Buchempfehlung

Robert Seethaler -Das Feld

Hanser Berlin, 22 €
978-3-446-26038-2

Robert Seethaler hat die große Fähigkeit, fesselnde und berührende Romane über gänzlich unspektakuläre Menschen zu schreiben. Seine Protagonisten sind keine strahlenden Helden, keine Gefallenen, sie erleben keine schicksalsträchtigen Dramen, keine Liebespassionen, haben aber mit dem, was ihnen das Leben zumutet, genug zu tun. Sie leben ihr Leben, und der staunende Leser ist zutiefst beglückt, ihnen dabei folgen zu dürfen. Sein neuer Roman hat nicht einmal mehr eine Hauptperson. Hier kommen Menschen zu Wort, die zumeist wenig miteinander verbindet – außer dem Ort, an dem sie oder zumindest ihre Körper sich befinden: dem ältesten Teil des Paulstädter Friedhofs, „das Feld“ genannt.

Hierhin kommt jeden Tag ein Mann, läuft zwischen den Gräbern umher, setzt sich auf eine Bank und hört ihre Stimmen. Neunundzwanzig Tote, dreißig Stimmen. Denn der Erzähler lebt, und die Toten erzählen aus ihrem Leben: eine kurze Begebenheit, einen Moment des Glücks, Leid, Schicksalsschläge. Eine ganze Erzählung oder einen Absatz lang, einmal auch nur ein Wort. Manche kannten sich näher, manche nur vom Sehen, einige waren Paare, andere stehen gänzlich für sich. Einer erlebt, dass man auch als Toter noch verlassen werden kann. Eine Frau erzählt von der siebenundsechzig Tage währenden Freundschaft zu der uralten Henriette, der sie nur sechsundzwanzig Tage später in den Tod folgt. Ein Pfarrer spricht darüber, wie eine Berufung zum Fluch wird, ein Vater gibt seinem Sohn aus dem Grab heraus (gute?) Ratschläge. Ein Briefträger erinnert sich an seine Tour, ein Bürgermeister schwadroniert von seinen (Un-) Taten. Nach und nach verdichten ihre Erzählungen sich zu einem vielfältigen Chor, in dem jede Stimme ihre eigene Melodie singt, alle zusammen sich dennoch zu einem Ganzen vereinigen – einem Chor der Toten, die das Leben erzählen. Das schrammt auch schon mal hart am Kitsch vorbei, aber Seethalers unnachahmlich lakonischer Tonfall verhindert zuverlässig ein Abrutschen.

Dieses Buch liest man nicht an einem Stück durch und ist dann fertig. Manchmal reicht ein kurzer Absatz, der noch lange nachklingt, eine überraschende Wendung lässt innehalten und das Buch erst einmal hinlegen. Aber anders als bei Erzählungen, bei denen es oft unbefriedigend ist, wenn man die gerade gelesene mit der nächsten gleich wieder wegwischt, entsteht hier eine Verbindung zwischen den Personen. Man begegnet den gleichen Namen öfter, immer in anderen Zusammenhängen, und es entsteht eine Vertrautheit, die sich im Laufe der Lektüre verstärkt. Obwohl jede Erzählstimme aus dem Totenreich kommt, ist Das Feld kein trauriges oder niederdrückendes Buch – es ist das pralle Leben. Es ist so, wie der Erzähler im Buch sagt: „dass der Mensch vielleicht dann erst endgültig über sein Leben urteilen konnte, wenn er sein Sterben hinter sich gebracht hatte.“

Ruth Roebke, Bochum

Bilderbuchferien 2018

Hurra, es sind wieder Sommerferien!!!

Wir laden alle Kindergarten- und Grundschulkinder ein!

Die Veranstaltung dauert jeweils etwa eine halbe Stunde.

Kommt vorbei, wir freuen und auf euch!

AfD in Parlamenten – Themen, Strategien, Akteure

Wochenschau Verlag, 14.90 €

Lisa-Marie Klose und Benno Hafeneger im Gespräch mit Heike Ließmann

Montag, 25. Juni 2018, 20 Uhr

Europaweit beschäftigen rechtspopulistische Parteien die Menschen, die Medien und nach dem Einzug jener Parteien in die Parlamente auch den politischen Alltag.
Benno Hafeneger, Hannah Jestädt, Lisa-Marie Klose und Philine Lewek haben sich in einer umfangreichen Studie mit den ersten parlamentarischen Aktivitäten der AfD in kommunalen Parlamenten in Hessen und Niedersachsen sowie im Landtag von Rheinland-Pfalz beschäftigt. Sie beleuchten u.a. die Wahrnehmung der etablierten Parteien von und den diffizilen Umgang mit der AfD. Die Untersuchung versteht sich als ein aufklärender Beitrag über die AfD mit Blick auf ihre parlamenta­rischen Aktivitäten und zugleich als Anregung für eine differenzierte Auseinandersetzung mit der AfD im Parlamentsbetrieb.

Neben dieser bereits veröffentlichten Studie werden die Autoren im Gespräch mit Heike Ließmann auch die Ergebnisse einer weiteren Studie zu “AfD – Jugend, Jugendarbeit, Jugendpolitik” thematisieren.

Lisa-Marie Klose, M.A. Politikwissenschaft, Philipps-Universität Marburg; ab SS 2018 wissenschaftlicher Mitarbeiterin in der vergleichenden Politikwissenschaft an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt.

Benno Hafeneger, Dr. phil., Prof.(em) am Institut für Erziehungswissenshaften der Philipps-Universität Marburg.

Heike Ließmann, Redakteurin in der Redaktion Bildung und Wissenschaft bei hr Info.

Buchempfehlung – Manfred Theisen, Einer von 11

In einer Halbzeitpause könnte man ihn lesen, diesen inneren Monolog am Spielfeldrand. Gedanken eines (fiktiven?) Fußballers der deutschen Nationalmannschaft kurz vor der Einwechslung. Eines Spielers mit deutschem Pass und deutscher Kindheit, aber eben auch mit nigerianischen Wurzeln. Diese Wurzeln kann er zwar nicht fühlen, dafür kann sie aber jeder sehen. Die Farbe seiner Haut, die Beschaffenheit seiner Haare setzen viele immer noch gleich mit seinem Sein, meistens freundlich, anerkennend – immerhin schießt er ja für Deutschland Tore –, aber doch kurz verblüfft, wenn er fehlerfrei deutsch spricht. Wie wütend das seine Mutter immer gemacht hat, als er noch klein war, daran erinnert er sich. Und daran, wie sein Vater ihm sein Heimatland zeigen wollte, wie fremd ihm selbst aber die afrikanische Luft und seine nigerianischen Verwandten waren. Und er erinnert sich daran, wie sehr er sich wünschte, wie alle anderen zu sein, zu Hause, in Deutschland. Einfach nur einer von ihnen will er sein und heute einer von 11.

Und wir, wir wollen so gerne glauben, längst ohne Vorurteile auszukommen. Und unsere Kinder wachsen mit der kleinen Emma auf, deren Vater aus Puerto Rico kommt, und dem kleinen Otto mit den asiatischen Gesichtszügen. Und doch gibt es manchmal diesen winzigen Moment des Überraschtseins, den wir uns nur ungern eingestehen, dann nämlich, wenn einer dieser Fußballer am Spielfeldrand, vom Journalisten befragt, ganz akzentfrei erklärt, welche Strategie er mit dem Trainer besprochen hat und wie es seiner rechten, kürzlich verletzten Wade geht.

„Noch heute gibt es Menschen, die sich für etwas besseres halten, weil sie noch nie irgendwo fremd gewesen sind, höchstens als Touristen und Besucher“, denkt dieser Fußballer auch am Spielfeldrand, „aber ich bin kein Besucher!“.

Wie alt man ist und ob man sich für Fußball interessiert, ist bei diesem 64 Seiten umfassenden Büchlein gar nicht wichtig. Es geht um Zugehörigkeit, um alltägliche unbewusste Aus- und Abgrenzung, um gesellschaftlich hoch aktuelle Fragen. Vier Wochen WM sind ein guter Anlass, um sich bei einer bunt gemischten deutschen Mannschaft mal wieder klar zu machen, was wir eigentlich damit verbinden, wenn wir von „deutsch“ sprechen.

Manfred Theisen hat sicher nicht ohne Grund den Spieler eines Mannschaftssports gewählt, um uns mit unseren eigenen gedanklichen Schubladen zu konfrontieren. Eine Mannschaft ist erst dadurch stark, dass sie ganz unterschiedliche Menschen entsprechend ihrer Fähigkeiten und individuellen Stärken einzusetzen weiß. Wären alle gleich, hätte diese Mannschaft keine Chance. „Deutschland ist ein zerbrechliches Gebilde, zersplittert, vereint, zerfallen, größenwahnsinnig, besetzt, geteilt, wieder vereint und unaufhaltsam suchend“, lesen wir in Einer von 11. Genau das ist dieses Land und deswegen so ein guter Ort, weil hier so viele unterschiedliche Menschen hoffentlich auch zukünftig friedlich miteinander leben können.

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Buchempfehlung

Fernando Aramburu – Patria

Rowohlt Verlag, 25 €
978-3-498-00102-5

ETA, IRA und RAF – der Terror, der von europäischen Terrorzellen ausging, ist im kollektiven Gedächtnis zurückgetreten hinter die Nachrichten über den internationalen Terror seit dem 11. September 2001. Und doch ist das alles gerade erst gewesen. Erst dieses Jahr hat die ETA offiziell ihre Auflösung bekanntgegeben. Zwar war es mittlerweile um die ETA so still geworden, dass niemand mehr eine wirkliche Bedrohung in ihr sah, aber die Meldung erinnert wie Fernando Aramburus Roman Patria an andere Zeiten, in denen die Zahlen der jährlichen Anschläge und Todesopfer in Westeuropa im Schnitt tatsächlich weitaus höher lagen als in den letzten zwanzig Jahren.

Aramburus preisgekrönter Roman Patria ist in Spanien ein Bestseller, geschrieben von einem Autor, der zwar Spanier bzw. Baske ist, mittlerweile aber in Deutschland lebt und damit zusätzlich zur zeitlichen auch noch die räumliche Distanz nutzt, um auf die Hochzeit der ETA-Bewegung zu blicken. Patria beschreibt nicht vornehmlich die Ideen oder die Ziele der ETA, sondern besonders eindrücklich den schleichenden Mechanismus, mit dem eine terroristische Gruppierung den Alltag unterwandert, Ausgrenzungen betreibt, Familienleben und Freundschaften zerstört, und wie aus kleinen Jungs, die eben noch Kleine-Jungs-Streiche machten, Terroristen werden – beinahe übergangslos geht das, beinahe gedankenlos.

Schauplatz des Geschehens ist ein kleines Dorf im Baskenland, in dem der Fabrikbesitzer Txato an einem verregnetem Nachmittag nach seinem Mittagsschläfchen auf dem Weg zur Arbeit auf offener Straße erschossen wird. Txato wird schon lange bedroht und öffentlich diffamiert, hat schon lange Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, er tut sein Bestes, um in seinem Alltag nicht vorhersehbar zu sein, wechselt Wege und Autos, die Tochter wird weit weg zum Studieren geschickt, und mit Geld versucht er die ETA zu beruhigen und beruhigt doch vor allem sich selbst.

Gut war dieses Leben schon lang nicht mehr, die Familie hat im Dorf keine Freunde mehr, und gerade die engsten, die liebsten haben sich abgewandt: Joxian und Txato stiegen jeden Sonntag gemeinsam aufs Rennrad, die Ehefrauen Miren und Bittori kannten sich seit Kindertagen. Aber just der Sohn von Miren und Joxian geht zur ETA – hat er Txato getötet? Nach dem Mord an ihrem Mann verlässt Bittori das Dorf, sie wird von ihren Kinder nach San Sebastián gebracht, aber das Haus behält sie über all die Jahre der Abwesenheit.

Aramburus Roman beginnt in jenem Moment, als sich Bittori dem Dorf und ihrem Haus langsam wieder nähert und, ebenfalls mit zeitlichen Abstand, zu verstehen versucht, was eigentlich passiert ist.

Patria ist zu gleichen Teilen ein Roman über den Terror der ETA und ein Familien- und Freundschaftsroman, ein Ehe- und Liebesroman – ein wahnsinnig gut geschriebenes, vielstimmiges Buch, das man wie eine gute Serie einfach nicht abschalten kann. Unbedingt lesen.

Ines Lauffer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Buchempfehlung

Éric Vuillard – Die Tagesordnung

Matthes&Seitz Verlag, 18 €
978-3-95757-576-0

Vierundzwanzig Industrielle waren es, die am 20. Februar 1933 von Hitler zur Kasse gebeten wurden, um die letzte Phase des Wahlkampfs der Nationalsozialisten zu finanzieren. Keiner muckte auf, alle entrichteten ihren Obolus, war ihnen doch die Befreiung vom Übel des Kommunismus versprochen worden, die Abschaffung der Gewerkschaften und das uneingeschränkte Führertum im eigenen Unternehmen. Die besten Prämissen für gesicherten Gewinn, und das über Jahrzehnte.

Mit Österreich verfuhr Hitler anders als mit dem Klerus der Großindustrie, er setzte Bundekanzler Schuschnigg massiv unter Druck. Aber letztendlich reagierte dieser ähnlich: Er beugte sich dem Bluff. Der Triumph des rätselhaften Respekts vor der Lüge, das ist es, was Vuillard hier seziert, der Triumph der Machenschaften über die Tatsachen. Mit diesem literarischen Meisterwerk gewann der Autor in Frankreich die höchste literarische Auszeichnung, den Prix Goncourt. Neben der ihm entgegengebrachten Wertschätzung ist ihm auch Überheblichkeit vorgeworfen worden. Nun, Satire arbeitet mit gespitztem Bleistift. Und natürlich ist es leichter, aus der Distanz von Jahrzehnten darüber zu urteilen, wie dilettantisch Hitlers erste Schritte in der Politik de facto waren, wie leicht die Industrie und die anderen Großmächte seinen politischen Parolen auf den Leim gingen. Aber spätestens jetzt müssten im Publikum die Alarmglocken läuten. Warum? „Man stürzt nicht zweimal in denselben Abgrund. Aber man stürzt immer auf dieselbe Weise, in einer Mischung aus Lächerlichkeit und Entsetzen.“

Wenn Geschichte so erzählt wird, wie Vuillard zu erzählen vermag, begreift man das ganze Ausmaß ihrer Ungeheuerlichkeit. Und das gilt für gestern wie auch für heute. „Die größten Katastrophen kommen oft auf leisen Sohlen.“ Das sollte uns zu denken geben.

Susanne Rikl, München

Buchempfehlung

Nadja Spiegelman – Was nie geschehen ist

aus dem Amerikanischen von Sabine Kray

Aufbau Verlag 22 €
978-3-351-03705-5

„Als ich klein war, beobachtete ich, wie meine Mutter vor jeder Begegnung mit ihrer Familie Haltung annahm, sich vorbereitete – ich sah den strengen Blick, mit dem sie sich im Spiegel musterte, und den Lippenstift, den sie wie eine Rüstung auftrug.“

Nadja Spiegelman macht sich auf den Weg in die Vergangenheit. Will verstehen, wer oder was die Beziehung ihrer Mutter zu deren Mutter belastet hat. Will wissen, was damals geschehen ist, und ist damit auch auf der Suche nach Antworten für ihre eigene Kindheit.

Dafür verlässt sie ihr geliebtes New York, begibt sich auf die Reise zu ihrer französischen Großmutter nach Paris. Von der noch rüstigen älteren Dame wird sie mit offenen Armen aufgenommen. Nadja trifft auf eine ungewöhnlich willensstarke Frau. Josée, ihre „Grand-mére“, wie sie allerdings nicht genannt werden will, lebt seit ihrer Scheidung alleine auf einem Hausboot und genießt dort ein von Männern befreites, selbstbestimmtes Leben. Behutsam baut sich eine intensive Beziehung der beiden auf. Mit klugen, einfühlsamen Fragen dringt Nadja mehr und mehr in längst vergessene Erinnerungsschichten ihrer Großmutter vor. Schaut und hört genau hin. Das bleibt selbstverständlich nicht ohne Wirkung auf ihr eigenes Empfinden und Selbstbildnis. Hilft es, das Verhalten ihrer eigenen Mutter besser zu verstehen?

Eine gemeinsame Reise der drei Frauen wird geplant und realisiert. Viele schöne und weniger schöne Erinnerungen kommen dabei an die Oberfläche. Nicht alle stimmen auch überein, es gibt eben nicht nur die eine Wahrheit. Dennoch, es ist ein Weg, das Verhalten, die Persönlichkeit der anderen zu verstehen. Schmerz, Verletzungen, Übergriffe haben sich tief in die Seelen eingegraben. Auch wenn einiges weiterhin im Dunkeln bleibt oder bleiben soll, verändern die Gespräche das Leben und Miteinander dieser drei Frauen. Erzählend, zuhörend, verstehend finden sie mehr als nur eine versöhnliche Annäherung zueinander.

„Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden, aber es kann nur in der Schau nach vorwärts gelebt werden.“ Sören Kierkegaard

Drei Frauen, drei Generationen, drei Leben. Nadja Spiegelman hat daraus ein fantastisch authentisches Buch gemacht. Soviel Lebensweisheit würde man bei einer Autorin, die gerade mal 30 Jahre alt ist, niemals vermuten. Eine unglaublich talentierte Erzählerin hat hier ihren Debütroman vorgelegt. Eines der besten Bücher zum Thema Großmutter-Mutter-Tochter-Beziehung.

Brigitte Hort, Eitorf

Fortschritt. Zur Erneuerung einer Idee

Campus Verlag 24,95 €

Peter Wagner im Gespräch mit Axel Honneth

Montag, 4. Juni 2018, 20 Uhr

Prismen – Institut für Sozialforschung bei Marx & Co

Peter Wagners Essay Fortschritt greift ein in eine Situation des Zukunftspessimismus und der gesellschaftlichen Orientierungslosigkeit. Er erinnert an die Erwartung der beginnenden Moderne, mit der Freisetzung der Vernunft aus Bevormundung und Willkür seien die Bedingungen geschaffen für kontinuierliche Fortschritte in allen Bereichen des menschlichen Lebens. Diese Idee eines allgemeinen historischen Fortschritts der Menschheit ist uns gründlich abhandengekommen. Während die einen der Meinung sind, mit der Herausbildung der liberalen Demokratie habe sich das Versprechen des menschheitlichen Fortschritts im Grunde erfüllt, blicken andere auf drohende ökologische Katastrophen sowie das Fortbestehen von Krieg und Gewalt, Armut und Ungleichheit, Ausbeutung und Unterdrückung. Wenn es überhaupt noch so etwas wie Fortschritt geben könne, dann liege er in der Vermeidung von Rückschritten. Peter Wagner plädiert nicht für eine Rückkehr zur geschichtsphilosophisch aufgeladenen Fortschrittsidee des 18. und 19. Jahrhunderts. Nicht nur realhistorische Erfahrungen haben sie unwiderruflich diskreditiert, sondern auch die ihr inhärente raumzeitliche Hierarchie zwischen denen, die als fortschrittlich gelten, und jenen, die als überholt oder rückständig und modernisierungsbedürftig dastehen. Vielmehr greift Wagner die postkolonialen, rassismuskritischen und feministischen Einwände gegen das Fortschrittsnarrativ auf und fragt, ob und wie sich aus der Analyse vergangener und gegenwärtiger sozialer Kämpfe Elemente eines ermutigenden Begriffs von Fortschritt rekonstruieren lassen, der unser Handeln erneut motivieren und aus der Sackgasse vermeintlicher Alternativlosigkeit herausführen könnte.

 

Peter Wagner ist ICREA Forschungsprofessor am Institut für Soziologie an der Universität von Barcelona; am Institut für Sozialforschung ist er Mitglied des Internationalen Wissenschaftlichen Beirats. Zu seinen Buchveröffentlichungen zählen: Soziologie der Moderne. Freiheit und Disziplin (Frankfurt a. M. und New York: Campus 1995); Moderne als Erfahrung und Interpretation. Eine neue Soziologie zur Moderne (Konstanz: UVK 2009); (zusammen mit Bo Stråth) European Modernity. A Global Approach (London: Bloomsbury Academic 2017).

Axel Honneth ist Direktor des Instituts für Sozialforschung und Jack C. Weinstein Professor of the Humanities an der Columbia University, New York. Er ist Autor von Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte (Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1992); Das Recht der Freiheit. Grundriß einer demokratischen Sittlichkeit (Berlin: Suhrkamp 2011); Die Idee des Sozialismus. Versuch einer Aktualisierung (Berlin: Suhrkamp 2015).

 

Peter Wagners Buch Fortschritt. Zur Erneuerung einer Idee ist 2018 in der Schriftenreihe des IfS »Frankfurter Beiträge zur Soziologie und Sozialphilosophie« beim Campus Verlag erschienen.

Buchempfehlung

Catalin Mihuleac – Oxenberg & Bernstein

Zsolnay Verlag, 24 €
978-3-552-05883-5

Vintage, Retro, „shabby chic“, aus den Nähten platzende Flohmärkte und prächtig florierende Second Hand Läden.

Geschichten fügen den profanen Dingen des Alltags etwas hinzu, verleihen ihnen einen ganz besonderen Wert. Das war schon immer so und ist auch heute überall zu besichtigen: Der Schuhschrank aus den 50ern, das Grammophon aus den 20ern, die Schelllackplatte. Das alles wird von einer wildromantischen Aura umweht, das alles sind neckische Zitate einer Vergangenheit, die jetzt die eigene Individualität krönen sollen. Geschichte, zur Story verknappt, als Verkaufsargument: Alt ist sexy, „Vintage“ füllt die Kassen.

Sânziana Stipiuc, 35, von Beruf Buchhalterin, bekommt eines Tages von ihrem Chef einen ganz besonderen Auftrag: Sie ist die einzige, die englisch spricht und darum als einzige qualifiziert, die amerikanischen Juden zu empfangen, die aus geschäftlichen Gründen in die Stadt kommen. Sânziana fügt sich der Anweisung ihres Vorgesetzten und lernt so Mutter und Sohn Bernstein kennen, die ein Vermögen mit dem Handel von Secondhand-Klamotten gemacht haben. Nach ein paar Tagen ist klar: Sânziana war die längste Zeit Buchhalterin, wird fürderhin in Amerika an der Seite von Ben Bernstein und unter dem schwiegermütterlichen Regiment Dora Bernsteins leben und vor allem nicht länger Sânziana Stipiuc, sondern Suzy Bernstein heißen.

In Amerika angekommen, entwickelt sich Suzy schnell zu einer taffen Geschäftsfrau, die das Geschäft mit den Klamotten mit „Story“ aus dem Effeff beherrscht. Sie vergisst auch ihre eigene arme rumänische Familie nicht, bedenkt sie mit lukrativen Posten in der frisch eröffneten Dependance in Rumänien – sie kümmert sich nach Kräften, singt zähneknirschend das Hohelied des Kapitalismus.

Trotz des Erfolges steht für Suzy allerdings nichts zum Besten: Das Land jenseits des Ozeans, die neue jüdische Identität und die neue Tätigkeit stellen die Perspektive auf die Dinge auf den Kopf: Suzy taucht in die Geschichte der Familie Bernstein ein, beginnt, sich gewissermaßen rückwärts durch die Zeit zu bewegen, um schließlich beim 29. Juni 1941 anzulangen, jenem Schreckenstag, an dem der lange angestaute und staatlich forcierte Antisemitismus in Rumänien zum Massaker von Iasi führte. Jenes Datum, das das finstere Gravitationszentrum des Buches bildet, der Ort, an dem sich Vergangenheit und Zukunft treffen.

Cātālin Mihuleac lässt den Leser Suzy Bernstein über die Schulter schauen. In schnoddrig-schöner Sprache, die mit rasiermesserscharfen Bildern daherkommt und sich meisterhaft darauf versteht, Lacher zu provozieren, die schon im nächsten Augenblick jäh in der Kehle stecken bleiben, erkundet er, Suzy als zornige Erzählerin vorgeschaltet, die Geschichte des rumänischen Antisemitismus, die auch die Geschichte der rumänischen Juden ist.

Dabei lässt er Suzy einerseits von ihrer Recherche-Reise durch die Zeit erzählen. Andererseits lässt er sie die fiktive Familiengeschichte der wohlhabenden jüdischen Familie Oxenberg aus Iasi dokumentieren, die unter den antisemitischen Repressionen und Übergriffen des pro-faschistischen Regimes leidet und schließlich an eben jenem verhängnisvollen Tag im Juni 1941 zerrissen wird.

Alles hat eine Geschichte. Geschichte ist aber etwas anderes als eine „Story“. Geschichte ist nicht immer dazu angetan, einen Gegenstand wertsteigernd zu veredeln. Vielmehr enthüllt sie mitunter dunkle Flecken, die wiederum eine nette Story verderben können.

„Die Historiografie zerschlägt in der nationalen Vitrine wertvolle Kristallgefäße. Der Patriotismus, entworfen, um ewig zu strahlen, wird zu Blech.“

Mihuleacs Buch Oxenberg & Bernstein, das bereits 2014 in Rumänien erschienen ist, ist eine zornige Zeitkritik, eine enthüllende Halbfiktion, die mit Bedacht und Akkuratesse die historischen Fakten des rumänischen, des europäischen Antisemitismus zu einer grandiosen, aber beißend-ungemütlichen Erzählung arrangiert, die tief unter die Haut geht.

Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Kissina, Julia Revolution Noir Autoren der russischen “neuen Welle”

Suhrkamp Verlag 24€

Der Titel des Nachworts der Herausgeberin und Illustratorin dieser Anthologie, Julia Kissina, klingt vermessen: „Goodbye Dostojewski“. Nein, diese Anthologie macht den Meister sicher nicht obsolet. Gemeint ist aber etwas anderes: Die Anthologie Revolution Noir. Autoren der russischen „Neuen Welle“ fügt den bestehenden Bildern über Russland neue hinzu, indem hier Erzählungen erstmals in deutscher Sprache erscheinen oder überhaupt zum ersten Mal publiziert werden.

Wenn man einige der Erzählungen, die als manieriert und geschwätzig kaum in Erinnerung bleiben, auch beiseitelassen kann, heißt das nur mehr Aufmerksamkeit für die wenigen großartigen Beispiele, die Erstere wieder aufwiegen. Besonders schön ist „Die Reise des Lukas“ (1992) von Wassili Kondratjew, in der ein Mann an einem verlassenen Bahnhof aus dem Zug steigt und sich in der Wildnis verliert. Fantastisch grotesk und dabei fast naturalistisch in der Schilderung beengter Wohnverhältnisse in einer Kommunalwohnung ist die Erzählung „Der Sprung in den Sarg“ von Juri Mamlejew über eine alte Dame, die zwar todkrank ist, aber nicht sterben kann. Ihre Verwandten beklagen, die Pflege bringe sie noch ins Grab, und überreden die Kranke deshalb dazu, ihrerseits freiwillig ins Grab zu steigen.

In Erinnerung bleibt die Geschichte vom „Menschenfresser-Flugzeug“ von Pavel Pepperstein, der den Zweikampf zwischen einem Giftmischer und dem Menschenfresser-Flugzeug irgendwo in der Luft zwischen London und Reykjavík erzählt. Sorokin kommt, wie kann es auch anders sein, in seiner Erzählung „Asche“ wieder laut und gewaltig mit spritzenden Eiterbeulen und menschenfressenden Gourmands daher, und mit einem klaren Sieg über den Nationalismus im heutigen Russland. In „Zweckmäßigkeit“ von Alexej Parschtschikow wird die Arbeit eines Absamers geschildert und dabei in zarte Transzendenz gehüllt, die so gar nicht zu dem scheinbar derben Beruf passen will. Blut, Eiter, Stiersperma –alles ist so explizit und extrem geschildert, wie es sich für eine Avantgarde gehört. Aber die wohl extremste Erzählung des Bandes ist die, in der Kafka als sorgenfreies Familienoberhaupt Mitte fünfzig portraitiert wird. Zufrieden mit seinem geleisteten schriftstellerischen Tagwerk genießt er die deftigen Speisen seiner Gattin und schaukelt seine kleine Enkelin auf den Knien.

Beinahe ebenso spannend wie die Erzählungen sind die Kurzinformationen über die Autoren und Autorinnen am Ende des Bandes. Ihre Biografien spiegeln die ereignisreichen Jahre nach dem Ende des sowjetischen 20. Jahrhunderts wider und die Versuche, mit Emigration und subversiver künstlerischer Tätigkeit die Zensur und Verfolgung zu umgehen.

In ihrem Nachwort erklärt Kissina auch den Titel der Anthologie. Drei Avantgarden habe es in Russland gegeben, und alle hätten auf ihre Weise auf revolutionäre gesellschaftliche Umschwünge reagiert: die erste Avantgarde, auch klassische Avantgarde, genannt, suchte in den 1920er Jahren ihre Stellung zwischen revolutionärem Kampf und individuellem künstlerischem Ausdruck. Die zweite Avantgarde, dann sei mit der Tauwetter-Periode ab 1956 verbunden. In der vorliegenden Anthologie finden sich nun Vertreter der sogenannten dritten Avantgarde zusammen, die allesamt die Jahre der Perestroika künstlerisch mit verfolgten und – soweit es ihnen möglich war – künstlerisch mitgestalteten. „Noir“ ist eine besondere Ausformung des künstlerischen Ausdrucks in den 1980er Jahren – eine fröhlich-groteske, morbide Antwort auf den schon seit langem schal gewordenen sozialistischen Optimismus. Brandneu ist diese „neue Welle“ also nicht mehr. Umso besser, dass ihre Vertreter endlich in deutscher Sprache vorliegen.

Alena Heinritz, Graz

 

Buchempfehlung

Mareike Fallwickl – Dunkelgrün fast schwarz

Frankfurt Verlagsanstalt, 24 €
978-3-627-00248-0

Moritz und Raffael haben eine gemeinsame Geschichte voll dunkler Geheimnisse. Ihre Freundschaft beginnt 1986 in Hallein am Dürnberg, sie endet 2017 mit Raffaels Besuch bei Moritz; 16 Jahre haben sie sich da nicht gesehen. Johanna, die im letzten Schuljahr zu den beiden stieß und von dem Moment an nicht mehr von der Seite der Freunde wich, wird das Dreieck nach 16 Jahren mit allen Wunden und Gefahren der Vergangenheit wiederbeleben. In ihrem Romandebüt zeichnet Mareike Fallwickl in wirkungsvollen Kontrasten Menschen, die über Jahre Gefangene ihrer selbst und überkommener gesellschaftlicher Muster sind, bis der Knoten endlich doch zerschlagen wird.

Er steht eines Abends vor Moritz‘ Tür, in der Hand einen Koffer: Raffael, alter Freund aus Kindertagen, Frauenschwarm immer schon, auch bei Moritz hochschwangerer Freundin Kristin zaubert er aus dem Nichts ein Lächeln auf ihr Gesicht.

Doch Kristin durchschaut Raffael schon nach wenigen Tagen und bittet, fordert, fleht Moritz an, sich und sie und ihr gemeinsames Kind zu retten: Vor der Vergangenheit, die mit Raffaels Besuch wieder hochkocht, und vor der Wendung, die Moritz‘ Leben in der Hand von Raffael nehmen könnte.

Moritz, der Zaghafte, Weiche, künstlerisch Begabte, der die Aura der Menschen sehen kann – er verliert sich selbst immer noch in Raffaels Gegenwart. Dessen Abgebrühtheit war schon in Kindergartentagen maßlos, Raffael quälte jeden und jede, körperlich, seelisch, übertrat seine Grenzen, meist zum Schaden der anderen. Für Johanna, die ihre Eltern mit 17 durch einen Autounfall verloren hatte, war und ist der unnahbare Raffael die Herausforderung ihres Lebens.

Erzählt wird die Geschichte der drei Jugendlichen von Moritz, seiner Mutter Marie und von Johanna, und auch diese Konstellation der Erzählenden birgt mehr als nur ein Geheimnis. Am Ende wird sich für alle etwas ändern, werden sich die Farben neu mischen und jeder wird die Chance bekommen, etwas längst Vergessenes wiederzuentdecken.

Susanne Rikl, München

Gefängnis und Armut. Zur gesellschaftlichen Wirklichkeit der Strafpraxis in Deutschland

Campus Verlag, 14 €

Friederike Boll, Franziska Dübgen und Frank Wilde im Gespräch mit Felix Trautmann

Montag, 23. April 2018, 20 Uhr

Prismen – Institut für Sozialforschung bei Marx & Co

Das Gefängnis gilt als negatives Spiegelbild der Gesellschaft. Wer dort einsitzt, hat eine Tat begangen, die gesellschaftlich inakzeptabel ist und entsprechend sanktioniert wird. Bei genauerer Betrachtung der Gefängnispopulation zeigt sich jedoch auch, dass die gesellschaftliche Strafpraxis bestimmte Bevölkerungsschichten in besonderer Weise kriminalisiert und dem Gefängnis aussetzt. Einen entscheidenden Faktor stellt dabei die soziale Lage dar. Armut treibt die Menschen zwar nicht notwendig in die Kriminalität, doch kann durchaus behauptet werden, dass das Gefängnis bestehende soziale Ungleichheiten reproduziert und verstärkt. Um die verhängnisvollen Wechselbeziehungen von Armut und Gefängnis zu begreifen, müssen die strafrechtspolitischen, sozialen und ökonomischen Dynamiken in einem größeren Zusammenhang und über die Mauern des Gefängnisses hinaus betrachtet werden. In der Zusammenschau von Sozialstruktur und Strafpraxis, wie sie von Otto Kirchheimer und Georg Rusche bereits in den 1920er Jahren vorgeschlagen wurde, erweisen sich die Forderungen nach schärferen Strafen zur besseren Verbrechensbekämpfung als genauso verfehlt wie die aktuelle Diskussion über das »hohe Niveau« der sozialen Sicherungssysteme in Deutschland. Die Frage, wie Gesellschaften mit Kriminalität umgehen sollten, kann ohne den Verweis auf die armutsverschärfende Wirkung der gegenwärtigen Strafpraxis nicht mehr angemessen diskutiert werden.

Hintergrund des Gesprächs bildet der Themenschwerpunkt »Armut und Gefängnis« (hg. von Il-Tschung Lim, Daniel Loick, Nadine Marquardt und Felix Trautmann) in WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung 2/2017.

Friederike Boll hat Rechtswissenschaften in Frankfurt und Wien studiert und arbeitet derzeit in Frankfurt als Anwältin im Arbeitsrecht, Antidiskriminierungsrecht und LGBTIQ-Personenstandsrecht. Sie ist darüber hinaus aktives Mitglied in der Vereinigung demokratischer Juristinnen und Juristen (VDJ), dem bundesweiten Netzwerk kritischer Juristen (kritjur) und in verschiedenen queeren Kontexten.

Franziska Dübgen lehrt am Institut für Kulturwissenschaft der Universität Koblenz-Landau und ist dort Ko-Leiterin des Forschungsprojekts »Diversität, Macht und Gerechtigkeit«. Promoviert hat sie mit einer Arbeit über zeitgenössische Gerechtigkeitstheorien der Kritischen Theorie im Spiegel postkolonialer Ansätze. Von 2015 bis 2017 war sie Leiterin der Nachwuchsforschungsgruppe »Jenseits einer Politik des Strafens« an der Universität Kassel. Für den Junius-Verlag verfasste sie eine Einführung zu Theorien der Strafe.

Felix Trautmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialforschung. Aktuell arbeitet er in einem Forschungsprojekt mit dem Titel »Paradoxien der Gleichheit. Die Demokratie und ihre Kulturindustrie«. Darüber hinaus ist er Mitglied von KNAS[ ], der Initiative für den Rückbau von Gefängnissen.

Frank Wilde arbeitet als Sozialpädagoge in verschiedenen Arbeitsbereichen der freien Straffälligen- und Wohnungslosenhilfe in Berlin. Aktuell ist er Projektleiter beim Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg in einem Beratungsangebot für ältere Strafgefangene. 2016 ist seine Dissertation Armut und Strafe. Zur strafverschärfenden Wirkung von Armut im deutschen Strafrecht (Springer VS-Verlag) erschienen.