Moritz und Raffael haben eine gemeinsame Geschichte voll
dunkler Geheimnisse. Ihre Freundschaft beginnt 1986 in Hallein am
Dürnberg, sie endet 2017 mit Raffaels Besuch bei Moritz; 16 Jahre haben
sie sich da nicht gesehen. Johanna, die im letzten Schuljahr zu den
beiden stieß und von dem Moment an nicht mehr von der Seite der Freunde
wich, wird das Dreieck nach 16 Jahren mit allen Wunden und Gefahren der
Vergangenheit wiederbeleben. In ihrem Romandebüt zeichnet Mareike
Fallwickl in wirkungsvollen Kontrasten Menschen, die über Jahre
Gefangene ihrer selbst und überkommener gesellschaftlicher Muster sind,
bis der Knoten endlich doch zerschlagen wird.
Er steht eines Abends vor Moritz‘ Tür, in der Hand einen
Koffer: Raffael, alter Freund aus Kindertagen, Frauenschwarm immer
schon, auch bei Moritz hochschwangerer Freundin Kristin zaubert er aus
dem Nichts ein Lächeln auf ihr Gesicht.
Doch Kristin durchschaut Raffael schon nach wenigen Tagen
und bittet, fordert, fleht Moritz an, sich und sie und ihr gemeinsames
Kind zu retten: Vor der Vergangenheit, die mit Raffaels Besuch wieder
hochkocht, und vor der Wendung, die Moritz‘ Leben in der Hand von
Raffael nehmen könnte.
Moritz, der Zaghafte, Weiche, künstlerisch Begabte, der
die Aura der Menschen sehen kann – er verliert sich selbst immer noch in
Raffaels Gegenwart. Dessen Abgebrühtheit war schon in Kindergartentagen
maßlos, Raffael quälte jeden und jede, körperlich, seelisch, übertrat
seine Grenzen, meist zum Schaden der anderen. Für Johanna, die ihre
Eltern mit 17 durch einen Autounfall verloren hatte, war und ist der
unnahbare Raffael die Herausforderung ihres Lebens.
Erzählt wird die Geschichte der drei Jugendlichen von
Moritz, seiner Mutter Marie und von Johanna, und auch diese
Konstellation der Erzählenden birgt mehr als nur ein Geheimnis. Am Ende
wird sich für alle etwas ändern, werden sich die Farben neu mischen und
jeder wird die Chance bekommen, etwas längst Vergessenes
wiederzuentdecken.
Friederike Boll, Franziska Dübgen und Frank Wilde im Gespräch mit Felix Trautmann
Montag, 23. April 2018, 20 Uhr
Prismen – Institut für Sozialforschung bei Marx & Co
Das Gefängnis gilt als negatives Spiegelbild der Gesellschaft. Wer dort einsitzt, hat eine Tat begangen, die gesellschaftlich inakzeptabel ist und entsprechend sanktioniert wird. Bei genauerer Betrachtung der Gefängnispopulation zeigt sich jedoch auch, dass die gesellschaftliche Strafpraxis bestimmte Bevölkerungsschichten in besonderer Weise kriminalisiert und dem Gefängnis aussetzt. Einen entscheidenden Faktor stellt dabei die soziale Lage dar. Armut treibt die Menschen zwar nicht notwendig in die Kriminalität, doch kann durchaus behauptet werden, dass das Gefängnis bestehende soziale Ungleichheiten reproduziert und verstärkt. Um die verhängnisvollen Wechselbeziehungen von Armut und Gefängnis zu begreifen, müssen die strafrechtspolitischen, sozialen und ökonomischen Dynamiken in einem größeren Zusammenhang und über die Mauern des Gefängnisses hinaus betrachtet werden. In der Zusammenschau von Sozialstruktur und Strafpraxis, wie sie von Otto Kirchheimer und Georg Rusche bereits in den 1920er Jahren vorgeschlagen wurde, erweisen sich die Forderungen nach schärferen Strafen zur besseren Verbrechensbekämpfung als genauso verfehlt wie die aktuelle Diskussion über das »hohe Niveau« der sozialen Sicherungssysteme in Deutschland. Die Frage, wie Gesellschaften mit Kriminalität umgehen sollten, kann ohne den Verweis auf die armutsverschärfende Wirkung der gegenwärtigen Strafpraxis nicht mehr angemessen diskutiert werden.
Hintergrund des Gesprächs bildet der Themenschwerpunkt »Armut und Gefängnis« (hg. von Il-Tschung Lim, Daniel Loick, Nadine Marquardt und Felix Trautmann) in WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung 2/2017.
Friederike Boll hat Rechtswissenschaften in Frankfurt und Wien studiert und arbeitet derzeit in Frankfurt als Anwältin im Arbeitsrecht, Antidiskriminierungsrecht und LGBTIQ-Personenstandsrecht. Sie ist darüber hinaus aktives Mitglied in der Vereinigung demokratischer Juristinnen und Juristen (VDJ), dem bundesweiten Netzwerk kritischer Juristen (kritjur) und in verschiedenen queeren Kontexten.
Franziska Dübgen lehrt am Institut für Kulturwissenschaft der Universität Koblenz-Landau und ist dort Ko-Leiterin des Forschungsprojekts »Diversität, Macht und Gerechtigkeit«. Promoviert hat sie mit einer Arbeit über zeitgenössische Gerechtigkeitstheorien der Kritischen Theorie im Spiegel postkolonialer Ansätze. Von 2015 bis 2017 war sie Leiterin der Nachwuchsforschungsgruppe »Jenseits einer Politik des Strafens« an der Universität Kassel. Für den Junius-Verlag verfasste sie eine Einführung zu Theorien der Strafe.
Felix Trautmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialforschung. Aktuell arbeitet er in einem Forschungsprojekt mit dem Titel »Paradoxien der Gleichheit. Die Demokratie und ihre Kulturindustrie«. Darüber hinaus ist er Mitglied von KNAS[ ], der Initiative für den Rückbau von Gefängnissen.
Frank Wilde arbeitet als Sozialpädagoge in verschiedenen Arbeitsbereichen der freien Straffälligen- und Wohnungslosenhilfe in Berlin. Aktuell ist er Projektleiter beim Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg in einem Beratungsangebot für ältere Strafgefangene. 2016 ist seine Dissertation Armut und Strafe. Zur strafverschärfenden Wirkung von Armut im deutschen Strafrecht (Springer VS-Verlag) erschienen.
Kairo 2011:
Endlich dämmerte da am verfinsterten Firmament die große Freiheit
herauf. Endlich erhoben sich die Jungen, Progressiven, Utopisten, die
Betrogenen und die Geschundenen, um für ihre Rechte zu kämpfen.
Das Internet half, das marode System Mubaraks zu stürzen.
Facebook, Twitter, YouTube: Supranationale Verteiler, Katalysatoren der
großen Revolution, die die Stimmen von Millionen Menschen zu einem
wütenden Chor zusammenfassten, der das autoritäre System in den Orkus
twitterte.
Für wenige Momente in der Geschichte des Landes schien
sich all das zu einem drehbuchreifen Narrativ zu fügen. Ein Happy-End
deutete sich an. Und ein weiter Raum öffnete sich, in dem alles möglich
schien: „Ja, Kairo ist Jazz. Kein Lounge-Jazz, der die Geschichte weißen
will, sondern die Hitze von New Orleans und die Schlachthofabfälle von
Chicago. Der Jazz, der Schönheit in der Zerstörung der Vergangenheit
hervorbringt, der Jazz einer unbekannten Zukunft, der Jazz, der Freiheit
von der schlimmen, alten Zeit verspricht.“
Omar Robert Hamilton erzählt die Geschichte dreier junger
Menschen, die sich, als die Proteste auf dem Tahrir-Platz anheben, zu
einem Medienkollektiv zusammenfinden, um für ihre Idee von Ägypten zu
kämpfen.
Wütend, idealistisch und voller Elan werfen sich das
junge Paar Khalil und Mariam und ihr Freund Hafez in den Kampf. Sie
filmen, fotografieren, besprechen sich mit anderen Aktivisten,
organisieren Protestgruppen und hauen eingekerkerte Revolutionäre aus
den Gefängnissen des Regimes heraus. Sie sind intelligent und wissen die
internationale Öffentlichkeit des Internets für sich zu nutzen. Sie
schonen sich nicht, und die Energie scheint grenzenlos zu sein. Doch
wieder und wieder wird das Durchhaltevermögen, werden die Ideale der
jungen Leute durch die politischen Machtverschiebungen erschüttert: Auf
Mubarak folgt Mursi, auf Mursi Feldmarschall as-Sisi, und allen ist
gemein, dass sie gemeinsame Sache mit Polizei und Militär machen und
dass sie keinerlei Skrupel haben, Gegenstimmen mit äußerster Brutalität
zum Schweigen zu bringen.
Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass die politischen
und gesellschaftlichen Realitäten von Kräften bestimmt werden, die im
Verborgenen zu operieren scheinen, unberührt von den Protesten des
Volkes. Die Sinnfrage beginnt, die anfängliche Euphorie und die kleinen
Triumphe über Mubarak und den Polizeiapparat anzukränkeln, das Vertrauen
in die Kraft der Medien erodiert, und schließlich droht auch das
Kollektiv – und nicht zuletzt die Beziehung zwischen Khalil und Mariam –
an der um sich greifenden Resignation zu zerbrechen. „Ich erinnere mich
an eine Zeit, in der ich, von jeder Kleinigkeit, jeder
Zukunftsmöglichkeit in Ekstase versetzt, durch die Straßen lief. Alles,
was ich jetzt noch sehe, sind seelenlose Neonröhren und sterbende Tiere
und zersplitterte Fenster in bröckelnden Gebäuden und unausweichliche
Erinnerungen, die diese schweflige Stadt unserer Toten ausmachen,
unserer Mega-Nekropole des Scheiterns.“
Stadt der Rebellion ist ein Buch, das die
faktischen Ereignisse der ägyptischen Revolution mit einer fiktiven
Geschichte verzahnt und auf diesem Weg einen Einblick in die Dynamik der
Protestbewegung gewährt. In prägnanten Bildern werden die Gräuel der
Straßenschlachten, die unermessliche Trauer der Eltern, deren Söhne und
Töchter bei den Zusammenstößen ihr Leben ließen, die Verwirrungen über
die politischen Umwälzungen und die Gedankenwelt jugendlicher
Revolutionäre geschildert. Dabei bedient sich Hamilton mal des
elegischen Monologs, mal der Schilderung hitziger Diskussionen und immer
wieder der Kürzestform von Tweets, SMS und
Nachrichten, um eine dichte, bedrückende, aber mitreißende Atmosphäre zu
schaffen, die glanzvoll die Stimmung zwischen großer Hoffnung, bitterer
Resignation und abgeklärter Nüchternheit wiedergibt.
Dieser Roman ist nicht zuletzt die große Erzählung einer
im jugendlichen Feuer geborenen Utopie, die durch die harten und
unerbittlichen Realitäten politischen Machtmissbrauchs und staatlicher
Willkür zu einer unverwüstlichen Idee, einer eisernen Hoffnung wird, für
die es sich zu kämpfen lohnt.
Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt
In den
kleinen, abgelegenen irischen Ort Cloonoila, der schon mal bessere Tage
gesehen hat, kommt ein Fremder. Eine beeindruckende Erscheinung,
hochgewachsen, grauhaarig, höflich, gebildet, zurückhaltend. Er wolle
sich in dem Ort als Heiler und Sexualtherapeut niederlassen, sagt er.
Der Fremde nennt sich Dr. Vladimir Dragan, stammt aus Montenegro und
ist, wie der Leser bald erfährt, ein gesuchter Kriegsverbrecher, in dem
man unschwer Radovan Karadžić erkennen kann.
Die ahnungslosen Bewohner, besonders die Frauen, sind
beeindruckt. Nach und nach geraten alle in seinen Bann. Besonders
Fidelma, die in ihrer kinderlos gebliebenen Ehe mit einem älteren Mann
unglücklich ist, erliegt Dr. Vlads Charisma, beginnt ein Verhältnis mit
ihm und wird schwanger – was in einer so kleinen Gemeinde, trotz aller
Vorsicht, nicht unbemerkt bleibt. Eines Tages sind die Reifen von Dr.
Vlads Auto zerstochen, die Scheiben eingeschlagen, und auf dem Pflaster
findet sich eine obszöne Schmiererei. Bald darauf kommt die Polizei und
verhaftet Vlad, und an Fidelmas Tür klingeln drei finstere Gestalten.
Danach wird nichts in ihrem Leben so sein wie vorher …
Im zweiten Teil des Buches lebt Fidelma in London. Ihr
Kind hat sie verloren, ihr Mann hat sie verstoßen. Sie hat keine feste
Bleibe und schlägt sich mit einem schlecht bezahlten, unsicheren Putzjob
durch. Die Menschen in ihrer Umgebung sind zumeist Migranten und
Illegale, Menschen, die in ihren Herkunftsländern oder auf der Flucht
Entsetzliches erlebt haben und die oft nicht wissen, wie es in ihrem
Leben weiter gehen soll. Hier, ganz unten angekommen, unter diesen
Menschen, findet Fidelma wieder zu sich.
Im Dritten Teil fährt sie nach Den Haag, wo Dr. Vlad am
internationalen Gerichtshof der Prozess gemacht wird. Bei einem
Besuchstermin im Gefängnis versucht sie zu erzählen, was sie erlebt hat.
Aber ihr Gegenüber hört nicht zu. In einer grandiosen Szene zeigt die
Autorin einen Menschen, der völlig uneinsichtig in die eigene Schuld ist
und sich in seiner Selbstbezogenheit als Opfer begreift.
Edna O’Brien, die große alte Dame der irischen Literatur, hat mit Die kleinen roten Stühle
ein beeindruckendes und verstörendes Buch geschrieben. Was im ersten
Teil wie das Klischee einer pittoresken irischen Idylle voller skurriler
Typen beginnt, geht binnen kurzem weit über das Private hinaus und
weitet sich zu einem gesellschaftlichen und politischen Panorama. Das
Buch erzählt mit großer sprachlicher Kraft von Liebe und Sehnsucht, von
Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit, von gesellschaftlichen Zuständen,
in denen der Einzelne nichts zählt, und von Zufallsgemeinschaften, in
denen es Wärme und Solidarität gibt. Das ist ganz große Literatur und
unbedingt empfehlenswert.
Für eine afroamerikanische Familie, die in Armut an der
Golfküste von Mississippi lebt, ist es schwer, sich die Welt zum Freund
zu machen. Aber die Großeltern des 13-jährigen Jojo und seiner kleinen
Schwester Kayla tun alles, um ihre Enkel für das Leben in einer immer
noch in Schwarz und Weiß gespaltenen Gesellschaft zu stärken. Ein
bildmächtiger Familienroman, der zugleich ein eindringliches Porträt des
amerikanischen Süden zeichnet: große Literatur!
An seinem 13. Geburtstag steht Jojo in aller Frühe mit
dem Großvater auf. Sie treten gemeinsam in den kalten, windigen Morgen,
lassen das selbst gebaute Haus hinter sich, gehen hin zu den Ställen auf
der Lichtung, zu den Tieren. Der Junge weiß, was sein Großvater vorhat.
Ein Bock wird zu Ehren des Enkels an diesem Tag sein Leben lassen, und
Jojo will dem Großvater zeigen, dass er des Geschenks würdig ist. Er
hilft ihm, die Ziege zu schlachten, von innen nach außen zu kehren, die
Haut abzuziehen. Irgendwann ist der Gestank dann doch zu mächtig, und
Jojo flieht aus dem Schuppen.
Am gleichen Tag ruft Jojos weißer Vater an, nicht um
seinem Sohn zum Geburtstag zu gratulieren, sondern um Leonie, seine
Frau, und die Kinder zu seiner Freilassung aus dem staatlichen Zuchthaus
einzubestellen. Die Fahrt wird eine Tour de force, das zunächst
unterschwellige Unbehagen zur konkreten Bedrohung. Und trotzdem siegt am
Ende die Hoffnung.
Es sind drei, die diese Geschichte erzählen: die Mutter,
der Sohn und ein Junge, der schon lange tot ist und keinen Frieden
findet. In ihrer Sprache, in ihren Gedanken wird Vergangenheit und
Gegenwart, wird die harte Wirklichkeit, die trockene rote Erde, wird Tod
und Verachtung, wird aber auch die übergroße Liebe, die Poesie der
Natur und ihre archaische Botschaft so lebendig, dass man sich dem
Gesang nicht entziehen kann. In diesem Roman fließen Bilder und Sprache –
einer Infusion gleich – auf direktem Weg in Körper, Geist, Herz.
Überwältigend!
Im Oktober 2017 ist die zweite Ausgabe der Zeitschrift Jalta – Positionen zur Jüdischen Gegenwart mit dem Themenschwerpunkt „Desintegration“ erschienen. Die jüdischen und nicht-jüdischen Autor*innen erkunden die Potentiale einer Gesellschaft der Vielen, die sich über die Vorstellung einer auf Einheit basierenden Gemeinschaft hinwegsetzt.
Zwei der Herausgeber*innen, Micha Brumlik und Hannah Peaceman, stellen Jalta im Kontext der politischen Verhältnisse nach der Bundestagswahl sowie dem Erstarken rechter und faschistoider Bewegungen vor. Sie verorten die Beiträge zur jüdischen Gegenwart und diskutieren vergangene und gegenwärtige Interventionsmöglichkeiten jüdisch-postmigrantischer Allianzen.
Hannah Peaceman studierte Philosophie, Politikwissenschaften und Gender Studies in Marburg, London, Frankfurt und Jena. Sie promoviert am Max-Weber-Kolleg in Erfurt. Von 2010 bis 2016 war sie Stipendiatin des Ernst-Ludwig-Ehrlich Studienwerks (ELES).
Micha Brumlik ist emeritierter Professor am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt am Main. Von 2000 bis 2005 war er Leiter des Fritz Bauer Instituts. Seit 2013 ist er Senior Professor am Zentrum Jüdische Studien Berlin/Brandenburg in Berlin.
Karen Körber, promovierte Soziologin, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Akademie der Weltreligionen der Universität Hamburg. 2012-14 war sie die erste Fellow am jüdischen Museum Berlin. Forschung und Publikationen zu jüdischer Diaspora, Migration und Transnationalisierung.
Die Haushaltshilfe des Vaters ruft an, er ist gestorben. Gerade mal vier Wochen später kommt der Anruf aus dem Altersheim, in dem die Mutter die letzten Jahre verbrachte. Überraschend ist auch sie gestorben.
Beim Sichten der Hinterlassenschaften findet der Sohn Fotos, tauchen Erinnerungen auf. Scheinbar distanziert, fast kriminologisch genau schaut er zurück und betrachtet die Spuren des Lebens dieses einstmals so schönen Paares.
Seine Betroffenheit wird deutlich in der Beharrlichkeit, mit der er der Geschichte seiner Eltern nachgeht. Ihre Liebesgeschichte hatte trotz des Krieges verheißungsvoll begonnen. Aber dann hatten sich die Eltern bald, nachdem sie in den Westen gekommen waren, getrennt. Er, der Junge, war bei Georg, dem Vater, geblieben. Die Mutter, Herta, war von einem Tag auf den anderen verschwunden. Wann hatte das Unglück angefangen? 1956 nach dem Aufstand in Ungarn hatten die Eltern beschlossen, in den Westen zu gehen, solange es noch ging, und alles Erreichte, Freunde und Familie zu verlassen, um noch einmal von vorne zu beginnen. Während Georg vorausfuhr, setzte Herta das Ersparte in eine Kamera um. Denn die könne man bestimmt im Westen gut wieder verkaufen, so zumindest der Plan.
Der Neubeginn war schwierig. Und der Verkauf der Ostkamera im Westen stellte sich als unmöglich heraus. Um Herta zu demonstrieren, dass sie keinen Fehler gemacht hatte, der Kauf der Kamera doch richtig gewesen war, „lieh“ Georg sich, heimlich, wie er sich wohl dachte, das Geld von seiner Firma. Nun war die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten.
Der Vater wurde zwar in der Öffentlichkeit rehabilitiert. Aber Georg und Herta waren, um sich gegenseitig zu schützen, beide aus Liebe schuldig geworden. Gleichzeitig aber hatten sie sich damit auch der gegenseitigen Verachtung ausgesetzt. So konnten sie nicht mehr zusammenleben, konnten sich nur noch trennen. Und wie lebt es sich ohne den geliebten Menschen? Die Geschichte des schönen Paares ist eine Geschichte über den Verlust der Vorstellung eines möglichen Gelingens.
Gert Loschütz beschreibt hier akribisch die sichtbare Oberfläche eines funktionierenden Alltags, auf der sich die Strudel im Untergrund doch abzeichnen. Der Roman bezieht seine Spannung aus der Tiefenwahrnehmung und ihrer Spiegelung an der Oberfläche sowie ihrer Darstellung in einer genauen und schnörkellosen Sprache. Meisterhaft!
Einführung: Prof. DW Dreysse, Architekt und Mitglied der Initiative 9. November
Im April 1933 flieht die junge Frankfurter Witwe Anuta Sakheim mit ihrem kleinen Sohn Ruben nach Palästina. Im fremden Land, dessen Sprache sie nicht spricht, kauft sie von ihrem letzten Geld ein Auto – und verdient als erste Taxifahrerin in Tel Aviv ihren Lebensunterhalt. Zeit für Ruben bleibt ihr kaum. Um schließlich dem inzwischen Fünfzehnjährigen eine Zukunft zu ermöglichen, schickt sie ihn schweren Herzens 1938 zu ihrer Schwägerin nach New York. Es wird ein Abschied für immer. Einsam und mittellos nimmt sich Anuta Sakheim im Juli 1939 das Leben.
Ihr Sohn, heute 94 Jahre alt, schreibt: „Wenn wir in Deutschland geblieben wären, wäre ich 1943 zwanzig Jahre alt gewesen. Das war gerade das richtige Alter, um in ein KZ wie Auschwitz geschickt zu werden. Dieses Schicksal hat mir meine liebe und weitsichtige Mutter erspart.“
Anutas Briefe berichten von ihren Sorgen, ihrem Alltag im fremden Land und von der Sehnsucht nach ihrem Sohn sowie von der immer gefährlicher werdenden Lage in Palästina. Herausgegeben wurden die Briefe von Katharina Pennoyer und der Initiative 9. November.
Die Initiative 9. November e. V. gründete sich 1988, um die jüdische Vorgeschichte des Hochbunkers an der Friedberger Anlage zu erschließen. An dieser Stelle hatte die Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft gestanden, die 1938 von den Nazis zerstört und danach mit dem Hochbunker überbaut worden war.
Alice von Lindenau, Schauspielerin, geboren 1983, Engagements zuletzt beim Schauspiel Frankfurt und den Burgfestspielen Bad Vilbel, Publikumspreis der Schauspielbühnen Stuttgart für die beliebteste Schauspielerin 2012/13 als “Effi Briest”.
Der vieldiskutierte Roman von Manja Präkels thematisiert ein von der breiten Öffentlichkeit vielfach verleugnetes oder bestenfalls unbeachtetes Phänomen: die Erstarkung rechtsradikaler, neonazistischer Gruppen in Deutschland nach der Wende. Angelehnt an ihre eigenen Erfahrungen aus ihrer Jugend in der ostdeutschen Provinz in den frühen 90er Jahren, verdeutlicht dieser Roman, wieso Phänomene wie PeGiDa und AfD für Präkels keineswegs überraschend sind. Bei aller politischen Brisanz gelingt der Journalistin jedoch darüber hinaus ein literarisch gelungenes Debüt.
Was
geschieht, wenn man nach langer Abwesenheit an den Ort seiner Kindheit
und Jugend zurückkehrt? Und wenn dieser Ort nicht Unbeschwertheit oder
Geborgenheit vermittelt, sondern Angst? Wenn man nach Jahren des Exils
zurückkommt und Hitler einem mit einem Mal wieder als der alte
Schulfreund erscheint, der er einmal war?
Früher sind Oliver und Mimi oft zusammen angeln gegangen.
Obwohl sie wenig miteinander gesprochen haben, bestand doch eine
Freundschaft zwischen ihnen. Dann kam die Wende, und aus Oliver wurde
Hitler, Anführer einer von zahlreichen Neonazigruppen, die zu dieser
Zeit die Kontrolle über das soziale Leben übernahmen, wie Mimi ihre
Erinnerungen beschreibt. In ihrer Rückschau auf die Ereignisse, wird der
Protagonistin klar, dass diese frühe Freundschaft zu Hitler/Oliver ihr
das Leben gerettet haben könnte. Denn mit dem Erstarken der Neonazis
wurden sie und ihre Freunde, die „Zecken“, zu Gejagten. Denn der
Einfluss der Rechten auf die Gesellschaft scheint übermächtig und
allgegenwärtig und wird doch, auch damals schon, totgeschwiegen. Nazis
stürmen Diskotheken und Kneipen, die “Zecken” werden verfolgt und
verprügelt. Ein Freund überlebt einen dieser Überfälle nicht. Die Täter
werden freigesprochen, die Angst wächst, die Übergriffe werden häufiger.
Von ihrer Familie wird Mimi Verfolgungswahn vorgeworfen, alles
Einbildung, Übertreibung. Es folgt die Flucht nach Berlin, doch der
Neuanfang, den die Großstadt verspricht, bleibt aus.
Manja Präkels, die sich mit neonazistischen Gruppierungen
und Strömungen auch in ihrer journalistischen Tätigkeit beschäftigt und
hier auch ein Stück weit ihre eigene Biografie verarbeitet, schreibt
mit einer ungeheuren Sachkenntnis. Dabei gelingt es ihr wie wenigen
ihrer journalistischen KollegInnen, sich auf die literarische Form des
Romans einzulassen. Durch ihren direkten Erzählstil überträgt sich die
beklemmende Stimmung auf die Leserin und sorgt dafür, dass das Buch
einen lange beschäftigt.
In Deutschland, in den neuen Bundesländern wie in den
alten, wurde und wird rechte Gewalt systematisch geleugnet oder
kleingeredet. Mit ihrem Roman wie mit ihrer journalistischen Arbeit
leistet Manja Präkels einen wichtigen Beitrag zur Debatte.
Ein junger Soldat kehrt schwer verwundet von der Ostfront zurück, wird in einem saarländischen Lazarett aufgepäppelt und dann zur Rekonvaleszenz in die Heimat geschickt. Im Wiener Elternhaus hält er es nicht lange aus: Die Dinge scheinen in keinerlei Beziehung mehr zu ihm zu stehen, der Krieg hat sämtliche Verbindungen gekappt, und die tumben Durchhalteparolen des Vaters, der sich wie so viele Daheimgebliebene verzweifelt an die Idee des Endsiegs klammert, sind nach fünf ernüchternden Frontjahren purer Hohn. Also beschließt Veit Kolbe, Protagonist des neuen Romans von Arno Geiger, die Flucht aufs Land, nach Mondsee – einem kleinen, malerischen Ort im Salzkammergut –, um in ländlicher Abgeschiedenheit zu genesen und dem Krieg vielleicht endgültig zu entkommen.
Es heißt, dass Krieg immer mehr ist, als das, was an der Front zwischen Granattrichtern und rattenverseuchten Unterständen stattfindet. Und dass gerade das Grauen etwas ist, das sich nicht auf das Schlachtfeld begrenzen lässt. Krieg ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, unter dem alle gleichermaßen leiden – und doch jeder für sich.
Vor der Folie des idyllischen Örtchens Mondsee entfaltet Arno Geiger ein mehrstimmiges und vielschichtiges Panorama des Lebens der von der Front Verschonten: Da ist, neben dem seelisch zerrütteten Soldaten Veit Kolbe, eine junge Frau, die auf ihren im Feld stehenden Ehemann wartet und von ihrer Mutter mit Nachrichten aus dem ausgebombten Darmstadt versorgt wird. Da ist die Lehrerin aus Wien, die mit einer Horde Jungmädel an den Mondsee verschickt wurde und der eines der Mädchen verloren geht. Da ist der gärtnernde Brasilianer, der Orchideen und Tomaten züchtet und der sich als unverbesserlicher Freidenker in größte Schwierigkeiten bringt. Und schließlich ist da die jüdische Kleinfamilie, die vor dem immer weiter um sich greifenden Rassenwahn von Wien nach Budapest flieht und schließlich auseinandergerissen wird.
All diese unterschiedlichen Schicksale – die teilweise, wie im Falle Veit Kolbes oder des jüdischen Familienvaters, in Brief- bzw. Tagebuchform eine eigene Stimme bekommen, teilweise aber nur in den Berichten der Schreibenden abgebildet werden –, sind fein und mit großer Sensibilität ausgearbeitet. Jede Geschichte wird spannungsvoll erzählt: Die Hoffnungen, die Ängste und die Verzweiflung der Figuren werden durch die Wahl der Erzählform zur äußersten Plastizität gebracht: Das drängende Telegrammstil-Stakkato der Briefe aus dem zerstörten Darmstadt wird von den geschliffenen Sätzen aus den Briefen des jüdischen Vaters kontrastiert, die feinen Beobachtungen und präzisen Beschreibungen in Veit Kolbes Tagebucheinträgen von den immer verzweifelter werdenden Liebesbriefen des Wiener Pennälers. Jede erzählende Figur hat ihren eigenen Duktus, ihre ganz eigene Geschichte, und jede Figur ist mit ihrem Leid – und ihrem Schreiben darüber – gewissermaßen allein. Und doch sind alle Geschichten miteinander verwoben, die Figuren tauchen in den Erzählungen der anderen auf, der einen Perspektive wird die andere beigestellt.
Eine große Leistung dieses Romans besteht aber darin, einen erschütternden Querschnitt durch die Kriegsgesellschaft der Jahre 44 bis 45 zu präsentieren: Keines der in diesem Buch ausgestalteten Schicksale ist einzigartig. Ein jedes könnte exemplarisch für eine ganze Bevölkerungsschicht stehen, ein jedes ist – mit allem grauenhaften Leid, mit aller überschwänglichen Hoffnung, mit allem Mut – Ausdruck einer Kriegsrealität, die zur damaligen Zeit auf verstörende Art und Weise „Normalität“ gewesen ist.
Arno Geiger schreibt hier ein Buch über den Krieg, über den anderen Krieg, der fernab der Front wie ein leises Gift in die Gesellschaft und in die zwischenmenschlichen Beziehungen einsickert, der Verbindungen zerreißt und kommunikative Brücken zerstört, der aber auch Hoffnungen auf ein baldiges Ende, auf den guten Ausgang schürt.
Unter der Drachenwand ist ein wohlkonzipierter, großartig geschriebener Roman, der spannungsreich und – trotz beinahe lyrischer Passagen – voller Tempo einen einfühlsamen und kaleidoskopischen Blick auf die Gesellschaft der letzten Kriegsjahre wirft.
Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt
Der Übersetzer Jan Wilm im Gespräch mit Hanna Engelmeier
Montag, 22. Januar 2018, 20 Uhr
Maggie Nelsons Die Argonauten wurde in den USA zu einem der meist diskutierten Bücher des Jahres 2015. Als Genre-Mix aus Memoir, Essay und Gender-Theorie erzählt die Autorin darin von ihrer Liebe zu Harry Dodge, der als Frau geboren wurde und nun eine Geschlechtsumwandlung durchläuft – zur selben Zeit als Maggie schwanger wird.
In Die Argonauten begibt sich Nelson auf die Suche nach einer Sprache der queeren Liebe und nach einer Ausdrucksform für Mutterschaft und Sex in Zeiten, die einerseits liberal und progressiv, anderseits von Konservatismus und Eingrenzung gezeichnet sind. Im Beschreiben ihrer eigenen Erfahrung und ihres eigenen Denkens findet Nelson eine ganz eigene Form, die besonders in den US-Medien die Rede von einem „neuen Zeitalter des Memoir“ befeuerte.
Doch haben wir es wirklich mit einer neuen Gattung zu tun? Welche Möglichkeiten fürs Denken über das Memoir bietet Die Argonauten? Und welche Möglichkeiten fürs Schreiben stiftet die Memoir-Gattung, welche Veränderung in Schreib- und Lese-Szenen sind daran auszumachen?
Hanna Engelmeier, Dr. phil., ist Kulturwissenschaftlerin und Autorin. Sie arbeitet im Kolleg „Schreibszene Frankfurt. Poetik, Publizistik und Performanz von Gegenwartsliteratur“ an der Goethe-Universität Frankfurt. Literarische Texte und Rezensionen von ihr sind unter anderem in die tageszeitung, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, manuskripte, DIE ZEIT und vor allem im Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken erschienen.
Jan Wilm, Dr. phil., ist Literaturwissenschaftler an der Goethe-Universität Frankfurt, Literaturkritiker und Übersetzer. Zuletzt erschienen The Slow Philosophy of J. M. Coetzee (Bloomsbury, 2016) sowie Beyond the Ancient Quarrel: J. M. Coetzee and Philosophy (mit Patrick Hayes; Oxford University Press, 2017). Seine Literaturkritiken erscheinen unter anderem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Neuen Zürcher Zeitung und dem Times Literary Supplement. Sein Blog ist zu finden unter www.wilmvorlesungen.de