „Anderen“ beschrieben werden, und genial ist die Konstruktion dieses Romans, dem es gelingt, die Grundfragen des Seins zu stellen – und als bloße Ideen wieder zu verwerfen. Grandios!

Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Maryam Madjidi, Du springst, ich falle

Die Geschichte beginnt – wie der Titel sagt – mit einem Sprung. In die Universität von Teheran, in der sich Studenten im Widerstand gegen das zunehmend repressive Chomeini-Regime verschanzt haben, sind Milizen eingedrungen und veranstalten ein unglaubliches Blutbad. Maryam Madjidis Mutter, im sechsten Monat schwanger, versucht, vor ihnen zu fliehen, und am Ende bleibt ihr nur der Sprung aus einem Fenster im zweiten Stock. Dieser Sturz ist für die Erzählerin das Sinnbild ihres Lebens. Die Eltern bleiben ihren kommunistischen Überzeugungen treu. Um geheime Schriften zu befördern, werden die Windeln des Säuglings benutzt, der dafür auch schon mal an andere ausgeliehen wird. Später muss das Kind, von Verwandten und besonders der geliebten Großmutter verwöhnt, seine vielen Spielsachen an die armen Kinder des Viertels verschenken, um zu lernen, sich nicht an Eigentum zu binden. Als die Verhältnisse für die Eltern immer bedrohlicher werden, flieht die Mutter mit ihr aus dem Iran nach Frankreich, wo der Vater bereits lebt.

Was für die Eltern die Hoffnung auf Sicherheit bedeutet, ist für das das Mädchen die völlige Entwurzelung. In der ärmlichen Behausung – 15 Quadratmeter im 6. Stock eines Pariser Mietshauses –, in der neuen Sprache, ohne Freunde, ohne die geliebte Großmutter fühlt sie sich allein und verloren. Sie verweigert sich dem für ihren Geschmack ekligen und faden französischen Essen und der neuen Sprache, bis ihr unbändiger Lebenswille siegt und die äußeren Schwierigkeiten schwinden. Zum Sinnbild für die von der Gesellschaft geforderte Anpassung an die neue Umgebung wird der „Kampf“ zwischen der alten und der neuen Sprache, den die neue gewinnt. Damit drehen sich die Verhältnisse. Das Kind, nun eifrig darum bemüht, so zu sein wie alle anderen, schämt sich der Eltern, denen der Aufstieg in die französische Gesellschaft weder materiell noch ideell gelingt. Sie wird eine gute Schülerin, gewinnt Freunde, beginnt ein Studium. Aber die innere Fremdheit bleibt und begleitet sie für lange Jahre, auch in ihren Beziehungen zu Männern, denen sie virtuos die Rolle der geheimnisvollen Orientalin vorspielt und die sie mit Zitaten der persischen Lyrik verführt. Das Exil ist in ihr und bleibt, sie spürt, wie sie sich selbst fremd wird. Und wie zuvor schon in für sie existentiell wichtigen Situationen imaginiert sie ihre Großmutter, die ihr rät, ihre Masken fallen zu lassen und sich der Wahrheit zu stellen.

So einfach die Geschichte erscheint, so kunstvoll sind die Stilmittel: Was das Buch, für das Maryam Madjidi 2017 den “Prix Goncourt” für den besten Debütroman erhalten hat, zu einer ganz außergewöhnlichen Lektüre macht, ist seine Form und die Sprache. Der Text ist eine Mischung aus Realismus, Poesie und Fantasie, geschrieben in einer lebendigen, nuancenreichen, kunstvoll komponierten Sprache, die dem Thema Flucht, Migration, Exil völlig neue Facetten abgewinnt. Die Autorin bedient sich unterschiedlichster Stilmittel, um Stimmungen und Personen nicht nur zu beschreiben, sondern ihnen einen eigenen Ausdruck zu verleihen. Das Buch ist eine Studie zur Identitätsfindung, die an die Stelle von Land, Ort und Sprache die Poesie setzt, die zur inneren Heimat wird. Das Beste an diesem Roman ist jedoch, dass er sich nicht im Artifiziellen verliert. Du springst, ich falle liest sich packend, humorvoll und zart zugleich und ist zur Lektüre wärmstens zu empfehlen.

Ruth Roebke, Bochum

 

Maryam Madjidi – Du spingst, ich falle

Blumenbar Verlag, 18 €

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Gabriele Tergit – Etwas Seltenes überhaupt

Erinnerungen. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Nicole Henneberg

Schöffling & Co, 26 €
978-3-89561-492-7

Erinnerungen hat Gabriele Tergit ihr Buch Etwas Seltenes überhaupt genannt und nicht Autobiographie. Und in der Tat ist ihr Buch keine chronologische Erzählung ihres Lebens. Es sind Schilderungen dessen, was ihr Leben am meisten prägte – und das ist mehr als genug. Aber letztlich führt alles, was sie erzählt, immer wieder zu den entscheidenden Fragen: „Warum, wieso, weshalb Hitler?“.

1894 wurde sie unter dem Namen Elise Hirschmann in eine jüdische Fabrikantenfamilie geboren. Nach einer Ausbildung an der Sozialen Frauenschule von Alice Salomon holte sie das Abitur nach und studierte Geschichte, Soziologie und Philosophie. Vor und während des Studiums publizierte sie Artikel in unterschiedlichen Zeitschriften. Während der Weimarer Republik war Tergit Deutschlands erste Gerichtsreporterin. Mit wachem Blick nahm sie nicht nur die kriminalistische Seite der Fälle, wahr, die sie beobachtete, ihr Augenmerk galt besonders deren sozialem und politischen Hintergrund. Vor allem dem zuerst schleichenden, dann immer deutlicher zu Tage tretenden Einfluss der erstarkenden nationalsozialistischen Bewegung und der – auch schon vor deren Wahlsieg – immer größer werden Willfährigkeit der Justiz, die das Recht in deren Sinne beugte. Mit Käsebier erobert den Kurfürstendamm hatte sie 1931 großen Erfolg als Romanautorin.

Als Jüdin, die in dem unter den Nazis als linksliberal verschrieenen “Berliner Tageblatt” schrieb, hatte sie ein sicheres Gefühl für das, was sich in Deutschland zusammenbraute. Als kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ein SA-Trupp versuchte, ihre Wohnung zu stürmen, floh sie am nächsten Tag über die tschechische Grenze. Sie ging mit Mann und Kind ins Exil, zuerst nach Israel, dann nach England, wo sie 1982 starb. 1948 reiste sie erstmals wieder nach Deutschland, weitere Reisen folgten. Die Erfahrungen von politischem Terror, Rassismus und Verfolgung prägen ihre Erinnerungen, sie sind die Folie, vor der sie ihr Leben beschreibt. Das gilt nicht nur vor und während der NS-Zeit, mit wachem Blick sieht sie auch nach Ende des Krieges, dass es in Deutschland keine „Stunde Null“ gab und Antisemitismus und rechtes Gedankengut mit dem verlorenen Krieg nicht verschwunden waren.

Wie vielen Exilanten war es auch ihr nicht möglich, an ihren früheren Erfolg anzuknüpfen. Erst ab 1977, als sie im Rahmen der Berliner Festwochen „wiederentdeckt“ wurde, erschienen einzelne ihrer Werke erneut. Ihre Erinnerungen kamen ein Jahr nach ihrem Tod heraus und wurden, wie dem informativen Nachwort der Herausgeberin Nicole Henneberg zu entnehmen ist, vom Verlag vielfach gekürzt und inhaltlich entstellt.

Etwas Seltenes überhaupt ist ein prall gefülltes Buch. Eine große Anzahl Portraits von Freunden und Kollegen, Reiseberichte, Erinnerungen an ihren Mann und den früh verstorbenen Sohn, Anekdoten, Schilderungen der erlebten Gerichtsverhandlungen und Berichte aus dem Nachkriegsdeutschland sind atmosphärisch ungeheuer dicht und temporeich. Ihr flott dahineilender, lebendiger Schreibstil, manchmal vom Hölzchen aufs Stöckchen kommend, manchmal mit eigenwilligen Formulierungen und typisch berlinerischer Lakonie, ist – trotz oder gerade – wegen seiner Leichtigkeit ernsthaft und tiefgründig. Ein ungemein fesselndes, hellsichtiges, lebendig geschriebenes Buch, das auf bestürzende Weise zeigt, wie eine zunehmende sprachliche Verrohung in Gesellschaft und Politik den Weg für ebensolche Taten ebnet. Das ist zeitgeschichtlich erhellend und stellenweise erschreckend aktuell. Jetzt sind Gabriele Tergits Erinnerungen ein zweites Mal zu entdecken – es lohnt sich!

Ruth Roebke, Bochum

Gefangen in Prag nach 1968

Helmer Verlag, 16.- €

Sibylle Plogstedt im Gespräch mit Ilse Lenz

Montag, 13. August 2018, 20 Uhr

1968 – das Jahr der Studentenrevolte – begann mit dem »Prager Frühling« in der Tschechoslowakei. Doch die Reformversuche der Partei- und Staatsführung endeten am 21. August mit dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes.
Sibylle Plogstedt, als Studentin in der Opposition gegen den Einmarsch aktiv, wird 1969 von der Staatssicherheit der Tschechoslowakei verhaftet. Sie ist zu dem Zeitpunkt 24 Jahre alt und verbringt eineinhalb Jahre Haft in Ruzyně. Erst Jahrzehnte später kann sie ihre politische Gefangenschaft in diesem Buch aufarbeiten.

Sibylle Plogstedt schlägt anhand der eigenen Biografie ein zentrales Kapitel osteuropäischer und bundesdeutscher Vergangenheit auf – vom Prager Frühling und dessen Niederschlagung über die Aktionen der westdeutschen Linken bis hin zum erwachenden Feminismus.

Sibylle Plogstedt
wurde in Berlin geboren, absolvierte dort ein Studium der Sozialwissenschaften und war von 1965 bis 1969 Mitglied im SDS. 1969 geriet sie in Prag in politische Haft. An der Freien Universität in Berlin wurde sie von 1974 bis 1976 mit Berufsverbot belegt. Sibylle Plogstedt hat 1976 die feministische Zeitschrift »Courage« mit gegründet und bis 1984 herausgegeben. Von 1986 bis 1989 war sie Redakteurin beim Vorwärts, danach freie Journalistin für verschiedenen Fernseh-, Hörfunk- und Internetredaktionen. Sie lebt als freie Autorin im Wendland.

Ilse Lenz
ist Professorin em. für Soziologie (Geschlechter- und Sozialstrukturforschung) an der Ruhr-Universität-Bochum. Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind u.a. Globalisierung, Geschlecht und Arbeit, Frauenbewegungen im internationalen Vergleich; komplexe soziale Ungleichheiten (Klasse, Ethnizität, Geschlecht).

 

 

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der HEINRICH BÖLL STIFTUNG HESSEN e.V.

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Claudia Piñeiro – Der Privatsekretär

Aus dem Spanischen von Peter Kultzen

Unionsverlag 22 €
978-3-293-00534-1

Das Gerücht und der Ruhm werden in der römischen Mythologie von ein und derselben Göttin verwaltet. Ein geflügeltes Wesen mit tausenden Augen, Mündern und Ohren, rast sie über das Land, verbreitet sowohl Wahrheit als auch Lüge unter den Menschen und ist dabei blind für die Konsequenz. In Vergils Aeneis fällt dieser gewaltigen Klatschtante göttlichen Ursprungs unter anderem die karthargische Königin Dido zum Opfer: Der düpierte Nebenbuhler erfährt von dem Techtelmechtel zwischen ihr und Aeneas, klagt sein Leid dem Jupiter, der Aeneas eigentlich mit einer ganz anderen Mission als einer Heirat betraut hatte, und nach einer Intervention des Göttervaters nimmt das Schicksal der liebeskranken Dido seinen tragischen Lauf.

Dass die Fama, wie diese tratschende Göttin heißt, auch für den Ruhm zuständig ist, nimmt eigentlich nicht weiter Wunder: Das gezielt gestreute Gerücht, die perfide ausgetüftelte Schmutzkampagne haben schon so manchen Machtkampf entschieden, und auch im politischen Betrieb unserer Zeit scheint das fleißige Verwischen der Grenze zwischen Fakt und Fiktion wieder Konjunktur zu haben.

Fernando Rovira, politisch ambitionierter Bauunternehmer und Gründer der aufstrebenden Partei „Pragma“, ist ein Charismatiker: adrett, sportlich, immer ausgeschlafen und eloquent. Mit sicherer Hand lenkt er die Geschicke seiner Partei, führt sie von Sieg zu Sieg und schreitet ihr als politische Lichtgestalt, als Selfmademan, voran. Das Ziel: Die Provinz Buenos Aires teilen, das Leben für alle verbessern und anschließend, klar, die Präsidentschaft von Argentinien.

Unnötig zu sagen: Mit schillernden Inszenierungen verhält es sich wie mit Magneten: Sie üben eine immense Anziehungskraft aus. Und schon bald geraten auch die beiden Studenten Román Sabaté und sein Freund Sebastián in den Bann von Roviras Partei und bewerben sich schließlich um eine Position im Team des großen Mannes.

Doch da geschieht Unerwartetes: Nicht der hochintelligente Sebastián, der sich mit Leib und Seele dem Programm Roviras verschrieben hat und vor Tatendrang zu platzen droht, wird genommen, vielmehr bekommt sein ungleich weniger tatkräftige Freund Román den Zuschlag für den Posten und steigt auch gleich zum Privatsekretär und Personaltrainer Roviras auf. Und noch während sich Román selbst über seinen rasanten Aufstieg in der Partei wundert, wird er immer weiter in ein Netz aus Lügen, Mythen und grausigen Geheimnissen verstrickt, das Rovira abseits der Öffentlichkeit knüpft. Der Hoffnungsschimmer am sich stetig verdüsternden Horizont: Die junge Journalistin Valentina Sureda, genannt China, die an einem Buch über den Einfluss des Fluches der Tolosana auf die Politik Fernando Roviras arbeitet. Jener sagenhafte Fluch besagt, dass kein Gouverneur der Provinz Buenos Aires je Präsident Argentiniens werden kann. Dabei kommt sie unliebsamen Wahrheiten auf die Spur und befindet sich bald selbst in höchster Gefahr.

Welche faktische Kraft können ausgewiesene Mythen entwickeln? Welche politische Durchschlagskraft hat die gut arrangierte Story? Und: Ist nicht das wahr, was der Mensch beschließt, als wahr anzunehmen?

Claudia Piñeiros Politthriller Der Privatsekretär liest sich wie eine spannende Abhandlung dieser brandaktuellen Fragen. Einerseits verfolgt der Leser die immer wahnwitziger werdenden Entwicklungen um Román Sabaté, andererseits schaut er Valentina Sureda über die Schulter, wie sie Fragment um Fragment für ihr Buch zusammenträgt und dabei in die Geschichte des Landes und der Provinz Argentiniens eintaucht. Die Sprache ist, dem Plot und dem Genre angemessen, klar und präzise, und das Spiel der Autorin mit historisch verbürgten Fakten und freier Erfindung reflektiert das Thema des Buches auch auf formaler Ebene.

Wer sich im gerade so glorios anhebenden Sommer spannende Unterhaltung mit politisch relevanter Thematik genehmigen möchte, angereichert mit einem halbfiktionalen Exkurs in die jüngere argentinische Geschichte, ist mit diesem Buch hervorragend bedient.

Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Buchempfehlung

Ayelet Gundar-Gosehn – Lügnerin

Kein&Aber 24 €
978-3-0369-5766-1

Ayelet Gundar-Goshen versteht es, eine pure, herrliche Sommerlektüre zu schreiben, die zugleich klug und erhellend in aktuelle Debatten eingreift.

Ort und Zeit des Geschehens: Tel Aviv, die letzten Wochen der Sommerferien. Die Hitze steht in den Straßen, die junge sommersprossige Nuphar eilt zu ihrem Ferienjob in die Eisdiele. Sie ist mit ihren 17 Jahren noch so uneins mit sich und ihrem Körper, wie man es nur sein kann, wenn man den Schönheitsidealen permanent ausgesetzt ist, ihnen aber nicht entspricht. Da ist ihre vom Glück geküsste jüngere Schwester Maya, der alles mühelos zufliegt, da sind Mutter und Vater und der Junge Lavie, den sie zu lieben beginnt – und schließlich die alte Raymonde, die im Seniorenheim lebt. Zwischen diesen beiden Polen, der alten Raymonde und der jungen Nuphar, spannt Gundar-Goshen ihre Geschichte auf.

Die junge und die alte Frau verstricken sich unabhängig voneinander und eher zufällig in eine Lügengeschichte, die sie befreit und ihnen eine Stimme verleiht. Endlich werden sie gehört, endlich wird ihnen Aufmerksamkeit geschenkt. Dass das just in dem Moment geschieht, als sie nicht von sich erzählen, sondern sich die Geschichten anderer einverleiben, zeigt das moralische Dilemma der Figuren, das überaus erhellend beschrieben und amüsant erzählt wird.

Im Fall der jungen Nuphar ist es die erfundene Vergewaltigung – der abgehalfterte Medienstar Avishai Milner fährt der jungen unscheinbaren Eisverkäuferin Nuphar dermaßen überheblich über den Mund, dass sie weinend und schreiend in den Hinterhof flieht. Die zufällig vorbeikommenden Polizisten hören das Mädchen, folgen den Schreien und stellen ihm Fragen, auf die Nuphar kaum mit einem Nicken antworten muss – und sofort wird sie als das Opfer angesehen, wird im Polizeipräsidium befragt, in Talkshows eingeladen, wird für ihren Mut gelobt und endlich wahrgenommen.

Im Fall der alten Raymonde handelt es sich um eine Lüge, die schwerer wiegt, denn Raymondes Lüge hat das Zeug, die Leiden eines ganzen Volkes zu verhöhnen. Als ihre Mitbewohnerin, eine Schoah-Überlebende, stirbt, schlüpft sie im wahrsten Sinne des Wortes in deren Kleider und erzählt statt ihrer von den Schrecken in den Konzentrationslagern.

Es ist ein wirkliches Glanzstück, das Gundar-Goshen gelingt, denn in keiner Sekunde werden die Leiden der wirklichen Opfer in Frage gestellt oder entwürdigt – im Fall der alten Raymonde erscheint es sogar als Ehre und Auszeichnung, das Leben der Freundin weiterzuführen, und als eine historische Notwendigkeit, als lebender Zeuge den Besuchern der Gedenkstätten erzählen zu können. Im Fall der jungen Nuphar ist der me-too-Ruf der Umweg, den sie gehen muss, um sich selbst anzunehmen. Endlich blüht sie auf und passt in die Kleider der strahlenden jüngeren Schwester. Auf diese Weise erzählt Gundar-Goshen, wie sprachliche Strukturen und Erzählmuster zur Befreiung für die Individuen und vom Individuum werden können. Aber: Lügen darf man nicht!

Ines Lauffer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Buchempfehlung

Robert Seethaler -Das Feld

Hanser Berlin, 22 €
978-3-446-26038-2

Robert Seethaler hat die große Fähigkeit, fesselnde und berührende Romane über gänzlich unspektakuläre Menschen zu schreiben. Seine Protagonisten sind keine strahlenden Helden, keine Gefallenen, sie erleben keine schicksalsträchtigen Dramen, keine Liebespassionen, haben aber mit dem, was ihnen das Leben zumutet, genug zu tun. Sie leben ihr Leben, und der staunende Leser ist zutiefst beglückt, ihnen dabei folgen zu dürfen. Sein neuer Roman hat nicht einmal mehr eine Hauptperson. Hier kommen Menschen zu Wort, die zumeist wenig miteinander verbindet – außer dem Ort, an dem sie oder zumindest ihre Körper sich befinden: dem ältesten Teil des Paulstädter Friedhofs, „das Feld“ genannt.

Hierhin kommt jeden Tag ein Mann, läuft zwischen den Gräbern umher, setzt sich auf eine Bank und hört ihre Stimmen. Neunundzwanzig Tote, dreißig Stimmen. Denn der Erzähler lebt, und die Toten erzählen aus ihrem Leben: eine kurze Begebenheit, einen Moment des Glücks, Leid, Schicksalsschläge. Eine ganze Erzählung oder einen Absatz lang, einmal auch nur ein Wort. Manche kannten sich näher, manche nur vom Sehen, einige waren Paare, andere stehen gänzlich für sich. Einer erlebt, dass man auch als Toter noch verlassen werden kann. Eine Frau erzählt von der siebenundsechzig Tage währenden Freundschaft zu der uralten Henriette, der sie nur sechsundzwanzig Tage später in den Tod folgt. Ein Pfarrer spricht darüber, wie eine Berufung zum Fluch wird, ein Vater gibt seinem Sohn aus dem Grab heraus (gute?) Ratschläge. Ein Briefträger erinnert sich an seine Tour, ein Bürgermeister schwadroniert von seinen (Un-) Taten. Nach und nach verdichten ihre Erzählungen sich zu einem vielfältigen Chor, in dem jede Stimme ihre eigene Melodie singt, alle zusammen sich dennoch zu einem Ganzen vereinigen – einem Chor der Toten, die das Leben erzählen. Das schrammt auch schon mal hart am Kitsch vorbei, aber Seethalers unnachahmlich lakonischer Tonfall verhindert zuverlässig ein Abrutschen.

Dieses Buch liest man nicht an einem Stück durch und ist dann fertig. Manchmal reicht ein kurzer Absatz, der noch lange nachklingt, eine überraschende Wendung lässt innehalten und das Buch erst einmal hinlegen. Aber anders als bei Erzählungen, bei denen es oft unbefriedigend ist, wenn man die gerade gelesene mit der nächsten gleich wieder wegwischt, entsteht hier eine Verbindung zwischen den Personen. Man begegnet den gleichen Namen öfter, immer in anderen Zusammenhängen, und es entsteht eine Vertrautheit, die sich im Laufe der Lektüre verstärkt. Obwohl jede Erzählstimme aus dem Totenreich kommt, ist Das Feld kein trauriges oder niederdrückendes Buch – es ist das pralle Leben. Es ist so, wie der Erzähler im Buch sagt: „dass der Mensch vielleicht dann erst endgültig über sein Leben urteilen konnte, wenn er sein Sterben hinter sich gebracht hatte.“

Ruth Roebke, Bochum

Bilderbuchferien 2018

Hurra, es sind wieder Sommerferien!!!

Wir laden alle Kindergarten- und Grundschulkinder ein!

Die Veranstaltung dauert jeweils etwa eine halbe Stunde.

Kommt vorbei, wir freuen und auf euch!

AfD in Parlamenten – Themen, Strategien, Akteure

Wochenschau Verlag, 14.90 €

Lisa-Marie Klose und Benno Hafeneger im Gespräch mit Heike Ließmann

Montag, 25. Juni 2018, 20 Uhr

Europaweit beschäftigen rechtspopulistische Parteien die Menschen, die Medien und nach dem Einzug jener Parteien in die Parlamente auch den politischen Alltag.
Benno Hafeneger, Hannah Jestädt, Lisa-Marie Klose und Philine Lewek haben sich in einer umfangreichen Studie mit den ersten parlamentarischen Aktivitäten der AfD in kommunalen Parlamenten in Hessen und Niedersachsen sowie im Landtag von Rheinland-Pfalz beschäftigt. Sie beleuchten u.a. die Wahrnehmung der etablierten Parteien von und den diffizilen Umgang mit der AfD. Die Untersuchung versteht sich als ein aufklärender Beitrag über die AfD mit Blick auf ihre parlamenta­rischen Aktivitäten und zugleich als Anregung für eine differenzierte Auseinandersetzung mit der AfD im Parlamentsbetrieb.

Neben dieser bereits veröffentlichten Studie werden die Autoren im Gespräch mit Heike Ließmann auch die Ergebnisse einer weiteren Studie zu “AfD – Jugend, Jugendarbeit, Jugendpolitik” thematisieren.

Lisa-Marie Klose, M.A. Politikwissenschaft, Philipps-Universität Marburg; ab SS 2018 wissenschaftlicher Mitarbeiterin in der vergleichenden Politikwissenschaft an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt.

Benno Hafeneger, Dr. phil., Prof.(em) am Institut für Erziehungswissenshaften der Philipps-Universität Marburg.

Heike Ließmann, Redakteurin in der Redaktion Bildung und Wissenschaft bei hr Info.

Buchempfehlung – Manfred Theisen, Einer von 11

In einer Halbzeitpause könnte man ihn lesen, diesen inneren Monolog am Spielfeldrand. Gedanken eines (fiktiven?) Fußballers der deutschen Nationalmannschaft kurz vor der Einwechslung. Eines Spielers mit deutschem Pass und deutscher Kindheit, aber eben auch mit nigerianischen Wurzeln. Diese Wurzeln kann er zwar nicht fühlen, dafür kann sie aber jeder sehen. Die Farbe seiner Haut, die Beschaffenheit seiner Haare setzen viele immer noch gleich mit seinem Sein, meistens freundlich, anerkennend – immerhin schießt er ja für Deutschland Tore –, aber doch kurz verblüfft, wenn er fehlerfrei deutsch spricht. Wie wütend das seine Mutter immer gemacht hat, als er noch klein war, daran erinnert er sich. Und daran, wie sein Vater ihm sein Heimatland zeigen wollte, wie fremd ihm selbst aber die afrikanische Luft und seine nigerianischen Verwandten waren. Und er erinnert sich daran, wie sehr er sich wünschte, wie alle anderen zu sein, zu Hause, in Deutschland. Einfach nur einer von ihnen will er sein und heute einer von 11.

Und wir, wir wollen so gerne glauben, längst ohne Vorurteile auszukommen. Und unsere Kinder wachsen mit der kleinen Emma auf, deren Vater aus Puerto Rico kommt, und dem kleinen Otto mit den asiatischen Gesichtszügen. Und doch gibt es manchmal diesen winzigen Moment des Überraschtseins, den wir uns nur ungern eingestehen, dann nämlich, wenn einer dieser Fußballer am Spielfeldrand, vom Journalisten befragt, ganz akzentfrei erklärt, welche Strategie er mit dem Trainer besprochen hat und wie es seiner rechten, kürzlich verletzten Wade geht.

„Noch heute gibt es Menschen, die sich für etwas besseres halten, weil sie noch nie irgendwo fremd gewesen sind, höchstens als Touristen und Besucher“, denkt dieser Fußballer auch am Spielfeldrand, „aber ich bin kein Besucher!“.

Wie alt man ist und ob man sich für Fußball interessiert, ist bei diesem 64 Seiten umfassenden Büchlein gar nicht wichtig. Es geht um Zugehörigkeit, um alltägliche unbewusste Aus- und Abgrenzung, um gesellschaftlich hoch aktuelle Fragen. Vier Wochen WM sind ein guter Anlass, um sich bei einer bunt gemischten deutschen Mannschaft mal wieder klar zu machen, was wir eigentlich damit verbinden, wenn wir von „deutsch“ sprechen.

Manfred Theisen hat sicher nicht ohne Grund den Spieler eines Mannschaftssports gewählt, um uns mit unseren eigenen gedanklichen Schubladen zu konfrontieren. Eine Mannschaft ist erst dadurch stark, dass sie ganz unterschiedliche Menschen entsprechend ihrer Fähigkeiten und individuellen Stärken einzusetzen weiß. Wären alle gleich, hätte diese Mannschaft keine Chance. „Deutschland ist ein zerbrechliches Gebilde, zersplittert, vereint, zerfallen, größenwahnsinnig, besetzt, geteilt, wieder vereint und unaufhaltsam suchend“, lesen wir in Einer von 11. Genau das ist dieses Land und deswegen so ein guter Ort, weil hier so viele unterschiedliche Menschen hoffentlich auch zukünftig friedlich miteinander leben können.

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt