Alle Hebel haben wir in Bewegung gesetzt, keine Kosten gescheut, um Euch endlich einen roten Teppich auszurollen!
Wenn die Absperrungen erst einmal weggeräumt (spätestens am Freitag) und die Bauarbeiten beendet sind, werdet Ihr sehen, dass am Ende des steinigen Weges, doch eine Art Sterne im Grüneburgweg funkeln: Wir haben jetzt zwei kostenlose Kurzzeitparkplätze direkt vor dem Laden und wunderbare Fahrradständer. Fahrräder und Autos dürfen diese neu entstandene Fahrradstraße gleichermaßen befahren, so dass Ihr die großen Bücherstapel natürlich wie gewohnt auch mit dem Auto abholen könnt.
Die Lebensqualität unseres Viertels wird also zukünftig nur besser und wir freuen uns auf Euch, egal ob Ihr zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit der Kutsche, dem Moped oder dem Auto kommen wollt!
Für Kindergarten- und Grundschulkinder gibt es noch ein Mal in diesem Sommer ein Bücherpicknick: Mittwoch, den 24. August um 10 Uhr.
In vier Texten widmet sich die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Hanna Engelmeier dem Thema Trost.
Die hier versammelten Essays führen deutlich die Stärke dieser wieder
beliebter werdenden Textform vor: Engelmeier verbindet kunstvoll und
unterhaltsam textgenaue Betrachtungen, etwa von David Foster Wallace,
mit assoziativen Sprüngen und herausfordernden Parallelisierungen. Eines
der eindrücklichsten Beispiele dafür ist der letzte Text, der Adornos
Kulturpessimismus und die notwendige Trostlosigkeit (im Wortsinn) nach
Ausschwitz mit historischen, biographischen (Adorno) und persönlichen
Betrachtungen zum Speiseeis kombiniert. „Kritische Theorie ohne Hörnchen
ist in allererster Linie: angebracht. Mit einem Hörnchen in der Hand,
das man nicht weglegen oder aufessen möchte, schreibt und kämpft es sich
schlecht“, so schreibt Engelmeier selbst ihren Text kommentierend und
davor zurückschreckend wie unakademisch und unterhaltsam zuvor das Sujet
der privaten Kosenamen der Adornos behandelt wurde. Man muss sich
hingegen weder für diese noch für Adornos Diabetes interessieren – wenn
man es aber tut, erfährt man allerdings einiges –, um Engelmeiers Stil
zu genießen. Aus einem breiten Wissens- und Kenntnisschatz schöpfend,
der Pop- und Hochkultur gemeinsam umfasst, entsteht das Bild eines
jungen Intellektualismus, der das bürgerliche Privileg einer
geisteswissenschaftlichen Ausbildung nicht verleugnet: „Alles, was ich
erzählen kann, handelt davon, dass es für all das hier ja doch gereicht
hat, für all das, was an Studium und Zeit für Lektüre in diesem Text
steht und steckt.“ Engelmeiers starke Aufmerksamkeit für die
Persönlichkeit eines Textes, für dessen Eigensinn und Stil, bricht den
Universalitätsanspruch des Bildungsbürgerlichen ebenso kritisch auf wie
die Komposition ihrer Sujets. Gibt es also doch einen Weg aus dem
Elfenbeinturm?
Man muss nicht allen Betrachtungen zustimmen, um den Spaß
am genauen Denken und gezieltem Ausbrechen mit der Autorin teilen zu
können. Der Trost ist dabei für mich weniger ein Gefühl, das der Text
vermittelt, als ein Textgegenstand, an dem sich große wie kleine Wellen
brechen: das Murmeln eines Gebets kann wohl tröstlich sein, aber trösten
können auch kleine bunte Dinos auf einem Pflaster. Die Setzung des
Trostes als gemeinsames Thema betont, dass dem Persönlichen und
Affektiven im semi-theoretischen Schreiben des Essays ein zentraler
Platz zugeordnet werden kann, ohne dass sie von selbstkasteiender
Autofiktion und dem Willen zur ratgebenden Selbstheilung angetrieben
werden muss.
Wir verlieren einen großen Lyriker, einen Freund und ein Gründungsmitglied der Autorenbuchhandlung. Er ist uns bis zuletzt verbunden geblieben und bleibt immer ein Teil der Autorenbuchhandlung.
post mortem es wär nur ein moment daß alle die dich kannten in einem sonnenschein stünden der sofort vergeht für die ewigkeit zu spät: nicht ausgekehrt nicht umgekehrt (da doch der dünne schatten nie vergeht der einmal aus dem herz gekehrt) franz mon
Es begann mit den Tieren. Erst danach drang tief aus der
Erde jenes Geräusch hervor, das drohend wie ein Bergrutsch klang. Doch
begonnen hat alles mit den Tieren.
Der 6. Mai 1976 war ein ausgesprochen heißer Tag im
norditalienischen Friaul. Die Sonne brannte auf das Tal hinab, das Gras
stand hoch und trocken auf den Wiesen, während der Gipfel des Monte
Canin, ein steilaufragendes Kalksteinmassiv in den Julischen Alpen, noch
immer von Schnee bedeckt war. Am Morgen war auf der einzigen
Zufahrtsstraße zum Dorf eine überfahrene Carbon entdeckt worden, eine
schwarze Schlangenart, die in der Gegend heimisch ist – und später
wollen viele ein schlechtes Omen darin gesehen haben.
Alle Hunde im Dorf verhielten sich den Tag über unruhig
und bellten, selbst die Ziegen gaben sich störrisch, und die Vögel
schrien, als läge eine seltsame Vorahnung in der Luft. Allein die
Mauersegler, die gewöhnlich zum Abend hin auftauchten, waren mit einem
Mal verschwunden.
Mit der Dämmerung zog überraschend Wind auf, empfindlich
kalter Wind, der von den Bergen blies. Und da, im rasch einsetzenden
Dunkel, begann es, dieses Geräusch, il rombo, jenes tiefe,
rollende Dröhnen, das aus dem Erdreich drang und allmählich zu einem
derartigen Lärmen anschwoll, dass man, wie manche sich später erinnern
würden, meinen konnte, der Berg stürze herab.
Kurz darauf tat sich die Erde auf. Ein Beben riss einen
Spalt durch die Straße, ließ Mauern und Firste nachgeben, Menschen
stürzten aus ihren Häusern, schrien Hilferufe oder die Namen ihrer
Lieben in die Nacht hinaus, und erst Tage und Wochen später, nachdem
zahlreiche Opfer zu beklagen waren, sollte sich die Erde wieder
beruhigen. Und auch die Mauersegler kehrten zurück.
In ihrem neuen Roman Rombo verbindet die Autorin
Esther Kinsky die Darstellung einzigartiger Naturgewalten mit
Landschaftsbeschreibungen sowie den persönlichen Erinnerungen einer
Handvoll Menschen, die sich auf teils völlig unterschiedliche Weise an
die Geschehnisse von damals erinnern – oder diese zu verdrängen suchen,
da, wie sich eine Person ausdrückt, das Vergessen-Können zuweilen
erstrebenswerter sei.
Keines der drei Themen steht dabei für sich, alles ist
auf gelungene Weise miteinander verflochten und die Wahl der Sprache,
die Esther Kinsky für ihre Zusammenschau ausgewählt hat, mutet auf den
ersten Blick nüchtern und beinahe ausdruckslos an, vermittelt jedoch
genau den richtigen Klang und liest sich in einer einzigartigen
Kurzweil. Man muss sich daher hüten, auch wenn es schwer fällt, nicht zu
schnell zu lesen, denn bereits nach wenigen Kapiteln findet man sich
als Leserin und Leser gefangen in dieser überwältigenden, archaisch
anmutenden Welt, die die Autorin heraufbeschwört.
Droschl Verlag 23 € Ausgezeichnet mit dem Leipziger Buchpreis 2022
Im ersten Teil des Romans wird Tomer Gardi von dem
Intendanten eines großen deutschen Theaters und dessen ebenso deutschen
Schäferhund durch einen Wald gehetzt. Eigentlich hatten beide zusammen
einen Tag auf der Yacht verbringen wollen: ein Missverständnis, ein
Wortspiel. Die Yacht verwandelt sich in eine Jagd, der geladene Gast
Tomer wird wie selbstverständlich vom Freund zum Beutetier. Das
antisemitische Mordvorhaben entpuppt sich als die wahre Bedeutung des
Geschehens, und das Allegorische, Homonyme und Symbolische gewinnt die
Überhand. Das gewährt Gardi (als Autor) die Möglichkeit, alle Register
seines überdrehenden, halsbrecherischen Humors zu ziehen. Was folgt, ist
eine beschwerliche und vergebliche Reise zurück in das, was man
Normalität nennen könnte. Märchen- und Sagenfiguren des deutschen
Mythologie-Fundus kreuzen die Geschichte, die in einem quasi-biblischen
Arche-Szenario gipfelt, in dem jede Figur, auf ihren symbolischen Gehalt
reduziert, der Erlösung entgegenschippern soll. Die Figur Tomer Gardi
verweigert die Zuschreibung des Ewigen Juden, seine Geschichte ist die
des hart erlernten Misstrauens gegen jede Art von Zivilisation und
Mitmenschlichkeit als Selbstverständlichkeit. Eine Abenteuer- und
Schelmengeschichte, in der sich hinter jedem Witz Abgründe auftun.
Geschrieben ist dieser Teil des Romas in dem idiomatischen Broken
German, für das der israelisch-deutsche Autor bereits bekannt ist.
Das ändert sich in der zweiten Hälfte des Romans, der
ursprünglich auf Hebräisch verfasst und von Anne Birkenhauer ins
Deutsche übersetzt wurde. Hier beginnt eine neue Geschichte – oder ist
es die gleiche Geschichte in neuem Gewand? Auch bei der biographischen
Darstellung des Lebens des indonesischen Malers Raden Saleh Syarif
Bustaman, der als Kind eines Adligen von den niederländischen
Kolonialherren aus machtpolitischen Gründen adoptiert und ausgebildet
wird, begegnen wir einer Engführung von Kultivierung und Aneignung, von
Misstrauen und Selbstbehauptung. Wie Tomer Gardi (die Figur und der
Autor) ist auch Raden Saleh ein Künstler. Er erlernt von seinen
europäischen Lehrern den flämischen Realismus der großen
Schifffahrtsszenerien. Der in diesem Teil realistisch gehaltene
Prosastil Gardis reflektiert das. Mit der Zeit beginnt Saleh, diese
Mittel gegen die Deutungshoheit der Kolonialisten zu wenden und damit
mit der Glorifizierung der Seemacht Niederlande, dem politischen
Untergrund dieser goldenen Kunstzeit, zu brechen.
Darin eine Runde Sache zu erkennen, liegt jedoch alles andere als auf der Hand: Am Ende hat man das Gefühl, zwei völlig unterschiedliche Romane gelesen zu haben. Das gemeinsame Thema, die Zwiespältigkeit deutscher und europäischer Kultur in der ihr inhärenten Bedrohung, Annihilation und Aneignung des Anderen, wird erst in der Rückschau deutlich, und das gehört zu den herausragenden Langzeitwirkungen des Romans. Zunächst liest man diesen als einen halb surrealen, halb realistischen Unterhaltungsroman, dem weder sein poetischer Anspruch noch seine hochpolitischen Themen die Leichtigkeit nehmen. Wer den Erstling des Autors, Broken Germa, noch nicht gelesen hat, sollte das unbedingt nachholen, aber es könnte mit Recht behauptet werden, dass es sich bei diesem neuen Roman um das bisher beste Werk des Autors handelt. Völlig zu Recht wurde er deshalb in diesem Jahr mit dem Preis der Leipziger Buchmesse (Belletristik) ausgezeichnet.
„der Krieg bringt seine eigenen Wörter hervor. Sie klingen scharf und kalt […]. Du legst fremde Wörter an, rollst sie auf der Zunge hin und her, spürst den metallischen Nachgeschmack. […] Plötzlich finden sich unter deinen Bekannten Einberufene, Vewundete und Gefangene. Du gewöhnst dich daran, dass die Sprache um Wörter dieses schwarzen Vokabulars erweitert wird, um Dutzende neuer Wörter, von denen jedes einzelne nichts anderes als Tod bedeutet.“
„Die innenpolitische Ordnung eines Staates und sein außenpolitisches Verhalten sind untrennbar miteinander verbunden. Das wissen wir seit Immanuel Kants Traktat Zum ewigen Frieden. Darauf gründet eine Interpretation der internationalen Beziehungen. Sie lautet: Je autoritärer die Innenpolitik, desto millitarisierter die Außenpolitk.“
Den Menschen und AutorInnen der Ukraine ist dieser Post gewidmet, Romane und Sachbücher sollen Orientierung geben, darunter neue und alte Besprechungen.