Buchempfehlung – Lydia Tschukowskaja “Untertauchen”

untertauchenIm Februar 1949 verbringt die russische Dichterin Nina Sergejewna einige Wochen in einem Sanatorium für Künstler in der Nähe von Moskau auf dem Lande. Sie hofft darauf, dort „untertauchen“ zu können. In Stille und Abgeschiedenheit, fern von dem, was ihren Alltag in Moskau quälend macht: das Zusammenleben mit den willkürlich zusammengewürfelten Menschen in der „Kommunalka“, die Sorgen um die Tochter, die Erinnerungen an den spurlos verschwundenen Mann. Für vier Wochen wird sie versorgt werden, sich um nichts kümmern müssen. Und der größte Luxus ist für sie ein Zimmer für sich allein.

Das Sanatorium entpuppt sich als Zauberberg en miniature. Eine kleine, abgeschlossene Gruppe von Menschen, die bei den gemeinsamen Mahlzeiten zusammen sitzt, bei medizinischen Anwendungen nur durch Vorhänge getrennt in der Badewanne liegt, sich auf Spaziergängen trifft. Die wichtigsten von ihnen sind ein Regisseur mit seiner jungen Begleitung, die sich krampfhaft jugendlich gebende Hauswirtschafterin, ein junges Mädchen, das dort arbeitet, ein alter jüdischer Dichter, ein eitler Journalist. Schnell sind Nina Sergejewna ihre Mitmenschen zuwider. Jeder bewegt sich im Kosmos seiner persönlichen Eitelkeiten, verkündet seine Meinungen ungefragt, und sie kann weder der Parteipresse noch den ideologischen Radiosendungen entgehen.

Aber da ist auch noch der chamäleonhafte Schriftsteller Bilibin. Ein Mann, der viele Gesichter und Stimmen hat und der sie, fast gegen ihren Willen, fasziniert. Als sie auf einem gemeinsamen Spaziergang erfährt, dass er in einem Straflager war, hofft sie, mehr über das Leben dort und damit vielleicht über die Umstände erfahren zu können, unter denen ihr Mann getötet wurde. Eine zarte Freundschaft bahnt sich zwischen den beiden an, und für Momente eröffnet sich für Nina Sergejewna die Möglichkeit einer neuen Beziehung mit einem Gleichgesinnten. Bis sie enttäuscht feststellt, dass auch Bilibin den Weg der Anpassung gehen wird und sie seine „wahre“ Stimme nur im Geheimen hören kann, während sie mit ihrer leidenschaftlichen Verteidigung der vom Regime geächteter Dichter Gefahr läuft, selbst ins Visier linientreuer Genossen zu geraten.

Die 1907 geborene Lydia Tschukowskaja hat sämtliche Phasen der russischen Gesellschaft nach der Revolution erlebt. Prägend war für sie die Zeit des großen stalinistischen Terrors, in der ihr damaliger Mann spurlos verschwand. Sie muss eine sehr mutige und widerständige Frau gewesen sein, die sich für Schriftsteller einsetzte, die Publikationsverbot hatten. Der 1949 begonnene Roman „Untertauchen“ erschien zuerst 1972 in Amerika und führte dadurch 1974 zu ihrem Ausschlussaus dem Schriftstellerverband. (Ihre beeindruckende Rede vor dem Verband hat der Verlag dankenswerterweise im Anhang abgedruckt.)Das gesellschaftliche Klima, das sie in „Untertauchen“ beschreibt, war ihr zutiefst vertraut, und wie sie mit jeweils wenigen Sätzen die Atmosphäre des Sanatoriums und die Menschen, die darin arbeiten, sowie die Gäste beschreibt, ist meisterhaft. Ist der Ton der Ich-Erzählerin anfangs noch etwas naiv-poetisch, wandelt er sich im Laufe des Romans zu Melancholie und Ernüchterung. Die wenigen handelnden Personen und erzählten Situationen führen dem Leser die Stimmung der Zeit vor: Intellektuellenfeindlichkeit, Denunziation, Einsamkeit, Verhaftung, Verhöre, Lager machen die Menschen zu Tätern und Opfern – häufig beides in einer Person. Es gibt diejenigen, die ahnungsvoll auf den nächsten Tag blicken, und die, die sich anpassen, aber wissen, dass auch ihr Untergang jederzeit kommen kann. Nichts und niemand ist in diesem System sicher. Heute trifft Verfolgung und Hetze Juden und Kosmopoliten, morgen werden es andere sein. Und so drehen die meisten ihr Fähnchen nach dem Wind, denn wer heute noch verteidigt wird, kann morgen schon zum Ausgestoßenen werden.

„Untertauchen“ ist ein bitteres Zeitportrait. Dass man es trotzdem mit großer Freude liest, verdankt sich Tschukowskajas ruhiger, schnörkelloser und doch poetischer Sprache, die selbst eine kafkaesk anmutende Erzählung in der Erzählung, in der Frauen im tiefsten Winter vor einer Kommandantur stehen, um Informationen über den Verbleib ihrer Männer zu erhalten, eine tiefe Kraft gibt. Wie gut, dass der Dörlemann Verlag das Buch, das in den siebziger Jahren schon einmal auf Deutsch erschienen war, für den heutigen Leser erneut herausgebracht hat, denn mit „Untertauchen“ ist eine großartige Schriftstellerin wieder zu entdecken.

Ruth Roebke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Trauma, Therapie und Politik am Anfang des 21. Jahrhunderts – José Brunner und David Becker im Gespräch

Montag, 20. April 2015, 20 Uhr

Prismen – Institut für Sozialforschung bei Marx & Co

Traumaarbeit ist ein wesentlicher Bestandteil der Auseinandersetzung mit den psychischen Folgen von Krieg und Terror, Verfolgung und Unterdrückung. Dabei sind Traumatheorien und damit verbundene Interventionsansätze selbst immer auch Ausdruck gesellschaftlicher Konflikte und Wertedebatten. Zudem ist häufig unklar, wie Fachleute der Seele therapeutisch arbeiten können, wenn sie selbst der Feindschaft und kollektiver Gewalt ausgesetzt sind. Und vor allem: Welche Ziele verfolgen sie? Sorgen sie sich in solchen Situationen hauptsächlich um die seelische Gesundheit der einzelnen Menschen, die psychische Stärke der betroffenen Nationen, oder ermutigt sie ihre therapeutische Erfahrung, sich vor allem friedenspolitisch zu engagieren und sich für Versöhnung einzusetzen?

José Brunner und David Becker sprechen über die politischen Dimensionen der Traumatheorien, ihre Bedeutung für die therapeutische Praxis sowie über die unterschiedlichen Perspektiven, aus denen sie Politik und Therapie miteinander in Verbindung bringen.

David Becker, Dr. phil., ist Direktor des Büros für psychosoziale Prozesse (OPSI) der Internationalen Akademie Berlin für innovative Pädagogik, Psychologie und Ökonomie (INA), Professor für Psychologie an der Sigmund Freud PrivatUniversität, Berlin, und berät psychosoziale Projekte im In- und Ausland, gegenwärtig vor allem im Nahen Osten.

José Brunner, PhD, ist Professor am Institut für Wissenschaftsphilosophie und -geschichte sowie an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Tel Aviv; Leiter des Eva und Marc Besen Institute for the Study of Historical Consciousness; Herausgeber der Zeitschrift History & Memory sowie Mitbegründer der ersten »legal clinic« für die Rechte von Holocaust-Überlebenden in Israel. Am Institut für Sozialforschung ist José Brunner Mitglied des Internationalen Wissenschaftlichen Beirats.

Anlass und Hintergrund des Gesprächs bildet das Erscheinen der beiden Bücher:

José Brunner: Die Politik des Traumas. Gewalterfahrungen und psychisches Leid in den USA, in Deutschland und im Israel/Palästina-Konflikt. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2009. Berlin: Suhrkamp 2014

José Brunner: Die Politik des Traumas. Gewalterfahrungen und psychisches Leid in den USA, in Deutschland und im Israel/Palästina-Konflikt. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2009. Berlin: Suhrkamp 2014

David Becker: Die Erfindung des Traumas. Verflochtene Geschichten. Neuauflage. Gießen: Psychosozial-Verlag 2014.

David Becker: Die Erfindung des Traumas. Verflochtene Geschichten. Neuauflage. Gießen: Psychosozial-Verlag 2014.

Buchempfehlung – Almudena Grandes “Inés und die Freude”

grandesinesAls im Herbst 1944 das kommunistische Untergrundradio die bevorstehende Invasion des Arantals in den Pyrenäen durch den antifranquistischen Widerstand meldet, tut sich für Inés, Tochter aus einer alten spanischen Familie und Schwester eines Offiziers in Francos Armee, eine neue Welt auf. Denn Inés ist trotz ihrer angesehenen Familie, die ganz und gar auf Seiten der Falange steht, selbst eine „Rote“. Nach dem Verrat durch ihren Liebhaber saß sie im Gefängnis, wurde anschließend von ihrem Bruder für Jahre ins Kloster eingesperrt und schließlich mit dessen ungeliebter Frau in die finsterste Provinz verbannt. Aber jetzt kann sie sich den Kämpfern der Invasion anschließen – und reitet auf ihrem Pferd Lauro, in der Tasche das Geld ihres Bruders und eine geladenen Pistole und in der Hutschachtel fünf Kilo selbstgebackener Rosquillas, die beliebten süßen Kringel, mitten hinein ins Hauptquartier der Invasion und in die Arme des Mannes, der ihr Schicksal wird. Und damit beginnt die Geschichte einer historischen, wenn auch weitgehend unbekannten Episode aus den Nachwehen des spanischen Bürgerkriegs, verknüpft mit der Geschichte von Liebe in den Zeiten des Kampfes und des Untergrunds. Inés und ihr Geliebter Galan sind fiktive Personen, aber ihr Schicksal im Roman wird durch historische Figuren geprägt, die in einem komplizierten Spiel aus Machtkämpfen, Parteistrategien und den Interessen Moskaus und London die Fäden ziehen, sich aber immer auch in den Fäden der eigenen Gefühle verstricken.

„Inés und die Freude“ ist der erste Teil der auf sechs Bände angelegten „Episoden eines endlosen Krieges“; der zweite Teil ist der in Deutschland zuerst erschienene und viel gelobte Roman „Der Feind meines Vaters“. Man kann die Entscheidung des Verlags, die Reihenfolge zu ändern, nachvollziehen, denn „Der Feind meines Vaters“ ist nach allen literarischen Kriterien zweifellos das bessere Buch. Almudena Grandes hat in „Inés und die Freude“ ein großes Panorama entworfen, vom Bürgerkrieg, seiner Vor- und Nachgeschichte, vom Exil bis zur Rückkehr nach Spanien nach Francos Tod, einschließlich der Strategien der kommunistischen spanischen Führung in Moskau und Lateinamerika, der Auseinandersetzungen in der Partei und deren Folgen für das Leben der in Spanien zurückgebliebenen Untergrundkämpfer. Das macht die Lektüre streckenweise anstrengend, führt zu Verwirrung bei der Leserin, die die Einzelheiten der spanischen Geschichte nicht parat (und ein Register mit Erläuterungen zu den historischen Ereignissen und Personen schmerzlich vermisst) hat, und zu zahlreichen, auch ärgerlichen Redundanzen. Davon sollte sich aber niemand abhalten lassen, das Buch zu lesen, denn erstens regt es dazu an, bestimmte Ereignisse und Personen selbst im Internet zu recherchieren und auf diese Weise einen so spannenden wie lehrreichen Abend zu verbringen, und zweitens kann man sich, vor allem ab dem zweiten Teil, in eine wunderbare Liebesgeschichte fallen lassen, die nicht nur an Romantik nichts zu wünschen übrig lässt, sondern auch noch durchzogen ist vom äußerst appetitanregendem Duft besten spanischen Essens. Meine Empfehlung also: Lesen und auf den dritten Teil gespannt sein!

Irmgard Hölscher, Frankfurt am Main

Frieder Vogelmann “Im Bann der Verantwortung” – Im Gespräch mit Klaus Günther

Montag, 16. März 2015, 20 Uhr

Prismen – Institut für Sozialforschung bei Marx & Co

vogelmannVerantwortung wurde in nur zwei Jahrhunderten von einem marginalen Rechtsbegriff zu einem ethischen Schlüsselkonzept. Heute ist Verantwortung eine selbstverständliche Norm unseres Handelns, die in der Philosophie zwar viel diskutiert, aber kaum je grundsätzlich hinterfragt, geschweige denn kritisiert wird. Für diese Blindheit großer Teile der Philosophie, die weder die praktischen noch die theoretischen Auswirkungen von Verantwortung sieht, zahlen wir, so Frieder Vogelmanns These, einen hohen Preis: So hat sich Verantwortung etwa in den Feldern von Arbeit und Kriminalität stark verändert. Indem sie von der Voraussetzung substantieller Handlungsmacht entkoppelt wird, trägt sie dazu bei, unternehmerische Imperative in die Selbstverhältnisse von Lohnarbeiterinnen und »Arbeitslosen« einzuschmelzen; Bürger_innen werden aktiv in eine präventiv gewendete Kriminalpolitik eingebunden. In der Philosophie wird Verantwortung immer stärker mit Handlungsmacht verknüpft, so dass sie eine Verantwortung legitimiert, deren Praxis sie nicht kennt und deren problematisches Selbstverhältnis sie nicht untersucht. Im Bann der Verantwortung gefangen, vernachlässigt die Philosophie ihre ureigenste Aufgabe und bleibt unaufgeklärt.

Frieder Vogelmann, Dr. phil., ist Philosoph am Institut für Interkulturelle und Internationale Studien (InIIS) an der Universität Bremen. Er studierte an der Universität Freiburg und pro¬movierte an der Goethe-Universität Frankfurt. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der politischen Philosophie, wo er zur Frage der Kritik, zum Verhältnis von Wahrheit und Politik sowie zur neueren französischen Philosophie, insbesondere zu Michel Foucault, forscht. In der Schriftenreihe des IfS ist von ihm erschienen: Im Bann der Verantwortung. Frankfurt a. M. und New York: Campus 2014.  34,90 €

Klaus Günther Dr. jur., ist Professor für Rechtstheorie, Strafrecht und Strafprozessrecht an der Goethe-Universität Frankfurt, Sprecher des Exzellenzclusters »Die Herausbildung normativer Ordnungen« und Mitglied des Kollegiums am IfS. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören u. a. die Rechtsphilosophie, Diskurstheorie des Rechts und Theorie der juristischen Argumentation, Begriff und Theorien der Verantwortung, Rechtstheorie der Globalisierung, Recht und Literatur.

Stefanie Hürtgen und Stephan Voswinkel “Arbeit und Leben in prekären Zeiten”

Montag, 9. Februar 2015, 20 Uhr

Auftakt der Veranstaltungsreihe: Prismen – Institut für Sozialforschung bei Marx & Co

Die Krise der sozialen Mitte ist in aller Munde. Ist auch die »Arbeitnehmermitte« verunsichert darüber, ob ihr sozialer Abstieg droht? Wie gehen relativ »normal«, sicher und zumindest halbwegs gut verdienende Beschäftigte mit Krisen- und Prekarisierungserfahrungen um? Werden Ansprüche an Arbeit und Lebensgestaltung zurückgenommen oder aufgegeben? Die von Stefanie Hürtgen und Stephan Voswinkel am Institut für Sozialforschung durchgeführte qualitativ-empirische Untersuchung zeigt auf den ersten Blick keinerlei Defensive bei Angehörigen der »Arbeitnehmermitte«. Ansprüche an Sicherheit, Einkommen, Anerkennung und Kollegialität gelten weiterhin als normal. Arbeit, so wird typischerweise argumentiert, soll »menschlich«, »sozial« und inhaltlich sinnvoll sein; außerhalb der Arbeit soll man ein erfülltes und gutes Leben führen können. Arbeit und Leben sollen gestaltbar sein. Auf den zweiten Blick allerdings zeigt sich dann doch große Verunsicherung: darüber, ob solche Vorstellungen überhaupt noch eine allgemeine gesellschaftliche Norm darstellen und man sie in Betrieb und Gesellschaft also auch als etwas Normales reklamieren kann.

Stefanie Hürtgen, Dr. rer. pol., ist Sozialwissenschaftlerin am Institut für Sozialforschung und Dozentin an der Hochschule Luzern (Schweiz). Sie studierte an der Freien Universität Berlin und forscht und lehrt zu Veränderungen von Arbeit im Kontext von Europäisierung und Globalisierung. Hierzu gehören Fragen der Transnationalisierung von Produktion, der (länderübergreifenden) Prekarisierung und Fragmentierung von Arbeit, aber auch Prozesse der aktiven Selbstkonstitution der Beteiligten als (arbeitende) Subjekte.

Stephan Voswinkel, PD Dr. disc. pol., ist Soziologe am Institut für Sozialforschung und Privatdozent am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität. Er studierte an den Universitäten Marburg und Göttingen und veröffentlichte 2001 seine Habilitation. Eine Vielzahl an empirischen Forschungsprojekten in der Arbeits-, Arbeitsmarkt- und Organisationssoziologie hat er am SOFI Göttingen, an den Universitäten Göttingen, Marburg und Duisburg durchgeführt, bevor er seine Forschungstätigkeit seit 2001 am IfS fortsetzte. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen die Soziologie der Anerkennung, prekäre Beschäftigung, Ansprüche an Arbeit und psychosoziale Gefährdungen in der Arbeit.

Die Ergebnisse des Projekts, das Stefanie Hürtgen und Stephan Voswinkel präsentieren und zur Diskussion stellen, sind kürzlich als Buch erschienen:

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Nichtnormale Normalität? Anspruchslogiken aus der Arbeitnehmermitte. Berlin: edition sigma 2014

 

 

Der neue Bildband von Barbara Klemm und Stefan Moses

NIM Klemm Moses Schutzumschlag 01_3

Von Barbara Klemm signiert!

Barbara Klemm und Stefan Moses sind zwei Fotografen, die auf ihre jeweils ganz eigene Art das Politik- und Zeitgeschehen, das Leben in Deutschland und andernorts über Jahrzehnte fotografisch begleitet haben. Barbara Klemm (geb. 1939) war 40 Jahre für die Frankfurter Allgemeine Zeitung unterwegs, die sie mit ihren Fotografien entscheidend prägte. Stefan Moses (geb. 1928) erreichte durch seine Reportagen für den Stern, die Neue Zeitung und für Magnum  ein breites Publikum. Bei beiden steht der Mensch im Vordergrund.

Barbara Klemm ist Mitglied und Gesellschafterin unserer Buchhandlung.

Vier Jahrzehnte prägte sie mit ihren Bildern die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, besonders die legendäre samstägliche Tiefdruckbeilage. Als Chronistin deutscher Zeitgeschichte ist sie ebenso berühmt wie als Reporterin, die alle Kontinente bereiste. Dabei kann sie Geschichten mit einem einzigen Bild erzählen – in einer Intensität und Dichte wie kaum jemand sonst. In dem weitaus überwiegenden Teil ihrer Fotografien geht es um den Menschen und darum, wie er lebt. Klemms Bildern ist alles Plakative fremd und man fragt sich angesichts der unaufdringlich erscheinenden Aufnahmen oft, wie die Fotografin es fertig bringt, mit ihrer Kamera ohne viel Aufhebens anwesend zu sein.

Bereits seit einem halben Jahrhundert sind Deutschland und die Deutschen das große Thema von Stefan Moses. Seine beeindruckende Serie der Emigranten versammelt über 100 Porträts von Persönlichkeiten, die ihre Heimat nach 1933 aus Angst vor dem Terror der Nationalsozialisten verlassen mussten. Ergänzt wird diese Werkgruppe durch Fotografien von Menschen, die kurz vor und nach der Wende auf mehreren Reisen durch die DDR entstanden sind.

K / M .   
Barbara Klemm / Stefan Moses. Katalog zur Ausstellung im Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, Duisburg, 2014 .   Mit Texten von Alexander Kluge, Stefan Koldehoff, Peter Iden und Andreas Bee .   Herausgegeben von Walter Smerling. 2014 .   280 S.   m. 238 Fotografien von Barbara Klemm und Stefan Moses.   Nimbus Verlag, 48,- €

Buchempfehlung – Jhumpa Lahiri “Das Tiefland”

U1_978-3-498-03931-8.inddAm Rande Kalkuttas, an einem während der Monsunzeiten überschwemmten Tieflandgebiet, wachsen in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Brüder Subhash und Udayan auf. Obwohl durch ein Jahr Altersunterschied getrennt, sind sie unzertrennlich wie Zwillinge. Aber sie sind auch sehr verschieden: Subhash, der ältere, ist ruhig, zurückgezogen und scheut Konflikte, während der extrovertierte Udayan sich ins Leben stürzt und keinem Abenteuer aus dem Weg geht. Ihrer Familie ist nicht reich, aber sie schafft es, den Brüdern eine gute Schulausbildung zu geben, und da beide gute Schüler sind, können sie die High-School besuchen.

Die enge Verbundenheit der Brüder endet, als Subhash für seine Dissertation in eine kleine Universitätsstadt an der amerikanischen Ostküste geht, während sich Udayan in Kalkutta einer maoistischen Gruppierung anschließt, die gesellschaftliche Ungerechtigkeiten in Bengalen auf militante Weise beseitigen will. Kurz nachdem Udayan seinem Bruder von seiner Hochzeit geschrieben hat, kommt die Nachricht, dass er von der Polizei getötet wurde. Subhash fliegt nach Kalkutta und heiratet Gauri, die junge, schwangere Witwe seines Bruders, die von den Eltern abgelehnt wird. Er holt sie nach Amerika und zieht das Kind seines Bruders als sein eigenes auf. Aber sie werden keine Familie. In Gauri scheinen alle Gefühle abgetötet, auch zu ihrer Tochter Bela findet sie keine Verbindung. Und eines Tages, als Sughash und Bela von einem Besuch in Kalkutta zurückkehren, ist Gauri gegangen.

Jhumpa Lahiri erzählt ihre Geschichte mit langem Atem, in Vor- und Rückblenden, aus den unterschiedlichen Perspektiven der handelnden Personen. So entsteht nach und nach das Bild einer zerbrechenden Familie: die traditionellen Eltern können nicht nachvollziehen, dass der Sohn seine Frau selbst gewählt hat, und dem Älteren nicht verzeihen, dass er die Witwe heiratet. Udayan gefährdet durch sein radikales politisches Engagement alle und verliert sein Leben. Subhash, der Gauri aus einer Mischung aus Mitleid und Verpflichtung dem toten Bruder gegenüber geheiratet hat, hofft, dass sich zwischen ihnen doch noch Liebe und Verbundenheit entwickeln können. Er leidet darunter, dass er es nicht fertig bringt, seiner Tochter zu gestehen, dass er nicht ihr leiblicher Vater ist. Gauri, verwirrt und erstarrt, möchte nur eines: ihren Universitätsabschluss machen und in Ruhe gelassen werden. Und Bela, die Tochter, wird ein innerlich wie äußerlich heimatloses Wesen.

„Das Tiefland“ ist die Geschichte von Menschen, die nirgendwo mehr verwurzelt zu sein scheinen – aber es ist keine typische „Migrantengeschichte“, in der die gesellschaftlichen Verhältnisse es unmöglich machen, irgendwo anzukommen. Die Zerrissenheit der Personen ist nicht nur den äußeren Bedingungen geschuldet, sie liegt in ihnen. Es ist ein Buch über Schuld und was sie im Menschen anrichtet, wenn sie sich in einnistet und sie in die Einsamkeit treibt, weil sie nicht darüber sprechen können. Sie zu überwinden – dazu gehören Ehrlichkeit, Vertrauen, Verzeihen und viel Mut.

Lahiri erzählt in einer ruhigen, fast schlichten Sprache, was den Text anfangs etwas gleichförmig erscheinen lässt. Aber je länger man liest, desto mehr wird man gefesselt. Lahiri psychologisiert nicht oder benutzt die gesellschaftlichen Zustände, um das Handeln ihrer Figuren zu erklären. Das Gesellschaftliche spiegelt sich in den Beziehungen der Menschen, aber was in den einzelnen vorgeht, davon gibt die Autorin nicht viel preis. Daher bleibt es dem Leser überlassen, welche Haltung er dazu einnehmen will. Das macht das Buch ungeheuer vielschichtig und geht weit über das inzwischen verbreitete Genre des interkulturellen Romans hinaus.

Ruth Roebke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

 

Autorenlesung – Franz Friedrich “Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr”

Freitag, 7. November 2014, 20 Uhr

Moderation: Franziska Haug

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Franz Friedrich erzählt in seinem Debütroman „Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr“ die Geschichte dreier ganz unterschiedlicher Menschen und der evakuierten finnischen Insel Uusimaa, auf der die Lapplandmeisen aus rätselhaften Gründen plötzlich verstummt sind. Eine Dokumentarfilmerin dreht auf Uusimaa ihren einzigen Naturfilm. Eine amerikanische Studentin trifft im politisch unruhigen Berlin eine seltsame Chorgruppe und begibt sich im Jahr 2017 mit einem jungen Familienvater auf den Weg nach Uusimaa. Und plötzlich, nach zwei Jahrzehnten unerklärbarer Stille, fangen die Meisen auf der Insel Uusimaa wieder an zu singen.

Der Roman stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2014. Franz Friedrich wurde für dieses Debüt auch mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung 2014 ausgezeichnet.

Franz Friedrich wurde 1983 in Frankfurt/Oder geboren. Er studierte Experimentalfilm an der Universität der Künste Berlin und am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Franz Friedrich lebt in Berlin.

Franziska Haug ist Mitarbeiterin am Lehrstuhl Drügh am Institut für deutsche Literatur und ihre Didaktik der Goethe Universität Frankfurt am Main.

Der Eintritt ist frei. Um Voranmeldung wird ausnahmsweise mal gebeten.

Eine Veranstaltung im Rahmen des Aktionstages “Bücher erleben – Autoren erleben” in Kooperation mit:

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Buchempfehlung – Wolf Haas “Brennerova”

brennerovaSimon Brenner, Kriminaler a.D. und mittlerweile Privatdetektiv in Ruhe, hat ein Problem. Die Frauen. Besser gesagt, die Russinnen. „Früher hat man gesagt, die Russinnen. Die sind groß und muskulös wie Hammerwerfer, die arbeiten beim Straßenbau, und unter den Achseln haben sie so viele Haare, dass sich noch ein Toupet für ihren Mann ausgehen würde und ein zweites für den ersten Parteisekretär. Da hat man gesagt, Russinnen sind Mannweiber, und wenn sie ihren Diskus werfen, musst du in Deckung gehen, weil Kraft wie ein Traktor aus Minsk (. . .) Dann hat es auf einmal geheißen, die Russinnen, das sind die dünnsten Fotomodelle, die teuersten Nutten, da musst du als Mann schon ein Hochhaus haben, damit sich so eine überhaupt von dir scheiden lässt, am besten mit einem Privatzoo, weil Beine wie eine Giraffe, Taille wie eine Wespe, Augen wie die Biene Maja.“

Natürlich weiß er, dass den Internet-Russinnen, die einen Österreicher heiraten wollen, nicht zu trauen ist – wozu hat man schließlich seine Lebenserfahrung? – muss aber dennoch immer mal wieder nachschauen, ob da nicht vielleicht doch eine zu finden ist, eine potentielle Brennerova eben. Das Dumme ist, dass er tatsächlich eine findet. Die Nadeshda aus Nischni Nowgorod nämlich, so schön wie auf den Fotos und ehrlich noch dazu, weil sie will ihn eigentlich nur, weil er Kriminaler a.D. ist, denn er soll ihre in Wien verschwundene Schwester suchen, die Serafima, von Mädchenhändlern verschleppt. Und weil der Brenner so ein Frauentränenumfaller ist, kommt die Nadeshda dann auch tatsächlich nach Wien, und er heiratet sie auch, weil das will die Herta so, mit der er eigentlich ja wieder zusammen ist, was die Sache nicht einfacher macht. Und die Serafima sucht er auch, aber der Gruntner und der Infra, die Serafimas Aufenthaltsort kennen, müssen sich ja ausgerechnet mit dem Zuhälter Lupescu anlegen, was zu vier abgehackten (und wieder angenähten) Händen und einem Todesfall führt, aber nicht zu Informationen über Serafima.

Die Fremdenpolizei ist hinter ihm her, weil sie ihm eine Scheinehe unterstellt, obwohl doch alles wie in einer richtigen Ehe ist: „Nichts wissen vom Partner, kein Sex und möglichst viel Abstand“ – wo also ist da der Unterschied? Die Herta sucht in der mongolischen Wüste nach ihrem schamanischen Krafttier, und gerade, als er die Serafima – Zufall Hilfsausdruck – gefunden hat, stellt er fest, dass „es ihm mit seiner Russin genauso gegangen ist, wie er von Anfang an befürchtet hat“, weil sie verlässt ihn wegen dem Infra mit den abgehackten und wieder angenähten Händen und dem vielen Geld. Aber das ist ihm egal, weil gerade die Herta mit ihrer Wandergruppe in der Wüste entführt worden ist und die Entführer als „Gebühr für die spirituelle Ausbeutung ihrer Gegend“ 1 Million Dollar Lösegeld pro Person verlangen und er nach Ulan Bator muss und das Lösegeld überbringen. Man muss schon sagen, dass der Brenner in „Brennerova“ ganz schön rum kommt. Globalisierung Hilfsausdruck. Aber wie schön, dass er nach all den Jahren wieder da ist!

Irmgard Hölscher, Frankfurt am Main

20 Jahre Schöffling Verlag – Lesung mit Mirko Bonné “Nie mehr Nacht”

Donnerstag, 11. September 2014, 20 Uhr

Bonne Nie mehr NachtMarkus Lee reist in den Herbstferien in die Normandie, um für ein Hamburger Kunstmagazin Brücken zu zeichnen, die bei der Landung der Alliierten im Sommer 1944 eine entscheidende Rolle spielten. Lee nimmt seinen fünfzehnjährigen Neffen Jesse mit, dessen bester Freund mit seiner Familie in Nordfrankreich ein verlassenes Strandhotel hütet. Überschattet wird die Reise von der Trauer um Jesses Mutter Ira, deren Suizid der Bruder und der Sohn jeder für sich verwinden müssen. In der verwunschenen Atmosphäre des Hotels L’Angleterre entwickelt sich der geplante einwöchige Aufenthalt zu einer monatelangen Auszeit, die nicht nur für Markus Lee einen Wendepunkt im Leben markiert.
“Nie mehr Nacht” erzählt schonungslos und ergreifend von der Befreiung Frankreichs, bei der zahllose junge Männer umkamen, die kaum älter als Jesse waren. Dem Zeichner aber ist es zunehmend unmöglich, die Verheerungen des Krieges künstlerisch darzustellen. Doch beinahe noch schwerer fällt es ihm, den Tod der geliebten Schwester zu vergessen. Denn während ein dramatisches Kapitel europäischer Geschichte auf unheimliche Weise in ihm auflebt, stellt sich Markus Lee einem Trauma der eigenen Jugend und Abgründen seiner Familie.

Mirko Bonné, geboren 1965 in Tegernsee, lebt in Hamburg. Neben Übersetzungen von u. a. Sherwood Anderson, Robert Creeley, E. E. Cummings, Emily Dickinson, John Keats und William Butler Yeats veröffentlichte er bislang fünf Romane und fünf Gedichtbände sowie Aufsätze und Reisejournale. Für sein Werk wurde Mirko Bonné vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Ernst Willner-Preis (2002), dem Prix Relay du Roman d’Evasion (2008) und dem Marie Luise Kaschnitz-Preis (2010).

Eine Veranstaltung im Rahmen des 20-jährigen Jubiläums des Schöffling Verlags.

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