Buchempfehlung

Ali Smith

Herbst

Luchterhand Verlag
22 €

Was ist nicht schon alles über Ali Smiths Roman Herbst gesagt worden: Er sei ein Brexit-Roman, ein Roman über die Pop-Künstlerin Pauline Boty, über die Profumo-Affäre und Christine Keeler. Aber Ali Smiths Herbst ist vor allem eines: Ein unglaublich gut geschriebener Roman, der uns vor Augen führt, warum wir die Literatur so sehr lieben. Nicht, weil sie uns Fakten liefert, nicht, weil sie uns nochmals abbildet, was wir in der sogenannten Wirklichkeit bereits erlebt und vielleicht auch schon wieder vergessen haben, sondern weil sie die unangefochtene Künstlerin der Fiktion ist, weil sie fabulieren kann, weil sie eine phantastische Künstlerin ist. Gerade noch tot am Ufer angeschwemmt, rennt Daniel Gluck wie ein junger Gott ins Gebüsch und versteckt sich zwischen den Blättern, ist selbst entzückt und beglückt, auf einmal wieder ein Knabe zu sein (diese „hübschen, jungen Füße“), ein andermal steckt er in einer schottischen Kiefer fest und ist auch darüber beglückt, es hätte ja auch eine Zwergkonifere sein können. Aber wer ist jetzt Daniel Gluck?

Wer will, der kann die Geschichte also auch so lesen: Elisabeth Demand, eine Kunsthistorikerin mit Lehrauftrag um die 30, besucht ihren ehemaligen Nachbarn und Freund, den knapp 100-jährigen Daniel Gluck, im Krankenhaus. Wann immer sie ihn besucht, schläft er. Daniel wird für Elisabeth nicht mehr aufwachen. Er schwebt zwischen Leben und Tod. Und von diesem Punkt an bekommen wir die ungewöhnliche Freundschaft der beiden erzählt. Elizabeth Demand ist 9 Jahre alt, als ihre Mutter den 80-jährigen Nachbarn Daniel Gluck fragt, ob er auf ihre kleine Tochter aufpassen kann. Aber Elisabeth geht bald auch gerne zu ihm, wenn die Mutter zu Hause ist. Denn anders als ihre alleinerziehende Mutter hat er Zeit, ihr die Welt zu zeigen, und das heißt bei Mr. Gluck: die Welt zu sehen, zu hinterfragen, was man sieht, es nochmals zu wenden und anders zu sehen, nochmals neu zu erzählen. Als die beiden einmal Spazieren gehen, erfinden sie ein neues Spiel, Bagatelle, in dem es ums Geschichtenerfinden geht: „Wer sind die handelnden Personen? … Ein Mann mit einer Waffe, sagte Elisabeth. Okay, sagte Daniel. Ich entscheide mich für jemanden, der in Gestalt eines Baumes auftritt. Eines was?, sagte Elisabeth. Auf keinen Fall. Sie müssen so was sagen wie noch ein Mann mit noch einer Waffe. Warum muss ich?, sagte Daniel.“

Mitten in der Konjunktur der Memoireliteratur, des autofiktionalen Schreibens, das mit dieser Volte natürlich die Authentizität zwar steigert, aber ohne sich ihrerseits tatsächlich aus dem Reich der Fiktionen zu verabschieden, ist es ein beinahe unbändiger Genuss sich der Literatur von Ali Smith hinzugeben.
Mit unglaublicher Leichtigkeit beschreibt die Schottin Smith unser reales Leben zwischen Pflegeheim und absurden Behördengängen, drohender Arbeitslosigkeit und Verzweiflung, aufkeimendem Nationalismus und Hassparolen. Aber die Literatur erscheint als realer Ausweg oder besser gesagt: Umweg in einen Denkraum hinein, in ein Reich des Denkbaren, aus dem der Weg schnurstracks zurück in die Realität führt. Dabei erzählt Smith mit so viel klugem Humor, dass man das Buch gleich ein zweites Mal lesen möchte. Aber es folgen ja bald noch Winter, Frühling und Sommer, auf Englisch längst schon erschienen.

Ines Lauffer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Das persönliche Gespräch lässt sich natürlich nicht ersetzen! Wir versorgen Sie aber in den kommenden Tag ausnahmsweise mit zusätzlichen Empfehlungen per Mail, neuen Büchern in unseren Fenstern und auf facebook mit kleinen Einblicken in unsere Arbeit hinter den Kulissen.

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Ihre Autorenbuchhändler*innen

Demokratie in der Krise II:

Demokratie: Eine gefährdete Lebensform

DIE VERANSTALTUNG HEUTE FINDET STATT

Diskussion mit dem Autor Till van Rahden und Heinz Drügh

Di., 10.3.2020 um 20 Uhr

Ist die Demokratie in der Krise? Bewegt sie sich gar auf ihr Ende zu? Wie können wir uns gegen die vielen schockierenden Angriffe auf sie wehren? Das fragen wir uns nicht erst seit Halle, Hanau und Erfurt.

Die liberale Demokratie, deren Fragilität uns in den letzten Tagen wieder bewusst geworden ist, galt uns zu lange als selbstverständlich. Das ist die Grundthese von Till van Rahdens Essay. Demokratie erschöpft sich nicht mit dem Gang zur Wahlurne oder in Parlamentsdebatten, nicht in Leitartikeln oder Talkshows. Demokratie ist keine bloße Herrschaftsform (die ihrerseits von der Radikalen Demokratietheorie angegriffen wird), sie ist, behauptet van Rahden, vor allem eine Lebensform: Demokratie gründet sich auf bestimmten Umgangsformen, einem Ethos des Zusammenlebens in der sinnlichen Alltagserfahrung von Freiheit und Gleichheit, Solidarität und Streit. Wollen wir mehr sein als unbeholfene Demokraten, müssen wir die Umgangsformen pflegen, die Streitkultur stärken und die öffentlichen Räume ausbauen, die es uns gerade im Alltag ermöglichen, Gleichheit wie Freiheit zu erleben und in der Begegnung mit dem Fremden demokratische Tugenden einzuüben.

Mit Blick auf die Geschichte der Bundesrepublik macht van Rahden deutlich, dass sich Demokratie an ihrer Praxis messen lassen muss. Demokratie. Eine gefährdete Lebensform zählt „zu den besten Büchern des Monats“ (Perlentaucher).

Till van Rahden ist Historiker und lehrt Deutschland- und Europastudien an der Université de Montréal/Kanada.

Heinz Drügh lehrt Literaturwissenschaften und Ästhetik an der Goethe Universität Frankfurt.

Demokratie in der Krise I: Radikale Demokratietheorie

Diskussion und Buchvorstellung mit den HerausgeberInnen und Dirk Jörke

Do., 20.2.2020 um 20 Uhr

Ist die Demokratie in der Krise? Bewegt sie sich gar auf ihr Ende zu? Nicht erst seit der Regierungsbildung in Thüringen müssen wir uns diesen Fragen dringend stellen.

Folgt man Radikalen Demokratietheorien, dann haben wir es nicht mit einer Erschöpfung, sondern mit einer Krise liberaler, repräsentativer Demokratien zu tun: Liberale Demokratien seien nie demokratisch genug gewesen. Erstmals liefert das Suhrkamp-Handbuch einen umfassenden Überblick zu diesen Radikalen Demokratietheorien und zeigt zugleich, dass es mit deren Hilfe möglich ist, rechtspopulistischen Parteien und ihrer perfiden Inanspruch-nahme demokratischer Vokabeln etwas entgegenzusetzen. Bewegungen wie Podemos in Spanien oder Syriza in Griechenland berufen sich auf diese Positionen und fordern gleich-zeitig eine breite, dezentralisierte, jenseits von Wahlen stattfindende Partizipation der BürgerInnen. Ist der Ausgangspunkt von Radikalen Demokratietheorien, in den vielen Widerstandsbewegungen (Frieden, Sexualität, Ökologie etc.) die Wurzel von Demokratie zu sehen, eine Stärke oder Schwäche?

Dagmar Comtesse, Post Doc am Exzellenzcluster „Normative Ordnungen“ der Goethe-Universität, forscht aktuell am Deutschen Historischen Institut in Paris mit den Forschungsschwerpunkten politische Philosophie und französische Aufklärungsphilosophie.

Oliver Flügel-Martinsen, Prof. Dr., lehrt Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Bielefeld. Jüngste Buchveröffentlichung: Radikale Demokratietheorien zur Einführung, Hamburg: Junius 2020 (im Erscheinen). 

Dirk Jörke ist Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der TU Darmstadt. Kürzlich ist von ihm Die Größe der Demokratie bei Suhrkamp erschienen (2019).

Franziska Martinsen, PD Dr., Leibniz Universität Hannover, forscht derzeit am Käte Hamburger Kolleg „Recht als Kultur“, Bonn. Jüngste Buchveröffentlichung: Grenzen der Menschenrechte. Bielefeld: Transcript 2019.

Martin Nonhoff ist Professor für Politische Theorie an der Universität Bremen. Er arbeitet unter anderem zur radikalen Demokratietheorie, zu Hegemonie- und Diskurstheorie sowie zu Methoden der Diskursanalyse.

Demokratie in der Krise II, 10.3.2020:

Demokratie: Eine gefährdete Lebensform mit Till van Rahden und Heinz Drügh

Lesung und Gespräch mit Jan Wilm und Miriam Zeh Montag, 10. Februar 2020, 20 Uhr

Winterjahrbuch

Foto © Gabriel Gordon Blackshaw

Love is hard enough without the winter – so das Motto eines Kapitels in Jan Wilms Roman Winterjahrbuch. Der mit dem Autor namensgleiche Philologe macht sich in diesem Debüt auf die Suche nach Schnee, allerdings nicht in den Alpen, nicht in Kanada, nicht im Himalaya, sondern ausgerechnet im palmengesäumten Kalifornien, in Los Angeles. Hier hat nur ein einziges Mal der Schnee-Fotograf Gabriel Gordon Blackshaw den Schnee mit seiner Kamera fixiert. Auf den Spuren dieses Fotografen forscht Wilm dank eines Stipendiums im Getty Center. So zielgerichtet sein Antragsschreiben gewesen sein muss, das Protokoll seines Daseins in Kalifornien atmet einen anderen Geist: In einer äußerst poetischen Sprache, die sich ihrer Konstruktion in jedem Satz bewusst ist, kreist der Roman um eine einsame Figur und um die Dimensionen von Liebe: der Liebe zu Menschen, zur Literatur und zur Literaturwissenschaft – sowie dem Ende aller Liebe, dem Verlust.
Zahlreiche überraschende Verweise in das Winterarchiv der Literatur finden sich hier, denen wir an diesem Abend folgen: Der Schnee fällt nicht hinauf, meinte Robert Walser und Herta Müller notiert: Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel.

Jan Wilm ist Schriftsteller, Literaturkritiker und Übersetzer u.a. der Werke von Maggie Nelson. Als Literaturwissenschaftler arbeitete er an der Goethe-Universität Frankfurt und am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen, promovierte mit einer Arbeit über J.M. Coetzee, bevor er 2019 mit seinem Roman Winterjahrbuch debütierte.

Miriam Zeh arbeitet nach einem Studium der Musik, Germanistik und Philosophie seit 2018 als freie Literaturkritikerin unter anderem für den Deutschlandfunk und ZEITONLINE und promoviert über Literatur als Arbeit.

Jan Wilm, Winterjahrbuch, Schöffling Verlag 2019, 24 €

Buchempfehlung

Dietmar Dath

Neptunation

Roman, Fischer Verlag
16,99 €
978-3-596-70223-7

oder Naturgesetze, Alter!

„That was some deep shit.“

Zuerst: Der Plot ist kompakt, lässt sich gut verarbeiten, passt in jeden Schädel. Der an Space-Odysseen gewöhnte Science-Fiction-Fan ist sofort daheim, die Struktur ist bekannt. Allein die Machart, mehr, das Füllsel, das Dietmar Dath zwischen den Handlungsfäden aufhäuft, ist dazu angetan, Horizonte und Hirne zu sprengen.

Der Reihe nach: Eine geheimnisvolle, stramm kommunistische Powerfrau ist drauf und dran, ein Team für eine Weltraummission zusammenzustellen. Ausgesucht werden freilich nur die geistig Exzellenten, ein bunter Haufen freakiger Naturwissenschaftler, ein brillanter Linguist mit einer mit der Mission besonders verknoteten Familiengeschichte und ein rüstiger Haudrauf von der Bundeswehr – ohne martialisches Schlappmaul mit Erfahrung im Kampf gegen außerirdische Scherenroboter läuft schließlich kein Raumschiff vom Stapel.

Die Mission nun, zu der diese extrem amüsante und vor allem zu geistigen und intellektuellen Höhenflügen neigende Schicksalsgemeinschaft zusammengewürfelt wurde, lässt sich wie folgt beschreiben: Kurz vor dem endgültigen Zerfall des Ostblocks hat man sämtliches Restgeld zusammengekratzt, um eine letzte, bombastische Raummission zu starten. Ziel des kommunistischen Himmelfahrtskommandos war der äußerste bekannte Planet unseres Sonnensystems, Neptun. Zwei Raumschiffe wurden entsandt, die sich im All zu einem vereinigen sollten, was tatsächlich nie passierte. Eines der Schiffe strandete nämlich in einem Asteroidengürtel, wo sich im Verlauf der Jahre eine technisch hochstehende Zivilisation – die Dysoniki – entwickelte, kommunistisch selbstredend, die bis heute mit ausgewählten Genossen auf der Erde Kontakt hält. Das andere Schiff setzte seine Reise zum Neptun fort und ward fürderhin nicht mehr gesehen. Hörensagen, ein bisschen Legende und ein kryptisches Schreiben ist alles, was von der Fähre geblieben ist. Und um ebendieses irgendwo im, am, um den Neptun verlorene Raumschiff geht es: die Truppe soll den Verbleib und das Schicksal der Verschwundenen klären.

Was für ein gigantisches Spektakel! Während Dietmar Dath sein illustres Personal vorstellt, einen extraterrestrischen Mordanschlag in heißer Actionfilmmanier abfährt, die Raummission und die Geschichte überhaupt voran peitscht, passiert etwas, das den Leser immer wieder aus dem so nett gespannten Bogen der Story kegelt: Sein kognitiv hochgerüstetes Personal unterhält sich nämlich – aber wie! Munter wird da über Musik geplaudert – die Science-Fiction-Oper „Aniara“ von 1959 erfährt da besondere Weihen –, die Linguistik wird fach- und sachkundig beackert und selbstverständlich immer wieder die Mathematik, die Physik und natürlich die Philosophie. Ausgebremst wird der eilige Leser damit, aber auch reich belohnt, denn diese feine Szene, die im Stile eines antiken Dialogs daherkommt, in dem zwei gleichberechtigte Sprecher von unterschiedlichen Standpunkten aus über eine Sache sprechen und beiden bewusst ist, dass es keine definitive Antwort geben wird, ist eines der vielen Filetstückchen des Buches, das so herrlich die Debatten unserer Zeit aufgreift und im Weltall – dem Ort mit dem Überblick, wie eine Figur so treffend feststellt – verhandelt.

Kapital kann man aus dieser Lektüre schlagen, und zwar reichlich. Zugegebenermaßen, die Synapsen glühen, die durchschnittliche naturwissenschaftlich-mathematische Bildung wird bis über die Belastungsgrenze hinaus strapaziert, weil immer wieder noch eine Erläuterung über Wahrscheinlichkeiten, über die Kolmogorow-Komplexität usw. durchexerziert wird. Aber das Ganze ist dann doch eine grandiose Hochleistung des Genres: Wissenschaftliche Fakten werden neu arrangiert, kombiniert, zusammengeschnitten und um eine Gourmetprise Fiction erweitert, sodass einerseits eine phantastische, fast schon „verlässliche“ Story dabei herausspringt, andererseits ein Funke der Begeisterung überspringt, mit der Dath da ans Werk geht. Man möchte weiterdenken, was da geschrieben steht, und hat die süße Gewissheit, dass man kaum jemals heiterer auf seine Wissenslücken hingewiesen wurde!

Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Buchempfehlung

Michael Köhlmeier

Wenn ich wir sage

Residenz Verlag, EUR 18,00

Freundschaft, Familie, Nation: Diese drei Bereiche unseres Lebens formen den Begriff des Wir, so die These, die Michael Köhlmeier seinem Essay voranstellt. Doch was genau meint ein Wir im Kontext von Freundschaft oder Familie? Wie instrumentalisieren Nationen das Wir? In mäandernden Annäherungen, klugen Fragen und blitzlichternden Gedanken zeichnet Köhlmeier ein Vexierbild des Wir, das auch eigenen Assoziationen Raum lässt.

Wortbetrug oder auch Begriffswäsche sind mit im Spiel, wenn Nationalisten die Wärme, die das Wir der Heimat ausstrahlt, auf die abstrakte Größe der Nation übertragen. „Das Wir der Heimat bestimmt, wer dazugehört; das Wir der Nation, wer nicht dazugehört. Die Heimat schließt ein, die Nation schließt aus.“

Doch gibt es überhaupt ein Wir aller Menschen? Können wir das Wir wollen oder ist es naturgegeben? Ein Produkt der Kultur vielleicht? Köhlmeier bezieht im Fragen wie im Antworten Gedanken von Michel de Montaigne und Ralph Waldo Emerson mit ein. Keiner der beiden Philosophen legt in seinen Schriften Begriffe unwiderruflich fest, und das mag einer der Gründe sein, warum sie und ihre Bücher Köhlmeier zu Freunden geworden sind. Das Wir in der Freundschaft wird in seinem Essay übrigens zu einem durchaus bedenkenswerten Moment. Denn wann meint dieses Wir zwei Menschen auf Augenhöhe? Ist in Freundschaften nicht immer wieder der eine oder der andere in der Position des Überlegenen?

Was lässt sich noch alles in der Fülle des Wir fassen? Wir bedeutet alles, was nicht fremd ist. Wenn ein Wir zum Zwang wird – in einer Familie kann dies schnell geschehen – wird die Abgrenzung vom Wir gleichermaßen qualvoll wie überlebensnotwendig. Von großer Leichtigkeit und Intensität ist das Wir, das aus einer gemeinsamen Tätigkeit wie etwa dem Musizieren erwächst. Und überaus schmerzhaft kann ein Wir sein, wenn es den gemeinsamen Verlust eines geliebten Menschen miteinschließt.

Michael Köhlmeier ist dies geschehen, er spricht es aus, gibt sich in diesem Essay immer wieder zu erkennen. Damit relativiert er seine Gedanken zum Wir, macht sie zu persönlichen Beobachtungen – die deswegen nichts von ihrer Klugheit und Relevanz einbüßen – und fordert zum Weiterdenken auf. Unruhe bewahren meint nichts anderes als das.

Susanne Rikl, München

Barbara Klemm

49,80 Euro

Im Gespräch mit Andreas Platthaus

Mittwoch 4. Dezember 2019 20 Uhr

Eintritt Frei

Vier Jahrzehnte war Barbara Klemm als Photographin für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ unterwegs, deren legendäre samstägliche Tiefdruckbeilage sie mit ihren Bildern prägte. Wie kaum eine andere deutsche Photographin hat Barbara Klemm das Zeitgeschehen der letzten Jahrzehnte mit der Kamera begleitet. Ihre Aufnahmen sind zu Schlüsselbildern der Weltgeschichte geworden. Ihre Technik: analog, schwarzweiß, ohne Stativ und Blitz, selbstentwickelte Abzüge ohne Beschnitt auf Barytpapier. Sie kann Geschichten mit einem einzigen Bild erzählen — in einer Intensität und Dichte wie kaum jemand sonst.

Zu ihrem 80sten Geburtstag hat Schirmer/Mosel einen opulenten Band mit 212 Photographien aus den Jahren 1969 bis 2019 veröffentlicht, den wir gemeinsam mit Barbara Klemm und Andreas Platthaus feiern möchten.

Barbara Klemm, 1939 in Münster/Westfalen geboren, trat nach einer Ausbildung in einem Portraitatelier in Karlsruhe ab 1959 eine Stelle als Photolaborantin bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an. Sie belieferte die Redaktion bald mit eigenen Bildern, zunächst in freier Mitarbeit, ab 1970 bis Ende 2005 als festangestellte Redaktionsphotographin für Politik und Feuilleton.

Zahlreiche Ausstellungen wurden Barbara Klemms photographischer Arbeit gewidmet, etwa 1991 anlässlich der Eröffnung des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt a. M., 1999 im Deutschen Historischen Museum in Berlin und 2013 eine Retrospektive im Martin-Gropius-Bau in Berlin. Barbara Klemm wurde u. a. mit dem Dr.-Erich-Salomon-Preis für Photographie, dem Hessischen Kulturpreis und dem Max-Beckmann-Preis der Stadt Frankfurt am Main ausgezeichnet. Im Jahre 2010 wurde sie in den Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste aufgenommen.

Andreas Platthaus, 1966 geboren, studierte in Tübingen Rhetorik, Philosophie und Geschichte. Seit 1997 arbeitet er im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und ist  seit 2016 Chef des Ressorts Literatur und literarisches Leben.

Die Berufsmoral der Banker

Vortrag und Diskussion mit Claudia Czingon

Campus Verlag, 2019, 34,95 €

Moderation: Sidonia Blättler

18. Novembert 2019, 20 Uhr

Prismen – IfS bei marx & co

Seit der Finanzkrise von 2008 sieht sich das Bankenwesen und mit ihm eine ganze Berufsgruppe vielfach der öffentlichen Kritik ausgesetzt. Einiges ist seither unternommen worden, um eine ähnliche Katastrophe in Zukunft zu verhindern – auch von den Finanzakteuren selbst. Neben neuen politischen Regulierungsinstrumenten sind in den Banken auch eine Reihe von Selbstregulierungsmaßnahmen in Form von Wertekatalogen und Verhaltensstandards entwickelt und eingesetzt worden. Doch welche Spielräume lassen die strukturellen Handlungszwänge im Finanzwesen zu? Claudia Czingon hat mit verschiedenen Akteuren und einigen wenigen Akteurinnen aus dem heterogenen Feld des Banken- und Finanzwesens qualitative Interviews durchgeführt. Sie analysiert ihr berufliches Selbstverständnis, ihre Sichtweisen und moralischen Handlungsorientierungen, sie fragt danach, inwiefern die Erfahrungen der Finanzkrise ihr berufliches Selbstverständnis verändert haben, und sie erkundet Potentiale und Grenzen der normativen Selbstregulierung im Finanzsystem.  Hintergrund des Vortrags bildet das jüngst in der Schriftenreihe des IfS erschienene Buch von Claudia Czingon: Die Berufsmoral der Banker. Potentiale und Grenzen finanzwirtschaftlicher Selbstregulierung. Frankfurt am Main und New York: Campus 2019.

Claudia Czingon, Dr. phil., ist Soziologin und seit 2018 verantwortliche Redakteurin des Leviathan – Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft am Wissenschaftszentrum Berlin. Zu Fragen von Moral und Verantwortung im Bankenwesen hat Claudia Czingon neben der genannten Monografie Die Berufsmoral der Banker eine Reihe von Aufsätzen veröffentlicht, u. a.: mehrere Beiträge (zusammen mit Sighard Neckel) in: Claudia Honegger, Sighard Neckel und Chantal Magnin (Hg.): Strukturierte Verantwortungslosigkeit. Berichte aus der Bankenwelt. Berlin: Suhrkamp 2010; Banking in gesellschaftlicher Verantwortung? Zur Berufsmoral im Finanzwesen (zusammen mit Sighard Neckel), in: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung 1/2015, 71–84.

Sidonia Blättler, Dr., ist Philosophin und  seit 2006 Wissenschaftliche Referentin am Institut für Sozialforschung, Mitherausgeberin und Redakteurin von WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung,  und Redakteurin der IfS-Schriftenreihe Frankfurter Beiträge zur Soziologie und Sozialphilosophie.

Buchempfehlung

Alexander Osang

Die Leben der Elena Silber

Fischer Verlag
Preis 24,00 EUR

Jelena Krasnow ist noch keine drei Jahre alt, als man ihren Vater mitten im russischen Winter in der kleinsten Stadt Russlands pfählt. Wir schreiben das Jahr 1905, noch wartet Jelena an der Schwelle des Hauses auf die Heimkehr des Vaters, noch läuft sie mit dem leeren Korb in Händen, um Holz für den Ofen zu holen, als ein Freund auf den Hof gerannt kommt. Atemlos berichtet er von dem Blutbad, das der Mob angerichtet hat: Gepfählt ist nicht nur Viktor Krasnow, ermordet ist auch der Freund, erschossen auch der Arzt, der sie retten wollte – und Jelena Krasnow flieht zum ersten Mal in ihrem Leben. Wenn wir nach 600 Seiten das Buch von Alexander Osang wieder zuschlagen, wird Jelena noch etliche weitere Male geflohen sein und jedes Mal einen Teil ihres Namens verloren haben: Jelena, Elena, Lena – es sind Die Leben der Elena Silber, geborene Krasnow.

Was Alexander Osang hier erzählt, ist weder ein Einzelschicksal noch eine unerhörte Geschichte. Das gesamte 20. Jahrhundert ist eine Geschichte der großen Flüchtlingsströme. Aber wie Osang die Leben der Elena Silber erzählt, das ist tatsächlich großes Kino. Osang möchte nicht experimentell sein, er möchte nichts Außergewöhnliches präsentieren, die Realität selbst ist verworren und tragisch genug, die Frage nach Täter und Opfer nicht immer zu beantworten.

Als Jelena Mitte zwanzig ist, lernt sie den deutschen Ingenieur Robert Silber kennen, der vom stalinistischen Russland angeworben wurde, um die Netzfabrik auf Vordermann zu bringen. Sie verlieben sich, sie heiraten, sie gründen eine Familie. Vom kleinen Fluss Oka, an dem ihr Heimatdorf Gorbatow lag, zieht Jelena weiter an die Wolga, an die Moskwa und an die Newa, hier kommen drei ihrer fünf Mädchen auf die Welt, bevor Jelena – wir schreiben mittlerweile das Jahr 1936 – wieder fliehen muss, und der Fluss in der neuen Heimat heißt Spree. Statt im stalinistischen Russland lebt die Familie nun im faschistischen Deutschland, dem selbst wiederum Tausende entfliehen. Ein weiteres Mal und noch ein weiteres Mal und dann nochmals wird Jelena Silber umziehen und fliehen, von Sorau nach Pirna und schließlich nach Berlin.

Auf der letzten Flucht ist ihr Mann abhanden gekommen, getürmt oder ermordet oder in Kriegsgefangenschaft geraten, niemand weiß es. Von ihren fünf Töchtern hat Elena Silber zwei überlebt, die kleine Anna starb an Tuberkulose, die tapfere Vera brachte sich um. 1947 war sie es noch gewesen, die die Familie vor dem Tod bewahrte, als Jelena nicht mehr weiterwusste: Sie war mit ihren vier Töchtern im Flüchtlingsheim in Pirna untergekommen, das nur ein paar Jahre zuvor noch Tötungsanstalt für „unwertes Leben“ war. Im Keller lagerte noch das Gift, das nun die Odyssee ihrer Familie beenden sollte. Aber hatte Jelena nicht selbst ihr Kindermädchen in Sorau in den sicheren Tod geschickt, als sie sie nach dem Tod der kleinen Anna entließ? Im Wald lag das Frauenlager Christianstadt. Und war nicht der eigene Mann ein Nazi?

Alexander Osang erzählt in großen Abschnitten aus der Perspektive des Enkels Konstantin Stein aus dem Jahr 2017. Stein ist wie schon sein Vater Filmemacher und vergeblich auf der Suche nach Stoff für einen neuen Film. Schon sein Vater stand – noch zu DDR-Zeiten – hinter der Kamera, drehte Tierfilme, denen regelmäßig systemkritische Botschaften angedichtet wurden. Mittlerweile ist er im Pflegeheim, das Gedächtnis dement.

Es sind die großen Themen des 20. Jahrhunderts, die beinahe nebenbei aufgeworfen werden in diesem Roman, der eben deshalb so eindrucksvoll ist, weil er trotz allem großen Kino, das er liefert, eigentlich sehr bescheiden ist: Natürlich, weiß der Erzähler, bleiben die Leben der Elena Silber letztlich ungreifbar.

Ines Lauffer, autorenbuchhandlung marx & co