An den Adventssamstagen länger geöffnet

An allen Adventssamstagen haben wir von 9 bis 18 Uhr für Sie geöffnet, an den Wochentagen wie üblich zwischen 9 und 19 Uhr.

Am 1. Adventssamstag, 2.12.2017 gibt es um 17 Uhr eine Adventslesung für Ihre (Enkel)Kinder, währenddessen können Sie in Ruhe schon die ersten Geschenke kaufen, lesen und stöbern.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

Ihre AutorenbuchhändlerInnen

Ein Rentier kommt selten allein! – Adventslesung für Kinder ab 6 Jahren

Samstag, 2. Dezember um 17 Uhr

Weihnachten kommt immer zu schnell und ist immer zu schnell vorbei! Nur bei Lars und Lotte ist es dieses Jahr anders, denn der Weihnachtsmann kommt erst ein bisschen zu spät und dann bleibt er gleich für ein ganzes Jahr – mitsamt seinem Schlitten in der Garage und den Rentieren im Garten. Aber PSST, das ist alles ganz geheim, niemand darf davon erfahren. Gar nicht so einfach, wenn der Weihnachtsmann immer so laut lacht und Quatsch macht. Und dann kommen auch noch die Weihnachtswichtel, die das Haus endgültig auf den Kopf stellen, denn sie müssen alle Geschenke ausführlich testen. Nur zu blöd, dass man die Wichtel nie sehen kann – sie sind zu klein, zu schnell und sie kommen immer nur in der Nacht. Ein Plan muss her, denken sich Lars und sein Freund Magnus. Ob der gelingt?

Wir lesen aus:
Ein Rentier kommt selten allein
von Friedbert Stohner 
dtv Reihe Hanser | 12,95 €

 

Betriebsblind und arbeitshörig – Psychische Erkrankungen in Arbeit und Therapie

Transcript, 29,99€

Ute Engelbach, Sabine Flick und Stephan Voswinkel im Gespräch

Montag, 13. November 2017, 20 Uhr

Prismen – Institut für Sozialforschung bei Marx & Co

Seit Jahren nimmt die Zahl psychischer Erkrankungen zu. Ursachen sind nicht zuletzt in der Arbeitswelt zu finden. Das Stichwort »Burnout« ist ein zeitdiagnostischer Marker einer gesellschaftlichen Problematik. Oft aber bleibt unklar, wie Belastungen in der Arbeit und psychische Erkrankungen zusammenhängen. Allgemeine Hinweise auf Anforderungen der modernen Gesellschaft (»Der Kapitalismus / die moderne Arbeitswelt / macht krank«) stehen unvermittelt individualisierenden Lösungen gegenüber: besseres Stressmanagement, Sich-Abgrenzen-Lernen.

Eine am Institut für Sozialforschung und am Sigmund-Freud-Institut Frankfurt a.M. durchgeführte Untersuchung zeigt an empirischen Fällen, wie Arbeitsbedingungen und persönliche Vulnerabilitäten zusammenwirken. 23 psychisch Erkrankte wurden in jeweils mehrstündigen Gesprächen zu Beginn und am Ende ihres Klinikaufenthaltes sowie mehrere Monate nach Verlassen der Klinik interviewt. Mit ihren Therapeut_ innen wurden ebenfalls umfangreiche Gespräche geführt und Interviews mit betrieblichen Expert_innen ergänzten die Empirie. Welche Arbeitssituationen sind psychisch gefährdend? Wie geht das betriebliche Umfeld damit um? Wie deuten die Betroffenen selbst ihre Krankheit und ihre Ursachen? Welche Bedeutung hat die Arbeit in den Therapien? Neigen Therapeut_innen dazu, die Arbeitswelt zu dethematisieren? Wie erklärt sich der individualisierende Umgang mit der Erkrankung trotz verallgemeinernder Zeitdiagnose? Fazit: Wenn Arbeitssituationen krank machen, reicht es nicht, nur die Erkrankten zu therapieren!

Ute Engelbach, Dr. med. Dipl.-Päd., ist Oberärztin des Bereichs Psychosomatik der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Frankfurt. Dort leitet sie den Essstörungsschwerpunkt und den psychosomatischen Konsildienst. Arbeitsschwerpunkte sind Psychosomatik und Diabetes/HIV sowie Forschung zu psychischen Erkrankungen im Zusammenhang mit Erwerbsarbeit.

Sabine Flick, Dr. phil., ist Soziologin an der Goethe-Universität und assoziierte Wissenschaftlerin am Institut für Sozialforschung. Nach einer arbeitssoziologischen Dissertation über Selbstsorge in entgrenzter Arbeit, forscht sie im Kontext verschiedener Projekte zum Gesellschaftsbegriff der Psychotherapie. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählen Medizinsoziologie, Soziologie der Freundschaft, Familien- und Geschlechtersoziologie.

Stephan Voswinkel, PD Dr. disc. pol., ist Soziologe am Institut für Sozialforschung und Privatdozent am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität. Derzeit ist er Vertretungsprofessor für Allgemeine Soziologie an der TU Darmstadt. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen die Soziologie der Anerkennung, prekäre Beschäftigung, Ansprüche an Arbeit und psychosoziale Gefährdungen in der Arbeit.

Die Ergebnisse des Projekts sind kürzlich als Buch erschienen:

Nora Alsdorf, Ute Engelbach, Sabine Flick, Rolf Haubl und Stephan Voswinkel: Psychische Erkrankungen in der Arbeitswelt. Analysen und Ansätze zur therapeutischen und betrieblichen Bewältigung. Bielefeld: transcript 2017.

 

Lesung & Screening: Jörg Metelmann „Deutschlandbilder. Filmische Landeskunde von Almanya bis Wolfsburg“

Bertz & Fischer Verlag, 12.90 €

Mittwoch 1. November 2017 um 18 Uhr

In Kooperation mit der Goethe-Universität Frankfurt, Master Ästhetik

Im IG-Farbenhaus der Uni Raum 7.312 (Filmraum TFM)

Moderation & Diskussion: Heinz Drügh

 

Was ist deutsch? Was ist Deutschland? Was ist Heimat?

Darüber lässt sich auch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung nur streiten, denn eindeutige Antworten können nicht mehr sein als Zuschreibungen, so wie auch Nationen künstliche Konstrukte sind – aber doch existieren. Bürgerinnen und Bürger leben in ihnen und Künstler bearbeiten sie. In seinem Buch Deutschlandbilder. Filmische Landeskunde von Almanya bis Wolfsburg analysiert Jörg Metelmann jene Filmbilder, die über Deutschland seit 1989 entstanden sind. Er betrachtet sie als mediale „Vergegenwärtigungsorte“, die das Bild der Nation (mit) prägen und so deren „Erinnerungsorte“ neu vermessen.

Mit Filmstills, einem Screening und in der Diskussion mit Heinz Drügh wird Deutschland an diesem Abend zwischen Autorenfilm und populärem Genrefilm kartografiert, zwischen Good bye Lenin und Lichter, zwischen Almanya und Wolfsburg. Als studierter Literaturwissenschaftler und Philosoph weiß Metelmann aber zugleich um die Macht der Bilder und Vorstellungen des ‚Deutschseins’, die entstanden sind, noch lange bevor die Bilder das Laufen lernten. Sie werden in Literaturverfilmungen über Figuren wie Kohlhaas oder Effi Briest vergegenwärtigt und angeeignet.

Ein solcher Einblick in die deutsche Filmlandschaft bietet eine Vielzahl an Identitäten und schärft zugleich den Blick für unsere Konstruktionen von und Diskussionen über Deutschland und seine Kultur.

Jörg Metelmann ist Titularprofessor und Ständiger Dozent für Kultur- und Medienwissenschaft an der Universität St.Gallen, Schweiz. Neben zahlreichen Publikationen (zuletzt: Ressentimentalität. Die melodramatische Versuchung, 2016) hat er 2009 (zusammen mit Antje Dombrowsky) auch die Flucht seiner Mutter aus der DDR 1966 filmisch dokumentiert – eine weitere deutsche Geschichte.

Heinz Drügh ist Professor für Neuere Deutsche Literatur und Ästhetik an der Goethe-Universität Frankfurt. Zuletzt erschien von ihm Ästhetik des Supermarkts, Konstanz 2015.

Buchempfehlung

Der Sommer, in dem ich die Bienen rettete.

Rowohlt Rotfuchs 16,99 €

Stevenson, Robin

Der Sommer, in dem ich die Bienen rettete

Roman. Aus dem Englischen von Bettina Münch.

 

Gleich mal vorweg: Bienen werden in diesem Buch zwar erstmal nicht gerettet, vielleicht aber der Zusammenhalt einer Familie und die Integrität eines Jungen, der versucht herauszufinden, wer er außer dem verlässlichen großen Bruder und braven Sohn eigentlich sein möchte.

Wolf ist 12 und seine Mutter Jade der Inbegriff einer engagierten Öko-Aktivistin, die sich – nachdem Wolf in der Schule ein Referat über dieses Thema gehalten hatte – so umfassend mit dem Bienensterben befasst, dass aus ihrer Sicht der Kollaps des Ökosystems kurz bevorsteht. Um dem Weltuntergang nicht untätig zuzusehen, bricht sie mit ihrem Mann Curtis alle Zelte ab, gibt das Haus der Familie auf, lagert alle Möbel ein und plant, einen Sommer lang durch Kanada zu ziehen, von Kleinstadt zu Kleinstadt, um die Öffentlichkeit über das bedrohliche Verschwinden der Bienen und seine Konsequenzen zu informieren. Dass sie ihre Kinder aus der Schule und ihrem Umfeld reißt, scheint kein zu hoher Preis zu sein – immerhin geht es doch um deren Zukunft. So sieht das zumindest Jade, die in ihrem Aktivismus völlig aus den Augen verliert, wie es ihren Kindern mit diesen Zukunftsaussichten eigentlich geht.

Jade hat eine Vision, Curtis kümmert sich um den schwarz-gelb gestrichenen und auf Speiseölbetrieb umgerüsteten Ford, Violet, Wolfs 15-jährige Stiefschwester, rebelliert und kämpft darum, sich nicht von ihrem Freund Ty trennen zu müssen, und die 5-jährigen Zwillingsschwestern Saffy und Whisper freuen sich zumindest anfangs an ihren niedlichen Bienenkostümen, in denen sie die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich ziehen sollen.

Wolf steckt mitten drin in den Anfängen der Pubertät und in dieser bunten Patchworkfamilie. Er übernimmt die Verantwortung für die Versorgung seiner kleinen Geschwister, sorgt sich um seine ohnehin stille Schwester Whisper, die seit Beginn der Bienenrettungsreise völlig verstummt ist, und schwankt zunehmend zwischen unbedingter Loyalität gegenüber seiner Mutter und den langsam aufwallenden, eigenen Bedürfnissen. Eigentlich ist es für ihn undenkbar, in einem (zu engen) Bienenkostüm wildfremde Leute auf das Bienensterben anzusprechen oder gar um einen Schlafplatz für sich und seine Familie zu bitten. Er windet sich innerlich, man leidet mit ihm und wünscht ihm so sehr, sich endlich gegen die unbedachten Forderungen seiner Mutter aufzulehnen. Allzu nachvollziehbar ist sein verzweifelter Wunsch nach einem gemütlichen Zuhause, anstatt in einem miefenden, altersschwachen Van zur abstrakten Rettung der Welt auf unbestimmte Zeit durch Kanada zu fahren.

Die quirlige, euphorische Mutter erscheint in ihrem Überschwang auch nicht wirklich unsympathisch, ist aber ein gutes Beispiel dafür, dass der Zweck eben nicht immer die Mittel heiligt. Mit ihren düsteren Beschreibungen einer Welt ohne Bienen versucht sie voller Idealismus, die dringenden gesellschaftlichen Veränderungen anzustoßen. Gleichzeitig bürdet sie aber ihren Kindern die Verantwortung für den Fortbestand der Menschheit auf. Eine Last, die weder Wolf noch seine Schwestern tragen können, oder – wie in Violets Fall – auch gar nicht tragen wollen.

Der Sommer, in dem ich die Bienen rettete handelt von Loyalitätskonflikten, Patchworkfamilien-Problemen, Pubertätswallungen und Verantwortung. Mit pointiertem Witz, Spannung und Mitgefühl macht die kanadische Autorin Robin Stevenson darauf aufmerksam, dass Eltern nicht immer besser wissen, was gut für ihre Kinder ist, und ermutigt Kinder dazu, sich auf ihr eigenes Gefühl zu verlassen und auch dazu zu stehen.

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Buchempfehlung – Chris Kraus „I Love Dick“

I Love Dick.

Matthes & Seitz, 22€

Spricht man wohlwollend über Literatur von Autorinnen, fallen nicht selten Sätze wie „Sie schreibt gänzlich unaufgeregt und distanziert“, ganz so, als habe man jede Autorin zunächst gegen ein grundlos wütendes oder rettungslos emotionales Schreckensbild weiblichen Schreibens zu verteidigen. Autorinnen (Leserinnen ebenso) wurde seit jeher vorgeworfen, das Geschriebene zu persönlich zu nehmen, die notwendig distanzierte künstlerische Haltung nicht einnehmen zu können. Mit ihrem Roman schreibt Chris Kraus gegen jegliche aus diesen Vorwürfen resultierende Selbstzügelung an. Ihr Roman ist ebenso persönlich, wie er radikal emotional ist.
Inhaltlich erzählt er von Chris Kraus und ihrem Mann Sylvère Lothringer, für die ein einziges Essen mit Dick, einem Kollegen von Sylvère, zum Ausgangspunkt für eine ebenso spielerische wie aussichtslose und radikale Liebesbesessenheit wird. Dick wird zum Adressaten zahlloser Briefe, die zunächst von dem Paar gemeinsam verfasst werden. Das Briefprojekt füllt bald das gesamte gemeinsame Leben der beiden aus, wird zum Dreh- und Angelpunkt ihre Beziehung zueinander und zur Welt. Dick selbst wird damit als Angesprochener überall präsent, wenn er auch als Person kaum auftaucht. Immer geht es in den Briefen auch darum, einen behaupteten Abstand zwischen künstlerischem Schaffen und Privatheit nicht gelten zu lassen. Chris Kraus kämpft dabei konsequent dagegen an, die Liebe zu Dick, die sie als Kunstwerk betrachtet, deswegen als nicht aufrichtig, als imaginiert bezeichnen zu lassen. Es gibt keine Grenze zwischen der schreibenden, der liebenden und der Autorin Chris Kraus. Notwendigerweise wird so auch Schizophrenie zu einem der großen Themen des Romans. Man könnte ihn als Versuchsanordnung, als Experiment absoluter Distanzlosigkeit bezeichnen, stünde man damit nicht in der Gefahr, gerade die tatsächliche Faktizität der Emotion wieder zu negieren und den Selbstschutz des rein Fiktiven wieder zu errichten. Dieser Roman ist auf allen Ebenen, stilistisch wie inhaltlich, ein Wagnis und unbedingt lesenswert.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt

Bilderbuchferien für Kindergarten- und Grundschulkinder

Das Leben der Freiheit und die Abschaffung der Freiheit

Thomas Khurana und Frank Ruda im Gespräch mit Dirk Setton

Buchvorstellung und Diskussion

Freitag, 14. Juli 2017, 20 Uhr

Es scheint unmöglich, gegen die Freiheit zu sein. Wenn es einen Wert gibt, der in den politischen Philosophien der Gegenwart unumstritten ist – gleich ob sie sich nun anarchistisch, libertär, liberalistisch, republikanisch oder kommunitaristisch verstehen –, dann ist es die Freiheit. Die Fraglosigkeit und die inflationäre Bestätigung der Freiheit sollten dabei jedoch misstrauisch machen: Da kann etwas nicht stimmen.

Die beiden Bücher, die an diesem Abend zur Diskussion stehen, fragen danach, was mit den beiden dominanten Freiheitskonzeptionen der Gegenwart nicht stimmt: mit der Idee der Wahlfreiheit und der Idee der vernünftigen Selbstbestimmung. Während Frank Ruda zeigt, dass die Freiheit der Wahl uns weder Freiheit ermöglicht noch die Wahl lässt, zeichnet Thomas Khurana eine grundlegende Paradoxie nach, nach der im Inneren der Autonomie Willkür und Zwang wiederzukehren drohen.

Frank Ruda schlägt vor diesem Hintergrund vor, die Freiheit abzuschaffen und sich in einem neuen Fatalismus zu üben: Nur derjenige, der einsieht, dass er keine Wahl hat, kann sich von der Freiheitsillusion befreien. Thomas Khurana schlägt vor, die Idee der Selbstbestimmung so neu zu verstehen, dass sich die inneren Spannungen der Autonomie entfalten statt bloß verdecken lassen. Die Frage ist, in welchem Verhältnis diese beiden Versuche eigentlich stehen: Wie steht das Vorhaben, die Freiheit abzuschaffen, zu dem, sie zu beleben?

Thomas Khurana ist Lecturer of Philosophy an der University of Essex. Er arbeitet gegenwärtig an einem Projekt zur Kunst der zweiten Natur und zum Verhältnis von Selbstbewusstsein und Vergegenständlichung.

Frank Ruda ist Vertretungsprofessor an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Gegenwärtig arbeitet er an einem Projekt zum Begriff des Muts.

Dirk Setton ist Postdoktorand am Cluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Thomas Khurana. Das Leben der Freiheit.
Form und Wirklichkeit der Autonomie. Berlin: Suhrkamp 2017

Frank Ruda. Abolishing Freedom: A Plea for a Contemporary Use of Fatalism.
Lincoln/London: University of Nebraska Press 2016

Die Demokratie und ihre Leidenschaften – Zur Aktualität von Alexis de Tocqueville

Judith Mohrmann und Johannes Völz im Gespräch mit Felix Trautmann

Montag, 26. Juni 2017, 20 Uhr

Prismen – Institut für Sozialforschung bei Marx & Co

Betrachtet man aktuelle politische Krisendiagnosen, so fällt auf, dass diese selten ohne den Verweis auf die entsprechende Gefühlslage der politischen Subjekte auskommen. Mal sind diese enttäuscht, verdrossen oder apathisch, mal wütend, rasend oder sogar von Hass erfüllt. Diese Rolle von Leidenschaften und Affekten in der Politik wird allerdings meist mit Sorge betrachtet: sie scheinen unkontrollierbar und irrational. Dass Politik jedoch nicht ohne Affekte und insbesondere nicht ohne eine Leidenschaft für die Politik auskommt, behauptet bereits Anfang des 19. Jahrhunderts Alexis de Tocqueville. Ihm zufolge lässt sich die Demokratie als eine soziale Lebensform verstehen, in der bestimmte emotionale und affektive Verhaltensweisen gleichermaßen positive wie negative Auswirkungen auf die demokratische Freiheit und Gleichheit haben können. Anhand verschiedener Affekte veranschaulicht er die inneren Widersprüche der demokratischen Ideale.
Mit Blick auf die aktuellen politischen Verhältnisse, die von sozialer Ungleichheit, einem schwindenden Vertrauen in politische Parteien und Institutionen sowie der populistischen Mobilisierung geprägt sind, stellen sich diese Fragen erneut: wie lässt sich die Rolle von Affekten in der Demokratie verstehen? Welche von ihnen werden in der Politik zur Gefahr für andere und wann sind Affekte gerade das Antidot einer drohenden Entpolitisierung?

Über diese und weitere Fragen diskutieren die Philosophin Judith Mohrmann vom Institut für Sozialforschung und Johannes Völz, Heisenberg-Professor für Amerikanistik an der Goethe-Universität Frankfurt, mit Felix Trautmann (Institut für Sozialforschung). Hintergrund der Diskussion bildet der Themenschwerpunkt „Alexis de Tocqueville und die Paradoxien der Gleichheit“ in WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung 1/2017.

Judith Mohrmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialforschung im Rahmen des Forschungsprojekts „Verhandlungsformen normativer Paradoxien“. Sie promovierte 2013 an der Goethe-Universität Frankfurt mit einer Arbeit über die Rolle der Affekte in der Französischen Revolution sowie im Denken von Hannah Arendt und Immanuel Kant. In ihrer aktuellen Forschungsarbeit befasst sie sich mit der Rolle des guten Lebens im Kapitalismus.

Felix Trautmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialforschung. Seine 2015 abgeschlossene Promotion behandelt die von Machiavelli und La Boétie formulierte Diagnose einer ‚freiwilligen Knechtschaft‘ und erweitert diese für demokratische Gesellschaften. Aktuell arbeitet er in einem Forschungsprojekt mit dem Titel „Paradoxien der Gleichheit. Die Demokratie und ihre Kulturindustrie“.

Johannes Völz ist Heisenberg-Professor für Amerikanistik mit dem Schwerpunkt „Demokratie und Ästhetik“ an der Goethe-Universität Frankfurt. In seinen jüngsten Buchpublikationen befasst er sich mit den Themen Angst, Sicherheit und Ungewissheit in der amerikanischen Literatur vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. In einem weiteren Forschungsprojekt untersucht er den Wandel von Privatheitsheitsvorstellungen in der amerikanischen Gegenwartsliteratur.

Buchempfehlung – Daniel Schreiber „Zuhause“

Hanser, 18.- €

Im Vergleich zu noch gar nicht so lange zurückliegenden Zeiten sind wir ungeheuer mobil geworden. Reisen in andere Länder, ob beruflich oder in den Ferien, absolvieren wir mit der gleichen Nonchalance, mit der wir die Bahn in die nächste Stadt nehmen. Übers Wochenende zum Shoppen nach London fliegen – ziemlich normal. Für den Job die Stadt oder gar das Land wechseln – eine spannende neue Erfahrung. Und doch scheint ein ganz altmodisches Gefühl in uns zu schlummern, das sich völlig unvorbereitet Bahn brechen kann mit der Frage: Wo bin ich eigentlich zu Hause? Und vielleicht noch: was ist das eigentlich, wonach ich mich plötzlich sehne?

War „Zuhause“ einst das, wo man herkam – das Land, die Region, der Ort, die Menschen, die Sprache – richtet sich dieses Gefühl heute eher auf einem imaginären Ort in der Zukunft. War es früher an einen geographischen Platz gebunden, ist es heute eher ein Zustand geworden, der für jeden mit anderen Inhalten gefüllt sein kann. Aber irgendwann scheint die Suche nach dem, wo man sich Zuhause fühlt, für viele wichtig zu werden. So auch für Daniel Schreiber, der nach einer Trennung in eine Krise gerät, in der das Thema der Zugehörigkeit existentiell wichtig wird. So beginnt er sich zu fragen, was das eigentlich ist, ein „Zuhause“. Worin unterscheidet es sich von „Heimat“? Wie haben sich die Begriffe im Laufe der Zeit verändert? Dem spürt in der eigenen Familiengeschichte nach, die, wie bei vielen, von Verlusterfahrungen durch Vertreibung und Flucht geprägt ist, und taucht in die eigene Biografie ein. Er erinnert sich an seine unbehauste Kindheit als schwuler Junge in der DDR, denkt über seine Freundschaften und Beziehungen nach. Liest soziologische, philosophische und psychologische Literatur und umkreist das Thema auf vielfältige, zumeist sehr persönliche Weise. Dabei kommt er zu immer neuen Definitionen. Mir hat am besten gefallen: „Das Zuhause ist kein Paradies, aus dem wir vertrieben wurden. Dieses Paradies hat nie existiert. Sich ein Zuhause zu suchen bedeutet nicht, nach einer besseren Stadt Ausschau zu halten, nach einem schöneren Landstrich, einem anderen Land. Sich ein Zuhause zu suchen bedeutet, einen Ort in der Welt zu finden, an dem wir ankommen – und dieser Ort wird zuallererst ein innerer Ort sein, ein Ort, den wir uns erarbeiten müssen.“

Daniel Schreiber ist mit Zuhause ein kluges, erhellendes und unterhaltsames Buch gelungen, in dem wahrscheinlich jeder Leser den einen oder anderen Aspekt finden wird, in dem er sich wiederfindet.

Ruth Roebke, autorenbuchhandlug marx & co, Frankfurt