Veranstaltung mit Frederike Felcht, Radka Stahr und Ruthard Stäblein
Das diesjährige Gastland
der Buchmesse Norwegen hat trotz seiner nur fünf Millionen Einwohner schon drei
Literaturnobelpreisträger hervorgebracht. Nun scheint ein neues goldenes
Zeitalter norwegischer Literatur angebrochen zu sein, und so gibt es auch
wieder einen ernsthaften Anwärter auf diese höchste Auszeichnung, den Autor Jan
Fosse. Daneben feiern Maja Lunde oder Karl Ove Knausgård internationale
Erfolge. Die Literatur unserer nördlichen Nachbarn lohnt es folglich, dass wir
uns mit ihrer Geschichte und ihren Neuerscheinungen beschäftigen.
Ausgehend von der Blütezeit um 1900, von Knut Hamsun, Henrik Ibsen und Alexander Kielland, diskutieren die beiden Skandinavistinnen Frederike Felcht und Radka Stahr gemeinsam mit dem Moderator Ruthard Stäblein die wichtigsten Neuerscheinungen und beleuchten typische Aspekte dieser Literatur – wie etwa das autofiktionale Schreiben. Diskutiert werden u.a. die neuesten Romane von Tomas Espedal, Stig Sæterbakken und Mona Høvring sowie die Graphic Novel von Marta Breen und Jenny Jordahl.
Prof. Dr. Frederike Felcht ist Juniorprofessorin am Institut für Skandinavistik in Frankfurt am Main. Ihr aktueller Forschungsschwerpunkt liegt in der Literatur von 1850 bis 1950.
Mgr. Radka Stahr, Ph.D. studierte Skandinavistik und Germanistik an der Karlsuniversität in Prag, 2018 beendete sie ihre Doktorarbeit über den Einfluss der bildenden Kunst auf das Werk von Karen Blixen und arbeitet aktuell als Juniorprofessorin in der Skandinavistik an der Universität Frankfurt.
Ruthard Stäblein studierte in Deutschland und Frankreich Germanistik, Romanistik, Komparatistik und Philosophie und beendete sein Studium mit einer Arbeit über Benjamin und Baudelaire an der Sorbonne. Bekannt geworden ist er als Redakteur für den Hessischen Rundfunk und die ARD. Das Gastland Norwegen und seine Autoren hat er schon vor der Buchmesse besucht
Matthes & Seitz Berlin 978-3-95757-719-1 Preis 28,00 EUR
„Was ist
das für ein Dorf, wo ich nur Kinder, blutjunge Frauen und Mädchen zu
Gesicht bekomme?“ Am Strand von Ierissos, ganz im Osten Griechenlands,
spaziert, im Schatten der Eukalyptusbäume, ein junger Toter. Unsicher
befragt er seine Begleiterin, wo er sei und wie sich die anderen Toten
in seiner Situation verhielten. Wenige, ist die Antwort, wagten die
Weiterreise auf den heiligen Berg. Die meisten machten nur kurz Station,
um dann wieder ins Reich der Lebenden zurückzukehren.
Der tiefblaue Himmel wölbt sich über dem Dorf, dem weiß
leuchtenden Strand aus feinem Sand. Mädchen lachen in den verwunschenen,
üppigen Gärten. Gedämpftes Geplauder dringt aus den verschatteten
Weinlauben, Kinder spielen ausgelassen. Wie leicht, sich hier zur
Rückkehr ins Leben zu entscheiden. Süße Verheißung.
Der junge Tote allerdings will das Jenseits erkunden, das
von einem marmornen Berg überragt wird, in dessen dunklen nach
Zedernholz duftenden Urwäldern Schlangen und wilde Stiere hausen. In dem
in verschwiegenster Gottesfurcht zweitausend Mönche in zwanzig Klöstern
und einigen Einsiedeleien leben. Ein Jenseits, das die Identität wie
die Zeit infrage stellt, auflöst und dessen Erkundung vielleicht zu
höheren Wahrheiten führt.
Leicht wehmütig nimmt der Tote Abschied von seiner Begleiterin, versorgt
sich mit dem Nötigsten und setzt mit dem nächsten Boot über, um eine
rastlose Wanderschaft auf dem Athos zu beginnen – eine fiebrige Reise
zwischen Ich-Auflösung und staunender Naturbetrachtung, zwischen Askese
und sexueller Ausschweifung, spiritueller Einsicht und gleißendem
Wahnsinn.
Der Heilige Berg Athos ist die einzige Mönchsrepublik der Welt. Eintausendachthundert orthodoxe Mönche leben weltabgewandt auf der schmalen Halbinsel, die im Osten an Chalkidiki anschließt. Frauen ist der Zutritt verboten, weibliche Tiere sind ebenfalls untersagt. Es heißt: Die Abwesenheit alles Weiblichen wird durch die Anwesenheit der Gottesmutter kompensiert und gereiche so dem Weiblichen zur höchsten Ehre. Der Athos ist autonomes Gebiet und wird von den Äbten der Klöster verwaltet. Dass dieses Gebiet als besonders geheimnisvoll, als Sehnsuchtsort spiritueller Erfüllungen gilt, dass sich Jahr um Jahr Pilger entschließen, dieses unwahrscheinliche Stück Erde zu erkunden, ist naheliegend.
Und so machte sich auch der französische Schriftsteller
François Augiéras in den 50er-Jahren auf den Weg, den Athos für sich zu
entdecken. Wie lange er die Mönchsrepublik durchstreifte, ist nicht
bekannt. Sicher ist nur, dass er seine Erlebnisse in seinem rätselhaften
Buch Eine Reise auf den Berg Athos einfließen ließ, in dem er
beschreibt, wie ein junger Toter in das Jenseits des Athos kommt,
rastlos von Kloster zu Kloster wandert, dabei mehrere Identitäten
durchlebt, weil er seiner eigenen durch seinen Tod verlustig gegangen
ist und schließlich nach spiritueller Veredelung in radikaler Entsagung
sucht. „War ich tot? Träumte ich? Meine Abenteuer auf dem Heiligen Berg
waren nur die Folge meiner Neigungen und meiner früheren Leben.“
Im gleichen Maße wie sich die Identität des toten
Protagonisten im Laufe seiner Wanderschaft auflöst, wie er zu der
Überzeugung gelangt, dass seine Seele eine Vielzahl von Identitäten
beheimatet, die er beinahe beliebig wechseln kann, erodiert der Text
Genregrenzen und sperrt sich einer genauen Zuordnung: kristallklare
Naturbeschreibungen von ausnahmsloser Schönheit und Präzision wechseln
mit der Schilderung beinahe mythologischer Szenen ab, spirituelle
Gedankengänge, die pantheistische, christliche und buddhistische Ideen
in ein religiöses Mash-up verwandeln, münden in sexuelle Eskapaden mit
deprivierten Athos-Mönchen. All das wird von der Ungewissheit
verrätselt, ob der Protagonist tatsächlich durch das Jenseits wandert
oder aber ob er nur von einem Jenseits der regulären Welt spricht, dem
Athos als spirituelle Sphäre also, in der die ultimative Selbsterfahrung
möglich ist, weil dieses Gebiet dem normalen Lauf der Welt nicht folgt.
„Hinter den Pforten des Todes reichte ein Nomadenlager zu
meiner Erquickung aus, denn ich war ein uralter Geist. Meine
Einsamkeit, keineswegs dazu angetan, mich zu quälen, gab mir mein
wahres, aus Urzeiten stammendes Wesen zurück.“
Ganz gleich welchem Genre man dieses Werk zuordnen
möchte, ganz gleich, welche Intention der frühverstorbene Augiéras, der
gegen Ende seines Lebens in einer Höhle bei Domme im Périgueux hauste,
mit der Niederschrift dieses Textes auch hatte: Die Reise auf den Berg Athos
ist ein außergewöhnliches, skurriles Buch, das dank seiner vorzüglichen
und feinen Sprache einen Kosmos aus glänzenden, manchmal irre
schillernden Bildern entstehen lässt, der irgendwo zwischen
psychotischem Wahn und höchster poetischer Kunst angesiedelt ist.
Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt
Das Aufgreifen antiker Stoffe und Figuren ist in der Literatur der Gegenwart und jüngerer Vergangenheit kein unbekanntes Phänomen. Nichtsdestotrotz kann der Zugang, den Anne Carson wählt, nicht nur als neu, sondern auch als einzigartig beschrieben werden. Rot erzählt die Geschichte von Geryon und Herkules. Eine Liebesgeschichte, ein Coming-of-Age Roman, ein Reisebericht und Mythos, aber vor allem ein ungezügeltes Spiel der Sprachbegeisterung von einer Autorin, die in Kanada und den USA bereits zu den wichtigsten Autor*innen der Gegenwart gezählt wird.
Der Mythos, nach welchem Herkules Geryon tötet und dessen Rinderherde entführt und so die zehnte seiner Aufgaben erfüllte, findet sich nur im Vorwort in Carsons eigener Übersetzung des Stesichoros Fragments wieder. Wenn man, um einen ernsthaften Umgang mit dem, was uns von der Antike überliefert ist, auf das Wort (Original-)Treue zurückführen möchte, so gilt diese bei Carson nicht den äußeren Umständen des Mythos. Spielend überführt sie das Schicksal Geryons in das New York City der Gegenwart, wird aus dem Mörder, der unerreichbare Geliebte. Die Freiheiten, die Carson sich in Bezug auf die Neuerzählung nimmt, liegen indes weniger in einer Abwendung begründet als in der konsequenten Weigerung, die Antike und ihre Dichtungen als etwas Versteinertes und Lebloses wahrzunehmen. Dieser Umgang ist auch in Carsons altphilologischen und wissenschaftlichen Arbeiten und Übersetzungen immer wieder lobend hervorgehoben worden. Verbindlich erscheinen für Carson vielmehr die Stimmung und die Poetik des Mythos. Geht Carson über einige Aspekte des Mythos achtlos hinweg, so ist doch ihr Umgang mit ihren Figuren von extremer Einfühlsamkeit geprägt, die an Distanzlosigkeit grenzt.
So wenig zurückhaltend wie Carsons Umgang mit ihren antiken Figuren ist, so kompromisslos und ausladend ist auch ihre Sprache. Der bemerkenswerten Übersetzung der Lyrikerin Anja Utler gelingt es, auch im Deutschen die Leichtigkeit des an Metaphern reichen Stils zu erhalten. Die neue Ausgabe bei S. Fischer führt außerdem erstmals die zwei Romane über Geryon, die von der Autorin mit einem Abstand von 15 Jahren verfasst worden sind, in einem Buch zusammen. Die direkte Gegenüberstellung der beiden Romane ist sehr reizvoll. Sie führen Carsons ununterbrochene Begeisterung für die sich verwandelnde Form und das experimentierende Erzählen vor und machen deutlich, dass auch in Rot der Mythos etwas genuin Lebendiges und Unstetes bleibt. Besonders reizvoll ist die in unterschiedlicher Ausprägung sich durch beide Romane ziehende Versform. Dabei verzichtet Carson auf jede Form des Metrums oder des Reims. Lediglich die abbrechenden Zeilen unterscheiden den Text von Prosa. Der Effekt ist ein doppelter: der Text bleibt flüssig und leicht zu lesen, während seine Setzung die Tragweite des einzelnen Satzes betont.
Das Ineinandergreifen von Prosa und Poesie ist zentral
für Carsons gesamtes Werk und das Verhältnis der beiden zueinander
bleibt so dunkel und unverständlich, wie Carsons eigenes Zitat, das von
ihren Verlegern aus gutem Grund auf Rücken und Einband des Buches
gedruckt wurde: „was unterscheidet die Poesie von der Prosa Sie kennen
die alten Analogien die Prosa ist ein Haus die Poesie ein Mann in
Flammen der ziemlich schnell hindurchrennt“.
Thomas Gebauer und Christine Unrau im Gespräch mit Greta Wagner
Montag, 8. Juli 2019, 20 Uhr
Prismen – Institut für Sozialforschung bei marx & co
Helfen wird aus einer gesellschaftskritischen Perspektive
häufig als unpolitisch oder partikular kritisiert. Es stabilisiere den Status
quo, reproduziere symbolische Ungleichheiten und trage nicht zu grundlegenden
sozialen Transformationen bei. Wenn Akteur_innen in sozialen Bewegungen
»Solidarity, not Charity!« skandieren, meinen sie damit, dass die Unterstützung
für marginalisierte Gruppen keine Frage der Barmherzigkeit, sondern des
gemeinsamen Kampfes ist. Während wohltätiges Helfen nur die Akte des Gebens und
Empfangens umfasst, setzt solidarisches Helfen Reziprozität und Vergemeinschaftung
voraus. Wie aber kann Gegenseitigkeit zwischen Helfer_innen und
Hilfsempfänger_innen mit ungleicher Ressourcenausstattung gelingen? Diese
Fragen treiben Aktive in der kritischen Entwicklungszusammenarbeit, Engagierte
in der Unterstützung für Geflüchtete ebenso um wie Sozialwissenschaftler_innen.
Hintergrund des Gesprächs bildet der Themenschwerpunkt »Helfen zwischen Solidarität und Wohltätigkeit« (hg. von Greta Wagner) in WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung 1/2019.
Thomas Gebauer ist Menschenrechtsaktivist und Autor. Er studierte
Psychologie und Soziologie in Frankfurt, war von 1996 bis 2018 Geschäftsführer
der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation medico international und ist seit
2018 Sprecher von deren Stiftung. Thomas Gebauer war einer der beiden
Initiatoren der 1997 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten
»Internationalen Kampagne zum Verbot von Landminen«. Kürzlich ist von ihm
(zusammen mit Ilija Trojanow) das Buch erschienen: Hilfe? Hilfe! Wege aus der globalen Krise. Frankfurt am Main:
Fischer 2018.
Christine Unrau ist Forschungsbereichsleiterin am Käte Hamburger
Kolleg/Centre for Global Cooperation Research an der Universität Duisburg-Essen.
Sie studierte Regionalwissenschaften Lateinamerika an der Universität zu Köln,
wo sie 2017 mit ihrer Dissertation Erfahrung
und Engagement. Motive, Formen und Ziele der Globalisierungskritik
(Bielefeld 2018: transcript) promoviert wurde. Sie forscht zu Humanitarismus
und Mitleid sowie zu politischen Bewegungen im Kontext der Globalisierung.
Greta Wagner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Exzellenzcluster
»Die Herausbildung normativer Ordnungen« an der Goethe-Universität Frankfurt a.
M. und Member am Institute for Advanced Study in Princeton. Sie studierte Soziologie
an der Freien Universität Berlin und an der Goethe-Universität Frankfurt a. M.,
wo sie 2014 promoviert wurde. In ihrem laufenden Forschungsprojekt befasst sie
sich mit Fragen der Normativität von Solidarität und Wohltätigkeit. Greta
Wagner ist Autorin von: Selbstoptimierung.
Praxis und Kritik von Neuroenhancement. Frankfurt a. M. und New York:
Campus 2017.
Karlheinz Braun. Herzstücke. Leben mit Autoren Schöffling & Co, 32 €
Niemand hat das deutschsprachige Theater der vergangenen sechzig Jahre so intensiv begleitet wie Karlheinz Braun. Von der Frankfurter „neuen bühne“ mit ihren Uraufführungen von Günter Grass bis Nelly Sachs ging er 1959 in den Suhrkamp Verlag, wo er den Theaterverlag aufbaute. Karlheinz Braun gehörte zu dem legendären Lektorat, das 1968 den Suhrkamp Verlag nach dem „Aufstand der Lektoren“ verließ und den Verlag der Autoren gründete, der in den nächsten Jahrzehnten zur wichtigsten Adresse deutscher Theater- & Filmautoren werden sollte. „Herzstücke“ ist der Blick zurück des leidenschaftlichen Theatermenschen Karlheinz Braun. Er erzählt die Geschichten von über hundert Autoren wie Botho Strauß, Dea Loher, Heiner Müller, Rainer Werner Fassbinder, Thea Dorn, Wim Wenders & F. K. Waechter.
Fundus. Das Buch vom Verlag der Autoren 1969-2019. Herausgegeben von Marion Victor und Wolfgang Schopf. Verlag der Autoren, 39 €
Ein anderes Jubiläumsbuch zum 50. Geburtstag des Verlags der Autoren ist gerade erschienen: Die Herausgeber Marion Victor (1989 bis 2010 Geschäftsführerin des Verlags der Autoren) und Wolfgang Schopf (Literaturarchiv der Goethe-Universität) sind tief in den Verlags-Fundus gestiegen und dokumentieren mit Zitaten, Ausschnitten, Faksimiles und Fotos Jahr für Jahr bis heute die wichtigsten Geschehnisse. Aus 2372 Schnipseln setzen sie das Gesamtbild dieses Verlages zusammen, der wie kaum ein anderer die politischen und ästhetischen Debatten eines halben Jahrhunderts widerspiegelt.
Schäfchen im Trockenen – Autorin Anke Stelling im Gespräch
Mittwoch, 5.Juni 2019, 20 Uhr
Verbrecher Verlag, 22 €
Freunde halten
zusammen. Auf sie kann man sich verlassen. Bis Resi den Bogen überspannt.
Freunde sagen einander immer die Wahrheit. Aber wie viel Wahrheit verträgt eine
Freundschaft? Und beim Geld hört ja die Freundschaft bekanntlich ohnehin auf.
Als die Schriftstellerin Resi ein Buch über ihren Freundeskreis, gemäßigt links und gut situiert, veröffentlicht, wirft einer dieser Freunde sie und ihre fünfköpfige Familie kurzerhand aus ihrer Wohnung. Daraufhin findet sich Resi zwischen materialistischen Sachzwängen und der Macht und Ohnmacht des Erzählens wieder.
Anke Stelling wurde für Schäfchen im Trockenen mit dem Preis der Leipziger Buchmesse
ausgezeichnet. Zum Thema Schreibprozess sagt sie selbst: „Wenn ich versuche,
von mir abzusehen, bleibt auch für andere nichts übrig“. Mit Blick auf ihren
aktuellen Roman, möchten wir mit der Autorin über das Verhältnis von
Subjektivität, Ökonomie und Schreiben sprechen.
Anke Stelling, 1971 in Ulm geboren, absolvierte ein Studium am Deutschen Literaturinstitut
in Leipzig. Sie stand mit ihrem im Verbrecher
Verlag erschienenen Roman Bodentiefe
Fenster (2015) auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2015. 2017
erschien ihr Roman Fürsorge im Verbrecher
Verlag. Ihr neuster Roman Schäfchen im
Trockenen (2018) wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2019 ausgezeichnet. Im Juni 2019 erhält sie den Friedrich-Hölderlin-Preis
der Stadt Bad Homburg.
Bilder von 45 Illustratorinnen und Illustratoren. Aus dem Englischen von Fabienne Pfeiffer
Beltz & Gelberg, 12,95 € 978-3-407-81247-6
Dieses Buch gehört zu jenen Büchern, bei denen wir Buchhändler*innen
mal wieder nicht so genau wissen, wohin wir es eigentlich stellen
sollen. Gehört es in unsere Kinder- und Jugendbuch-Ecke, weil es bunt
ist und uns naturgemäß viele der Figuren bekannt vorkommen – immerhin
illustrieren die Mitwirkenden sonst vorwiegend Kinderbücher? Oder sind
die in ihm enthaltenen Zeichnungen von 45 Illustrator*innen nicht viel
zu hintersinnig, ironisch, anspielungsreich, um für Kinder geeignet zu
sein? Gehört es gar ins Politik-Regal, weil Europa und seine Zukunft
vermeintlich auf dem politischen Parkett zwischen Parteien und
Wahlprogrammen ausgehandelt wird?
Die ursprüngliche Idee zu diesen 2017 entstandenen,
bebilderten Reflexionen über Europa stammt von Markus Weber, dem Leiter
des Frankfurter Moritz Verlags. Er bat die Illustrator*innen
der in seinem Haus erscheinenden Kinderbücher, ihre Gedanken zu Europa
aufs Papier zu bringen. Die damals entstandenen Bilder aus fünf
europäischen Ländern wurden auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert,
dann im Berliner Bundesministerium für Arbeit und Soziales ausgestellt
und später versteigert. Doch die Idee ging auf Wanderschaft, und viele
weitere Illustrator*innen, insbesondere auch aus Großbritannien, nahmen
Papier und Stift zur Hand, um ihrem Glauben an Europa oder ihrer Kritik
am Brexit bildreich Ausdruck zu verleihen.
Ob in Form einer mit 12 gelben Sternen jonglierenden Kuh
von Kristina Andres („Genau wie beim Jonglieren muss Europa viel üben,
damit es klappt“) oder als zirkusreif balancierende, Fahnen schwenkende
Tiere auf einem schwarzen Stier von Thé Tjong-Khing („Die Europäische
Union als schwieriger Balanceakt“), fast überall ist unübersehbar, dass
Europa mehr ist als eine heterogene Gruppe von Ländern. Auffällig oft
stellen die Illustrator*innen die Länder Europas als spielende Kinder
dar. Und vielleicht ist das die hoffnungsvollste Deutung der aktuellen
Europäischen Union: Kinder, die spielerisch und kreativ lernen,
miteinander auszukommen, Kompromisse zugunsten der Gruppe einzugehen und
ihre Unterschiede als Stärken zu erkennen. Der deutsche Illustrator
Andreas Német stellt den Leser*innen gar eine Europakarte zur Verfügung,
die nur aus Länderkürzeln besteht und auf den ersten Blick an „Malen
nach Zahlen“ erinnert. Német fordert auf, die persönlichen Verbindungen
zu und zwischen den einzelnen Ländern selbst einzuzeichnen. Hier wird
vielleicht besonders klar, dass jeder von uns mitbestimmt, was Europa
heute und in Zukunft für uns ist oder werden kann.
In witziger, aussagekräftiger und oft subtil
nachdenklicher Form regt dieses Büchlein – vielleicht gerade jetzt, kurz
vor der Europa-Wahl am 26. Mai – zum Nachdenken und Sprechen über
Europa an. 45 europäische Ideen sind hier, ganz wie Europa selbst, in
Vielfalt vereint!
Was lieben wir? Was fürchten wir? Illustriert von Susan Schädlich. Ab 12 Jahre
Beltz & Gelberg, 16,95 € 978-3-407-81245-2
Europa! Alle sprechen immer darüber, doch was ist das
eigentlich? Was versuchen wir da eigentlich immer vor Populismus und
Nationalismus zu schützen? Natürlich ist Europa der Kontinent, auf dem
wir leben, keine Frage, doch ist Europa nicht noch viel mehr? Steht
dieser Kontinent, dieser Zusammenschluss der Länder, nicht auch für
Frieden, Gleichheit und Menschenrechte? Und was wissen wir eigentlich
über die EU? Klar, irgendwie bestimmt die EU unseren Alltag, doch die
meisten Menschen wissen nicht wie. All diese Fragen und noch einige mehr
werden in dem Buch Fragen an Europa geklärt. Man wird mit
einigen Grundinformationen, die auch schon sehr interessant sind, in das
Buch eingeführt. Weißt du zum Beispiel, wie viele Menschen in Europa
leben und wie viele Sprachen in Europa gesprochen werden? Und ist dir
eigentlich klar, dass es nicht nur eine, sondern viele verschiedene
Definitionen von Europa gibt?
Das Buch kommt mit 60 Fragen an und über
Europa daher. Einige sind eher allgemein gehalten, zum Besipiel was
eigentlich Populismus oder Pluralismus sind, andere sind sehr spezifisch
auf Europa bezogen, wie zum Beispiel, welche besonderen Zugstrecken
durch Europa verlaufen. Alles wird mit Hilfe sehr einfacher und doch
aufschlussreicher Schaubilder illustriert, die sehr nett gestaltet sind,
wie bei Frage 32: „Wer hatte die Idee für die EU? Meilensteine in
Bildern“. Die Absicht des Buches ist es, junge Menschen zum Nachdenken
über Europa anzuregen, und laut den Autoren hat man das Buch nur dann
wirklich verstanden, wenn man mit mehr Fragen aus dem Leseerlebnis
herausgeht als man vorher hatte. Ihr Wunsch ist es natürlich, dass
Menschen durch dieses Buch Europa lieben lernen, wie sie es tun, da es
offensichtlich viele Menschen gibt, die vergessen haben, was wir an
Europa eigentlich haben.
Mir hat das Buch sehr gut gefallen, da es ein für mich
sehr interessantes Thema vorstellt. Außerdem gehen die Autorinnen auf
einen der wichtigsten Punkte ein, die für ein funktionierendes Europa
eigentlich nötig und die Gegenbewegung zum Rechtsruck in Europa wäre:
Pluralismus! Er ist wahrscheinlich eine der wenigen Chancen, die wir
noch gegen den Gedanken des Nationalstaates haben. Also lasst uns diese
ergreifen, um dem fortschreitendem Populismus die Stirn zu bieten.
Anfangen sollten wir damit, uns gut über Europa und die EU zu
informieren und Möglichkeiten zur positiven Veränderung zu entwerfen.
Genau dafür ist dieses Buch perfekt.
Seit den 20er Jahren
des vergangenen Jahrhunderts ist Frankfurt Mittelpunkt wichtiger
Architekturentscheidungen, nicht nur für die Wohnungsbaupolitik. Die neue
Frankfurter Altstadt ist nur ein Kapitel unter vielen. Martin Mosebachs Roman Westend lässt uns eintauchen in die
unmittelbare Nachkriegszeit, als noch in Trümmern lag, was heute wieder
aufgebaut wird.
Mit den Wohnformen
stehen immer auch Identitätsentwürfe und Gesellschaftsformen zur Debatte, die Mosebach in seinem Roman
genauestens beschreibt und die wir mit dem Architekturkritiker Niklas Maak
diskutieren möchten.
Seit einigen Jahren
fordert Niklas Maak, neue Häuser zu planen, die nicht mehr nur auf die Kleinfamilie zugeschnitten sind, sondern den
neuen ökonomischen wie ökologischen Anforderungen und Lebensformen gerecht
werden.
Während Mosebachs
Roman historische Ereignisse wie etwa die Hausbesetzung im Westend ausklammert,
rückt er dennoch in den Fokus, was heute wieder heftig debattiert wird: Wie
wollen wir wohnen und zusammenleben?
Niklas Maak ist Redakteur der FAZ und leitet zusammen mit Julia Voss das Kunstressort. Sein Studium der Kunstgeschichte, Philosophie und Architektur beendete er mit einer Dissertation zu Le Corbusier und Paul Valéry. Neben seiner Lehrtätigkeit in Harvard, Berlin und Frankfurt publiziert er regelmäßig zur Architektur und ist für seine Essays mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet worden.
Diskussionsabend mit Sandra Seubert und Claus Leggewie
Montag 6. Mai 2019, 20.00 Uhr
In Bezug auf Europa wird nicht mehr nur von anti-europäischen Kräften mobilisiert. Im Gegenteil: pro-europäische Bewegungen erinnern inzwischen über nationale Grenzen hinweg an das Versprechen, das mit der Einführung eines Europäischen Bürgerschafts-Status im Maastrichter Vertrag von 1992 verbunden war: das Europäische Projekt ist nicht allein Sache der Staaten, sondern der BürgerInnen Europas selbst. Im Vorfeld der Europawahl wollen wir an diesem Diskussionsabend Chancen und Grenzen eines pro-europäischen Aktivismus und Forderungen nach einer demokratischen „Neugründung“ erörtern.
Sandra Seubert, Prof. Dr., ist Professorin für
Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Politische Theorie an der
Goethe-Universität sowie Goethe-Fellow am Forschungskolleg Humanwissenschaften,
wo sie zu Perspektiven Europäischer Bürgerschaft arbeitet.
Claus Leggewie, Prof. Dr., ist
Politikwissenschaftler, war u.a. von 2007 bis 2017 Direktor des
Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen, ist Inhaber der Ludwig-Börne-Professur
an der Uni Gießen und Mitherausgeber der »Blätter für deutsche und
internationale Politik«.