Buchempfehlung

Luchterhand Verlag
978-3-630-87251-3
16 €

Louise Glück

Averno

Christian Metz sprach in seinem Buch Poetisch denken (Fischer Verlag, 2018) von unserer Gegenwart als einer Blütezeit der deutschsprachigen Lyrik. Aber auch international ist die Rezeption von Lyrik in den letzten Jahren wieder gestiegen. Insbesondere aus dem englischsprachigen Raum ist etwa mit den Übersetzungen von Anne Carson (Kanada), Alice Oswald (UK) und Ocean Vuong (US) für die deutsch- und zweisprachige Leserschaft viel Spannendes zu entdecken gewesen. Vorläufiger Höhepunkt der internationalen Aufmerksamkeit ist aber wohl die Auszeichnung von Louise Glück mit dem Nobelpreis für Literatur 2020.

Ihr Lyrikband Averno, der bereits 2008 in der Übersetzung von Ulrike Draesner im Luchterhand Verlag erschien und jetzt neu aufgelegt worden ist, besteht aus zwei Gedichtzyklen. In ihnen treten zwei Hauptthemen der Lyrik Glücks besonders deutlich hervor: die physische Erfahrung und das Schauspiel der Jahreszeiten einerseits und die Erinnerung an eine Kindheit andererseits. Dabei entsteht bei Louise Glück eine zerrissene Zeitlichkeit; das Vergangene bleibt als Erinnerung ewig anwesend und präsent, während das zyklische Wiederkehren der Jahre Stillstand hervorbringt. Zur Verdeutlichung: Das Gefühl des Neubeginns, das dem Frühling wie ein Klischee, aber auch wie eine kindliche Vorstellung anhängt, der wir uns nicht entziehen können, wird in dem Gedicht Oktober, das den ersten Gedichtzyklus eröffnet, mit offenherzigem Erstaunen und Verzweiflung als vergangen und vergeblich erkannt. „Ist es wieder Winter, ist es wieder kalt […] war nicht die Nacht vorbei, | flutete nicht das schmelzende | Eis die engen Rinnsteine || wurde mein Körper nicht gerettet, war er nicht in Sicherheit […]?“. Das ganze Gedicht entfaltet sich entlang der einen Frage, ob es nicht Frühling gewesen sei. Man kann nun mit Recht sagen, dass diese Beobachtung nicht neu ist, aber das Neue ist auch nicht Glücks Gegenstand. „War die Nacht nicht vorbei?“ – darin steckt die so naive wie ehrliche Frage: Ist es nicht eine Zumutung, ist es nicht eigentlich unbegreiflich, dass die Zeit vergeht? Dass Tod und Winter immer wiederkehren, dass Heilung temporär ist? Im zweiten Teil des Bandes verlässt ein verzweifelter Farmer sein Feld, als er sieht, dass es nach einem alles vernichtenden Feuer wieder von Neuem zu wachsen beginnt: „Die Natur, stellt sich heraus, ist nicht wie wir; sie hat keinen Speicher für Erinnerung. Das Feld hat nicht plötzlich Angst vor Streichhölzern“. Glücks Dichtungen sind im Gesamten genommen solche reduzierenden Rückführungen. Sie lenken die Aufmerksamkeit auf Widersprüche und Fragen, die wir mit der Zeit zu relativieren gelernt haben. Die Schlichtheit ihres Ausdrucks ist demnach auch nicht in erste Linie als postmoderne Sachlichkeit zu verstehen. Der Mythos ist nicht nur durch die Figur Persephones, die als Verkörperung sowohl der verlorenen Kindheit als auch der wiederkehrenden Jahreszeiten die Galionsfigur von Averno ist, das Leitmotiv der Dichtung, sondern auch in der durch die Ernsthaftigkeit, mit der einfache und grundsätzliche Fragen gestellt und Beobachtungen gemacht werden. Glück wehrt romantisierende und symbolische Aufladungen nicht mit großer Geste ab, sondern vertraut darauf, dass sie sich beim Lesen von selbst als Fehllektüre erweisen. Das Feld ist wirklich nur ein Feld, aber was heißt nur? Glücks Dichtung zeichnet sich bei genauerem Hinsehen durch eine Art Abwesenheit des Metaphorischen und Symbolischen aus. Lassen sich gerade Natur und Kindheit überhaupt (noch) als solche betrachten? Und das auch noch in der Form der Poetik? Mit der Lektüre Glücks lässt sich dieser Versuch unternehmen.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

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Buchempfehlung

Das Buch ist zugleich Roman, Memoir und Essay, und die vielen großartigen Dialoge lesen sich wie ein Theaterstück. Gekonnt vermischt Akhtar Fakt und Fiktion, um eine überaus spannende Einwanderergeschichte zu erzählen, in deren Mittelpunkt Vater und Sohn stehen, die wohl nicht zufällig die gleichen Namen wie der Autor und sein Vater tragen. Erzählt wird aber nicht nur eine Familiengeschichte, sondern auch die Geschichte des langsamen und stetigen Verfalls einer Nation, der in dem Neoliberalismus der 80er seinen Anfang hat, und an dessen Ende die Präsidentschaft Trumps steht.

Der Roman beginnt im Jahr 2016 mit der Kandidatur Trumps und dem Beinahe-Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn, denn der Sohn erkennt die Gefahren für die Nation, während der Vater ein glühender Bewunderer von Trump ist. Diese Bewunderung hat ihren Anfang in den 90ern, als Sikander Akhtar, Donald Trump als Arzt behandelt. Aus einer anfänglichen gegenseitigen Beargwöhnung wird fast so etwas wie eine Freundschaft. Ob diese Begegnung wirklich stattgefunden hat, sei dahingestellt, deutlich wird aber, wie manipulativ Trump agiert und sich die Zuneigung des Vaters letztlich erkauft. Am Ende des Romans distanziert sich der Vater von dieser Bewunderung, denn Trump ist mittlerweile 2 Jahre im Amt: Populismus und Hetze sind der neue politische Ton, Statements zu weltpolitischen Geschehnissen werden in würdelosen Kurznachrichten gepostet – in Sikanders Augen hat Trump sein Amt missbraucht und beschädigt. Beruflich wie privat gescheitert, aber nicht verzweifelt, geht er zurück nach Pakistan, das er nach Jahren des Leugnens als seine wahre Heimat ansieht.

Der Autor holt dabei weit aus. Von dem Grauen des Indien-Pakistan-Konfliktes, der die Eltern zur Emigration treibt, führt er den Leser über den Afghanistan-Konflikt durch die postkoloniale Kriegsszenerie der letzten Jahrzehnte in das Amerika nach 9/11. Weltpolitik hat immer unmittelbaren Einfluss auf die Familiengeschichte, und die Konflikte ziehen dabei oft tiefe Gräben durch die eigene Familie.

Der Sohn, nach anfänglichen Schwierigkeiten mittlerweile ein anerkannter Autor, sucht lange nach einer inneren Heimat, die er zunächst in der Literatur findet. Die zunehmenden Anfeindungen gegen Muslime nach 9/11, denen er sich, obwohl er sich selbst nie als Moslem gesehen hat, immer häufiger ausgesetzt sieht, lassen ihn nach seiner kulturellen Identität fragen, die er aber nicht selbst bestimmen kann, weil sie ihm von außen gegeben wird. Er schreibt sich frei und bekommt dafür die höchste literarische Anerkennung: den Pulitzerpreis. Obwohl scheinbar angekommen, bleibt er doch immer der Exot, der Fremde. Hier wird das Buch fast zum Coming-of-ageRoman.

Die vielen großen Themen des Buches werden wie in einem Theaterstück durch das Auftreten verschiedener Figuren in großartigen Dialogen mit dem Erzähler behandelt.

So erklärt zum Beispiel ein Hedgefond-Manager, wie er auf einem persönlichen Rachefeldzug viele Städte in die Pleite und Armut getrieben hat, wie er mit Geldern anderer spielt, um sich selbst zu bereichern. Der Erzähler ist zunächst bestürzt, kommt aber selbst durch ein zwielichtiges Insidergeschäft zu Reichtum. Auch das ist einer dieser inneren Widersprüche, denen sich der Erzähler stellen muss.

Der ungebremste Kapitalismus, der so viele Existenzen ruiniert und ganze Städte und Landstriche verödet hat, ein Krankensystem, das einen Großteil der Bevölkerung ausschließt, und die immer größere Kluft zwischen Arm und Reich sind ein Teil der amerikanische Realität. Ein Präsident, der Populismus und Hass schürt, bringt das Land an den Rand der Spaltung, so lautet das Fazit des Romans. Wie recht der Autor damit hat, mussten wir leider erleben. Den Präsident sind wir jetzt los, aber die Wunden müssen aber heilen.

All den Lesern, die die aktuelle politische Lage in den USA begreifen wollen, sei die Lektüre von Homeland Elegien von Ayad Akhtar dringend empfohlen.

Homeland Elegien ist kein Klagelied, sondern ein vielschichtiger Roman, spannend erzählt und sehr klug.

Andrea Schulz, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Inventur

Am kommenden Samstag, den 9. Januar 2021 zählen wir unsere Bücher und haben deswegen geschlossen.

Ab Montag, den 11.1., 9 Uhr sind wir wieder für Sie da!

Öffnungszeiten zum Jahresende

Liebe Kundschaft,

der Laden ist noch voller Geschenke und Schätze für Euch und Eure Lieben. Auch Bestellungen können heute noch bis 18h aufgegeben werden. Wenn das Buch lieferbar ist, könnte es morgen sogar noch unterm Baum liegen.

Vor allem aber wollten wir uns für die Treue und alle Aufmunterung und Unterstützung in diesem verrückten Jahr bedanken. Durch Euch hat der Laden 2020 bisher gut überstanden und wir freuen uns schon alle sehr, wenn wir Euch mal wieder glücklich im Laden haben dürfen.

Öffnungszeiten morgen und zwischen den Jahren:
Am 24. Dezember sind wir zwischen 9 und 13h da.
Am 28., 29., 30. Dezember und ab Montag, den 4. Januar 2021 sind wir wie gewohnt zwischen 9 und 19h da.

Geschlossen haben wir am:
Do., 31. Dezember,  Fr. 1. und Sa. 2. Januar
und zusätzlich auch Samstag 9. Januar 2021 (Inventur).

Mit besten Grüßen
Eure Autorenbuchhändler*innen

Weihnachtsbestellungen 2020

Illustration von Jörg Mühle in Ullrich Hubs Das letzte Schaf

Ab Mittwoch, dem 16. Dezember gilt:

Zum Stöbern ist unser Laden geschlossen, aber wir sind weiter für Euch da!

Alle Weihnachtsbestellungen können an unserer Abholstation im Laden abgeholt werden.

Dazu einfach zu unseren Öffnungszeiten vorbeikommen und einzeln eintreten.

Unsere Abholstation ist von 10 – 18 Uhr geöffnet.

Telefonisch sind wir von 9 – 19 Uhr erreichbar.

Bestellungen, die wir nicht im Haus haben, sind in der Regel ab dem übernächsten Tag ab 11 Uhr abholbereit. Wegen des erhöhten Bestellaufkommens also einen Tag später als gewohnt.

Bestellungen könnt Ihr wie folgt aufgeben:

per Mail: info@autorenbuchhandlung-marx.de

per Telefon: (069) 72 29 72

online über: kommbuch.com

Erweiterte Ladenöffnungszeiten und Weihnachtsservice


Da ist ein Baum,
ist immer grün,
wächst nicht in der Savanne.
Wächst da, wo Deutschlands Blumen blühn,
und winters auf ihm Kerzen glühn –
wie heißt der Baum?
„Marianne?“


Liebe Freundinnen und Freunde des unabhängigen Buchhandels, werte Kundschaft,

mit diesen Zeilen Robert Gernhardts auf die schöne, schöne Tanne* möchten auch wir darauf hinweisen, dass dieses Jahr Weihnachten früher anfängt und länger dauert und wir uns den Humor nicht nehmen lassen wollen!
In welcher Stimmung auch immer Sie gerade sind: Sie sind herzlich willkommen, wir schenken Ihnen all unsere Buchempfehlungen und

Erweiterte Ladenöffnungszeiten ab Montag, den 23. November
Mo­­­–Fr von 9 bis 20 Uhr
an den Adventssamstagen von 9 bis 18 Uhr


Lieferdienst
All jenen, die unsere schöne Buchhandlung nicht besuchen können, und auch jenen, die vor Ort bestellen und bezahlen und sich die Abholung sparen möchten, liefern wir die Bücher mit dem Fahrrad (Unkostenpauschale € 1,50).

Geschenkservice
Wir verpacken gerne Ihre Bücher, bitte geben Sie uns schon bei der Bestellung Bescheid.

Bestellung und Beratung
am schönsten im Laden; per Mail info@autorenbuchhandlung-marx.de; per Telefon 069-722972 oder über www.kommbuch.com

Buchempfehlungen
hier und unter www.kommbuch.com finden Sie jeden Monat neu unsere persönlichen Empfehlungen: Buchtipps gibt es auch auf unseren Social-Media-Kanälen Facebook und Instagram

Weihnachtsempfehlungen
Gibt es in Kürze hier und per Mail.

Wir freuen uns auf Sie!
Herzlichst Ihre AutorenbuchhändlerInnen

*aus: Naturkunden #67, Tannen. Wilhelm Bode (Matthes & Seitz, € 20.-)

Buchempfehlung

Jana Volkmann

Auwald

Verbrecher Verlag
20€

Als ihr Portemonnaie inklusive der Fahrkarte zurück nach Wien geklaut wird, verschwendet Judith keinen Gedanken daran die Polizei zu verständigen oder die Diebin zu stellen. Stattdessen beobachtet sie, wie diese statt ihrer die Fähre besteigt. Judith nimmt aus der Distanz fast zärtlich Abschied von ihr. Das Boot wird jedoch nie in Wien ankommen und gilt schon bald als verschollen. Wie vom Erdboden verschluckt, bleibt das Verschwinden vollkommen unerklärlich. Schon bald werden Suchtrupps aktiv. In dem Moment, da Judith realisiert, dass sie – als angeblich Passagierin – ebenfalls als verschollen gelten muss, trifft sie eine Entscheidung. Ohne einen Blick zurück schlägt sie sich in eine unerwartete Wildnis.

Jana Volkmanns kurzer Roman kreist um die Themen der Entfernung, Betrachtung und Einsamkeit. Anders als man aber bei dieser Beschreibung denken könnte, ist es eine ungebrochene Leichtigkeit, die diesen Text auszeichnet. Die gerade beschriebene gegenwärtige Handlung, wechselt sich mit Erinnerungen Judiths an ihr zurück gelassenes Leben ab, in welchen wir die gleiche Beobachtungsweise der Protagonistin erkennen können: Halb staunend, halb ironisch betrachtet Judith Menschen wie Gebäude und Ereignisse gleichermaßen distanziert aber nicht ohne Interesse. Der Text ist weit davon entfernt psychologische oder soziologische Erklärungsansätze dafür zu finden. Judith erscheint weniger als tragischer Einzelgänger, denn als schräge Kultfigur. Über die Entscheidung ihrem Leben den Rücken zu kehren, erfahren wir nichts als die Erleichterung, die dieser Schritt bei Judith auslöst.

Jana Volkmanns Stil ist dabei im aller besten Sinne unterhaltsam. Die Flucht der Protagonistin trägt teils absurd apokalyptische Züge, die Figuren, die ihr begegnen sind schräg und erinnern fast an die Geschichten des Simplicissimus. Diese Szenen wechseln sich mit langen, unaufgeregt und von Pathos freien Naturbetrachtungen ab. Obwohl das Thema der Distanz sich wie ein roter Faden durch den Text zieht, erscheint ebenso, wie als Negativ-Abzug, immer wieder die Möglichkeit oder die Hoffnung auf Zärtlichkeit auf; mit der bittersüßen Erkenntnis, dass die LeserIn Judith nach nur knapp 200 Seiten wieder ziehen lassen muss.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt