{"id":449,"date":"2015-05-04T18:12:21","date_gmt":"2015-05-04T16:12:21","guid":{"rendered":"http:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/?p=449"},"modified":"2015-05-04T18:12:21","modified_gmt":"2015-05-04T16:12:21","slug":"buchempfehlung-lydia-tschukowskaja-untertauchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/buchempfehlung-lydia-tschukowskaja-untertauchen\/","title":{"rendered":"Buchempfehlung &#8211; Lydia Tschukowskaja &#8222;Untertauchen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><noscript><img class=\"alignleft size-medium wp-image-450\" src=\"http:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/untertauchen-184x300.jpg\" alt=\"untertauchen\" width=\"184\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/untertauchen-184x300.jpg 184w, https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/untertauchen.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 184px) 100vw, 184px\"><\/noscript><img class=\"alignleft size-medium wp-image-450 lazyload\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns%3D%22http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg%22%20viewBox%3D%220%200%20184%20300%22%3E%3C%2Fsvg%3E\" alt=\"untertauchen\" width=\"184\" height=\"300\" srcset=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns%3D%22http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg%22%20viewBox%3D%220%200%20184%20300%22%3E%3C%2Fsvg%3E 184w\" sizes=\"(max-width: 184px) 100vw, 184px\" data-srcset=\"https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/untertauchen-184x300.jpg 184w, https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/untertauchen.jpg 400w\" data-src=\"http:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/untertauchen-184x300.jpg\">Im Februar 1949 verbringt die russische Dichterin Nina Sergejewna einige Wochen in einem Sanatorium f\u00fcr K\u00fcnstler in der N\u00e4he von Moskau auf dem Lande. Sie hofft darauf, dort \u201euntertauchen\u201c zu k\u00f6nnen. In Stille und Abgeschiedenheit, fern von dem, was ihren Alltag in Moskau qu\u00e4lend macht: das Zusammenleben mit den willk\u00fcrlich zusammengew\u00fcrfelten Menschen in der \u201eKommunalka\u201c, die Sorgen um die Tochter, die Erinnerungen an den spurlos verschwundenen Mann. F\u00fcr vier Wochen wird sie versorgt werden, sich um nichts k\u00fcmmern m\u00fcssen. Und der gr\u00f6\u00dfte Luxus ist f\u00fcr sie ein Zimmer f\u00fcr sich allein.<\/p>\n<p>Das Sanatorium entpuppt sich als Zauberberg en miniature. Eine kleine, abgeschlossene Gruppe von Menschen, die bei den gemeinsamen Mahlzeiten zusammen sitzt, bei medizinischen Anwendungen nur durch Vorh\u00e4nge getrennt in der Badewanne liegt, sich auf Spazierg\u00e4ngen trifft. Die wichtigsten von ihnen sind ein Regisseur mit seiner jungen Begleitung, die sich krampfhaft jugendlich gebende Hauswirtschafterin, ein junges M\u00e4dchen, das dort arbeitet, ein alter j\u00fcdischer Dichter, ein eitler Journalist. Schnell sind Nina Sergejewna ihre Mitmenschen zuwider. Jeder bewegt sich im Kosmos seiner pers\u00f6nlichen Eitelkeiten, verk\u00fcndet seine Meinungen ungefragt, und sie kann weder der Parteipresse noch den ideologischen Radiosendungen entgehen.<\/p>\n<p>Aber da ist auch noch der cham\u00e4leonhafte Schriftsteller Bilibin. Ein Mann, der viele Gesichter und Stimmen hat und der sie, fast gegen ihren Willen, fasziniert. Als sie auf einem gemeinsamen Spaziergang erf\u00e4hrt, dass er in einem Straflager war, hofft sie, mehr \u00fcber das Leben dort und damit vielleicht \u00fcber die Umst\u00e4nde erfahren zu k\u00f6nnen, unter denen ihr Mann get\u00f6tet wurde. Eine zarte Freundschaft bahnt sich zwischen den beiden an, und f\u00fcr Momente er\u00f6ffnet sich f\u00fcr Nina Sergejewna die M\u00f6glichkeit einer neuen Beziehung mit einem Gleichgesinnten. Bis sie entt\u00e4uscht feststellt, dass auch Bilibin den Weg der Anpassung gehen wird und sie seine \u201ewahre\u201c Stimme nur im Geheimen h\u00f6ren kann, w\u00e4hrend sie mit ihrer leidenschaftlichen Verteidigung der vom Regime ge\u00e4chteter Dichter Gefahr l\u00e4uft, selbst ins Visier linientreuer Genossen zu geraten.<\/p>\n<p>Die 1907 geborene Lydia Tschukowskaja hat s\u00e4mtliche Phasen der russischen Gesellschaft nach der Revolution erlebt. Pr\u00e4gend war f\u00fcr sie die Zeit des gro\u00dfen stalinistischen Terrors, in der ihr damaliger Mann spurlos verschwand. Sie muss eine sehr mutige und widerst\u00e4ndige Frau gewesen sein, die sich f\u00fcr Schriftsteller einsetzte, die Publikationsverbot hatten. Der 1949 begonnene Roman \u201eUntertauchen\u201c erschien zuerst 1972 in Amerika und f\u00fchrte dadurch 1974 zu ihrem Ausschlussaus dem Schriftstellerverband. (Ihre beeindruckende Rede vor dem Verband hat der Verlag dankenswerterweise im Anhang abgedruckt.)Das gesellschaftliche Klima, das sie in \u201eUntertauchen\u201c beschreibt, war ihr zutiefst vertraut, und wie sie mit jeweils wenigen S\u00e4tzen die Atmosph\u00e4re des Sanatoriums und die Menschen, die darin arbeiten, sowie die G\u00e4ste beschreibt, ist meisterhaft. Ist der Ton der Ich-Erz\u00e4hlerin anfangs noch etwas naiv-poetisch, wandelt er sich im Laufe des Romans zu Melancholie und Ern\u00fcchterung. Die wenigen handelnden Personen und erz\u00e4hlten Situationen f\u00fchren dem Leser die Stimmung der Zeit vor: Intellektuellenfeindlichkeit, Denunziation, Einsamkeit, Verhaftung, Verh\u00f6re, Lager machen die Menschen zu T\u00e4tern und Opfern \u2013 h\u00e4ufig beides in einer Person. Es gibt diejenigen, die ahnungsvoll auf den n\u00e4chsten Tag blicken, und die, die sich anpassen, aber wissen, dass auch ihr Untergang jederzeit kommen kann. Nichts und niemand ist in diesem System sicher. Heute trifft Verfolgung und Hetze Juden und Kosmopoliten, morgen werden es andere sein. Und so drehen die meisten ihr F\u00e4hnchen nach dem Wind, denn wer heute noch verteidigt wird, kann morgen schon zum Ausgesto\u00dfenen werden.<\/p>\n<p>\u201eUntertauchen\u201c ist ein bitteres Zeitportrait. Dass man es trotzdem mit gro\u00dfer Freude liest, verdankt sich Tschukowskajas ruhiger, schn\u00f6rkelloser und doch poetischer Sprache, die selbst eine kafkaesk anmutende Erz\u00e4hlung in der Erz\u00e4hlung, in der Frauen im tiefsten Winter vor einer Kommandantur stehen, um Informationen \u00fcber den Verbleib ihrer M\u00e4nner zu erhalten, eine tiefe Kraft gibt. Wie gut, dass der D\u00f6rlemann Verlag das Buch, das in den siebziger Jahren schon einmal auf Deutsch erschienen war, f\u00fcr den heutigen Leser erneut herausgebracht hat, denn mit \u201eUntertauchen\u201c ist eine gro\u00dfartige Schriftstellerin wieder zu entdecken.<\/p>\n<p><strong>Ruth Roebke, autorenbuchhandlung marx &amp; co, Frankfurt<\/strong><\/p>\n<div class=\"shariff shariff-align-flex-start shariff-widget-align-flex-start\" data-services=\"facebook%7Ctwitter\" data-url=\"https%3A%2F%2Fautorenbuchhandlung-marx.de%2Fwww%2Fbuchempfehlung-lydia-tschukowskaja-untertauchen%2F\" data-timestamp=\"1430763141\" data-backendurl=\"https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/wp-json\/shariff\/v1\/share_counts?\"><ul class=\"shariff-buttons theme-round orientation-horizontal buttonsize-medium\"><li class=\"shariff-button facebook shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#4273c8\"><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sharer\/sharer.php?u=https%3A%2F%2Fautorenbuchhandlung-marx.de%2Fwww%2Fbuchempfehlung-lydia-tschukowskaja-untertauchen%2F\" title=\"Bei Facebook teilen\" aria-label=\"Bei Facebook teilen\" role=\"button\" rel=\"nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#3b5998; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style><svg width=\"32px\" height=\"20px\" viewBox=\"0 0 18 32\"><path fill=\"#3b5998\" d=\"M17.1 0.2v4.7h-2.8q-1.5 0-2.1 0.6t-0.5 1.9v3.4h5.2l-0.7 5.3h-4.5v13.6h-5.5v-13.6h-4.5v-5.3h4.5v-3.9q0-3.3 1.9-5.2t5-1.8q2.6 0 4.1 0.2z\" \/><\/svg><\/span><\/a><\/li><li class=\"shariff-button twitter shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#32bbf5\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/share?url=https%3A%2F%2Fautorenbuchhandlung-marx.de%2Fwww%2Fbuchempfehlung-lydia-tschukowskaja-untertauchen%2F&amp;text=Buchempfehlung%20%E2%80%93%20Lydia%20Tschukowskaja%20%E2%80%9EUntertauchen%E2%80%9C\" title=\"Bei Twitter teilen\" aria-label=\"Bei Twitter teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#55acee; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style><svg width=\"32px\" height=\"20px\" viewBox=\"0 0 30 32\"><path fill=\"#55acee\" d=\"M29.7 6.8q-1.2 1.8-3 3.1 0 0.3 0 0.8 0 2.5-0.7 4.9t-2.2 4.7-3.5 4-4.9 2.8-6.1 1q-5.1 0-9.3-2.7 0.6 0.1 1.5 0.1 4.3 0 7.6-2.6-2-0.1-3.5-1.2t-2.2-3q0.6 0.1 1.1 0.1 0.8 0 1.6-0.2-2.1-0.4-3.5-2.1t-1.4-3.9v-0.1q1.3 0.7 2.8 0.8-1.2-0.8-2-2.2t-0.7-2.9q0-1.7 0.8-3.1 2.3 2.8 5.5 4.5t7 1.9q-0.2-0.7-0.2-1.4 0-2.5 1.8-4.3t4.3-1.8q2.7 0 4.5 1.9 2.1-0.4 3.9-1.5-0.7 2.2-2.7 3.4 1.8-0.2 3.5-0.9z\" \/><\/svg><\/span><\/a><\/li><\/ul><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Februar 1949 verbringt die russische Dichterin Nina Sergejewna einige Wochen in einem Sanatorium f\u00fcr K\u00fcnstler in der N\u00e4he von Moskau auf dem Lande. 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