{"id":1147,"date":"2018-10-16T13:55:20","date_gmt":"2018-10-16T11:55:20","guid":{"rendered":"https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/?p=1147"},"modified":"2019-05-23T13:59:25","modified_gmt":"2019-05-23T11:59:25","slug":"buchempfehlung-21","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/buchempfehlung-21\/","title":{"rendered":"Buchempfehlung"},"content":{"rendered":"<h2>Annie Ernaux &#8211; Erinnerung eines M\u00e4dchens<\/h2>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft\"><noscript><img width=\"200\" height=\"334\" src=\"https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/m\u00e4dchen.jpg\" alt class=\"wp-image-1148\" srcset=\"https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/m\u00e4dchen.jpg 200w, https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/m\u00e4dchen-180x300.jpg 180w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\"><\/noscript><img width=\"200\" height=\"334\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns%3D%22http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg%22%20viewBox%3D%220%200%20200%20334%22%3E%3C%2Fsvg%3E\" alt class=\"wp-image-1148 lazyload\" srcset=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns%3D%22http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg%22%20viewBox%3D%220%200%20200%20334%22%3E%3C%2Fsvg%3E 200w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" data-srcset=\"https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/m\u00e4dchen.jpg 200w, https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/m\u00e4dchen-180x300.jpg 180w\" data-src=\"https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/m\u00e4dchen.jpg\"><figcaption>Suhrkamp Verlag, 20 \u20ac <br>978-3-518-42792-7 <\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Als \u201eEthnologin ihrer selbst\u201c geht Annie Ernaux in ihrem \nneuen Roman zur\u00fcck in das Jahr 1958, in dem sie sich als knapp \n18-j\u00e4hrige zum ersten Mal von ihrem moralisch beengenden Elternhaus \nentfernt, um in einem Feriencamp als Betreuerin zu arbeiten. Die \nerhoffte Romanze mit einem \u00e4lteren Betreuer ger\u00e4t zu einer fast brutalen\n ersten sexuellen Erfahrung, die Ernaux im R\u00fcckblick als pr\u00e4gend f\u00fcr ihr\n ganzes Leben entschl\u00fcsselt.<\/p>\n\n\n\n<p>Behutsam, aber in vertraut distanziertem Ton, \u00fcberf\u00fchrt \ndie Autorin einen inneren Zustand der Bilder und Gef\u00fchle in einen \nZustand der W\u00f6rter. Sie erinnert sich an die Dem\u00fctigung durch ihre \nAltersgenoss*innen, an die tief empfundene Scham und ringt mit der \nFrage, die sich vermutlich fast alle M\u00e4dchen in dieser Zeit stellten, \nn\u00e4mlich der, wie man sich \u201erichtig\u201c verh\u00e4lt. Erst einige Jahre sp\u00e4ter \nwird sie in ihrem Philosophiestudium bei Simone de Beauvoir die Antwort \nfinden, dass sie sich auch als Frau als freies Subjekt bewegen darf.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ehrlichkeit, mit der Annie Ernaux ihren Selbsthass, \nihre beginnende Essst\u00f6rung und den Versuch der Vertuschung ihrer \nkleinb\u00fcrgerlichen Herkunft beschreibt, hat eine gleicherma\u00dfen \nbeklemmende wie befreiende Wirkung auf den Leser. Oder in diesem Fall \nvielleicht nur auf die Leserin? Auch 20 oder 30 Jahre sp\u00e4ter haben \nFrauen noch immer mit denselben Zweifeln angesichts der Frage gerungen, \nwas wohl ein angemessenes, weibliches Verhalten sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Ernaux beschreibt in ihrer R\u00fcckschau, wie sie als junge \nFrau den Weg der Verwandlung einschlug. Sie wollte ungeschehen machen, \nwas ihr so viel Schmerz bereitet hatte, versuchte, ihren K\u00f6rper in den \neiner Anderen zu verwandeln, in den K\u00f6rper einer Frau, die begehrt statt\n abgewiesen wird. Anstatt sich von der m\u00e4nnlichen Dominanz zu befreien, \nhatte sie ihr ganzes Sein darauf ausgerichtet, \u201eihn\u201c irgendwann doch f\u00fcr\n sich gewinnen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den einschneidenden Sommer im Feriencamp folgt der \nBeginn einer Ausbildung an einer Fachschule f\u00fcr Lehrerinnen. Diese Zeit \nin einer autarken Gemeinschaft mit durchorganisiertem Alltag, der f\u00fcr \ndie junge Frau \u201eweich wie ein Kissen\u201c war, w\u00fcrde die Autorin sp\u00e4ter in \nihrer Auseinandersetzung mit politischen Fragen das sowjetische System \nverstehen lassen und noch sp\u00e4ter die Sehnsucht der Russen nach der guten\n alten Zeit. Erst sp\u00e4ter wird sich Annie Ernaux das vollkommene Fehlen \neines p\u00e4dagogischen Talents eingestehen und einen anderen Weg \neinschlagen, der sie aus der zwar strengen, aber doch beh\u00fcteten \nGemeinschaft herausf\u00fchren wird.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e\u2026im Prinzip gibt es nur zwei Arten von Literatur, die \nnacherz\u00e4hlende und die suchende\u2026\u201c schreibt Ernaux. In Erinnerungen eines\n M\u00e4dchens vereint die Autorin beides miteinander. Indem sie nacherz\u00e4hlt \nund sich, \u00e4hnlich wie in ihrem letzten Roman Die Jahre, an \nErinnerungsst\u00fccken, Briefen und Fotos entlang hangelt, versucht sie sich\n der jungen Frau \u2013 die sie jetzt nicht mehr ist \u2013 zu n\u00e4hern. Die Frage, \nwie wir zu der Person wurden, die wir heute sind, fasziniert vermutlich \nnicht nur Annie Ernaux. Mit dieser Frage bleibt man auch zur\u00fcck, wenn \nman die letzte der 164 Seiten ihres Buchs gelesen hat, und wird sich im \nbesten Fall auf die Suche nach der eigenen Vergangenheit begeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx &amp; co, Frankfurt<\/p>\n<div class=\"shariff shariff-align-flex-start shariff-widget-align-flex-start\" data-services=\"facebook%7Ctwitter\" data-url=\"https%3A%2F%2Fautorenbuchhandlung-marx.de%2Fwww%2Fbuchempfehlung-21%2F\" data-timestamp=\"1558619965\" data-backendurl=\"https:\/\/autorenbuchhandlung-marx.de\/www\/wp-json\/shariff\/v1\/share_counts?\"><ul class=\"shariff-buttons theme-round orientation-horizontal buttonsize-medium\"><li class=\"shariff-button facebook shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#4273c8\"><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sharer\/sharer.php?u=https%3A%2F%2Fautorenbuchhandlung-marx.de%2Fwww%2Fbuchempfehlung-21%2F\" title=\"Bei Facebook teilen\" aria-label=\"Bei Facebook teilen\" role=\"button\" rel=\"nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#3b5998; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style><svg width=\"32px\" height=\"20px\" viewBox=\"0 0 18 32\"><path fill=\"#3b5998\" d=\"M17.1 0.2v4.7h-2.8q-1.5 0-2.1 0.6t-0.5 1.9v3.4h5.2l-0.7 5.3h-4.5v13.6h-5.5v-13.6h-4.5v-5.3h4.5v-3.9q0-3.3 1.9-5.2t5-1.8q2.6 0 4.1 0.2z\" \/><\/svg><\/span><\/a><\/li><li class=\"shariff-button twitter shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#32bbf5\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/share?url=https%3A%2F%2Fautorenbuchhandlung-marx.de%2Fwww%2Fbuchempfehlung-21%2F&amp;text=Buchempfehlung\" title=\"Bei Twitter teilen\" aria-label=\"Bei Twitter teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#55acee; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style><svg width=\"32px\" height=\"20px\" viewBox=\"0 0 30 32\"><path fill=\"#55acee\" d=\"M29.7 6.8q-1.2 1.8-3 3.1 0 0.3 0 0.8 0 2.5-0.7 4.9t-2.2 4.7-3.5 4-4.9 2.8-6.1 1q-5.1 0-9.3-2.7 0.6 0.1 1.5 0.1 4.3 0 7.6-2.6-2-0.1-3.5-1.2t-2.2-3q0.6 0.1 1.1 0.1 0.8 0 1.6-0.2-2.1-0.4-3.5-2.1t-1.4-3.9v-0.1q1.3 0.7 2.8 0.8-1.2-0.8-2-2.2t-0.7-2.9q0-1.7 0.8-3.1 2.3 2.8 5.5 4.5t7 1.9q-0.2-0.7-0.2-1.4 0-2.5 1.8-4.3t4.3-1.8q2.7 0 4.5 1.9 2.1-0.4 3.9-1.5-0.7 2.2-2.7 3.4 1.8-0.2 3.5-0.9z\" \/><\/svg><\/span><\/a><\/li><\/ul><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Annie Ernaux &#8211; Erinnerung eines M\u00e4dchens Als \u201eEthnologin ihrer selbst\u201c geht Annie Ernaux in ihrem neuen Roman zur\u00fcck in das Jahr 1958, in dem sie sich als knapp 18-j\u00e4hrige zum ersten Mal von ihrem moralisch beengenden Elternhaus entfernt, um in einem Feriencamp als Betreuerin zu arbeiten. 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