Buchempfehlung

Edna O’Brien – Die kleinen roten Stühle

Steidl Verlag, 24 €
978-3-95829-369-4

In den kleinen, abgelegenen irischen Ort Cloonoila, der schon mal bessere Tage gesehen hat, kommt ein Fremder. Eine beeindruckende Erscheinung, hochgewachsen, grauhaarig, höflich, gebildet, zurückhaltend. Er wolle sich in dem Ort als Heiler und Sexualtherapeut niederlassen, sagt er. Der Fremde nennt sich Dr. Vladimir Dragan, stammt aus Montenegro und ist, wie der Leser bald erfährt, ein gesuchter Kriegsverbrecher, in dem man unschwer Radovan Karadžić erkennen kann.

Die ahnungslosen Bewohner, besonders die Frauen, sind beeindruckt. Nach und nach geraten alle in seinen Bann. Besonders Fidelma, die in ihrer kinderlos gebliebenen Ehe mit einem älteren Mann unglücklich ist, erliegt Dr. Vlads Charisma, beginnt ein Verhältnis mit ihm und wird schwanger – was in einer so kleinen Gemeinde, trotz aller Vorsicht, nicht unbemerkt bleibt. Eines Tages sind die Reifen von Dr. Vlads Auto zerstochen, die Scheiben eingeschlagen, und auf dem Pflaster findet sich eine obszöne Schmiererei. Bald darauf kommt die Polizei und verhaftet Vlad, und an Fidelmas Tür klingeln drei finstere Gestalten. Danach wird nichts in ihrem Leben so sein wie vorher …

Im zweiten Teil des Buches lebt Fidelma in London. Ihr Kind hat sie verloren, ihr Mann hat sie verstoßen. Sie hat keine feste Bleibe und schlägt sich mit einem schlecht bezahlten, unsicheren Putzjob durch. Die Menschen in ihrer Umgebung sind zumeist Migranten und Illegale, Menschen, die in ihren Herkunftsländern oder auf der Flucht Entsetzliches erlebt haben und die oft nicht wissen, wie es in ihrem Leben weiter gehen soll. Hier, ganz unten angekommen, unter diesen Menschen, findet Fidelma wieder zu sich.

Im Dritten Teil fährt sie nach Den Haag, wo Dr. Vlad am internationalen Gerichtshof der Prozess gemacht wird. Bei einem Besuchstermin im Gefängnis versucht sie zu erzählen, was sie erlebt hat. Aber ihr Gegenüber hört nicht zu. In einer grandiosen Szene zeigt die Autorin einen Menschen, der völlig uneinsichtig in die eigene Schuld ist und sich in seiner Selbstbezogenheit als Opfer begreift.

Edna O’Brien, die große alte Dame der irischen Literatur, hat mit Die kleinen roten Stühle ein beeindruckendes und verstörendes Buch geschrieben. Was im ersten Teil wie das Klischee einer pittoresken irischen Idylle voller skurriler Typen beginnt, geht binnen kurzem weit über das Private hinaus und weitet sich zu einem gesellschaftlichen und politischen Panorama. Das Buch erzählt mit großer sprachlicher Kraft von Liebe und Sehnsucht, von Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit, von gesellschaftlichen Zuständen, in denen der Einzelne nichts zählt, und von Zufallsgemeinschaften, in denen es Wärme und Solidarität gibt. Das ist ganz große Literatur und unbedingt empfehlenswert.

Ruth Roebke, Bochum

Buchempfehlung

Jesmyn Ward

Singt ihr Lebenden

Kunstmann Verlag, 22 €
978-3-95614-224-6

Für eine afroamerikanische Familie, die in Armut an der Golfküste von Mississippi lebt, ist es schwer, sich die Welt zum Freund zu machen. Aber die Großeltern des 13-jährigen Jojo und seiner kleinen Schwester Kayla tun alles, um ihre Enkel für das Leben in einer immer noch in Schwarz und Weiß gespaltenen Gesellschaft zu stärken. Ein bildmächtiger Familienroman, der zugleich ein eindringliches Porträt des amerikanischen Süden zeichnet: große Literatur!

An seinem 13. Geburtstag steht Jojo in aller Frühe mit dem Großvater auf. Sie treten gemeinsam in den kalten, windigen Morgen, lassen das selbst gebaute Haus hinter sich, gehen hin zu den Ställen auf der Lichtung, zu den Tieren. Der Junge weiß, was sein Großvater vorhat. Ein Bock wird zu Ehren des Enkels an diesem Tag sein Leben lassen, und Jojo will dem Großvater zeigen, dass er des Geschenks würdig ist. Er hilft ihm, die Ziege zu schlachten, von innen nach außen zu kehren, die Haut abzuziehen. Irgendwann ist der Gestank dann doch zu mächtig, und Jojo flieht aus dem Schuppen.

Am gleichen Tag ruft Jojos weißer Vater an, nicht um seinem Sohn zum Geburtstag zu gratulieren, sondern um Leonie, seine Frau, und die Kinder zu seiner Freilassung aus dem staatlichen Zuchthaus einzubestellen. Die Fahrt wird eine Tour de force, das zunächst unterschwellige Unbehagen zur konkreten Bedrohung. Und trotzdem siegt am Ende die Hoffnung.

Es sind drei, die diese Geschichte erzählen: die Mutter, der Sohn und ein Junge, der schon lange tot ist und keinen Frieden findet. In ihrer Sprache, in ihren Gedanken wird Vergangenheit und Gegenwart, wird die harte Wirklichkeit, die trockene rote Erde, wird Tod und Verachtung, wird aber auch die übergroße Liebe, die Poesie der Natur und ihre archaische Botschaft so lebendig, dass man sich dem Gesang nicht entziehen kann. In diesem Roman fließen Bilder und Sprache – einer Infusion gleich – auf direktem Weg in Körper, Geist, Herz. Überwältigend!

Susanne Rikl, München

Vorstellung der neuen Zeitschrift Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart

Hannah Peaceman und Micha Brumlik (Hrsg.)

Dienstag 6. März 2018, 20 Uhr

Jalta – Selbstermächtigung. Desintegration. Allianzen

Moderation: Karen Körber

Im Oktober 2017 ist die zweite Ausgabe der Zeitschrift Jalta – Positionen zur Jüdischen Gegenwart mit dem Themenschwerpunkt „Desintegration“ erschienen. Die jüdischen und nicht-jüdischen Autor*innen erkunden die Potentiale einer Gesellschaft der Vielen, die sich über die Vorstellung einer auf Einheit basierenden Gemeinschaft hinwegsetzt.

Zwei der Herausgeber*innen, Micha Brumlik und Hannah Peaceman, stellen Jalta im Kontext der politischen Verhältnisse nach der Bundestagswahl sowie dem Erstarken rechter und faschistoider Bewegungen vor. Sie verorten die Beiträge zur jüdischen Gegenwart und diskutieren vergangene und gegenwärtige Interventionsmöglichkeiten jüdisch-postmigrantischer Allianzen.

Hannah Peaceman studierte Philosophie, Politikwissenschaften und Gender Studies in Marburg, London, Frankfurt und Jena. Sie promoviert am Max-Weber-Kolleg in Erfurt. Von 2010 bis 2016 war sie Stipendiatin des Ernst-Ludwig-Ehrlich Studienwerks (ELES).

Micha Brumlik ist emeritierter Professor am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt am Main. Von 2000 bis 2005 war er Leiter des Fritz Bauer Instituts. Seit 2013 ist er Senior Professor am Zentrum Jüdische Studien Berlin/Brandenburg in Berlin.

Karen Körber, promovierte Soziologin, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Akademie der Weltreligionen der Universität Hamburg. 2012-14 war sie die erste Fellow am jüdischen Museum Berlin. Forschung und Publikationen zu jüdischer Diaspora, Migration und Transnationalisierung.

 

Buchempfehlung – Gert Loschütz „Ein schönes Paar“

Schöffling Verlag 22€

Die Haushaltshilfe des Vaters ruft an, er ist gestorben. Gerade mal vier Wochen später kommt der Anruf aus dem Altersheim, in dem die Mutter die letzten Jahre verbrachte. Überraschend ist auch sie gestorben.

Beim Sichten der Hinterlassenschaften findet der Sohn Fotos, tauchen Erinnerungen auf. Scheinbar distanziert, fast kriminologisch genau schaut er zurück und betrachtet die Spuren des Lebens dieses einstmals so schönen Paares.

Seine Betroffenheit wird deutlich in der Beharrlichkeit, mit der er der Geschichte seiner Eltern nachgeht. Ihre Liebesgeschichte hatte trotz des Krieges verheißungsvoll begonnen. Aber dann hatten sich die Eltern bald, nachdem sie in den Westen gekommen waren, getrennt. Er, der Junge, war bei Georg, dem Vater, geblieben. Die Mutter, Herta, war von einem Tag auf den anderen verschwunden. Wann hatte das Unglück angefangen? 1956 nach dem Aufstand in Ungarn hatten die Eltern beschlossen, in den Westen zu gehen, solange es noch ging, und alles Erreichte, Freunde und Familie zu verlassen, um noch einmal von vorne zu beginnen. Während Georg vorausfuhr, setzte Herta das Ersparte in eine Kamera um. Denn die könne man bestimmt im Westen gut wieder verkaufen, so zumindest der Plan.

Der Neubeginn war schwierig. Und der Verkauf der Ostkamera im Westen stellte sich als unmöglich heraus. Um Herta zu demonstrieren, dass sie keinen Fehler gemacht hatte, der Kauf der Kamera doch richtig gewesen war, „lieh“ Georg sich, heimlich, wie er sich wohl dachte, das Geld von seiner Firma. Nun war die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten.

Der Vater wurde zwar in der Öffentlichkeit rehabilitiert. Aber Georg und Herta waren, um sich gegenseitig zu schützen, beide aus Liebe schuldig geworden. Gleichzeitig aber hatten sie sich damit auch der gegenseitigen Verachtung ausgesetzt. So konnten sie nicht mehr zusammenleben, konnten sich nur noch trennen. Und wie lebt es sich ohne den geliebten Menschen? Die Geschichte des schönen Paares ist eine Geschichte über den Verlust der Vorstellung eines möglichen Gelingens.

Gert Loschütz beschreibt hier akribisch die sichtbare Oberfläche eines funktionierenden Alltags, auf der sich die Strudel im Untergrund doch abzeichnen. Der Roman bezieht seine Spannung aus der Tiefenwahrnehmung und ihrer Spiegelung an der Oberfläche sowie ihrer Darstellung in einer genauen und schnörkellosen Sprache. Meisterhaft!

Mation Victor, Frankfurt am Main

Nachrichten aus dem gelobten Land – Die Briefe der Anuta Sakheim

weissbooks, 14.- €

Buchvorstellung und Lesung

Montag, 5. Februar 2018, 20 Uhr

Lesung der Briefe: Alice von Lindenau

Einführung: Prof. DW Dreysse, Architekt und Mitglied der Initiative 9. November

Im April 1933 flieht die junge Frankfurter Witwe Anuta Sakheim mit ihrem kleinen Sohn Ruben nach Palästina. Im fremden Land, dessen Sprache sie nicht spricht, kauft sie von ihrem letzten Geld ein Auto – und verdient als erste Taxifahrerin in Tel Aviv ihren Lebensunterhalt. Zeit für Ruben bleibt ihr kaum. Um schließlich dem inzwischen Fünfzehnjährigen eine Zukunft zu ermöglichen, schickt sie ihn schweren Herzens 1938 zu ihrer Schwägerin nach New York. Es wird ein Abschied für immer. Einsam und mittellos nimmt sich Anuta Sakheim im Juli 1939 das Leben.

Ihr Sohn, heute 94 Jahre alt, schreibt: „Wenn wir in Deutschland geblieben wären, wäre ich 1943 zwanzig Jahre alt gewesen. Das war gerade das richtige Alter, um in ein KZ wie Auschwitz geschickt zu werden. Dieses Schicksal hat mir meine liebe und weitsichtige Mutter erspart.“

Anutas Briefe berichten von ihren Sorgen, ihrem Alltag im fremden Land und von der Sehnsucht nach ihrem Sohn sowie von der immer gefährlicher werdenden Lage in Palästina. Herausgegeben wurden die Briefe von Katharina Pennoyer und der Initiative 9. November.

Die Initiative 9. November e. V. gründete sich 1988, um die jüdische Vorgeschichte des Hochbunkers an der Friedberger Anlage zu erschließen. An dieser Stelle hatte die Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft gestanden, die 1938 von den Nazis zerstört und danach mit dem Hochbunker überbaut worden war.

Alice von Lindenau, Schauspielerin, geboren 1983,  Engagements zuletzt beim Schauspiel Frankfurt und den Burgfestspielen Bad Vilbel, Publikumspreis der Schauspielbühnen Stuttgart für die beliebteste Schauspielerin 2012/13 als “Effi Briest”.

Buchempfehlung

Manja Präkels

Als ich mir Hitler Schnapskirschen aß

Verbrecher Verlag, 20 €
978-3-95732-272-2

Der vieldiskutierte Roman von Manja Präkels thematisiert ein von der breiten Öffentlichkeit vielfach verleugnetes oder bestenfalls unbeachtetes Phänomen: die Erstarkung rechtsradikaler, neonazistischer Gruppen in Deutschland nach der Wende. Angelehnt an ihre eigenen Erfahrungen aus ihrer Jugend in der ostdeutschen Provinz in den frühen 90er Jahren, verdeutlicht dieser Roman, wieso Phänomene wie PeGiDa und AfD für Präkels keineswegs überraschend sind. Bei aller politischen Brisanz gelingt der Journalistin jedoch darüber hinaus ein literarisch gelungenes Debüt.

Was geschieht, wenn man nach langer Abwesenheit an den Ort seiner Kindheit und Jugend zurückkehrt? Und wenn dieser Ort nicht Unbeschwertheit oder Geborgenheit vermittelt, sondern Angst? Wenn man nach Jahren des Exils zurückkommt und Hitler einem mit einem Mal wieder als der alte Schulfreund erscheint, der er einmal war?

Früher sind Oliver und Mimi oft zusammen angeln gegangen. Obwohl sie wenig miteinander gesprochen haben, bestand doch eine Freundschaft zwischen ihnen. Dann kam die Wende, und aus Oliver wurde Hitler, Anführer einer von zahlreichen Neonazigruppen, die zu dieser Zeit die Kontrolle über das soziale Leben übernahmen, wie Mimi ihre Erinnerungen beschreibt. In ihrer Rückschau auf die Ereignisse, wird der Protagonistin klar, dass diese frühe Freundschaft zu Hitler/Oliver ihr das Leben gerettet haben könnte. Denn mit dem Erstarken der Neonazis wurden sie und ihre Freunde, die „Zecken“, zu Gejagten. Denn der Einfluss der Rechten auf die Gesellschaft scheint übermächtig und allgegenwärtig und wird doch, auch damals schon, totgeschwiegen. Nazis stürmen Diskotheken und Kneipen, die “Zecken” werden verfolgt und verprügelt. Ein Freund überlebt einen dieser Überfälle nicht. Die Täter werden freigesprochen, die Angst wächst, die Übergriffe werden häufiger. Von ihrer Familie wird Mimi Verfolgungswahn vorgeworfen, alles Einbildung, Übertreibung. Es folgt die Flucht nach Berlin, doch der Neuanfang, den die Großstadt verspricht, bleibt aus.

Manja Präkels, die sich mit neonazistischen Gruppierungen und Strömungen auch in ihrer journalistischen Tätigkeit beschäftigt und hier auch ein Stück weit ihre eigene Biografie verarbeitet, schreibt mit einer ungeheuren Sachkenntnis. Dabei gelingt es ihr wie wenigen ihrer journalistischen KollegInnen, sich auf die literarische Form des Romans einzulassen. Durch ihren direkten Erzählstil überträgt sich die beklemmende Stimmung auf die Leserin und sorgt dafür, dass das Buch einen lange beschäftigt.

In Deutschland, in den neuen Bundesländern wie in den alten, wurde und wird rechte Gewalt systematisch geleugnet oder kleingeredet. Mit ihrem Roman wie mit ihrer journalistischen Arbeit leistet Manja Präkels einen wichtigen Beitrag zur Debatte.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co. Frankfurt

Buchempfehlung – Arno Geiger „Unter der Drachenwand“

Hanser Verlag 26€

Ein junger Soldat kehrt schwer verwundet von der Ostfront zurück, wird in einem saarländischen Lazarett aufgepäppelt und dann zur Rekonvaleszenz in die Heimat geschickt. Im Wiener Elternhaus hält er es nicht lange aus: Die Dinge scheinen in keinerlei Beziehung mehr zu ihm zu stehen, der Krieg hat sämtliche Verbindungen gekappt, und die tumben Durchhalteparolen des Vaters, der sich wie so viele Daheimgebliebene verzweifelt an die Idee des Endsiegs klammert, sind nach fünf ernüchternden Frontjahren purer Hohn. Also beschließt Veit Kolbe, Protagonist des neuen Romans von Arno Geiger, die Flucht aufs Land, nach Mondsee – einem kleinen, malerischen Ort im Salzkammergut –, um in ländlicher Abgeschiedenheit zu genesen und dem Krieg vielleicht endgültig zu entkommen.

Es heißt, dass Krieg immer mehr ist, als das, was an der Front zwischen Granattrichtern und rattenverseuchten Unterständen stattfindet. Und dass gerade das Grauen etwas ist, das sich nicht auf das Schlachtfeld begrenzen lässt. Krieg ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, unter dem alle gleichermaßen leiden – und doch jeder für sich.

Vor der Folie des idyllischen Örtchens Mondsee entfaltet Arno Geiger ein mehrstimmiges und vielschichtiges Panorama des Lebens der von der Front Verschonten: Da ist, neben dem seelisch zerrütteten Soldaten Veit Kolbe, eine junge Frau, die auf ihren im Feld stehenden Ehemann wartet und von ihrer Mutter mit Nachrichten aus dem ausgebombten Darmstadt versorgt wird. Da ist die Lehrerin aus Wien, die mit einer Horde Jungmädel an den Mondsee verschickt wurde und der eines der Mädchen verloren geht. Da ist der gärtnernde Brasilianer, der Orchideen und Tomaten züchtet und der sich als unverbesserlicher Freidenker in größte Schwierigkeiten bringt. Und schließlich ist da die jüdische Kleinfamilie, die vor dem immer weiter um sich greifenden Rassenwahn von Wien nach Budapest flieht und schließlich auseinandergerissen wird.

All diese unterschiedlichen Schicksale – die teilweise, wie im Falle Veit Kolbes oder des jüdischen Familienvaters, in Brief- bzw. Tagebuchform eine eigene Stimme bekommen, teilweise aber nur in den Berichten der Schreibenden abgebildet werden –, sind fein und mit großer Sensibilität ausgearbeitet. Jede Geschichte wird spannungsvoll erzählt: Die Hoffnungen, die Ängste und die Verzweiflung der Figuren werden durch die Wahl der Erzählform zur äußersten Plastizität gebracht: Das drängende Telegrammstil-Stakkato der Briefe aus dem zerstörten Darmstadt wird von den geschliffenen Sätzen aus den Briefen des jüdischen Vaters kontrastiert, die feinen Beobachtungen und präzisen Beschreibungen in Veit Kolbes Tagebucheinträgen von den immer verzweifelter werdenden Liebesbriefen des Wiener Pennälers. Jede erzählende Figur hat ihren eigenen Duktus, ihre ganz eigene Geschichte, und jede Figur ist mit ihrem Leid – und ihrem Schreiben darüber – gewissermaßen allein. Und doch sind alle Geschichten miteinander verwoben, die Figuren tauchen in den Erzählungen der anderen auf, der einen Perspektive wird die andere beigestellt.

Eine große Leistung dieses Romans besteht aber darin, einen erschütternden Querschnitt durch die Kriegsgesellschaft der Jahre 44 bis 45 zu präsentieren: Keines der in diesem Buch ausgestalteten Schicksale ist einzigartig. Ein jedes könnte exemplarisch für eine ganze Bevölkerungsschicht stehen, ein jedes ist – mit allem grauenhaften Leid, mit aller überschwänglichen Hoffnung, mit allem Mut – Ausdruck einer Kriegsrealität, die zur damaligen Zeit auf verstörende Art und Weise „Normalität“ gewesen ist.

Arno Geiger schreibt hier ein Buch über den Krieg, über den anderen Krieg, der fernab der Front wie ein leises Gift in die Gesellschaft und in die zwischenmenschlichen Beziehungen einsickert, der Verbindungen zerreißt und kommunikative Brücken zerstört, der aber auch Hoffnungen auf ein baldiges Ende, auf den guten Ausgang schürt.

Unter der Drachenwand ist ein wohlkonzipierter, großartig geschriebener Roman, der spannungsreich und – trotz beinahe lyrischer Passagen – voller Tempo einen einfühlsamen und kaleidoskopischen Blick auf die Gesellschaft der letzten Kriegsjahre wirft.

Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Memoirs schreiben – Maggie Nelsons „Die Argonauten“

Hanser Berlin Verlag, 20 €

Der Übersetzer Jan Wilm im Gespräch mit Hanna Engelmeier

Montag, 22. Januar 2018, 20 Uhr

Maggie Nelsons Die Argonauten wurde in den USA zu einem der meist diskutierten Bücher des Jahres 2015. Als Genre-Mix aus Memoir, Essay und Gender-Theorie erzählt die Autorin darin von ihrer Liebe zu Harry Dodge, der als Frau geboren wurde und nun eine Geschlechtsumwandlung durchläuft – zur selben Zeit als Maggie schwanger wird.

In Die Argonauten begibt sich Nelson auf die Suche nach einer Sprache der queeren Liebe und nach einer Ausdrucksform für Mutterschaft und Sex in Zeiten, die einerseits liberal und progressiv, anderseits von Konservatismus und Eingrenzung gezeichnet sind. Im Beschreiben ihrer eigenen Erfahrung und ihres eigenen Denkens findet Nelson eine ganz eigene Form, die besonders in den US-Medien die Rede von einem „neuen Zeitalter des Memoir“ befeuerte.

Doch haben wir es wirklich mit einer neuen Gattung zu tun? Welche Möglichkeiten fürs Denken über das Memoir bietet Die Argonauten? Und welche Möglichkeiten fürs Schreiben stiftet die Memoir-Gattung, welche Veränderung in Schreib- und Lese-Szenen sind daran auszumachen?

Hanna Engelmeier, Dr. phil., ist Kulturwissenschaftlerin und Autorin. Sie arbeitet im Kolleg „Schreibszene Frankfurt. Poetik, Publizistik und Performanz von Gegenwartsliteratur“ an der Goethe-Universität Frankfurt. Literarische Texte und Rezensionen von ihr sind unter anderem in die tageszeitung, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, manuskripte, DIE ZEIT und vor allem im Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken erschienen.

Jan Wilm, Dr. phil., ist Literaturwissenschaftler an der Goethe-Universität Frankfurt, Literaturkritiker und Übersetzer. Zuletzt erschienen The Slow Philosophy of J. M. Coetzee (Bloomsbury, 2016) sowie Beyond the Ancient Quarrel: J. M. Coetzee and Philosophy (mit Patrick Hayes; Oxford University Press, 2017). Seine Literaturkritiken erscheinen unter anderem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Neuen Zürcher Zeitung und dem Times Literary Supplement. Sein Blog ist zu finden unter www.wilmvorlesungen.de

Buchempfehlung – Yaa Gyasi „Heimkehren“

Dumont Verlag 22€

Neben dem in diesem Herbst überall besprochenen Roman von Colson Whitehead, der über den grausamen Umgang mit afrikanischen Sklaven in Amerika und über die Underground Railroad schreibt, ist ein weiterer aktueller Titel mit ähnlicher Thematik ausgesprochen lesenswert.

Die 1989 in Ghana geborene und in den USA aufgewachsene Yaa Gyasi verwebt in ihrem Roman Heimkehren auf packende Weise unterschiedliche Lebensgeschichten aus verschiedenen Epochen miteinander. Im Verlauf des Buches klingt am Rande immer wieder an, dass es sich um die verzweigte Familiengeschichte zweier Halbschwestern handelt, die im 18. Jahrhundert an der Goldküste Westafrikas geboren wurden, einander nie kennenlernten und deren Leben höchst unterschiedlich verlief.

Effias Eltern verkauften ihre Tochter zur Zwangsheirat an einen britischen Sklavenhändler. Esi hingegen wurde von Sklavenjägern geraubt, wie ein Tier gehandelt, verkauft, verschifft und landete als Eigentum eines gnadenlosen Gutsbesitzers auf den Baumwollfeldern im Süden der USA. Das unsägliche Leid der entwurzelten Menschen, die zu Arbeits- und Brutmaschinen degradiert, ausgebeutet und oft genug zum Vergnügen zu Tode gequält wurden, schockiert und berührt zutiefst.

„Amerika ist nicht das einzige Land, in dem es Sklaverei gibt. (…) Diese Art von Sklaverei gibt es bei uns aber nicht.“ sagt ein Ghanaer zu seinem Sohn an einer späteren Stelle des Romans. Diese Beobachtung fasst zusammen, dass das Schicksal, das die afrikanischen Sklaven in den USA erleiden mussten, oft von besonderer Grausamkeit war.

Gyasi geleitet uns sprachlich packend durch die Jahrzehnte, mäandert zwischen dem amerikanischen und afrikanischen Kontinent. Sie lässt uns eintauchen in das Leben der Kinder und Kindeskinder von Effia und Esi. Es fällt überhaupt nicht schwer, sich dem wunderbaren Erzählstrom hinzugeben, der trotz zeitlich eher schlaglichtartiger Einblicke in verschiedenste Lebensgeschichten eine große Nähe zu den Personen zulässt. Immer dann, wenn ein neues Kapitel, überschrieben mit einem neuen Namen, beginnt, kann man einen orientierenden Blick auf den Stammbaum im Anhang werfen. So weiß man jederzeit, auf welcher Zeitebene und in welchem Zweig der Familie man sich befindet. Gyasis Figuren sind zutiefst menschlich in ihrer Verletzbarkeit, Verzweiflung und Leidenschaft und kommen ohne Pathos aus.

Neben einer Berichtigung und Ergänzung kontinentaler Geschichtsschreibung bietet Heimkehren tiefe Einblicke in afrikanische Gesellschaftsstrukturen, ethnische Konflikte in der Zeit des florierenden Sklavenhandels an der Goldküste und in die besonderen familiären Zwänge traditioneller und teilweise polygamer Kulturen. Es geht aber auch um die viel universellere Feststellung, wie sehr unsere Herkunft, unsere Familiengeschichte und natürlich unsere Hautfarbe uns prägen. Bei aller Stärke, Durchsetzungskraft, Erkenntnis und Weisheit, der wir an vielen Stellen des Romans begegnen, gibt es doch keine Möglichkeit, sich der Geschichte zu entziehen. Wie eingeschrieben in die Gene tauchen Familienthemen bei Enkeln und Urenkeln nur scheinbar aus dem Nichts wieder auf.

Wenn es nicht so abgegriffen klänge, müsste man von großer Erzählkunst sprechen, an der uns die junge Ghanaerin Yaa Gyasi hier teilhaben lässt. Heimkehren steht Whiteheads prämierter Underground Railroad in nichts nach. Es ist ein großes Buch über Amerikas Geschichte, deren lange Schatten bis heute nachwirken und von erschütternder Aktualität sind.

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Ein Rentier kommt selten allein! – Adventslesung für Kinder ab 6 Jahren

Samstag, 2. Dezember um 17 Uhr

Weihnachten kommt immer zu schnell und ist immer zu schnell vorbei! Nur bei Lars und Lotte ist es dieses Jahr anders, denn der Weihnachtsmann kommt erst ein bisschen zu spät und dann bleibt er gleich für ein ganzes Jahr – mitsamt seinem Schlitten in der Garage und den Rentieren im Garten. Aber PSST, das ist alles ganz geheim, niemand darf davon erfahren. Gar nicht so einfach, wenn der Weihnachtsmann immer so laut lacht und Quatsch macht. Und dann kommen auch noch die Weihnachtswichtel, die das Haus endgültig auf den Kopf stellen, denn sie müssen alle Geschenke ausführlich testen. Nur zu blöd, dass man die Wichtel nie sehen kann – sie sind zu klein, zu schnell und sie kommen immer nur in der Nacht. Ein Plan muss her, denken sich Lars und sein Freund Magnus. Ob der gelingt?

Wir lesen aus:
Ein Rentier kommt selten allein
von Friedbert Stohner 
dtv Reihe Hanser | 12,95 €

 

Betriebsblind und arbeitshörig – Psychische Erkrankungen in Arbeit und Therapie

Transcript, 29,99€

Ute Engelbach, Sabine Flick und Stephan Voswinkel im Gespräch

Montag, 13. November 2017, 20 Uhr

Prismen – Institut für Sozialforschung bei Marx & Co

Seit Jahren nimmt die Zahl psychischer Erkrankungen zu. Ursachen sind nicht zuletzt in der Arbeitswelt zu finden. Das Stichwort »Burnout« ist ein zeitdiagnostischer Marker einer gesellschaftlichen Problematik. Oft aber bleibt unklar, wie Belastungen in der Arbeit und psychische Erkrankungen zusammenhängen. Allgemeine Hinweise auf Anforderungen der modernen Gesellschaft (»Der Kapitalismus / die moderne Arbeitswelt / macht krank«) stehen unvermittelt individualisierenden Lösungen gegenüber: besseres Stressmanagement, Sich-Abgrenzen-Lernen.

Eine am Institut für Sozialforschung und am Sigmund-Freud-Institut Frankfurt a.M. durchgeführte Untersuchung zeigt an empirischen Fällen, wie Arbeitsbedingungen und persönliche Vulnerabilitäten zusammenwirken. 23 psychisch Erkrankte wurden in jeweils mehrstündigen Gesprächen zu Beginn und am Ende ihres Klinikaufenthaltes sowie mehrere Monate nach Verlassen der Klinik interviewt. Mit ihren Therapeut_ innen wurden ebenfalls umfangreiche Gespräche geführt und Interviews mit betrieblichen Expert_innen ergänzten die Empirie. Welche Arbeitssituationen sind psychisch gefährdend? Wie geht das betriebliche Umfeld damit um? Wie deuten die Betroffenen selbst ihre Krankheit und ihre Ursachen? Welche Bedeutung hat die Arbeit in den Therapien? Neigen Therapeut_innen dazu, die Arbeitswelt zu dethematisieren? Wie erklärt sich der individualisierende Umgang mit der Erkrankung trotz verallgemeinernder Zeitdiagnose? Fazit: Wenn Arbeitssituationen krank machen, reicht es nicht, nur die Erkrankten zu therapieren!

Ute Engelbach, Dr. med. Dipl.-Päd., ist Oberärztin des Bereichs Psychosomatik der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Frankfurt. Dort leitet sie den Essstörungsschwerpunkt und den psychosomatischen Konsildienst. Arbeitsschwerpunkte sind Psychosomatik und Diabetes/HIV sowie Forschung zu psychischen Erkrankungen im Zusammenhang mit Erwerbsarbeit.

Sabine Flick, Dr. phil., ist Soziologin an der Goethe-Universität und assoziierte Wissenschaftlerin am Institut für Sozialforschung. Nach einer arbeitssoziologischen Dissertation über Selbstsorge in entgrenzter Arbeit, forscht sie im Kontext verschiedener Projekte zum Gesellschaftsbegriff der Psychotherapie. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählen Medizinsoziologie, Soziologie der Freundschaft, Familien- und Geschlechtersoziologie.

Stephan Voswinkel, PD Dr. disc. pol., ist Soziologe am Institut für Sozialforschung und Privatdozent am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität. Derzeit ist er Vertretungsprofessor für Allgemeine Soziologie an der TU Darmstadt. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen die Soziologie der Anerkennung, prekäre Beschäftigung, Ansprüche an Arbeit und psychosoziale Gefährdungen in der Arbeit.

Die Ergebnisse des Projekts sind kürzlich als Buch erschienen:

Nora Alsdorf, Ute Engelbach, Sabine Flick, Rolf Haubl und Stephan Voswinkel: Psychische Erkrankungen in der Arbeitswelt. Analysen und Ansätze zur therapeutischen und betrieblichen Bewältigung. Bielefeld: transcript 2017.