Franz Mon zum 90. – Im Gespräch mit Sascha Michel

monmonmon»Wir haben Sprache, und sie hat uns.«

Dienstag, 3. Mai 2016, 20 Uhr

Was machen wir mit der Sprache, wenn wir sprechen und schreiben, uns artikulieren und lesen? Was macht die Sprache mit uns? Der in Frankfurt lebende Autor Franz Mon experimentiert schon seit den frühen 1950er Jahren mit Buchstaben und Worten und gehört damit zu den Grün­dern der konkreten Poesie und der experimentellen Literatur.

In seinen Gedichten, Hörspielen und Collagen macht er unsere Alltags­sprache spürbar, schafft »Wörter voller Worte«, raubt und verdreht ihren Sinn, bringt Wörter spielerisch zusammen, »die sich sonst nie kennengelernt hätten«. Wie bei jedem Spiel ist das alles nur möglich, weil es Regeln gibt. Zugleich aber führen uns Franz Mons (Er-)Findungen ins Offene und Überra­schende. Im Spiel mit den unendlichen Möglichkeiten der Sprache können wir erfahren, wie frei wir sind.

Anlässlich seines 90. Geburtstages und der aktuellen Publikation Sprache lebenslänglich, Gesammelte Essays laden wir Franz Mon, den »hoch­begabten Konstrukteur komischer Versuchsanordnungen«, zu einem Gespräch mit seinem Lektor Sascha Michel (S. Fischer Verlag) ein.

Franz Mon, Sprache lebenslänglich, Gesam­melte Essays, hrsg. von Michael Lentz, Fischer Verlag 2016, 656 S., € 24,99

 

Stoner – Ambivalenzen einer literarischen Sozialfigur

Westend-Cover-2-2015_iwJulika Griem, Axel Honneth und Frieder Vogelmann im Gespräch mit Juliane Rebentisch

Montag, 11. April 2016, 20 Uhr

Prismen – Institut für Sozialforschung bei Marx & Co

Romane oder Filme, die in Gehalt oder Form symptomatische Verhaltenszüge einer ganzen Epoche zu erkennen geben, verdienen es, auch von der Sozialforschung ernst genommen zu werden. Daher will sich WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung gelegentlich auch literarischen oder filmischen Kunstwerken zuwenden, die eine solche diagnostische Kraft auf besonders nachhaltige Weise entwickelt haben.

Den Auftakt machte das »Stichwort« zum Roman Stoner von John Williams mit Beiträgen von Barbara Carnevali, Julika Griem, Axel Honneth, Eva Illouz und Frieder Vogelmann.
Als das Buch vor 50 Jahren erschien, fand es wenig Aufmerksamkeit; erst im Zuge seiner posthumen Wiederveröffentlichung 2013 wurde es zu einem überwältigenden Publikumserfolg. Wer ist der Protagonist, der apathisch wirkende Collegeprofessor William Stoner? Sollen wir in ihm einen sperrigen, sich den narzisstischen Tendenzen der Zeit widersetzenden Charakter sehen? Einen selbstlosen, in die Sache versunkenen Menschen? Oder eher eine ihrer Gegenwart entfremdete, handlungsgehemmte Persönlichkeit? Und: Wie lassen sich der späte Erfolg und die Euphorie erklären, die die Wiederentdeckung des Buches begleitet hat?

Buchempfehlung – Abbas Khider „Ohrfeige“

Hanser Verlag, 19.90 €

Hanser Verlag, 19.90 €

Die titelgebende Ohrfeige ist für Frau Schulz bestimmt. Sie könnte auch Maier oder Müller heißen, aber mit Sicherheit sitzt sie in einem deutschen Amt und macht Dienst nach Vorschrift. Wer hier die Hand hebt, ist zunächst einmal einerlei, denn jeder, der mit Behörden oder auch nur Anträgen zu tun hatte, stand schon einmal hier, der Verzweiflung nahe. Wem es aber gelingt, seine Formulare ordnungs- und wahrheitsgemäß auszufüllen, der darf sich glücklich schätzen.

Deshalb ist es dann doch nicht einerlei, wer Frau Schulz in Abbas Khiders Roman ohrfeigen möchte, denn es ist kein Bürger dieses Landes, sondern einer jener jungen Asylsuchenden, die gerade tagein tagaus die Schlagzeilen beherrschen.

Er heißt Karim Mensey, er ist Anfang 20, er stammt aus dem Irak. Hätte er Frau Schulz seine Geschichte wahrheitsgemäß geschildert, er wäre längst abgeschoben worden: Karim wurde in seinem Land nicht politisch verfolgt, ist aber trotzdem geflohen. Warum? Das soll hier gar nicht verraten werden, auch ein Roman hat seine Intimitäten, die man nicht gleich preisgeben sollte, erst recht nicht, wenn der ruhige und klare Erzählstil dem Leser den Protagonisten so nah ans Herz zu legen vermag, als wäre er einer von uns. Als stamme Karim nicht aus einem 4000 Kilometer entfernten Land, in dem verheerende Kriege geführt wurden und werden und Terroranschläge auf der Tagesordnung stehen. Diese Version der Weltgeschichte tritt in Khiders Roman in den Hintergrund. Das kann man bemängeln. Aber man sollte sich deshalb die scheinbar so private Geschichte Karims nicht entgehen lassen, denn Karims Schicksal ist eines, das auch uns, unseren Kindern oder Kindeskindern passieren könnte –nicht nur jenen armen Menschen, die das Pech hatten, zur falschen Zeit am falschen Ort auf die Welt gekommen zu sein: im Kulturland zwischen Euphrat und Tigris, dem Land der Hängenden Gärten von Babylon.

Karim flieht mit einem klaren Ziel vor Augen: er möchte nach Paris, denn dort wartet Onkel Murad auf ihn. Am Vorabend der Flucht näht ihm die Mutter liebevoll das gesparte Geld in den Gürtel, küsst ihren Sohn zum letzten Mal. Die Hoffnung ist groß. Fünf Wochen ist Karim unterwegs, im Auto, im Schlauchboot, auf der Fähre, im Zug und wieder im Auto – nur nachts dürfen die Flüchtlinge für ein paar Minuten ins Freie. Niemand sagt ihnen, wo sie sind, jegliche Kommunikation mündet in babylonischer Sprachverwirrung. Bis ihn frühmorgens der Fahrer eines Minitransporters auf irgendeiner Landstraße aussetzt. Karim denkt, er sei in Frankreich – die Schlepper sollen die restliche Zahlung erst bekommen, wenn er sicher bei seinem Onkel angekommen ist –, aber Karim wird sein Ziel niemals erreichen. Mitten im europäischen Winter lässt er seine Flüchtlingsklamotten in den Schnee fallen und versucht, notdürftig hinter einem Baum versteckt, seine Herkunft hinter einer „schicken schwarzen Hose“ und einem „eleganten Hemd“ zu verbergen. Es nützt alles nichts, kaum hat Karim das Bahnhofsgebäude betreten, fragt ihn die Polizei nach dem „Passport?“ – „No Passport“, die Handschellen klicken. Sie untersuchen alle Öffnungen der Kleider, alle Öffnungen des Körpers, sie suchen routiniert und finden das liebevoll eingenähte Geld, konfiszieren es ebenso ungerührt wie die letzten Zigaretten.

Der eben noch Fliehende wird festgesetzt und ist für die kommenden Jahre jeglicher Aktivität beraubt: Karim darf nicht zu seinem Onkel nach Paris, hat er doch in Deutschland zuerst den europäischen Boden betreten und muss hier seinen Asylantrag stellen, Karim darf nicht arbeiten, er darf keinen Deutschkurs belegen, Karim darf nur eines: wohnen.

Wie Karim gegen all die ihn erstickenden Vorschriften für ein menschenwürdiges Leben kämpft, wie all seine “Kollegen“ im Asylantenheim ihr Leben ertragen, es feiern und daran verzweifeln und wieder neue Hoffnung schöpfen, das ist nicht nur Deutschland Anfang der Nullerjahre, das ist auch Deutschland 2016.

Khider hat in diesen aufgeregten Zeiten einen wunderbar unaufgeregten Roman geschrieben.

Ines Lauffer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt am Main

Die Idee des Sozialismus – Axel Honneth im Gespräch mit Peter Wagner

Honneth

Suhrkamp 2015 22,95 €

Mittwoch, 10. Februar 2016, 20 Uhr

Prismen – Institut für Sozialforschung bei Marx & Co

Axel Honneths politisch-philosophischer Essay setzt mit einem irritierenden Befund ein: die Empörung über die sozialen und politischen Folgen des global entfesselten Kapitalismus ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig, aber dieser massenhaften Empörung fehlt ein normativer Richtungssinn und der Kritik kaum gelingt es kaum, Vorstellungen einer gesellschaftlichen Alternative jenseits des Kapitalismus zu entwickeln. Die Ideen des Sozialismus, die für mehr als 150 Jahre geschichtliche Orientierung zu geben vermochten, scheinen ihre Überzeugungskraft unwiderruflich verloren zu haben und für die Suche nach alternativen Lebensformen kein Anregungspotential mehr zu bieten. Weshalb? Und muss dem wirklich so sein? Gibt es in der reichen Ideengeschichte des Sozialismus nicht vielleicht doch Ansätze, die sich so rekonstruieren lassen, dass sie unseren historischen Erfahrungen angemessen sind und Wege zu einer Umgestaltung der entgrenzten Ökonomie anzeigen, die in den Normen von Freiheit und Solidarität – Axel Honneth spricht von »sozialer Freiheit« – ihre Grundlage hat?

Axel Honneth ist Direktor des Instituts für Sozialforschung, Jack C. Weinstein Professor of the Humanities an der Columbia University, New York, sowie Senior Professor für Sozialphilosophie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Veröffentlichungen u.a.:  Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte (Suhrkamp 1992); Das Recht der Freiheit. Grundriß einer demokratischen Sittlichkeit (Suhrkamp 2011).
Die Idee des Sozialismus. Versuch einer Aktualisierung (Suhrkamp 2015) wurde mit dem Bruno-Kreisky-Preis für das Politische Buch 2015 ausgezeichnet.

Peter Wagner ist ICREA Forschungsprofessor am Institut für Soziologische Theorie, Rechtsphilosophie und Methodologie der Sozialwissenschaften an der Universität von Barcelona; am Institut für Sozialforschung ist er Mitglied des Internationalen Wissenschaftlichen Beirats. In diesen Tagen ist von ihm erschienen: Progress. A Reconstruction (Polity Press 2016). Veröffentlichungen in Deutsch sind unter anderem Moderne als Erfahrung und Interpretation. Eine neue Soziologie zur Moderne (UVK 2009) und Soziologie der Moderne. Freiheit und Disziplin (Campus 1995).

Buchempfehlung – J.J. Abrams & Doug S. Dorst „S. – Das Schiff des Theseus“

theseus

Ehrfurcht packt den Leser, wenn er das Siegel des Schubers löst. Sofort fallen ihm aus dem Buch handgeschriebene Briefe, Postkarten und sogar eine auf eine Serviette gezeichnete Karte entgegen. „S“ ist ein Buchkunstwerk, das den Leser immer wieder überrascht und denselben Schauder über den Rücken jagt, als habe er selbst eine Kiste mit Hinweisen auf eine geheimnisvolle Geschichte auf dem Dachboden gefunden. Die Idee für dieses Projekt stammt von Regisseur J. J. Abrams, der unter anderem für den neuen „Star Wars“-Film verantwortlich ist. Für die Ausführung heuerte er den Autor Doug Dorst an, der kreatives Schreiben an der Texas State University lehrt. Die Umsetzung dieser ambitionierten Idee ist auch in der deutschen Fassung erstaunlich gut gelungen.

Erzählt wird die Geschichte auf vier Ebenen. Im Schuber (die erste Ebene), der den wirklichen Paratext enthält und die Autorschaft Abrams und Dorst zuschreibt, findet sich ein Band mit vergilbten Seiten aus dem Jahr 1949, der anmutet, als stamme er aus einer amerikanischen Bibliothek. Alles weist darauf hin: Der Aufkleber mit der Signatur am Buchrücken, ein Zettel mit eingestempelten Rückgabefristen im hinteren Buchdeckel und – ironischerweise – ein Stempel mit dem Hinweis an die Bibliotheksnutzer, das Buch pfleglich zu behandeln und von Eintragungen abzusehen. Diese zweite Ebene besteht aus einem Roman aus der Feder des geheimnisvollen Autors V. M. Straka, eine Abenteuer- und Verschwörungsgeschichte rund um S, der sein Gedächtnis verloren hat und sich mühsam in der Welt zurechtzufinden versucht. Jahrelang segelt er auf einem Schiff umher und wird mit gefährlichen Aufträgen betraut. Dabei versucht er immer wieder herauszufinden, wer ihn wozu für welche Mission einsetzen will, auf welcher Seite er steht, wem er trauen kann und wer er eigentlich selbst ist.

Die dritte Ebene besteht aus dem Vorwort und den Fußnoten eines gewissen F. X. Caldeira. Straka, so Caldeira im Vorwort, sei einer der einflussreichsten Schriftsteller des frühen 20. Jahrhunderts. Dennoch sei seine wahre Identität noch immer ungeklärt. Auch wenn es viele Kandidaten gebe, die hinter dem Namen Straka stehen könnten, konnte bisher keine der Vermutungen bestätigt werden. Caldeira selbst ist dem Leser jedoch keine Hilfe beim Lösen des Geheimnisses um den Autor Straka. Schnell wird klar, dass Caldeiras Kommentare mehr sein müssen als ergänzendes Informationsmaterial, denn sie sind seltsam unsachlich und verwirren das Rätsel um S und seinen Autor Straka mehr, als dass sie klären.

Die vierte Ebene des Buches drängt sich dem Leser bereits auf den ersten Blick auf: Die Seitenränder sind durchgehend eng mit handschriftlichen Notizen in verschiedenen Farben und zwei verschiedenen Handschriften gefüllt. Zwischen den Seiten liegen darüber hinaus handgeschriebene Briefe, Fotos, Zeitungsartikel, Postkarten, Zeichnungen und allerlei Material mehr, das von der Arbeit zweier Studenten zeugt. Die Collegestudentin Jen und Eric, der am selben College über Straka promoviert, haben, ohne sich persönlich zu kennen, damit begonnen, sich auf den Seitenrändern über die Geheimnisse um Straka, Caldeira und S auszutauschen. Sie wollen gemeinsam die vielen Rätsel lösen, die das Buch aufwirft, und verstecken nach ihren Einträgen das Buch in der Collegebibliothek, damit es der jeweils andere dort finden und seine Antworten hineinschreiben kann. Ihr Dialog bezieht sich aber nicht nur auf die Geschichte des Buches und den Kontext seiner Entstehung. Je besser sie sich kennenlernen, desto mehr tauschen sie sich auch über ihre persönlichen Probleme, Sorgen und Träume und wichtige Erlebnisse aus ihrer Kindheit aus.

Dem Leser stellt sich die Frage, in welchem Verhältnis die beiden Handlungsstränge stehen. Handelt es sich um Rahmen- und Binnengeschichte oder stehen sie gleichwertig nebeneinander? In welcher Reihenfolge nähert man sich dem Text am besten? Soll man zuerst die Geschichte von S lesen, um sich dann in einem zweiten Anlauf den Kommentaren an den Seitenrändern zu widmen? Oder besser doch alles gleichzeitig? Comic-erprobte Leser werden einen Vorteil haben, denn eine lineare Lektüre fällt schwer bei den vielen Kommentaren und Beigaben, die die Geschichte in verschiedenen Richtungen zugleich erzählen.

Die Wirklichkeit, in der Jen und Eric leben, mischt sich immer mehr auf unheimliche Weise mit der Geschichte Strakas. Auch das Buchprojekt selbst stellt dem Leser – nicht zuletzt mittels der einladenden, noch freien Stellen an den Seitenrändern – diese Frage: wo hört hier die Geschichte auf und wo beginnt die Wirklichkeit des Lesers?

Alena Heinritz, Mainz

Adventslesung für Kinder

Samstag, 5.12. um 16 Uhr

Wir laden Sie herzlich ein zu unserer

Adventslesung für Kinder zwischen 4 & 8 Jahren

Weißt Du noch, wie es letztes Jahr war? „Wir lagen auf Deinem Bett und starrten an die Decke und warteten auf das Christkind … Es war still geworden draußen und in unserem Haus … und überall roch es, wie es sonst nie riecht: Tanne, Kerzen, Plätzchen …“

Noch ist es nicht soweit, aber es ist schon fast der zweite Advent. Dringend Zeit, sich gemütlich in unserer Buchhandlung zur diesjährigen Adventslesung für Kinder zu treffen. Es gibt so viele Geschichten zu erzählen: Vom Rentier Rudolf, der den Schlitten vom Weihnachtsmann zieht, vom Schnee, der sich so leise auf Bäume und Autos legt, und von Zwiebelchen. Wer ist Zwiebelchen? Das verraten wir am kommenden Samstag (5. Dezember) um 16 Uhr.

Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie mit Ihren Kindern, Enkelkindern oder auch anderen Kindern zu uns kommen. Vielleicht finden Sie parallel zur Lesung sogar schon die ersten Weihnachstgschenke bei uns.

Kämpfe um europäische Migrationspolitik – Sonja Buckel und Jens Wissel im Gespräch

Montag, 30. November 2015, 20 Uhr

Prismen – Institut für Sozialforschung bei Marx & Co

Die Europäische Union ist kein neuer Staat. Sie ist fragmentiert, umkämpft, voll innerer Widersprüche. In wenigen Politikfeldern wird dies so deutlich wie im Bereich des europäischen Grenzregimes. Die gegenwärtigen Auseinandersetzungen um die Aufnahme von Flüchtenden nach Europa führen dies drastisch vor Augen. Sonja Buckel und Jens Wissel diskutieren die Ergebnisse einer intensiven vierjährigen Forschungsarbeit am Institut für Sozialforschung. Ausgehend von aktuellen Debatten materialistischer Staatstheorie und kritischer Europaforschung wurden in dem Forschungsverbund die Kämpfe um europäische Migrationspolitik untersucht. Im Mittelpunkt standen dabei einerseits zentrale Projekte der EU (Blue Card, Frontex , Dublin-Verordnung, Unionsbürgerschaft), andererseits Konflikte in Deutschland, Spanien und Großbritannien sowie auf europäischer Ebene. Die beiden Autor_innen werden veranschaulichen, vor welchen Schwierigkeiten die Forschungsarbeiten standen und wie ihre Studien den Hintergrund der aktuellen Konflikte beleuchten können.

Sonja Buckel, Dr. phil., ist Professorin für Politische Theorie an der Universität Kassel und assoziiertes Mitglied des Instituts für Sozialforschung. Sie studierte an der Goethe-Universität Frankfurt Politik- und Rechtswissenschaft und promovierte 2006 zur Rekonstruktion einer materialistischen Rechtstheorie. Sie ist Mitherausgeberin der Zeitschrift Kritische Justiz.
Jens Wissel, Dr. phil., ist Privatdozent am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Kassel und Gastwissenschaftler am Institut für Sozialforschung. Er studierte an der Goethe-Universität Frankfurt Politikwissenschaften sowie Soziologie und Philosophie und promovierte 2006 zur Transnationalisierung von Herrschaftsverhältnissen. Seine Habilitation »Staatsprojekt Europa – Grundzüge einer materialistischen Theorie der Europäischen Union« ist soeben als Buch erschienen.

Aus dem am Institut für Sozialforschung von 2009–2013 durchgeführten, von der DFG geförderten Forschungsprojekt zur Europäischen Migrationspolitik sind unter anderem die folgenden Bücher hervorgegangen:

migrationspolitik

Forschungsgruppe »Staatsprojekt Europa« (Hg.): Kämpfe um Migrationspolitik. Theorie, Methoden und Analysen kritischer Europaforschung. Bielefeld: transcript 2014

buckel

Sonja Buckel: »Welcome to Europe« – Die Grenzen des europäischen Migrationsrechts. Bielefeld: transcript 2013

wissel

Jens Wissel: Staatsprojekt Europa. Grundzüge einer materialistischen Theorie der Europäischen Union. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot 2015

 

 

 

Lesung & Gespräch – Shījīng 詩經 – Das altchinesische Buch der Lieder

Montag, 16. November 2015, 20 Uhr

Zur neu erschienenen Gesamtübersetzung mit Rainald Simon und Manfred Dahmer

978-3-15-010865-9

Reclam Verlag – Leinen, Fadenheftung, 856 Seiten, 49.95 €

Das Schijing – das altchinesische Buch der Lieder – ist die älteste Gedichtsammlung Chinas und eines der fünf kanonischen Werke, die laut Überlieferung von Konfuzius zusammengestellt wurden. Die Gedichte aus dem 11. bis 7. Jahrhundert v.Chr. gehören mit Homers Epen zu den ältesten literarischen Zeugnissen der Menschheitund bilden über zwei Jahrtausende hinweg die wichtigste Grundlage für die chinesische Lyrik.

Die 305 Liedtexte gliedern sich in Volkslieder (國風guófēng), Kleine und Große Rituallieder (雅yǎ) sowie 40 Preislieder (頌sòng), die dem heutigen Leser einen überraschend lebendigen kulturhistorischen Eindruck der von konfuzianischen Riten geprägten Gesellschaft der Zhōu-Dynastie liefern. Der vor allem in den „Volksliedern“ bisweilen sozialkritische Ton führt uns das Leben der Menschen aus der Bronzezeit vor Augen: Die bäuerliche Welt und die korrupten Beamten ebenso wie das ausschweifende Leben des Adels und die chinesische Kochkunst. Bis heute finden sich in chinesischen Redensarten einige Verse aus dem Buch der Lieder.

Die Neuübersetzung von Rainald Simon ist die erste deutsche Gesamtübersetzung des Buchs der Lieder seit Victor von Strauß’ gereimter Fassung von 1880.

Rainald Simon studierte Sinologie, Politologie, Ostasiatische Kulturwissenschaften und Vietnamistik in Frankfurt am Main und Shanghai; 1982 promovierte er über die frühen Lieder des Su Dongpo. Er arbeitete als Dozent für Chinesisch, ist seit über zwanzig Jahren als Übersetzer tätig und hat zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten zur chinesischen Kulturgeschichte vorgelegt.

Manfred Dahmer studierte Musik, Sinologie und Musikwissenschaft in Frankfurt am Main und promovierte über alte chinesische Musik. Beim Hessischen Rundfunk war er für Klassische und außereuropäische Musik zuständig, arbeitete als Lehrer für die Musikschule Frankfurt und veranstaltet mit der Griffbrettzither Gesprächskonzerte.

Buchempfehlung – Jane Gardam „Ein untadeliger Mann“

gardam

Hanser Berlin, 22.90 €

Der Jurist Edward Feathers ist ein untadeliger Mann, der sein Leben der Jurisprudenz und dem britischen Empire verschrieben hat. Der langjährige Richter in Hongkong, geboren in Malaysia, erzogen in England, jetzt, mit über achtzig Jahren, wieder in England lebend, ist der englische Gentleman par excellence: stets perfekt gekleidet, von vollendeten Manieren und ein Meister im Verbergen jeglicher Gefühlsregung. Erst nach dem unerwarteten Tod seiner Frau Betty bekommt das so perfekte Gebäude seines Lebens plötzlich erste Risse, durch die allmählich Erinnerungen einsickern, die er jahrzehntelang verdrängt hat.

Denn Edward Feathers zählte zu den „Raj-Kindern“, Kindern von englischen Beamten, die in den Kolonien geboren und schon in sehr jungen Jahren nach England gebracht wurden, da nach allgemeiner Meinung das Leben in den Kolonien für Kleinkinder zu gefährlich war. Man fürchtete Tropenkrankheiten genauso wie die Verwilderung der Sitten unter dem Einfluss der „Eingeborenen“. In vielen Fällen landeten diese Kinder dann bei Verwandten oder in Pflegefamilien, hatten jahre- oder jahrzehntelang keinerlei Kontakt zu ihren Eltern und wuchsen ungeliebt und oft genug vernachlässigt auf. Und so sind die Erinnerungen, denen sich Edward jetzt stellen muss, vor allem geprägt von Verlusten – dem Verlust seines geliebten malaysischen Kindermädchens, später seines besten Freundes im Krieg bis schließlich zum Verlust seiner Frau –, aber auch von einer Unfähigkeit zu lieben, die nicht nur ihn erschreckt. Stück für Stück wird so die Geschichte eines Menschen entfaltet, aber auch einer Gesellschaftsschicht, die mit den eigenen Kindern nicht weniger brutal umgeht als mit den Einwohnern der Kolonien, über die sie herrscht – und das weniger aus Bösartigkeit als aus emotionaler Unfähigkeit, sind doch die Eltern unter denselben Umständen aufgewachsen und haben dieselbe Lieblosigkeit erfahren, die jetzt ihre Kinder trifft.

Jane Gardam erzählt diese Geschichte lakonisch, ohne jede Sentimentalität, aber dafür mit oft scharfer Ironie. Die mittlerweile selbst 87jährige Autorin versteht es nicht nur meisterhaft, die Zwischenkriegszeit in England und das Leben der gehobenen Schichten lebendig zu machen, sie versetzt ihren fast gleichaltrigen Protagonisten, an dem in seinem behüteten, abgeschiedenen Leben auf dem Land alle Veränderungen vorbeigegangen sind, mit viel Witz auch in Situationen, in denen er schockartig mit diesen Veränderungen konfrontiert wird. Es ist gut, dass endlich ein Roman der in England sehr bekannten und mit vielen Preisen ausgezeichneten Autorin ins Deutsche übersetzt wurde, und man kann nur auf weitere Übersetzungen hoffen, denn es kommt nicht oft vor, dass ein Buch, das emotional so tief berührt und aus dem man so viel Neues lernt, gleichzeitig auch noch so viel Vergnügen macht.

Irmgard Hölscher, Frankfurt am Main

Lesung und Gespräch – Jutta Person „Esel“

Donnerstag, 1. Oktober 2015, 20 Uhr

esel

Störrisch, dumm, eigensinnig und geil – die Eigenschaften, die dem Esel zugeschrieben werden, sind selten schmeichelhaft. Und doch spielt kaum ein Tier in der Kulturgeschichte eine so bedeutende Rolle wie der Esel. Jutta Person erzählt die erstaunlich reiche Geschichte dieses faszinierenden Lastentiers und betreibt eine Charakterologie des Esels. Sie trifft prominente Eselzüchter und portraitiert domestizierte und wilde Eselarten. Nicht zuletzt zeigt sie, wie klug dieses vermeintlich dumme Tier mit den schönen Augen ist – und wie viel wir von ihm lernen können.

Esel und Eulen, Äpfel und Birnen, Monster und Gespenster: Die von Judith Schalansky im Verlag Matthes & Seitz herausgegebene Reihe Naturkunden erzählt von Tieren und Pflanzen, von Landschaften, Steinen, Himmelskörpern und fremden Wesen. Der Name ist Programm: Hier wird eine leidenschaftliche Erforschung der Welt betrieben; kundig, anschaulich und in liebevoll gestalteten Ausgaben. Die Naturkunden sind Zeugnis einer lebendigen Buchkultur und eines sorgsamen Verlagsprogramms.

Jutta Person

(c) Falk Nordmann

Jutta Person ist Journalistin und Kulturwissenschaftlerin. Sie wurde 1971 in Südbaden geboren und lebt in Berlin. Sie studierte Germanistik, Italianistik und Philosophie in Köln und Italien und promovierte mit einer Arbeit zur Geschichte der Physiognomik im 19. Jahrhundert. Sie schreibt für die Süddeutsche Zeitung, für Literaturen, Die Zeit und das Philosophie Magazin. Von 2004 bis 2007 war sie Redakteurin bei Literaturen, seit Oktober 2011 betreut sie das Ressort Bücher beim Philosophie Magazin. 2012 war sie Mitglied in der Jury des Deutschen Buchpreises.

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Karl Marx Buchhandlung (Frankfurt-Bockenheim) und mit freundlicher Unterstützung des Verlags Matthes & Seitz.

 

Bibliographische Angaben:

Jutta Person, Judith Schalansky (Hg.)
Esel. Ein Portrait
Mit zahlreichen farbigen Abbildungen, Kleinoktav-Format
144 Seiten, flexibler Einband, fadengeheftet und mit Kopfschnitt
40 Abbildungen
ISBN: 978-3-88221-078-1
Preis: 18,00 €