Buchempfehlung

Fragen an Europa von Gesine Grotrian

Was lieben wir? Was fürchten wir? Illustriert von Susan Schädlich. Ab 12 Jahre

Beltz & Gelberg, 16,95 €
978-3-407-81245-2

Europa! Alle sprechen immer darüber, doch was ist das eigentlich? Was versuchen wir da eigentlich immer vor Populismus und Nationalismus zu schützen? Natürlich ist Europa der Kontinent, auf dem wir leben, keine Frage, doch ist Europa nicht noch viel mehr? Steht dieser Kontinent, dieser Zusammenschluss der Länder, nicht auch für Frieden, Gleichheit und Menschenrechte? Und was wissen wir eigentlich über die EU? Klar, irgendwie bestimmt die EU unseren Alltag, doch die meisten Menschen wissen nicht wie. All diese Fragen und noch einige mehr werden in dem Buch Fragen an Europa geklärt. Man wird mit einigen Grundinformationen, die auch schon sehr interessant sind, in das Buch eingeführt. Weißt du zum Beispiel, wie viele Menschen in Europa leben und wie viele Sprachen in Europa gesprochen werden? Und ist dir eigentlich klar, dass es nicht nur eine, sondern viele verschiedene Definitionen von Europa gibt?

Das Buch kommt mit 60 Fragen an und über Europa daher. Einige sind eher allgemein gehalten, zum Besipiel was eigentlich Populismus oder Pluralismus sind, andere sind sehr spezifisch auf Europa bezogen, wie zum Beispiel, welche besonderen Zugstrecken durch Europa verlaufen. Alles wird mit Hilfe sehr einfacher und doch aufschlussreicher Schaubilder illustriert, die sehr nett gestaltet sind, wie bei Frage 32: „Wer hatte die Idee für die EU? Meilensteine in Bildern“. Die Absicht des Buches ist es, junge Menschen zum Nachdenken über Europa anzuregen, und laut den Autoren hat man das Buch nur dann wirklich verstanden, wenn man mit mehr Fragen aus dem Leseerlebnis herausgeht als man vorher hatte. Ihr Wunsch ist es natürlich, dass Menschen durch dieses Buch Europa lieben lernen, wie sie es tun, da es offensichtlich viele Menschen gibt, die vergessen haben, was wir an Europa eigentlich haben.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, da es ein für mich sehr interessantes Thema vorstellt. Außerdem gehen die Autorinnen auf einen der wichtigsten Punkte ein, die für ein funktionierendes Europa eigentlich nötig und die Gegenbewegung zum Rechtsruck in Europa wäre: Pluralismus! Er ist wahrscheinlich eine der wenigen Chancen, die wir noch gegen den Gedanken des Nationalstaates haben. Also lasst uns diese ergreifen, um dem fortschreitendem Populismus die Stirn zu bieten. Anfangen sollten wir damit, uns gut über Europa und die EU zu informieren und Möglichkeiten zur positiven Veränderung zu entwerfen. Genau dafür ist dieses Buch perfekt.

Vicco Siebicke, 15 Jahre

Frankfurter Stadtansichten, Frankfurter Wohnlandschaften – Mit Niklas Maak durch Mosebachs Roman Westend

Donnerstag, 16. Mai 2019, 20 Uhr

Im Rahmen von Frankfurt liest ein Buch

Seit den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist Frankfurt Mittelpunkt wichtiger Architekturentscheidungen, nicht nur für die Wohnungsbaupolitik. Die neue Frankfurter Altstadt ist nur ein Kapitel unter vielen. Martin Mosebachs Roman Westend lässt uns eintauchen in die unmittelbare Nachkriegszeit, als noch in Trümmern lag, was heute wieder aufgebaut wird.

Mit den Wohnformen stehen immer auch Identitätsentwürfe und Gesellschaftsformen zur  Debatte, die Mosebach in seinem Roman genauestens beschreibt und die wir mit dem Architektur­kritiker Niklas Maak diskutieren möchten.

Seit einigen Jahren fordert Niklas Maak, neue Häuser zu planen, die nicht mehr nur auf die  Kleinfamilie zugeschnitten sind, sondern den neuen ökonomischen wie ökologischen Anforderungen und Lebensformen gerecht werden.

Während Mosebachs Roman historische Ereignisse wie etwa die Hausbesetzung im Westend ausklammert, rückt er dennoch in den Fokus, was heute wieder heftig debattiert wird: Wie wollen wir wohnen und zusammenleben?

Niklas Maak ist Redakteur der FAZ und leitet zusammen mit Julia Voss das Kunstressort. Sein Studium der Kunstgeschichte, Philosophie und Architektur beendete er mit einer Dissertation zu Le Corbusier und Paul Valéry. Neben seiner Lehrtätigkeit in Harvard, Berlin und Frankfurt publiziert er regelmäßig zur Architektur und ist für seine Essays mit dem Henri-Nannen-Preis ausge­zeichnet worden.

Veranstaltung

Pro-europäischer Aktivismus Chancen und Grenzen

Diskussionsabend mit Sandra Seubert und Claus Leggewie

Montag 6. Mai 2019, 20.00 Uhr

In Bezug auf Europa wird nicht mehr nur von anti-europäischen Kräften mobilisiert. Im Gegenteil: pro-europäische Bewegungen erinnern inzwischen über nationale Grenzen hinweg an das Versprechen, das mit der Einführung eines Europäischen Bürgerschafts-Status im Maastrichter Vertrag von 1992 verbunden war: das Europäische Projekt ist nicht allein Sache der Staaten, sondern der BürgerInnen Europas selbst. Im Vorfeld der Europawahl wollen wir an diesem Diskussionsabend Chancen und Grenzen eines pro-europäischen Aktivismus und Forderungen nach einer demokratischen „Neugründung“ erörtern.

Sandra Seubert, Prof. Dr., ist Professorin für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Politische Theorie an der Goethe-Universität sowie Goethe-Fellow am Forschungskolleg Humanwissenschaften, wo sie zu Perspektiven Europäischer Bürgerschaft arbeitet.

Claus Leggewie, Prof. Dr., ist Politikwissenschaftler, war u.a. von 2007 bis 2017 Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen, ist Inhaber der Ludwig-Börne-Professur an der Uni Gießen und Mitherausgeber der »Blätter für deutsche und internationale Politik«.



Vater – Mutter – Kind: Hat die familiale Triade als Sozialisationsmodell ausgedient?

Campus Verlag, 14 €

Vera King, Kai-Olaf Maiwald und Sarah Mühlbacher im Gespräch mit Ferdinand Sutterlüty

Montag, 29. April 2019, 20 Uhr

Prismen – Institut für Sozialforschung bei Marx & Co

In der Psychoanalyse, der Entwicklungspsychologie sowie in der strukturalen Familiensoziologie sind die grundlegenden sozialisationstheoretischen Konzepte bis heute stark am Modell der familialen Triade orientiert. Die Entwicklung des Kindes und seine psychische Struktur werden demnach von nichts anderem so geprägt wie von den Bindungen an und den Konflikten mit genau zwei Personen: Mutter und Vater. Dieses Modell wird in der Prismen-Veranstaltung kontrovers diskutiert.
Das Spektrum der Positionen reicht von einer Verteidigung reformierter Versionen einer grundsätzlich triadischen beziehungsweise triangulierten Struktur von Sozialisation bis hin zu der Auffassung, dass starke triadische Vorannahmen sozialisationstheoretisch ungerechtfertigt, sozial schädlich und daher zu verabschieden sind. Angesichts der Pluralisierung der Familienformen stellt sich die brisante Frage, ob und inwiefern die Sozialisationstheorie, das Familienrecht und die entsprechenden Politikfelder weiterhin am Modell der familialen Triade festhalten können.
Hintergrund des Gesprächs bildet der Themenschwerpunkt »Sozialisation und familiale Triade« in WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung 1/2018.

Vera King ist Professorin für Soziologie und psychoanalytische Sozialpsychologie an der Goethe-Universität und Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt am Main. Sie ist durch viel beachtete Publikationen im Bereich der Adoleszenzforschung hervorgetreten und beschäftigt sich seit einigen Jahren mit den destruktiven Folgen von Optimierungs- und Perfektionierungserwartungen.

Kai-Olaf Maiwald ist Professor für Mikrosoziologie und qualitative Methoden an der Universität Osnabrück. Er ist Mitglied des Kollegiums am Institut für Sozialforschung und leitet dort gemeinsam mit Sarah Speck das Teilprojekt »Paradoxien der Gleichheit in Eltern-Kind-Beziehungen« im Rahmen des von der VolkswagenStiftung geförderten Forschungsverbunds »Verhandlungsformen normativer Paradoxien«.

Sarah Mühlbacher ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Soziologie mit dem Schwerpunkt Familien- und Jugendsoziologie an der Goethe-Universität sowie im Teilprojekt »Paradoxien des Kindeswohls« im Rahmen des von der VolkswagenStiftung geförderten Forschungsverbunds »Verhandlungsformen normativer Paradoxien« am Institut für Sozialforschung.

Ferdinand Sutterlüty ist Professor für Soziologie mit dem Schwerpunkt Familien- und Jugendsoziologie an der Goethe-Universität und kommissarischer Direktor des Instituts für Sozialforschung. Am Institut leitet er das Teilprojekt »Paradoxien des Kindeswohls« im Rahmen des von der VolkswagenStiftung geförderten Forschungsverbunds »Verhandlungsformen normativer Paradoxien«.

Das überforderte Subjekt – Psychisches und soziales Leiden in einer Kultur der Selbstoptimierung

Buchvorstellung mit Sabine Flick, Thomas Fuchs, Lukas Iwer, Vera King

Montag, 8. April 2019, 20 Uhr

Suhrkamp Verlag 22 €

Erschöpfung, Burn-out, Depression: Ist das moderne Subjekt überfordert? – Zusammenhänge zwischen psychischen Erkrankungen und einer beschleunigten Gesellschaft werden häufig postuliert. Anlass dazu geben etwa die Statistiken der deutschen Krankenkassen über eine dramatische Zunahme von psychischen Störungen in den letzten Jahrzehnten. Als mögliche Ursachen werden Leistungsverdichtung und Beschleunigung der Arbeitsprozesse, fortschreitende Digitalisierung, steigende Mobilität und vermehrter Konkurrenzdruck genannt.
In dem Band „Das überforderte Subjekt – Zeitdiagnosen einer beschleunigten Gesellschaft“ werden diese Phänomene aus philosophischer, soziologischer, psychologischer und psychotherapeutischer Sicht analysiert. Inwiefern kann die Depression als eine Zeitkrankheit verstanden werden? Welche Rolle spielt die Kultur der (Selbst-)Optimierung? Trägt die Psychotherapie dazu bei, indem sie die Verantwortung für psychische Leiden den Individuen selbst zuschreibt?

Sabine Flick, Dr. phil., Soziologin und Supervisorin, Vertretungsprofessorin am Institut für Soziologie der Goethe-Universität Frankfurt/M. und assoziierte Wissenschaftlerin am Institut für Sozialforschung.

Thomas Fuchs, Prof. Dr. med. Dr. phil., ist Karl Jaspers-Professor für Philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Heidelberg.

Lukas Iwer, M.Sc. M.A., ist Psychotherapeut in Ausbildung am Frankfurter Psychoanalytischen Institut und promoviert am Universitätsklinikum Heidelberg.

Vera King, Prof. Dr. phil., ist Professorin für Soziologie und psychoanalytische Sozialpsychologie an der Goethe-Universität Frankfurt/M. und Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts.

Geistig-moralische Wende – Die Erschöpfung des deutschen Konservatismus

Buchvorstellung und Gespräch mit Thomas Biebricher

Moderation: Martin Saar

Donnerstag, 21. März 2019, 20 Uhr

Nach insgesamt 13 Jahren großer Koalition wird klar, dass sich neben der Sozialdemokratie auch der Konservatismus und seine traditionelle politische Heimat, die CDU, in einer tiefen Identitätskrise befinden. Das zeigen nicht zuletzt das Aufkommen der AfD, ministeriale Revolutionsaufrufe gegen die vermeintliche liberale Kulturhegemonie („konservative Revolution“!) und die Auseinandersetzung um die Parteiführung, die auch als Entscheidung über die inhaltliche Ausrichtung der Partei gedeutet wurde – bei der aber die konservativeren Bewerber bekanntlich nicht das Rennen machten.

In seiner Untersuchung der Erschöpfung des Konservatismus unternimmt Thomas Biebricher eine Reise in das politisch-kulturelle Klima der letzten Jahre der alten Bundesrepublik und der Wendezeit und beschreibt die wachsende Orientierungslosigkeit zwischen Neuer Rechter und Neoliberalismus. Auf diese Weise erzählt er – zwischen Ideengeschichte des deutschen Konservatismus und Parteigeschichte der Union changierend – zugleich die Vorgeschichte des Zerfalls unseres klassischen politischen Koordinatensystems, dessen Zeugen wir heute werden.

Thomas Biebricher wurde 2003 in Freiburg mit einer Arbeit über Habermas und Foucault promoviert. Von 2009 bis 2012 leitete er eine Nachwuchsforschungsgruppe zum Thema ‚Krise und normative Ordnung – Variationen des Neoliberalismus und ihre Transformation‘ am Frankfurter Exzellenzcluster ‚Die Herausbildung normativer Ordnungen‘. Nach diversen Lehrstuhlvertretungen ist er dort derzeit als Postdoktorand tätig.

Martin Saar  Dissertation zum Begriff der Genealogie bei Nietzsche und Foucault, Habilitation mit einer Arbeit zur politischen Theorie Spinozas. Vertretungsprofessuren an verschiedenen Universitäten (u.a. Goethe-Universität Frankfurt am Main, Humboldt Universität, Berlin). Von 2014 bis 2016 Professor für Politische Theorie an der Universität Leipzig. Seit 2017 Professur für Sozialphilosophie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Buchempfehlung

Sergej Lebedew – Kronos Kinder

Aus dem Russischen von Franziska Zwerg

S. Fischer Verlag, 24 €
978-3-10-397373-0

Kronos‘ Kinder ist die Geschichte der Recherche des Historikers Kirill zu seinen deutschen Vorfahren, von denen der erste 1830 aus Leipzig ins Russische Kaiserreich gekommen ist. Leitmotiv ist die Erinnerung Kirills an einen Vorfall, den er in seiner Kindheit beobachtet hat. In dem russischen Dorf, in dem seine Großmutter lebt, beobachtet das Kind, wie ein invalider Veteran des Zweiten Weltkriegs, nachdem er sich am Jahrestag seiner Verwundung betrunken hat, eine Schar Gänse niederschießt und sie dabei als deutsche Feinde wahrnimmt. Für Kirill spricht diese Szene für das besondere Verhältnis zwischen Russen und Deutschen, das er dann auch in der Geschichte seiner deutschen Vorfahren immer wieder zu erkennen glaubt.

Erzählt wird die von Lebedews eigener Familiengeschichte inspirierte Geschichte aus Kirills Perspektive in der dritten Person. Er fährt zu den historischen Schauplätzen seiner Familiengeschichte, nach Leipzig, Halle, Münster und Zarizyn/Stalingrad/Wolgograd und denkt sich hinein in seine Vorfahren, deren Perspektive dann ab und zu durch die seine hindurchscheint. Es bleibt aber deutlich, dass es stets Kirills Imaginationen sind, die hier sprechen, sodass die Perspektivenvielfalt eine scheinbare bleibt.

Es ist Kirills Großmutter Lina, die den Ausschlag für seine Recherche gibt, als sie ihm sagt, dass sie als Karolina Schwerdt geboren wurde und ihre Vorfahren Deutsche gewesen seien. Sie nimmt Kirill früh mit auf den sogenannten „Deutschen Friedhof“ in Moskau und öffnet ihm dadurch einen in der Sowjetunion unerwarteten Blick auf die fremde Welt seiner Vorfahren. Im Zuge seiner Recherchen stößt Kirill auf die Geschichte von Balthasar, einem Homöopathen, der 1830 nach Russland ging. Kirill folgt der männlichen Linie der Schwerdts, Ärzte und Ingenieure, bis zu der Geschichte seiner Großmutter. Dabei interessiert ihn stets, welche Rolle das Deutschtum für seine Vorfahren und ihre Schicksale gespielt hat. Hätte seine Großtante die Blockade von Leningrad überlebt, wenn sie keine Deutsche gewesen wäre? Hätte seine Großmutter auch den zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit überlebt, wenn sie nicht die Möglichkeit gehabt hätte, durch ihre Heirat mit einem Russen den deutschen Namen abzulegen?

Kirill, dem der Leser bei der Rekonstruktion seiner Familiengeschichte folgt, stellt Spekulationen über die Ansichten und Beweggründe seiner Vorfahren an, ist ständig bemüht, aus den Ereignissen auf sein eigenes Leben zu schließen, und versucht, transhistorische Konstanten auszumachen, die er „Algorithmen“, „Lebensmuster“ oder „Reime des Schicksals“ nennt und die ihn nicht selten zu pauschalen Urteilen verleiten. Seine Schlussfolgerungen zu den Beweggründen historischer Figuren scheinen aber nicht nur die Darstellung zu beeinflussen, sondern auch die Ereignisse in der Vergangenheit selbst. Wie ein Gott greift er ein, zieht Vergleiche, setzt Verhältnisse und ordnet damit alles neu. Seine Rolle ist ihm dabei bewusst wenn es heißt, „er war derjenige, der alles sah“ (245).

Vor dem Hintergrund der großartigen, bereits ins Deutsche übersetzten Romane Lebedews, Der Himmel auf ihren Schultern (2013) und Menschen im August (2015), ist dieses Buch deshalb zunächst ärgerlich: Es ist ermüdend, den Spekulationen Kirills über die Beweggründe seiner Vorfahren zu folgen, die ihn dann wie von Zauberhand auf die richtige Spur lenken. Die Methode des Erzählers, intuitiv historische Zusammenhänge zu erkennen, wird hier nicht nur exzessiv und mit scheinbar selbstverständlichen Erfolgen verfolgt, sie wird auch explizit benannt. Mit fortschreitender Lektüre aber wird deutlich, dass dieses Thematisieren und Ausreizen nicht einfach Kitsch ist, sondern vielmehr neue Bereiche poetischer Opazität öffnet. Denn dieser Roman hat ein ganz anderes Thema als die vorhergehenden, in denen es um die Vergangenheit bzw. das Fortleben der Vergangenheit in der Gegenwart ging. Hier geht es um Kirill, seine Recherche und darüber, wie eine Erzählung entsteht. Die Rekonstruktion der Vergangenheit und das Verfassen des Buchs darüber wird für Kirill zu einem einzigen Vorgang: Das Nachdenken über den möglichen Fortgang der Erzählung fällt in eins mit dem Auffinden neuer Verbindungsstücke in der Geschichte seiner Vorfahren. Kronos‘ Kinder ist damit ein unfertig wirkender Metaroman mit all der Sperrigkeit und Unabgeschlossenheit, die diesem Genre eignen kann.

Was diesen Metaroman trotz dieser Sperrigkeit zu einem Genuss macht, sind die so wundervollen Beschreibungen, für die Lebedew bekannt ist. Dazu gehören zum Beispiel Kirills feinsinnige Beobachtungen bei der Lektüre des mehrsprachigen Tagebuchs seines Großvaters und die atmosphärische Beschreibung eines Sommergewitters im Dorf der Großmutter ganz zu Anfang des Romans. Diese Szenen, in denen der Lesende das Gefühl absoluter Unmittelbarkeit bekommt, ergänzen die methodischen Reflexionen des Protagonisten erstaunlich gut.

Alena Heinritz, Graz

»Persönlich – wär so unendlich viel zu sagen« Die Freundschaft und der Briefwechsel zwischen Peter Suhrkamp und Carl Zuckmayer

Vortrag von Gunther Nickel
Moderation: Thedel von Wallmoden

Montag, 18. Februar 2019, 20 Uhr

Carl Zuckmayer als Rundfunksprecher bei der ‘Stimme Amerikas’, um 1948

Mit dem Namen Suhrkamp verbindet man heute vor allem ein Verlagsprogramm, das für kritisch-emanzipatorisches Denken in der alten Bundesrepublik steht. Carl Zuckmayer hingegen erschien dem Suhrkamp-Autor Theodor W. Adorno, einem der wichtigsten Exponenten dieses kritisch-emanzipatorischen Denkens, schon 1960 geradezu „widerwärtig“. Vor diesem Hintergrund wirkt die enge Freundschaft zwischen Peter Suhrkamp und Carl Zuckmayer, die der bislang unveröffentlichte Briefwechsel zwischen 1935 bis 1959 dokumentiert, zumindest überraschend.

Der Vortrag von Gunther Nickel zeichnet die Entwicklung dieser Freundschaft nach, die schon in den 1920er Jahren ihren Anfang nahm und die später ganz zentral auch die Literaturpolitik des Dritten Reichs und die Geschichte des S. Fischer Verlags berührt. Peter Suhrkamp leitete von 1936 an den nicht ins Exil gezwungenen Teil des S. Fischer Verlags. 1950 wurde die endgültige Spaltung zwischen Peter Suhrkamp und dem Fischer Verlag mit den Neugründungen des S. Fischer und des Suhrkamp Verlags vollzogen.

Dr. Gunther Nickel ist Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz und hat unter anderem zahlreiche Editionen aus dem Nachlass Zuckmayers veröffentlicht, darunter den Briefwechsel mit Annemarie Seidel, Peter Suhrkamps späterer Ehefrau, einen Geheimreport aus den Jahren 1943/44 für den ersten Auslandsgeheimdienst der USA und einen Deutschlandbericht für das amerikanische Kriegsministerium aus dem Jahr 1947.

Thedel von Wallmoden ist Germanist, Hochschullehrer, Gründer und Verleger des Wallstein Verlags.

Eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Historischen Kommission des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels e.V.

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Philipp Blom – Eine italienische Reise

Auf den Spuren des Auswanderers, der vor 300 Jahren meine Geige baute

Hanser Verlag 26 €

Philipp Blom ist seit seiner Jugend passionierter Geigenspieler. Ursprünglich hatte er selbst professioneller Musiker werden wollen, musste aber einsehen, dass seine Disziplin und Leidenschaft für diesen Weg nicht ausreichen würden, und diesen Plan aufgeben. Er wurde Historiker und Schriftsteller. Die Liebe zum Geigenspiel aber blieb.

Eine italienische Reise beginnt mit einem Besuch des Autors in der Werkstatt des renommierten Geigenbauers und -händlers MR, wo ihm ein Instrument durch seine besondere Gestaltung auffällt. Eine sorgfältig restaurierte Geige, die aber nach einem „Stimmriss“ trotz der Reparatur ihre Stimme verloren zu haben schien. Sie sei um 1800 gebaut worden, sagte der Händler, wahrscheinlich in Oberitalien, aber mit deutlichem Allgäuer Einfluss. Mehr hätte er aber auch nach längeren Recherchen nicht herausfinden können.

Blom, der (was der Leser erst später erfährt) eine harte Zeit voller Schicksalsschläge hinter sich hat, die im Verlust seiner alten Geige gipfelte und ihn völlig blockierte, nimmt die Geige mit nach Hause. Nach Tagen intensiven Spiels erlebt er, wie das Instrument langsam erwacht und seine Stimme wiederfindet – und er zurück zum Geigenspiel. Und noch etwas anderes geschieht: „Jedes mal, wenn ich meine Geige zur Hand nahm (…), fühlte ich, dass ich jemandem begegnete (…). Die Hände des Spielers und des Erbauers trafen sich auf diesem kleinen Instrument …“ Das Interesse des Geigenspielers und Historikers ist geweckt.

Dann folgt Philipp Bloms jahrelange Suche nach dem Ursprung des Instruments, die ihn zu unterschiedlichen Experten führt – in Süddeutschland und Holland, Oberitalien, Wien und London. Er forscht in Archiven, durchforstet Bücher und spezialisierte Datenbanken, umkreist sein Forschungsobjekt, ohne eine eindeutige Spur zu finden.

Als er auf dem Weg der reinen Fakten nicht mehr weiterkommt, konstruiert er den idealtypischen Weg eines Jungen aus dem Allgäu, der im Alter von zwölf Jahren von seiner armen Familie über die Alpen nach Venedig, geschickt wird, um dort in einer der vielen Werkstätten deutscher Instrumentenbauer das Handwerk zu lernen und zu arbeiten. In alten Akten hat er einen Hanns Kurz gefunden, aus dem in Italien Giovanni, im venezianischen Dialekt Zuanne Curci geworden ist. Von einem wie ihm könnte die Geige stammen.

Geschickt verknüpft der Autor unterschiedliche Themenfelder: Die Geschichte des Geigenbaus, des Musiklebens in Venedig um 1800, die Wertsteigerung eines alten Instruments durch die exakte Herkunftsbestimmung (was wenig über den Klang aussagen muss). Er erzählt von Komponisten und Virtuosen, von Meistern, Schwindlern und Scharlatanen im Geigenbaugewerbe. Eine italienische Reise ist ein Buch voller Wissen; lebendig, spannend und warmherzig erzählt, so reich, dass man ihm in einer kurzen Empfehlung nicht gerecht werden kann. In einem fiktiven Dialog gegen Ende des Buches schreibt Blom: „Ich habe Geschichte gesucht und Geschichten gefunden …“ und die zu erzählen ist ihm – zur Freude der Leser – auf hinreißende Weise gelungen.

Ruth Roebke, Bochum

Frohe Feste wünschen wir!

Keine Eiszapfen, Schneemänner, verschneiten Wälder – die Wettergötter haben ein Problem mit der weißen Pracht. Aber was macht das schon! Bücher sind der beste Ersatz für äußere Missstände und der Rutsch ins neue Jahr ist ohne Eis auch viel sicherer.

 

 

Wir wünschen Ihnen in diesem Sinne besinnliche und schöne Weihnachtsfeiertage und einen phantastischen Start ins neue Jahr!

PS: “Zwischen den Jahren” sind wir ganz regulär für Sie da und an Silvester von 9.00 bis 13.00 Uhr.

Verlängerte Öffnungszeiten an den Adventssamstagen

 

 

 

Liebe KundInnen,

an allen Adventssamstagen haben wir von 9 bis 18 Uhr geöffnet, an den Wochentagen wie üblich zwischen 9 und 19 Uhr.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

Ihre AutorenbuchhändlerInnen

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Albertine Sarrazin – Der Ausbruch

Deutsch von Claudia Steinitz

INK Press, 26 €
978-3-906811-08-6

Als Albertine Sarrazin mit 29 Jahren starb, hatte sie einen Großteil ihres Lebens hinter Gittern verbracht. Ihre Romane hatten für ein Aufsehen gesorgt, das sie in ganz Frankreich und über seine Grenzen hinaus bekannt machte. Die Neuübersetzung von Der Ausbruch durch Claudia Steinitz ist dazu angetan dieses großartige Buch erneut ins Gespräch zu bringen.

Anick Damien, die Protagonistin des Romans, sitzt (nicht zum ersten Mal) wegen Juwelendiebstahls und Hehlerei hinter Gittern. Der Ausbruch stellt ihre Aufzeichnungen während eines Teils dieser Haftzeit dar. Sie erzählen von den Verhältnissen, Freund- und Feindschaften im Gefängnis und vor Gericht. Die Arbeit an diesem Roman wie an all ihren anderen hat Albertine Sarrazin selbst im Gefängnis begonnen. Ob man darin den Grund für seine Tiefe und brutale Ehrlichkeit sehen will, bleibt den LeserInnen selbst überlassen.

Anick schreibt nicht zum Zeitvertreib, nicht um die Haftzeit zu verkürzen oder sie für sich nutzbar zu machen. Ihr Schreiben ist an sich schon ein Ausbruch, ein Widerstand. Doch ist es kein eskapistischer Akt: Ihre ausufernden Sprachbilder täuschen nicht über die Trostlosigkeit und die Brutalität des Knastes hinweg, sondern arbeiten sich an ihr ab, sind vielleicht der Versuch, die Gefängnismauern aufzulösen. So wie ihre Ausbruchspläne sich ausschließlich auf die Dicke der Gitterstäbe, die Höhe der Wände und die Scherben auf der Außenmauer konzentrieren, so konzentriert sich auch das Schreiben im Gefängnis auf nichts als das Eingeschlossensein, das Limitierte, auf den Alltag im Knast. Woraus kann ich mir eine Pinzette formen, und wo verwahre ich sie so, dass sie nicht entdeckt und konfisziert wird? Wie kann ich mich gegen meine Mitgefangenen in dem nervenzerreißenden Spiel zwischen Unterwürfigkeit und Selbstbehauptung durchsetzen?

Anicks Schreiben und ihre immer wieder neuen Pläne, dem Gefängnis zu entkommen, sind zwei der drei großen Freiräume im Dasein der Gefangenen. Der dritte ist die Liebe, denn Der Ausbruch ist auch ein Liebesroman. So unbeschränkt und radikal wie der Wille der Protagonistin ist ihre Liebe zu ihrem Freund Zizi. Und immer wieder scheint auch das Bedürfnis nach Nähe und engster Freundschaft zwischen ihr und ihren Mitgefangenen auf.

Der alles bestimmende Ausbruch meint zugleich das Entkommen aus den Mauern des Gefängnisses und den Ausbruch des Vulkans, der zum Bruch mit den Verhältnissen führt, verweist auf die Einbrüche, die Anick und Zizi in den Knast gebracht haben, und auf die schmerzenden Knochenbrüche, die Anick jeden Tag an ihre Flucht vom Tatort erinnern. Hier muss auf die hervorragende übersetezerische Leistung von Claudia Steinitz hingewiesen werden, denn Sarrazins Sprache ist durchdrungen von feingesponnen Bildern und Metaphern, die nicht selten und nicht zufällig von der Mythologie ausgehen, aber auch, durch Sprachcodes und Decknamen – Anleihe an die omnipräsente Zensur, die Kontrolle, an den heimlichen Kassiber-Austausch –, sehr verdunkelt. Das Schreiben setzt der Profanität des Gefängnisalltags eine Üppigkeit entgegen, die dennoch keinen anderen Gegenstand haben kann als eben diese Profanität, diese Kargheit, diesen Überfluss des Mangels, diese Grenzenlosigkeit des Gefängnisses.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt