Buchempfehlung

Maryam Madjidi, Du springst, ich falle

Die Geschichte beginnt – wie der Titel sagt – mit einem Sprung. In die Universität von Teheran, in der sich Studenten im Widerstand gegen das zunehmend repressive Chomeini-Regime verschanzt haben, sind Milizen eingedrungen und veranstalten ein unglaubliches Blutbad. Maryam Madjidis Mutter, im sechsten Monat schwanger, versucht, vor ihnen zu fliehen, und am Ende bleibt ihr nur der Sprung aus einem Fenster im zweiten Stock. Dieser Sturz ist für die Erzählerin das Sinnbild ihres Lebens. Die Eltern bleiben ihren kommunistischen Überzeugungen treu. Um geheime Schriften zu befördern, werden die Windeln des Säuglings benutzt, der dafür auch schon mal an andere ausgeliehen wird. Später muss das Kind, von Verwandten und besonders der geliebten Großmutter verwöhnt, seine vielen Spielsachen an die armen Kinder des Viertels verschenken, um zu lernen, sich nicht an Eigentum zu binden. Als die Verhältnisse für die Eltern immer bedrohlicher werden, flieht die Mutter mit ihr aus dem Iran nach Frankreich, wo der Vater bereits lebt.

Was für die Eltern die Hoffnung auf Sicherheit bedeutet, ist für das das Mädchen die völlige Entwurzelung. In der ärmlichen Behausung – 15 Quadratmeter im 6. Stock eines Pariser Mietshauses –, in der neuen Sprache, ohne Freunde, ohne die geliebte Großmutter fühlt sie sich allein und verloren. Sie verweigert sich dem für ihren Geschmack ekligen und faden französischen Essen und der neuen Sprache, bis ihr unbändiger Lebenswille siegt und die äußeren Schwierigkeiten schwinden. Zum Sinnbild für die von der Gesellschaft geforderte Anpassung an die neue Umgebung wird der „Kampf“ zwischen der alten und der neuen Sprache, den die neue gewinnt. Damit drehen sich die Verhältnisse. Das Kind, nun eifrig darum bemüht, so zu sein wie alle anderen, schämt sich der Eltern, denen der Aufstieg in die französische Gesellschaft weder materiell noch ideell gelingt. Sie wird eine gute Schülerin, gewinnt Freunde, beginnt ein Studium. Aber die innere Fremdheit bleibt und begleitet sie für lange Jahre, auch in ihren Beziehungen zu Männern, denen sie virtuos die Rolle der geheimnisvollen Orientalin vorspielt und die sie mit Zitaten der persischen Lyrik verführt. Das Exil ist in ihr und bleibt, sie spürt, wie sie sich selbst fremd wird. Und wie zuvor schon in für sie existentiell wichtigen Situationen imaginiert sie ihre Großmutter, die ihr rät, ihre Masken fallen zu lassen und sich der Wahrheit zu stellen.

So einfach die Geschichte erscheint, so kunstvoll sind die Stilmittel: Was das Buch, für das Maryam Madjidi 2017 den “Prix Goncourt” für den besten Debütroman erhalten hat, zu einer ganz außergewöhnlichen Lektüre macht, ist seine Form und die Sprache. Der Text ist eine Mischung aus Realismus, Poesie und Fantasie, geschrieben in einer lebendigen, nuancenreichen, kunstvoll komponierten Sprache, die dem Thema Flucht, Migration, Exil völlig neue Facetten abgewinnt. Die Autorin bedient sich unterschiedlichster Stilmittel, um Stimmungen und Personen nicht nur zu beschreiben, sondern ihnen einen eigenen Ausdruck zu verleihen. Das Buch ist eine Studie zur Identitätsfindung, die an die Stelle von Land, Ort und Sprache die Poesie setzt, die zur inneren Heimat wird. Das Beste an diesem Roman ist jedoch, dass er sich nicht im Artifiziellen verliert. Du springst, ich falle liest sich packend, humorvoll und zart zugleich und ist zur Lektüre wärmstens zu empfehlen.

Ruth Roebke, Bochum

 

Maryam Madjidi – Du spingst, ich falle

Blumenbar Verlag, 18 €

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Gabriele Tergit – Etwas Seltenes überhaupt

Erinnerungen. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Nicole Henneberg

Schöffling & Co, 26 €
978-3-89561-492-7

Erinnerungen hat Gabriele Tergit ihr Buch Etwas Seltenes überhaupt genannt und nicht Autobiographie. Und in der Tat ist ihr Buch keine chronologische Erzählung ihres Lebens. Es sind Schilderungen dessen, was ihr Leben am meisten prägte – und das ist mehr als genug. Aber letztlich führt alles, was sie erzählt, immer wieder zu den entscheidenden Fragen: „Warum, wieso, weshalb Hitler?“.

1894 wurde sie unter dem Namen Elise Hirschmann in eine jüdische Fabrikantenfamilie geboren. Nach einer Ausbildung an der Sozialen Frauenschule von Alice Salomon holte sie das Abitur nach und studierte Geschichte, Soziologie und Philosophie. Vor und während des Studiums publizierte sie Artikel in unterschiedlichen Zeitschriften. Während der Weimarer Republik war Tergit Deutschlands erste Gerichtsreporterin. Mit wachem Blick nahm sie nicht nur die kriminalistische Seite der Fälle, wahr, die sie beobachtete, ihr Augenmerk galt besonders deren sozialem und politischen Hintergrund. Vor allem dem zuerst schleichenden, dann immer deutlicher zu Tage tretenden Einfluss der erstarkenden nationalsozialistischen Bewegung und der – auch schon vor deren Wahlsieg – immer größer werden Willfährigkeit der Justiz, die das Recht in deren Sinne beugte. Mit Käsebier erobert den Kurfürstendamm hatte sie 1931 großen Erfolg als Romanautorin.

Als Jüdin, die in dem unter den Nazis als linksliberal verschrieenen “Berliner Tageblatt” schrieb, hatte sie ein sicheres Gefühl für das, was sich in Deutschland zusammenbraute. Als kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ein SA-Trupp versuchte, ihre Wohnung zu stürmen, floh sie am nächsten Tag über die tschechische Grenze. Sie ging mit Mann und Kind ins Exil, zuerst nach Israel, dann nach England, wo sie 1982 starb. 1948 reiste sie erstmals wieder nach Deutschland, weitere Reisen folgten. Die Erfahrungen von politischem Terror, Rassismus und Verfolgung prägen ihre Erinnerungen, sie sind die Folie, vor der sie ihr Leben beschreibt. Das gilt nicht nur vor und während der NS-Zeit, mit wachem Blick sieht sie auch nach Ende des Krieges, dass es in Deutschland keine „Stunde Null“ gab und Antisemitismus und rechtes Gedankengut mit dem verlorenen Krieg nicht verschwunden waren.

Wie vielen Exilanten war es auch ihr nicht möglich, an ihren früheren Erfolg anzuknüpfen. Erst ab 1977, als sie im Rahmen der Berliner Festwochen „wiederentdeckt“ wurde, erschienen einzelne ihrer Werke erneut. Ihre Erinnerungen kamen ein Jahr nach ihrem Tod heraus und wurden, wie dem informativen Nachwort der Herausgeberin Nicole Henneberg zu entnehmen ist, vom Verlag vielfach gekürzt und inhaltlich entstellt.

Etwas Seltenes überhaupt ist ein prall gefülltes Buch. Eine große Anzahl Portraits von Freunden und Kollegen, Reiseberichte, Erinnerungen an ihren Mann und den früh verstorbenen Sohn, Anekdoten, Schilderungen der erlebten Gerichtsverhandlungen und Berichte aus dem Nachkriegsdeutschland sind atmosphärisch ungeheuer dicht und temporeich. Ihr flott dahineilender, lebendiger Schreibstil, manchmal vom Hölzchen aufs Stöckchen kommend, manchmal mit eigenwilligen Formulierungen und typisch berlinerischer Lakonie, ist – trotz oder gerade – wegen seiner Leichtigkeit ernsthaft und tiefgründig. Ein ungemein fesselndes, hellsichtiges, lebendig geschriebenes Buch, das auf bestürzende Weise zeigt, wie eine zunehmende sprachliche Verrohung in Gesellschaft und Politik den Weg für ebensolche Taten ebnet. Das ist zeitgeschichtlich erhellend und stellenweise erschreckend aktuell. Jetzt sind Gabriele Tergits Erinnerungen ein zweites Mal zu entdecken – es lohnt sich!

Ruth Roebke, Bochum

Gefangen in Prag nach 1968

Helmer Verlag, 16.- €

Sibylle Plogstedt im Gespräch mit Ilse Lenz

Montag, 13. August 2018, 20 Uhr

1968 – das Jahr der Studentenrevolte – begann mit dem »Prager Frühling« in der Tschechoslowakei. Doch die Reformversuche der Partei- und Staatsführung endeten am 21. August mit dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes.
Sibylle Plogstedt, als Studentin in der Opposition gegen den Einmarsch aktiv, wird 1969 von der Staatssicherheit der Tschechoslowakei verhaftet. Sie ist zu dem Zeitpunkt 24 Jahre alt und verbringt eineinhalb Jahre Haft in Ruzyně. Erst Jahrzehnte später kann sie ihre politische Gefangenschaft in diesem Buch aufarbeiten.

Sibylle Plogstedt schlägt anhand der eigenen Biografie ein zentrales Kapitel osteuropäischer und bundesdeutscher Vergangenheit auf – vom Prager Frühling und dessen Niederschlagung über die Aktionen der westdeutschen Linken bis hin zum erwachenden Feminismus.

Sibylle Plogstedt
wurde in Berlin geboren, absolvierte dort ein Studium der Sozialwissenschaften und war von 1965 bis 1969 Mitglied im SDS. 1969 geriet sie in Prag in politische Haft. An der Freien Universität in Berlin wurde sie von 1974 bis 1976 mit Berufsverbot belegt. Sibylle Plogstedt hat 1976 die feministische Zeitschrift »Courage« mit gegründet und bis 1984 herausgegeben. Von 1986 bis 1989 war sie Redakteurin beim Vorwärts, danach freie Journalistin für verschiedenen Fernseh-, Hörfunk- und Internetredaktionen. Sie lebt als freie Autorin im Wendland.

Ilse Lenz
ist Professorin em. für Soziologie (Geschlechter- und Sozialstrukturforschung) an der Ruhr-Universität-Bochum. Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind u.a. Globalisierung, Geschlecht und Arbeit, Frauenbewegungen im internationalen Vergleich; komplexe soziale Ungleichheiten (Klasse, Ethnizität, Geschlecht).

 

 

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der HEINRICH BÖLL STIFTUNG HESSEN e.V.

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Claudia Piñeiro – Der Privatsekretär

Aus dem Spanischen von Peter Kultzen

Unionsverlag 22 €
978-3-293-00534-1

Das Gerücht und der Ruhm werden in der römischen Mythologie von ein und derselben Göttin verwaltet. Ein geflügeltes Wesen mit tausenden Augen, Mündern und Ohren, rast sie über das Land, verbreitet sowohl Wahrheit als auch Lüge unter den Menschen und ist dabei blind für die Konsequenz. In Vergils Aeneis fällt dieser gewaltigen Klatschtante göttlichen Ursprungs unter anderem die karthargische Königin Dido zum Opfer: Der düpierte Nebenbuhler erfährt von dem Techtelmechtel zwischen ihr und Aeneas, klagt sein Leid dem Jupiter, der Aeneas eigentlich mit einer ganz anderen Mission als einer Heirat betraut hatte, und nach einer Intervention des Göttervaters nimmt das Schicksal der liebeskranken Dido seinen tragischen Lauf.

Dass die Fama, wie diese tratschende Göttin heißt, auch für den Ruhm zuständig ist, nimmt eigentlich nicht weiter Wunder: Das gezielt gestreute Gerücht, die perfide ausgetüftelte Schmutzkampagne haben schon so manchen Machtkampf entschieden, und auch im politischen Betrieb unserer Zeit scheint das fleißige Verwischen der Grenze zwischen Fakt und Fiktion wieder Konjunktur zu haben.

Fernando Rovira, politisch ambitionierter Bauunternehmer und Gründer der aufstrebenden Partei „Pragma“, ist ein Charismatiker: adrett, sportlich, immer ausgeschlafen und eloquent. Mit sicherer Hand lenkt er die Geschicke seiner Partei, führt sie von Sieg zu Sieg und schreitet ihr als politische Lichtgestalt, als Selfmademan, voran. Das Ziel: Die Provinz Buenos Aires teilen, das Leben für alle verbessern und anschließend, klar, die Präsidentschaft von Argentinien.

Unnötig zu sagen: Mit schillernden Inszenierungen verhält es sich wie mit Magneten: Sie üben eine immense Anziehungskraft aus. Und schon bald geraten auch die beiden Studenten Román Sabaté und sein Freund Sebastián in den Bann von Roviras Partei und bewerben sich schließlich um eine Position im Team des großen Mannes.

Doch da geschieht Unerwartetes: Nicht der hochintelligente Sebastián, der sich mit Leib und Seele dem Programm Roviras verschrieben hat und vor Tatendrang zu platzen droht, wird genommen, vielmehr bekommt sein ungleich weniger tatkräftige Freund Román den Zuschlag für den Posten und steigt auch gleich zum Privatsekretär und Personaltrainer Roviras auf. Und noch während sich Román selbst über seinen rasanten Aufstieg in der Partei wundert, wird er immer weiter in ein Netz aus Lügen, Mythen und grausigen Geheimnissen verstrickt, das Rovira abseits der Öffentlichkeit knüpft. Der Hoffnungsschimmer am sich stetig verdüsternden Horizont: Die junge Journalistin Valentina Sureda, genannt China, die an einem Buch über den Einfluss des Fluches der Tolosana auf die Politik Fernando Roviras arbeitet. Jener sagenhafte Fluch besagt, dass kein Gouverneur der Provinz Buenos Aires je Präsident Argentiniens werden kann. Dabei kommt sie unliebsamen Wahrheiten auf die Spur und befindet sich bald selbst in höchster Gefahr.

Welche faktische Kraft können ausgewiesene Mythen entwickeln? Welche politische Durchschlagskraft hat die gut arrangierte Story? Und: Ist nicht das wahr, was der Mensch beschließt, als wahr anzunehmen?

Claudia Piñeiros Politthriller Der Privatsekretär liest sich wie eine spannende Abhandlung dieser brandaktuellen Fragen. Einerseits verfolgt der Leser die immer wahnwitziger werdenden Entwicklungen um Román Sabaté, andererseits schaut er Valentina Sureda über die Schulter, wie sie Fragment um Fragment für ihr Buch zusammenträgt und dabei in die Geschichte des Landes und der Provinz Argentiniens eintaucht. Die Sprache ist, dem Plot und dem Genre angemessen, klar und präzise, und das Spiel der Autorin mit historisch verbürgten Fakten und freier Erfindung reflektiert das Thema des Buches auch auf formaler Ebene.

Wer sich im gerade so glorios anhebenden Sommer spannende Unterhaltung mit politisch relevanter Thematik genehmigen möchte, angereichert mit einem halbfiktionalen Exkurs in die jüngere argentinische Geschichte, ist mit diesem Buch hervorragend bedient.

Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Ayelet Gundar-Gosehn – Lügnerin

Kein&Aber 24 €
978-3-0369-5766-1

Ayelet Gundar-Goshen versteht es, eine pure, herrliche Sommerlektüre zu schreiben, die zugleich klug und erhellend in aktuelle Debatten eingreift.

Ort und Zeit des Geschehens: Tel Aviv, die letzten Wochen der Sommerferien. Die Hitze steht in den Straßen, die junge sommersprossige Nuphar eilt zu ihrem Ferienjob in die Eisdiele. Sie ist mit ihren 17 Jahren noch so uneins mit sich und ihrem Körper, wie man es nur sein kann, wenn man den Schönheitsidealen permanent ausgesetzt ist, ihnen aber nicht entspricht. Da ist ihre vom Glück geküsste jüngere Schwester Maya, der alles mühelos zufliegt, da sind Mutter und Vater und der Junge Lavie, den sie zu lieben beginnt – und schließlich die alte Raymonde, die im Seniorenheim lebt. Zwischen diesen beiden Polen, der alten Raymonde und der jungen Nuphar, spannt Gundar-Goshen ihre Geschichte auf.

Die junge und die alte Frau verstricken sich unabhängig voneinander und eher zufällig in eine Lügengeschichte, die sie befreit und ihnen eine Stimme verleiht. Endlich werden sie gehört, endlich wird ihnen Aufmerksamkeit geschenkt. Dass das just in dem Moment geschieht, als sie nicht von sich erzählen, sondern sich die Geschichten anderer einverleiben, zeigt das moralische Dilemma der Figuren, das überaus erhellend beschrieben und amüsant erzählt wird.

Im Fall der jungen Nuphar ist es die erfundene Vergewaltigung – der abgehalfterte Medienstar Avishai Milner fährt der jungen unscheinbaren Eisverkäuferin Nuphar dermaßen überheblich über den Mund, dass sie weinend und schreiend in den Hinterhof flieht. Die zufällig vorbeikommenden Polizisten hören das Mädchen, folgen den Schreien und stellen ihm Fragen, auf die Nuphar kaum mit einem Nicken antworten muss – und sofort wird sie als das Opfer angesehen, wird im Polizeipräsidium befragt, in Talkshows eingeladen, wird für ihren Mut gelobt und endlich wahrgenommen.

Im Fall der alten Raymonde handelt es sich um eine Lüge, die schwerer wiegt, denn Raymondes Lüge hat das Zeug, die Leiden eines ganzen Volkes zu verhöhnen. Als ihre Mitbewohnerin, eine Schoah-Überlebende, stirbt, schlüpft sie im wahrsten Sinne des Wortes in deren Kleider und erzählt statt ihrer von den Schrecken in den Konzentrationslagern.

Es ist ein wirkliches Glanzstück, das Gundar-Goshen gelingt, denn in keiner Sekunde werden die Leiden der wirklichen Opfer in Frage gestellt oder entwürdigt – im Fall der alten Raymonde erscheint es sogar als Ehre und Auszeichnung, das Leben der Freundin weiterzuführen, und als eine historische Notwendigkeit, als lebender Zeuge den Besuchern der Gedenkstätten erzählen zu können. Im Fall der jungen Nuphar ist der me-too-Ruf der Umweg, den sie gehen muss, um sich selbst anzunehmen. Endlich blüht sie auf und passt in die Kleider der strahlenden jüngeren Schwester. Auf diese Weise erzählt Gundar-Goshen, wie sprachliche Strukturen und Erzählmuster zur Befreiung für die Individuen und vom Individuum werden können. Aber: Lügen darf man nicht!

Ines Lauffer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Buchempfehlung

Robert Seethaler -Das Feld

Hanser Berlin, 22 €
978-3-446-26038-2

Robert Seethaler hat die große Fähigkeit, fesselnde und berührende Romane über gänzlich unspektakuläre Menschen zu schreiben. Seine Protagonisten sind keine strahlenden Helden, keine Gefallenen, sie erleben keine schicksalsträchtigen Dramen, keine Liebespassionen, haben aber mit dem, was ihnen das Leben zumutet, genug zu tun. Sie leben ihr Leben, und der staunende Leser ist zutiefst beglückt, ihnen dabei folgen zu dürfen. Sein neuer Roman hat nicht einmal mehr eine Hauptperson. Hier kommen Menschen zu Wort, die zumeist wenig miteinander verbindet – außer dem Ort, an dem sie oder zumindest ihre Körper sich befinden: dem ältesten Teil des Paulstädter Friedhofs, „das Feld“ genannt.

Hierhin kommt jeden Tag ein Mann, läuft zwischen den Gräbern umher, setzt sich auf eine Bank und hört ihre Stimmen. Neunundzwanzig Tote, dreißig Stimmen. Denn der Erzähler lebt, und die Toten erzählen aus ihrem Leben: eine kurze Begebenheit, einen Moment des Glücks, Leid, Schicksalsschläge. Eine ganze Erzählung oder einen Absatz lang, einmal auch nur ein Wort. Manche kannten sich näher, manche nur vom Sehen, einige waren Paare, andere stehen gänzlich für sich. Einer erlebt, dass man auch als Toter noch verlassen werden kann. Eine Frau erzählt von der siebenundsechzig Tage währenden Freundschaft zu der uralten Henriette, der sie nur sechsundzwanzig Tage später in den Tod folgt. Ein Pfarrer spricht darüber, wie eine Berufung zum Fluch wird, ein Vater gibt seinem Sohn aus dem Grab heraus (gute?) Ratschläge. Ein Briefträger erinnert sich an seine Tour, ein Bürgermeister schwadroniert von seinen (Un-) Taten. Nach und nach verdichten ihre Erzählungen sich zu einem vielfältigen Chor, in dem jede Stimme ihre eigene Melodie singt, alle zusammen sich dennoch zu einem Ganzen vereinigen – einem Chor der Toten, die das Leben erzählen. Das schrammt auch schon mal hart am Kitsch vorbei, aber Seethalers unnachahmlich lakonischer Tonfall verhindert zuverlässig ein Abrutschen.

Dieses Buch liest man nicht an einem Stück durch und ist dann fertig. Manchmal reicht ein kurzer Absatz, der noch lange nachklingt, eine überraschende Wendung lässt innehalten und das Buch erst einmal hinlegen. Aber anders als bei Erzählungen, bei denen es oft unbefriedigend ist, wenn man die gerade gelesene mit der nächsten gleich wieder wegwischt, entsteht hier eine Verbindung zwischen den Personen. Man begegnet den gleichen Namen öfter, immer in anderen Zusammenhängen, und es entsteht eine Vertrautheit, die sich im Laufe der Lektüre verstärkt. Obwohl jede Erzählstimme aus dem Totenreich kommt, ist Das Feld kein trauriges oder niederdrückendes Buch – es ist das pralle Leben. Es ist so, wie der Erzähler im Buch sagt: „dass der Mensch vielleicht dann erst endgültig über sein Leben urteilen konnte, wenn er sein Sterben hinter sich gebracht hatte.“

Ruth Roebke, Bochum

Bilderbuchferien 2018

Hurra, es sind wieder Sommerferien!!!

Wir laden alle Kindergarten- und Grundschulkinder ein!

Die Veranstaltung dauert jeweils etwa eine halbe Stunde.

Kommt vorbei, wir freuen und auf euch!

AfD in Parlamenten – Themen, Strategien, Akteure

Wochenschau Verlag, 14.90 €

Lisa-Marie Klose und Benno Hafeneger im Gespräch mit Heike Ließmann

Montag, 25. Juni 2018, 20 Uhr

Europaweit beschäftigen rechtspopulistische Parteien die Menschen, die Medien und nach dem Einzug jener Parteien in die Parlamente auch den politischen Alltag.
Benno Hafeneger, Hannah Jestädt, Lisa-Marie Klose und Philine Lewek haben sich in einer umfangreichen Studie mit den ersten parlamentarischen Aktivitäten der AfD in kommunalen Parlamenten in Hessen und Niedersachsen sowie im Landtag von Rheinland-Pfalz beschäftigt. Sie beleuchten u.a. die Wahrnehmung der etablierten Parteien von und den diffizilen Umgang mit der AfD. Die Untersuchung versteht sich als ein aufklärender Beitrag über die AfD mit Blick auf ihre parlamenta­rischen Aktivitäten und zugleich als Anregung für eine differenzierte Auseinandersetzung mit der AfD im Parlamentsbetrieb.

Neben dieser bereits veröffentlichten Studie werden die Autoren im Gespräch mit Heike Ließmann auch die Ergebnisse einer weiteren Studie zu “AfD – Jugend, Jugendarbeit, Jugendpolitik” thematisieren.

Lisa-Marie Klose, M.A. Politikwissenschaft, Philipps-Universität Marburg; ab SS 2018 wissenschaftlicher Mitarbeiterin in der vergleichenden Politikwissenschaft an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt.

Benno Hafeneger, Dr. phil., Prof.(em) am Institut für Erziehungswissenshaften der Philipps-Universität Marburg.

Heike Ließmann, Redakteurin in der Redaktion Bildung und Wissenschaft bei hr Info.

Buchempfehlung – Manfred Theisen, Einer von 11

In einer Halbzeitpause könnte man ihn lesen, diesen inneren Monolog am Spielfeldrand. Gedanken eines (fiktiven?) Fußballers der deutschen Nationalmannschaft kurz vor der Einwechslung. Eines Spielers mit deutschem Pass und deutscher Kindheit, aber eben auch mit nigerianischen Wurzeln. Diese Wurzeln kann er zwar nicht fühlen, dafür kann sie aber jeder sehen. Die Farbe seiner Haut, die Beschaffenheit seiner Haare setzen viele immer noch gleich mit seinem Sein, meistens freundlich, anerkennend – immerhin schießt er ja für Deutschland Tore –, aber doch kurz verblüfft, wenn er fehlerfrei deutsch spricht. Wie wütend das seine Mutter immer gemacht hat, als er noch klein war, daran erinnert er sich. Und daran, wie sein Vater ihm sein Heimatland zeigen wollte, wie fremd ihm selbst aber die afrikanische Luft und seine nigerianischen Verwandten waren. Und er erinnert sich daran, wie sehr er sich wünschte, wie alle anderen zu sein, zu Hause, in Deutschland. Einfach nur einer von ihnen will er sein und heute einer von 11.

Und wir, wir wollen so gerne glauben, längst ohne Vorurteile auszukommen. Und unsere Kinder wachsen mit der kleinen Emma auf, deren Vater aus Puerto Rico kommt, und dem kleinen Otto mit den asiatischen Gesichtszügen. Und doch gibt es manchmal diesen winzigen Moment des Überraschtseins, den wir uns nur ungern eingestehen, dann nämlich, wenn einer dieser Fußballer am Spielfeldrand, vom Journalisten befragt, ganz akzentfrei erklärt, welche Strategie er mit dem Trainer besprochen hat und wie es seiner rechten, kürzlich verletzten Wade geht.

„Noch heute gibt es Menschen, die sich für etwas besseres halten, weil sie noch nie irgendwo fremd gewesen sind, höchstens als Touristen und Besucher“, denkt dieser Fußballer auch am Spielfeldrand, „aber ich bin kein Besucher!“.

Wie alt man ist und ob man sich für Fußball interessiert, ist bei diesem 64 Seiten umfassenden Büchlein gar nicht wichtig. Es geht um Zugehörigkeit, um alltägliche unbewusste Aus- und Abgrenzung, um gesellschaftlich hoch aktuelle Fragen. Vier Wochen WM sind ein guter Anlass, um sich bei einer bunt gemischten deutschen Mannschaft mal wieder klar zu machen, was wir eigentlich damit verbinden, wenn wir von „deutsch“ sprechen.

Manfred Theisen hat sicher nicht ohne Grund den Spieler eines Mannschaftssports gewählt, um uns mit unseren eigenen gedanklichen Schubladen zu konfrontieren. Eine Mannschaft ist erst dadurch stark, dass sie ganz unterschiedliche Menschen entsprechend ihrer Fähigkeiten und individuellen Stärken einzusetzen weiß. Wären alle gleich, hätte diese Mannschaft keine Chance. „Deutschland ist ein zerbrechliches Gebilde, zersplittert, vereint, zerfallen, größenwahnsinnig, besetzt, geteilt, wieder vereint und unaufhaltsam suchend“, lesen wir in Einer von 11. Genau das ist dieses Land und deswegen so ein guter Ort, weil hier so viele unterschiedliche Menschen hoffentlich auch zukünftig friedlich miteinander leben können.

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Buchempfehlung

Fernando Aramburu – Patria

Rowohlt Verlag, 25 €
978-3-498-00102-5

ETA, IRA und RAF – der Terror, der von europäischen Terrorzellen ausging, ist im kollektiven Gedächtnis zurückgetreten hinter die Nachrichten über den internationalen Terror seit dem 11. September 2001. Und doch ist das alles gerade erst gewesen. Erst dieses Jahr hat die ETA offiziell ihre Auflösung bekanntgegeben. Zwar war es mittlerweile um die ETA so still geworden, dass niemand mehr eine wirkliche Bedrohung in ihr sah, aber die Meldung erinnert wie Fernando Aramburus Roman Patria an andere Zeiten, in denen die Zahlen der jährlichen Anschläge und Todesopfer in Westeuropa im Schnitt tatsächlich weitaus höher lagen als in den letzten zwanzig Jahren.

Aramburus preisgekrönter Roman Patria ist in Spanien ein Bestseller, geschrieben von einem Autor, der zwar Spanier bzw. Baske ist, mittlerweile aber in Deutschland lebt und damit zusätzlich zur zeitlichen auch noch die räumliche Distanz nutzt, um auf die Hochzeit der ETA-Bewegung zu blicken. Patria beschreibt nicht vornehmlich die Ideen oder die Ziele der ETA, sondern besonders eindrücklich den schleichenden Mechanismus, mit dem eine terroristische Gruppierung den Alltag unterwandert, Ausgrenzungen betreibt, Familienleben und Freundschaften zerstört, und wie aus kleinen Jungs, die eben noch Kleine-Jungs-Streiche machten, Terroristen werden – beinahe übergangslos geht das, beinahe gedankenlos.

Schauplatz des Geschehens ist ein kleines Dorf im Baskenland, in dem der Fabrikbesitzer Txato an einem verregnetem Nachmittag nach seinem Mittagsschläfchen auf dem Weg zur Arbeit auf offener Straße erschossen wird. Txato wird schon lange bedroht und öffentlich diffamiert, hat schon lange Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, er tut sein Bestes, um in seinem Alltag nicht vorhersehbar zu sein, wechselt Wege und Autos, die Tochter wird weit weg zum Studieren geschickt, und mit Geld versucht er die ETA zu beruhigen und beruhigt doch vor allem sich selbst.

Gut war dieses Leben schon lang nicht mehr, die Familie hat im Dorf keine Freunde mehr, und gerade die engsten, die liebsten haben sich abgewandt: Joxian und Txato stiegen jeden Sonntag gemeinsam aufs Rennrad, die Ehefrauen Miren und Bittori kannten sich seit Kindertagen. Aber just der Sohn von Miren und Joxian geht zur ETA – hat er Txato getötet? Nach dem Mord an ihrem Mann verlässt Bittori das Dorf, sie wird von ihren Kinder nach San Sebastián gebracht, aber das Haus behält sie über all die Jahre der Abwesenheit.

Aramburus Roman beginnt in jenem Moment, als sich Bittori dem Dorf und ihrem Haus langsam wieder nähert und, ebenfalls mit zeitlichen Abstand, zu verstehen versucht, was eigentlich passiert ist.

Patria ist zu gleichen Teilen ein Roman über den Terror der ETA und ein Familien- und Freundschaftsroman, ein Ehe- und Liebesroman – ein wahnsinnig gut geschriebenes, vielstimmiges Buch, das man wie eine gute Serie einfach nicht abschalten kann. Unbedingt lesen.

Ines Lauffer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Buchempfehlung

Éric Vuillard – Die Tagesordnung

Matthes&Seitz Verlag, 18 €
978-3-95757-576-0

Vierundzwanzig Industrielle waren es, die am 20. Februar 1933 von Hitler zur Kasse gebeten wurden, um die letzte Phase des Wahlkampfs der Nationalsozialisten zu finanzieren. Keiner muckte auf, alle entrichteten ihren Obolus, war ihnen doch die Befreiung vom Übel des Kommunismus versprochen worden, die Abschaffung der Gewerkschaften und das uneingeschränkte Führertum im eigenen Unternehmen. Die besten Prämissen für gesicherten Gewinn, und das über Jahrzehnte.

Mit Österreich verfuhr Hitler anders als mit dem Klerus der Großindustrie, er setzte Bundekanzler Schuschnigg massiv unter Druck. Aber letztendlich reagierte dieser ähnlich: Er beugte sich dem Bluff. Der Triumph des rätselhaften Respekts vor der Lüge, das ist es, was Vuillard hier seziert, der Triumph der Machenschaften über die Tatsachen. Mit diesem literarischen Meisterwerk gewann der Autor in Frankreich die höchste literarische Auszeichnung, den Prix Goncourt. Neben der ihm entgegengebrachten Wertschätzung ist ihm auch Überheblichkeit vorgeworfen worden. Nun, Satire arbeitet mit gespitztem Bleistift. Und natürlich ist es leichter, aus der Distanz von Jahrzehnten darüber zu urteilen, wie dilettantisch Hitlers erste Schritte in der Politik de facto waren, wie leicht die Industrie und die anderen Großmächte seinen politischen Parolen auf den Leim gingen. Aber spätestens jetzt müssten im Publikum die Alarmglocken läuten. Warum? „Man stürzt nicht zweimal in denselben Abgrund. Aber man stürzt immer auf dieselbe Weise, in einer Mischung aus Lächerlichkeit und Entsetzen.“

Wenn Geschichte so erzählt wird, wie Vuillard zu erzählen vermag, begreift man das ganze Ausmaß ihrer Ungeheuerlichkeit. Und das gilt für gestern wie auch für heute. „Die größten Katastrophen kommen oft auf leisen Sohlen.“ Das sollte uns zu denken geben.

Susanne Rikl, München

Buchempfehlung

Nadja Spiegelman – Was nie geschehen ist

aus dem Amerikanischen von Sabine Kray

Aufbau Verlag 22 €
978-3-351-03705-5

„Als ich klein war, beobachtete ich, wie meine Mutter vor jeder Begegnung mit ihrer Familie Haltung annahm, sich vorbereitete – ich sah den strengen Blick, mit dem sie sich im Spiegel musterte, und den Lippenstift, den sie wie eine Rüstung auftrug.“

Nadja Spiegelman macht sich auf den Weg in die Vergangenheit. Will verstehen, wer oder was die Beziehung ihrer Mutter zu deren Mutter belastet hat. Will wissen, was damals geschehen ist, und ist damit auch auf der Suche nach Antworten für ihre eigene Kindheit.

Dafür verlässt sie ihr geliebtes New York, begibt sich auf die Reise zu ihrer französischen Großmutter nach Paris. Von der noch rüstigen älteren Dame wird sie mit offenen Armen aufgenommen. Nadja trifft auf eine ungewöhnlich willensstarke Frau. Josée, ihre „Grand-mére“, wie sie allerdings nicht genannt werden will, lebt seit ihrer Scheidung alleine auf einem Hausboot und genießt dort ein von Männern befreites, selbstbestimmtes Leben. Behutsam baut sich eine intensive Beziehung der beiden auf. Mit klugen, einfühlsamen Fragen dringt Nadja mehr und mehr in längst vergessene Erinnerungsschichten ihrer Großmutter vor. Schaut und hört genau hin. Das bleibt selbstverständlich nicht ohne Wirkung auf ihr eigenes Empfinden und Selbstbildnis. Hilft es, das Verhalten ihrer eigenen Mutter besser zu verstehen?

Eine gemeinsame Reise der drei Frauen wird geplant und realisiert. Viele schöne und weniger schöne Erinnerungen kommen dabei an die Oberfläche. Nicht alle stimmen auch überein, es gibt eben nicht nur die eine Wahrheit. Dennoch, es ist ein Weg, das Verhalten, die Persönlichkeit der anderen zu verstehen. Schmerz, Verletzungen, Übergriffe haben sich tief in die Seelen eingegraben. Auch wenn einiges weiterhin im Dunkeln bleibt oder bleiben soll, verändern die Gespräche das Leben und Miteinander dieser drei Frauen. Erzählend, zuhörend, verstehend finden sie mehr als nur eine versöhnliche Annäherung zueinander.

„Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden, aber es kann nur in der Schau nach vorwärts gelebt werden.“ Sören Kierkegaard

Drei Frauen, drei Generationen, drei Leben. Nadja Spiegelman hat daraus ein fantastisch authentisches Buch gemacht. Soviel Lebensweisheit würde man bei einer Autorin, die gerade mal 30 Jahre alt ist, niemals vermuten. Eine unglaublich talentierte Erzählerin hat hier ihren Debütroman vorgelegt. Eines der besten Bücher zum Thema Großmutter-Mutter-Tochter-Beziehung.

Brigitte Hort, Eitorf