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ab Montag, den 29. November Mo­­­–Fr von 9 bis 20 Uhr

Da ist ein Baum,
ist immer grün,
wächst nicht in der Savanne.
Wächst da, wo Deutschlands Blumen blühn,
und winters auf ihm Kerzen glühn –
wie heißt der Baum?
„Marianne?“*

Liebe Freundinnen und Freunde,
mit diesem Gedicht Robert Gernhardts begann unser Brief vor einem Jahr und so wollen wir auch heute beginnen. Auch wenn wieder so vieles unklar ist und die Lage alles andere als gewünscht:
Wir wollen uns den Humor nicht nehmen lassen und schenken Ihnen jede Menge Buchempfehlungen und all unserer Aufmerksamkeit.

Für ein entspannteres und sichereres Einkaufen** in der Adventszeit unsere Öffnungszeiten ausgedehnt, darüber hinaus gibt es in unserem Laden Luftfilter und Desinfektionsspender. Bitte tragen Sie eine Maske und halten Sie Abstand.

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*Robert Gernhardt in: Naturkunden #67, Tannen. Wilhelm Bode (Matthes & Seitz, € 20.-)

Buchempfehlung

S. Fischer
22 €

C Pam Zhang

Wie viel von diesen Hügeln ist Gold

Die Sonne steht über dem welken, ausgebluteten Land, durch das sie sich wie zwei Schlafwandlerinnen bewegen, und nirgendwo ist etwas groß genug, kühlenden Schatten zu werfen. Lucy ist zwölf, sie ist die klügere von beiden, sie entscheidet, was zu tun ist. Ihre Schwester Sam ist nur ein Jahr jünger und sieht es nicht ein, sich bevormunden zu lassen. Aber es sind nicht allein Hunger und Durst, die sie vorantreiben, sondern ein Pflichtgefühl, das sie nach einem passenden Ort für das Grab ihres Vaters suchen lässt. Ihr gesamter Besitz besteht in den Wünschen und Hoffnungen der zigtausend chinesischen Einwanderer, die wie ihre Eltern zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach Kalifornien gekommen waren, um ihr Glück zu suchen – und womöglich eine neue Heimat zu finden. Darüberhinaus verfügen sie lediglich über das, was ihr Vater ihnen überlassen hat oder was sie im Ort stehlen konnten: Proviant, eine alte Pistole, zwei Silberdollars und das Pferd, das die Kiste mit den Gebeinen trägt. Sie ziehen nach Norden. Dann nach Osten. Die Landschaft ändert sich indes nicht, die Berge sind geschmolzene Hügel aus Narrengold, in der Ferne tauchen die Umrisse eines verlassenen Bergwerkes auf, und als sie es erreichen, glauben sie, am flirrenden Horizont bereits das nächste zu erblicken. Doch ob nun Einbildung oder nicht: Bald genug müssen sie sich eingestehen, dass diese weite, verbrannte Leere, in der sie sich bewegen, ebenso rau ist wie die Menschen, auf die sie stoßen, Goldgräber, Indianer und umherziehende Vaqueros, die alle die gleiche Verzweiflung antreibt. Und es dauert nicht lange, da stellt sich Lucy die entscheidende Frage. „Was macht ein Zuhause zu einem Zuhause?“

Die chinesisch-amerikanische Schriftstellerin C Pam Zhang wurde für ihren 2020 im Original erschienen Debütroman von Lesern wie Kritikern aufs Höchste gelobt und schaffte es sogleich auf die Longlist für den Booker Prize. In ihrem Roman verwebt sie chinesische Mystik mit der harten Realität einer unerbittlichen Landschaft, die kaum bereit ist, einen Fehler zu verzeihen. Obgleich ihre Wortakrobatik an manchen Stellen etwas übertrieben anmutet, beruht Ihre Sprache grundsätzlich auf einem tiefen Verständnis epischer Prosa, doch wäre es vermessen, sie in Ermanglung eines besseren Beispiels mit Faulkner zu vergleichen, denn der Name C Pam Zhang steht bereits jetzt für einen eigenen, unverkennbaren Stil.

Axel Vits, Der andere Buchladen, Köln

Buchempfehlung

Björn Kern

Secession Verlag
18 €

Kein Vater, kein Land

Lee ist aus der Stadt Richtung Osten geflohen, mit dem Kind, mit seinem Kind. Er will bei dem eigenen Vater Unterschlupf finden, sich verstecken und das Kind vor dem Jugendamt retten. Doch auch sein Vater ist fort, die Tür des Forsthauses im Sydower Forst mit einem Vorhängeschloss gesichert. Was nun?

Unerbittlich präzise ist die Sprache dieses Romans, in dem Björn Kern von Entwurzelung, von einer verzweifelten Suche nach Geborgenheit in so etwas wie Familie erzählt.

Da ist noch der Bauwagen auf dem Hof hinter dem Haus, eine letzte Zuflucht vor der Kälte und dem harschen, schafthohen Schnee. In der Nacht hört das Kind Motorgeräusche, Lee fürchtet, dass ihm die Beamten aus der Stadt gefolgt sind, doch das Auto entfernt sich wieder. Von einem Teil seines letzten Geldes hat Lee in der Tankstelle eine Kiste Milch für das Kind gekauft und hofft, in den Gefriertruhen des väterlichen Kellers Wild zu finden. Der Kellerschlüssel ist noch am gleichen Platz im Hasenkolben, die Truhen sind leer.

Mit dem alten Gewehr des Vaters, einer Sauer, mit einer neuen Kiste Milch und einer Rettungsdecke machen sich die beiden auf den Weg in den Osten, wo Lee den Vater vermutet: in der alten Schnitterkaserne im Luch. Zu gefährlich ist Wachter, der Nachbar im Bungalow mit den Doggen, er hat die beiden gesehen und ist schlecht auf die Familie, besonders schlecht auf den Großvater zu sprechen. Lee muss sich und das fünfjährige Kind retten, den Widrigkeiten des Lebens und der von den Menschen zerstörten Natur zum Trotz. Ihr Weg ist beschwerlich, aber sie sind zu zweit. Manchmal redet das Kind nicht, vor allem dann nicht, wenn es etwas nicht leiden kann, was der Vater macht. Fünf Tage sind sie unterwegs. Lee ernährt sich von rohem Fisch, geschossenem Wild, Toastbrot, das Kind bekommt Milch. Es fragt oft nach Mama, wo sie ist, ob sie auf dem Weg zu ihr sind. So lange, bis es sich nicht mehr an sie erinnert. Auch das sagt das Kind dem Vater.

Als sie bei dem Großvater ankommen, ist Lee verletzt. Sein Vater, kein stattlicher Mann mehr, ein magerer Greis in einem schmutzigen Latzkittel, verarztet Lee notdürftig und versucht seinen Enkel in ein Gespräch zu verwickeln. Der Junge verweigert das Sprechen. Am nächsten Tag ist der Großvater mit dem Kind verschwunden. Lee macht sich verzweifelt auf die Suche. Er wird seinen Sohn finden.

Die Dialoge zwischen Vater und Sohn sind von einer solchen Ehrlichkeit, dass die Kälte des Winters, die in diesem Roman ausnahmslos alle zum Frieren bringt, erträglicher wird. Jeder von beiden ist auf seine Weise schlau, der Vater in Dingen des Überlebens in der Wildnis, der Sohn im Erkennen des Unausweichlichen, das ihnen begegnet.

Was Björn Kern hier mit dem Weg durch die Kälte, in der kargen, fast nackt zu nennenden Sprache abbildet, ist die Sehnsucht der Söhne nach Liebe, und es ist diese Sehnsucht, die Lee und den Fünfjährigen am Leben erhält. Großartig und gleichzeitig auch gnadenlos.

Susanne Rikl, Frankfurt

Buchempfehlung

Colson Whitehead

Hanser Verlag
25 €

Harlem Shuffle

Das neue Buch des Pulitzer Preisträgers ist im Kern ein kurzweiliger Gangsterroman, angesiedelt im Harlem der 60er Jahre. Erzählt wird die Geschichte eines Mannes, der versucht, so ehrlich wie möglich den gesellschaftlichen Aufstieg zu schaffen.

Für seine Nachbarn und Kunden auf der 125th ist Ray Carney ein aufrichtiger Möbelhändler, der sich durch Fleiß aus der unteren Schicht der Gesellschaft hochgearbeitet hat, ein fürsorglicher Ehemann und Vater. Nur für seine versnobbten Schwiegereltern aus der schwarzen Oberschicht bleibt er der Emporkömmling mit fragwürdigem Familienhintergrund. Tatsächlich bekommt Rays Rechtschaffenheit kleine Risse, als die Geschäfte nicht so gut laufen, gerade jetzt, wo das zweite Kind unterwegs ist und die Familie dringend aus der beengten Wohnung umziehen müsste. Um sein Einkommen aufzubessern, vertickt Ray gelegentlich Hehlerware für seinen Cousin Freddy. Für Ray ist das kein moralisches Problem, er fragt nicht, wo die Ware herkommt, gibt sie weiter an diskrete Händler und kassiert seinen Anteil. Als Freddy allerdings mit einer Gruppe von harten Ganoven bei ihm aufkreuzt und ihm von einem geplanten Raubüberfall auf das Theresa Hotel, dem Waldorf von Harlem, berichtet, bei dem Ray das Diebesgut verhökern soll, muss er sich entscheiden: Anständig bleiben, Nein sagen und auf den Anteil verzichten oder das Risiko eingehen und kassieren. Aus Verpflichtung gegenüber seinem Cousin und auch aus Angst vor den Ganoven erklärt sich Ray bereit, die heiße Ware zu übernehmen. Doch dazu kommt es nicht, denn bei dem Überfall geht einiges schief, am Ende gibt es zwei Leichen. Um seine und Freddys Haut zu retten, muss Ray fortan neue Kunden bedienen: korrupte Cops, rachsüchtige Gangster und zwielichtige Geschäftsmänner mit guten politischen Verbindungen. Je mehr Schmiergeld fließt, je mehr Informationen in Hinterzimmern gehandelt werden, umso besser begreift Ray, wer die Stadt eigentlich regiert. Ray wird Teil dieser Parallelwelt und nutzt das Wissen für seinen privaten und geschäftlichen Aufstieg. So beginnt in Ray der innere Zwist zwischen Ray dem rechtschaffenen Geschäftsmann (the striver) und Ray dem Gangster (das, was schon sein Vater war: the crook), ein zunehmend gefährliches Doppelleben, das er mit allen Mitteln vor seiner Familie zu verbergen sucht. Welchen Preis wird Ray zahlen müssen, um diesem Dilemma wieder zu entkommen? Wer wird am Ende siegen?

Harlem Shuffle erzählt die Geschichte eines Mannes, der die Fesseln seiner Herkunft abzustreifen versucht, eine Familiengeschichte im Mantel eines spannenden Gangsterromans vor dem Hintergrund der politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen der 60er Jahre. Die Aufstände gegen Segregation, alltäglichen Rassismus, Korruption und Gentrifizierung sind die zentralen Themen, heute wieder ganz aktuell. Die Charaktere sind authentisch. Whitehead zeichnet keine Stereotype und bedient sich keiner Sozialromantik – eine Liebeserklärung an Harlem und seine Bewohner.

Andrea Schulz, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Buchempfehlung

Kate O’Shaughnessy

Das Glück wartet nur bis um vier

dtv junior
12,95 €
ab 10 Jahren

Ein Kinderbuch, das schwierige Themen nicht umschifft und trotzdem oder gerade deshalb ein großes Lesevergnügen ist? Das Debüt der amerikanischen Autorin Kate O’Shaughnessy sollte in keinem Kinderbuchregal fehlen.

May(belle) ist elf, und warum sie mit ihrer Mutter in einem Wohnwagenpark lebt und sich insgeheim schuldig fühlt, weil sie nicht mehr in diesem schönen Haus in der anderen Stadt wohnen, erfährt man erst nach und nach. So auch, warum es das Mädchen fast umhaut, als sie eines Tages die Stimme ihres Vaters im Radio hört, und warum ihre Mutter ihr nie etwas von ihm erzählen wollte.

Sommerferien, und May vertreibt sich die Zeit damit, Geräusche und Töne, die die meisten Menschen überhören, mit einem kleinen Tonband aufzunehmen: ein undichter Wasserhahn, der tropft, oder der Wind, der eine Tür leise schwingen lässt. May sammelt diese besonderen Geräusche. Und nur sie weiß, dass auch Einsamkeit unverwechselbar klingt.

Weil Mays Mutter Arbeit auf einem Kreuzfahrtschiff gefunden hat, soll Mrs Boggs, die Nachbarin, auf May aufpassen. May kennt sie zwar vom Hörensagen aus der Schule, aber das macht es nicht besser, denn Mrs Boggs hat den Ruf, die strengste Lehrerin weit und breit zu sein. Und die ersten Absprachen zwischen May und ihrer ruppigen Ferien-Betreuerin sind auch einigermaßen entmutigend. Umso überraschender entwickelt sich dann allerdings die Geschichte, und zwar zu einem echten Roadtrip durch die Südstaaten der USA! Und das alles, weil May heimlich beschließt, unbedingt an einem Gesangswettbewerb in Nashville teilzunehmen. Eine Elfjährige mit vielerlei Ängsten, eine schrullige Lehrerin, die nach dem Verlust ihres Mannes all ihre bunten Kleider ganz hinten im Schrank versteckt, und der Nachbarjunge Tommy, dessen blaue Flecken gar nicht aus den Prügeleien zwischen Jungs stammen und den May bislang für einen echten Fiesling hielt, bilden eine kuriose Reisegruppe, die einem beim Lesen unumkehrbar ans Herz wächst.

Dieses aus der Ich-Perspektive des tapferen Mädchens May erzählte Kinderbuch überzeugt durch seine glaubwürdigen Charaktere und die sanfte Einladung, sich mit Themen wie Einsamkeit, Verlust und Misshandlung auseinanderzusetzen. Der jungen Autorin gelingt es, die Welt eines Mädchens, das es nicht ganz leicht hat, so zu schildern, dass die immer wieder aufscheinende Tragik durch Situationskomik, sich entwickelnde Freundschaften und mutige Entscheidungen der Protagonisten ausgeglichen wird. Das Glück wartet nur bis um vier ist lebensnah, witzig, poetisch und eine klare Leseempfehlung dieses Sommers für alle zwischen 10 und 99, die gute Bücher lieben!

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Buchempfehlung

Rosmarie Waldrop

Pippins Tochters Taschentuch

Übersetzt von Anne Cotten

Bibliothek Suhrkamp
24 €

„Wahrscheinlich ist dir schon aufgefallen, dass dies hier nur dann nach einer Geschichte zu klingen beginnt, wenn ich etwas wiederhole, das mir Vater erzählt hat…“, so fasst die Protagonistin und Stimme des Romans Pippins Tochters Taschentuch ihren Erzählton selbst zusammen. Der ganze Text ist eine Rede an ihre Schwester, in der sich Erinnerungen und Gegenwart ihres Familienlebens vermischen. Die Protagonistin Lucy Seifert merkt in der Zeit, in der sie ihrer Schwester schreibt, selbst, wie ihre Affäre so unaufgeregt wie unaufhaltsam die Struktur ihrer Ehe unterwandert. Diese Schilderungen werden mit Szenen aus der frühen Zeit der Ehe ihrer Eltern parallelisiert. Während Lucy mittlerweile in den Staaten lebt, beginnt die Geschichte ihrer Eltern in den 20ern in Kitzingen am Main. Ihre Mutter gilt als wunderschön, ein Freigeist, eine Sängerin, während ihr Vater als Lehrer eine finanziell gute Partie ist. Die Ehe hält, nachdem die Affäre der Mutter mit einem jüdischen Musiker ans Licht kommt, vor allem durch den gesellschaftlichen Druck und das plötzliche Desinteresse des Liebhabers. Doch nicht nur der Vertrauensbruch, auch die Annäherung an den Faschismus prägen ab diesem Punkt das Verhältnis der jungen Eltern.

Jahre später ist Lucy davon überzeugt: ihre Schwester Andrea ist nicht das leibliche Kind ihres Vaters, und gerade deswegen muss sie nun die Geschichte des Ehebruchs der Mutter viel mehr als Liebesgeschichte begreifen.

Zwei Dinge sind an diesem Roman so auffallend gut gelungen, dass sie nicht unerwähnt bleiben dürfen. Zum einen das Ineinandergreifen der beiden Zeitebenen, der Wechsel zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart. Dies geschieht nicht, wie sonst üblich, mit harten Schnitten und Szenenwechseln, vielmehr entspinnt sich ein Netz, ein wechselseitiger Einfluss zwischen beidem. Das liegt nicht zuletzt – und das bringt mich zu meinem zweiten Punkt – an der Ambivalenz und der psychologischen Schärfe, die Lucy als Erzählerin erhält. Ihre Stimme ist weit davon entfernt, eine neutrale zu sein. Dessen ist sie sich selbst sehr bewusst und unternimmt auch keinerlei Anstrengungen, das zu verbergen. Der Text gewinnt einen großen Teil seiner Dynamik durch die in der Erzählstruktur implizite, aufgeladene Beziehung der Schwestern.

Waldrops psychologische Präzision und künstlerischer Ausdruck kommen in der Übersetzung durch Ann Cotten wunderbar zur Geltung. Das amerikanisch-deutsche (Spannungs-) Verhältnis, das nicht nur beide Autorinnen verbindet, sondern auch dem Roman innewohnt, schlägt sich auch sprachlich in einer Synergie kurzer, schlaghafter Sätze innerhalb einer im höchsten Maße verschachtelten und umschweifenden Erzählweise nieder.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Buchempfehlung

Lisa Krusche

Das Universum ist verdammt groß und supermystisch

Beltz & Gelberg
13 €
ab 10 Jahren

Gustav mag Agathe, obwohl er sich ja eigentlich einen Hund gewünscht hat. Aber Lily sagt, ein Hund wäre zu viel Arbeit und sie würde das mit ihren zwei Jobs nicht schaffen. Und Lily ist eben Gustavs Mama. „Der Mann“ ist Mamas Freund und hat Gustav Agathe geschenkt. Und weil „der Mann“ und Lily jetzt sogar zusammen in den Urlaub fahren wollen, hat Gustav sich geschworen kein einziges Wort mehr zu sprechen.

Da sitzt er lieber alleine mit Agathe am Kanal (hatte ich schon erwähnt, dass Agathe eine Wasserpflanze ist, die ziemlich gut zuhören kann?) und überlegt, ob der Kapitän des Frachters wohl sein Vater sein könnte und was das für sein Leben bedeuten würde. Sicherheitshalber schreibt er den Binnenschifffahrtskapitän mit auf die lange Liste, die er immer in seiner Hosentasche hat, eine Liste mit Vorschlägen, wer vielleicht sein Vater sein könnte. Seine Mutter schweigt sich jedenfalls darüber aus und sagt, es sei besser, dass er seinen Vater nicht kennt. Aber Gustav findet, das müsste sie eigentlich ihm überlassen.

Als Gustav mit Agathe in ihrem Klarsichtbeutelaquarium am Kanal sitzt, taucht plötzlich ein Mädchen neben ihm auf, aus deren Gesicht ihm das breiteste Grinsen der Welt entgegen leuchtet. Dass sie Charles heißt und mitten im Sommer einen knallbunten, ellenlangen Schal um ihren Hals gewickelt hat, ist nicht das einzig Wunderliche an ihr, und sie redet so viel, dass es für zwei reicht.

Gemeinsam mit Gustavs Opa, der endlich damit herausrückt, dass Gustavs Papa damals als „Junge für alles“ beim Zirkus gearbeitet hat, begeben sich die beiden Kinder auf eine verrückte Suche, um diesen Emilio Galetti zu finden. Eine wunderbare Reise, auf der es manchmal gefährlich und meistens ziemlich chaotisch zugeht, beginnt. Und immer wieder muss sich die kleine skurrile Reisegesellschaft aus zwei Kindern, einer Wasserpflanze und einem Opa fragen, ob es nicht klüger wäre, umzukehren. Aber zum Glück sind Mut und Neugier immer wieder größer als die Vernunft, so dass sie nach langer Fahrt mit einigen Zwischenstationen sogar in Istanbul landen. Ob Gustav am Ende seinen Papa kennenlernt, soll hier nicht verraten werden.

Die Autorin Lisa Krusche, hat mit Das Universum ist verdammt groß und super mystisch ein witziges, warmherziges und ganz besonderes Kinderbuch geschrieben. Dass es manchmal gut ist, mutig und auch ein bisschen verrückt zu sein, wenn man gute Freunde in seiner Nähe hat, ist eine überzeugende Botschaft an alle kleinen und großen LeserInnen ab 10 Jahren.

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

P.S. Erwachsenen LeserInnen, die wissen wollen, wie die Geschichte von Charles und Gustav weitergeht, sei auch der großartige Debüt-Roman der Autorin Unsere anarchistischen Herzen empfohlen, der ebenfalls in diesem Jahr erschienen ist.