Was wird denn hier so gelesen? Eine Buchempfehlung!

Margriet de Moor
Der Maler und das Mädchen. Roman
Übersetzt aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen
304 Seiten, Fester Einband
€ 19,90 (D)

Zwei Lebensgeschichten verknüpft Margriet de Moor in ihrem neuen Roman: Die des sechzigjährigen Malers (Rembrandt) und die der achtzehnjährigen Mörderin Elsje Christiaens.

An einem Maimorgen verlässt der Maler sein Haus, läuft durch die Straßen, kauft Farben ein. Eingebettet in den Tagesablauf erzählt Margriet de Moor seine Geschichte. Den Gipfel seiner Berühmtheit hat er weit überschritten, sein großes Haus und das Mobiliar sind versteigert worden, und seine geliebte zweite Frau ist an der Pest gestorben. Er lebt mit seinem Sohn in einer bescheidenen Unterkunft, aber er ist nicht unzufrieden. Mit jedem neuen Bild wagt er sich weiter vor zu einem neuen Verständnis des Lichts. Im Moment arbeitet er an dem Portrait zweier Liebenden. Dass sein künstlerischer Weg bei seinen Käufern zunehmend auf weniger Verständnis stößt, berührt ihn wenig, er findet Ruhe und Kraft in seiner Arbeit.

Parallel dazu erzählt Moor das kurze Leben des Mädchens Elsje. Aufgewachsen in Dänemark, folgt sie der älteren Stiefschwester, die zum Arbeiten nach Holland gegangen ist, nach Amsterdam, ohne zu wissen, wie sie sie dort finden kann. Im Gegensatz zum langen und erfüllten Leben des Malers erfahren wir nur von vierzehn Tagen aus Elsjes Leben: es sind die Tage ihrer abenteuerlichen Reise und der Ankunft in Amsterdam. Dort sucht sie ihre Schwester, wohnt in einer zweifelhaften Unterkunft, und als ihr Geld aufgebraucht ist, kommt es zum Streit mit ihrer Vermieterin. Elsje nimmt eine herumliegende Axt und erschlägt die Frau. Sie wird verhaftet. Im Prozess kann sie weder ein Motiv für die Tat angeben, noch zeigt sie Reue. Das Urteil lautet auf Tod durch Erdrosseln und öffentliches Ausstellen des Leichnams.
Beide Erzählungen laufen nebeneinander her, aber berühren sich doch. Wo der Maler über Licht, Farben und ihre Wirkung nachdenkt, strahlen die Winterlandschaft, die Menschen und das Meer in den Schilderungen von Elsjes Reise, als sähe man Bilder aus dem siebzehnten Jahrhundert. Diese Passagen sind die schönsten und heitersten im Roman, vielleicht gerade deshalb, weil der Leser um das traurige Ende weiß.  
Margriet de Moor ist keine allwissende Erzählerin und taucht auch nicht mir Haut und Haar ins Zeitkolorit des 17. Jahrhunderts ein. In der Beschreibung der Bilder und ihrer Wirkung ist sie als heutige Betrachterin präsent. Und so wenig sie uns schlüssige Gründe dafür liefert, warum Elsje so zielstrebig in ihr Verderben reist, liefert sie Motive dafür, warum der Maler sich am Abend zu der Insel fahren lässt, wo Elsjes Leichnam an einem Pfahl gebunden hängt, um dort zwei kleine Zeichnungen von ihr anzufertigen, die unter dem Titel „Mädchen, an einem Galgen hängend“ heute im Museum zu betrachten sind.
„Das Mädchen und der Maler“ ist ein ruhiges, sanftes und melancholisches Buch. Neben den Hauptsträngen der Erzählung erfährt der Leser viel über das alltägliche Leben in der Rembrandtzeit. Über Kunst und über Liebe, Seuchen und Tod, Träume, Mut und Scheitern. Margriet de Moor gelingt es ganz wunderbar, den Leser in  den Bann ihrer Geschichte zu ziehen.
 
Ruth Roebke
 
 
Zusätzliche Informationen zu Margriet de Moor finden Sie über die Website des Hanser Verlags.

 

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