{"id":1156,"date":"2018-11-17T14:35:12","date_gmt":"2018-11-17T12:35:12","guid":{"rendered":"https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/?p=1156"},"modified":"2019-05-23T14:39:11","modified_gmt":"2019-05-23T12:39:11","slug":"buchempfehlung-24","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/buchempfehlung-24\/","title":{"rendered":"Buchempfehlung"},"content":{"rendered":"<h2>Francesca Melandri &#8211; Alle, au\u00dfer mir<\/h2>\n\n\n\n<p> Roman. Aus dem Italienischen von Esther Hansen <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft\"><noscript><img width=\"200\" height=\"318\" src=\"https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/melandri.jpg\" alt class=\"wp-image-1158\" srcset=\"https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/melandri.jpg 200w, https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/melandri-189x300.jpg 189w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\"><\/noscript><img width=\"200\" height=\"318\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns%3D%22http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg%22%20viewBox%3D%220%200%20200%20318%22%3E%3C%2Fsvg%3E\" alt class=\"wp-image-1158 lazyload\" srcset=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns%3D%22http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg%22%20viewBox%3D%220%200%20200%20318%22%3E%3C%2Fsvg%3E 200w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" data-srcset=\"https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/melandri.jpg 200w, https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/melandri-189x300.jpg 189w\" data-src=\"https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/melandri.jpg\"><figcaption>Wagenbach Verlag, 26 \u20ac<br>978-3-8031-3296-3 <\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Motor der Geschichte ist der italienische Kolonialismus, \ngenauer, Mussolinis Eroberungsfeldzug in \u00c4thiopien, der 1935 begann und \nf\u00fcnf Jahre w\u00e4hrte. <em>Sangue giusto<\/em>, <em>Richtiges Blut<\/em>, \nhei\u00dft der Roman im Italienischen und verweist damit schon im Titel auf \nden faschistischen Rassenwahn und das System strikter Rassentrennung, \ndas das Regime in \u00c4thiopien installierte. Bis zu zehn Prozent der \nBev\u00f6lkerung fielen diesem Krieg zum Opfer, den Hungerlagern, \nMassenhinrichtungen und Senfgaseins\u00e4tzen. Von einem \u201evergessenen \nV\u00f6lkermord\u201c spricht der Historiker Aram Mattioli \u2013 vergessen, weil ins \nAbseits der Erinnerungskultur Italiens geschoben, wo nie eine \nglaubw\u00fcrdige Aufarbeitung der Vergangenheit stattgefunden hat. Die an \nder Bev\u00f6lkerung ver\u00fcbten Gewalttaten der deutschen Besatzer ab 1943 \n\u00fcberschatteten die T\u00e4tervergangenheit des Landes, es konnte sich fortan \nals Opfer sehen oder als antifaschistische Partisanen gegen die deutsche\n Besatzung. So \u00fcberdauerte bis heute in weiten Teilen der Bev\u00f6lkerung \nein unvollst\u00e4ndiges und allzu nachsichtiges Bild des Faschismus. \nFrancesca Melandri destruiert dieses Bild in ihrem Roman radikal. \n\u201eItalien war ein ausgen\u00fcchterter Alkoholiker, der wie jeder Verfechter \nder Abstinenz nichts von seinem Verhalten w\u00e4hrend des letzten schlimmen \nRausches wissen will\u201c, schreibt die r\u00f6mische Autorin, die als \nDrehbuchautorin und Dokumentarfilmerin bekannt wurde und nun ihren \ndritten Roman vorlegt, nach Eva schl\u00e4ft, einem Roman \u00fcber die \nZwangsitalianisierung S\u00fcdtirols, und \u00dcber Meeresh\u00f6he, dessen Thema der \nitalienische Terrorismus ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Handlung setzt ein im Jahr 2010, noch regiert \nBerlusconi. Ilaria Profeti, Mitte vierzig, Lehrerin und kinderlos, eine \nder Hauptfiguren des Romans, ist eine mehr oder weniger typische \nVertreterin des linksliberalen Milieus in Italien: Desillusioniert durch\n die fortw\u00e4hrende Untergrabung der Demokratie durch die rechte \nRegierung, ist sie gleichwohl als Lehrerin noch immer sehr engagiert. \nAlle au\u00dfer ihr sind korrupt, bigott und unmoralisch. Was sie nicht daran\n hindert, eine \u2013 verheimlichte \u2013 sexuelle Beziehung zu Piero einzugehen,\n einem Jugendfreund aus verm\u00f6gender Familie, der in Berlusconis Partei \nKarriere gemacht hat und damit politisch genau das Gegenteil ihrer \n\u00dcberzeugungen vertritt. Ilaria glaubt, ihr Leben im Griff zu haben, ihre\n Familie zu kennen. Bis etwas geschieht, das sie in ihrer Grundfesten \nersch\u00fcttert: Eines Abends , Ilaria kommt vom r\u00f6mischen Alltag abgek\u00e4mpft\n nach Hause, sitzt auf der Treppe ihrer Wohnung im sechsten Stock eines \nMiethauses ein abgerissener junger Mann, dem Aussehen nach ein \n\u00c4thiopier, eindeutig ein Gefl\u00fcchteter; wie sich herausstellt, ein \nregimekritischer junger Lehrer, der, um sich der Verfolgung durch das \npostkoloniale Regime zu entziehen, \u201eraus musste\u201c und nach jahrelanger \nFlucht durch die W\u00fcste und libysche Lager in Italien landete, wo sein \nAsylantrag binnen weniger Minuten abgelehnt wurde. Und dieser junge \nMann, der nun illegal in Land lebt, erkl\u00e4rt Ilaria in perfektem \nItalienisch: \u201eIch hei\u00dfe Shimeta Ietmgeta Attilioprofeti\u201c. Der Beweis: \nsein Pass. Ietmgeta sei der Name seines verstorbenen Vaters, Attilio \nProfetis Sohn. Attilio Profeti, das ist Ilarias Vater. Ein Vater, den \nsie liebt. Der einst der heranwachsenden Ilaria beichtete, er habe noch \neine zweite Familie, eine Frau, Anita, die er nach der Scheidung von \nIlarias Mutter heiratet, und einen Sohn namens Attilio, nach dem Vater \nbenannt . Die Erz\u00e4hlung nimmt Fahrt auf. Den hochbetagten Vater kann \nIlaria nicht mehr befragen. Er ist dement. Die Suche nach der Wahrheit \nhinter der Behauptung des Jungen, sie sei seine Tante, f\u00fchrt Ilaria \nzur\u00fcck in die italienische Provinz zur Zeit des Faschismus, zur Herkunft\n ihres Vaters, und weiter \u00fcber Rom nach \u00c4thiopien. Denn der Vater hatte \nmehr zu verbergen als eine zweite Familie: Er, der vorgegeben hatte, \nPartisan gewesen zu sein, entpuppt sich als \u00fcberzeugter Faschist, der \nsich freiwillig f\u00fcr den Abessinien-Feldzug meldete, als Assistent eines \nRassenforschers arbeitete, an Feldz\u00fcgen und Massakern teilnahm und in \n\u00c4thiopien einen Sohn zeugte, den er nie anerkannte. Attilio Profeti ist \neine der wichtigsten Figuren der Erz\u00e4hlung, charmant, liebenswert, \nskrupellos, vielschichtig gezeichnet, glaubw\u00fcrdig, so wie andere \nHandlungstr\u00e4ger auch. Flankiert werden sie von zahlreichen Nebenfiguren,\n die leider \u00f6fter zu Schablonen geraten sind. Die Stofff\u00fclle ist immens,\n doch der Autorin ist es gelungen, die Zeitspr\u00fcnge, den h\u00e4ufigen Wechsel\n der Perspektiven und Schaupl\u00e4tzen in den einzelnen Erz\u00e4hlstr\u00e4ngen \nstimmig ineinander zu binden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zehn Jahre hat Francesca Melandri an diesem Roman \ngearbeitet, in Archiven geforscht und in \u00c4thiopien Orte der Handlung \naufgesucht, dort nach noch lebenden Zeitzeugen gesucht. Einpr\u00e4gsam sind \nviele Szenen, etwa der Angriff auf widerst\u00e4ndige \u00c4thiopier, die mit \nSenfgas aus ihrem Felsenversteck getrieben und get\u00f6tet werden. Fast \nschon satirisch die Beschreibung von Gaddafis ber\u00fchmten Besuch in Rom, \nder die Stadt in einen Ausnahmezustand versetzte. Gleichwohl seien \nmanche stilistische Entgleisungen erw\u00e4hnt, etwa wenn es hei\u00dft, \u201cdie \nHochebene des Wollo und des Shoa\u201d seien \u201cso ausgetrocknet wie die Knie \nvon Hundertj\u00e4hrigen\u201d.  Auch die \u00dcbersetzung h\u00e4tte bisweilen ein \nsorgf\u00e4ltigeres Lektorat verdient. Das ist schade, keine Frage. Aber es \n\u00e4ndert nichts daran, dass Francesca Melandri ein weiterer Roman gelungen\n ist, dessen St\u00e4rke darin liegt, historisch fundiert zu entwickeln, \nwarum das heutige Italien ist, wie es ist.  <\/p>\n\n\n\n<p>Michaela Wunderle, Frankfurt am Main<\/p>\n<div class=\"shariff shariff-align-flex-start shariff-widget-align-flex-start\" data-services=\"facebook%7Ctwitter\" data-url=\"https%3A%2F%2Fautorenbuchhandlung-marx.de%2Fwww%2Fbuchempfehlung-24%2F\" data-timestamp=\"1558622351\" data-backendurl=\"https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/wp-json\/shariff\/v1\/share_counts?\"><ul class=\"shariff-buttons theme-round orientation-horizontal buttonsize-medium\"><li class=\"shariff-button facebook shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#4273c8\"><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sharer\/sharer.php?u=https%3A%2F%2Fautorenbuchhandlung-marx.de%2Fwww%2Fbuchempfehlung-24%2F\" title=\"Bei Facebook teilen\" aria-label=\"Bei Facebook teilen\" role=\"button\" rel=\"nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#3b5998; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style><svg width=\"32px\" height=\"20px\" viewBox=\"0 0 18 32\"><path fill=\"#3b5998\" d=\"M17.1 0.2v4.7h-2.8q-1.5 0-2.1 0.6t-0.5 1.9v3.4h5.2l-0.7 5.3h-4.5v13.6h-5.5v-13.6h-4.5v-5.3h4.5v-3.9q0-3.3 1.9-5.2t5-1.8q2.6 0 4.1 0.2z\" \/><\/svg><\/span><\/a><\/li><li class=\"shariff-button twitter shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#32bbf5\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/share?url=https%3A%2F%2Fautorenbuchhandlung-marx.de%2Fwww%2Fbuchempfehlung-24%2F&amp;text=Buchempfehlung\" title=\"Bei Twitter teilen\" aria-label=\"Bei Twitter teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#55acee; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style><svg width=\"32px\" height=\"20px\" viewBox=\"0 0 30 32\"><path fill=\"#55acee\" d=\"M29.7 6.8q-1.2 1.8-3 3.1 0 0.3 0 0.8 0 2.5-0.7 4.9t-2.2 4.7-3.5 4-4.9 2.8-6.1 1q-5.1 0-9.3-2.7 0.6 0.1 1.5 0.1 4.3 0 7.6-2.6-2-0.1-3.5-1.2t-2.2-3q0.6 0.1 1.1 0.1 0.8 0 1.6-0.2-2.1-0.4-3.5-2.1t-1.4-3.9v-0.1q1.3 0.7 2.8 0.8-1.2-0.8-2-2.2t-0.7-2.9q0-1.7 0.8-3.1 2.3 2.8 5.5 4.5t7 1.9q-0.2-0.7-0.2-1.4 0-2.5 1.8-4.3t4.3-1.8q2.7 0 4.5 1.9 2.1-0.4 3.9-1.5-0.7 2.2-2.7 3.4 1.8-0.2 3.5-0.9z\" \/><\/svg><\/span><\/a><\/li><\/ul><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Francesca Melandri &#8211; Alle, au\u00dfer mir Roman. 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