Schäfchen im Trockenen – Autorin Anke Stelling im Gespräch
Mittwoch, 5.Juni 2019, 20 Uhr
Verbrecher Verlag, 22 €
Freunde halten
zusammen. Auf sie kann man sich verlassen. Bis Resi den Bogen überspannt.
Freunde sagen einander immer die Wahrheit. Aber wie viel Wahrheit verträgt eine
Freundschaft? Und beim Geld hört ja die Freundschaft bekanntlich ohnehin auf.
Als die Schriftstellerin Resi ein Buch über ihren Freundeskreis, gemäßigt links und gut situiert, veröffentlicht, wirft einer dieser Freunde sie und ihre fünfköpfige Familie kurzerhand aus ihrer Wohnung. Daraufhin findet sich Resi zwischen materialistischen Sachzwängen und der Macht und Ohnmacht des Erzählens wieder.
Anke Stelling wurde für Schäfchen im Trockenen mit dem Preis der Leipziger Buchmesse
ausgezeichnet. Zum Thema Schreibprozess sagt sie selbst: „Wenn ich versuche,
von mir abzusehen, bleibt auch für andere nichts übrig“. Mit Blick auf ihren
aktuellen Roman, möchten wir mit der Autorin über das Verhältnis von
Subjektivität, Ökonomie und Schreiben sprechen.
Anke Stelling, 1971 in Ulm geboren, absolvierte ein Studium am Deutschen Literaturinstitut
in Leipzig. Sie stand mit ihrem im Verbrecher
Verlag erschienenen Roman Bodentiefe
Fenster (2015) auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2015. 2017
erschien ihr Roman Fürsorge im Verbrecher
Verlag. Ihr neuster Roman Schäfchen im
Trockenen (2018) wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2019 ausgezeichnet. Im Juni 2019 erhält sie den Friedrich-Hölderlin-Preis
der Stadt Bad Homburg.
Bilder von 45 Illustratorinnen und Illustratoren. Aus dem Englischen von Fabienne Pfeiffer
Beltz & Gelberg, 12,95 € 978-3-407-81247-6
Dieses Buch gehört zu jenen Büchern, bei denen wir Buchhändler*innen
mal wieder nicht so genau wissen, wohin wir es eigentlich stellen
sollen. Gehört es in unsere Kinder- und Jugendbuch-Ecke, weil es bunt
ist und uns naturgemäß viele der Figuren bekannt vorkommen – immerhin
illustrieren die Mitwirkenden sonst vorwiegend Kinderbücher? Oder sind
die in ihm enthaltenen Zeichnungen von 45 Illustrator*innen nicht viel
zu hintersinnig, ironisch, anspielungsreich, um für Kinder geeignet zu
sein? Gehört es gar ins Politik-Regal, weil Europa und seine Zukunft
vermeintlich auf dem politischen Parkett zwischen Parteien und
Wahlprogrammen ausgehandelt wird?
Die ursprüngliche Idee zu diesen 2017 entstandenen,
bebilderten Reflexionen über Europa stammt von Markus Weber, dem Leiter
des Frankfurter Moritz Verlags. Er bat die Illustrator*innen
der in seinem Haus erscheinenden Kinderbücher, ihre Gedanken zu Europa
aufs Papier zu bringen. Die damals entstandenen Bilder aus fünf
europäischen Ländern wurden auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert,
dann im Berliner Bundesministerium für Arbeit und Soziales ausgestellt
und später versteigert. Doch die Idee ging auf Wanderschaft, und viele
weitere Illustrator*innen, insbesondere auch aus Großbritannien, nahmen
Papier und Stift zur Hand, um ihrem Glauben an Europa oder ihrer Kritik
am Brexit bildreich Ausdruck zu verleihen.
Ob in Form einer mit 12 gelben Sternen jonglierenden Kuh
von Kristina Andres („Genau wie beim Jonglieren muss Europa viel üben,
damit es klappt“) oder als zirkusreif balancierende, Fahnen schwenkende
Tiere auf einem schwarzen Stier von Thé Tjong-Khing („Die Europäische
Union als schwieriger Balanceakt“), fast überall ist unübersehbar, dass
Europa mehr ist als eine heterogene Gruppe von Ländern. Auffällig oft
stellen die Illustrator*innen die Länder Europas als spielende Kinder
dar. Und vielleicht ist das die hoffnungsvollste Deutung der aktuellen
Europäischen Union: Kinder, die spielerisch und kreativ lernen,
miteinander auszukommen, Kompromisse zugunsten der Gruppe einzugehen und
ihre Unterschiede als Stärken zu erkennen. Der deutsche Illustrator
Andreas Német stellt den Leser*innen gar eine Europakarte zur Verfügung,
die nur aus Länderkürzeln besteht und auf den ersten Blick an „Malen
nach Zahlen“ erinnert. Német fordert auf, die persönlichen Verbindungen
zu und zwischen den einzelnen Ländern selbst einzuzeichnen. Hier wird
vielleicht besonders klar, dass jeder von uns mitbestimmt, was Europa
heute und in Zukunft für uns ist oder werden kann.
In witziger, aussagekräftiger und oft subtil
nachdenklicher Form regt dieses Büchlein – vielleicht gerade jetzt, kurz
vor der Europa-Wahl am 26. Mai – zum Nachdenken und Sprechen über
Europa an. 45 europäische Ideen sind hier, ganz wie Europa selbst, in
Vielfalt vereint!
Was lieben wir? Was fürchten wir? Illustriert von Susan Schädlich. Ab 12 Jahre
Beltz & Gelberg, 16,95 € 978-3-407-81245-2
Europa! Alle sprechen immer darüber, doch was ist das
eigentlich? Was versuchen wir da eigentlich immer vor Populismus und
Nationalismus zu schützen? Natürlich ist Europa der Kontinent, auf dem
wir leben, keine Frage, doch ist Europa nicht noch viel mehr? Steht
dieser Kontinent, dieser Zusammenschluss der Länder, nicht auch für
Frieden, Gleichheit und Menschenrechte? Und was wissen wir eigentlich
über die EU? Klar, irgendwie bestimmt die EU unseren Alltag, doch die
meisten Menschen wissen nicht wie. All diese Fragen und noch einige mehr
werden in dem Buch Fragen an Europa geklärt. Man wird mit
einigen Grundinformationen, die auch schon sehr interessant sind, in das
Buch eingeführt. Weißt du zum Beispiel, wie viele Menschen in Europa
leben und wie viele Sprachen in Europa gesprochen werden? Und ist dir
eigentlich klar, dass es nicht nur eine, sondern viele verschiedene
Definitionen von Europa gibt?
Das Buch kommt mit 60 Fragen an und über
Europa daher. Einige sind eher allgemein gehalten, zum Besipiel was
eigentlich Populismus oder Pluralismus sind, andere sind sehr spezifisch
auf Europa bezogen, wie zum Beispiel, welche besonderen Zugstrecken
durch Europa verlaufen. Alles wird mit Hilfe sehr einfacher und doch
aufschlussreicher Schaubilder illustriert, die sehr nett gestaltet sind,
wie bei Frage 32: „Wer hatte die Idee für die EU? Meilensteine in
Bildern“. Die Absicht des Buches ist es, junge Menschen zum Nachdenken
über Europa anzuregen, und laut den Autoren hat man das Buch nur dann
wirklich verstanden, wenn man mit mehr Fragen aus dem Leseerlebnis
herausgeht als man vorher hatte. Ihr Wunsch ist es natürlich, dass
Menschen durch dieses Buch Europa lieben lernen, wie sie es tun, da es
offensichtlich viele Menschen gibt, die vergessen haben, was wir an
Europa eigentlich haben.
Mir hat das Buch sehr gut gefallen, da es ein für mich
sehr interessantes Thema vorstellt. Außerdem gehen die Autorinnen auf
einen der wichtigsten Punkte ein, die für ein funktionierendes Europa
eigentlich nötig und die Gegenbewegung zum Rechtsruck in Europa wäre:
Pluralismus! Er ist wahrscheinlich eine der wenigen Chancen, die wir
noch gegen den Gedanken des Nationalstaates haben. Also lasst uns diese
ergreifen, um dem fortschreitendem Populismus die Stirn zu bieten.
Anfangen sollten wir damit, uns gut über Europa und die EU zu
informieren und Möglichkeiten zur positiven Veränderung zu entwerfen.
Genau dafür ist dieses Buch perfekt.
Diskussionsabend mit Sandra Seubert und Claus Leggewie
Montag 6. Mai 2019, 20.00 Uhr
In Bezug auf Europa wird nicht mehr nur von anti-europäischen Kräften mobilisiert. Im Gegenteil: pro-europäische Bewegungen erinnern inzwischen über nationale Grenzen hinweg an das Versprechen, das mit der Einführung eines Europäischen Bürgerschafts-Status im Maastrichter Vertrag von 1992 verbunden war: das Europäische Projekt ist nicht allein Sache der Staaten, sondern der BürgerInnen Europas selbst. Im Vorfeld der Europawahl wollen wir an diesem Diskussionsabend Chancen und Grenzen eines pro-europäischen Aktivismus und Forderungen nach einer demokratischen „Neugründung“ erörtern.
Sandra Seubert, Prof. Dr., ist Professorin für
Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Politische Theorie an der
Goethe-Universität sowie Goethe-Fellow am Forschungskolleg Humanwissenschaften,
wo sie zu Perspektiven Europäischer Bürgerschaft arbeitet.
Claus Leggewie, Prof. Dr., ist
Politikwissenschaftler, war u.a. von 2007 bis 2017 Direktor des
Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen, ist Inhaber der Ludwig-Börne-Professur
an der Uni Gießen und Mitherausgeber der »Blätter für deutsche und
internationale Politik«.
Kronos‘ Kinder
ist die Geschichte der Recherche des Historikers Kirill zu seinen
deutschen Vorfahren, von denen der erste 1830 aus Leipzig ins Russische
Kaiserreich gekommen ist. Leitmotiv ist die Erinnerung Kirills an einen
Vorfall, den er in seiner Kindheit beobachtet hat. In dem russischen
Dorf, in dem seine Großmutter lebt, beobachtet das Kind, wie ein
invalider Veteran des Zweiten Weltkriegs, nachdem er sich am Jahrestag
seiner Verwundung betrunken hat, eine Schar Gänse niederschießt und sie
dabei als deutsche Feinde wahrnimmt. Für Kirill spricht diese Szene für
das besondere Verhältnis zwischen Russen und Deutschen, das er dann auch
in der Geschichte seiner deutschen Vorfahren immer wieder zu erkennen
glaubt.
Erzählt wird die von Lebedews eigener Familiengeschichte
inspirierte Geschichte aus Kirills Perspektive in der dritten Person. Er
fährt zu den historischen Schauplätzen seiner Familiengeschichte, nach
Leipzig, Halle, Münster und Zarizyn/Stalingrad/Wolgograd und denkt sich
hinein in seine Vorfahren, deren Perspektive dann ab und zu durch die
seine hindurchscheint. Es bleibt aber deutlich, dass es stets Kirills
Imaginationen sind, die hier sprechen, sodass die Perspektivenvielfalt
eine scheinbare bleibt.
Es ist Kirills Großmutter Lina, die den Ausschlag für
seine Recherche gibt, als sie ihm sagt, dass sie als Karolina Schwerdt
geboren wurde und ihre Vorfahren Deutsche gewesen seien. Sie nimmt
Kirill früh mit auf den sogenannten „Deutschen Friedhof“ in Moskau und
öffnet ihm dadurch einen in der Sowjetunion unerwarteten Blick auf die
fremde Welt seiner Vorfahren. Im Zuge seiner Recherchen stößt Kirill auf
die Geschichte von Balthasar, einem Homöopathen, der 1830 nach Russland
ging. Kirill folgt der männlichen Linie der Schwerdts, Ärzte und
Ingenieure, bis zu der Geschichte seiner Großmutter. Dabei interessiert
ihn stets, welche Rolle das Deutschtum für seine Vorfahren und ihre
Schicksale gespielt hat. Hätte seine Großtante die Blockade von
Leningrad überlebt, wenn sie keine Deutsche gewesen wäre? Hätte seine
Großmutter auch den zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit überlebt,
wenn sie nicht die Möglichkeit gehabt hätte, durch ihre Heirat mit einem
Russen den deutschen Namen abzulegen?
Kirill, dem der Leser bei der Rekonstruktion seiner
Familiengeschichte folgt, stellt Spekulationen über die Ansichten und
Beweggründe seiner Vorfahren an, ist ständig bemüht, aus den Ereignissen
auf sein eigenes Leben zu schließen, und versucht, transhistorische
Konstanten auszumachen, die er „Algorithmen“, „Lebensmuster“ oder „Reime
des Schicksals“ nennt und die ihn nicht selten zu pauschalen Urteilen
verleiten. Seine Schlussfolgerungen zu den Beweggründen historischer
Figuren scheinen aber nicht nur die Darstellung zu beeinflussen, sondern
auch die Ereignisse in der Vergangenheit selbst. Wie ein Gott greift er
ein, zieht Vergleiche, setzt Verhältnisse und ordnet damit alles neu.
Seine Rolle ist ihm dabei bewusst wenn es heißt, „er war derjenige, der
alles sah“ (245).
Vor dem Hintergrund der großartigen, bereits ins Deutsche übersetzten Romane Lebedews, Der Himmel auf ihren Schultern (2013) und Menschen im August
(2015), ist dieses Buch deshalb zunächst ärgerlich: Es ist ermüdend,
den Spekulationen Kirills über die Beweggründe seiner Vorfahren zu
folgen, die ihn dann wie von Zauberhand auf die richtige Spur lenken.
Die Methode des Erzählers, intuitiv historische Zusammenhänge zu
erkennen, wird hier nicht nur exzessiv und mit scheinbar
selbstverständlichen Erfolgen verfolgt, sie wird auch explizit benannt.
Mit fortschreitender Lektüre aber wird deutlich, dass dieses
Thematisieren und Ausreizen nicht einfach Kitsch ist, sondern vielmehr
neue Bereiche poetischer Opazität öffnet. Denn dieser Roman hat ein ganz
anderes Thema als die vorhergehenden, in denen es um die Vergangenheit
bzw. das Fortleben der Vergangenheit in der Gegenwart ging. Hier geht es
um Kirill, seine Recherche und darüber, wie eine Erzählung entsteht.
Die Rekonstruktion der Vergangenheit und das Verfassen des Buchs darüber
wird für Kirill zu einem einzigen Vorgang: Das Nachdenken über den
möglichen Fortgang der Erzählung fällt in eins mit dem Auffinden neuer
Verbindungsstücke in der Geschichte seiner Vorfahren. Kronos‘ Kinder ist damit ein unfertig wirkender Metaroman mit all der Sperrigkeit und Unabgeschlossenheit, die diesem Genre eignen kann.
Was diesen Metaroman trotz dieser Sperrigkeit zu einem
Genuss macht, sind die so wundervollen Beschreibungen, für die Lebedew
bekannt ist. Dazu gehören zum Beispiel Kirills feinsinnige Beobachtungen
bei der Lektüre des mehrsprachigen Tagebuchs seines Großvaters und die
atmosphärische Beschreibung eines Sommergewitters im Dorf der Großmutter
ganz zu Anfang des Romans. Diese Szenen, in denen der Lesende das
Gefühl absoluter Unmittelbarkeit bekommt, ergänzen die methodischen
Reflexionen des Protagonisten erstaunlich gut.
Auf den Spuren des Auswanderers, der vor 300 Jahren meine Geige baute
Hanser Verlag 26 €
Philipp Blom ist seit seiner Jugend passionierter Geigenspieler. Ursprünglich hatte er selbst professioneller Musiker werden wollen, musste aber einsehen, dass seine Disziplin und Leidenschaft für diesen Weg nicht ausreichen würden, und diesen Plan aufgeben. Er wurde Historiker und Schriftsteller. Die Liebe zum Geigenspiel aber blieb.
Eine italienische Reise beginnt mit einem Besuch des Autors in der Werkstatt des renommierten Geigenbauers und -händlers MR, wo ihm ein Instrument durch seine besondere Gestaltung auffällt. Eine sorgfältig restaurierte Geige, die aber nach einem „Stimmriss“ trotz der Reparatur ihre Stimme verloren zu haben schien. Sie sei um 1800 gebaut worden, sagte der Händler, wahrscheinlich in Oberitalien, aber mit deutlichem Allgäuer Einfluss. Mehr hätte er aber auch nach längeren Recherchen nicht herausfinden können.
Blom, der (was der Leser erst später erfährt) eine harte Zeit voller Schicksalsschläge hinter sich hat, die im Verlust seiner alten Geige gipfelte und ihn völlig blockierte, nimmt die Geige mit nach Hause. Nach Tagen intensiven Spiels erlebt er, wie das Instrument langsam erwacht und seine Stimme wiederfindet – und er zurück zum Geigenspiel. Und noch etwas anderes geschieht: „Jedes mal, wenn ich meine Geige zur Hand nahm (…), fühlte ich, dass ich jemandem begegnete (…). Die Hände des Spielers und des Erbauers trafen sich auf diesem kleinen Instrument …“ Das Interesse des Geigenspielers und Historikers ist geweckt.
Dann folgt Philipp Bloms jahrelange Suche nach dem Ursprung des Instruments, die ihn zu unterschiedlichen Experten führt – in Süddeutschland und Holland, Oberitalien, Wien und London. Er forscht in Archiven, durchforstet Bücher und spezialisierte Datenbanken, umkreist sein Forschungsobjekt, ohne eine eindeutige Spur zu finden.
Als er auf dem Weg der reinen Fakten nicht mehr weiterkommt, konstruiert er den idealtypischen Weg eines Jungen aus dem Allgäu, der im Alter von zwölf Jahren von seiner armen Familie über die Alpen nach Venedig, geschickt wird, um dort in einer der vielen Werkstätten deutscher Instrumentenbauer das Handwerk zu lernen und zu arbeiten. In alten Akten hat er einen Hanns Kurz gefunden, aus dem in Italien Giovanni, im venezianischen Dialekt Zuanne Curci geworden ist. Von einem wie ihm könnte die Geige stammen.
Geschickt verknüpft der Autor unterschiedliche Themenfelder: Die Geschichte des Geigenbaus, des Musiklebens in Venedig um 1800, die Wertsteigerung eines alten Instruments durch die exakte Herkunftsbestimmung (was wenig über den Klang aussagen muss). Er erzählt von Komponisten und Virtuosen, von Meistern, Schwindlern und Scharlatanen im Geigenbaugewerbe. Eine italienische Reise ist ein Buch voller Wissen; lebendig, spannend und warmherzig erzählt, so reich, dass man ihm in einer kurzen Empfehlung nicht gerecht werden kann. In einem fiktiven Dialog gegen Ende des Buches schreibt Blom: „Ich habe Geschichte gesucht und Geschichten gefunden …“ und die zu erzählen ist ihm – zur Freude der Leser – auf hinreißende Weise gelungen.
Keine Eiszapfen, Schneemänner, verschneiten Wälder – die Wettergötter haben ein Problem mit der weißen Pracht. Aber was macht das schon! Bücher sind der beste Ersatz für äußere Missstände und der Rutsch ins neue Jahr ist ohne Eis auch viel sicherer.
Wir wünschen Ihnen in diesem Sinne besinnliche und schöne Weihnachtsfeiertage und einen phantastischen Start ins neue Jahr!
PS: „Zwischen den Jahren“ sind wir ganz regulär für Sie da und an Silvester von 9.00 bis 13.00 Uhr.
Als
Albertine Sarrazin mit 29 Jahren starb, hatte sie einen Großteil ihres
Lebens hinter Gittern verbracht. Ihre Romane hatten für ein Aufsehen
gesorgt, das sie in ganz Frankreich und über seine Grenzen hinaus
bekannt machte. Die Neuübersetzung von Der Ausbruch durch Claudia Steinitz ist dazu angetan dieses großartige Buch erneut ins Gespräch zu bringen.
Anick Damien, die Protagonistin des Romans, sitzt (nicht zum ersten Mal) wegen Juwelendiebstahls und Hehlerei hinter Gittern. Der Ausbruch
stellt ihre Aufzeichnungen während eines Teils dieser Haftzeit dar. Sie
erzählen von den Verhältnissen, Freund- und Feindschaften im Gefängnis
und vor Gericht. Die Arbeit an diesem Roman wie an all ihren anderen hat
Albertine Sarrazin selbst im Gefängnis begonnen. Ob man darin den Grund
für seine Tiefe und brutale Ehrlichkeit sehen will, bleibt den
LeserInnen selbst überlassen.
Anick schreibt nicht zum Zeitvertreib, nicht um die
Haftzeit zu verkürzen oder sie für sich nutzbar zu machen. Ihr Schreiben
ist an sich schon ein Ausbruch, ein Widerstand. Doch ist es kein
eskapistischer Akt: Ihre ausufernden Sprachbilder täuschen nicht über
die Trostlosigkeit und die Brutalität des Knastes hinweg, sondern
arbeiten sich an ihr ab, sind vielleicht der Versuch, die
Gefängnismauern aufzulösen. So wie ihre Ausbruchspläne sich
ausschließlich auf die Dicke der Gitterstäbe, die Höhe der Wände und die
Scherben auf der Außenmauer konzentrieren, so konzentriert sich auch
das Schreiben im Gefängnis auf nichts als das Eingeschlossensein, das
Limitierte, auf den Alltag im Knast. Woraus kann ich mir eine Pinzette
formen, und wo verwahre ich sie so, dass sie nicht entdeckt und
konfisziert wird? Wie kann ich mich gegen meine Mitgefangenen in dem
nervenzerreißenden Spiel zwischen Unterwürfigkeit und Selbstbehauptung
durchsetzen?
Anicks Schreiben und ihre immer wieder neuen Pläne, dem
Gefängnis zu entkommen, sind zwei der drei großen Freiräume im Dasein
der Gefangenen. Der dritte ist die Liebe, denn Der Ausbruch ist
auch ein Liebesroman. So unbeschränkt und radikal wie der Wille der
Protagonistin ist ihre Liebe zu ihrem Freund Zizi. Und immer wieder
scheint auch das Bedürfnis nach Nähe und engster Freundschaft zwischen
ihr und ihren Mitgefangenen auf.
Der alles bestimmende Ausbruch meint zugleich das
Entkommen aus den Mauern des Gefängnisses und den Ausbruch des Vulkans,
der zum Bruch mit den Verhältnissen führt, verweist auf die Einbrüche,
die Anick und Zizi in den Knast gebracht haben, und auf die schmerzenden
Knochenbrüche, die Anick jeden Tag an ihre Flucht vom Tatort erinnern.
Hier muss auf die hervorragende übersetezerische Leistung von Claudia
Steinitz hingewiesen werden, denn Sarrazins Sprache ist durchdrungen von
feingesponnen Bildern und Metaphern, die nicht selten und nicht
zufällig von der Mythologie ausgehen, aber auch, durch Sprachcodes und
Decknamen – Anleihe an die omnipräsente Zensur, die Kontrolle, an den
heimlichen Kassiber-Austausch –, sehr verdunkelt. Das Schreiben setzt
der Profanität des Gefängnisalltags eine Üppigkeit entgegen, die dennoch
keinen anderen Gegenstand haben kann als eben diese Profanität, diese
Kargheit, diesen Überfluss des Mangels, diese Grenzenlosigkeit des
Gefängnisses.
Motor der Geschichte ist der italienische Kolonialismus,
genauer, Mussolinis Eroberungsfeldzug in Äthiopien, der 1935 begann und
fünf Jahre währte. Sangue giusto, Richtiges Blut,
heißt der Roman im Italienischen und verweist damit schon im Titel auf
den faschistischen Rassenwahn und das System strikter Rassentrennung,
das das Regime in Äthiopien installierte. Bis zu zehn Prozent der
Bevölkerung fielen diesem Krieg zum Opfer, den Hungerlagern,
Massenhinrichtungen und Senfgaseinsätzen. Von einem „vergessenen
Völkermord“ spricht der Historiker Aram Mattioli – vergessen, weil ins
Abseits der Erinnerungskultur Italiens geschoben, wo nie eine
glaubwürdige Aufarbeitung der Vergangenheit stattgefunden hat. Die an
der Bevölkerung verübten Gewalttaten der deutschen Besatzer ab 1943
überschatteten die Tätervergangenheit des Landes, es konnte sich fortan
als Opfer sehen oder als antifaschistische Partisanen gegen die deutsche
Besatzung. So überdauerte bis heute in weiten Teilen der Bevölkerung
ein unvollständiges und allzu nachsichtiges Bild des Faschismus.
Francesca Melandri destruiert dieses Bild in ihrem Roman radikal.
„Italien war ein ausgenüchterter Alkoholiker, der wie jeder Verfechter
der Abstinenz nichts von seinem Verhalten während des letzten schlimmen
Rausches wissen will“, schreibt die römische Autorin, die als
Drehbuchautorin und Dokumentarfilmerin bekannt wurde und nun ihren
dritten Roman vorlegt, nach Eva schläft, einem Roman über die
Zwangsitalianisierung Südtirols, und Über Meereshöhe, dessen Thema der
italienische Terrorismus ist.
Die Handlung setzt ein im Jahr 2010, noch regiert
Berlusconi. Ilaria Profeti, Mitte vierzig, Lehrerin und kinderlos, eine
der Hauptfiguren des Romans, ist eine mehr oder weniger typische
Vertreterin des linksliberalen Milieus in Italien: Desillusioniert durch
die fortwährende Untergrabung der Demokratie durch die rechte
Regierung, ist sie gleichwohl als Lehrerin noch immer sehr engagiert.
Alle außer ihr sind korrupt, bigott und unmoralisch. Was sie nicht daran
hindert, eine – verheimlichte – sexuelle Beziehung zu Piero einzugehen,
einem Jugendfreund aus vermögender Familie, der in Berlusconis Partei
Karriere gemacht hat und damit politisch genau das Gegenteil ihrer
Überzeugungen vertritt. Ilaria glaubt, ihr Leben im Griff zu haben, ihre
Familie zu kennen. Bis etwas geschieht, das sie in ihrer Grundfesten
erschüttert: Eines Abends , Ilaria kommt vom römischen Alltag abgekämpft
nach Hause, sitzt auf der Treppe ihrer Wohnung im sechsten Stock eines
Miethauses ein abgerissener junger Mann, dem Aussehen nach ein
Äthiopier, eindeutig ein Geflüchteter; wie sich herausstellt, ein
regimekritischer junger Lehrer, der, um sich der Verfolgung durch das
postkoloniale Regime zu entziehen, „raus musste“ und nach jahrelanger
Flucht durch die Wüste und libysche Lager in Italien landete, wo sein
Asylantrag binnen weniger Minuten abgelehnt wurde. Und dieser junge
Mann, der nun illegal in Land lebt, erklärt Ilaria in perfektem
Italienisch: „Ich heiße Shimeta Ietmgeta Attilioprofeti“. Der Beweis:
sein Pass. Ietmgeta sei der Name seines verstorbenen Vaters, Attilio
Profetis Sohn. Attilio Profeti, das ist Ilarias Vater. Ein Vater, den
sie liebt. Der einst der heranwachsenden Ilaria beichtete, er habe noch
eine zweite Familie, eine Frau, Anita, die er nach der Scheidung von
Ilarias Mutter heiratet, und einen Sohn namens Attilio, nach dem Vater
benannt . Die Erzählung nimmt Fahrt auf. Den hochbetagten Vater kann
Ilaria nicht mehr befragen. Er ist dement. Die Suche nach der Wahrheit
hinter der Behauptung des Jungen, sie sei seine Tante, führt Ilaria
zurück in die italienische Provinz zur Zeit des Faschismus, zur Herkunft
ihres Vaters, und weiter über Rom nach Äthiopien. Denn der Vater hatte
mehr zu verbergen als eine zweite Familie: Er, der vorgegeben hatte,
Partisan gewesen zu sein, entpuppt sich als überzeugter Faschist, der
sich freiwillig für den Abessinien-Feldzug meldete, als Assistent eines
Rassenforschers arbeitete, an Feldzügen und Massakern teilnahm und in
Äthiopien einen Sohn zeugte, den er nie anerkannte. Attilio Profeti ist
eine der wichtigsten Figuren der Erzählung, charmant, liebenswert,
skrupellos, vielschichtig gezeichnet, glaubwürdig, so wie andere
Handlungsträger auch. Flankiert werden sie von zahlreichen Nebenfiguren,
die leider öfter zu Schablonen geraten sind. Die Stofffülle ist immens,
doch der Autorin ist es gelungen, die Zeitsprünge, den häufigen Wechsel
der Perspektiven und Schauplätzen in den einzelnen Erzählsträngen
stimmig ineinander zu binden.
Zehn Jahre hat Francesca Melandri an diesem Roman
gearbeitet, in Archiven geforscht und in Äthiopien Orte der Handlung
aufgesucht, dort nach noch lebenden Zeitzeugen gesucht. Einprägsam sind
viele Szenen, etwa der Angriff auf widerständige Äthiopier, die mit
Senfgas aus ihrem Felsenversteck getrieben und getötet werden. Fast
schon satirisch die Beschreibung von Gaddafis berühmten Besuch in Rom,
der die Stadt in einen Ausnahmezustand versetzte. Gleichwohl seien
manche stilistische Entgleisungen erwähnt, etwa wenn es heißt, “die
Hochebene des Wollo und des Shoa” seien “so ausgetrocknet wie die Knie
von Hundertjährigen”. Auch die Übersetzung hätte bisweilen ein
sorgfältigeres Lektorat verdient. Das ist schade, keine Frage. Aber es
ändert nichts daran, dass Francesca Melandri ein weiterer Roman gelungen
ist, dessen Stärke darin liegt, historisch fundiert zu entwickeln,
warum das heutige Italien ist, wie es ist.
ab 18 Uhr: Lesen und Zeichnen rund um Toni. Und alles nur wegen Renato Flash
Fast genau einen Monat vor Heiligabend zaubert Philip Waechter Weihnachtswünsche und Fußballträume auf unsere Fensterscheiben – und Ihr dürft schauen und staunen, bevor wir im Warmen mit dem berühmten Kinderbuchillustrator zum Zeichenstift greifen: Vielleicht erfindet er eine neue Figur oder eine neue Geschichte mit Euch? Ein Weihnachtsmärchen oder einen Heldinnenroman? Auf alle Fälle aber dürft Ihr Tonis Abenteuern in Waechters neuem Buch lauschen: Toni. Und alles nur wegen Renato Flash.
Eine Reise flussaufwärts. Aus dem Englischen von Sigrid Ruschmeier
In den ersten Lebensjahren wurde Katherine Norbury liebevoll in einem Kloster von Nonnen aufgezogen. Ihre Mutter war zur Niederkunft dort aufgetaucht und direkt danach wieder verschwunden. Später wurde Katherine von einem Ehepaar, das sich ein weiteres Kind wünschte, adoptiert. Dass sie nicht das leibliche Kind ihrer Eltern ist, zu denen sie ein inniges Verhältnis hat und die für sie stets ihre wirklichen Eltern waren, wurde von diesen nur einmal erwähnt und dann nie wieder thematisiert. Norbury scheibt, sie habe die Frau, die sie zur Welt gebracht hat, nie vermisst. Aber als sie längst erwachsen und verheiratet ist und selbst eine Tochter hat, entsteht nach einer Reihe von Schicksalsschlägen in ihr der Wunsch zu erfahren, woher sie stammt und warum sie weggegeben wurde.
Sie beginnt, Nachforschungen anzustellen. Ihre Suche dauert eine Reihe von Jahren, unterbrochen vom „normalen“ Gang des Lebens. Als sie schließlich vermeintlich am Ziel anlangt, ist vieles ganz anders, als sie es sich früher gedacht hatte. Ihr Weg zum Ursprung ihres Lebens verschränkt sich mit einem anderen, von ihr schon lange gehegten, Wunsch: Da sie immer schon gerne durch die einsamen Landschaften Nordenglands gewandert ist, beschließt sie, einem Fluss vom Meer bis zur Quelle zu folgen.
„Nature Writing“, Bücher, die sich auf literarische Weise mit Tieren, Pflanzen, Landschaften und dem Verhältnis des Menschen zu und in der Natur beschäftigen, ist in den letzten Jahren auch hierzulande immer populärer geworden. Viele dieser Bücher üben eine ruhige, soghafte Faszination aus. Obwohl der Autor im Text stets präsent ist, ist er nur indirekt Gegenstand des Erzählten. Auch in Die Fischtreppe korrespondieren Innen und Außen wechselseitig, aber im Gegensatz zu vielen – zumeist von Männern verfassten – Büchern spart Katherine Norbury das Persönliche nicht aus.
Sie erzählt auf beeindruckende Weise von den Landschaften, die sie durchwandert. Nicht gierig nach dem einmaligen Kick des Außergewöhnlichen, der nach steter Steigerung verlangt, sondern langsam, mit offenen Sinnen. Berührbar für alles, was da kommt. Für Unsicherheit, Erschöpfung, Freude und Schönheit. Für Licht, Geräusche, Sonne. Kälte, Schwingungen und Stimmungen. Aber obwohl es sie in die „wilde“ Natur zieht und zu einsamen Wanderungen drängt und trotz ihres Muts, mit mangelhaftem Kartenmaterial durch neblige Wasserlandschaften zu gehen, hat sie auch Ängste. Vor verschmutztem Wasser, davor, im Nebel im Moor vom Weg abzukommen oder auch vor einem Mann, der ihr an einem einsamen Strand begegnet. Diese Berührbarkeit und Beharrlichkeit sind es auch, die sie, nach einer Reihe von Schicksalsschlägen dazu bringen, ihrer eigenen Herkunft nachzugehen. Die Fischtreppe erzählt von den beiden Wegen, auf denen sie durch Höhen und Tiefen zum Ursprung findet.
Ruth Roebke, Bochum
Zur Autorin / Zum Autor:
Katharine Norbury, in Liverpool geboren, arbeitete lange als Produktionsassistentin fürs Fernsehen, bevor sie sich im Zuge einer schweren Krankheit eigenen Schreibprojekten zuwandte. Dabei entstand ihr 2015 veröffentlichter Debütroman The Fish Ladder, für den sie gleich mehrere Auszeichnungen und Nominierungen in Großbritannien erhielt.