{"id":1163,"date":"2019-02-15T14:46:10","date_gmt":"2019-02-15T12:46:10","guid":{"rendered":"https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/?p=1163"},"modified":"2019-05-23T14:48:53","modified_gmt":"2019-05-23T12:48:53","slug":"buchempfehlung-26","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/buchempfehlung-26\/","title":{"rendered":"Buchempfehlung"},"content":{"rendered":"<h2>Sergej Lebedew &#8211; Kronos Kinder<\/h2>\n\n\n\n<p>Aus dem Russischen von Franziska Zwerg<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft\"><noscript><img width=\"200\" height=\"327\" src=\"https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/lebedew.jpg\" alt class=\"wp-image-1164\" srcset=\"https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/lebedew.jpg 200w, https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/lebedew-183x300.jpg 183w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\"><\/noscript><img width=\"200\" height=\"327\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns%3D%22http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg%22%20viewBox%3D%220%200%20200%20327%22%3E%3C%2Fsvg%3E\" alt class=\"wp-image-1164 lazyload\" srcset=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns%3D%22http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg%22%20viewBox%3D%220%200%20200%20327%22%3E%3C%2Fsvg%3E 200w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" data-srcset=\"https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/lebedew.jpg 200w, https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/lebedew-183x300.jpg 183w\" data-src=\"https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/lebedew.jpg\"><figcaption>S. Fischer Verlag, 24 \u20ac<br>978-3-10-397373-0 <\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><em>Kronos\u2018 Kinder<\/em>\n ist die Geschichte der Recherche des Historikers Kirill zu seinen \ndeutschen Vorfahren, von denen der erste 1830 aus Leipzig ins Russische \nKaiserreich gekommen ist. Leitmotiv ist die Erinnerung Kirills an einen \nVorfall, den er in seiner Kindheit beobachtet hat. In dem russischen \nDorf, in dem seine Gro\u00dfmutter lebt, beobachtet das Kind, wie ein \ninvalider Veteran des Zweiten Weltkriegs, nachdem er sich am Jahrestag \nseiner Verwundung betrunken hat, eine Schar G\u00e4nse niederschie\u00dft und sie \ndabei als deutsche Feinde wahrnimmt. F\u00fcr Kirill spricht diese Szene f\u00fcr \ndas besondere Verh\u00e4ltnis zwischen Russen und Deutschen, das er dann auch\n in der Geschichte seiner deutschen Vorfahren immer wieder zu erkennen \nglaubt.<\/p>\n\n\n\n<p>Erz\u00e4hlt wird die von Lebedews eigener Familiengeschichte \ninspirierte Geschichte aus Kirills Perspektive in der dritten Person. Er\n f\u00e4hrt zu den historischen Schaupl\u00e4tzen seiner Familiengeschichte, nach \nLeipzig, Halle, M\u00fcnster und Zarizyn\/Stalingrad\/Wolgograd und denkt sich \nhinein in seine Vorfahren, deren Perspektive dann ab und zu durch die \nseine hindurchscheint. Es bleibt aber deutlich, dass es stets Kirills \nImaginationen sind, die hier sprechen, sodass die Perspektivenvielfalt \neine scheinbare bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist Kirills Gro\u00dfmutter Lina, die den Ausschlag f\u00fcr \nseine Recherche gibt, als sie ihm sagt, dass sie als Karolina Schwerdt \ngeboren wurde und ihre Vorfahren Deutsche gewesen seien. Sie nimmt \nKirill fr\u00fch mit auf den sogenannten \u201eDeutschen Friedhof\u201c in Moskau und \n\u00f6ffnet ihm dadurch einen in der Sowjetunion unerwarteten Blick auf die \nfremde Welt seiner Vorfahren. Im Zuge seiner Recherchen st\u00f6\u00dft Kirill auf\n die Geschichte von Balthasar, einem Hom\u00f6opathen, der 1830 nach Russland\n ging. Kirill folgt der m\u00e4nnlichen Linie der Schwerdts, \u00c4rzte und \nIngenieure, bis zu der Geschichte seiner Gro\u00dfmutter. Dabei interessiert \nihn stets, welche Rolle das Deutschtum f\u00fcr seine Vorfahren und ihre \nSchicksale gespielt hat. H\u00e4tte seine Gro\u00dftante die Blockade von \nLeningrad \u00fcberlebt, wenn sie keine Deutsche gewesen w\u00e4re? H\u00e4tte seine \nGro\u00dfmutter auch den zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit \u00fcberlebt, \nwenn sie nicht die M\u00f6glichkeit gehabt h\u00e4tte, durch ihre Heirat mit einem\n Russen den deutschen Namen abzulegen?<\/p>\n\n\n\n<p>Kirill, dem der Leser bei der Rekonstruktion seiner \nFamiliengeschichte folgt, stellt Spekulationen \u00fcber die Ansichten und \nBeweggr\u00fcnde seiner Vorfahren an, ist st\u00e4ndig bem\u00fcht, aus den Ereignissen\n auf sein eigenes Leben zu schlie\u00dfen, und versucht, transhistorische \nKonstanten auszumachen, die er \u201eAlgorithmen\u201c, \u201eLebensmuster\u201c oder \u201eReime\n des Schicksals\u201c nennt und die ihn nicht selten zu pauschalen Urteilen \nverleiten. Seine Schlussfolgerungen zu den Beweggr\u00fcnden historischer \nFiguren scheinen aber nicht nur die Darstellung zu beeinflussen, sondern\n auch die Ereignisse in der Vergangenheit selbst. Wie ein Gott greift er\n ein, zieht Vergleiche, setzt Verh\u00e4ltnisse und ordnet damit alles neu. \nSeine Rolle ist ihm dabei bewusst wenn es hei\u00dft, \u201eer war derjenige, der \nalles sah\u201c (245). <\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Hintergrund der gro\u00dfartigen, bereits ins Deutsche \u00fcbersetzten Romane Lebedews, <em>Der Himmel auf ihren Schultern<\/em> (2013) und <em>Menschen im August<\/em>\n (2015), ist dieses Buch deshalb zun\u00e4chst \u00e4rgerlich: Es ist erm\u00fcdend, \nden Spekulationen Kirills \u00fcber die Beweggr\u00fcnde seiner Vorfahren zu \nfolgen, die ihn dann wie von Zauberhand auf die richtige Spur lenken. \nDie Methode des Erz\u00e4hlers, intuitiv historische Zusammenh\u00e4nge zu \nerkennen, wird hier nicht nur exzessiv und mit scheinbar \nselbstverst\u00e4ndlichen Erfolgen verfolgt, sie wird auch explizit benannt. \nMit fortschreitender Lekt\u00fcre aber wird deutlich, dass dieses \nThematisieren und Ausreizen nicht einfach Kitsch ist, sondern vielmehr \nneue Bereiche poetischer Opazit\u00e4t \u00f6ffnet. Denn dieser Roman hat ein ganz\n anderes Thema als die vorhergehenden, in denen es um die Vergangenheit \nbzw. das Fortleben der Vergangenheit in der Gegenwart ging. Hier geht es\n um Kirill, seine Recherche und dar\u00fcber, wie eine Erz\u00e4hlung entsteht. \nDie Rekonstruktion der Vergangenheit und das Verfassen des Buchs dar\u00fcber\n wird f\u00fcr Kirill zu einem einzigen Vorgang: Das Nachdenken \u00fcber den \nm\u00f6glichen Fortgang der Erz\u00e4hlung f\u00e4llt in eins mit dem Auffinden neuer \nVerbindungsst\u00fccke in der Geschichte seiner Vorfahren. <em>Kronos\u2018 Kinder<\/em> ist damit ein unfertig wirkender Metaroman mit all der Sperrigkeit und Unabgeschlossenheit, die diesem Genre eignen kann. <\/p>\n\n\n\n<p>Was diesen Metaroman trotz dieser Sperrigkeit zu einem \nGenuss macht, sind die so wundervollen Beschreibungen, f\u00fcr die Lebedew \nbekannt ist. Dazu geh\u00f6ren zum Beispiel Kirills feinsinnige Beobachtungen\n bei der Lekt\u00fcre des mehrsprachigen Tagebuchs seines Gro\u00dfvaters und die \natmosph\u00e4rische Beschreibung eines Sommergewitters im Dorf der Gro\u00dfmutter\n ganz zu Anfang des Romans. Diese Szenen, in denen der Lesende das \nGef\u00fchl absoluter Unmittelbarkeit bekommt, erg\u00e4nzen die methodischen \nReflexionen des Protagonisten erstaunlich gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Alena Heinritz, Graz<\/p>\n<div class=\"shariff shariff-align-flex-start shariff-widget-align-flex-start\" data-services=\"facebook%7Ctwitter\" data-url=\"https%3A%2F%2Fautorenbuchhandlung-marx.de%2Fwww%2Fbuchempfehlung-26%2F\" data-timestamp=\"1558622933\" data-backendurl=\"https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/wp-json\/shariff\/v1\/share_counts?\"><ul class=\"shariff-buttons theme-round orientation-horizontal buttonsize-medium\"><li class=\"shariff-button facebook shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#4273c8\"><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sharer\/sharer.php?u=https%3A%2F%2Fautorenbuchhandlung-marx.de%2Fwww%2Fbuchempfehlung-26%2F\" title=\"Bei Facebook teilen\" aria-label=\"Bei Facebook teilen\" role=\"button\" rel=\"nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#3b5998; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style><svg width=\"32px\" height=\"20px\" viewBox=\"0 0 18 32\"><path fill=\"#3b5998\" d=\"M17.1 0.2v4.7h-2.8q-1.5 0-2.1 0.6t-0.5 1.9v3.4h5.2l-0.7 5.3h-4.5v13.6h-5.5v-13.6h-4.5v-5.3h4.5v-3.9q0-3.3 1.9-5.2t5-1.8q2.6 0 4.1 0.2z\" \/><\/svg><\/span><\/a><\/li><li class=\"shariff-button twitter shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#32bbf5\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/share?url=https%3A%2F%2Fautorenbuchhandlung-marx.de%2Fwww%2Fbuchempfehlung-26%2F&amp;text=Buchempfehlung\" title=\"Bei Twitter teilen\" aria-label=\"Bei Twitter teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#55acee; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style><svg width=\"32px\" height=\"20px\" viewBox=\"0 0 30 32\"><path fill=\"#55acee\" d=\"M29.7 6.8q-1.2 1.8-3 3.1 0 0.3 0 0.8 0 2.5-0.7 4.9t-2.2 4.7-3.5 4-4.9 2.8-6.1 1q-5.1 0-9.3-2.7 0.6 0.1 1.5 0.1 4.3 0 7.6-2.6-2-0.1-3.5-1.2t-2.2-3q0.6 0.1 1.1 0.1 0.8 0 1.6-0.2-2.1-0.4-3.5-2.1t-1.4-3.9v-0.1q1.3 0.7 2.8 0.8-1.2-0.8-2-2.2t-0.7-2.9q0-1.7 0.8-3.1 2.3 2.8 5.5 4.5t7 1.9q-0.2-0.7-0.2-1.4 0-2.5 1.8-4.3t4.3-1.8q2.7 0 4.5 1.9 2.1-0.4 3.9-1.5-0.7 2.2-2.7 3.4 1.8-0.2 3.5-0.9z\" \/><\/svg><\/span><\/a><\/li><\/ul><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sergej Lebedew &#8211; Kronos Kinder Aus dem Russischen von Franziska Zwerg Kronos\u2018 Kinder ist die Geschichte der Recherche des Historikers Kirill zu seinen deutschen Vorfahren, von denen der erste 1830 aus Leipzig ins Russische Kaiserreich gekommen ist. 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