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Buchempfehlung – Colson Whitehead „Underground Railroad“

Hanser Verlag 24€

Eine Sklavin zu sein bedeutet nicht nur, nicht gehen zu können, wohin man will, nicht sagen zu können, was man will, zu dienen und zu arbeiten ohne Entlohnung oder Rechte. Sklaverei ist ein umfassender Lebenszustand. Die Menschen in Whiteheads Roman wurden meist bereits in die Sklaverei geboren, oft schon seit mehreren Generationen. Schon die Idee eines anderen Lebens, die Hoffnung auf Flucht liegt für die meisten von ihnen außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Allein an Flucht zu denken gilt als verrückt, geschweige denn, sie auch zu wagen. Und so ist es kein Zufall, dass die Geschichte der Flucht, die Whitehead hier erzählt, auch die Geschichte zweier Außenseiter ist: Caesar, der schon einmal eine Ahnung von einem anderen Leben erhielt, als seine vorherige Herrin ihn das Lesen lehrte und die Freiheit versprach, und Cora, deren Mutter zur Legende wurde, als es ihr gelang, von der Farm zu fliehen, ohne je wieder gesehen zu werden. Zusammen gelingt ihnen die Flucht von der Farm in ein noch unbekanntes anderes Leben. Doch noch unvorstellbarer als die Flucht selbst scheint die reale Möglichkeit dieses anderen Lebens, eines Lebens, das einem, ungeachtet der Hautfarbe, selbst gehört. Auf den unzähligen Etappen ihrer Reise wird deutlich, dass es das große andere, das gänzlich befreite, nicht rassistische Land auf einer imaginierten anderen Seite nicht gibt. Je weiter sich Cora und Caesar vom Süden entfernen, desto leichter fällt es ihnen, an eine befreite Wirklichkeit zu glauben, und desto bitterer ist die Ernüchterung, wenn sich ihre Pläne zerschlagen.

Colson Whitehead erschafft ein Panorama der nordamerikanischen Geschichte zur Zeit der Sklaverei und entfaltet sie entlang von Coras Stationen auf der Underground Railroad. Das historische Untergrundnetzwerk, mit dem weiße Abolitionisten SklavInnen bei der Flucht unterstützten, wird von Whitehead wörtlich genommen und somit zur geheimen Untergrundbahn. Wo sie abfährt, lässt sie für Cora verbrannte Erde zurück, und sie hat immer nur ein Ziel: weg von hier in Richtung eines neuen, unbekannten Ortes und der Hoffnung auf ein besseres Leben. Doch Whiteheads Roman ist nicht nur die spannende Geschichte einer nicht enden wollenden Flucht, er erzählt uns auch sehr viel über das Verhältnis von Sklaverei und Rassismus, darüber, wie sich die Vorstellung, Menschen würden, aus welchen Gründen auch immer, zum Besitz anderer Menschen, auch dort immer wieder einschleicht, wo sie überwunden geglaubt zu sein scheint. Whitehead stellt in sehr klaren Bildern und intensiven Szenen dar, wie Rassismus und Sklaverei als Grundpfeiler für ökonomische wie für soziale Ordnungen funktionieren. Das ist einerseits eine glaubhafte Darstellung struktureller Diskriminierung, bietet ihm aber andererseits auch die Chance, den Figuren in seinem Roman Tiefe zu verleihen.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Buchempfehlung – Chris Kraus „I Love Dick“

I Love Dick.
Matthes & Seitz, 22€

Spricht man wohlwollend über Literatur von Autorinnen, fallen nicht selten Sätze wie „Sie schreibt gänzlich unaufgeregt und distanziert“, ganz so, als habe man jede Autorin zunächst gegen ein grundlos wütendes oder rettungslos emotionales Schreckensbild weiblichen Schreibens zu verteidigen. Autorinnen (Leserinnen ebenso) wurde seit jeher vorgeworfen, das Geschriebene zu persönlich zu nehmen, die notwendig distanzierte künstlerische Haltung nicht einnehmen zu können. Mit ihrem Roman schreibt Chris Kraus gegen jegliche aus diesen Vorwürfen resultierende Selbstzügelung an. Ihr Roman ist ebenso persönlich, wie er radikal emotional ist.
Inhaltlich erzählt er von Chris Kraus und ihrem Mann Sylvère Lothringer, für die ein einziges Essen mit Dick, einem Kollegen von Sylvère, zum Ausgangspunkt für eine ebenso spielerische wie aussichtslose und radikale Liebesbesessenheit wird. Dick wird zum Adressaten zahlloser Briefe, die zunächst von dem Paar gemeinsam verfasst werden. Das Briefprojekt füllt bald das gesamte gemeinsame Leben der beiden aus, wird zum Dreh- und Angelpunkt ihre Beziehung zueinander und zur Welt. Dick selbst wird damit als Angesprochener überall präsent, wenn er auch als Person kaum auftaucht. Immer geht es in den Briefen auch darum, einen behaupteten Abstand zwischen künstlerischem Schaffen und Privatheit nicht gelten zu lassen. Chris Kraus kämpft dabei konsequent dagegen an, die Liebe zu Dick, die sie als Kunstwerk betrachtet, deswegen als nicht aufrichtig, als imaginiert bezeichnen zu lassen. Es gibt keine Grenze zwischen der schreibenden, der liebenden und der Autorin Chris Kraus. Notwendigerweise wird so auch Schizophrenie zu einem der großen Themen des Romans. Man könnte ihn als Versuchsanordnung, als Experiment absoluter Distanzlosigkeit bezeichnen, stünde man damit nicht in der Gefahr, gerade die tatsächliche Faktizität der Emotion wieder zu negieren und den Selbstschutz des rein Fiktiven wieder zu errichten. Dieser Roman ist auf allen Ebenen, stilistisch wie inhaltlich, ein Wagnis und unbedingt lesenswert.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Buchempfehlung – Manja Präkels „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“

Verbrecher Verlag 20€

Was geschieht, wenn man nach langer Abwesenheit an den Ort seiner Kindheit und Jugend zurückkehrt? Und wenn dieser Ort nicht Unbeschwertheit oder Geborgenheit vermittelt, sondern Angst? Wenn man nach Jahren des Exils zurückkommt und Hitler einem mit einem Mal wieder als der alte Schulfreund erscheint, der er einmal war?

Früher sind Oliver und Mimi oft zusammen angeln gegangen. Obwohl sie wenig miteinander gesprochen haben, bestand doch eine Freundschaft zwischen ihnen. Dann kam die Wende, und aus Oliver wurde Hitler, Anführer einer von zahlreichen Neonazigruppen, die zu dieser Zeit die Kontrolle über das soziale Leben übernahmen, wie Mimi ihre Erinnerungen beschreibt. In ihrer Rückschau auf die Ereignisse, wird der Protagonistin klar, dass diese frühe Freundschaft zu Hitler/Oliver ihr das Leben gerettet haben könnte. Denn mit dem Erstarken der Neonazis wurden sie und ihre Freunde, die „Zecken“, zu Gejagten. Denn der Einfluss der Rechten auf die Gesellschaft scheint übermächtig und allgegenwärtig und wird doch, auch damals schon, totgeschwiegen. Nazis stürmen Diskotheken und Kneipen, die “Zecken” werden verfolgt und verprügelt. Ein Freund überlebt einen dieser Überfälle nicht. Die Täter werden freigesprochen, die Angst wächst, die Übergriffe werden häufiger. Von ihrer Familie wird Mimi Verfolgungswahn vorgeworfen, alles Einbildung, Übertreibung. Es folgt die Flucht nach Berlin, doch der Neuanfang, den die Großstadt verspricht, bleibt aus.

Manja Präkels, die sich mit neonazistischen Gruppierungen und Strömungen auch in ihrer journalistischen Tätigkeit beschäftigt und hier auch ein Stück weit ihre eigene Biografie verarbeitet, schreibt mit einer ungeheuren Sachkenntnis. Dabei gelingt es ihr wie wenigen ihrer journalistischen KollegInnen, sich auf die literarische Form des Romans einzulassen. Durch ihren direkten Erzählstil überträgt sich die beklemmende Stimmung auf die Leserin und sorgt dafür, dass das Buch einen lange beschäftigt.

In Deutschland, in den neuen Bundesländern wie in den alten, wurde und wird rechte Gewalt systematisch geleugnet oder kleingeredet. Mit ihrem Roman wie mit ihrer journalistischen Arbeit leistet Manja Präkels einen wichtigen Beitrag zur Debatte.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co. Frankfurt

Buchempfehlung – Christophe Boltanski „Das Versteck“

Hanser Verlag 23€

Ein Haus in der Pariser Rue de Grenelle, beste Wohnlage in großbürgerlichem Ambiente, bewohnt von der Familie Boltanski, deren Bekanntheitsgrad in Frankreich ungefähr der Bekanntheit der Familie Mann in Deutschland entspricht: Großvater Etienne ist Arzt, Großmutter Marie-Élise schreibt unter dem Pseudonym Annie Lauran erfolgreiche Romane, die Söhne machen Karriere: Jean-Élie als Linguist, Luc als Soziologe und Christian als Installationskünstler und Filmemacher, (Adoptiv-) Tochter Anne als Fotografin. Enkel Christophe schließlich, der diese Familiengeschichte vorlegt, ist Journalist. Wer jetzt aber erwartet, dass hier mal wieder ein Nachgeborener die Familiengeschichte zelebriert, sei es als Lobgesang, sei es als Skandalchronik, der liegt völlig falsch. Denn Das Versteck erzählt weit mehr als die Geschichte einer vor Exzentrik und Widersprüchen nur so strotzenden Familie, nämlich eine Geschichte des 20. Jahrhunderts, die nicht weniger exzentrisch und widersprüchlich ist.

Im Mittelpunkt steht das Haus in der Rue de Grenelle, dessen Mittelpunkt wiederum Großmutter Mairie-Élise bildet. Sie ist es, die ihre Familie zusammenhält, und das im Wortsinne: In dieser Familie, so der Eindruck, ist praktisch niemand auch nur eine Minute allein. Die schützende Hülle des Hauses wird nur in der kleineren, aber ebenso geschlossenen Hülle des Autos verlassen –einem Fiat 500, auch „Joghurtbecher“ genannt – , den die durch eine Polio-Erkrankung stark gehbehinderte Großmutter mit Hilfe von an den Pedalen angebrachten Stäben steuert und in den neben den Großeltern Sohn Jean-Élie, Tochter Anne und Enkel Christophe gepfercht werden. Geparkt wird stets so, dass der Zwischenraum zwischen der Wagentür und dem Eingang des jeweiligen Zielorts möglich klein ist. Das Haus und seine Verlängerung, das Auto, bilden in der Erinnerung des Erzählers ein Raumschiff, das man nur selten verlässt, um sich nicht allzu lange als Alien zu fühlen.

Das Zentrum des Hauses wiederum bildet das Schlafzimmer, in dem die gesamte Familie schläft, die Großeltern im Bett, Söhne und Enkel in Schlafsäcken auf dem Fußboden, während im Fernsehen alte Western ohne Ton ein flackerndes Licht verbreiten. Im Widerspruch zu dieser beklemmend wirkenden Enge, die mehr an ein Gefängnis als ein Heim erinnert, steht die geistige Freiheit in diesem Haus, die der Autor, der mit dreizehn Jahren auf eigenen Wunsch hin zu den Großeltern zieht, so beschreibt: „Ich bin nie so frei und glücklich gewesen wie hier. Dieser unglaubliche Lebenshunger, die Momente der Trunkenheit, ja der Euphorie. Die Möglichkeit, fast alles zu sagen. Das Licht trotz der Finsternis.“

Aber das ist nur einer der Widersprüche, die sich durch das Buch ziehen. So hält zum Beispiel der Großvater, immerhin Facharzt für Hygiene, Waschen für ungesund, die Großmutter, die von ihrer Adoptivmutter ein großes Anwesen in der Bretagne geerbt hat, samt Schloss und riesigen Ländereien, verteilt Sonntags im Viertel das Wochenblättchen der Kommunisten; man führt ein gastfreies Haus, in dem jeder willkommen ist, aber so gut wie nichts zu essen und zu trinken angeboten wird, weil eben niemand einkauft. Und trotz der „Möglichkeit, fast alles zu sagen“, stellt der Enkel nach dem Tod der Großeltern fest, dass er nur wenig über deren Herkunft und Schicksal weiß.

Die Spuren ihrer Geschichte findet er im Haus, dessen Grundriss der Roman auch formal folgt. Die Kapitel tragen Titel wie „Küche“, „Arbeitszimmer“, „Salon“. Man folgt ihm durch die Räume, die die Geschichte der jüdischen Emigration aus Osteuropa, der beiden Weltkriege, des Holocausts und des Algerienkrieges in sich bergen, und erreicht schließlich das titelgebende „Versteck“, in dem der – jüdische – Großvater die Verfolgung überlebt hat. Und man lacht, weint, erschrickt und freut sich an all den wunderbar komischen, tragischen, absurden Geschichten, die in jedem Zimmer stecken. Es wundert nicht, dass das Buch den Prix Femina erhalten hat und in Frankreich zum Bestseller geworden ist. Man kann diese großartige Entdeckungsreise durch das Haus in der Rue de Grenelle nur wärmstens empfehlen.

Irmgard Hölscher, Frankfurt am Main

 

Adventslesung für Kinder

Samstag, 5.12. um 16 Uhr

Wir laden Sie herzlich ein zu unserer

Adventslesung für Kinder zwischen 4 & 8 Jahren

Weißt Du noch, wie es letztes Jahr war? „Wir lagen auf Deinem Bett und starrten an die Decke und warteten auf das Christkind … Es war still geworden draußen und in unserem Haus … und überall roch es, wie es sonst nie riecht: Tanne, Kerzen, Plätzchen …“

Noch ist es nicht soweit, aber es ist schon fast der zweite Advent. Dringend Zeit, sich gemütlich in unserer Buchhandlung zur diesjährigen Adventslesung für Kinder zu treffen. Es gibt so viele Geschichten zu erzählen: Vom Rentier Rudolf, der den Schlitten vom Weihnachtsmann zieht, vom Schnee, der sich so leise auf Bäume und Autos legt, und von Zwiebelchen. Wer ist Zwiebelchen? Das verraten wir am kommenden Samstag (5. Dezember) um 16 Uhr.

Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie mit Ihren Kindern, Enkelkindern oder auch anderen Kindern zu uns kommen. Vielleicht finden Sie parallel zur Lesung sogar schon die ersten Weihnachstgschenke bei uns.

Lesung mit Tönen

Léonce W. Lupette. Tablettenzoo. Gedichte

Mit Klängen von Fabian Eck

Dienstag, 22. Oktober 2013, 20:00 Uhr

Eintritt: frei

Luxbooks, 19.80 €

 

Tablettenzoo – Wie sprechen die Pillentiere, die Tierpillen, die in diesem Buch wohnen, wenn sie freigelassen werden? In welchem Zustand befinden sie sich, welche Wirkung haben sie auf Leser und Hörer? Manche sind gefährlich, aggressiv, kratzen an Häuten und Schichten; andere wiederum beruhigen, sind sanft und bedroht. Blicke aus Käfigen in andere Käfige hinein. Léonce W. Lupette stellt seinen Gedichtband vor – elektronisch unterstützt, provoziert, gezähmt und bedroht durch Fabian Eck. Ein Zoobesuch zwischen Vertierung und Medikation, bei dem Algorithmen und Daten irrational werden können, und Rausch und Delirium vernünftig.

Léonce W. Lupette lebt als Schriftsteller, Herausgeber, freier Übersetzer und Literaturwissenschaftler zwischen Buenos Aires und Frankfurt am Main. Studium der Komparatistik, Lateinamerikanistik und Philosophie. Mitherausgeber der Literaturzeitschriften karawa.net und Alba – Lateinamerika lesen.

Fabian Eck, geboren 1985, lebt in Frankfurt a.M. Arbeitet mit pure data, midi-controllern und intuitiver Tonsteuerung, unter anderem mit reutundE. sowie für das Perfomancekollektiv Arty Chock. Zeigte Arbeiten bei Artists‘ Television Acess in San Francisco, beim Festival Shiny Toys und an der Gessnerallee Zürich.